Part 14
In der Beurteilung des Zusammenhanges von Gehirn und psychischen Funktionen hat man sich vor zwei Extremen zu hüten. Es ist einerseits verkehrt, jede Zuordnung bestimmter Regionen zu bestimmten Tätigkeiten zu bestreiten. Trotz mancher Schwankungen und Unklarheiten bestätigen sich die genannten Beziehungen immer wieder. Die bisweilen zu beobachtende Stellvertretung beschädigter Gehirnpartien durch andere ist nicht durch ein freies Wandern der psychischen Funktionen über die Gehirnrinde, sondern dadurch zu erklären, daß die stellvertretenden Gebiete auch schon früher, wenngleich schwächer, an der psychischen Funktion beteiligt waren. Die Koppelung von Hirnvorgang und seelischer Erregung scheint vielmehr eine recht enge und scharf umschriebene zu sein. Nur so versteht man, daß infolge gewisser Krankheiten sauber umgrenzte Gebiete unseres Wissens, wie einzelne fremde Sprachen, ausfallen können. Das gleiche beweisen die Abarten der +Aphasie+, bei denen teils nur das Selbstsprechen, teils nur das Nachsprechen oder das Sprachverständnis gestört sein kann; ferner die Lesestörungen (+Alexie+), wo nur das Leseverständnis oder das laute Lesen, endlich die Schreibstörungen, wo infolge von Gehirndefekten entweder nur das Spontanschreiben oder nur das Abschreiben oder nur das Diktatschreiben versagen kann (+Agraphie+).
Anderseits darf man die Lokalisation der psychischen Vorgänge auch nicht übertreiben. Zunächst ist es durchaus unpsychologisch, so komplizierte Dinge wie Freundschaft, Vaterlandsliebe u. dgl. an umschriebene Gehirnteile bannen zu wollen, wie es +Galls+ Phrenologie und später +Flechsigs+ Theorien taten. Alle Erfahrungen weisen vielmehr auf eine Lokalisation nach +Elementen+ der Bewußtseinserscheinungen hin. Man hat darum auch ganz die Anschauung fallen gelassen, als ob sich die einzelnen Vorstellungen als Ganze in einzelne Zellen einschlössen. Es dürften vielmehr bei der Erneuerung einer Vorstellung ebenso wie bei dem ersten Eindruck stets eine Reihe von Hirnzellen, und zwar an entlegenen Teilen der Rinde, in Mitleidenschaft gezogen werden. Denn einmal vereinigen manche Vorstellungen sowohl optische wie akustische Elemente, die bekanntlich an getrennte Regionen geknüpft sind; sodann können infolge von Erkrankungen auch einzelne Elemente wieder ausfallen, so die Farben der Vorstellungen; endlich ist gar kein Grund abzusehen, warum sich die zu den einzelnen Vorstellungen gehörigen Nervenerregungen bzw. die von diesen in der Rinde zurückgelassenen Spuren nun gerade so gegeneinander abschließen sollten, wie es den wahrgenommenen Gegenständen entspricht, -- wir werden später sehen, daß die Dingauffassung durchaus noch nicht mit dem sinnlichen Eindruck gegeben ist. Würde aber stets der optische oder akustische Gesamteindruck in eine Zelle oder Zellgruppe lokalisiert, so wäre die Reproduktionserscheinung, daß wir von einem Teil eines Gesamteindruckes auf andere Gesamteindrücke geraten, die mit dem ersten sonst nichts zu tun haben, schwer verständlich. Was endlich die Lokalisation der anschaulichen Elemente betrifft, so wird man zweckmäßigerweise vorerst noch auf eine genauere Vorstellung verzichten. Auch von den heute bekannten Bewegungszentren kann man nicht mehr behaupten, als daß sie von hoher Bedeutung für das Zustandekommen der Bewegung sind und unversehrt sein müssen, damit diese erfolge.
Nach dem bisher Gesagten dürfen wir mit Sicherheit erwarten, daß der Vorstellungsverbindung, auf die wir durch die Reproduktionsgesetze geführt wurden, zum wenigsten auch eine physiologische Bindung jener nervösen Elemente im Gehirn entspricht, die bei dem ersten Eindruck erregt worden sind. Das beweisen die pathologischen Fälle der Aphasie, Alexie, Agraphie, das stimmt zu dem Hauptgesetz der Reproduktion, welches gegen den Sinn der Vorstellungen indifferent ist, das geht endlich mit Wahrscheinlichkeit aus der völligen Mechanisierung eingeprägter Vorstellungsfolgen hervor. Wir nehmen also an, ein erstmaliger Eindruck lasse im Gehirn eine Spur oder Disposition zurück: die bei ihm erregten Zellen seien infolge der Erregung nicht mehr in demselben Zustand wie zuvor -- wir mögen uns diese Veränderung als Erhöhung ihrer Reizbarkeit denken --, außerdem bestehe eine physiologische Verbindung zwischen den gleichzeitig einmal beanspruchten Zellen. Diese Verbindung könnte durch eigentliche Leitungsbahnen wie auch rein dynamisch hergestellt sein; der Vergleich mit der drahtlosen Telegraphie oder mit der indirekten Erregung von Stimmgabeln liegt nahe. Mit diesen Hilfsvorstellungen treten wir an die Untersuchung der besonderen Gesetze der Reproduktion bzw. der Assoziation heran.
2. Kap. Die Untersuchung besonderer Assoziationsgesetze
1. Die Methodik der Assoziationsforschung
Die inhaltliche Erforschung der aufeinander spontan folgenden Vorstellungen ergab die drei bzw. fünf Reproduktionsgesetze, die sich auf eines bzw. zwei zurückführen ließen. Die qualitative Erforschung des Reproduktionsvorganges ist noch kaum in Angriff genommen, vielfach gar nicht als besondere Aufgabe erkannt. Die quantitative Forschung hingegen ist an dem Spezialfall der willkürlichen Einprägung ausgiebig untersucht worden. Bahnbrecher war hier H. +Ebbinghaus+, während G. E. +Müller+ das Verdienst der kritischen Nachprüfung und allseitigen Ausgestaltung der Ebbinghausschen Gedanken zukommt.
+Ebbinghaus+’ großer Gedanke war der, Maß und Zahl an die Einprägungsvorgänge, durch die bekanntlich Assoziationen gestiftet werden, heranzubringen. Der Versuch, dies bei der Erlernung von Gedichten zu tun, zeigte alsbald, daß das Lernmaterial zu ungleich war, als daß die einzelnen Lernversuche und ihre Ergebnisse miteinander hätten verglichen werden dürfen. +Ebbinghaus+ bildete darum aus je einem Vokal und zwei Konsonanten sinnlose Silben (lap) und setzte sie zu Silbenreihen zusammen. Später druckte man diese Silben untereinander auf einen Streifen und ließ sie ruckweise hinter einem Lesespalt erscheinen. Bei diesem Vorgang ist nun eine mannigfache Messung möglich. Desgleichen sind die Aufgaben sehr verschieden, die man der Vp stellen kann. Aufgabe und Messung charakterisieren nun die verschiedenen Methoden der Assoziationsforschung.
Die +Erlernungsmethode+ stellt als Methode des unmittelbaren Erlernens die Aufgabe, eine Silbenreihe bis zum glatten Aufsagen zu erlernen. Dabei wird die ganze Silbenreihe stets auf einmal gelesen und als ganze eingeprägt. Hier ist die Zahl der erforderlichen Wiederholungen sowie die Schnelligkeit des einprägenden Lesens das quantitative Element. -- Das +Ersparnisverfahren+ setzt einmal erlernte und teilweise wieder vergessene Reihen voraus und zählt, wieviele Wiederholungen aufgewandt werden müssen, bis die Reihe wieder ohne Anstoß hergesagt werden kann. Aus der Anwendung beider Methoden läßt sich etwa ermitteln, wie das Vergessen eines eingeprägten Stoffes voranschreitet. Allerdings nur unter der Voraussetzung, daß gleich lange Reihen unter sonst gleichen Bedingungen durchschnittlich dieselbe Anzahl von Wiederholungen benötigen, um erstmals eingeprägt zu werden. In der Tat gilt diese Voraussetzung: die Wiederholungszahlen der verschiedenen Lernversuche scharen sich verhältnismäßig dicht um einen Hauptwert, etwa das arithmetische Mittel, ein Beweis, daß auf diesem Gebiete eine strenge Gesetzmäßigkeit herrscht. -- Will man die Reihe nicht vollständig auswendig lernen lassen, so bietet man nach einer gewissen Zahl von Wiederholungen einzelne Silben der Reihe dar und läßt die auf sie folgende Silbe aussprechen. Das Verhältnis der richtigen Treffer (daher der Name +Treffermethode+) r zur Zahl aller Prüfungen n, also r/n, gibt ein Maß der Assoziationsstärke. Auch die Geschwindigkeit, mit der auf die vorgezeigte Silbe die zu ihr gehörige ausgesprochen wird, ist von Bedeutung. Natürlich erhält man durch keine der genannten Messungen eine absolute Wertangabe für die Stärke der Assoziation, sondern nur eine relative. Auch sind die Ergebnisse der Erlernungs- und der Treffermethode nicht ohne weiteres miteinander vergleichbar, weil das subjektive Verhalten bei beiden nicht genau dasselbe ist. +Andere Methoden+, wie die der behaltenen Glieder und die der Hilfen, die entweder die von einer Reihe behaltenen Glieder oder die Anzahl der Hilfen zählt, welche der Vl gewähren muß, damit eine Reihe ganz aufgesagt werde, ebenso die Wiedererkennungsmethode, die nach wenigen Wiederholungen einer Reihe deren Silben vorführt und angeben läßt, ob man sie als Bestandteile der früheren Reihe wiedererkennt, sind von untergeordnetem Werte und nur für bestimmte Versuchszwecke passend.
Die bis jetzt genannten Methoden erforschen nur die unter ganz bestimmten und bekannten Bedingungen gestifteten Assoziationen, und zwar sowohl den Prozeß der Assoziationsstiftung, wie auch den Grad der Assoziationsfestigkeit und deren Verfall. Andere Methoden untersuchen die Stärke jener Assoziationen, die das Leben gestiftet hat: die +Assoziationsreaktionen+. Bietet man optisch oder akustisch einer Vp ein Wort dar mit der Anweisung, das nächst einfallende Wort auszusprechen, und wiederholt diesen Versuch bei möglichst vielen Individuen, so stellt sich heraus, daß ein hoher Prozentsatz der Vpn auf das nämliche Reizwort mit demselben Reaktionswort reagiert, auf „Blitz“ wird die Mehrzahl der Erwachsenen mit „Donner“ antworten. Je mehr Individuen sich auf die gleiche Reaktion einigen, um so stärker ist die Assoziation zwischen dem Reiz- und dem Reaktionswort. An diesem Grundschema der Assoziationsreaktion lassen sich nun mannigfache Variationen anbringen: Man kann die Reizvorstellung und die Art ihrer Darbietung verändern (Wort- oder Sachvorstellung, akustische oder optische Darbietung); man kann ferner die Art der Reaktionsvorstellung ganz in das Belieben der Vp stellen oder sie mehr und weniger einschränken, indem man z. B. eine verwandte oder entgegengesetzte Vorstellung finden läßt; man kann statt einer Vorstellung eine Reihe solcher sich entwickeln lassen. Bei all diesen Versuchen ist die Messung der Reaktionszeiten lehrreich. Nur darf man sich nicht mit den Angaben der Reaktionsvorstellungen begnügen, sondern muß auf Grund der rückschauenden Selbstbeobachtung jedesmal das ganze Erlebnis schildern lassen. Sehr häufig ist nämlich das Reaktionswort gar nicht die erste durch die Reizvorstellung ausgelöste Vorstellung, weil die Vp, ohne sich recht darüber klar zu sein, gewisse Anforderungen an die Reaktionsvorstellungen heranbringt. Selbstverständlich kann man auch den subjektiven Zustand der Vp variieren, indem man die Versuche entweder im frischen oder im ermüdeten oder in einem durch Alkohol u. dgl. beeinflußten Zustand ausführt.
2. Hauptergebnisse der Assoziationsforschung
a) Die Beziehungen zwischen der Zahl der Wiederholungen und der Assoziationsstärke
Ein einmaliges Bewußtwerden eines Erlebnisses kann bekanntlich dies dauernd einprägen, falls das Vorkommnis sehr eindrucksvoll ist. Die einmalige Vorführung indifferenter Inhalte jedoch, wie sinnlose Silben, Zahlen, zusammenhanglose Worte, ist nur dann von Erfolg, wenn es sich um eine geringe Zahl solcher Inhalte handelt: 6-7 sinnlose Silben, 10-12 Zahlen oder Buchstaben können von Erwachsenen nach einmaligem Lesen oder Hören aufgesagt werden; von sinnvollen oder gar zusammenhängenden Worten kann ungleich viel mehr behalten werden. Wir fassen eben die Wörter nicht nach ihren Elementen, den Buchstaben, und die Sätze nicht nach ihren einzelnen Wörtern auf, sondern beachten und behalten jedesmal die Einheiten. Indes wird durch einmaliges Darbieten einer solchen kurzen Reihe keine bleibende Assoziation gestiftet. Die wahrgenommenen Elemente verharren vielmehr im Sekundärerlebnis noch eine kurze Zeitspanne, so daß die etwa dargebotenen sechs sinnlosen Silben gleichzeitig im Bewußtsein stehen und darum nochmals wiedergegeben werden können. Man spricht hier vom +unmittelbaren Behalten+. Wird jedoch dessen Spannweite überschritten, werden statt sechs etwa neun sinnlose Silben vorgeführt, dann werden nicht etwa sechs behalten und drei vergessen, sondern von den neun lassen sich kaum zwei bis drei nennen. Die Spannweite des unmittelbaren Behaltens ist nach Alter, Individuum und Frische sehr verschieden.
Überschreitet die Silbenreihe eine gewisse Länge, so sind zu ihrer Einprägung mehrere Wiederholungen erforderlich; für eine 12silbige Reihe etwa 16 Wiederholungen. Es fragt sich nun: wie wächst die Zahl der zur Einprägung notwendigen Wiederholungen, wenn die zu erlernende Reihe vergrößert wird? Man könnte erwarten, daß die Zahl der Wiederholungen in gleicher Weise steigen würde wie die der Silben. Anderseits wäre es aber auch möglich, daß die Wiederholungszahl nicht anwüchse, da bei jeder Reihenlänge doch immer nur die Assoziation zwischen je zwei Silben zu stiften, somit die gleiche Leistung zu vollbringen ist. Aber keine dieser Möglichkeiten verwirklicht sich, sondern die Wiederholungszahl steigt anfangs sehr schnell, später langsamer. +Ebbinghaus+ gibt folgende Zahlen an: Anzahl der Silben: 7, 12, 16, 24, 36; notwendige Wiederholungen: 1, 16,6, 30, 44, 55. Eine ganz befriedigende Erklärung dieser Gesetzmäßigkeiten gibt es noch nicht. Sicherlich ist die Erlernung von 36 Silben eine größere Leistung als die von drei Zwölferreihen, da im ersten Fall 36, im letzten nur je 12 Silben am Ende der Reihe gleichzeitig gewußt werden müssen.
Schon die Alltagserfahrung besagte: je öfter man einen Lernstoff wiederholt, um so tiefer prägt er sich ein. Die Experimente bestätigen diese allgemeine Regel, zeigen aber auch, daß nicht einfachhin eine Proportionalität zwischen der Anzahl und dem Einprägungswert der Wiederholungen herrscht. Die erste Lesung hat bei sinnlosem Material den größten Einprägungswert; bei sinnvollem gilt dies von der zweiten, da die erste der Orientierung dient. Ist die Reihe einmal gelernt, so prägen die überschüssigen Wiederholungen sie verhältnismäßig nicht viel mehr ein, sind darum weniger zweckmäßig.
b) Einfluß des Lernstoffes
Zunächst ist die Stellung der einzelnen Elemente von Bedeutung. Anfang und Ende einer Silbenreihe werden zuerst behalten, die Mitte wird regelmäßig am schwersten gelernt. Unmittelbar vorausgehende und unmittelbar nachfolgende Einprägungen scheinen einer weiteren Assoziationsstiftung nachteilig zu sein. Je geläufiger sodann die einzelnen Silben einer Reihe oder überhaupt die Elemente eines Lernstoffes sind, um so leichter prägen sie sich ein: eine Reihe, die aus bekannten Silben aufgebaut ist, wird leichter erlernt als eine aus unbekannten. Das ist übrigens auch ein Grund, weshalb die Einprägung längerer Reihen mehr Wiederholungen beansprucht als die kürzerer. Je stärker ferner und je eindringlicher die Elemente dargeboten werden, um so besser werden sie behalten. Das gilt in gewissem Sinne auch für die Dauer der Einwirkung: bleiben die einzelnen Silben längere Zeit sichtbar, so vermehren sich die Treffer. Anderseits werden die Reihen unter sonst gleichen Bedingungen aber doch schneller erlernt, wenn sie schneller gelesen werden. Man hat dieses Paradox durch den Einfluß der Perseveration zu klären gesucht: bei dem Trefferverfahren, das 5 Minuten nach der Darbietung einsetzt, spielt die Perseveration eine größere Rolle als bei dem Erlernungsverfahren, wo die ganze Reihe unmittelbar nach der Einprägung aufgesagt wird. Nun ist die Perseveration um so stärker, je länger der Eindruck währte. Sie kann also bei langsamer Darbietung mehr zur Geltung kommen als bei schneller (+Ephrussi+). Vielleicht kann noch folgender Umstand berücksichtigt werden. Bei dem Trefferverfahren kommt es (auch subjektiv) darauf an, nur je ein Silbenpaar einzuprägen, und dafür ist eine längere Darbietung vorteilhaft. Bei dem Erlernungsverfahren hingegen soll immer die ganze Reihe behalten werden. Wenn nun wirklich, wie wir oben annahmen, die Hauptbedingung für die Assoziationsstiftung in der gleichzeitigen Vereinigung der Inhalte im Bewußtsein besteht, dann wird innerhalb gewisser Grenzen eine schneller gelesene Reihe sich leichter zu einem Gesamtbewußtseinsinhalt vereinigen lassen als eine langsam gelesene, und es ist zu erwarten, daß die Reproduktion der Teilinhalte eines Gesamtbewußtseins gegenüber der Reproduktion mehrerer aufeinanderfolgender Bewußtseinszustände im Vorteil ist.
c) Die Gesetzmäßigkeiten des Vergessens
Das Abnehmen der Assoziationsfestigkeit bestimmte zuerst +Ebbinghaus+ vermittels der Methode der Ersparnisse: Mehrere gleichartige Reihen werden erlernt. Nach zwanzig Minuten wird eine von ihnen so oft wiederholt, bis sie wieder aufgesagt werden kann; nach einer Stunde wird eine zweite auf die gleiche Weise wieder aufgefrischt; nach acht Stunden eine dritte usf. Es stellte sich heraus, daß die erlernten Reihen -- Ähnliches gilt von allen anschaulichen Vorstellungsfolgen, z. B. auch von Handfertigkeiten -- anfangs sehr rasch und später sehr langsam vergessen werden. Daraus ergibt sich unmittelbar: sind uns zwei Lernstoffe augenblicklich gleich geläufig, so werden wir nach einiger Zeit denjenigen von beiden besser wissen bzw. weniger vergessen haben, den wir zuerst gelernt haben.
Da sich innerhalb gewisser Grenzen auch ein dauerndes Behalten erzielen läßt, das keine Wiederholungen mehr erfordert, so kann eine bis zum eben Hersagen erlernte und jeden Tag bis zu demselben Punkte wieder aufgefrischte Reihe nicht jedesmal gleichviel an ihrer Assoziationsstärke verlieren. Somit werden alte Assoziationen durch gleich viele Wiederholungen mehr gestärkt als junge (+Jost+). Das Experiment lehrt aber außerdem noch, daß das rasche Sinken der Assoziationsstärke namentlich durch die erste Wiedererlernung aufgehalten wird (+Meumann+). Mit dem Jostschen Satz hängt die wichtige Tatsache zusammen, daß es für die Einprägung vorteilhafter ist, die Wiederholungen möglichst zu verteilen, als den Lernstoff auf einmal zu bewältigen. Von besonders hohem Einprägungswert sind ferner jene Wiederholungen, die in Aufsageversuchen bestehen. Rezitationen, die zwischen einfache Wiederholungen eingeschoben werden, ersparen eine beträchtliche Zahl Wiederholungen. Die Aufsageversuche nämlich machen die schwachen Stellen kenntlich, lenken somit bei weiteren Einprägungen die Aufmerksamkeit auf sie und leiten zur Gruppenbildung an. Damit kommen wir zu neuen Lernbedingungen. die mit der Wiederholung als solcher nichts gemein haben.
d) Die Bedeutung des allgemeinen psychischen Verhaltens
Ein großes Hindernis der Einprägung bildet die geistige Ermüdung. Der späte Abend eignet sich durchschnittlich ebensowenig wie die Zeit der Verdauung zum Memorieren. Weiterhin stören Unlustgefühle gewaltig den Lernprozeß, während eine nicht allzu lebhafte Freude fördert. Das Interesse beschleunigt die Einprägung wohl in erster Linie wegen der Aufmerksamkeitssteigerung, die es bedingt. Zwar läßt sich nicht behaupten, ohne Aufmerksamkeit sei jegliches Behalten ausgeschlossen, aber im Bereiche der willkürlichen Einprägung bildet die Aufmerksamkeitskonzentration einen ausschlaggebenden Faktor, weshalb auch die Gedächtnispädagogen in erster Linie zur Beherrschung der Aufmerksamkeit erziehen. Ähnliches gilt von dem Willen zur Einprägung. Ohne diesen bringen auch recht zahlreiche Wiederholungen nicht merklich voran. Neuere Untersuchungen legen endlich nahe, daß es ein Behalten auf bestimmte Fristen gibt: was nur für einen bestimmten Termin eingeprägt ist, scheint rascher vergessen zu werden als das für immer Gelernte. Doch bedarf diese Frage noch weiterer Untersuchungen.
Die oben (S. 102 f.) erwähnten Vorstellungstypen machen sich auch für das Lernen geltend. Im allgemeinen gilt: jene Darbietungsweise ist die günstigste, welche dem Vorstellungstypus des Lernenden entspricht. Diese allgemeine Regel erleidet aber durch die besonderen Umstände zahlreiche Ausnahmen. So wird der Visuelle eine Reihe römischer Zahlen akustisch einprägen, weil ihm die akustischen Zahlvorstellungen geläufiger sind als die römischen Zahlbilder. Umgekehrt wird der Akustiker sich des visuellen Gedächtnisses bedienen, wenn ihm mehrere optische Bilder vorgeführt werden, für die er keinen Namen besitzt. Beides wegen des oben (S. 167) genannten Gesetzes, daß sich eine Reihe aus bekannten Elementen leichter merken läßt als eine aus völlig neuen gebildete.
e) Nebenassoziationen
Außer der Assoziation, die von einem Teile der dargebotenen Reihe zum nächstfolgenden führt und die sich als Hauptassoziation bezeichnen läßt, weil sie den Weg vorschreibt, den die Reproduktion beim Aufsagen der Reihe in der Regel nimmt, entdeckte schon +Ebbinghaus+ noch andere Assoziationen. Es ist nicht nur die erste Silbe mit der zweiten, sondern auch die erste mit der dritten, der vierten und sogar nachweislich mit der siebten Silbe verbunden (+überspringende Assoziationen+). Allerdings wird die Stärke der Assoziation um so geringer, je weiter der ursprüngliche Abstand der Silben ist. Sodann fand sich eine +rückläufige Assoziation+: es besteht auch eine Reproduktionstendenz von der nachfolgenden zur vorausgehenden Silbe. Endlich die +Stellenassoziation+: man merkt sich außer der Silbe auch ihre Stelle in der Reihe, entweder durch das Zahlwort: dritte Silbe, oder visuell: in der Mitte, oder akustisch, insofern als den rhythmisch ausgesprochenen Taktteilen eine charakteristische Betonung zukommt. Alle diese Nebenassoziationen verraten sich teils im Trefferverfahren, wenn man die falschen Reaktionen auf ihre Herkunft untersucht, teils im Ersparnisverfahren, wenn man Reihen bildet, in denen entweder die mittelbar aufeinanderfolgenden Silben oder die Stellenwerte erhalten bleiben. Übrigens stimmt die Tatsache der Nebenassoziationen sehr gut zu der oben dargelegten Auffassung der Simultanassoziation (S. 156), denn alle durch Nebenassoziation verbundene Glieder waren einmal gleichzeitig im Bewußtsein. Somit wäre uns durch die überspringenden Assoziationen ein Maß für den „sukzessiven“ Bewußtseinsumfang gegeben, und falls unsere Auffassung richtig ist, müßten bei rascherem einprägendem Lesen die überspringenden Assoziationen sich weiter erstrecken als bei langsamem.
3. Kap. Ausdehnung der Betrachtung auf das Gesamtbewußtsein
1. Die Konstellation
Die willkürlich hergestellte Assoziation zwischen den Gliedern einer Reihe gibt noch kein vollständiges Bild der Assoziationsverhältnisse im Gesamtbewußtsein. Die Vorstellungen der Reihenelemente sind nur künstlich isoliert und erhalten so eine stärkere Beachtung und assoziative Verbindung; namentlich wird aber bei der Reproduktion nur ihnen Beachtung geschenkt, wodurch sie besonders gefördert und andere Vorstellungen, die gleichzeitig auftauchen möchten, vernachlässigt werden. Die Vorstellungsverbindungen, welche das Leben stiftet, lassen sich nicht durch das Kettenschema der Silbenreihen, sondern eher durch ein Netzschema veranschaulichen. Es geht ja von jeder Teilvorstellung eine assoziative Verbindung nach allen Seiten aus, wenn auch diese Verbindungen nicht alle gleich stark sind. Dementsprechend strahlen von einer Teilvorstellung auch nach allen Seiten Reproduktionstendenzen aus. Nun ist unserem Bewußtsein aber niemals nur eine Vorstellung gegeben. Stets ist eine Mehrheit an Vorstellungen vorhanden. Sehr viele von ihnen haben wir schon früher einmal gehabt. Von ihnen gehen deshalb gleichzeitig die verschiedenartigsten Reproduktionstendenzen aus, die sich gegenseitig teils fördern, teils hemmen.
a) Die Hilfen
Die Gesetzmäßigkeiten des Vergessens zeigen, daß nichterneuerte Assoziationen zwar geschwächt werden, aber nicht völlig verschwinden. Das läßt vermuten, daß ein erfolgloser Reproduktionsversuch auch nicht gänzlich wirkungslos bleibe. In der Tat fällt einem ein gesuchter Name bisweilen kurze Zeit darauf in einem anderen Zusammenhang ein. Der Reproduktionsversuch hat diesen Namen in höhere Bereitschaft gestellt. Wenn nun nach dem gesuchten Namen nicht nur von einer, sondern von mehreren Vorstellungen aus Reproduktionstendenzen hinstrahlen, so läßt sich erwarten, daß er endlich ins Bewußtsein gehoben wird, auch wenn keine der verschiedenen Reproduktionstendenzen für sich allein dies hätte vollbringen können. Die Reproduktion des Namens gelingt infolge der +Konstellation+. So erteilt man in der Schule bisweilen Gedächtnishilfen: will der Name Finsteraarhorn nicht einfallen, so fragt man nach dem dort entspringenden Fluß, der Aar.
b) Die Hemmungen
Wie es die Reproduktion fördert, wenn von zwei Teilvorstellungen Reproduktionstendenzen auf die zu erneuernde Vorstellung hinführen, so wird es umgekehrt der Reproduktion der Vorstellung b durch die Vorstellung a hinderlich sein, wenn von a gleichzeitig zwei Reproduktionstendenzen ausgehen, nach b und nach c. In der Tat läßt sich diese assoziative Hemmung experimentell nachweisen, und zwar in doppelter Art: ist a schon mit b assoziiert und soll noch mit c verbunden werden, so ist die Assoziation ac schwerer zu bilden als sonst (+generative+ Hemmung); sodann wird durch die neue Verknüpfung ac die ältere Assoziation ab geschwächt (+effektuelle+ Hemmung). Diese herkömmliche Ausdrucksweise ist allerdings ungenau, da wir streng genommen nur von der Reproduktion etwas aussagen können, nämlich: die Reproduktionsmöglichkeiten des c wie des b mit a als Reproduktionsmotiv sind herabgesetzt. Daß die Assoziation als solche nicht beeinträchtigt ist, beweisen die später zu besprechenden Versuche über Komplexbildung, nach denen beide Hemmungen nur unter bestimmten Bedingungen eintreten. Damit verschwindet auch das Bedenken, unser ganzes Vorstellungsleben müsse unter diesen beiden Hemmungen leiden oder gar unmöglich werden. Wo aber die assoziativen Hemmungen eingreifen, wo von einer Vorstellung tatsächlich gleichzeitig verschiedene Reproduktionstendenzen ausgehen, da kommt es zur Konkurrenz der assoziierten Vorstellungen, indem die überwertige obsiegt, oder es treten Mischwirkungen zutage, wie „Kreuz und Rüben“ aus kreuz und quer und Kraut und Rüben.
Die +rückwirkende+ Hemmung ist jedoch den assoziativen nicht gleichzustellen. Läßt man unmittelbar nach Einprägung einer Reihe eine intensive geistige Beschäftigung wie Memorieren oder aufmerksames Betrachten von Bildern folgen, so wird von dem erlernten Stoff ungleich mehr vergessen als ohne diese nachfolgende Tätigkeit. Hier werden wirklich die Assoziationen geschwächt; denn die Reproduktion ist unter allen Bedingungen erschwert, auch dann, wenn die Vorstellungen aus der nachfolgenden Beschäftigung nicht als störende Konkurrenten auftreten. Daher die Bedeutung der Pausen nach dem Auswendiglernen. Die frisch gebildete Assoziation braucht Zeit, um sich zu befestigen und -- zu verstärken. Merkwürdigerweise verbessert sich nämlich unser Gedächtniswissen im Verlauf der Zeit: in Versuchen von +Boldt+ war das Ergebnis der Prüfung nach einem Tag besser als nach einer Viertelstunde, und da besser als nach 5 Minuten. +Ebbinghaus+ war diese Tatsache entgangen, weil er stets mehrere Reihen hintereinander lernen ließ, die sich gegenseitig hemmten. Für diese auffallende Erscheinung ist einstweilen folgende Erklärungsmöglichkeit vorhanden: Gleichzeitig mit dem eigentlichen Lernstoff werden eine Reihe anderer Vorstellungen aus der gesamten Lernsituation miteingeprägt. Sie werden beim Hersagen der Reihe ebenfalls in Bereitschaft gesetzt und hemmen darum den glatten Ablauf. Nun unterliegen beide Vorstellungsreihen, die Haupt- wie die Nebenvorstellungen, dem Vergessen. Weil aber die Nebenvorstellungen weniger beachtet waren, stand ihnen von Anfang an eine schwächere Assoziation zu Gebote wie den Hauptvorstellungen. Somit erreicht bei ersteren die Reproduktionstendenz bald den Nullpunkt, während sie für die letzteren noch wirksam bleibt. Vielleicht hat man außer diesem Umstand noch ein Ausreifen der physiologischen Dispositionen zur Erklärung heranzuziehen.
2. Die Komplexbildung
Teilt man eine Silbenreihe in Gruppen zu je drei Silben, läßt sie in anapästischem Rhythmus (◡◡́—) lesen und bietet später der Vp eine der betonten Silben mit der Aufforderung, die nächsteinfallende Silbe auszusprechen, so wird die zweitvorhergehende Silbe häufiger reproduziert als die unmittelbar vorausgehende (+initiale Reproduktionstendenz+). Es besteht sonach eine Tendenz, ausgehend von einem Glied des Komplexes, den ganzen Komplex ins Bewußtsein zu heben. Läßt man eine Silbe aus einem solchen Komplex in einer zweiten Reihe sich mit einer komplexfremden Silbe assoziieren, so läßt sich die generative und effektuelle Hemmung, die nach dem obigen zu erwarten wäre, an jener Silbe nicht nachweisen, sobald sie innerhalb des Komplexes reproduziert wird (+Frings+). Es wird also offenbar beim Aufsagen einer in Komplexe eingeteilten Reihe nicht jede Silbe für sich reproduziert, sondern der Komplex, in dem sie sich befindet, wird als Ganzes wieder erneuert. Ähnliche Beobachtungen macht man auch bei der freien und gebundenen Reproduktion bedeutungshaltiger Vorstellungen. Wir müssen somit unsere Auffassung der Assoziationen dahin erweitern, daß sich nicht nur an ein einzelnes Element nach verschiedenen Richtungen hin andere Elemente anschließen, sondern daß auch häufig eine Mehrheit von Elementen in einem Komplex vereinigt sind und daß solche Komplexe ähnlich wie die Elemente untereinander assoziativ verknüpft sind.