Chapter 10 of 20 · 3920 words · ~20 min read

Part 10

Man irrt sich sehr, wenn man glaubt, daß die Gespräche mit diesen Männern nur ein interessantes Studium waren. Ich fühlte mich wohl bei diesen feinen, taktvollen, ja, warum nicht, gebildeten Menschen. Es war eine reine Erquickung, wenn man von den oft platten, inhaltlosen Weißen kam. Batirayu ist aber auch ein ungewöhnlicher Mann, der Stoff zu einem großen Mann, der zur Untätigkeit verurteilt ist.

Batirayu ist ein Chané. Diese Indianer sprechen jetzt dieselbe Sprache wie die Chiriguanos, und zwar Guarani. Die meisten ihrer Sitten und Gebräuche stimmen auch mit denen der Chiriguanos überein, von denen sie wahrscheinlich unterworfen worden sind. Ihrem Ursprung nach sind sie indessen Arowaken und somit die am südlichsten Wohnenden dieser Gruppe, die in Südamerika und auf den Antillen eine große Verbreitung hatte und noch hat.

Wenn ich die Chanés und die Chiriguanos hier zusammen schildere, so geschieht dies, weil ihre materielle Kultur so gleichartig ist. Gleichwohl habe ich angegeben, bei welchem Stamm ich diese oder jene Beobachtung gemacht habe; dies gilt besonders für das religiöse Gebiet, auf welchem die Chanés, wenigstens am Rio Parapiti, viele alte Vorstellungen beibehalten haben, die den Chiriguanos unbekannt sind.

Batirayu erzählte mir, einige von den Chanés wüßten noch einige Worte der alten Sprache des Stammes. Besonders bei den Trinkgelagen, wenn sie betrunken sind, pflegten sie sich damit wichtig zu machen, daß sie unter sich die alte Chanésprache, die sonst den Charakter einer Geheimsprache hat, sprechen.

In Begleitung Batirayus begab ich mich nach dem Dorfe „Huirapembe“, wo die Indianer zu finden sein sollten, die am besten Chané konnten. Es war nicht leicht, ihnen ihre Geheimnisse zu entlocken. Eigentlich waren es nur die Jüngsten, die am allerwenigsten wußten, die mir etwas mitteilen wollten.[48] Eine alte Frau, die ausgezeichnet Chané können sollte, sagte, erst im Totenreiche wolle sie mich unterrichten. Da die Indianer an diesem glücklichen Platze nicht von den Weißen, auch nicht von den Ethnographen belästigt werden, war das Versprechen der Alten nicht sehr freundlich.

Bei einer Menge Ausdrücke, die Schimpfwörter sind, wenden die Chanés ihre alte Sprache an, z. B. karitimisóyti, das sie mit Sohn einer H--e übersetzen. Eine Einladung zum Koitus nennen sie pocóne. Auch Lieder finden sich in ihrer alten Sprache, z. B. siparakinánoyé, siparakinánoyé, siparakinánoyé, tonéya, tonéya, tonéya, wofür sie keine Übersetzung wußten.

Vom Rio Parapiti aus besuchte ich wieder den Chiriguanohäuptling Taruiri im Caipipendital, wo ich so viel alte Schmucksachen und andere Kostbarkeiten wie möglich zu kaufen suchte. Außer Taruiri besuchte ich auch einen anderen Häuptling, Yumbay, einen alten Ehrenmann, der mich immer zu umarmen und dabei zu sagen pflegte: „Ich bin Yumbay.“ „Ja, der große, mächtige Yumbay“, fiel ich ein, worüber der heruntergekommene arme Kerl sich sehr geschmeichelt fühlte.

[Illustration: Abb. 77. Von der Frau des Chiriguanohäuptlings Maringay hergestelltes Tongefäß. ⅙.]

Vom Caipipendital ging ich über Pipi zur Mission bei Ivu. Diese liegt in einer trockenen, einsamen, wasserarmen Gegend, nahe einigen mächtigen Bergen, und das Leben muß da fürchterlich sein. Als die Blattern in der Gegend stark grassierten, wußte Vater Bernardino den Einzug der Krankheit in die Mission mit Erfolg durch Vakzinierung aller am Platze wohnenden Indianer zu verhindern. Vater Bernardino ist ein wirklich uneigennütziger Mensch, ein wirklicher Missionar. Infolge der Vakzinierung starb in Ivu niemand an den Blattern, während die unheimliche Krankheit unter den Weißen, einige Meilen von der Station, fürchterlich wütete. Es geschah ihnen beinahe recht. War einer an den Blattern gestorben, so wurde der Leichnam auf einen mit Papierblumen und einem Kruzifix geschmückten Tisch gelegt. Um diesen herum betranken sich die anderen Schweine und tranken so lange obligos,[49] bis sie auf den Tisch zu liegen kamen. Allein im Dorfe Cuevo starben in kurzer Zeit von zweihundert Personen sechzig. Ich habe die 140 besucht. Sie waren so lustig wie immer. Branntwein und Bier wurde in Massen verzehrt.

Dem Vater Bernardino wurde niemals die Ehre an diesem Werke zuteil, sondern den Medizinmännern, welche die Krankheit verhext hatten, so daß sie nicht nach Ivu kommen sollte. Auch die weißen Kolonisten ließen zuweilen die Medizinmänner kommen, um die Krankheit zu vertreiben. Auch sie glaubten nicht an die Vakzin.

Mit Ivu als Ausgangspunkt machte ich eine Exkursion nach dem Igüembetal, um den Chiriguanohäuptling Maringay zu besuchen. Es war ein hübscher Ritt auf hohe Bergkämme hinauf und in tiefe Täler hinab, durch eine oft großartige, farbenreiche Landschaft. Diese Täler sind waldarm. Nur in einer gut geschützten Schlucht, in welcher ein Bach hervorsickert, ist die Vegetation üppig.

[Illustration: Abb. 78. Von der Frau des Chiriguanohäuptlings Maringay hergestelltes Tongefäß. ⅐.]

Mit dem alten Maringay wurde ich bald sehr gut befreundet. Der Alte war konservativ, hielt fest an alten Sitten und meinte, die Indianer sollten mit den Weißen auf gutem Fuße leben, ihre alten Sitten und Gebräuche aber unverändert bewahren. Sein Dorf war außerordentlich interessant und sehr reich an alten, hübschen Sachen. Die Keramik, die ich dort antraf, gehört zu dem Allerbesten, was ich bei diesen Indianern gesehen habe. (Abb. 77 und 78.)

Von Maringay kehrte ich über die Missionsstation Santa Rosa nach Ivu zurück. Die erstere hat eine wunderbare Lage. Gleich einer alten Burg ist sie auf einem engen Hügel gebaut. Unterhalb liegen in langen Reihen die von niedrigem Wald mit Mimosazeen, Kakteen, kleinen Algorrobos und anderen feinblättrigen Bäumen umgebenen graubraunen Chiriguanohütten. Dieser Wald ist selten so dicht, daß man nicht leicht ohne Waldmesser herauskommen kann. Als ich in Santa Rosa war, herrschte Trockenzeit und alles war verbrannt. Der Regen zaubert aber wohl auch hier das Grün aus dem trockenen Boden. Manchmal bleibt aber der Regen so lange aus, daß die Indianer keinen Mais bekommen, und das bedeutet -- Hunger.

Von Santa Rosa sieht man weit hinaus über die Berge und über die große Ebene Boyuovis, über das Land, welches das Vaterland der Chiriguanos war, wo sie bei Curuyuqui ihren letzten Kampf mit den Christen gekämpft haben, die sich das Recht anmaßen, alle schwächeren Völker zu bestehlen.

Nach dem Ausflug bei Maringay verließ ich das Land der Chiriguanos und Chanés und machte meinen, in diesem Buche schon geschilderten zweiten Besuch bei den Chorotis und Ashluslays.

Das von den Chiriguano- und Chanéindianern bebaute Gebiet ist wirklich sehr ausgedehnt. Es hat eine wechselnde Natur, von üppigen Urwäldern bis zu äußerst wasserarmen, vegetationsarmen Tälern und Ebenen. Es ist teilweise sehr bergig, aber die Chiriguanos und die Chanés sind keine Gebirgsvölker. Sie halten sich unten in den Tälern auf und klettern nicht, wie die Quichuaindianer, auf Gipfel und Hochebenen hinauf.

Das Tierleben in diesen Gegenden ist arm, ja sehr arm. Ein Jägervolk könnte dort niemals wohnen. Hier und da ein Rehbock, ein Wildschwein, einige Strauße, das ist alles, was man an Großwild sieht. Auch das Vogelleben ist arm. Die Zahl der Seen ist sehr gering, und ihre Größe nicht bedeutender, als daß wir sie in Europa Pfützen nennen würden. Am Rio Parapiti sieht man die ihrer kostbaren Federn wegen berühmten weißen Reiher[50] ziemlich zahlreich. Von den Waldvögeln liefert nur das Huhn „pavas“[51] einen Beitrag zum Essen. Zuweilen sieht man einen großschnabeligen „Tukan“.[52] Fette, mit Mais gemästete Tauben leben oft in Massen in den Feldern der Indianer. Im Rio Pilcomayo herrscht ein großer Fischreichtum, in den kleinen Flüssen sind die Fische klein und schlecht. Die Indianer, die diese Gegenden bewohnen, müssen Ackerbauer sein, und Maisbauer sind sie im allerhöchsten Grad. Mais ist für sie Essen, Trinken, Freude, alles!

Abenteuer habe ich von diesen Indianern nicht zu berichten. Jedermann kann unbehelligt unter ihnen reisen. Der größte Kummer des Ethnographen ist, daß er nicht alles Interessante und Alte, was er dort sieht, sammeln kann. Man kann nicht alles nach Hause mitnehmen.

Noch lebt in den Wildnissen des Chaco ein Chiriguanohäuptling Cayuhuari, in dessen Dorf kein weißer Mann gewesen ist. Es soll an einem großen See liegen. Dort weiden große Herden von Pferden und Kühen, und die Maisscheunen sind immer voll. Dort sind die Indianer reich, denn dort gibt es keine Weißen. So erzählt man wenigstens.

Cayuhuari, der seit der Empörung 1890 im Chaco lebt, hat eine weiße geraubte Frau als Schwiegertochter. Man sagt, er habe zusammen mit den Tobas die Zuckerfabriken in Nordargentinien besucht. Er hatte seine Schwiegertochter mit. Die Besitzer der Fabrik erboten sich, sie von den Indianern zu retten. „Ich will sie nicht verlassen,“ sagte sie. „Bei ihnen habe ich meine Kinder.“ Diese Antwort ehrt sie.

Die Sitten und Gebräuche der Chiriguanoindianer sind von mehreren Verfassern,[53] meistens Missionaren, geschildert worden, so daß wir mehr von ihnen wissen, als von den Chorotis und den Ashluslays.

Ein Teil von dem, was ich über diese Indianer berichtet habe, ist nicht neu, wenn auch in neuer Beleuchtung gesehen. Verschiedenes, besonders was das Religiöse betrifft, unterscheidet sich gleichwohl von den Schilderungen der verschiedenen Missionare. Was ich hierin gesammelt habe, ist von den Chanés, und die Missionare kennen die Chiriguanos am besten.

Was mich in verschiedenen Schilderungen der Missionare von den Indianern unsympathisch berührt, das ist, daß sie danach zu streben scheinen, ihre Fehler in allzu dunklen Farben auszumalen, damit ihre eigene „zivilisatorische Arbeit“ so bedeutend wie möglich wirken soll. Die Missionare scheinen mir die Religion der Indianer nicht objektiv schildern zu können.

Wenn ich gelesen habe, wie die Missionare ihre eigene Eroberung des Landes der Chiriguanoindianer beschreiben, so hat es mir nicht gefallen, nur von dem Mut der ersteren und der Grausamkeit der letzteren zu hören. Ich leugne es nicht, die Missionare waren tapfer, mehr bewundere ich aber die Freiheitsliebe und den Mut der Chiriguanoindianer. Ist es den Mönchen zu schwer geworden, so sind ihnen beinahe immer Soldaten zu Hilfe gekommen. Die Indianer haben sich den Missionaren nicht nur infolge der „Religion der Liebe“, sondern infolge Kugel und Blei unterworfen. Der Weg zur alleinseligmachenden Kirche ist nicht selten mit Blut getränkt worden.

Fußnoten:

[48] Chané. Chiriguano. Mojo.

Wasser úne y une Mais sopóro ahuáti seponi Feuer yucu táta yucu Hund tamúco yaúmba tamucu Chicha (gutes) liqui cángui itico Ratte cóvo angúya cozo

[49] Trinkt jemand obligo mit einem, so muß dieser austrinken.

[50] Ardea.

[51] Penelope.

[52] Rhamphastus.

[53] Die allermeiste Literatur finden wir von Domenico del Campana angeführt: Notizie etc. l. c.

+Zehntes Kapitel.+

Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer.

Indianer als Geographen.

Gibt es auf dem südamerikanischen Kontinent einen einzigen bewohnbaren Platz, der nicht von den Indianern entdeckt ist?

Diese Frage wage ich mit „Nein“ zu beantworten. Auf den höchsten Gipfeln der Anden finden wir Indianer, in den trockenen Buschwäldern des nördlichen Chaco gibt es Indianer, in den tiefen Urwäldern von Ost-Bolivia streifen Indianer umher, die ungastfreundlichen Inseln um das Feuerland werden von Indianern bewohnt, in den Pampas in Argentinien haben früher viele Indianer gelebt.

Welch kolossale Zeit haben diese Menschen nicht gebraucht, um jeden Bach, jede Pfütze, jede Klippe, jedes Wäldchen auf dem südamerikanischen Kontinent zu entdecken. Vierhundert Jahre lang hat der weiße Mann mit allen seinen Hilfsmitteln Südamerika zu erforschen gesucht, und doch ist noch viel mehr unerforscht, als man gewöhnlich glaubt. Er kennt im inneren Südamerika alle die größeren Flüsse und Verkehrsstraßen, ungeheuer sind aber noch die Gebiete, die niemals der Fuß eines Weißen betreten hat. Die Indianer kennen jeden Winkel, oder haben ihn wenigstens gekannt.

Die Zeit, die zur Entdeckung dieses Kontinents und zur Anpassung an das wechselnde Klima, die wechselnde Pflanzen- und Tierwelt vergangen ist, ist sicher eine sehr, sehr lange gewesen. Das beweisen auch die hunderte Indianersprachen, die von Südamerika her bekannt sind.

Das Gebiet, das jeder Indianer in der Regel kennt, ist kein großes, er kennt es aber genau. Ich habe, wie ich hier schon erwähnt habe, mit den Ashluslayindianern eine Wanderung von etwa 250 km in den Wäldern vorgenommen. Dies geschah in ihrem eigenen Land, und das kannten sie vollständig. Einzelne Individuen kennen infolge des Handelsverkehrs etwas von dem Lande der befreundeten Nachbarstämme.

Ich habe stets die Indianer gefragt, von welchen Stämmen sie gehört haben, und habe sie gebeten, diese aufzuzählen. Dies taten sie gern, solche Stämme aber, von denen sie glaubten, daß ich sie nicht kenne, erwähnten sie ganz einfach nicht. Sie wollen die Kenntnis des weißen Mannes vom Lande nicht unnötig erweitern. Dies ist der Grund, warum es oft so schwer ist, unter den Indianern einen Wegweiser zu finden. Wer den weißen Mann in ein diesem unbekanntes Dorf führt, ist ein elender, des Todes werter Verräter. Die Chorotis sagen immer, im Innern ihres Landes, vom Rio Pilcomayo an gerechnet, wo noch niemals ein Weißer gewesen ist, gebe es keine Menschen. Die Ashluslayindianer waren sehr erstaunt, als ich ihnen das charakteristische Besitztum der Tsirakuaindianer beschrieb und ihnen von den Yanayguas erzählte. Daß der weiße Mann diese Stämme kennt, war ihnen vollständig unverständlich.

Sehr umfassend sind die Kenntnisse der Indianer von dem Kontinent, den sie bewohnen, nicht. Kein Indianer südlich von Santa Cruz de la Sierra kennt z. B. die nördlich von dieser Stadt wohnenden. Der Rio Paraguay ist den Chanéindianern eigentümlicherweise bekannt. Die dortigen Stämme kannten sie nicht. Dort wohnt, sagten sie, ein großer Häuptling. Sie fragten mich, ob ich von diesem Häuptling ausgesandt sei, um alle Gegenstände aus alten Zeiten zu sammeln, damit sie nicht verloren gingen. Diesen großen Häuptling in Paraguay meinte ein alter Sagenerzähler, als er eine Abschiedsrede für mich hielt, die folgendermaßen begann: „Nun kannst du deinem großen Häuptling sagen, daß du uns und unsere Armut gesehen hast ...“

Das Orientierungsvermögen der Indianer ist viel besprochen. Der Indianer besitzt sicher eine sehr ausgebildete Beobachtungsgabe, sein Orientierungsvermögen ist aber nicht so bedeutend. Ich bin mit den Guarayúindianern im östlichen Bolivia etwa 250 km in tiefen, großen Wäldern, die sie nicht kannten, und in denen wir uns oft mit dem Waldmesser Schritt für Schritt einen Weg bahnen mußten, gewandert. Sie führten mich, wenn die Sonne von Wolken bedeckt war, oft irre, was ich an meinem Kompaß sah. Für einen weißen Mann, der aus dem Stadtleben direkt in die Wildnis versetzt wird, ist die Vertrautheit des Indianers mit der Natur merkwürdig. Ist man erst selbst an dieses Leben gewöhnt, so sieht man die Sache mit anderen Augen an.

[Illustration: Abb. 79. Alter Chiriguano mit großem Lippenknopf. Tihuïpa.]

Die Entfernung von einem Platz zu einem anderen wird von allen Indianern dadurch angegeben, daß sie zeigen, wie weit die Sonne gehen muß, ehe man ankommt. Ist es weit, so sagt der Indianer, wie viele Nachtlager man bis dahin aufschlagen muß. Lange und kurze Wege sind ja auch bei uns in verschiedenen Gegenden verschiedene Begriffe. Was wir in der Stadt weit nennen, wird auf dem Lande oft kurz genannt. Für den Indianer sind Wege, die dem weißen Mann kurz erscheinen, in der Regel lang. Es fehlt den Indianern des Urwaldes die Marschfertigkeit, die wir bei den Gebirgsindianern finden.

Jedem Hügel, jeder Ebene, jeder Talschlucht hat der Indianer einen Namen gegeben. Die Chanés sagen, vor langer Zeit, als alle Völker an den Ufern des Parapitiflusses fischten, kam ein großer Geist (Añatunpa) zu Pferde und gab den verschiedenen Stellen Namen. Dieser Fluß soll Parapiti (wo getötet wird) heißen, diese Stelle Amboró usw., sagte Añatunpa. Von den Namen von Chanédörfern seien erwähnt: Húirayúasa (Vögel treffen sich), Aguaráti (weißer Fuchs), Aguarátimi (weißes Füchslein), Yóvi (grünes Wasser), Ouivarénda (wo es Chuchio gibt),[54] usw. Die letztgenannte Pflanze, deren Blütenstengel von vielen Indianerstämmen in Südamerika als Pfeilschaft angewendet wird, ist jetzt durch die Rinderherden am Rio Parapiti ausgerottet. Die Chané, die ihre Pfeile früher aus Chuchio machten, bauen jetzt eine Art Schilf an, das sie, gleich den anderen Chacoindianern, als Pfeilschaft anwenden. Andere Orte sind nach Häuptlingen benannt, wie Tamachindi, Tamané und Corópa. Ein Dorf nennen sie Yahuanau. Früher war dort ein Sumpf, an dessen Ufern sich kleine schwarze Geschöpfe (Yahuanau) zu sonnen pflegten. Viele Chanéortsnamen sind unübersetzbar, von einem weiß ich, daß er unanständig ist. Einige indianische Ortsnamen sind sicher sehr alt, denn sie beziehen sich auf Pflanzen, Seen oder Sümpfe, die nicht mehr existieren. Im Caipipendital am Parapiti ist ein Dorf namens Tapiirenda. Das Tal ist jetzt ausschließlich von Chiriguanos bewohnt und keiner von ihnen erinnert sich, daß dort, wie der Ortsname angibt, Tapii (Chanés) gewohnt haben.

Die Ortsnamen der höherstehenden Indianer werden von den Weißen, auch wenn sie die Herren im Lande geworden sind, beibehalten. So haben beinahe alle von ihnen im Chiriguanogebiet bewohnten Plätze Guaraninamen, wie Charagua (Name der vom Wasser eigentümlich ausgeschnittenen Klippen), Carandaiti (wo Palmen wachsen). Die Ortsnamen der niedrigeren Stämme werden dagegen von den Weißen nicht bewahrt. So kennt kein Weißer die Mataco- oder Chorotinamen der verschiedenen Plätze am Rio Pilcomayo. Die Ansiedlungen der Weißen werden nach Heiligen, bolivianischen Staatsmännern und Forschungsreisenden benannt. Wird ein Stamm, wie z. B. die Chorotis, ausgerottet, so bleibt von dessen Sprache nichts in den Ortsnamen zurück. Dies dürfen Ortsnamenforscher nicht übersehen.

Durch die Verbindung mit den Weißen erweitern sich die geographischen Kenntnisse der Indianer bedeutend. Sie gehen immer weitere Wege, um Arbeit zu suchen, und sehen Länder, von denen sie früher keine Ahnung gehabt haben.

Der Indianer als Historiker.

Falls wir die Geschichte der Chorotis und Ashluslays schreiben wollten, könnten wir in der Zeit nicht weit zurückgreifen. Erst in den letzten Jahrzehnten sehen wir sie in der Literatur näher erwähnt. Die Chiriguanos kennen wir dagegen schon von ihren Kämpfen mit dem großen Herrscher Inca Yupanqui, aus der Zeit vor der Entdeckung Amerikas her. Über seine Versuche, das Land zu erobern, berichtet Garcilasso de la Vega.[55] Seine Beschreibung der Chiriguanos als einer äußerst niedrig stehenden, menschenfressenden Rasse ist sicher seiner eigenen Phantasie entsprungen. In den Gebirgstälern hat sich die Tradition von diesen Kämpfen noch bewahrt.

In der spanischen Zeit ist das Gebiet der Chiriguanos trotz der jahrhundertelangen tapferen Verteidigung Schritt für Schritt erobert worden. Erst noch 1890 unternahm ein Teil von ihnen einen letzten Empörungsversuch, wurde aber, wie erwähnt, in der Schlacht bei Curuyuqui, auf der Ebene von Boyuovis, besiegt. Etwa fünftausend Indianer hatten sich dort gesammelt und kämpften einen ganzen Tag mit den Weißen den ungleichen Kampf gegen die Feuerwaffen. Der Kampf hatte des Morgens begonnen, und des Abends, als es dunkel wurde, war er noch nicht beendigt. Die Lage begann für die Weißen höchst unangenehm zu werden, da ihre Munition beinahe zu Ende war. Der moralische Mut der Indianer war jedoch leider gebrochen. Sie verließen in der Stille der Nacht ihre Verschanzungen.

Ein sehr wichtiges Kapitel in der Geschichte dieser Indianer ist auch die lange und beharrliche Arbeit der Missionare, das Land der Indianer auf verhältnismäßig friedliche Weise zu erobern. Diese wird in der Literatur ausführlich behandelt.

Hier will ich jedoch nicht von der Geschichte dieser Indianer, wie wir sie durch die Literatur kennen, sprechen, sondern von dem Indianer als Historiker.

Spricht man mit den Indianern, so wissen sie von ihrer eigenen Geschichte nicht viel, ihre Tradition geht nicht weit zurück. Die Chanés am Rio Parapiti erzählten mir, sie hätten erst am oberen Rio Parapiti gewohnt,[56] seien aber von einem großen Häuptling von dort vertrieben worden. Einige blieben, wo sie jetzt wohnen, andere begaben sich durch den Chaco nach dem Rio Paraguay, welcher Fluß, wie gesagt, den Indianern nicht unbekannt ist. Am Rio Paraguay finden sich auch Arowaken.

[Illustration: Abb. 80 a. Pfeife. „Huiramimbi“. Tihuïpa.

b. Zeigt a im Durchschnitt. ⅔.]

[Illustration: Abb. 81: Festtracht für Männer. „Tirucumbai“. Chané. Rio Parapiti. ¹⁄₂₂.

b = Öffnung für den Kopf, a = Armlöcher.]

Die Chiriguanos wohnten zuerst am unteren Rio Parapiti und wurden von den Chanés von dort vertrieben. Dies ist möglicherweise „offizielle Geschichte“, denn wahrscheinlicher haben wohl die Chiriguanos die Chanés aus den fruchtbaren Tälern des oberen Rio Parapiti gejagt.

Batirayu hat mir alles erzählt, was er über die Geschichte der Chanéindianer am Rio Parapiti wußte. Der letzte große Häuptling war Batirayus Onkel, Aringui. Dieser führte viele Indianer seines Stammes zur Arbeit nach Argentinien. Sein Vorgänger war Yámbáe. Vor ihm hatte Ochoápi die Häuptlingswürde bekleidet. Zu seiner Zeit begannen die Weißen ins Land zu dringen. Dieser Häuptling wird als ein bedeutender Mann geschildert, der die Sitten und Gebräuche der Weißen unter seinen Indianern einzuführen suchte. Bekannt ist Ochoápi wegen seiner umfassenden Reisen und seiner Verfolgung der Zauberer. Er soll in Buenos Aires gewesen sein. Vor ihm hatte Chótchori die Häuptlingswürde. Zu seiner Zeit waren die Weißen noch nicht bis zum unteren Rio Parapiti gekommen. Hier ist die Tradition zu Ende. Die hier erwähnten Häuptlinge waren aus demselben Geschlecht, die Regierung geht aber nicht vom Vater auf den Sohn über.

Von den Chanés am Rio Itiyuro könnte ich ein wenig Geschichte erzählen, will aber nicht durch zu viele Namen ermüden. Auch dort geht die Tradition nicht weit zurück, drei Generationen, das ist alles.

In den Sagen dieser Indianer, von denen ich weiterhin mehrere wiedergegeben habe, erfahren wir nichts über die Geschichte dieser Völker. Keine geschichtlichen Ereignisse scheinen dort zu Sagen umgebildet zu sein. Sie haben ganz andere Motive.

Es ist wirklich ganz eigentümlich, daß bei diesen Indianerstämmen ihre Geschichte, der Name ihrer Häuptlinge in Vergessenheit geraten ist, während die Sagen sicher, wenn auch in veränderter Form, jahrhundertelang von Generation zu Generation bewahrt worden sind. Für das hohe Alter der Sagen spricht vor allem ihre große geographische Verbreitung.

Die Gestalten der Sagen und deren Erlebnisse regen die Phantasie an, werden behalten und weitererzählt. Die geschichtlichen Persönlichkeiten und Ereignisse vergißt man.

Sucht man in den Chané- und Chiriguanohäusern, so findet man viele Sachen bewahrt, die jetzt außer Gebrauch sind, die sie aber als Erinnerung an frühere Zeiten ehren und oft nicht hergeben wollen. So sieht man hübsche, runde Pfeifen, „huiramimbi“ (Abb. 80), die sicher von Generation zu Generation gegangen sind. Sie wurden früher bei Kriegszügen angewendet. Der alte Maringay hatte alles mögliche aus alter Zeit aufgehoben. Es bereitete mir ein großes Vergnügen, in den Verwahrungsstellen des Alten herumzuwühlen. Ich wollte gern etwas von ihm kaufen, es genierte mich aber, ihm Geld für seine Erinnerungen zu bieten.

In die Wände gestochen fand ich einst Bündel hübscher, ganz verräucherter alter Pfeilspitzen. „Würdest du mir sie nicht verkaufen wollen?“ fragte ich meinen alten Freund zögernd. „Du sollst drei geschenkt bekommen“, sagte Maringay. Nach dieser Abweisung ließ ich ihn seine lieben Sachen behalten.

Einmal ritt ich von Vocapoys Dorf, um einen alten Chané aufzusuchen, der eine hübsche alte Tracht hatte. Nach einigem Zögern zeigte er sie mir. Er hatte sie sorgfältig in anderes Zeug eingewickelt. Wie ein enthusiastischer Museumsbeamter ein altes Kleinod hervorholt, so wickelte er sie sorgfältig auf. Man sah förmlich, wie lieb sie ihm war. Obgleich ich ihm einen sehr hohen Preis bot, wollte er sie nicht verkaufen.

Daß diese Indianer die alten Erinnerungszeichen lieben, beweist, daß sie eine gewisse Kultur haben. Dies gilt jedoch nur für die Alten, die Jungen sind nicht mehr so, die verkaufen alles, ohne zu zögern. Was kümmern sie sich um eine abgenutzte, alte Festtracht, wenn sie ein rotes, flatterndes Halstuch und Hosen mit Rock dagegen bekommen können! Der Siegeszug der Hosen über die Welt hat auch diese Täler und Ebenen erreicht.

Die Chiriguanos und Chanés führen jetzt nicht mehr richtigen Krieg mit anderen Indianerstämmen. Bisweilen machen die Chanés am Rio Parapiti jedoch gelegentlich Streifzüge gegen die Tsirakuaindianer. Die Ashluslays behaupteten auch, wie mir mein Dolmetscher erzählt hat, daß der Tobahäuptling Taycolique bei seinem Einfall in ihr Gebiet 1909 verschiedene Chiriguanos bei sich hatte.

Batirayu erzählte, die Chanés hätten früher die Köpfe der getöteten Feinde heimgebracht und sie bei Festen auf den Plätzen der Dörfer aufgestellt.

[Illustration: Abb. 82. Tongefäß von den Chanés. ¼. Rio Parapiti.]

Fußnoten:

[54] Arundo saccharoides.

[55] Garcilasso de la Vega: The Royal Commentaries of the Incas. Vol. I–II. Hakluyt Society. London 1869 u. 1871.

[56] Dies wird durch Viedma bestätigt: Descripcion geografica y estadistica de la Provincia de Santa Cruz de la Sierra. Coleccion Pedro de Angelis. Buenos Aires 1836. Tom. III. S. 180-181.

+Elftes Kapitel.+

Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer.

Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten.

In der Regel habe ich mich in den Hütten der Chanés und Chiriguanos sehr wohl gefühlt. Das Leben in diesen Dörfern ist ganz gleichartig. Schildert man ein Dorf, so hat man sie beinahe alle geschildert.