Part 11
Der Versuch einer +Analyse des Gestalteindruckes+ wird heute wohl folgende Faktoren aufzählen können. Erste Voraussetzung ist eine Mehrheit sinnlicher Daten, die im Raum oder in der Zeit verteilt sind. Ihre Qualität und Intensität ist von untergeordneter Bedeutung, wie schon die Transposition einer Melodie zeigt; auch die vier Punkte in obiger Figur könnten eine beliebige Farbe haben, wenn auch zu beachten bleibt, daß Qualität und Intensität auf die normale Gestaltbildung von Einfluß ist: ist z. B. der letzte Ton eines Tonpaares höher, so werden die Töne in der Regel in jambischer Gestalt aufgefaßt. Zweitens: Bei unseren vier Punkten wäre es möglich, daß die (früher erworbene) +Vorstellung+ eines Rhombus, eines Kreuzes, zweier Parallelen je nach ihrer Bereitschaft auftauchte und die Auffassung der Punkte bestimmte. Allein damit ist das Problem nicht zu lösen. Wir können ja den Einzeleindrücken völlig neue Gestalten entnehmen, von denen wir noch keine Vorstellung haben.
Wichtiger als die Vorstellungen in Bereitschaft sind (drittens) die +aktiven Beziehungsakte+. Dieses aktive Beziehen oder Zusammenfassen ist nicht mit der Aufmerksamkeitsbeachtung zu verwechseln. Das Beachten eines jeden einzelnen Tones einer Tonfolge macht aus ihr keine Melodie, sondern kann eine solche eher in ihre Teile wieder zerfallen lassen. Aus dem aktiven Aufeinanderbeziehen ergibt sich (viertens) eine +Beziehungserfassung+. Zwar besagt eine derartige Beziehungserfassung nichts über das abstrakte Verhältnis der Längen zweier Geraden, der Schwingungszahlen zweier Töne usw., aber wir erleben, wie die anschaulichen Termini der Beziehung sich zueinander verhalten. Wäre der Ausdruck nicht mißverständlich, so möchte man von anschaulichen Beziehungen reden. Wir hören nicht bloß einen Ton und dann den anderen, wir erfassen es vielmehr, wie nah oder wie fern die Qualität des zweiten zu der des ersten steht. Zweifellos steigert solch bewußtes Erfassen der Aufeinanderfolge von sinnlichen Eindrücken die Gefühlswirkung, die sich ohnedies schon an eine Empfindungsfolge anschließt. Doch machen die Gefühle nicht die Gestaltqualität aus: ein Fünfeck unterscheidet sich von einem Sechseck nicht so sehr durch seine Gefühlswirkungen als eben durch seine Gestalt.
Wir haben bisher die Faktoren aufzuzählen gesucht, die beim Auffassen einer +neuen+ Gestalt wirksam sind. Man hat früher gestritten, ob Gestalten analytisch oder synthetisch aufgefaßt würden. Einzelne Autoren meinten, wir seien immer auf das synthetische Fortschreiten von den Teilen zum Ganzen angewiesen. Die Experimente ergaben, daß beide Auffassungsweisen möglich sind. Doch dürfte bei völlig neuen und zeitlich sich entwickelnden Gestalten, wie Rhythmus und Melodie, die Synthese vorherrschen. Es ist das ein ganz eigenartiges Erlebnis, wenn etwa eine Folge von vier Tönen, die anfangs ungeordnet und unübersehbar sind und darum wohl auch den Eindruck einer größeren Anzahl machen, Gestalt annimmt. Eine lustbetonte Klarheit und Einfachheit tritt ein, und man staunt über die geringe Zahl der Einheiten, die sich leicht beherrschen lassen: die vier Töne waren eben nur die zweimalige Wiederholung der nämlichen Terz.
Ist die Gestaltauffassung mehr als der rein sinnliche Eindruck, dann werden wohl auch die +Täuschungen+ über die objektiv gegebenen Gestalten nicht ausschließlich auf Inadäquatheiten der Sinnesfunktionen beruhen. Den sicher erweisbaren Anteil der Sinne an diesen Täuschungen haben wir oben besprochen (S. 81 f.). Was durch die Unvollkommenheiten der Organe nicht erklärt werden konnte -- und es ist dies der größere und bedeutsamere Teil --, hat man durch Assoziationstheorien, Augenbewegungstheorien, Aufmerksamkeits- und Urteilstheorien zu fassen gesucht, Theorien, die oft den Anspruch auf Alleinherrschaft machten. Ist unsere Analyse der Gestaltwahrnehmung auch nur einigermaßen richtig, dann sind nahezu ebensoviel Faktoren bei der Fälschung der Gestaltwahrnehmung, wie bei ihrer Entstehung am Werke. Die Wahrscheinlichkeit, mit einer einzigen der genannten Theorien auszukommen, ist darum nicht groß. Eine systematische Durchprüfung aller Wahrnehmungstäuschungen auf die einzelnen Faktoren mit dem Versuch einer Variation derselben wäre noch anzustellen. Auf Einzelnes hat man indessen schon aufmerksam gemacht, so auf die Verwechslung der Beziehungspunkte, namentlich beim Vergleich zweier Gestalten: ein auf der Spitze stehendes Quadrat erscheint größer als ein liegendes, weil man statt der Flächen die beiden von Punkten der Figuren begrenzten Senkrechten aufeinander bezieht (+Schumann+); >----< erscheint länger als <---->, weil man den von den Schrägen eingeschlossenen Raum mit einbezieht (+Müller-Lyer+).
Literatur
K. +Bühler+, Die Gestaltwahrnehmungen I (1913).
M. +Wertheimer+, Untersuchungen zur Lehre von der Gestalt. Psychol. Forschung (1922) I, S. 41 ff. (vgl. unten S. 131 ff.).
2. Kap. Die Zeitwahrnehmung
Wohl auf keinem anderen Gebiete der experimentellen Psychologie ist eine vorausgehende Besinnung und begriffliche Klärung über den Untersuchungsgegenstand so unerläßlich wie bei der Darstellung des „Zeitsinnes“. Auch hier beginnen wir mit dem, was uns unmittelbar in der Erfahrung gegeben ist. Da finden wir nun, daß die ganze, unserem Gegenstandsbewußtsein zugängliche Welt, wir selbst und unser Erleben nicht ausgenommen, einem zeitlichen Verlauf unterworfen ist. Diese +objektive Zeit+ erforscht die Psychologie nicht. Die Psychologie fragt nur: Wie erfassen und erleben wir die objektive Zeit?
Aus dem Gebiet des Zeitlichen erobert unser Bewußtsein nun mancherlei. Wir sprechen von der +Zeit im allgemeinen+ und von verschiedenen Zeitstrecken, geradeso wie wir von dem Raum im allgemeinen und von verschiedenen räumlichen Erstreckungen reden. Da haben wir es mit der letzten dem Bewußtsein möglichen Eroberung eines Erlebnisses zu tun: wir sind zur +begrifflichen+ Erfassung der Zeit vorgedrungen, eine Leistung, die wir erst bei Behandlung der Begriffe würdigen können. Wir beherrschen zweitens die +zeitlichen Beziehungen+: das Nacheinander, das Früher, Später, die Gleichzeitigkeit, das Jetzt. Sehen wir davon ab, daß namentlich bei der sprachlichen Verwertung dieser Dinge gleichfalls eine hohe begriffliche Verarbeitung der Zeiterlebnisse vorausgegangen sein muß, so braucht es doch keinen langen Nachweis, daß wir diese Verhältnisse auch vor aller Sprache und Begriffsbildung zu erkennen imstande sind. Das kleine Kind dürfte schon ohne Sprache und ohne weitläufige Begriffsbildung bemerken, daß das Heranbringen der Milchflasche vor dem Trinken und das Zubettgelegtwerden nach dem Trinken kommt. Es ist dies eine +Beziehungserfassung+, die ohne Denkfähigkeit nicht möglich ist. Und weil solche Beziehungserfassungen auch bei der Zeitwahrnehmung, wie sie die Experimente untersuchten, eine so große Rolle spielen, darum weisen wir der Zeitwahrnehmung entgegen dem bisherigen Gebrauch diese Stelle innerhalb der systematischen Darlegung an. Aus dem gleichen Grunde müssen wir auch dem Tier die Erfassung des Vorher, Nachher, des Jetzt und der Gleichzeitigkeit absprechen.
Drittens nehmen wir unmittelbar die +Dauer+ wahr: das, was die Sinne uns zeigen, wird uns als dauernd vorgestellt, und auch die Erlebnisse in uns, das Suchen und Forschen, das Lieben und Leiden, tritt immer nur als ein dauerndes Erleben auf. Das Dauern ist uns in +allen+ unseren Erlebnissen gegeben, wie das Ausgedehntsein in den Erlebnissen des Gesichts- und Tastsinnes gegeben ist. So verstanden, erlebt auch das Tier die Dauer. Sobald man jedoch nur diese eine Eigenschaft aller seelischen Geschehnisse für sich betrachtet, hat man eine Abstraktionsleistung vollzogen, deren wir das Tier nicht für fähig halten. Diese für sich allein genommene Seite individueller Bewußtseinsvorgänge ist es, die den eigentlichen Gegenstand der Zeitsinnuntersuchungen bildet. Man erkennt sofort, daß die Bezeichnung Zeitsinn eine sehr wenig glückliche war. Es geht nicht an, für die Erfassung eines unselbständigen Merkmals einen besonderen Sinn anzusetzen, man müßte sonst auch einen eigenen Raumsinn oder gar einen Intensitätssinn einführen. Dank dieser prinzipiellen Gleichstellung der Dauer mit den Sinneseindrücken, wie sie der sensistischen Psychologie geläufig war, stellte man dem Experiment +zwei Hauptaufgaben+: die Bestimmung der Zeitschwelle und die Vergleichung von Zeitstrecken. Für das Kernproblem, die Erfassung der Dauer, konnten diese Untersuchungen nicht sehr viel auswerfen; den reichsten Gewinn erzielt dabei die Psychologie des Urteils. Das Wichtigste sei kurz mitgeteilt.
Wenn man feststellt, daß das Auge schwache Lichtblitze als zwei erkennt, die sich in einem Zeitintervall von rund 45 σ (1 σ = ¹⁄₁₀₀₀ Sekunde), oder bei Einwirkung auf verschiedene Netzhautpunkte von 10 σ (+Pauli+) folgen, daß der Tastsinn zu derselben Leistung 27 σ, das Gehör nur 16 σ oder gar nur 2 σ benötigt, dann hat man im Grunde das zeitliche Auflösungsvermögen dieser Sinne gefunden. Man weiß nun, wieviel Zeit ein jeder braucht, um einen Reiz genügend abklingen zu lassen, damit ein folgender von jenem unterschieden werden kann -- an sich höchst bedeutsame Ergebnisse. Hinsichtlich der +Dauerschwelle+ erfahren wir hieraus indessen nur, daß sie unter 2 σ liegen muß.
Bei der Beurteilung von +Zeitstrecken+ empfiehlt es sich, +drei Hauptfälle+ auseinander zu halten: man beachtet die Dauer gleichzeitig während des Erlebens; man beurteilt sie erst beim Rückblick auf das Erlebte; man beurteilt sie vorausschauend und den Eintritt eines bestimmten Ereignisses abwartend.
Zu dem ersten Hauptfall gehören namentlich die experimentellen +Vergleichungen zweier Zeitstrecken+. Sind diese +sehr+ kurz, dann achtet man in Wirklichkeit nicht auf die Dauer, sondern auf die Geschwindigkeit, mit der sich die die Zeitstrecke begrenzenden Reize folgen. Bei +längeren+ Zeitintervallen, etwa bis zu 3″, scheint ein unmittelbarer anschaulicher Vergleich der Dauer möglich zu sein. Bei noch größerem Zeitabstand wird der unmittelbare Vergleich schwerer. Der Beobachter muß die Grenzreize, z. B. die Metronomschläge, mit sichtlicher Bemühung zusammenhalten, damit die Vergleichung zuverlässig bleibt. Das weist darauf hin, daß größere Strecken überhaupt nur an den sie ausfüllenden Erlebnissen gemessen werden können. Das ist nach unserer Auffassung der Dauer als eines unselbständigen Momentes zu erwarten und ist im Grunde auch bei dem Vergleich der kleineren Zeiten vorhanden. Nur daß hier die wenig ausgesprochenen Erlebnisse des Allgemeinbefindens hinreichen, während bei längerer Dauer charakteristische Dinge, wie aktives Bemühen, Nachkonstruieren der Zeitstrecke, Beachtung der Atembewegungen, der wachsenden Spannung u. ä., zu Hilfe genommen werden. Als allgemeine Regel ergab sich bei diesen Zeitvergleichungen: kleine Zeiten werden überschätzt, große werden unterschätzt; zwischen beiden liegt eine Indifferenzzone von 1-2″, die nahezu richtig beurteilt wird. Auf den Zeitvergleich wirken mancherlei Faktoren bestimmend ein: so die verschiedene Stärke der das Zeitintervall abgrenzenden Signale; das intensivere Signal verkürzt das Intervall, wenn es an dessen Anfang steht, es verlängert es, wenn es das Intervall abschließt. Doch gehören diese Dinge in die Psychologie des Vergleiches.
Erlebt man vielerlei während einer bestimmten Spanne objektiver Zeit und achtet gleichzeitig auf die Dauer, so erscheint sie einem lang; achtet man hingegen nicht auf die Zeit, so wird man von dem Ende der Zeitspanne überrascht. Daher auch der große Unterschied bei dem Vergleich von leeren und ausgefüllten Zeitstrecken, der sich aber je nach der Aufmerksamkeitsrichtung des Beobachters anders geltend macht. In der Erinnerung hingegen wird eine erlebnisreiche Zeitspanne größer erscheinen als eine erlebnisarme. Da uns für die Wahrnehmung der Zeit kein besonderes Sensorium zur Verfügung steht, und der absolute Eindruck des Langen oder Kurzen nur aus der Menge der durchschnittlich in der Zeiteinheit erlebbaren Ereignisse entsteht, so begreift man auch, daß bei einer außergewöhnlichen Steigerung des Vorstellungslebens, wie sie etwa der Haschischgenuß hervorruft, die Dauer geläufiger Verrichtungen merkwürdig gesteigert zu sein scheint: das Passieren einer Straße will kein Ende nehmen, weil außergewöhnlich viele Bilder durch den Geist des Gehenden ziehen.
Im dritten Hauptfall erwarten wir ein zukünftiges Ereignis. An sich verfließt uns da die Zeit nicht langsamer als sonst, aber wir konstatieren immer wieder, daß unser Verlangen noch nicht erfüllt ist. Damit verdrängen wir gleichzeitig Gedanken und Beschäftigungen, die uns zerstreuen könnten, und es entsteht die Langeweile.
Offenbaren die genannten Verhältnisse die Relativität und Subjektivität unserer Zeitschätzung, so zeigt die „+Zeitverschiebung+“ unsere Unfähigkeit, ein Jetzt zu fixieren, wenn es durch zwei disparate Sinneseindrücke gekennzeichnet wird. Diese Tatsache ist unter dem Namen der persönlichen Gleichung schon lange in der Astronomie bekannt: zwei Beobachter werden niemals in übereinstimmender Weise angeben, an welcher Stelle des Fadenkreuzes der durchgehende Stern beim Ertönen des Sekundenschlages stand. +Wundt+ prüfte dies genauer durch „Komplikationsversuche“. Die Vp hat einen sich bewegenden Zeiger zu beobachten und festzustellen, wo der Zeiger stand, als ein Glockensignal ertönte. Anfangs wird in der Regel eine Stellung vor der richtigen, später eine solche hinter der zutreffenden genannt. Man hört also im Anfang gewissermaßen das Signal, bevor es gegeben ist, und später scheinbar erst, nachdem es schon erklungen. Die Erklärung des Phänomens ist noch umstritten. Man wird es nicht einfach mit Wundt auf die verschieden lange Apperzeptionszeit der beiden Reize zurückführen können, sondern beachten müssen, auf welchen Reiz der Beobachter jeweils eingestellt ist: die Auffassung jenes Sinnesreizes, den die Vp zunächst erwartet, ist begünstigt und erfolgt darum vor der des anderen Reizes (+Michotte+). Erhellt man die Fensterreihe eines Schirmes gleichzeitig durch eine Geißlerröhre und läßt eines der Fenster beachten, so scheint die Aufhellung von dieser Stelle auszugehen (+Bethe+).
Eine weitere Ungenauigkeit in der Zeitauffassung, die jedoch unserem ganzen Denken und Leben zum Heile gereicht, begehen wir bei der Auffassung des +Jetzt+. Das objektive Jetzt kann nur in einem unteilbaren Augenblick bestehen, das subjektive Jetzt, die „+psychische Präsenzzeit+“ hingegen umfaßt mehrere Sekunden. Das in dem punktförmigen Jetzt Erlebte entschwindet nämlich beim Gesunden nicht stracks dem Bewußtsein. Es verweilt zwar nicht mehr im Mittelpunkt, es verliert auch je länger, je mehr an Klarheit und Ausgeprägtheit, aber es steht doch noch so vor unserem Geiste, daß wir es nicht zu reproduzieren, sondern nur zu beachten brauchen, falls wir es noch einmal zu besehen wünschen, während wir die Erlebnisse der früheren Vergangenheit überhaupt erst wieder ins Bewußtsein zurückführen müssen. Der große Vorteil dieser Einrichtung liegt auf der Hand und wird besonders gewürdigt, wenn krankhafte Übermüdung des Gehirns den Faden der psychischen Kontinuität abreißen läßt.
Das stufenweise Verblassen der eben dagewesenen Erlebnisse verleiht diesen gewissermaßen Temporalzeichen, an denen ihre zeitliche Folge erkennbar bleibt: je verblaßter der Bewußtseinsinhalt, um so älter ist er. Vermittels dieser Temporalzeichen glaubte man eine streng empiristische +Zeittheorie+ entwerfen zu können, ganz ähnlich wie +Lotze+ es beim Raum versucht hatte: die Dauer würde nicht unmittelbar wahrgenommen, sondern entstünde erst aus den Bewußtseinsinhalten samt ihren Temporalzeichen. Allein wenn wir den Übergang von dem Jetzt in die Vergangenheit oder vielleicht auch nur von dem Sosein in das Anderssein nicht unmittelbar als solchen erleben, werden wir aus den genannten Elementen ebensowenig die Zeit integrieren, wie wir den Raum aus den Lokalzeichen gewinnen konnten. Man muß darum auch bei der Zeit- bzw. der Veränderungswahrnehmung ein geringes Anfangskapital im Sinne des Nativismus voraussetzen. Alles weitere -- und das ist das wichtigste Ergebnis der Experimente -- wird in der Erfahrung gewonnen.
Wie wir Abgrenzungen des Raumes zu Raumgestalten vereinigen, so fassen wir Abgrenzungen der Zeit zu +Zeitgestalten+ zusammen: zwei Zeitmarken (Taktschläge, Lichter, Berührungen) bilden zusammen mit ihrem zeitlichen Intervall eine Zeitstrecke. Mehrere Zeitstrecken schließen sich zu einer +rhythmischen Gestalt+ zusammen. Dabei pflegt eine oder mehrere der Zeitmarken durch die Beachtung betont zu werden. Diese Hervorhebung einzelner Zeitmarken kommt praktisch einer Intensitätssteigerung gleich, ist mit ihr jedoch nicht identisch: sie kann ja auch den merklich schwächeren Reizen zugewiesen werden.
Da viele unserer Bewegungen, namentlich unser Gang, rhythmisch gegliedert sind, lösen rhythmische Eindrücke alsbald unwillkürliche Bewegungen aus. Darum meinte G. E. +Müller+, die rhythmische Auffassung objektiv völlig gleichmäßiger Reize sei nur eine Folge früherer Erfahrungen. +Koffka+ versuchte diese Ansicht experimentell zu widerlegen: optische Eindrücke sollen mit Ausschluß jeglicher Bewegungsimpulse dennoch rhythmisch erlebt werden können. Es wird schwer sein, hierfür einen unanfechtbaren experimentellen Beweis zu liefern. Aber da der Gedanke G. E. Müllers auf dem Gebiet der übrigen Gestaltwahrnehmungen versagt und das Rhythmuserlebnis den gleichen Charakter wie die anderen Gestaltwahrnehmungen trägt, werden wir es wie diese in der Hauptsache auf das aktive Zusammenfassen und auf das Erleben der Beziehungen zwischen anschaulichen Elementen zurückführen, während wir der subjektiven Betonung der objektiv gleichmäßigen Zeitmarken nur eine vorbereitende Rolle zuteilen.
Literatur
V. +Benussi+, Psychologie der Zeitauffassung. 1913.
H. +Werner+, Über optische Rhythmik. APs 38 (1918).
3. Kap. Die Bewegungswahrnehmung
Ganz ähnlich wie bei der Zeitwahrnehmung läßt sich auch hier eine begriffliche Sonderung vornehmen. Wir brauchen darum nur auf die obigen Ausführungen zu verweisen. Die Hauptprobleme werden sich alsdann an die unmittelbar wahrzunehmende Bewegung knüpfen und vor allem das psychologische Wesen der Bewegungswahrnehmung zu ergründen haben. Es empfiehlt sich für unsere Zwecke nicht, hier induktiv voranzugehen, wir hätten der Tatsachen zu viele mitzuteilen, bevor der Leser imstande wäre, sie zu würdigen und zu überschauen. Wir werden darum zuerst die +Theorie der Bewegungswahrnehmung+ erörtern, um uns darauf mit eigenartigen Fällen aus dem Gebiet der Bewegungswahrnehmung abzufinden.
Ältere Autoren versuchten die Bewegungswahrnehmung als einen +Schluß+ aus den Wahrnehmungen der veränderten Lage desselben Körpers zu verstehen. In der Tat schließen wir bei sehr langsamen Bewegungen (Gletscherbewegungen, Umlauf des Stundenzeigers) aus den verschiedenen Lagen auf eine vorausgegangene Bewegung. Aber so läßt sich das Erlebnis der gewöhnlichen Bewegungswahrnehmung nicht deuten. Denn nicht vergangene, sondern gegenwärtige Bewegungen sehen wir da. Überdies wissen wir heute, daß ein Schluß uns immer nur Beziehungen zwischen bekannten Gliedern mitzuteilen, niemals aber anschauliche Inhalte, die uns nicht schon die Wahrnehmung geliefert hätte, vorzuführen vermag. Und etwas Anschauliches ist zweifellos in der Bewegungswahrnehmung geboten.
Es lag daher nahe, eine besondere +Bewegungsempfindung+ anzusetzen (+Exner+), oder doch die Bewegung ein unselbständiges Moment der Empfindungen sein zu lassen, ähnlich wie die Intensität (+Schumann+). Mancherlei Tatsachen sprechen für solche Theorien.
Die Feinheit der Bewegungswahrnehmung ist in der Netzhautmitte etwa fünfmal so groß wie an der Peripherie. Die Fähigkeit, zwei bewegte Objekte auseinander zu halten, ist auf dem gelben Fleck ebenso groß wie die Sehschärfe, mit der zwei ruhende Punkte aufgelöst werden. An der Peripherie hingegen werden die bewegten Sehdinge viermal besser unterschieden als die unbewegten. Doch lassen sich diese Verhältnisse rein physiologisch verständlich machen (+Lasersohn+).
Außerdem widerstreitet den Empfindungstheorien dieses: Wo immer der adäquate Reiz für das Auftreten einer Empfindung bzw. die Veränderung eines Empfindungsmomentes gegeben ist, tritt bei normalen Verhältnissen auch die Empfindung bzw. die Veränderung des Empfindungsmomentes ein. Der einzige adäquate Reiz -- wir bleiben vorerst immer bei der optischen Bewegungswahrnehmung -- wäre hier nun die sukzessive Erregung benachbarter Netzhautstellen durch die gleichen Lichtwellen. So oft sie statt hätte, müßte auch Bewegung gesehen werden. Dem ist jedoch nicht so. Bewege ich mein Auge über einen Gegenstand hin, so nehme ich zumeist optisch keine Bewegung wahr.
Andere Theorien verzichten auf die Einführung eines neuen psychischen Elementarvorganges. So glaubt +Linke+ (wir modifizieren ein wenig seinen Gedanken), die Wahrnehmung der jeweils anderen Lage des bewegten Gegenstandes zu seiner Umgebung mache die Bewegungswahrnehmung aus. Sinnlich wäre uns jeden Augenblick ein anderes Lagebild geboten. Dazu kämen zwei Beziehungserfassungen, die nur gedanklich zu leisten sind: einmal die Lageerfassung, sodann die +Identifikation des+ objektiv bewegten +Gegenstandes in den wechselnden Lagen+. In Worte gefaßt, wäre also das Erlebnis: „Jetzt hier, jetzt da, jetzt dort! ...“ Man hat diese Theorie mit untauglichen Waffen bekämpft. Der Identifikationsprozeß ist nichts „Logizistisches“. Identifizieren ist ein wirkliches Erlebnis. Zwar geben wir es nicht immer durch Worte kund, ja wir konstatieren es nicht einmal immer -- wie wir auch die Verschiedenheit der vor uns ausgebreiteten Farben geistig erfassen, ohne sie immer zu konstatieren. Auch sind wir bei Beobachtung eines bewegten Gegenstandes hinreichend auf die Erfassung der Identität eingestellt. Daß es Scheinbewegungen zwischen zwei nacheinander aufleuchtenden Grenzlinien gibt, ohne daß diese für identisch gehalten werden (+Wertheimer+), bedeutet keine unüberwindliche Schwierigkeit, da dieses Erlebnis nur bei solchen beobachtet wird, die schon eine reiche Erfahrung im Bewegungssehen hinter sich haben. Dagegen vermißt man eher eine Erklärung des anschaulichen Überganges von einer Lage in die andere, der doch wirklich gesehen wird.
Am meisten befriedigt wohl eine in der Hauptsache von +Stern+ begründete Theorie. Stern nimmt eine +unmittelbare Wahrnehmung der Veränderung+ an: wir sehen, wie ein Licht verblaßt, wie ein Abstand zunimmt oder sich verkleinert. Voraussetzung einer solchen Veränderungswahrnehmung ist einerseits das Erleben der sich kontinuierlich ändernden Empfindungen, anderseits eine Art Identifikation, die Dingerfassung. Bewegt sich nun ein Gegenstand auf einer sichtbaren Strecke, so erkennen wir an den sinnlichen Daten nicht nur die Veränderung der Lage, sondern auch unmittelbar das Zunehmen der einen und das Abnehmen der andern Distanz auf der sichtbaren Strecke. Damit wäre wohl auch der anschauliche Charakter der Bewegungswahrnehmung erklärt, ohne daß neue Erkenntniselemente angesetzt werden müßten.
Gegen diese Theorie bedeutete die Wahrnehmung eines bewegten leuchtenden Punktes im Dunkeln, also ohne unterscheidbare Anhaltspunkte für die Lageauffassung, erst dann eine Schwierigkeit, wenn sie an einem Individuum ohne jede Erfahrung auf dem Gebiet des Bewegungssehens oder gar der Bewegungswahrnehmung überhaupt festgestellt würde. Für den Erwachsenen gewinnen nämlich die einzelnen Netzhautpunkte einen Ortswert (s. S. 81 f.), und ebenso können die verschiedenen Phasen des Nachbildes, das der leuchtende Punkt hinterläßt, und endlich die Bewegungen, die erforderlich sind, um ihm mit der Blickrichtung zu folgen, zu Kriterien des Bewegungseindruckes werden. Übrigens muß die Bewegung im Dunkeln rascher verlaufen als im Hellen, um wahrgenommen zu werden.
Da wir die Bewegungswahrnehmung in der Hauptsache auf höhere Prozesse zurückführen, müssen wir sie folgerecht zu unserem Standpunkt dem Tier aberkennen. Es genügt aber auch zur Erklärung der Tatsachen, wenn der kontinuierlich sich ändernde Gesichtseindruck, den z. B. die Katze von der laufenden Maus erhält, das Tier in jedem Augenblick zu anderen zweckmäßigen Bewegungen veranlaßt. -- Aus dem Relativitätscharakter der Bewegungswahrnehmung ergibt sich ferner, daß wir kein zwingendes sinnliches Merkmal dafür haben, ob sich der zufällig beachtete Punkt oder der Hintergrund bewegt. Unsere allgemeine Erfahrung legt uns nahe, die Bewegung im allgemeinen auf den kleineren Gegenstand zu beziehen und den größeren Hintergrund als ruhend aufzufassen. Darum scheint uns der Mond, an dem zerrissene Wolken vorbeijagen, häufig in eiliger Bewegung begriffen. Im allgemeinen läßt sich sagen: der Träger der Bewegung wird durch Erfahrungskriterien bestimmt; beim Widerstreit der Kriterien kann es zu Täuschungen kommen.
Wir haben uns nunmehr mit einer Reihe eigentümlicher Erscheinungen auf dem Gebiet des Bewegungssehens auseinanderzusetzen. Verfolgen wir mit fixierendem Blick einen Vogel am wolkenlosen Himmel, so nehmen wir die Bewegung wahr, ohne daß sich auf der Netzhaut die Reize nennenswert ändern. In diesem Falle wird der Bewegungseindruck durch die gleichzeitigen Bewegungen des Auges oder des Kopfes hervorgerufen. Aus der optischen Wahrnehmung unserer bewegten Glieder gewinnen nämlich die kinästhetischen Empfindungen ihre Bedeutung als Bewegungsempfindungen, während beim Blindgeborenen einfach an die Stelle der Netzhaut die Tastorgane treten. -- Beobachten wir ruhende Objekte mit bewegtem Auge, so erscheinen uns die Dinge bald ruhend, bald bewegt, je nachdem unsere Augenbewegungen, einerlei ob sie aktiv oder passiv sind, als Reproduktionsmotive für die Ruhe bzw. Bewegungsauffassung mit in Konkurrenz treten. Es kann sogar gleichzeitig ein Teil des Gesamtbildes ruhend und ein anderer als bewegt gesehen werden: lese ich z. B. einen gedruckten Anschlag, der dicht neben einem geschlossenen Rolladen angebracht ist, so bleibt trotz der Lesebewegungen des Auges der Druck wie immer auf derselben Stelle, während der Rolladen zur Seite in die Höhe zu steigen scheint. -- Weiterhin kann unter Umständen Bewegung wahrgenommen werden, ohne daß sich in der Außenwelt oder auf der Netzhaut irgend etwas verändert. Wer bei gelähmten Augenmuskeln ein seitlich erblicktes Objekt fixieren will, hat den Eindruck, daß es vor ihm flieht, und doch behielt das Objekt sowohl wie das gelähmte Auge seine frühere Lage bei. Ähnliches erlebt man beim Drehschwindel. Es handelt sich hier um eine sekundäre Bewegungstäuschung: wer sich erfolglos bemüht, ein Ding durch Bewegung zu erreichen, weiß, daß es sich bewegt, und erlebt auch anschaulich einen Bewegungseindruck. Der Gelähmte bemüht sich nun gleichfalls erfolglos um die optische Erreichung jenes Sehdinges und erfährt darum den Eindruck des Fliehens.
Ein sehr sorgfältiges Studium hat man neuerdings einer anderen Klasse von +Scheinbewegungen+ gewidmet. Läßt man zwei benachbarte Objekte, etwa parallele Striche nacheinander sichtbar werden und steigert allmählich die Schnelligkeit der Sukzession, so scheint bei einer gewissen Geschwindigkeit etwas von dem ersten Strich zum zweiten herüberzuspringen. Doch vermeint man nicht, das nämliche Ding von der Ausgangs- zur Endlage kommen zu sehen, vielmehr mutet einem der Vorgang eher wie eine Bewegung ohne Bewegtes an. Bei noch größerer Geschwindigkeit, unter 30 σ verschwindet diese Scheinbewegung, und die beiden Striche werden gleichzeitig und ruhend gesehen. +Wertheimer+ versucht solche Scheinbewegungen vermittels einer physiologischen Theorie zu erklären: Die den beiden Parallelen entsprechenden Erregungen im Gehirn breiten sich allseitig aus. Infolgedessen treffen die Ausstrahlungen von beiden Erregungen aufeinander, verstärken sich und erwecken den Eindruck einer Bewegung. Folgen die beiden Reize zu langsam, so ist die Ausstrahlung des ersten schon abgeklungen, ehe die zweite einsetzt; folgen sie zu schnell, so treten die Ausstrahlungen nahezu gleichzeitig auf, so daß sich keine Richtung der Bewegung herausbilden kann. Diese physiologische „Querfunktion“ soll auch die Grundlage der Gestaltauffassung sein. Innerhalb gewisser Grenzen mag diese geistvolle Theorie dem Sachverhalt entsprechen. Es stehen ihr jedoch manche Tatsachen entgegen. Setzt man statt der parallelen Striche parallele, aber entgegengesetzt gerichtete Pfeile, so scheint der erste Pfeil nicht nur herüberzuspringen, sondern auch eine Wendung zu machen, was mit der Theorie nicht recht verträglich ist. Auch wird die Erscheinung bei kurz dauernder und sehr intensiver Exposition der einzelnen Reize weniger deutlich als bei sehr rascher und wenig intensiver Darbietung. Diese und andere Umstände weisen darauf hin, daß nicht ausstrahlende Gehirnreize, sondern ergänzende Vorstellungen die Grundlage der Scheinbewegungen sind. Eine genauere Begründung dieser Ansicht kann indes hier nicht geboten werden.