Chapter 24 of 26 · 3980 words · ~20 min read

Part 24

Die bisherigen Theorien widersprechen darum auch einander in vielen Stücken. Manche betonen das Psychische auf Kosten des Physischen, andere begehen den umgekehrten Fehler. Von den physiologischen Theorien lassen die einen den Schlaf auf Hyperämie, die andern auf Anämie, wieder andere auf einer Vergiftung des Gehirnes durch die Ermüdungsstoffe, andere durch eine Lähmung der Zellen infolge einer inneren Sekretion beruhen. Großen Anklang fand die Theorie +Claparèdes+. Der Schlaf ist nach ihm eine positive Leistung der Seele, und zwar eine Instinkthandlung, mit der sie sich vor Erschöpfung schützt. Die mannigfachen Ähnlichkeiten, die zwischen dem Schlaf und den Instinkthandlungen bestehen, sollen diese Auffassung begründen. Wie der Instinkt, so ist der Schlaf zweckmäßig, ohne daß wir ihn, zunächst wenigstens, seiner erkannten Zweckmäßigkeit wegen aufsuchten. Er paßt sich ferner den Umständen an, läßt sich verschieben, wenn andere lebenswichtige Interessen den Wachzustand fordern. Allein der bestechende Gedanke hält einer genaueren Prüfung nicht stand. Der Schlaf hat wohl hinsichtlich seiner Zweckmäßigkeit mancherlei Ähnlichkeit mit den Instinkthandlungen, indes das trifft auch auf viele vegetative Vorgänge zu: bei einer Verletzung der Pflanze werden die Ernährungstätigkeiten zweckmäßig abgeändert, und alle Teile des Lebewesens steuern zur Heilung des verletzten Gliedes bei. Verständigerweise wird hier niemand von einem Pflanzeninstinkt reden; denn es fehlt geradeso wie beim Schlaf das wichtigste Glied des Vergleiches, die bewußte Tätigkeit. Instinkthandlungen sind +bewußte Tätigkeiten+. Der Schlaf erscheint uns hingegen durchaus als ein +Zustand+, nicht als bewußte Tätigkeit. Die Vorbereitungen zum Schlafen sind allerdings bei vielen Tieren Instinkthandlungen. Die Instinkttheorie empfiehlt sich auch darum nicht, weil sie jedem tieferen Eindringen gar zu leicht im Wege steht. Sobald wir einen Instinkt feststellen müssen, sind wir in der Regel bei einem letzten Datum angelangt. Fassen wir nun den Schlaf als Instinkt, dann sind wir nicht wenig geneigt, so eigenartige Tatsachen wie das Erwachen des Müllers beim Stehenbleiben der Mühle, das Erwachen zu einer vorausbestimmten Stunde schlechtweg als Leistungen des Instinktes zu erklären.

Wir ziehen es darum vor, uns mit einer +Rahmentheorie des Schlafes+ zu begnügen, deren Ausfüllung wir der zukünftigen Forschung überlassen. Die erste und normale Bedingung für den Eintritt des Schlafes ist die Ermüdung. Die Natur läßt es aber nicht zu einer völligen Vergiftung des Gehirnes durch die Ermüdungsstoffe kommen, sondern sobald diese ein gewisses Quantum erreicht haben, wirken sie als Reiz für einen +Ausschaltungsmechanismus+, der vor allem den am meisten Energie verbrauchenden Bewegungsapparat zur Ruhe bringen soll. Die Ausschaltung entzieht aber überhaupt den höheren Zentren des Nervensystems die zur normalen Betätigung erforderliche psychophysische Energie, und zwar um so mehr, je mehr das Individuum gerade schlafbedürftig ist. Der kleine Rest von psychophysischer Energie, der in den höheren Zentren verbleibt, reicht aus für das Traumleben, ist aber in der Regel zu gering, um von den Sinneszentren nach den motorischen überstrahlend diese wirksam zu erregen.

Den Ausschaltungsmechanismus kann man sich als eine vasomotorische Erregung denken, die entweder Hyper- oder Anämie herbeiführt; man kann ihn aber auch in einer inneren Sekretion bestehen lassen. Damit werden wir den physiologischen Erscheinungen gerecht. Der Ausschaltungsmechanismus muß aber zweitens derart sein, daß sich zwischen ihm und den Begleitumständen, in denen er für gewöhnlich in Tätigkeit versetzt wird, eine Assoziation herausbilden kann. Eine solche Assoziation entsteht z. B. zwischen dem Erröten und den Begleitumständen, in denen es erlebt wird. Ebenso zwischen mancherlei an sich rein physiologisch bedingten Absonderungs- und Ausscheidungsprozessen und den bewußt gewordenen Begleitumständen. Da nun der Ausschaltungsmechanismus in der Regel bei Dunkelheit, in der Nähe der Lagerstätte usf. funktioniert, so bildet sich zwischen diesen Wahrnehmungen und der genannten Funktion eine assoziative Verknüpfung, und darum werden wir schläfrig, sobald wir das aufgedeckte Bett vor uns sehen. In derselben Weise erklärt sich das Einschlafen der Tiere, deren Sinneswahrnehmungen man ausschließt. Das Erwachen beruht dann auf dem umgekehrten Prozeß. Da der Energieverbrauch geringer ist als die Nahrungszufuhr, so erholt sich das Gehirn; es sammelt psychophysische Energie. Ist sie hinreichend groß geworden, so vermag die durch einen kleinen Reiz im Sensorium hervorgerufene psychophysische Erregung die Ausschaltung zu überwinden, indem sie auf die motorischen Zentren überstrahlt. Ist das Gehirn jedoch noch wenig erholt, so reicht ein schwacher Reiz dazu nicht hin, ein starker Reiz hingegen sammelt den trotz der Ausschaltung im Gehirn verbliebenen Energierest und dringt mit ihm bis zu den motorischen Zentren vor. Die Intensität eines Reizes läßt sich nun durch seine Bedeutung oder richtiger durch die aus der Bedeutung stammenden Dispositionen ersetzen. Hat uns eine Sache viel beschäftigt, so gehört zu ihr ein Komplex wohlgebahnter Dispositionen, die eine rasche Sammlung der psychophysischen Energie und eine leichtere Überleitung in die zugehörigen motorischen Zentren erlauben. Und darum dürfte die neben dem Kind schlafende Mutter so schnell erwachen, wenn das Kind nur ein wenig unruhig wird, während sie weit stärkere Geräusche unbeachtet läßt. -- Das Aufwachen des Müllers, wenn die Mühle stehen bleibt, und das Erwachen zur festgesetzten Stunde können wir jedoch erst erklären, wenn wir den Traum besprochen haben.

Es bleibt noch der Einfluß des Willens auf das Einschlafen und das Wachsein verständlich zu machen. Doch brauchen wir uns nur an das zu erinnern, was gelegentlich des assoziativen Äquivalentes und der äußeren Bewegungen gesagt wurde. Wie dort, so hat der Wille auch hier keinen unmittelbaren Einfluß. Soll das „ich will schlafen“ von Erfolg begleitet sein, so muß es sich solchen Vorstellungen zuwenden, die wie die Begleitumstände des Einschlafens die physiologische Assoziation zwischen diesen Vorstellungen und dem Ausschaltmechanismus wirksam werden lassen. Und das „ich will wachbleiben“ nützt nur dann, wenn es zu Bewußtseinsinhalten führt, die sehr lebhaft sind und darum vermöge ihrer Ausstrahlung nach den motorischen Zentren die Wirksamkeit des Ausschaltungsmechanismus vereiteln.

Literatur

E. +Trömner+, Das Problem des Schlafes. 1912.

ZWEITER ABSCHNITT

Der Traum

Wenn etwas das psychologische Interesse der Menschen wecken konnte, dann war es der Traum: allen bekannt, jeden dann und wann aufs tiefste erschütternd und doch für alle ein Rätsel. Die günstigsten Bedingungen für die Entstehung einer Wissenschaft -- wäre nur das Rätsel nicht allzu dunkel! So stauten sich die Wogen des wissenschaftlichen Interesses an diesem Wall, und da sie ihn weder zu übersteigen noch zu durchbrechen vermochten, nahmen sie ihren Abfluß durch die Niederungen des Aberglaubens und der Dichtung. Auch heute, wo wir im Begriffe sind, die Traumrätsel zu lösen, hat sich in der +Freud+schen Traumdeutung noch einmal die Phantastik ihrer bemächtigt. Doch sprechen wir zunächst von den Eigentümlichkeiten des Traumes, um uns dann mit den Erklärungsversuchen zu befassen.

Solange die Psychologen nur Gelegenheitsbeobachtungen über den Traum sammelten, widersprachen die Angaben vielfach einander. Sobald man jedoch begann, den Traum systematisch und experimentell zu untersuchen, d. h. den Schlafenden häufig und zu den verschiedensten Zeiten der Nacht zu wecken und ferner ihn während des Schlafes mannigfachen Reizen auszusetzen, stimmten die Ergebnisse untereinander und auch mit den älteren Gelegenheitsbeobachtungen überein. Der Traum zeigt nämlich in der Tat die verschiedensten Seiten, je nach den obwaltenden Umständen, und der Fehler der älteren Forscher hatte, wie so oft, darin bestanden, daß sie ihre vereinzelten, nur unter bestimmten Bedingungen gültigen Beobachtungen ohne weiteres verallgemeinerten.

Der Traum ist, im +allgemeinen+ besehen, zunächst das Urbild der Regellosigkeit und des unvermittelten Wechsels. Die Szenerien wechseln bisweilen ebenso schroff wie im Kino. Die Märchenforscher haben nicht mit Unrecht auf die Verwandtschaft zwischen Traum und Märchen in diesem Punkte hingewiesen. Die Leitung des Traumes durch eine Aufgabe fehlt nach den Beobachtungen +Hackers+ ganz, kommt jedoch nach denen +Köhlers+ bisweilen vor, ein Widerspruch, der sich ausgleicht, wenn man beachtet, daß Hacker einen beträchtlich tieferen Schlaf hatte als Köhler. Von manchen Träumen wird berichtet, daß sie unglaublich schnell verlaufen sein müssen. So träumte +Weygandt+ von einem Spaziergang am Sonntag Morgen, einem Besuch auf dem Friedhof an einer Kirche, dem sinnigen Betrachten dieser Kirche und des Kirchturmes, dessen Glocke mit einemmal zu läuten beginnt. Der Träumer erwacht und hört seinen Wecker läuten. Die näheren Umstände machten es sehr wahrscheinlich, daß der ganze Traum von dem Läuten des Weckers ausgelöst worden. Daneben, nicht dagegen, stehen andere Beobachtungen, nach denen der Traum nicht schneller abläuft, als unsere gewöhnlichen Vorstellungen. Im allgemeinen herrschen die „dummen“ Träume vor, doch berichtet man auch von außerordentlichen intellektuellen Leistungen des Traumes.

Etwas eingehender hat man sich mit den +Traumelementen+ befaßt. Unter den Vorstellungen sind die optischen am häufigsten vertreten; doch stehen nicht allen Träumern bunte Farbenvorstellungen zu Gebote. Weit seltener als optische und akustische Vorstellungen sind die kinästhetischen und taktilen, am seltensten die von Geruch und Geschmack. Die Vorstellungen haben zumeist halluzinatorischen Charakter. Die Forscher streiten aber darüber, ob sie die Empfindungen des Wachzustandes an Intensität übertreffen. Die Rolle der Gedanken im Traum ist in einer kurzen Formulierung nicht anzugeben. Es kommen sämtliche Denkfunktionen im Traum vor, sogar ein sorgfältiges und richtiges Überlegen. Mir kam inmitten eines ganz andersartigen Traumes einmal die Sorge, ob ich am Vortag einer gewissen Verpflichtung nachgekommen sei. Da erinnerte ich mich während des Traumzustandes, daß ich an einem bestimmten Ort mit einem bestimmten Bekannten zusammentraf, als ich mich anschickte, jener Verpflichtung zu genügen; es fiel mir weiter ein, wie ich sie dann wirklich zu Ende geführt hatte, und dabei beruhigte ich mich. Anderseits ist der Traum oft unglaublich töricht. Der Träumer nimmt mit der Urteilslosigkeit eines Geisteskranken die ungereimtesten Dinge für bare Münze hin, ängstigt oder freut sich ihretwegen. Es ist aber eine feine Beobachtung und ein Fingerzeig zur Lösung des ganzen Problems, wenn ein Traumforscher bemerkt, wir seien nur für den Traumanfang, nicht aber für das neu Hinzukommende kritiklos. Das Regiment scheinen im Traumablauf nicht die Gedanken, sondern die assoziativen Faktoren zu haben; denn man kann bisweilen die Wendepunkte des Traumes herausheben und erhält dann eine Reihe rein äußerlicher oder einfacher Klangassoziationen, ähnlich der Gedankenkette eines Ideenflüchtigen. Hinwiederum sind aber auch oft die Gedanken an dem Auftauchen der Traumvorstellungen schuld. Mir träumte jüngst, ich blute im Bette liegend aus der Nase. Ich spürte nur das Fließen, sah aber nichts, denn ich lag im Dunkeln. Da regte sich der Zweifel, ob es denn wirklich Nasenbluten sei, und alsbald sah ich auf dem weißen Kopfkissen eine gewaltige Blutlache und stellte mit Bedauern die Tatsächlichkeit des Nasenblutens fest. Sehr merkwürdig verhält sich das Bedeutungsbewußtsein: bald ist es vorhanden, bald fehlt es. Man glaubt bisweilen zu lesen oder gar mit einer andern Person in einer fremden Sprache geläufig zu sprechen, oft mit sichtlicher Befriedigung, während man selbst jene Sprache nur kümmerlich meistern, jene andere Person, deren Leistungen ja gleichfalls auf unser Konto zu setzen sind, sie überhaupt nicht verwenden kann. Hier hängt sich an irgendwelchen Wortsalat die Bedeutung einer fremden Sprache.

Die +Gefühle+ sind im allgemeinen schwächer als in der Wirklichkeit. Doch sind auch hier auffällige Ausnahmen zu melden. Arg trockene Gesellen können im Traum in Tränen zerfließen und Zustände der Rührseligkeit erleben, deren sie sich im Wachzustande nicht wenig schämen würden. In derselben gegensätzlichen Weise zeigt sich der Wille manchmal wie ohnmächtig und läßt Taten geschehen, die er im Wachzustande niemals verantworten möchte, während er in andern Fällen sich energisch gegen solche Dinge sträuben kann. Die Beweglichkeit ist herabgesetzt. Die Träume im Tiefschlaf lassen uns überhaupt nicht handelnd, sondern nur sehend auftreten. Im leichteren Schlaf glauben wir fälschlich, unsere Glieder zu bewegen, und nur der eigenartige als Somnambulismus bekannte Traumzustand erlaubt es dem Träumer, gewisse Bewegungen auch wirklich auszuführen.

Sehr rätselhaft ist die Auswahl des +Traumgegenstandes+. Die Ereignisse des Vortages scheinen bevorzugt zu sein. Doch nicht die bedeutsamen: man träumt nicht von dem, wovon man gern träumen möchte. Befindet sich der Schlafende an einem neuen Aufenthaltsort, so sollen die Erlebnisse an jenem neuen Ort erst später im Traum auftauchen. Außerdem liegt nach +Hacker+ der Trauminhalt um so weiter zurück, je tiefer der Schlaf ist. Lange Zeit meinte man, alle Träume seien durch einen zufälligen Reiz verursacht, dem der Schlafende gerade unterliegt. In der Tat konnte man den Traum experimentell durch solche Reize beeinflussen. Ist z. B. die Fußsohle unempfindlich geworden, so meint der Träumende, er schwebe. Ebenso schließen sich an gewisse Organempfindungen wie bei Atemnot, Herzbeklemmung charakteristische Träume an. Dennoch sind nicht alle Träume Reizträume. Sehr viele sind Erinnerungsträume, die sich durch die zufälligen und einförmigen Reize nicht erklären lassen.

Wie soll man nun dieses vielgestaltige, widerspruchsvolle Erlebnis, das wir Traum nennen, auffassen? Ähnlich wie +Claparède+ den Schlaf, denkt sich +Freud+ den Traum als eine positive Leistung, und zwar des Unterbewußten. Im Unterbewußten schlummern die Wünsche, denen der Wachende zumeist aus sittlicher Scheu kein Gehör schenken durfte. Sie verlangen nach Erfüllung. Darum schickt sie das Unterbewußte während des Schlafes herauf ins Bewußtsein. Allein vor der Schwelle des Bewußtseins da waltet die Zensur. Die würde diese Wünsche in ihrer unverfälschten Natur die Schwelle des Bewußtseins nicht überschreiten lassen; sie sind ja zumeist sexueller Art. Darum verkleidet das Unterbewußtsein die Wünsche in symbolische Formen und täuscht so die Zensur. Und darum ist jeder Traum symbolisch zu verstehen, und jeder Traum ist eine Wunscherfüllung; in der Regel die Erfüllung eines erotischen Wunsches aus der Kinderzeit. Diese Begriffsdichtung einer ausschweifenden Phantasie hat in psychologisch ungeschulten Kreisen eine ganz außergewöhnliche Verbreitung gefunden. Da sie frei ersonnen ist, brauchen wir sie nicht besonders zu widerlegen. Doch mag sie uns auf einige Umstände aufmerksam machen, denen auch unsere Traumtheorie genügen muß.

Unsere +Traumtheorie+ läßt sich mit einem Satze aussprechen. Der Traum ist Phantasietätigkeit in dem oben (S. 258) von uns dargelegten Sinne, die sich jedoch unter den besonderen Bedingungen des Schlafens abspielt, nämlich unter der Wirkung des Ausschaltungsmechanismus mit seiner Absperrung des motorischen Apparates und seiner Verminderung der psychophysischen Energie im Zentralnervensystem. Daraus lassen sich alle festgestellten Erscheinungen mitsamt ihren scheinbaren Widersprüchen ableiten.

Die Regellosigkeit und den unvermittelten Wechsel hat der Traum mit der Phantasie gemein. Nur sind beide noch bedeutend erhöht, weil das Versagen der psychophysischen Energie die längere Verfolgung eines Motives unmöglich macht: ein äußerer Reiz mag das bißchen Energie auf eine andere Bahn lenken, und das ganze Traumbild ist zerstört. Im allgemeinen steht die Phantasietätigkeit nicht unter der Leitung einer Aufgabe, streckenweise und vorübergehend nimmt sie jedoch Aufgaben in ihren Spielplan auf. Darum finden wir die Aufgaben gelegentlich im leichteren Schlaf, während sie im tieferen, wo dem Zentralorgan nur ganz wenig Energie geblieben ist, nicht aufkommen können. Die fabelhafte Schnelligkeit mancher Träume gewinnt durch Berücksichtigung folgender zwei Umstände an Wahrscheinlichkeit. Zunächst ziehen die Vorstellungen nicht immer im Gänsemarsch durchs Bewußtsein, sondern es kann ein ganzer Komplex mehr oder weniger gleichzeitig lebendig werden (S. 172 ff.). Sodann sahen wir, daß Relationserfassungen erstehen können, noch bevor die zugehörigen Fundamente klar ins Bewußtsein getreten sind. Wenn nun etwa die Weckuhr ertönt, so kann zwischen diesem Reiz und einer in Bereitschaft stehenden Vorstellung eine Beziehung hergestellt werden, die für die Aktualisierung eines ganzen Komplexes richtunggebend wird. Steht nun der Komplex mit seinen verschiedenen Einzelheiten im Bewußtsein, so braucht nur die Aufmerksamkeit darüber zu gleiten wie das Auge über ein Rundgemälde, und wir haben den komplizierten, aber auffallend schnellen Traum. Daneben bleibt die normale Traumgeschwindigkeit von dem Tempo unserer Phantasien ruhig bestehen.

Noch weniger Schwierigkeiten bereitet die Erklärung der im Traum festgestellten +Elemente+. Die relative Häufigkeit der verschiedenen Sinnesqualitäten dürfte mit deren Auftreten beim Phantasieren übereinstimmen. Ihr halluzinatorischer Charakter ergibt sich aus dem, was wir über das Verhältnis von Wahrnehmung und Vorstellung ausgeführt haben (S. 102 ff.). Die Traumwelt ist eben die einzige, die sich uns auftut. Wegen der geringen, dem Zentralorgan belassenen Energie werden jene zahlreichen Begleitvorstellungen, auf die sich der absolute Eindruck des Unwirklichen stützen könnte, nicht lebendig. Aber diese Reproduktionsschwäche ist keine absolute; sie ist bald größer, bald geringer. Darum regen sich bisweilen doch Zweifel an der Echtheit des Wahrnehmungscharakters der Traumerlebnisse. -- Die außergewöhnliche Empfindungsintensität, von der hie und da berichtet wird, erlaubt verschiedene Erklärungen. Manchmal, doch selten, mögen außergewöhnlich starke Erregungen einzelner Teile des Nervensystems vorliegen. Sehr oft wird die scheinbare Intensität ähnlich wie die Sehgröße (S. 110 ff.) und die Schallstärke (S. 115 f.) auf die apperzipierenden Vorstellungen zurückzuführen sein. Endlich kann der Bericht von abnormen Intensitäten auf einer falschen Beurteilung beruhen, sei es, weil die Vergleichsreize fehlten, sei es, weil man die Intensität des Eindrucks nach dessen Wirkung oder dessen Begleiterscheinungen, dem Erschrecken u. ä. bemaß.

Daß wir im Traum alle +Denkfunktionen+ betätigen, ergibt sich nach unserer Theorie von selbst, ebenso wie die Behinderung dieser Tätigkeiten durch den Ausfall und das Versagen der zu ihnen erforderlichen Reproduktionen. Letztere erklären auch die Urteilslosigkeit im Traum, die wir schon bei dem Wirklichkeitscharakter des Traumbildes besprachen. Aus unserer Auffassung folgt aber auch notwendig die oben angeführte Beobachtung, daß wir zumeist nur gegenüber dem Traumanfang, nicht gegenüber dem zum Traumbild Hinzukommenden kritiklos seien. Sodann ist es nicht zu verwundern, daß der Traumablauf der Vorstellungsfolge bei Ideenflüchtigen noch näher steht als die Phantasie im Wachzustand. Die Assoziationen sind vielfach ausschlaggebend, was indes einer streckenweisen Leitung durch Gedanken nicht im Wege steht: der auftauchende Gedanke wird eine neue Szene herbeiführen, falls der psychophysische Apparat ihn nicht im Stiche läßt. Die Leitung des Vorstellungsverlaufes durch die Gedanken dürfte übrigens in sehr vielen Fällen an dem unvermittelten Szenenwechsel schuld sein. Das merkwürdige Verhalten des Bedeutungsbewußtseins darf nach der oben (S. 181 f.) dargelegten Anschauung nicht befremden. Die Bedeutung besteht in einem Wissen von Beziehungen, das assoziativ angeschlossen ist einerseits an den Gegenstand, anderseits an dessen Bezeichnung. Wie beim Verkennen eines Gegenstandes im wachen Zustande, so wird auch im Traum das Bedeutungsbewußtsein lebendig, wenn nur ein Teil, nur ein Zug des ihm zugehörigen Gegenstandes wahrgenommen wird: ein auf dem Wege liegender gebogener Zweig wird aus der Ferne für eine Schlange gehalten.

Wenn unsere Theorie der höheren +Gefühle+ richtig ist (S. 214 f.), müssen sie im Traum wegen der allgemeinen Reproduktionsschwäche sehr mäßig sein, bisweilen sogar gänzlich ausfallen. Insofern sie aber auf einer gleichzeitigen Organempfindung beruhen, die, wie Atembeschwerden, Herzbeklemmung u. ä. m., durch einen zufälligen Reiz hervorgerufen werden und wegen des Schlafzustandes nicht zu beseitigen sind, müssen sie das gewohnte Durchschnittsmaß überschreiten. Der Wille endlich benimmt sich im Traum geradeso wie in der Phantasietätigkeit. Er wendet sich dem ihm Angenehmen zu und bedingt durch diese Zuwendung eine Entwicklung der Vorstellungen in der betreffenden Richtung, wenn anders die zu Gebote stehende psychophysische Energie es zuläßt. Er vermag sogar zwischen zwei Möglichkeiten zu wählen. Aber von einer verantwortlichen Wahl kann keine Rede sein, weil ihm wegen der beschränkten Reproduktion nur ein Teil der Motive vorgeführt wird. Eine Willenslähmung braucht man hier nicht anzunehmen. Der Wille funktioniert ganz intakt, nur gleicht er einem Feldherrn mit unzulänglichen Truppenmassen und mangelhaftem Meldedienst. So und nicht anders ist auch die Bewegungslosigkeit im Schlaf und Traum zu verstehen. Der Wille tut das Seinige. Allein der Zugang zum motorischen Apparat ist versperrt. Nur wenn ein partieller Defekt in dem Ausschaltungsmechanismus vorhanden ist, gelingen größere Bewegungen, und wir haben den Somnambulen vor uns.

Die +Auswahl des Traumgegenstandes+ bereitet in unserer Auffassung auch keine besonderen Schwierigkeiten mehr. Nach dem, was wir über die Assoziationen wissen, können die bedeutsamen Ereignisse des Vortages für gewöhnlich nicht den Traumgegenstand abgeben. Läßt man nämlich Vpn (Kinder) eindrucksvolle Erlebnisse durchmachen und bietet ihnen am folgenden Tag im Assoziationsversuch unter indifferenten auch auf diese Erlebnisse bezügliche Reizwörter, so werden sie fast gar nicht mit Wörtern reagieren, die sich auf jene Erlebnisse beziehen (H. +Saedler+). Die neuen Erlebnisse bilden eben abgeschlossene Komplexe für sich, von denen noch keine gangbaren Bahnen zu jenen Reizwörtern führen. Aus demselben Grunde werden die bedeutsameren zu einem Komplex zusammengeschlossenen Ereignisse des Vortages im Traum nicht reproduziert werden können, falls nicht außergewöhnliche Perseverationserscheinungen auftreten. Da ferner unter sonst gleichen Verhältnissen die älteren Assoziationen vor den jüngeren begünstigt sind (S. 168), so werden im allgemeinen im tieferen Schlaf die älteren Erlebnisse auftauchen.

Aus dem Gesagten erhellt auch, welche Grundgedanken der Psychoanalytiker richtig sind: Der Traum läßt unter Umständen körperliche Dispositionen, auch Krankheiten erkennen. Er verrät, welche Vorstellungen ein gewisses Übergewicht in dem Bewußtsein haben und zu welchen Dingen eine spontane Willensneigung besteht. Bisweilen greift er auch in die Kindheit zurück; ist manchmal der Ausdruck eines gerade herrschenden Wunsches; findet hie und da auf dem Wege der Assoziation Vorstellungen, die dem augenblicklichen Zustand analog sind: so wenn der an Herzbeschwerden Leidende träumt, in einer unangenehmen Lage zu sein. Aber die ganze Phantastik der willkürlichen symbolischen Ausdeutung des Trauminhaltes auf sexuelle oder andere Wünsche, die Auffassung eines jeden Traumes als die Erfüllung eines Wunsches usw. entbehrt jeder wissenschaftlichen Begründung.

Endlich können wir auch an das Problem des infolge des Stillstehens der Mühle erwachenden Müllers und des Erwachens zur vorgenommenen Stunde herantreten. Beides wird im Tiefschlaf wohl nicht vorkommen. Im leichteren Schlaf aber wird, wie so manches andere, auch das Aufhören des Mühlengeräusches samt den Übergangsempfindungen, die es begleiten, wahrgenommen. Aber das Stehenbleiben einer Pendeluhr im Schlafzimmer hat keine Bedeutung für den Müller; es schließt sich darum auch kein Vorsatz an diese Wahrnehmung, und wenn er vielleicht auftauchte, so fehlte ihm die Kraft, den Ausschaltungsmechanismus zu überwinden. Anders der Vorsatz, nach dem Rechten zu schauen, wenn das Mühlengeklapper verstummt. Die Bedeutung der Sache und die Gewohnheit, in diesem Falle tätig einzugreifen, haben bevorzugte Dispositionen geschaffen. Dem Traumwillen, hier etwas zu tun, stellt sich darum die genügende Energiemenge zur Verfügung und strahlt in die motorischen Zentren über: der Schlafende öffnet die Augen. Ähnlich steht es mit dem Erwachen zur festgesetzten Stunde. Daß dieser Vorsatz einen unruhigen Schlaf verursachen kann, in dem man des öfteren nach der Uhr schaut, bedürfte keiner Erklärung. Wenn man aber nach einem verhältnismäßig ruhigen Schlaf nur einmal und gerade zur rechten Zeit erwacht, dann müssen Anhaltspunkte vorhanden sein, die im Traum erkannt werden und zum Erwachen führen. Als solche Anhaltspunkte könnte eine gewisse Helligkeit, ein Uhrschlag, vielleicht sogar ein gewisses körperliches Befinden dienen.

Literatur

Fr. +Hacker+, Systematische Traumbeobachtungen. APs 21 (1911).

M. +Vold+, Über den Traum. 2 Bde. 1910-1912.

DRITTER ABSCHNITT

Die Hypnose

Den hypnotischen Zustand führte man früher durch mancherlei äußere Manipulationen, durch Bestreichen mit Magneten u. ä. herbei. Später ließ man glänzende Gegenstände längere Zeit fixieren, bis man endlich erkannte, daß die Wirksamkeit all dieser Mittel nur daher stammte, daß man dem Individuum die Überzeugung beibrachte, es werde dem hypnotischen Schlaf verfallen. Deshalb bemüht man sich heute direkt, diese Überzeugung in dem Patienten hervorzurufen und bedient sich der äußerlichen Mittel nur, um die Entstehung dieser Überzeugung zu begünstigen.

Der Hypnotisierte steht dann unter dem Banne des Hypnotiseurs. Bringt dieser die Glieder der Vp in die verdrehtesten Stellungen und erklärt, sie seien gelähmt, so kann sie der Hypnotisierte nicht mehr in ihre natürliche Lage zurückbewegen. Man reicht ihm eine rohe Kartoffel, bezeichnet sie als einen Apfel, und er verspeist die Kartoffel mit sichtlichem Genuß. Gegen Schmerzen kann er unempfindlich gemacht werden, die vor ihm stehenden Dinge kann man seinen Blicken entziehen. Innerhalb der Hypnose erinnert er sich unter Umständen leichter und getreuer an frühere Erlebnisse. An die Vorgänge in der Hypnose selbst hat er jedoch nach dem Erwachen keine Erinnerung. Die Verstandestätigkeit ist erhalten, aber ähnlich wie im Traum beschränkt. Der Wille ist bis zu einem gewissen Grade in die Hand des Hypnotiseurs gegeben. Man hat heftig über die Frage gestritten, ob der Hypnotisierte auch zu Verbrechen benützt werden könnte, die er im Wachzustande ganz und gar verabscheuen würde. Heute wird man mit +Moll+ sagen können: je mehr eine Handlung dem Charakter der Vp widerstrebt, um so mehr wird diese sich gegen die Ausführung sträuben und unter Umständen infolge dieses Sträubens aus der Hypnose erwachen. Die verschiedenen Individuen verhalten sich hierin verschieden, und zwar ist die Abhängigkeit vom Hypnotiseur um so größer, je häufiger jemand hypnotisiert wurde. Französische Psychiater haben früher eine ganze Reihe von Stufen der Hypnose unterschieden. Es waren das aber, wie sich später herausstellte, nur Kunstprodukte, die sie, ohne es zu wollen, durch ihre Suggestionen hervorgerufen hatten. A. +Forel+ nennt heute drei Stufen: die Somnolenz, die durch Schlaffheit und angenehme Ruhe gekennzeichnet wird, die Hypotaxie, bei der die Vp sich den Befehlen des Hypnotisators fügt, und den Somnambulismus oder den tiefen Schlaf, der mit Erinnerungslosigkeit verbunden ist. Sehr geheimnisvoll muten die posthypnotischen Suggestionen oder Termineingebungen an: der Vp wird in der Hypnose ein Auftrag erteilt, den sie nach dem Erwachen auszuführen hat, bisweilen mit Angabe eines entfernten Termines, nach so und so viel Stunden oder Tagen. Ist der Augenblick gekommen, dann schickt sich die Vp an, den Auftrag zu erledigen, ohne sich an die frühere Hypnose zu erinnern; sie glaubt vielmehr aus eigenem Antrieb zu handeln.