Part 10
Durchgehen wir einige Erscheinungen. Wohlvertraute Gegenstände erscheinen im Nahraum nicht kleiner, auch wenn sie sich entfernen und somit ihr Sehwinkel kleiner wird; sie verbleiben im Nahraum, wo ihre Mächtigkeit uns wohlbekannt ist. Betrachten wir ein Bild an der Wand durch einen verstellbaren Rahmen, den wir bald in diese, bald in jene Entfernung vom Auge bringen, so sehen wir dasselbe Bild beim nämlichen Sehwinkel und derselben objektiven Entfernung bald größer, bald kleiner, bald näher, bald ferner, je nach der Raumvorstellung, die mit Hilfe des vorgehaltenen Rahmens geweckt wird. Aus demselben Grunde erscheinen uns Inschriften innerhalb eines beleuchteten Tramwagens bisweilen als riesige Mauerplakate, wenn ihr Spiegelbild auf eine Häuserwand projiziert wird. v. +Sterneck+ hat darum das ganze Problem der Sehgröße, ähnlich wie wir, doch mit der Annahme von „Referenzflächen“ lösen wollen. Aber von solchen Referenzflächen wissen wir z. B. bei der Betrachtung des Mondes im Zenit nichts. Die Referenzfläche ist eben nur ein Bestandstück des vorgestellten Raumes, das fehlen kann. Warum erscheint uns also der hochstehende Mond kleiner als der niedrig stehende? Weil unsere Erfahrung in der senkrechten Richtung uns nicht die nämlichen Raumvorstellungen liefert wie in der wagrechten. Haben wir hier einen Stuben-, Straßen- und Landschaftsraum kennen gelernt, so wird uns dort nur ein Stuben- und Haus- oder Turmraum geläufig. Der hochstehende Mond gewinnt darum nur die Mächtigkeit, die seinem Sehwinkel im zweiten Raum entspricht, während er am Horizont die Mächtigkeit des dritten Raumes erlangt. Übrigens erleben wir die gleiche Erscheinung auch bei irdischen Gegenständen. Ich sah den zierlichen Adler vom Bismarcksturm am Starnbergersee als einen erschreckend großen Vogel auf dem Kamm eines nahen Hügels stehen, als der Turm, auf dem er thront, von diesem Hügel verdeckt wurde. Ob sich übrigens diese Größentäuschung bei Fliegern, die ja auch Erfahrungen beim senkrechten Aufsteigen sammeln, vermindert?
Unsere ganze Erklärung wird indes von einem Einwand bedroht. Nach dem Gesagten muß die Mächtigkeit bekannter Objekte in allen Räumen die nämliche bleiben, und doch erscheinen uns die Menschen, von der Galerie eines Theaters oder von einem hohen Berg gesehen, als Puppen. Nun, hier handelt es sich auch wieder um die uns unbekannte Höhenrichtung, für die uns keine geläufige Raumvorstellung zu Gebote steht, ja, wir bringen sogar häufig an diese Eindrücke die Vorstellung des Nahraumes heran, z. B. wenn sie von dem Aufsteigen im Treppenhaus noch im Bewußtsein steht. In der horizontalen Richtung hingegen begegnet uns dieser frappante Kleinheitseindruck solange nicht, als wir nicht mit den Denkprozessen an die Sehdinge herantreten und eigentliche Vergleiche anstellen. Solche Vergleichungen der Sehgröße eines fernen Gegenstandes mit einem nahen sind bekanntlich schwierig und ergeben sehr abweichende Urteile, weil die Mächtigkeit eines Sehdinges nur durch Einbeziehung in einen bestimmten Raum zur vergleichbaren Größe wird, dieser Raum aber keine scharf begrenzte, objektive Größe ist.
Literatur
A. +Müller+, Die Referenzflächen des Himmels und der Gestirne. 1918.
4. Die nicht-optische Raumanschauung des Sehenden
a) Ortssinn und Lagewahrnehmung
Werden wir an irgendeiner Körperstelle berührt, so können wir im allgemeinen ziemlich genau den Ort der Berührung angeben. Man bezeichnet diese Fähigkeit als den +Ortssinn+. Daß diese Leistung nicht mit der des oben besprochenen Raumsinnes der Haut zusammenfällt, geht aus pathologischen Tatsachen hervor, wo bei normalem Ortssinn die simultane und selbst die sukzessive Raumschwelle abnorm hoch sind. In einem anderen Falle (+Spearman+) wurde sehr gut lokalisiert, während selbst sukzessive Reize an demselben Glied nicht auseinandergehalten werden konnten. Dennoch darf man sich den Ortssinn nicht als eine einfache seelische Fähigkeit denken. Er ist gewiß noch komplizierter als der Raumsinn, der sich vielleicht noch aus einfachen anatomischen Grundbedingungen verstehen läßt. Die Lokalisation eines Tastreizes erfolgt meist so, daß die Tastempfindung von einem schematischen visuellen Vorstellungsbild der betreffenden Körpergegend begleitet ist. Infolge der unbeschränkt häufigen Erfahrung brauchen wir aber, gemäß einem noch zu erwähnenden Assoziationsgesetz, nicht mehr bewußt auf die qualitative Eigenart der Tastempfindung zu achten, sondern unmittelbar an die betreffende Reizung schließt sich das visuelle Bild der gereizten Körperstelle an. Darum hängt auch die Genauigkeit der Lokalisation und selbst die Größenschätzung der von der Haut berührten Objekte von der Güte der Visualisation ab: wer bessere optische Vorstellungen von den berührten Körperteilen in sich erzeugen kann, lokalisiert besser und schätzt die Größen richtiger.
Die Leistungen des Ortssinnes möchten nach dem Gesagten wohl als nahezu selbstverständlich erscheinen und kein nennenswertes Problem einschließen. Allein man darf nicht vergessen, daß diese relativ einfachen Erklärungen erst in mühevoller Einzelforschung erarbeitet werden mußten, um allmählich die Auffassung von jener rätselhaften Fähigkeit der Tastnerven zu verdrängen, vermöge deren sie unmittelbar von jeder einzelnen Körperstelle Kunde bringen sollten.
Es bereitet nunmehr keine Schwierigkeit, eigenartige +Täuschungen+ auf dem Gebiete des Tastsinnes zu verstehen. Verschiebt man die Lippen horizontal gegeneinander und berührt sie dann gleichzeitig mit einem vertikal gehaltenen Bleistift, so entsteht der Eindruck, es sei der Bleistift schräg geneigt (+Czermak+). Oder die bekannte +aristotelische+ Täuschung: kreuzt man Zeige- und Mittelfinger und rollt mit den so gekreuzten Fingern ein Kügelchen, so glaubt man deutlich zwei Kügelchen unter den Fingern zu haben. Die Täuschung wird um so stärker, je weniger man auf die Lage der Finger achtet, und verschwindet, wenn man auf die Finger sieht. In beiden Fällen steht die durch die Erfahrung geleitete Meldung des Ortssinnes in Widerspruch mit dem wirklichen Sachverhalt und bedingt so eine falsche Auffassung, zu der allerdings außer dem Ortssinn noch höhere Funktionen mitwirken.
Hat der Ortssinn nur anzugeben, welche Körperstelle berührt wird, so wird uns in der +Lagewahrnehmung+ außerdem noch vermittelt, welche Stellung im Raum ein Körperteil in dem Augenblick einnimmt, wo ihn ein Tastreiz trifft. Nach der trefflichen Analyse +Spearmans+ besagt jede Lagewahrnehmung ein Dreifaches: 1) die Angabe des Ortssinnes, an welcher Stelle des Körpers der Reiz auftraf (die segmentale Bestimmung); 2) die Kunde über die von den Gelenken gebildeten Winkel (die artikuläre Bestimmung); 3) ein Wissen von der Länge der Zwischenglieder (die intermediäre Bestimmung). Über die segmentale Bestimmung ist nichts hinzuzufügen. Die intermediäre Bestimmung wird durch die festliegenden Vorstellungen des Gesamtkörpers besorgt. Schwierigkeiten bereitet nur die artikuläre Bestimmung, namentlich wenn man sie mit Spearman auf die Gelenkempfindungen zurückführt. Nach dem, was oben (S. 63 f.) über die kinästhetischen Empfindungen gesagt wurde, wird man auch hier vorerst statt der Gelenkempfindungen die vereinigten Wahrnehmungen der Haut- und Kraftempfindungen heranziehen müssen. Sie sind auch in der Ruhelage der Glieder vorhanden und können sich mit der visuellen Vorstellung von der Haltung des Gliedes verbinden.
Bei der experimentellen Untersuchung der Lagevorstellungen zeigte sich immer eine große Unmittelbarkeit in der Erkenntnis der Lage. Es brauchten nicht erst die Vorstellungen der zentralen Körperteile wachgerufen zu werden, damit von da aus eine Orientierung ermöglicht würde. Daraus schloß man auf eine direkte physiologische Assoziation, die sich zwischen einer bestimmten physiologischen Erregung der Gelenknerven und der Lagevorstellung ausgebildet hätte. Für die Möglichkeit solcher „physiologischer“ Assoziationen sprechen allerdings verschiedene Tatsachen. Allein die neueren Untersuchungen der Vorstellungen deuten doch darauf hin, daß diese schon in einem recht primitiven Stadium der Reproduktion außerordentlich viel zur Orientierung beitragen können. In der Tat berichten auch die Versuchspersonen Spearmans, die zentralen Körperteile seien konfus vorgestellt worden. Solange man unser ganzes Erkennen in die Vorstellungen verlegte, war man berechtigt, die Funktion bloß konfuser Vorstellungen gering zu bewerten. Heute, wo man wieder die Bedeutung eines von den Vorstellungen verschiedenen Denkens anerkennt und sich darüber klar ist, daß diese höhere Funktion bei der konkreten Lageerfassung nicht auszuschalten ist, wird man auch die Bedeutung der konfusen Vorstellung der zentralen Körperteile höher einschätzen müssen und vermutlich eine physiologische Assoziation entbehrlich finden. Die Unmittelbarkeit und Promptheit der Lokalisation verschlägt demgegenüber nichts; sie zeigt sich auch bei ähnlich gelagerten Verhältnissen, wie etwa bei dem später zu besprechenden Wortverständnis.
b) Die Raumlokalisation im allgemeinen
Die Grundtatsache der Verbindung der Vorstellungen mit Empfindungen macht nun ohne weiteres das +allgemeine Lokalisationsgesetz+ verständlich: „Die Empfindung E wird an denjenigen Ort des Gesichtsraumes lokalisiert, dessen visuelle Vorstellung V durch die gegebene Empfindung E in das Bewußtsein eingeführt wird und mit ihr verschmilzt, sei es weil beide in der Erfahrung sich miteinander assoziiert haben, sei es weil V unter den gegebenen Umständen sich in einer besonders hohen Bereitschaft befindet“ (+Fröbes+).
Erinnert man sich nun hier des Gesetzes der spezifischen Sinnesenergie, demzufolge ein Sinnesnerv stets mit der gleichen Empfindung antwortet, einerlei wie und wo er gereizt wird, so begreift man leicht folgende Tatsache: Bei durchbohrtem Trommelfell ist die hinter diesem liegende Chorda tympani einer unmittelbaren Reizung zugänglich. Reizt man nun diesen Nervenstrang, der auch Fasern des Geschmacksnerven führt, so vermeint man auf der Zunge zu schmecken. Ganz allgemein verlegen wir innere Reize der Empfindungsnerven an die uns aus der Erfahrung bekannten Orte der peripheren Reizung. Wenn man hier von einem „Gesetz der exzentrischen Projektion“ redet, darf man nicht glauben, wir nähmen den Reiz zuerst innerhalb der Nervenbahn wahr und verlegten ihn dann wieder hinaus an das Nervenende, sondern unmittelbar mit der Erregung des Nerven taucht das Bild der durch die Erfahrung bekannten normalen Reizungsstelle wieder auf. Es ist somit dieses Gesetz nur ein besonderer Fall des allgemeinen Lokalisationsgesetzes. Hiermit erklären sich auch einfach die bekannten Täuschungen Amputierter, die in den vielleicht schon Jahre lang abgenommenen Gliedern noch Schmerz und Druck u. ä. zu empfinden meinen.
Aus dem allgemeinen Lokalisationsgesetz versteht man auch die scheinbare +Raumwahrnehmung anderer Sinne+. In Wirklichkeit bietet nur der Gesichts- und der Tastsinn räumliche Inhalte. Wer beide Sinne entbehrte, könnte nie zu einer Raumanschauung gelangen. Sie bliebe ihm ebenso unbekannt wie dem Blindgeborenen die Farben. Die richtige Lokalisation der Geschmacks-, Schmerz- und Temperaturreize (wobei bemerkt sein mag, daß die Lokalisation um so schärfer ist, je lebenswichtiger der Reiz) bedarf keiner weiteren Erläuterung. Der Raum, der sich aus solchen einzelnen Raumdaten ergeben könnte, wäre beim Sehenden letztlich nur der Gesichtsraum, beim Blindgeborenen der Tastraum. Das nämliche gilt aber auch vom Ohr, das uns über die Entfernung und Richtung unsichtbarer Schallquellen benachrichtigt. Die besondere Aufgabe der Forschung besteht hier nur darin, die empirischen Anhaltspunkte zu ermitteln, nach denen im einzelnen Entfernung und Richtung der Schallquelle beurteilt wird. Ein erster Anhaltspunkt für die Entfernung ist die Intensität des Reizes: je schwächer ein bekannter Reiz, um so weiter muß er entfernt sein. Es besteht hier ein ganz ähnliches Verhältnis wie zwischen der Sehgröße und der Entfernung. Darum kann man sich auch hier ebenso täuschen wie dort: ein leises Pochen an der Türe erscheint als furchtbarer, doch weit entfernter Kanonendonner, und auch das Umgekehrte bleibt an sich möglich, je nachdem wir entweder die tatsächliche Entfernung oder die wirkliche Stärke des Schallreizes falsch ansetzen. In Wirklichkeit zeigt sich indes nicht immer dieses einfache Verhältnis eingehalten. Gleichartige, aber verschieden starke Töne werden nicht notwendig in verschiedene Entfernung lokalisiert. Zu dieser Verbesserung der Lokalisation verhelfen die jeden Ton begleitenden Obertöne. Diese sind bekanntlich nicht alle gleich laut und werden darum je in verschieden weiter Entfernung unhörbar: die niederen verstummen zuerst. Aus diesem Umstand entwickelt sich ein tatsächlich benutztes, aber als solches nicht erkanntes Kriterium für die Schätzung der Entfernung. +Ernst Mach+ hat das mit einem treffenden Ausdruck als die „Luftperspektive für Töne“ bezeichnet. Deshalb läßt sich auch umgekehrt durch Verstärkung der Obertöne eines Klanges der Eindruck größerer Entfernung erzielen. Von höchster Bedeutung für die Lokalisation ist die Richtung der Aufmerksamkeit. Wird durch irgendeinen Umstand unsere Aufmerksamkeit auf ein Ding gelenkt, das als Schallquelle in Frage kommen kann, so sind wir auch geneigt, es als solche anzusprechen. Darauf beruht ein Hauptkunstgriff der Bauchredner.
Literatur
C. +Spearman+, Fortschritte auf dem Gebiete der räumlichen Vorstellungen. APs 8 (1906).
O. +Klemm+, Über die Lokalisation von Schallreizen. 6. CgEPs (1914).
FÜNFTER ABSCHNITT
Elementare Denkfunktionen
1. Die Beziehungserkenntnis
Vergleichen wir zwei Linien, zwei Figuren oder sonstige Dinge miteinander, so entdecken wir, daß sie entweder gleich oder ungleich, verschieden oder ähnlich sind. Wir sprechen da von +Sachverhalten+. Der Satz: A ist größer als B, bezeichnet einen Sachverhalt. Mit den Ausdrücken gleichsein, größersein, oberhalb-, rechts davon sein u. ä. verbinden wir einen ganz bestimmten Inhalt. Wir meinen damit etwas anderes als die bloße Summe der beiden erkannten Dinge: wir meinen eben die zwischen ihnen herrschende +Beziehung+. Die experimentelle Untersuchung hat gezeigt, daß man an zwei Dinge denken, sie anschaulich vorstellen und sogar beachten kann, ohne gleichzeitig und notwendig auch die Beziehung zu erfassen, die zwischen ihnen obwaltet. Man kann z. B. zwei Figuren unter mehreren sehen und beachten, die objektiv einander gleich sind, ohne deren Gleichheit gewahr zu werden. Die Beziehungserkenntnis ist somit mehr als die bloße bewußtseinsmäßige Erfassung der in Beziehung stehenden Gegenstände: +das Relationsbewußtsein enthält mehr als die Termini der Relation+.
Der Beziehungsgedanke, wie wir kurz sagen wollen, ist aber zweitens auch ein wahrer Bewußtseinsinhalt: wir sprechen keine leeren Worte aus, wenn wir von Gleichheit, von Ähnlichkeit usw. reden, sondern meinen damit etwas ganz Bestimmtes. Diese Tatsache bliebe bestehen, auch wenn wir Gleichsein, Verschiedensein usw. überhaupt nicht denken könnten, ohne gleichzeitig an Dinge zu denken, die gleich oder verschieden sind. Die eingehendere Forschung machte uns jedoch mit Erlebnissen bekannt, wo der Beziehungsinhalt als solcher im Mittelpunkt des Bewußtseins steht. Es erwächst darum die Aufgabe, zu prüfen, ob sich diese Beziehungsgedanken auf die bisher besprochenen Erkenntniselemente zurückführen lassen, oder ob sie als neue Elemente anzusprechen sind, und wenn sich letzteres ergeben sollte, zu untersuchen, in welchem Verhältnisse diese neuen Erkenntniselemente zu den schon bekannten stehen.
Die von älteren Psychologen oft ausgesprochene Meinung, Beziehungserkenntnisse (wir unterscheiden auch hier zwischen Erkenntnis+akt+ und Erkenntnis+inhalt+ und beschäftigen uns hier zunächst nur mit dem Inhalt) seien kein Plus gegenüber dem Bewußtsein der Termini: mit dem Bewußtsein von zwei Strecken sei auch das Bewußtsein ihrer Gleichheit oder Verschiedenheit unmittelbar gegeben, braucht nach den erwähnten experimentellen Befunden nicht mehr widerlegt zu werden. Man hat sodann hie und da geglaubt, solche Relationen seien nichts anderes als die Worte oder die symbolischen Zeichen, mit denen wir sie zum mündlichen oder schriftlichen Ausdruck bringen. Allein Worte wie Zeichen sind weder Bedeutungen noch wesentlich mit solchen verknüpft. Wir müssen ja die Bedeutung der Worte der Muttersprache wie der fremden Sprachen eigens lernen. Ganz dasselbe gilt für irgendwelche Körperbewegungen. Allerdings schütteln wir zuweilen den Kopf, um den Gegensatz unserer Ansicht zu einer soeben geäußerten kundzutun. Aber das Kopfschütteln als solches besagt doch nicht den Gegensatz. Das Kopfschütteln liefert unserm Bewußtsein nur eine Anzahl von Spannungs- und Bewegungsempfindungen, niemals aber die Bedeutung „nein!“, „falsch!“ oder Ähnliches. (Bei manchen Stämmen bedeutet Kopfschütteln „ja“, Kopfnicken „nein“.) Erfassen wir nicht zuvor selbständig diese Relation, so werden wir niemals das Bedürfnis verspüren, sie durch eine Ausdrucksbewegung kundzugeben.
Wir können nun versuchen, beliebige der uns bekannten Empfindungen oder Empfindungskomplexe in irgendwelcher Zusammensetzung oder Abänderung ins Bewußtsein einzuführen: niemals wird sich aus solchen Elementen ein Beziehungsinhalt ergeben. Allen Empfindungen -- und ebenso den später zu besprechenden Gefühlen -- versagt gewissermaßen die Sprache, wenn wir sie zum Ausdruck einer Beziehung nötigen wollen. Es ist darum die Beziehungserkenntnis nicht nur ein selbständiger, auf die bekannten Empfindungen nicht zurückführbarer Bewußtseinsinhalt, sondern auch ein Erlebnis, das sich überhaupt nicht mit Empfindungsmitteln wiedergeben läßt. Den Empfindungen ist nämlich, wie wir sahen, die Anschaulichkeit wesentlich: Farben, Gerüche, Töne usw. haben etwas Handgreifliches, während Gleichheit, Verschiedenheit, Gegensatz als Bewußtseinsinhalte abstrakt, schemenhaft sind. Empfindungen haben eine, wenn nicht gar mehrere Intensitätsstufen, von einer Intensität der Beziehungserkenntnisse zu reden, verliert jeden Sinn: Beziehungen werden erkannt oder nicht erkannt. Jeder Empfindungsinhalt ist etwas Konkretes, bestimmt Nuanciertes: Gleichheit, Ähnlichkeit, Lagebeziehung sind als Bewußtseinsinhalte stets etwas Allgemeines, auch wenn wir damit nur das Gleichsein usw. anschaulicher Dinge meinen. Aus all diesen Gründen lassen sich die Relationserkenntnisse mit den Empfindungen und Vorstellungen bzw. deren Komplexen nicht auf die gleiche Stufe stellen. Sie gehören einer von jenen Erlebnissen scharf getrennten Klasse an, und da sich kein Übergang zwischen diesen Klassen aufzeigen oder auch nur ausdenken läßt, ist die Verschiedenheit beider als eine +wesentliche+ zu bezeichnen. Wir behalten für die Erlebnisse der höheren Klasse den Ausdruck „denken“ vor, mit dem ja auch der vorwissenschaftliche Sprachgebrauch eine höhere Erkenntnisweise auszeichnet.
Es empfiehlt sich, schon hier zwei Erlebnisse auseinanderzuhalten: das Entdecken von Beziehungen und das Erkennen von Sachverhalten. Sind die Gegenstände A und B gegeben und ich erfasse zum ersten Mal eine Beziehung zwischen ihnen, und zwar eine Beziehung, die ich nie zuvor erlebt habe, so liegt eine ursprüngliche Beziehungserfassung oder die +Entdeckung+ einer Beziehung vor. Finde ich dieselbe Beziehung dann bei den Gegenständen C und D, so kann ein +Erkennen von Sachverhalten+ vorliegen: ich erlebe die Beziehung zwischen C und D +und+ erkenne sie als gleich mit der früher erfahrenen. Sachverhaltsfeststellungen setzen somit eine doppelte Beziehungserfassung voraus; sie sind uns Erwachsenen geläufiger als die Beziehungsentdeckungen, von denen hier zunächst die Rede ist.
2. Das aktive Beziehen
Sehr oft drängen sich uns die zwischen den Dingen herrschenden Beziehungen ganz von selbst auf. Die Verschiedenheit eines roten Papierstreifens von einem grünen kann kaum übersehen werden. Stellt man uns aber die Aufgabe, zu einer bestimmten Farbe aus einer Reihe von Farben und Farbenstufen die jener ersten gleichartige herauszufinden, dann werden wir vielleicht jede einzelne Vergleichsfarbe mit dem Muster in Beziehung bringen; sei es, daß wir beide nebeneinander legen, sei es, daß wir nur den Blick von der einen zur andern wandern lassen, sei es, daß wir mit ruhendem Blick unsere Beachtung bald dem einen, bald dem andern Vergleichsobjekte zuwenden. Dieses Aufeinanderbeziehen ist ein wirklicher Vorgang, ein reales Erlebnis, das z. B. in den Denkexperimenten eine hervorragende Rolle spielt. Es ist ferner etwas ganz anderes als die zuvor behandelte Beziehungserfassung. Denn diese kann aufleuchten, ohne daß wir die Termini zuvor aktiv in Beziehung bringen müßten, und umgekehrt kann das aktive Beziehen vorgenommen werden, ohne daß sich unserem Geiste ein Verhältnis zwischen den Beziehungsgegenständen offenbart. Am meisten Ähnlichkeit hat dieses Erlebnis mit der aktiven Blickwanderung, aber man kann auch bei ruhendem Blick, ja sogar ohne jede Beteiligung des Auges oder irgendeines anderen Sinnes aktiv beziehen, z. B. wenn man Begriffe wie Tapferkeit und Geduld miteinander vergleicht. Das Beziehen ist auch nicht identisch mit willkürlicher Aufmerksamkeit. Zwar wird man in der Regel den aufeinander bezogenen Dingen Aufmerksamkeit widmen, doch können wir selbst mehreren Gegenständen unsere Aufmerksamkeit zuwenden, ohne sie deshalb schon aufeinander zu beziehen. Man denke etwa an die Versuche über den Umfang der Aufmerksamkeit, bei denen mehrere Einzelobjekte bei raschester Darbietung von der Aufmerksamkeit umspannt werden müssen. Endlich ist das Beziehen nicht gleichbedeutend mit dem Wollen. Wir können freilich das aktive Beziehen wollen, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß das aktive Beziehen immer von dem Wollen abhängig ist, aber der Wille betätigt sich auch in andern Funktionen, z. B. in der Aufmerksamkeit auf ein einzelnes Objekt oder in einer Körperbewegung u. dgl.
Vielleicht eröffnet jedoch folgender Gedankengang ein Verständnis des aktiven Beziehens ohne Annahme einer neuen elementaren Denkfunktion. Haben wir dank der elementaren Fähigkeit der Beziehungserfassung mehrmals Beziehungen zwischen verschiedenen Gegenständen entdeckt, so kann eine solche Entdeckung ein Ziel unseres Wollens werden. Richten wir darum willkürlich mit dem Wunsche, eine etwa vorhandene Beziehung zu erfassen, unsere Aufmerksamkeit auf die Gegenstände -- wie dies möglich ist, hat die Willenslehre zu zeigen --, so üben wir das einfachste aktive Beziehen. Die weitere Erfahrung belehrt uns, daß ein Wandern der Aufmerksamkeit von einem Glied zum andern hier zweckdienlich sein kann, und wir lernen so eine höhere Art des aktiven Beziehens. Sind wir sodann mit den verschiedenen Arten der Beziehungsinhalte, wie Gleichheit, Ähnlichkeit, Verschiedenheit, vertraut geworden, so wird auch der allgemeine Wunsch, eine etwa vorhandene Beziehung aufzufinden, durch die besonderen Gesichtspunkte, ob Gleichheit, Verschiedenheit usf., ersetzt.
3. Die Abstraktion
Erfassen einer Beziehung und aktives Beziehen haben beide zur Voraussetzung, daß die Gesamtheit unserer Eindrücke nicht ein unauflösbares Ganzes sind, sondern daß sich aus dieser Gesamtheit Teileindrücke herausheben oder doch herauslösen lassen. Nur so erhalten wir eine Mehrheit von Erkenntnisdingen, die wir miteinander in Beziehung bringen können. Man könnte meinen, das sei durch die Verschiedenheit der Sinneseindrücke schon hinreichend sichergestellt; ein blauer Farbring, der um einen gelben gelegt ist, hebt sich von selbst von diesem ab. Ganz gewiß bedeutet die objektive Verschiedenheit der sinnlichen Eindrücke, der Sinnesdinge, eine namhafte Hilfe für das Herauslösen von Teileindrücken. Bedenkt man indes, daß wir auch aus einer ganz gleichmäßig gefärbten Fläche beliebige Partien allein durch die Beachtung herausgreifen können, so legt das nahe, daß wir es mit einer anderen Funktion als dem rein sinnlichen Erfassen zu tun haben; ganz abgesehen davon, daß sich dieses Herausgreifen nicht notwendig auf Sinnesdinge erstrecken muß.
Auch die Abstraktion können wir versuchsweise auf andere Funktionen zurückführen, so daß von den drei genannten nur die Beziehungserfassung als einzige elementare Denkfunktion übrigbleibt. Zu diesem Zwecke setzen wir voraus, die unwillkürliche Aufmerksamkeit sei eine psychische Verhaltungsweise, die auch willkürlich eingenommen werden kann. Bei der Lehre von der Aufmerksamkeit haben wir dies näher zu klären und zu beweisen. Ist uns nun zum erstenmal die Verschiedenheit eines blauen von einem gelben Farbenton aufgefallen, so mag die blaue und die gelbe Farbe die Aufmerksamkeit auf sich lenken, und zwar nur auf sich und ohne Zutun unseres zielsetzenden Wollens. Ist das mehrmals geschehen, so haben wir ein Verhalten kennen gelernt, das wir nun auf jeden Teilinhalt des Bewußtseins anwenden können: wir haben abstrahieren gelernt. Somit wäre die Abstraktion nichts anderes als die Zuwendung der Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Gegenstand. Neueste Untersuchungen (M. v. +Kuenburg+) über die Abstraktion des Kindes sind dieser Auffassung günstig.
Wir haben soeben die Abstraktion in ihren ersten Anfängen geschildert. Der Erwachsene abstrahiert in der Regel, indem er einen Gesichtspunkt an die Gegenstände heranbringt, z. B. in der Form einer Frage: wo ist der Eingang? Ein solcher Gesichtspunkt wirkt als antizipierendes Schema (siehe unten S. 173), er gibt der Aufmerksamkeit eine bestimmte Richtung und bereitet die Wahrnehmung der Relationsfundamente vor, indem er verwandte Vorstellungen in Bereitschaft setzt.
Über die +Leistung+ der Abstraktion haben die Experimente schon mancherlei ergeben. +Külpe+ bot seinen Vpn verschiedenfarbige in einer bestimmten Figur angeordnete Buchstaben. Die Vpn hatten bald auf die Gesamtanordnung, bald auf die Farbe der Buchstaben, bald auf deren Form zu achten. Es zeigte sich nun, daß die sogenannte +positive Abstraktion+, das Herausgreifen der zu beachtenden Teile, außerordentlich gut gelingt. Wenn die Beobachter auch gar nichts oder nur sehr wenig von der Form und der Farbe der Buchstaben zu berichten wußten, so konnten sie doch die Gesamtanordnung sehr genau angeben und umgekehrt. Das Absehen von den nicht zu beachtenden Momenten kann auch willkürlich geschehen und heißt dann +negative Abstraktion+. Sie scheint mehr zu sein als ein einfaches Nichtbeachten der Elemente, vermutlich handelt es sich dabei um eine Unterdrückung oder Hemmung. Die Abstraktion wird freilich um so schwerer, je enger zwei Elemente miteinander verbunden sind. So ist Form und Farbe der Buchstaben abstraktiv schwerer zu trennen als Form und Gesamtanordnung.
Literatur
J. +Lindworsky+, Das schlußfolgernde Denken. Freiburg 1916. II. Teil, 4. Abschnitt: Beiträge zur Psychologie der Beziehungserkenntnis.
F. +Seifert+, Zur Psychologie der Abstraktion und Gestaltauffassung. ZPs 78 (1918).
SECHSTER ABSCHNITT
Die Verbindung der Beziehungsfunktion mit den Empfindungskomplexen
1. Kap. Die Gestaltwahrnehmung
Die sensistische Richtung in der experimentellen Psychologie, die alle Erlebnisse nur aus den sinnlichen Elementen verständlich machen will, ging lange Zeit unachtsam an einer höchst geläufigen Erscheinung des Alltags vorüber, die übrigens jeder Psychologenschule schwere Rätsel aufgibt. Es ist das Verdienst Chr. v. +Ehrenfels+’, nachdrücklich die Aufmerksamkeit auf das Problem der Gestaltwahrnehmung gelenkt zu haben. Seit seinem Aufsatz „Über Gestaltqualitäten“ (1890) ist die Erörterung dieses Problems noch nicht zum Stillstand, aber auch noch nicht zu einer allseitig befriedigenden Lösung gekommen. Betrachtet man vier Punkte in dieser Anordnung ⁘, so kann man sie als Kreuz und als Quadrat auffassen. Die Sinnesdaten sind in beiden Fällen die nämlichen, die sich ergebenden Gestalten sind verschieden, und jede einzelne ist offenbar mehr als die Summe der vier punktförmigen Eindrücke. Noch deutlicher wird das bei der Melodie. Man kann ein Lied so transponieren, daß kein einziger Ton derselbe bleibt, und doch erkennt jedermann sofort die alte Melodie wieder. Die melodische Gestalt ist also offenbar etwas anderes als die Summe der Einzeltöne.