Part 16
Von hier aus klärt sich auch das Erlebnis des +Erkennens von wahrgenommenen Gegenständen+. Man hat richtig hervorgehoben, es genüge zum Erkennen von Dingen nicht, ihr sinnliches Bild in uns aufzunehmen, das Ausschlaggebende sei die zum Sinneseindruck hinzukommende Bedeutung; derselbe Sinneseindruck vertrage sich etwa mit der Auffassung Tonscherbe und Speckschwarte (+Schapp+). Wir können jetzt angeben, was diese geheimnisvolle +Bedeutung+ ist: nichts anderes als das Wissen von den Beziehungen, in denen der sinnliche Eindruck zu andern Dingen steht. Das sind zunächst jene allgemeinen Beziehungen, die ihm den Charakter des Dinges, und zwar des wahrgenommenen Dinges, verleihen. Dann etwa Beziehungen zu seiner Verwendung, seiner Herkunft usw. Wenn aber solche Beziehungen überhaupt nicht vorhanden oder doch von uns nicht gewußt wären? Dann hätten wir gleichwohl den Gegenstand wahrgenommen, nur bliebe er uns unverständlich. Zur Wahrnehmung gehört mithin wesentlich nur, daß der Eindruck als von einem unabhängig von uns existierenden Dinge herrührend erkannt wird. Seine weitere Bedeutung ermöglicht nur die verständnisvolle Erfassung. Und diese Bedeutung schwebt nicht wie die platonischen Ideen irgendwo, sondern ist assoziativ mit dem Sinneseindruck verbunden. Man darf auch nicht behaupten, sie sei immer das Ausschlaggebende für den Sinneseindruck. Normalerweise wird der Eindruck die mit ihm assoziativ verknüpften Fundamente der Beziehungen und damit diese selbst ins Bewußtsein ziehen. Es kann aber auch infolge der Konstellation z. B. infolge der Erwartung die Bedeutung zuerst gegeben sein und so den undeutlichen Sinneseindruck entweder richtig ergänzen oder wie in der Illusion unzweckmäßig ausstaffieren oder abändern.
+Der Begriff ist ein Wissen von Sachverhalten.+ Nach der Art, wie Sachverhalte gewonnen sein können, lassen sich darum auch +verschiedene Gruppen von Begriffen+ auseinanderhalten. Sachverhalte lassen sich gewinnen, indem man von dem Gegenstand in möglichst allgemeinem Sinne ausgeht, ihn etwa als Ding auffaßt und nun seine Beziehungen zu andern Dingen aufsucht, und zwar wiederum möglichst allgemeine Beziehungen. So läßt sich ein Gegenstand eindeutig, aber indirekt bestimmen. Wir können dann von ihm reden, ganz klare Urteile über ihn fällen, ohne auch nur die geringste Vorstellung zu haben, die uns sein anschauliches Bild vorführte. So kann der Blindgeborene richtig von Rot sprechen, wenn er es als einen im normalen Auge durch Ätherwellen von der Länge 762 bis 855 µµ bewirkten Eindruck bezeichnet. Eine andere Art der Begriffsbildung ist folgende: Man stellt sich anschaulich eine ganz bestimmte Schattierung des Rot vor und erklärt: rot sind jene Farben, die diesem individuellen Rot qualitativ ähnlich sind. Das ist ein richtiger Allgemeinbegriff, aber wesentlich auf einen besonderen Fall aufgebaut. Einen solchen Begriff kann nur der Sehende bilden. Endlich kann ich auch die anschauliche Wirkung als Fundament jener Beziehung nehmen, die einen Gegenstand charakterisieren soll. Auf diese Weise ist es möglich, sogar das Gefühl als Bestandstück in die Begriffsbestimmung mit aufzunehmen. Definiert man z. B. das Schöne als das, was eine ästhetische Wirkung ausübt, so kann ich diese Wirkung entweder durch die Beziehungen, die sie zu andern Erlebnissen oder andern Dingen überhaupt hat, mehr oder weniger abstrakt festlegen, ich kann sie mir aber auch nach Kräften anschaulich vergegenwärtigen und erklären: schön ist das, was „so“ auf mich wirkt, demgegenüber mir „so“ zumute ist. So stehen also den abstrakten Begriffen solche mit anschaulichem Einschlag zur Seite. Für die wissenschaftliche Arbeit sind letztere wenig geeignet, da sie verhältnismäßig viel Zeit und Kraft verbrauchen. In der künstlerischen und religiösen Betrachtung hingegen spielen sie eine große Rolle.
Sollten nicht die +Kategorien+, die allgemeinsten Begriffe von Gleichheit, Verschiedenheit, auf diesem Wege in unser Geistesleben eingeführt worden sein? Der Umstand, daß statt einer erwarteten Speise etwa eine andere kommt, bedingt Empfindungen ganz eigener Art, die keineswegs die Beziehungserfassung der Andersartigkeit zur Grundlage zu haben brauchen. Unter günstigen Verhältnissen läßt sich sehr deutlich beobachten, wie das Zusammentreffen eines neuen Eindruckes mit einer fremdartigen Einstellung ausgesprochene innere Empfindungen hervorruft, die zumeist auch von charakteristischen Gefühlen begleitet sind. Mit dieser anschaulichen Wirkung der Verschiedenheit verbindet das Kind die von den Erwachsenen übernommene Bezeichnung „anders“, „verschieden“ (dem Urmenschen mag die der gleichen Gefühlswirkung entsprechende gleichmäßige Kundgabe allmählich zum Namen dieses Sachverhaltes geworden sein). „Anders“, „verschieden“ ist also am Platze und stellt sich überdies assoziativ ein, wenn es „so tut“. Es tut aber so, wenn das nicht kommt, was man bewußt oder unbewußt erwartete. So erlangt das Wort „verschieden“ dank der wachsenden Erfahrung seinen abstrakten Sinn. Es würde zu weit führen, diesen Gedanken für alle Kategorien auszuwerten.
Literatur
K. +Bühler+, Die geistige Entwicklung des Kindes³. 1922.
J. +Lindworsky+, Zur Psychologie der Begriffe. Philos. Jahrbuch (1919) und Umrißskizze zu einer theoret. Psychologie². 1923. S. 31 ff.
N. +Ach+, Über die Begriffsbildung. 1921.
5. Kap. Die Gewißheit
Man hat die Gewißheit bisweilen als eine Eigenschaft der Erkenntnis, bisweilen als ein besonderes Gefühl hingestellt. Tiefergehende empirische Untersuchungen liegen darüber noch nicht vor. Wir beschreiten darum den Weg der Synthese; zeigen, wie die uns bekannten Faktoren notwendig wirken müssen, und prüfen, ob die Vereinigung dieser Faktoren ausreicht die anderweitig bekannten Erscheinungen zu erklären. Nehmen wir an, es gäbe kein elementares Gewißheitserlebnis, dann hätte ein denkendes Individuum am Anfang seiner Denktätigkeit wohl etwa die Einsicht: A größer als B, aber diese Einsicht wäre weder gewiß noch ungewiß, sondern schlicht und unangefochten gegeben. Machte nun ein solcher Mensch die Erfahrung, daß etwa bei flüchtigem Hinschauen Einsichten gewonnen werden, die sich bei sorgfältiger Auffassung nicht bestätigen, so hätte er eine neue Zusammenhangsbeziehung erkannt: flüchtiges Hinsehen ist verbunden mit der Unbeständigkeit der so erlangten Einsichten, genaues Hinsehen ist verbunden mit der Beständigkeit der Einsicht. Würde ihm nun die Frage vorgelegt, ob seine Erkenntnis: A größer als B, auch gewiß, d. h. von Bestand sei, so würde er prüfen, ob er flüchtig oder genau hingesehen hatte, und mit dieser Beziehungseinsicht begründen, daß A wirklich größer als B sei. Die Gewißheit bestände hier also in einer zweiten Beziehungserfassung, die sich auf die Art und Weise, wie die erste gewonnen wurde, erstreckt. Die fortschreitende Erfahrung lehrt noch andere Umstände kennen, durch welche die Zuverlässigkeit einer Beziehungserfassung in Frage gestellt werden kann. Sind solche Hindernisse einer zuverlässigen Erkenntnis nicht zu entdecken, so herrscht wieder Gewißheit. Erkenntnistheoretische Überlegungen werfen erst später das Problem auf, ob denn die Dauerhaftigkeit einer Einsicht deren absolute Richtigkeit verbürge; es wäre ja möglich, daß die bisher für gewiß gehaltene Einsicht, nämlich die unmittelbare und ungehindert vollzogene Beziehungserfassung, zwar die beste Erkenntnis sei, die uns Menschen möglich ist, aber keine Gewähr biete, der absoluten Wirklichkeit zu entsprechen. Mit andern Worten, die Zurückführung einer Erkenntnis auf eine unmittelbare, ungestörte Beziehungserfassung gebe zwar eine natürliche, aber keine philosophische Gewißheit. Dieses Problem ist durch erkenntnistheoretische Erwägungen zu lösen, deren Ergebnis entweder zur Ergänzung der natürlichen durch die philosophische Gewißheit oder zum Verzicht auf letztere führt.
Die Gewißheit besteht nach dem Gesagten in neuen Sachverhaltserfassungen über die Art und Weise, wie dieser als gewiß zu beurteilende Sachverhalt selbst erkannt wurde. Die Gewißheit kann sich darum steigern, zwar nicht als Einsicht; denn Einsichten sind entweder vorhanden oder nicht vorhanden, wohl aber hinsichtlich der Begründung dieser Einsicht. Die Einsicht, daß wir uns nicht geirrt haben, pflegt aber auch von +Gefühlen+ begleitet zu sein, von Lust- und Tätigkeitsgefühlen, wie sie den Wanderer überkommen, der sich davon überzeugt, daß er den rechten Weg eingeschlagen. Diese Gefühle lassen nun eine erhebliche Steigerung zu, und an sie denken wir zumeist, wenn wir von Gewißheit sprechen.
Wo immer die gleichen oder verwandte Sachverhalte erfaßt werden, kürzt sich auf die Dauer dieser Prozeß ab. Wie das geschieht, wurde oben dargestellt (S. 178). Hier dürften namentlich die +Kriterien+ eine bedeutende Rolle spielen. Das rasche und klare Auftreten einer Einsicht wird uns z. B. zum Kriterium dafür, daß alle Bedingungen für eine sichere Erkenntnis erfüllt waren. An das Wissen darüber, vielleicht auch an diese Kriterien selbst können sich nun assoziativ die Träger des Gewißheitsgefühles anschließen und so bisweilen eine subjektive Sicherheit erzeugen, über die man im einzelnen nur schwer Rechenschaft ablegen kann.
6. Kap. Das schlußfolgernde Denken
Nachdem sich uns der lang verborgene Vorgang des naturgemäßen Schlußfolgerns enthüllt hat, ist es auch klar geworden, daß die psychologische Erörterung dieses Prozesses nicht mit der Besprechung des Syllogismus anheben darf. Der Syllogismus ist ein Kunstprodukt und verlangt ein sehr eindringliches Studium und feinste Selbstbeobachtung, um das in ihm verhüllte psychologische Rätsel zu lösen. Nur das eine offenbart er uns leicht, was ein Schluß zu +leisten+ hat: aus schon vorhandenem Wissen wird ohne Zuhilfenahme der Wahrnehmung ein neues Wissen erschlossen. Damit ist der Weg für die experimentelle Forschung gewiesen: man veranlasse die Vpn, in freier Weise aus ihrem bisherigen Wissen zu neuen Einsichten zu gelangen. Die mannigfaltigsten Aufgaben mußten durchprobiert, aus der Fülle der Erlebnisse mußten alle rein reproduktiven Vorgänge ausgeschieden werden, bis man endlich zu der unter Vorstellungen und Gefühlen ganz vergrabenen Seele des Prozesses vordrang. So ergab sich denn folgendes.
Der naturgemäße Schluß läßt sich als +eine Beziehungserfassung an gewußten Sachverhalten+ definieren. Er ist somit kein Elementarvorgang, sondern setzt sich aus den schon bekannten Erscheinungen des Relationswissens und der Relationserfassung zusammen. Das Vermittelte, Abgeleitete des Schlusses beruht darin, daß die neue Beziehungserfassung an dem schon vorhandenen Wissen erfolgt. Seine einfachste Form ist etwa in folgendem Beispiel erkennbar: A liegt über B, das weiß ich, und ich erfasse neu daran: also B unter A. Auf dieses Schema lassen sich alle schlußmäßig gewonnenen Erkenntnisfortschritte, auch die innerhalb verwickelter Aufgaben, zurückführen. Dabei kann man füglich drei Hauptarten unterscheiden, in denen der naturgemäße Schluß auftritt. Erstens: der gewußte Sachverhalt wird anschaulich dargestellt, und an dieser anschaulichen Darstellung wird wie an einer Wahrnehmung eine neue Beziehung erfaßt. A über B wird etwa wie auf einer Tafel geschrieben gesehen, und an diesem inneren Bilde wird dann abgelesen: B unter A. Dieselbe Beziehung kann aber auch ohne jede Veranschaulichung rein begrifflich erfaßt werden. Und drittens kann sich rein assoziativ an den ersten Satz bzw. an das „oberhalb“ das „unterhalb“ anschließen und als richtige Folgerung erkannt werden. Namentlich diese dritte Art ist sehr häufig. Es bewahrheitet sich bei ihr das Dichterwort von der „gebildeten Sprache, die für uns dichtet und denkt“. Aber gerade in solchen Fällen wird unter den günstigen Bedingungen des Experimentes bisweilen handgreiflich deutlich, daß der Schlußakt etwas anderes ist als die einfache assoziative Folge von Subjekt und Prädikat. Ist nämlich die Beziehungserfassung „ist gleich“ nicht erfolgt, dann erscheint die rein assoziativ dargebotene Ergänzung wie ein Lösungsvorschlag, der erst geprüft werden muß, und aus der Schlußaufgabe wird ein Begründungsvorgang.
Der Schlußvorgang kann auch folgendermaßen beschrieben werden: Wissensmäßig ist uns ein Sachverhalt gegeben. Dieser Sachverhalt besitzt eine weitere Seite, die bisher noch nicht beachtet wurde. Ich weiß z. B., mein Freund A hat die Gicht. Mit dem Sachverhalt „Gicht haben“ ist aber der andere „mürrisch sein“ verbunden, doch habe ich bis jetzt nicht darauf geachtet. Jetzt fällt mein beziehendes Blicken auf diese neue Seite des Sachverhaltes „A ist gichtig“, und ich erkenne: A ist mürrisch. So angesehen, lassen sich zwei Hauptfälle unterscheiden: Die neue Seite des Sachverhaltes ist entweder von vorneherein dem Bewußtsein gegeben, nur ist die Beziehung zwischen dem Ausgangspunkt und dieser anderen Seite noch nicht erfaßt, oder die neue Seite des Sachverhaltes entfaltet sich erst während des Denkens. Beidemal kann der Sachverhalt anschaulich oder auch begrifflich gegeben sein. Im ersteren Fall nähert sich die Schlußfolgerung der einfachen Wahrnehmung, im letzteren Fall verschwindet sie häufig fast ganz hinter dem inneren Sprechen. Zudem kann die eigentliche Seele des Schlusses, die neugewonnene Beziehungserkenntnis, dadurch noch mehr zurücktreten, daß die Blickrichtung schon von vorneherein festgelegt ist, so wenn ich mich frage: was haben wir von der gegenwärtigen Lage zu erwarten? In dieser Einstellung ist schon das Schema „A ist ...“ angelegt. Es braucht nur noch durch eine neu auftauchende Seite des Sachverhaltes ausgefüllt zu werden. Darum fällt auch der Nachdruck des Erlebnisses auf die Reproduktion dieser neuen Seite und nicht auf die Erfassung der Beziehung, obwohl ohne diese von einem Erkenntnisfortschritt nicht die Rede sein kann.
Die zuletzt beschriebenen Fälle des in Worte gekleideten Denkens hat die Gelegenheitsbeobachtung schon herausgegriffen, als sie die Behauptung aufstellte: wir denken in Enthymemen. Die experimentelle Beobachtung mußte demgegenüber nachweisen, daß das Enthymem nur +eine+ der verschiedenen Schlußweisen ist. Übrigens vermochte die Heraushebung solcher enthymemartiger Schlüsse noch kein rechtes Bild von dem Wesen des Schlußvorganges zu vermitteln. Denn einerseits hat sie den wichtigsten Teil des Prozesses, eben die Beziehungserfassung, nicht ans Licht gezogen, anderseits legte sie unverdienten Nachdruck auf das „also“. Logische Erwägungen und die Art der Darstellung der Schlüsse ließen bisher glauben, im Vordergrunde des Schlußerlebens stehe die Betonung des Zusammenhanges zwischen der Ausgangs- und der Schlußerkenntnis. Dem ist aber keineswegs so, wie das Experiment gezeigt hat. Das Wichtigste ist für den Erlebenden die neue Erkenntnis selbst. Erst wenn er an ihrer Richtigkeit zweifelt oder wenn er sie für einen anderen begründen will, wird das „also“, wird der innere Zusammenhang zwischen Voraussetzung und Folgerung hervorgehoben. Die logische Richtigkeit ist beim naturgemäßen Schließen überhaupt eine spätere Sorge. Das zeigt sich namentlich bei den Zusammenhangsrelationen. Wir schließen da in der Regel auf das (alleinige) Bestehen jenes Zusammenhanges, der sich uns gerade dank der Konstellation anbietet. So folgert man etwa aus dem Satz „A ist Schwager“: also hat er eine verheiratete Schwester.
Es bedingt nun gar keinen Unterschied, ob der Ausgangssachverhalt durch einen oder mehrere Sätze (oder Wahrnehmungen) beschafft wird. Zwischen der sog. unmittelbaren Folgerung A über B, also B unter A, und der mittelbaren Folgerung A über C, C über B, also B unter A, besteht gar kein Wesensunterschied. Beidemal wird ein Sachverhalt in unser Wissen eingeführt, und an dem so gewonnenen Sachverhaltswissen wird eine neue Beziehung erfaßt. Ähnlich verhält es sich mit dem regelrechten +Syllogismus+ der Logik. Auch seine Prämissen dienen nur dazu, den Gesamtsachverhalt vorzulegen. Das syllogistische Schließen unterscheidet sich von dem naturgemäßen auf doppelte Weise. Hier ist häufig der Gesamtsachverhalt von Anfang an noch nicht gegeben, die neue Seite des Sachverhaltes, auf die sich das beziehende Blicken richtet, ist noch nicht entfaltet, und es bleibt oft der zufälligen Konstellation anheimgegeben, welche der verschiedenen Seiten des Sachverhaltes sich darbieten werden. Dieser Zufälligkeit beugt der Syllogismus vor, indem er durch einen der Vordersätze gerade jene Seite des Sachverhaltes bewußt macht, auf die der Schluß gehen soll. Außerdem wird die Beziehungsrichtung durch die begünstigte Stellung von S und P vorbereitet. Es kann nun auch beim Syllogismus der Schluß vermittels einer Beziehungserfassung an einem anschaulich gegebenen Gesamtsachverhalt gewonnen werden, oder es können die begrifflichen Beziehungen im Vordergrunde stehen, oder es kann die sprachliche Form besonders betont sein. Daraus ergeben sich mannigfache, aber ziemlich gesetzmäßig sich bildende Variationen, die hier im einzelnen nicht aufgezählt werden können. Doch sei noch folgende lehrreiche Beobachtung erwähnt: Man kann an Hand der wohlverstandenen Prämissen zu dem Schlußergebnis gelangen, ohne den oben geschilderten Prozeß durchzumachen. Die Beobachter erklären in solchen Fällen einhellig, sie hätten kein Schlußerlebnis gehabt. Wenn nämlich der Mittelbegriff infolge des Obersatzes prägnant wird, wenn z. B. in dem bekannten Syllogismus von dem sterblichen Menschen das Wort Mensch im Untersatz „Cajus ist ein Mensch“ sich schon mit der Bedeutung „sterblich“ versehen darbietet, wird die Sterblichkeit des Cajus ohne jene neue Beziehungserfassung erkannt, in der wir die Seele des Syllogismus und des Schlusses überhaupt erblicken.
Verwandt mit dem Schließen ist das +Begründen+. Nur ist hier das Ziel der Denkarbeit in dem zu ermittelnden Sachverhalt schon gegeben. Der Begründungsvorgang verläuft nun im allgemeinen so, daß der Denkende durch eine Analyse des Sachverhaltes zu einem anderen, sicher feststehenden Sachverhalt vorzudringen sucht, von dem aus er durch einen eigentlichen Schluß den zu begründenden Sachverhalt wiedergewinnt. Ähnlich wie bei dem Schlußprozeß das „also“, tritt hier das „denn“ in den Hintergrund.
Literatur
G. +Störring+, Experim. Untersuchungen über einfache Schlußprozesse. ArPs 11, 1908.
J. +Lindworsky+, Das schlußfolgernde Denken. 1916.
7. Kap. Das produktive Denken
Unter produktivem Denken verstehen wir hier ganz allgemein das Denken im Dienste bestimmter Aufgaben. Solches Denken ist ganz wesentlich eine Willenshandlung und muß unter diesem Gesichtspunkt später noch eigens betrachtet werden. Hier berücksichtigen wir nur die Erkenntnisvorgänge. Früher glaubte man, eine gestellte Aufgabe lasse alle möglichen mit dem Aufgabewort assoziierten Vorstellungen auftauchen; man ginge dann die einzelnen Vorstellungen durch, verwerfe die unpassenden und greife die passende heraus. Nun hat aber +Selz+ gezeigt, daß von einer solchen diffusen Vorstellungsreproduktion keine Rede sein kann. Nicht unzusammenhängende Einzelvorstellungen tauchen auf, sondern das methodische Verfahren, das wir zur Lösung der Aufgabe früher erlernt haben, wird uns bewußt. Die Vorstellung des Verfahrens wirkt nun als antizipierendes Schema und liefert uns gleichfalls keine diffusen, sondern nur die mit ihm einen Komplex bildenden sachdienlichen Vorstellungen. Sie werden mit der Aufgabe verglichen, und wenn durch eine Beziehungserfassung ihre Übereinstimmung mit der Aufgabe erkannt ist, werden sie angenommen, andernfalls wird methodisch weiter gesucht.
Wir fanden diese Ergebnisse auf einem von +Selz+ nicht untersuchten Gebiet bestätigt. Unseren Vpn war die Aufgabe gestellt, Vergleiche zu finden, z. B. was läßt sich mit einem Bügeleisen vergleichen? Es drängen sich nun keineswegs alle möglichen mit „Bügeleisen“ assoziierten Vorstellungen auf, sondern die Vpn fragen sich in der Regel: was tut das Bügeleisen? Sie abstrahieren also einen bestimmten Sachverhalt, z. B. den des Glättens. Dieser Zug dient nun als antizipierendes Schema für eine weitere Komplexergänzung: was glättet auch? Der Komplex ergänzt sich etwa durch die Vorstellung: sanfte Worte.
Allgemein gesprochen handelt es sich also bei der Lösung von Aufgaben darum, Ziel und Mittel zusammen zu bringen. O. +Selz+ unterscheidet hier vier mögliche Fälle. 1) Das zu erreichende Ziel und die zum Ziel führenden Mittel können dem Denker bekannt und gegenwärtig sein. Weiß er außerdem noch die Zuordnung jener Mittel im allgemeinen zu dieser bestimmten Art von Zielen, so braucht er einfach diese anzuwenden. Ein Beispiel: Sind vielstellige Zahlen zu multiplizieren, so braucht man sich nur an den Sachverhalt zu erinnern, daß eine bestimmte logarithmische Rechnungsweise zum Ziel führt und sich jenes Verfahren selbst wieder zu vergegenwärtigen und anzuwenden. Es sind also in der Hauptsache Sachverhalts-, d. h. Komplexreproduktionen (S. 173), die hier in Frage kommen. 2) Ist das Ziel gegeben, ein zweckdienliches Mittel jedoch noch nicht bekannt, so werden ebenfalls vermittels Komplexreproduktionen mannigfache Mittel ins Gedächtnis gerufen, die allenfalls in Frage kommen könnten, und diese werden einzeln auf ihre Tauglichkeit geprüft. So hätte man sich etwa zu fragen: sind Logarithmen zur Addition verwendbar? Hier muß also zur Reproduktion noch die Beziehungserfassung der Geeignetheit, wohl zumeist eine Erfassung der Gleichheit, hinzutreten. Dabei wird häufig ein Schlußprozeß eingreifen. Jedes Mittel stellt nämlich für uns einen Sachverhalt dar. Zeigt sich nun dieser Sachverhalt von einer Seite, die für unsere Zwecke wertlos ist, so verwerfen wir es als ungeeignet. Durch schlußfolgerndes Denken entdecken wir aber unter Umständen an diesem Sachverhalt eine neue Beziehung, wie wir sie brauchen, und anerkennen nun das Mittel als das erwünschte. Wir suchen z. B. nach einem Werkzeug, das uns die Dienste einer Zange leistet. Wir finden eine Schere. Ihre Geeignetheit zum Schneiden befriedigt uns nicht. Da entdecken wir, daß sie, quergestellt, zum Packen und Heben verwendbar sei, und sind so zum Ziele gelangt. Es befreit uns also der Schluß aus den Fesseln der Assoziationen, wenngleich sein Zustandekommen gar häufig auch von assoziativen Bedingungen abhängt. 3) Birgt aber unser Gedächtnis kein taugliches Mittel, so sind wir auf die Gnade des Zufalls angewiesen. Dank der Determination zur Lösung der uns vorschwebenden Aufgabe, von der bei den Willenshandlungen noch die Rede sein wird, bleiben wir nämlich auf das Entdecken eines geeigneten Mittels eingestellt und richten gleichsam an alle Dinge, die uns begegnen, die Frage, ob sie nicht für unsere Zwecke verwendbar seien. Der weitere Verlauf ist derselbe wie im vorigen Falle: entweder wir erkennen die Untauglichkeit des Mittels oder wir entdecken durch unmittelbare oder mittelbare Beziehungserfassung seine Brauchbarkeit und rufen erfreut unser Heureka. 4) Endlich kann uns ein Mittel und sein Erfolg als etwas Tatsächliches, aber von uns nicht Erstrebtes zufällig dargeboten werden. So bemüht sich der Primitive, ein Tongefäß in einem geflochtenen Korb zu formen, der Korb aber hinterläßt ornamental wirkende Eindrücke in der Tonmasse. Eine dreifache Relationserfassung wird hier das schöpferische Denken ausmachen: die regelmäßigen Eindrücke müssen als die Ursache des ästhetischen Genusses, der Korb als Ursache der Toneindrücke und die Erzeugung solcher Eindrücke als ein mögliches Ziel eigener Tätigkeit erkannt werden.
Komplexergänzung, Beziehungserfassung und Willensvorgänge sind die drei Faktoren, die in das produktive Denken Richtung, Ordnung und Abkürzung hineinbringen. Wollte man es ohne die beiden letzten Faktoren oder gar einzig und allein mit Elementarassoziationen begreifen, so wäre das ein ebenso aussichtsloses Beginnen, wie wenn man Goethes Faust aus blindlings hingeworfenen Buchstaben zu erhalten hoffte.
Aus dem bisher Gesagten können wir leicht zwei Arten der Begabung für das produktive Denken ableiten: die Begabung zum +Entdecken+ und die zum +Erfinden+. Am vorgegebenen Inhalt müssen Beziehungen erfaßt werden, das ist die Sache des Entdeckers; das nur wenig bestimmte antizipierende Schema muß sich leicht mit einem bestimmteren Inhalt füllen, das ist die Begabung des Erfinders. Man wird aber die Befähigung des Entdeckers nicht im Gegensatz zu der des Erfinders auf dem Gebiet des „Intellektes“, d. h. der Beziehungserfassung selbst zu suchen haben. Soweit mein Beobachtungsmaterial reicht, beruht die Entdeckergabe nicht so sehr darauf, daß man an +zwei+ schon vorliegenden Inhalten Beziehungen erfaßt, als vielmehr darauf, daß der eine gegenwärtige Inhalt leicht einen zweiten verwandten ins Bewußtsein ruft, anders gesagt: daß die allgemeineren Züge eines gegebenen Vorstellungsinhaltes leicht die eines anderen Vorstellungskomplexes miterregen. Die Beziehungserfassung folgt dann nach und vollendet die Entdeckung. -- Die Absicht und die Einstellung zu erfinden oder zu entdecken ist für den Erfolg von höchster Bedeutung und kann bis zu einem gewissen Grad die Begabung ersetzen. Aber nur selten wird sich ohne diese Begabung Erfinderfreude und Entdeckereinstellung ausbilden.
Literatur
O. +Selz+, Zur Psychologie des produktiven Denkens und des Irrtums. 1922.
J. +Lindworsky+, Vorzüge und Mängel bei der Lösung von Denkaufgaben. ZaPs 18 (1921).
8. Kap. Urteil, Annahme und Frage
1. Das Urteil
Der seelische Vorgang beim Urteilen ist noch keineswegs mit Sicherheit erkannt. Man hat in den psychophysischen Experimenten die Vpn immer und immer wieder urteilen lassen, freilich ohne den Urteilsvorgang als solchen zum Gegenstand der rückschauenden Beobachtung zu machen, aber auch als Nebenresultat haben diese Versuche für das psychologische Wesen des Urteils kaum einen Ertrag gehabt. Die Untersuchung +Marbes+ jedoch, die unmittelbar dem Urteil als solchem gewidmet war und zum erstenmal die systematische Selbstbeobachtung darauf anwendete, scheiterte an der allzuweiten Bestimmung des Gegenstandes: jeder psychische Vorgang, auf den das Prädikat richtig oder falsch sinngemäß anwendbar sei, sollte als Urteil gelten. Das mußte notwendig zu +Marbes+ Ergebnis führen: es gibt kein für das Urteil charakteristisches Erlebnis. Überdies fehlte es den Vpn +Marbes+ damals noch an der erforderlichen Schulung in der Selbstbeobachtung für diese überaus schwierige Aufgabe. Ergebnisreicher war eine Arbeit von +Messer+. Sie sicherte den erlebnismäßigen Unterschied des Urteils von jeder rein assoziativ bedingten Wortfolge wie von der attributiven Beziehung und ließ den aktiven Charakter des Urteils erkennen. Seit dieser Zeit wurde der Urteilsakt nicht mehr experimentell erforscht, so daß wir uns einstweilen noch mit einer phänomenologischen Analyse unter Verwertung anderweitiger experimenteller Ergebnisse behelfen müssen.
Da die Sprachwissenschaft ebenso wie die Logik sich mit dem Urteil abgeben, erstreckt sich die Bezeichnung „Urteil“ nicht auf gleichartige Erlebnisse: ein nachgesprochener Satz ist gewiß eine andere Bewußtseinserscheinung als etwa ein „freventliches Urteil“. Was hier untersucht werden soll, ist die ausgesprochenste Erlebnisweise, wie sie in dem „überzeugten“, dem „abschließenden“, dem sittlich bewertbaren Urteil vorliegt. Von diesen Urteilen kann nun heute als feststehend gelten, daß sie mehr sind als eine bloß assoziativ bedingte Wortfolge. Man kann sie ferner weder als eine Verbindung zweier Vorstellungen, noch als die Zerlegung einer Gesamtvorstellung in ihre Teile (+Wundt+) auffassen. Wir verweisen hier auf die scharfe Kritik, die +Franz Brentano+ an den alten, unzulänglichen Urteilstheorien geübt hat. Das haben ja auch die Vpn +Messers+ deutlich bekundet, und das ergibt sich aus der allgemein zugestandenen Tatsache, daß +ein Urteil immer einen Sachverhalt betrifft+. Auch die Impersonalien wie „Feuer!“, „es blitzt“ stellen uns nicht Vorstellungen bzw. Dinge dar, sondern eigentliche Sachverhalte: der Vorgang selbst ist ein Sachverhalt und enthält überdies noch mannigfache Beziehungen, so zu Raum und Zeit: es blitzt hier, es regnet jetzt. Sachverhalte lassen sich aber, wie oben gezeigt wurde, bewußtseinsmäßig nicht mit Vorstellungen allein wiedergeben. Zu einem Urteil gehört somit auf jeden Fall eine Sachverhalts-, eine Beziehungserkenntnis. Man wollte darum schon umgekehrt das Urteil der Beziehungserfassung gleichsetzen.