Chapter 3 of 26 · 3968 words · ~20 min read

Part 3

Ein anderes Problem bildet die Frage nach der Intensität der +Farbenempfindungen+. Man wird hier zweckmäßig zwei Fragen auseinanderhalten: Gibt es bei der Farbenempfindung eine Intensitäts+steigerung+? und: Kann den Farbenempfindungen wenigstens +eine+ Intensitäts+stufe+ zuerkannt werden? War unsere Anordnung der Farben in das Oktaeder richtig, so ist die erste Frage zu verneinen; denn wir bestimmten jede Farbe nur aus den drei Momenten der spezifischen Qualität, der Helligkeit und der Sättigung; für eine Intensitätssteigerung bleibt kein Raum. Auch wenn irgendeine der Farben auf dem kürzesten Weg zum Verschwinden gebracht wird, so geschieht das nicht durch Herabsetzung ihrer Intensität, sondern dadurch, daß eine andere Empfindung an ihre Stelle tritt, mag diese andere Empfindung eine bunte Farbe oder auch Schwarz sein. Denn auch Schwarz ist als positive Empfindung anzusehen. Wird es ja ebenso wie alle andern Farben erlebt und draußen scharf umgrenzt vorgefunden, zum Unterschied von dem bloßen Ausfallen, dem Nichthaben einer Empfindung. Darum kann auch die Schwarz-Weißreihe nicht als eine Intensitätsreihe angesprochen werden, wie Helmholtz meinte. Man muß sich bei dieser Erwägung vor verschiedenen Verwechslungen hüten. Ganz außerhalb der Erörterung hat die +Intensität des+ die Empfindung hervorrufenden +Reizes+ zu bleiben, da es sich nur um die psychischen Inhalte handelt. Ferner darf man die Intensität der Farbe nicht ihrer +Helligkeit+, d. h. ihrer Ähnlichkeit mit Weiß gleichsetzen. Auch die als +Eindringlichkeit+ bezeichnete Fähigkeit einer Empfindung, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, gehört in einen ganz anderen Problemkreis. Es muß vielmehr nach einer Empfindungseigenschaft gesucht werden, wie sie deutlich bei den Tönen erlebt wird, die bei gleichbleibender Qualität eine verschiedene Stärke besitzen können. Fassen wir diese Intensität als Abstand von Null auf, so werden wir jedem Ton eine bestimmte Intensität zuerkennen müssen, auch wenn es einmal aus irgendeinem Grunde unmöglich würde, die Intensität des Tones wie früher zu verändern. Aus dem gleichen Grunde wird man auch jeder Farbenempfindung eine gewisse Intensitätsstufe zuerkennen müssen, obwohl es unmöglich bleibt, diese herauf- oder herabzusetzen. Neuerdings tritt +Stumpf+ für eine Intensitätsänderung der Farben innerhalb enger Grenzen ein. (Vgl. +Stumpf+, Die Attribute der Gesichtsempfindungen. 1917.)

2. Die Beziehung der Farbenempfindung zu den äußeren Reizen

Da die Empfindungen eine letzte psychische Gegebenheit sind, ist es unmöglich, sie psychologisch zu erklären. Wir können aber über manche ihrer Bedingungen Aufschlüsse gewinnen, wenn wir den rein psychologischen Standpunkt verlassen und auf das körperliche Organ wie auf die äußeren Reize achten, die an dem Zustandekommen der Empfindungen beteiligt sind. Diese Grenzüberschreitung ist geboten, weil wir ohne sie gewisse Gesetzmäßigkeiten nicht verstehen können, die sich an den Bewußtseinsinhalten selbst zeigen.

Das Organ, durch welches die Farbeninhalte erstmals in unserem Bewußtsein geweckt werden, ist das Auge. Sein Bau wird hier als bekannt vorausgesetzt. Als +normale Reize+ wirken auf das Auge die +Ätherwellen+ ein. Diese unterscheiden sich voneinander durch ihre verschiedene +Länge+, ihre verschiedene +Intensität+ (Amplitude) und durch ihre größere oder geringere +Reinheit+. Im allgemeinen hängt der Farbenton von der Wellenlänge, die Helligkeit von der Intensität und die Sättigung von der Reinheit ab. Stellt man im Spektralapparat die reinen Farben her, so beginnen diese mit Rot, dem eine mittlere Wellenlänge von rund 700 µµ entspricht. Urgelb entfällt dann auf die Wellenlänge 580, Urgrün auf 500, Urblau auf 480. Für ultrarote und ultraviolette Strahlen ist unser Auge nicht empfänglich. Alle Farben, die nicht im Spektrum enthalten sind, müssen durch die Zusammensetzung verschiedene Wellen erzeugt werden. So namentlich Weiß und Purpur. Übrigens können auch jene bunten Farben, die im Spektrum eine eigene Wellenlänge haben, durch die Vereinigung anderer Wellen hervorgerufen werden. Nur der Schwarzempfindung entspricht kein äußerer Reiz. Gleichwohl kann man durch bloßes Schließen der Augen oder durch den Aufenthalt in einem lichtleeren Kaum noch nicht die tiefste Schwarzempfindung erzeugen. Diese entsteht vielmehr, wenn man ein dunkles Grau durch den Kontrast mit einem umgebenden Weiß vertieft.

Die Helligkeit der bunten Farben ist von zwei Faktoren abhängig. Zunächst von der Wellenlänge; denn Gelb ist heller als Blau und Rot (die spezifische Helligkeit der Farben). Sodann von der Intensität der Reize. Nimmt die Intensität z. B. eines roten Lichtes zu, so wächst innerhalb mittlerer Grenzen die Helligkeit (Weißlichkeit) des Rot. Müssen wir schon diese Wirkung der mittleren Intensitätssteigerung als eine qualitative Änderung der Farbenempfindung bezeichnen, so erst recht die bei größerer Änderung der Intensität eintretende Änderung der Farbe: Eine starke Vermehrung oder Verminderung der Intensität des Farbenreizes beeinträchtigt auch den Farbenton. Rot und Grün werden mit zunehmender Intensität des Lichtes direkt weiß; alle andern Töne nähern sich dem Gelb oder Blau und gehen dann in Weiß über. Bei starker Intensitätsabnahme hingegen dehnen sich im Spektrum Rot und Grün aus. Ebenso verschiebt sich die Helligkeitsverteilung. Das Maximum der Helligkeit rückt von Gelb nach Grün. Erscheint bei guter Beleuchtung eine rote Fläche heller als eine blaue, so kehrt sich das Helligkeitsverhältnis um, sobald man die beiden Farben sowie das Auge verdunkelt. (Purkinjesches Phänomen.) Setzt man am Spektralapparat die Lichtintensität noch weiter herab, so schwinden alle Farben, und es bleibt ein farbloses Band zurück mit dem Helligkeitsmaximum an der Stelle, wo zuvor das Grün gestanden hat.

Zur bequemeren Besprechung der Beziehungen zwischen Reiz und Empfindung mußten wir auf die Farben+wahrnehmung+ übergreifen. Eine +isolierte Empfindung+ ist ja im Grunde nur ein Abstraktionsprodukt. Sie läßt sich einigermaßen annähernd veranschaulichen, doch nicht als solche herstellen. (Vgl. W. +Baade+, Gibt es isolierte Empfindungen? 6. Kongreßbericht 1914.) -- Zum Studium der Farbenempfindungen eignen sich nicht die +Oberflächenfarben+ der Gegenstände, da diese durch ihre Verbindung mit den Dingen und durch unser Wissen davon in ihrer Erscheinungsweise beeinflußt werden. Tauglicher sind die von +Katz+ als +Flächenfarben+ bezeichneten Eindrücke, wie sie am Spektralapparat oder bei Betrachtung einer farbigen Fläche durch das Loch eines Schirmes erzielt werden. -- +Die Vergleichung bunter Farben auf ihre Helligkeit+ ist auf direktem Wege nur sehr schwer möglich. Man hilft sich, indem man versucht, jede der bunten Farben zwischen ein Grau aus einer Grauskala einzuschließen, das sicher heller, und ein anderes, das sicher dunkler ist als die betreffende Farbe. Durch Übung kann man die Grenzen immer enger ziehen und gewinnt so indirekt einen Maßstab für die Helligkeit der beiden Farben. Über andere Methoden siehe +Langfeld+, Über heterochrome Helligkeitsvergleichung ZPs 33. R. +Pauli+, Grundfragen der Photometrie. (Die Naturwissenschaften Heft 41, 1913.)

3. Die Gesetze der Farbenmischung

Wirken mehrere Töne auf das Ohr ein, so entsteht eine Tonverbindung, aus der sich die Einzeltöne bei etwas Übung leicht heraushören lassen. Wirken jedoch mehrere farbige Lichter gleichzeitig auf den Sehnerv ein, so entsteht im Bewußtsein nur eine einzige einfache Empfindung. Nur die Rücksicht auf ihre Entstehung berechtigt die psychologisch unzulässige Bezeichnung solcher Farben als Mischfarben. Die Gesetze der Farbenmischung bilden die Hauptgrundlage für jede Theorie der Gesichtsempfindung. Sie wurden darum schon von älteren Forschern wie +Newton+, +Graßmann+, +Helmholtz+ eingehend behandelt.

Eine Mischfarbe läßt sich erzeugen, indem man auf einer farbigen Kreisscheibe einen andersfarbigen Sektor anbringt und beide rotieren läßt. Befestigt man darüber eine kleinere, konzentrische Scheibe, so hat man die Möglichkeit, die am Rande erzeugte Mischfarbe mit der Farbe der inneren Scheibe bequem zu vergleichen. Durch geeignete Wahl der farbigen Scheiben ist es nun erreichbar, die Farbe des äußeren Ringes der der inneren Scheibe gleichzumachen, d. h. eine +Farbengleichung+ herzustellen. Sie wird durch die Summe der Bogengrade der Mischfarben einerseits und durch die verglichene Farbe anderseits ausgedrückt. Mischt man auf die besagte Weise Rot mit Blau in bestimmter Nuancierung, so erhält man Purpur, eine Farbe, die im Spektrum nicht vorkommt. Nimmt man dagegen zu Rot Blaunuancen, die mehr nach Grün zu liegen, so wird die Mischung immer ungesättigter -- wie überhaupt die Mischfarben in der Regel weniger gesättigt sind als ihre Komponenten -- und dem Grau ähnlicher, bis bei einem gewissen Grün eine tonfreie Farbe entsteht: Ein bestimmtes Rot, mit einem bestimmten Grün gemischt, ergibt ein bestimmtes Grau. Es läßt sich nun zeigen, daß für jede Farbe eine andere existiert, die, mit ihr gemischt, Grau ergibt. (+Satz der komplementären Farben.+) Mischt man jedoch zwei nichtkomplementäre Farben, so erhält man eine bunte Mischfarbe, und zwar jene, die innerhalb des Farbenviereckes auf der kürzeren Verbindungsstrecke der beiden gemischten Farben liegt. (+Satz der Mischfarben.+) Wählt man darum drei Farben so aus, daß die komplementäre einer jeden auf dem Farbenviereck oder dem Farbenkreis zwischen den beiden andern liegt, so kann man durch passende Mischungsverhältnisse alle Farbentöne hervorrufen. Um möglichst gesättigte Mischfarben herzustellen, muß man gewisse nichtkomplementäre Nuancen von Rot und Grün nebst Blauviolett als Mischfarben benutzen. Auf Grund dieser Tatsachen ist endlich der +dritte Satz+ verständlich, daß gleich aussehende Farben, miteinander gemischt, gleich aussehende Mischungen ergeben.

Über die verschiedenen Methoden zur Herstellung der Farbenmischungen vgl. +Fröbes+ I 51 f. Unstatthaft ist die Mischung von farbigen Pigmenten oder Flüssigkeiten. -- Die Farbengleichungen verschiedener Beobachter sind individuell etwas verschieden, weil die Netzhautmitte der einzelnen Individuen eine verschieden starke Gelbpigmentierung aufweist.

4. Der Simultankontrast

Legt man auf einen roten Grund ein kleineres Stück graues Papier und fixiert etwa dessen Mitte während 1-2 Sekunden, so erscheint das graue Papier grün gefärbt. Wiederholt man den Versuch mit den verschiedensten Farben, so ergibt sich der Satz, daß jede Farbe in ihrer Umgebung ihre komplementäre Farbe induziert (+Farbenkontrast+). Die Erscheinung wird weit auffälliger, wenn man das bunte Umfeld und das graue Infeld mit einem durchsichtigen Seidenpapier bedeckt (+Florkontrast+). Entsprechend wird ein mittelgraues Papier auf weißem Grund verdunkelt, auf schwarzem Grund aufgehellt (+Helligkeitskontrast+). Ist das kontrastleidende Infeld gleichfalls gefärbt, so entsteht nach den Gesetzen des vorigen Abschnittes eine Farbenmischung. Da nun die Tendenz zur Induktion der Gegenfarbe von jedem Teilstück einer farbigen oder hellen Fläche gilt, so läßt sich leicht ableiten, daß die Sättigung bzw. Helligkeit innerhalb einer Fläche geringer sein muß als am Rand (+Binnenkontrast und Randkontrast+). Dabei wird stets eine Fixation des Blickes während einiger Sekunden vorausgesetzt. Der Simultankontrast entsteht momentan, ist anfangs am deutlichsten und geht dann rasch zurück. Entfernt man die beiden kontrastierenden Felder ein wenig voneinander oder trennt man sie durch eine schwarze Grenzlinie, so verringert sich der Kontrast oder verschwindet ganz.

Der Simultankontrast könnte auf den ersten Blick als eine Beeinträchtigung unseres Sehens erscheinen. In Wirklichkeit kommt er diesem sehr zustatten. Ohne den Simultankontrast wären nämlich alle unsere Gesichtswahrnehmungen arg verschwommen. Infolge der verschiedensten Unregelmäßigkeiten der brechenden Medien entsteht nämlich auf der Netzhaut eine sehr unscharfe Abbildung des äußeren Gegenstandes, der auch nur ein Gesichtsbild mit sehr ungenauen Umrissen entsprechen könnte. Durch die Induktion der Gegenfarbe werden nun die schwächeren, über das wahre Bild hinausragenden „Verzeichnungen“ mehr oder weniger aufgehoben. Vom Standpunkt der noch zu besprechenden +Hering+schen Farbentheorie beruht ein weiterer Vorteil des Simultankontrastes darin, daß durch ihn die Netzhaut für die Aufnahme des wandernden Farbeneindruckes gewissermaßen vorbereitet wird: die Stelle der Netzhaut, die soeben infolge des Kontrastes zu einem roten Objekt grün empfindet, ist in der besten Verfassung, um alsbald das rote Objekt wahrzunehmen.

Die Tatsachen des +Simultankontrastes+ erklärt man heute allgemein mit +Hering+, +Mach+ und älteren Forschern +physiologisch+. Man denkt sich die benachbarten Stellen der Netzhaut oder eines andern Teiles des nervösen Apparates in funktioneller Wechselwirkung zueinander stehend, ähnlich wie die Wassersäulen in einer Manometerröhre: sinkt die eine Wassersäule, so muß die Nachbarsäule steigen. Entspricht nun dem Sinken die Empfindung der einen Gegenfarbe, so ist mit dem Steigen die der andern verbunden; empfindet ein Netzhautelement rot, so muß darum das Nachbarelement grün empfinden. +Helmholtz+ wollte die Kontrasterscheinungen psychologisch als „Urteilstäuschung“ oder, wie man heute sagen müßte, als Resultat der Auffassung deuten. Gegen diese nicht mehr haltbare Anschauung sei nur ein durchschlagender Beweis von G. E. +Müller+ angeführt. Einem Grünblinden wurden zwei Hintergründe vorgelegt, ein grüner und ein grauer, die er beide für gleich grau ansah. Auf beiden brachte man nun ein kleineres graues Quadrat an. Während nun das Quadrat auf dem grauen Hintergrunde seine Farbe nicht änderte, sah der Grünblinde das Quadrat auf dem grünen Hintergrund in roter Farbe.

Die Tatsachen, auf die sich +Helmholtz+ stützte, gehören zumeist in den Bereich der Oberflächenfarben (s. S. 25), wo wirklich die Auffassung eine bedeutsame Rolle spielt, wie später noch zu zeigen ist. Die hier besprochenen Gesetzmäßigkeiten werden aber in erster Linie stets von den Flächenfarben verstanden. Die auffällige Erhöhung des Kontrastes durch die Überdeckung mit einem (weißen oder schwarzen) Flor dürfte auch darin begründet sein, daß er die Farben als Flächenfarben erscheinen läßt. -- Andere beachtenswerte Anschauungen über den Kontrast von E. R. +Jaensch+ (6. Kongreßbericht 1914) und F. W. +Fröhlich+ („Grundzüge einer Lehre vom Licht und Farbensinn“ 1921). -- Übrigens leistet der heute freilich eingebürgerte Ausdruck des Farben+kontrastes+ einer Begriffsverwirrung Vorschub. Die Farben+inhalte+ rot-grün, gelb-blau besagen nämlich keinerlei Gegensatz; ebensowenig die physikalischen Reize.

5. Die Umstimmung der Netzhaut

Ein Lichtreiz, der auf eine bestimmte Stelle der Netzhaut einwirkt, ruft, wie soeben geschildert, gleichzeitig eine Erregung der nicht unmittelbar gereizten Netzhautteile hervor. Er verursacht aber auch, nachdem er selbst schon vergangen ist, auf der unmittelbar gereizten Stelle eine nachdauernde Erregung, der mannigfache Nachempfindungen entsprechen.

Blickt man für einen Moment in ein sehr helles Licht und schließt alsbald das Auge, so sieht man für eine Weile noch das Bild des Lichtes. (+Positives Nachbild.+) So erscheint auch ein im Dunkeln rasch bewegter Funke nicht als wandernder Punkt, sondern als Lichtlinie. Fixiert man einen farbigen Gegenstand etwa eine halbe Minute lang und schaut dann auf eine helle Wand, so hat man das Bild des Gegenstandes in komplementärer Farbe vor sich, und zwar um so lebhafter, je intensiver und anhaltender der Reiz war. (+Negatives Nachbild, sukzessiver Kontrast.+) Betrachtet man eine Landschaft durch ein gelbes Glas, so schwindet allmählich die gelbliche Färbung der Gegenstände; sie erscheinen nach und nach in ihrer objektiven Belichtung. Die Netzhaut ist für Gelb ermüdet. Richtet man nach Entfernung des gelben Glases das Auge auf eine farblose Fläche, so zeigt sie das komplementäre Blau. Diese als +Umstimmung der Netzhaut+ bezeichnete Erscheinung ist ganz allgemein: jede Lichteinwirkung setzt die Aufnahmefähigkeit für das einwirkende Licht herab und erhöht die für das gegenfarbige Licht. Darum erscheint auch farbiges Lampenlicht nach kurzer Zeit als weiß. (Vgl. jedoch S. 109.) Im Zusammenhange damit steht die sog. +gleichsinnige Lichtinduktion+: Fixiert man eine farblose Scheibe auf farbigem Grund, so läßt sie zuerst die Kontrastfarbe erkennen. Nach einiger Zeit aber tritt an die Stelle der Kontrastfarbe die komplementäre, d. h. die Farbe des Umfeldes, so daß Grund und Scheibe in dem gleichen Lichte erscheinen.

Die Erklärung der Umstimmungserscheinungen wird durchgängig auf dem Gebiete der Physiologie gesucht. Sie ist je nach der allgemeinen Farbentheorie, welche die einzelnen Autoren vertreten, verschieden. An dieser Stelle genügt uns die schon bei dem Simultankontrast verwertete Hilfsvorstellung der kommunizierenden Röhren. Lassen wir die Farbenempfindung nicht nur von dem auf der einen Wassersäule ruhenden Druck, sondern auch von der Menge des in der Röhre befindlichen Wassers abhängig sein, so hat man eine Veranschaulichung dafür, daß mit der Andauer des Reizes die geweckte Farbenempfindung schwächer werden und die Disposition zur Empfindung der Gegenfarbe anwachsen muß. Eine Ausnahme macht dann allerdings die Schwarz-Weißempfindung, deren Verhalten die Zuhilfenahme neuer Hypothesen erfordert.

6. Die zeitlichen Verhältnisse der Lichtwirkung

Exponiert man eine weiße Scheibe weniger als ⅒ Sekunde, so wird sie nicht als volles Weiß, sondern als Grau gesehen. Exponiert man auf dieselbe Weise (tachistoskopisch) eine farbige Scheibe, so erscheint sie farblos, und erst, wenn der farbige Reiz etwa ½ Sekunde lang auf das Auge einwirkt, wird er richtig wahrgenommen. Man spricht hier von dem +Ansteigen der Empfindung+. Der Reiz muß eine gewisse (zeitliche) Schwelle überschreiten, damit die Farbe nicht nur als Licht (generelle Schwelle), sondern auch als Farbe (spezifische Schwelle) erscheine.

Hört der Lichtreiz auf, so schwindet damit noch nicht sofort die Lichtempfindung, sondern sie klingt allmählich ab. Der schlichten Beobachtung scheint dieses Abklingen ein bloßes Nachlassen der eigentlichen Empfindung zu sein. Genauere Untersuchungen lassen es als möglich erscheinen, daß das +Abklingen der Empfindung+ mit dem positiven Nachbild zusammenfällt, daß aber zwischen dem positiven Nachbild und der eigentlichen durch den Lichtreiz unmittelbar hervorgerufenen Empfindung dem primären Bild, noch eine andere Erregung, das sekundäre Bild, liegt. (Vgl. +v. Kries+, Die Gesichtsempfindungen, in Nagels Handbuch der Physiologie III. Bd. 8, Seite 101 ff.) Auf das positive Nachbild folgt dann, wie oben beschrieben, das negative.

Wechseln auf einer rotierenden Scheibe weiße und schwarze Sektoren miteinander ab, so hat das entstehende Grau die gleiche Helligkeit, wie wenn das Weiß seine Helligkeit der ganzen Scheibe mitteilen müßte. Hat also der weiße Sektor den Umfang von 180°, und wäre der schwarze Sektor absolut dunkel, so erscheint die rotierende Scheibe so hell, wie wenn die halbe Intensität der 180° Weiß auf die ganze Scheibe verteilt wäre. (+Talbotsches Gesetz.+) Es verhält sich somit das Auge in dieser Beziehung wie eine photographische Platte, die um so länger exponiert werden muß, je schwächer die Beleuchtung ist, falls der gleiche Wirkungsgrad erzielt werden soll.

Zu den zeitlichen Verhältnissen der Lichtreize können wir auch die merkwürdigen Erscheinungen rechnen, die sich bei längerem Aufenthalt im Dunkeln oder im Hellen ergeben. Tritt man aus einem hell erleuchteten Raum in einen dunkeln, so kann man zunächst in ihm nichts unterscheiden. Allmählich wird jedoch das Auge für die schwachen Reize empfindlich, es herrscht die +Dunkeladaptation+ oder das +Dämmerungssehen+. Nach einem Aufenthalt von etwa 20 Minuten hat sich die Empfindlichkeit gegenüber dem Anfangszustand um das 8000fache vermehrt. -- Verläßt man nun den dunkeln Raum, so wird man von der Helle empfindlich geblendet und vermag nichts zu sehen. Nach kurzer Zeit gewöhnt sich jedoch das Auge wieder an das Licht: es ist +helladaptiert+.

Wie schon oben erwähnt, werden bei Dunkeladaptation keine Farben-, sondern nur noch Helligkeitsverschiedenheiten empfunden. Dabei ruht das Helligkeitsmaximum nicht mehr im Gelb, sondern im Grün; Blau erscheint heller als Rot. Aus diesem Grunde werden auch Farbengleichungen für das dunkeladaptierte Auge unwahr. Nach den bisherigen Forschungen gilt letzteres indessen nicht für den gelben Fleck, die Stelle des deutlichsten Sehens. Diese für die Theorie der Lichtempfindungen höchst bedeutsame Ausnahme wird freilich von +Hering+ bestritten. (Archiv f. Ophthalmologie Bd. 90, S. 1 ff.)

7. Die örtlichen Verhältnisse der Lichtwirkung

Das Auge ist nicht allein auf die Leistungsfähigkeit der Netzhautmitte angewiesen. Wieviel wir dem Sehen mit den seitlichen und peripheren Teilen verdanken, können wir uns veranschaulichen, wenn wir eine enge Röhre vor das Auge halten. Es läßt sich leicht ausmessen, wie weit die Ausdehnung des nichteingeengten Gesichtsfeldes reicht. Man stelle einen halbkreisförmigen Reif so vor das Auge, daß dieses sich im Kreiszentrum befindet und die Mitte des in der horizontalen Ebene aufgestellten Ringes fixiert. Nähert man jetzt einen kleinen Gegenstand ruckweise vom äußeren Ende den Ring entlang der Mitte, so findet man den Punkt, wo der Gegenstand erstmals gesehen wird. Drückt man die Entfernung dieses Punktes von der Reifmitte in Bogengraden aus, so hat man die seitliche Ausdehnung des Gesichtsfeldes nach innen bzw. nach außen gemessen. Dreht man alsdann den Reif um 90°, so daß er in der Vertikalebene liegt, so kann man die obere und untere Grenze ermitteln. Ein nach diesem Prinzip gebautes Instrument nennt man +Perimeter+.

Untersucht man nun mit Hilfe des Perimeters die +Helligkeitsempfindlichkeit der Netzhaut bei Dunkeladaptation+, so ergibt sich, daß diese an der Stelle des deutlichsten Sehens am geringsten ist und innerhalb gewisser Grenzen nach der Peripherie zu ansteigt. Dazu stimmt die Praxis der Astronomen, lichtschwache Sterne nicht zu fixieren, sondern durch „Vorbeisehen“ zu betrachten. Bei +Helladaptation+ besteht kein Unterschied der Hellempfindlichkeit für die Mitte und die seitlichen Partien, dagegen zeigen sich überraschende +Verschiedenheiten für die Farbenempfindungen+. Bringt man bunte Scheibchen der Reihe nach an verschiedenen Stellen des Perimeters an, so verschwinden in einer gewissen Zone bestimmte Schattierungen von Rot und Grün, während andere in Gelb und Blau übergehen: die +Zone der Rot-Grün-Blindheit+. Rückt man die Farbenscheibchen noch weiter hinaus, so verschwinden alle Farben. Die +Netzhautperipherie+ ist +total farbenblind+. Dabei ist der Umstand bedeutsam, daß die Helligkeitsverteilung auf dieser äußersten Zone mit der auf der Netzhautmitte übereinstimmt. Also auch hier ist Gelb die hellste Empfindung, während bei der Dunkeladaptation, wo gleichfalls die Farben in Grau übergehen, die größte Helligkeit an der Stelle des Grün beobachtet wird. Auch das ist beachtenswert, daß ausgedehntere farbige Objekte ebenso wie intensiver beleuchtete weiter peripherwärts farbig erscheinen, als solche von geringerem Umfang bzw. geringerer Intensität. Es entspricht endlich den bisher genannten Tatsachen, wenn die für die Netzhautmitte hergestellten Farbengleichungen sich auch auf den seitlichen Teilen als gültig erweisen. Auch dies ist ein für die Theorie bedeutsamer Gegensatz zu den Verhältnissen bei der Dunkeladaptation.

8. Die Farbenblindheiten

Bevor sich eine Theorie der Gesichtswahrnehmungen versuchen läßt, müssen noch die Tatsachen aufgezählt werden, die aus dem experimentum naturae bekannt geworden sind. Infolge angeborener Mängel, seltener infolge von Krankheit (Vergiftung), stellen sich mannigfache Abnormitäten im Farbensehen ein. Je leichter sich nun diese aus einer Theorie verständlich machen lassen, um so mehr gewinnt die betreffende Theorie an innerer Wahrscheinlichkeit. Breitet man vor verschiedenen Individuen eine Anzahl farbiger Wollbündel aus und greift man aus dieser Menge ein grünes Wollbündel heraus mit der Aufforderung, alle gleichfarbigen neben das grüne zu legen, so werden sich immer Individuen finden, die neben das grüne auch graue und braune Wollfäden legen. Diese Individuen halten grau und grün für gleich, weil sie eben grün überhaupt nicht empfinden. Wiederholt man den Versuch mit einer andern Farbe, so wird man bei einer hinreichend großen Zahl von Prüflingen solche finden, die für andere Farben unempfänglich sind. Diese Anomalien des Farbensehens, die Farbenblindheiten, wurden erst 1794 von +Dalton+ entdeckt. Sie konnten so lange unbekannt bleiben, weil die Farbenblinden in der Regel auch jene Farben richtig benennen, die sie als solche gar nicht empfinden. Sie stützen sich dabei auf andere Merkmale und bezeichnen etwa ihr helleres „Rot“ ebenso wie der Normale als Gelb.

Wie die fortschreitenden Untersuchungen ergeben, sind die +Arten der Farbenblindheiten+ sehr mannigfaltig. Zu einer ersten Orientierung genügt es indes, die drei wichtigsten und verbreitetsten Klassen aufzuzählen: die Rot-Grün-Blindheit, die Gelb-Blau-Blindheit und die totale Farbenblindheit. Die erste ist die häufigste. Sie findet sich bei nahezu 4% aller Männer; bei Frauen jedoch sehr selten, obwohl sie durch die Mutter vererbt wird. Der Rot-Grün-Blinde sieht an der Stelle des Spektrums, wo für den Normalen das Grün liegt, weiß. Links von dieser Stelle erblickt er nur Gelbnuancen, rechts nur Abschattungen von Blau. Für die seltener anzutreffenden Gelb-Blau-Blinden existieren nur die verschiedenen Arten von Rot und Grün. Den total Farbenblinden endlich erscheint die Außenwelt grau in grau, ähnlich wie sich dem Normalen ein photographisches Bild darstellt. Das Spektrum der total Farbenblinden weist nicht bei allen die gleiche Helligkeitsverteilung auf. Manche haben, um nur die wichtigsten zu erwähnen, die gleiche Helligkeitsverteilung wie das normale helladaptierte Auge, andere empfinden die Helligkeitsabstufungen wie das dunkeladaptierte Auge.

Über verschiedene Abarten der Farbenanomalien, ihre Klassifikation und andere Methoden ihrer Feststellung siehe +Fröbes+, I, 81 ff.

9. Die Theorie des Hell- und Dunkelsehens. Duplizitätstheorie

Wir beginnen die Darstellung der Theorie der Gesichtsempfindung mit jener theoretischen Anschauung, die an letzter Stelle ausgebildet wurde. Die Endteile des in der Netzhaut sich aufspaltenden und ausbreitenden Sehnerven sind in der Hauptsache zwei anatomisch verschieden gebaute Organe: die spindelförmigen Stäbchen und die flaschenförmigen Zapfen. (Fig. 2.) Sie sind nicht gleichmäßig über die Netzhaut verteilt, sondern die Netzhautmitte (fovea) enthält auf der Stelle des deutlichsten Sehens (auf einer Fläche von etwa ½ mm Durchmesser) nur Zapfen, während nach der Peripherie hin die Zapfen immer spärlicher werden.

Die schon erwähnten Gesetzmäßigkeiten der Hell- und Dunkeladaptation, insbesondere die verschiedene Helligkeitsverteilung im Spektrum während dieser Zustände, die geringe Helligkeitsempfindlichkeit der Netzhautmitte des dunkeladaptierten Auges, die totale Farbenblindheit mit der Helligkeitsverteilung des Dunkelauges, die Tatsache, daß in der Dämmerung ein fixierter weißlicher Fleck auf dunklem Grunde verschwindet und umgekehrt ein schwarzer Fleck auf weißem Grunde ganz ausfällt (K. L. +Schaefer+), alle diese Umstände führten zu der Annahme, daß den anatomisch verschieden gebauten Endorganen auch eine verschiedene Funktion zukomme: den Stäbchen die Wahrnehmung der Schwarz-Weißreihe bei sehr schwacher Beleuchtung (der +Dämmerungsapparat+), den Zapfen die Wahrnehmung aller Farben bei hellem Licht (der +Hellapparat+). Diese Theorie wurde von M. +Schultze+ (1866) angedeutet und durch +Parinaud+ und namentlich +v. Kries+ ausgestaltet (Duplizitätstheorie).

[Illustration: Fig. 2. Schematischer Querschnitt durch die Retina nach _Ramon y Cajal_. a und b Stäbchen und Zapfen. c und d Zapfenzellen und Stäbchenzellen. e und f bipolare Zellen. g, h, i, j, k Ganglienzellen des Sehnerven. H Optikusfasern. t _Müller_sche Stützfasern. s zentrifugale Nervenfasern.

Nach _Ebbinghaus_, Grundzüge der Psychologie I 3. Aufl. Seite 187. Berlin, Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de _Gruyter & Co._]