Chapter 8 of 26 · 3757 words · ~19 min read

Part 8

Unsere Darlegung hält sich streng an die Bewußtseinstatsachen. Da nun unser Bewußtsein nichts von der Existenz eines Netzhautbildes meldet, so gibt es für uns kein „Problem des Aufrechtsehens“. Dieses entstand erst, als die Wissenschaft das Netzhautbild entdeckte, indes noch nicht echt psychologisch denken gelernt hatte. Man versuchte die Lösung des vermeintlichen Problems durch eine +Projektionstheorie+. Nach ihr verlegt das Auge dem Lichtstrahl rückwärts folgend, das Objekt dorthin, woher der Strahl kommt. Allein diese Theorie ist ebenso überflüssig wie unhaltbar. Denn einmal wissen wir nichts von einer solchen Rückverfolgung der einfallenden Lichtstrahlen. Sodann gelangten wir auch dabei, wie die Ausführungen des vorigen Abschnittes zeigen, gar nicht immer an die Orte der Lichtreize, da die einzelnen Regionen der Netzhaut nicht gleichwertig sind und darum das „Sehding“ (+Hering+) dem wirklichen Ding nicht völlig entspricht. Einen andern durchschlagenden Beweis gegen die Projektionstheorie werden wir später kennen lernen. Ebenso unhaltbar sind die Vermutungen über eine Wiederumkehrung des Netzhautbildes auf dem Wege zum Gehirn, und die über eine Korrektur des umgekehrten Bildes durch den Tastsinn. -- Einen experimentellen Beweis für den empirischen Ursprung der Lageauffassung erbrachte der Amerikaner +Stratton+. Er hielt ein Auge verschlossen und versah das andere mit einer Linsenkombination, die das Netzhautbild umkehrte. Anfangs erblickte er die Umgebung umgekehrt. Allein schon nach wenigen Tagen verlor sich dieser Eindruck; die Dinge fingen an, denselben Eindruck des „aufrecht“ zu machen wie normal. Die Lage des Netzhautbildes ist also für unser Sehen im Grunde nebensächlich. Nur infolge der Gewöhnung bilden sich auch für die einzelnen Teile der Netzhaut Lagewerte aus. Und darum erscheint bei Gebrauch einer das Netzhautbild umkehrenden Linse die Außenwelt auf dem Kopf stehend. Diese Lagewerte sind indes nur durch Angewöhnung erworben und können deshalb durch eine entgegengesetzte Gewöhnung überwunden und durch gegenteilige ersetzt werden.

2. Das Tiefensehen

Größere Schwierigkeiten als die erörterten bereitet die Erklärung der +Tiefendimension+. Auch der von Geburt aus Einäugige hat eine anschauliche Tiefenwahrnehmung. Von einer Tiefen+empfindung+ kann man hier nicht wohl sprechen; denn man wüßte beim Einauge keine physiologische Erregung zu nennen, der diese Empfindung entspräche. Es wird darum der empfindungsmäßige Flächeneindruck durch Vorstellungselemente eine Ergänzung erfahren. Vielleicht kann man sich, ehe experimentelle Untersuchungen zu Gebote stehen, den anschaulichen Tiefeneindruck des Einäugigen folgendermaßen entstanden denken. Man stelle sich einige Schritte vor eine Zimmerwand. Man sieht diese Wand als eine Fläche in einer bestimmten Entfernung. Neigt man den Kopf zur Erde, so erblickt man den Boden in der nämlichen Weise als Fläche wie zuvor die Wand. Will der Einäugige nun einen in der Schnittlinie dieser beiden Flächen befindlichen Gegenstand erreichen, so muß er sich zu ihm hinbewegen. Hält er dabei den Kopf gesenkt, so gewinnt er ein anschauliches Maß seiner Entfernung von der Wand (also der Tiefendimension) durch die Flächenwerte, die sein zum Boden geneigtes Auge erfaßt. Allerdings haben wir hier der leichteren Verständlichkeit zulieb zwei nicht zutreffende Voraussetzungen gemacht: einmal, daß der Einäugige Wand und Boden in einer bestimmten Entfernung sähe, -- damit besäße er ja schon die Tiefenwahrnehmung; sodann, daß er Wand und Boden als ebene Flächen erblicke, -- die Anschauung einer ebenen Fläche ist auch nicht möglich ohne die sinnlich fundierte Erkenntnis, daß die seitwärts des Blickpunktes liegenden Teile der Ebene weiter vom Betrachtenden entfernt sind als die unmittelbar fixierten. Beide Voraussetzungen lassen sich jedoch leicht entbehren. Es genügt, daß die objektiven Flächen der Wand und des Bodens entfernungslos erscheinen, wie etwa dichter Nebel, der das Auge umgibt, und ferner, daß sich aus dieser entfernungslosen, verschiedenfarbigen Fläche die Fixationspunkte auf Wand und Boden sowie die Schnittlinie der beiden Flächen und der auf ihr gelegene Gegenstand für das Auge abheben. Sieht nun auch der Einäugige keine ausgedehnte Fläche vor sich, so erfaßt sein Blick doch jeweils Flächenelemente, deren Summe eine anschauliche Wahrnehmung der dritten Dimension ermöglicht. So oder ähnlich mag sich der Prozeß bei dem einäugigen Kinde vollziehen. Die so anfänglich wahrgenommenen Tiefendimensionen sind natürlich von sehr geringer Ausdehnung. Es genügt indes, daß sie überhaupt wahrgenommen wird, um sich dann gleichzeitig mit der Erfassung der beiden andern Dimensionen zu entwickeln. Ist einmal der unmittelbare Tiefeneindruck auf diese oder ähnliche Weise gewonnen, so bilden sich auch leicht die +sekundären Faktoren der Tiefenwahrnehmung+ aus.

Als deren erster ist auch für das Einauge die +Winkelverschiebung+ (Parallaxe) zu nennen, welche die Sehstrahlen erfahren, wenn sich das Auge vor den verschieden tief gelegenen Gegenständen bewegt. Sodann gewöhnen wir uns daran, Dinge, die wir unter einem kleinen +Gesichtswinkel+ sehen, die also ein kleines Bild auf der Netzhaut entwerfen, wenn anders uns ihre wahre Größe bekannt ist, für entfernt zu halten. Weiter wird die Deutlichkeit der Umrisse zum Kriterium der Nähe, die Verschwommenheit zum Kriterium der Ferne (+Luftperspektive+). Endlich vermittelt die gegenseitige +Verdeckung und Beschattung+ der Körper ein Wissen von ihrer relativen Entfernung.

Nach neueren Untersuchungen ist die Tiefenwahrnehmung des Einäugigen besser als die monokulare des Normalen. Dabei helfen dem Einäugigen weit weniger die Muskelempfindungen, die durch die Akkomodation des Auges, d. h. durch die Einstellung auf die Nähe oder die Ferne bedingt werden, als vielmehr die Kopfbewegungen. -- Dank der sekundären empirischen Faktoren des Tiefensehens können auch gemalte Bilder körperlich wirken. Um diesen Eindruck des Plastischen zu steigern, betrachtet man sie durch eine enge Röhre, wodurch der störende Rand des Bildes ausgeschaltet wird. Sehr schöne plastische Eindrücke liefert der +Verant+, eine eigenartig geschliffene Linse, die, nahe vor das Einauge gebracht, die von einem dahinterliegenden Bilde ausgehenden Strahlen so bricht, daß sie dasselbe Netzhautbild erzeugen, wie es auch von dem wirklichen Gegenstand hervorgerufen würde. Vermittels des Veranten kann man sich davon überzeugen, daß die Anschaulichkeit der Tiefenwahrnehmung des Einauges nicht hinter der des Doppelauges zurückzustehen braucht, eine theoretisch bedeutsame Feststellung.

C. Das Sehen mit beiden Augen

1. Doppeltsehen und Einfachsehen

[Illustration: Fig. 5 a]

[Illustration: Fig. 5 b]

Welche Bewußtseinsinhalte gewinnen wir, wenn wir mit zwei Augen sehen? Hält man zwei Finger in einer Linie, aber in verschiedener Entfernung vor beide Augen und fixiert den nächstgelegenen, so erscheint der entferntere doppelt; richtet man jedoch den Blick auf den entfernteren, so sieht man den näheren doppelt. Die vereinte Tätigkeit beider Augen kann somit sowohl einfache wie doppelte Bilder liefern. Es fragt sich also: Wann sehen wir einfach und wann sehen wir doppelt? Entwirft man eine schematische Zeichnung von der Lage beider Augen und dem Gang der Lichtstrahlen in den beiden genannten Fällen, so findet man: das Bild der fixierten Punkte fällt jedesmal auf den nämlichen Punkt der Netzhaut, auf die Netzhautmitte. (Fig. 5.) Die Bilder der nicht fixierten Punkte treffen nicht auf gleichgelagerte Stellen: wird der entferntere Finger fixiert, so bildet sich der nähere in dem linken Auge links, in dem rechten Auge rechts von der Netzhautmitte ab; wird der nähere fixiert, so fällt das Bild des entfernteren in dem linken Auge rechts und in dem rechten links von der Netzhautmitte. Richten wir beide Augen statt auf einen einzelnen Punkt auf einen ausgedehnten Gegenstand, so sehen wir den ganzen Gegenstand einfach. Das schematische Bild des Strahlenganges läßt erkennen, daß z. B. die von dem rechten Ende eines Pfeiles ausgehenden Lichtstrahlen auf jeder Netzhaut Punkte treffen, die in gleicher Richtung und in (ungefähr) gleichem Abstand von der Netzhautmitte gelegen sind; es sind das gleichgelagerte oder korrespondierende Punkte, auch identische oder Deckpunkte genannt. Da ihre Erregung durch gleichfarbige Lichtstrahlen dem Bewußtsein die nämliche Empfindungsqualität vermittelt, so kann nur +ein+ Sehding bewußt sein[5]. Anders ist es bei der Reizung von nichtkorrespondierenden Stellen der Retina. Bei gleicher Empfindungsqualität haben sie doch einen verschiedenen Ortswert zu melden und erzeugen darum ein doppeltes Bild. -- Würde man rein mathematisch die Gesamtheit der Schnittpunkte jener Linien aufsuchen, die von korrespondierenden Netzhautpunkten ausgehen und je durch die Knotenpunkte der beiden Augen geführt sind, so erhielte man die Gesamtheit all jener Punkte, die bei einer bestimmten Augenstellung einfach gesehen werden; es wäre dies der mathematische +Horopter+. Allein wir haben oben schon gefunden, daß die beiden Netzhauthälften nicht ganz gleichwertig sind. Da nun jeweils die innere Netzhauthälfte des einen Auges zu der äußeren des andern Auges in Beziehung gebracht werden muß, so werden weder die Deckpunkte exakt die gleiche Lage zur Netzhautmitte haben, noch wird der mathematische mit dem empirischen Horopter ganz übereinstimmen. Überhaupt ist festzuhalten, daß die Deckpunkte einen gewissen Spielraum zulassen, innerhalb dessen noch einfach gesehen wird.

Da wir immer nur einen Teil des Sehfeldes fixieren können, so müßten wir nach dem Gesagten immer Doppelbilder haben, von den Dingen, die vor dem Fixierpunkt, und von denen, die hinter ihm liegen. Und doch bemerken wir für gewöhnlich nichts von ihnen. Woher dies? Wer das anfangs erwähnte Experiment anstellt, wird finden, daß es eine gewisse Mühe macht, einen Punkt zu fixieren und einen andern daneben zu beachten. In demselben Maße, wie es gelingt, die nicht fixierten Punkte zu beachten, nimmt die Klarheit des Doppelbildes zu. Da wir nun im praktischen Leben immer nur den fixierten Gegenständen die größere Aufmerksamkeit zu widmen pflegen, so entwickeln sich die Doppelbilder nicht zu merklicher Klarheit. Dazu kommt, daß wir unsere Fixation fortwährend wandern lassen und daß die von beiden Netzhäuten herrührenden Bilder häufig nicht gleich stark sind, weshalb das schwächere von dem stärkeren verdrängt wird.

Werden die korrespondierenden Punkte von gleichartigen Reizen getroffen, so steht im Bewußtsein nur +ein+ Bild. Man kann darum den Versuch machen, zwei Deckpunkte durch +verschiedenartige+ Reize zu erregen. Es erfolgt dann eine Mischung und Vereinigung beider Eindrücke, wo diese leicht möglich ist. So verbindet sich eine Druckschrift bequem mit einem weißen oder farbigen Hintergrund. Auch nichtkomplementäre Farben lassen häufig die entsprechende Mischfarbe erkennen. Komplementäre ergänzen sich unter gewissen Bedingungen zu grau. Aber namentlich bei ihnen zeigt sich gern der sogenannte Wettstreit der Sehfelder: es erscheint nicht die Mischung beider, sondern abwechselnd bald die eine und bald die andere Farbe allein. Eine geringe Verschiebung des gegenseitigen Stärkeverhältnisses oder auch die Bevorzugung des einen Reizes durch die Aufmerksamkeit läßt diesen alsbald über den Konkurrenten obsiegen.

2. Die Sehrichtung des Doppelauges

Fixieren wir ein näher gelegenes Objekt, so konvergieren die Blicklinien beider Augen, d. h. die Verbindungslinien des fixierten Punktes mit der Netzhautmitte eines jeden Auges bilden zusammen einen Winkel, wie sich aus der schematischen Zeichnung ersehen läßt. (Fig. 5.) Es ergibt sich also das Problem: In welcher Richtung sehen wir bei Verwendung beider Augen die Gegenstände, da doch jedes Auge in eine andere Richtung weist? Man bringe an einer Fensterscheibe einen kleinen Fleck an, schließe das linke Auge und fixiere mit dem rechten den Fleck auf der Scheibe und merke sich gleichzeitig jenes Objekt der äußeren Umgebung, das man beim Fixieren des Fleckes miterblickt. Darauf schließe man das rechte Auge und fixiere mit dem linken. Man sieht dann hinter dem Fleck ein anderes äußeres Objekt, das von dem soeben wahrgenommenen beträchtlich nach rechts gelegen ist. Nunmehr fixiere man den Fleck auf der Scheibe ein drittes Mal, aber jetzt mit beiden Augen. Dann scheinen die beiden zuvor gesehenen Objekte nicht voneinander entfernt, sondern in derselben Richtung hinter dem Fleck zu liegen. Alle Gegenstände, die auf der Sehrichtung des einen Auges liegen, werden mit denen, die auf der zugehörigen Sehrichtung des andern Auges liegen, in eine gemeinsame Sehrichtung vereinigt. Dies ist das +Gesetz der identischen Sehrichtungen+ (+Hering+). Das Doppelauge lokalisiert so, als ob es ein einziges, zwischen den beiden Augen gelegenes wäre. (Das „Zyklopenauge“.) Durch diese Tatsache ist die oben erwähnte Projektionstheorie endgültig erledigt.

3. Das Tiefensehen mit zwei Augen

Denkt man sich durch den Fixationspunkt senkrecht zur Blicklinie des Zyklopenauges eine Ebene gelegt, so bilden sich außer dem Fixationspunkt auch die auf dieser „Kernfläche“ befindlichen Punkte auf identischen Netzhautstellen ab und werden somit einfach gesehen. Fixiere ich darum von zwei Nadeln, die in der Kernfläche sind, die eine, so erhalte ich auch von der nicht fixierten ein einfaches Bild. Verschiebt man nun diese Nadel ein wenig vor oder hinter die Kernfläche, so bleibt ihr optisches Bild dennoch einfach, doch wird ihre Tiefenlage vor oder hinter der Kernfläche wahrgenommen. Verschiebt man die Nadel jedoch etwas mehr aus der Kernfläche heraus, so wird sie alsbald doppelt gesehen. Der Strahlengang bei den drei erwähnten Lagen der nicht fixierten Nadel läßt sich sehr leicht zeichnen. Aus dem schematischen Bild kann man nun unmittelbar folgenden Satz ablesen: Das Einfachsehen nicht fixierter Punkte ist nicht streng an die identischen Netzhautstellen gebunden; werden indes zwei nur ungefähr identische Punkte der Netzhäute gereizt, so scheint das Objekt, von dem diese Reizung ausgeht, vor bzw. hinter der Kernfläche zu liegen.

Die Gegenprobe und den vollen Beweis zu diesem Satz erbringt ein von +Hering+ angegebener Versuch, in dem eine Reizung nahezu identischer Punkte ermöglicht wird, ohne daß sie, wie soeben, von einem objektiv außerhalb der Kernfläche liegenden Ding bewirkt wird. Man zeichne auf zwei Papiere je drei einander parallele und gleichweit abstehende Gerade und bringe beide Zeichnungen in einem Stereoskop an Stelle der stereoskopischen Bilder symmetrisch an, so daß die Geraden senkrecht von oben nach unten verlaufen. Fixiert man jetzt die mittleren Linien, so erblickt man statt der sechs vorhandenen nur drei in einer Ebene liegende Gerade. Zeichnet man nun auf einem der Papiere die mittlere Gerade ein wenig nach rechts oder links, so bildet beim Hineinschauen das eine Auge die mittlere Gerade genau im mittleren Längskreise ab, während das andere sein Bild ein wenig links oder rechts von der Netzhautmitte hat, -- die Richtung beider Augen bleibt nämlich nach wie vor dieselbe. Die psychische Wirkung dieser Reizungsart ist nun die, daß nunmehr nicht etwa vier Striche gesehen werden, sondern daß nur drei Gerade erscheinen, deren mittlere jedoch vor oder hinter den anderen zu liegen scheint.

Die zwei soeben geschilderten Versuche gestatten auch eine +Messung der Tiefensehschärfe+. Man rückt von drei in der Kernfläche befindlichen Nadeln die mittlere so weit aus der Kernfläche, bis ihre verschiedene Tiefe eben bemerkt wird. Oder man mißt, wie weit bei dem stereoskopischen Versuch die mittlere Senkrechte seitlich verschoben werden muß, bis ein Tiefeneindruck entsteht. Es stellte sich heraus, daß das Tiefensehen durch die Übung die Feinheit der Sehschärfe erreichen kann: eine Lagedifferenz der beiden Netzhautbilder von 10″ vermag schon einen Tiefeneindruck zu bewirken. Je weiter die zu beurteilenden Dinge vom Auge entfernt sind, um so größer muß ihr gegenseitiger Abstand sein, soll er noch als Tiefenunterschied erkannt werden: auf 1 m 0,4 mm, auf 50 m 1 m, auf 420 m 80 m, während über 2600 m kein Tiefenunterschied mehr aufgefaßt wird. Der Sehraum entspricht somit auch in dieser Hinsicht nicht dem geometrischen Raum.

Zu beachten ist noch, daß nur die feinen Lageunterschiede der Bilder auf den +Querschnitten+ der Netzhaut den Tiefeneindruck hervorrufen. Solche Bilder heißen querdisparat, und die gekennzeichnete Lageverschiedenheit heißt +Querdisparation+. Die Verschiebung der Netzhautbilder infolge ihrer Verrückung aus der Kernfläche führt auch den Namen der +binokularen Parallaxe+.

Eine Anwendung der binokularen Parallaxe ist das +Stereoskop+. In geringem Abstand wird jedem Auge ein eigenes Bild dargeboten. Durch eine Prismenkombination wird nun erreicht, daß die nebeneinander liegenden Teilbilder auf die Deckpunkte beider Augen fallen. Diese Bilder wurden hergestellt, indem man etwa denselben Gegenstand gleichzeitig durch zwei in Augenweite voneinander entfernte Kameras photographierte. Somit erhält jedes Auge ein eigenes Bild, das jedoch nur wenig von seinem Gegenstück abweicht. Die solchermaßen gesicherte Querdisparation verursacht den körperlichen Eindruck des gesehenen Bildes. Darum kann umgekehrt das Stereoskop auch prüfen, ob zwei Bilder genau gleich oder auch nur um ein weniges voneinander verschieden sind. Echte Banknoten z. B. stammen aus derselben Druckerpresse. Symmetrisch unter das Stereoskop gebracht, müssen sie darum ein unkörperliches Bild ergeben. Springen jedoch einzelne Buchstaben und Striche aus der Bildebene hervor, so ist die Ungleichheit der Bilder und damit der verschiedenartige Ursprung der Drucke erwiesen.

4. Der Ursprung der binokularen Tiefenwahrnehmung

An dieser Stelle kehrt die Streitfrage wieder, ob unsere Tiefenwahrnehmung angeboren oder erworben sei. Nachdem wir schon ausgeführt haben, daß und wie das Einauge eine vollkommene Tiefenwahrnehmung erlangen kann, dürfen wir von der historischen Entwicklung der Kontroverse absehen und können sogleich die Kernfrage nennen, um die sich heute der ganze Streit dreht. Auch der Nativist gibt heute zu, daß allein mit den Mitteln des Einauges tatsächlich eine Tiefenwahrnehmung zu erzielen ist. Er behauptet jedoch, daß die Querdisparation eine unmittelbare und wahre +Empfindung+ der Tiefe vermittle, eine Empfindung, die uns zwar nicht die absolute Entfernung der Dinge vom Auge unmittelbar kennen lehrt, die jedoch die Lage der Gegenstände zu der Kernfläche zeigt. Aus diesem Grundkapital entwickle sich die vollkommene Tiefenwahrnehmung des Erwachsenen, für den schließlich die Querdisparation das feinste und eigentlichste Mittel zur Erkennung der Tiefenunterschiede wird. Man braucht ja nur ein Auge zu schließen, um alsbald eine beträchtliche Herabsetzung unseres Körperlichsehens festzustellen.

Dem Nativismus stehen für seine Ansicht schwerwiegende Gründe zu Gebote. Ihr wuchtigster dürfte der oben (S. 91 f.) beschriebene Stereoskopversuch sein: die einfache Reizung querdisparater Netzhautpunkte bewirkt ohne irgendwelche anderen objektiven oder subjektiven Anhaltspunkte eine Tiefenwahrnehmung. Dazu kommt die große Schwierigkeit, den unleugbar anschaulichen Charakter des Tiefeneindruckes aus Vorstellungselementen verständlich zu machen. -- Indes durchschlagend sind diese Beweise nicht. Solange es nicht möglich ist, bei einem operierten Blindgeborenen den Heringschen Stereoskopversuch mit Erfolg anzustellen, bleibt es erlaubt, den Tiefeneindruck bei querdisparater Reizung aus der Erfahrung herzuleiten: wie für den Einäugigen die monokulare Parallaxe, so entwickelt sich beim Normalen die binokulare zum Kriterium des Tiefensehens. Die Unmittelbarkeit des Tiefeneindruckes braucht dabei nicht zu überraschen. Denn ebenso unmittelbar lokalisieren wir auch einen Tastreiz, was uns nur auf Grund der Erfahrung möglich ist. Ferner glauben wir auch gezeigt zu haben, wie der Einäugige zu dem anschaulichen Inhalt seiner Tiefenwahrnehmung gelangt. Endlich dürfte noch zu beachten sein, daß die Tiefenauffassung, wenigstens bei dem erwachsenen Menschen, nicht auf die gleiche Stufe wie die Flächenwahrnehmung zu setzen ist. Wir möchten sie vielmehr der Gestaltwahrnehmung (s. unten) nahebringen. Auch bei dieser erleben wir unmittelbar und in gewissem Sinne anschauliche Eindrücke, die aber gleichwohl nicht als Empfindungen angesprochen werden können.

Die Empiristen berufen sich ihrerseits auf die vollkommene Tiefenanschauung der Einäugigen, mit der gewiß die Notwendigkeit, aber nicht eine etwa nachweisbare Tatsächlichkeit der Tiefenempfindung auszuschließen ist. Es liegen aber aus der jüngsten Zeit verschiedene Experimente vor, die den Empfindungscharakter querdisparater Erregungen als zweifelhaft erscheinen lassen. So wies +Karpinska+ nach, daß sich die räumliche Auffassung bei stereoskopischer Betrachtung nur allmählich ausbildet, somit auch mehr Zeit benötigt als die Gesichtsempfindungen; daß sie an Schnelligkeit von der durch den Veranten vermittelten plastischen Auffassung übertroffen wird, bei dem bekanntlich nur Erfahrungskriterien wirksam sind; daß sie endlich durch die Einstellung des Subjektes ganz unterdrückt werden kann. Das Pseudoskop ferner, das durch Vertauschung der stereoskopischen Bilder das Relief der Dinge umkehrt, einen runden Balken sonach als Hohlrinne erscheinen läßt, vermag diese Umkehrung bei dem Bilde des menschlichen Gesichtes nicht zu erreichen; die Erfahrungsmomente überwinden hier also die Querdisparation. Sodann läßt sich der Effekt der Querdisparation an bloß einem Auge dadurch erzielen, daß man die für die beiden Augen bestimmten stereoskopischen Bilder in rascher Folge demselben Auge exponiert (+Straub+). Schließlich will +Poppelreuter+ das flächenhafte, „malerische“ Sehen, das monokular leicht zu bewerkstelligen ist, nach einiger Übung auch binokular erlernt haben. Es lassen sich aber wohl Vorstellungen, nicht jedoch Empfindungen unter dergleichen Voraussetzungen unterdrücken. Nach dem Gesagten tragen wir kein Bedenken, die Position des Empirismus als die zur Zeit günstigere anzusehen.

Literatur

Über die nativistisch-empiristische Kontroverse und die ältere Literatur zu dieser vgl. +Fröbes+ I, 2. Aufl., S. 331 ff.

Fußnoten:

[3] Vgl. die S. 90 zitierte Arbeit.

[4] Eine Erklärungsmöglichkeit bietet die S. 90 zitierte Arbeit.

[5] Vgl. J. +Lindworsky+, Zur Theorie des binokularen Einfachsehens und verwandter Erscheinungen. ZPs 1923.

3. Kap. Empfindungskomplexe des Tastsinnes

1. Der Raumsinn der Haut

Die Reizung eines Druckpunktes oder einer beliebigen Hautstelle ruft eine flächenförmig ausgedehnte Empfindung hervor. Wir können uns bei dieser Feststellung nur auf den unmittelbaren Eindruck stützen, werden aber die Richtigkeit dieser Beobachtung aus den alsbald zu nennenden Tatsachen bestätigt finden. Was geschieht nun, wenn man +gleichzeitig mehrere Stellen der Haut reizt+? Setzt man die beiden Spitzen eines Zirkels (man verwendet dazu eigens hergestellte Tastzirkel oder Ästhesiometer) nahe beieinander auf die Haut, so verspürt man einen einfachen Druck, als wenn nur ein einziger Punkt gereizt worden wäre. Rückt man nun die Zirkelspitzen ein wenig auseinander und setzt sie von neuem auf, so wird der wahrgenommene Punkt etwas breiter, dehnt sich zu einer Fläche, wird dann eine Linie, und erst bei einer gewissen Zirkelweite hat man den Eindruck, daß zwei getrennte Punkte der Haut gereizt worden sind. Eben diesen Abstand, den zwei gleichzeitig einwirkende Tastreize wahren müssen, um als zwei bemerkt zu werden, bezeichnet man als die +Raumschwelle+. Sie ist an verschiedenen Körperteilen verschieden groß: an der Zungenspitze 1 mm, an der Fingerspitze 2 mm, am größten am Rücken und an den Gliedmaßen, etwa 6 mm am Oberarm. Die Raumschwelle mißt die Feinheit unseres +Raumsinnes+, d. h. der „Fähigkeit, Form, Größe, Zahl, Bewegung der unsere Hautoberfläche berührenden Gegenstände mittels der Tastempfindung zu erkennen“. Je kleiner die Schwelle, um so feiner der Raumsinn.

Die Raumschwelle ist bei Kindern kleiner als bei Erwachsenen. Sie wechselt auch bei den einzelnen Individuen. Um die +simultane+ Raumschwelle sicher zu erhalten, muß man übrigens die beiden Zirkelspitzen gleichzeitig und mit gleich starkem Druck aufsetzen. Sukzessive und ungleich starke Berührung verkleinert die Schwelle. Auch Wärme und Blutfülle macht die Haut empfindlicher, während Kälte und Blutleere die Empfindlichkeit herabsetzt. Im gleichen Sinne wie diese Faktoren wirken Übung und Ermüdung. Allerdings nicht so, daß die Übung, wie man früher vielfach glaubte, das Sinnesorgan selbst verfeinerte. Im Grunde wird nur die Einstellung auf die Unterscheidung der beiden Eindrücke geübt. Das zeigte sich bei der Untersuchung von Blinden. Bei ihnen nahm man vielfach eine außergewöhnliche Verfeinerung des Hautsinnes an, da sie diesen Sinn so außerordentlich übten, und da man überdies meinte, der Ausfall eines Sinnes komme den übrigbleibenden zugute. Es stellte sich nun heraus, daß bei gleicher Aufmerksamkeitsanspannung der Raumsinn der Blinden infolge des beständigen Tastens stumpfer war als der der Sehenden. Ebenso scheint die Vergrößerung der Raumschwelle infolge der Ermüdung in erster Linie auf die Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit zurückzuführen zu sein. Wenn man darum mit den experimentierenden Pädagogen (+Griesbach+) die Bestimmung der Raumschwelle zum Nachweis der Ermüdung benutzen will, muß man die Schwelle unmittelbar nach der ermüdenden Arbeit bestimmen, weil sonst die „Aufmerksamkeit“ sich alsbald wieder erholt.

2. Der Tastraum der Blinden

Es ist für den Sehenden sehr schwer, sich zu veranschaulichen, was eine Mehrheit von Tastempfindungen ihm von der Außenwelt mitteilt. Will man sich darüber Rechenschaft geben, so drängen sich stets die Angaben des Gesichtsinnes dazwischen. Man wird darum besser die Blindgeborenen befragen. Da ist nun entgegen vereinzelten Ansichten älterer Psychologen vor allem festzustellen, daß die Blindgeborenen allmählich zu einer Raumanschauung in demselben Sinne wie die Sehenden gelangen. Operierte Blindgeborene sind nämlich durchaus nicht der Ansicht, daß sie mit der nunmehr optisch vermittelten Raumanschauung etwas absolut Neues in sich aufnähmen. Ebenso spricht dagegen die Existenz blindgeborener Mathematiker, die sich ohne besondere Schwierigkeit die doch aus dem anschaulichen Raum gewonnenen geometrischen Begriffe aneignen. Auch die Modellier- und Schnitzleistungen Blindgeborener wären ohne persönliche Raumanschauung kaum zu verstehen.