Part 15
Infolge der Berührung mit den Weißen sind die Sagen nicht frei von fremden Elementen. Die meisten sind jedoch rein indianisch.
I. +Der Weltuntergang und der Raub des Feuers.+
Erzählt von dem Chanéindianer Batirayu vom Rio Parapiti.
Es war einmal in alten Tagen ein sehr armer Mann, der in den Wäldern umherirrte und keinen festen Wohnsitz hatte. Wenn er in die Dörfer kam, jagte man ihn fort und hetzte die Hunde auf ihn. Als der Mann sah, daß man ihn in keinem Dorfe wohnen lassen wollte, machte er sich eine Hütte, „tocay“.[92] Dort kamen allerlei schöne Vögel zur Hütte, und die meisten wurden bald so zahm, daß er sie fangen konnte. Der Mann dachte: „Gehe ich mit diesen prächtigen Vögeln in ein Dorf, so nimmt man mich vielleicht auf.“ Er nahm nun die Vögel und ging in die Dörfer. Alle fanden die Vögel schön, nirgends wollte man ihn aber wohnen lassen. Der Mann ging nach seiner Hütte zurück. Eines Tages kam Añatunpa[93] in Gestalt eines schönen Vogels zu ihm. Was ist das für ein merkwürdiger Vogel, dachte der Mann. Añatunpa sagte, er sei gekommen, um ihm zu helfen, und gab ihm ein Paar Flügel.
„Wenn du in ein Dorf kommst, sollst du die Flügel bewegen und dann donnert es,“ sagte Añatunpa. „Wollen sie dich trotzdem nicht wohnen lassen, so erhebe die Flügel.“
Der Mann ging in ein Dorf, wo ein großes Trinkgelage stattfand. Man wollte ihn nicht aufnehmen. Er bewegte die Flügel und es donnerte. Man glaubte, die Medizinmänner seien es, die donnerten, und kümmerte sich nicht um ihn. Wieder bewegte er die Flügel und es donnerte. Man glaubte immer noch, es seien die Medizinmänner, die donnerten, und kümmerte sich nicht um ihn. Als er endlich sah, daß man ihn nicht wohnen lassen wollte, sondern ihn fortjagte, erhob er die Flügel, die er verborgen hatte. Da kam ein Sturm, der riß alle fort, außer zwei Knaben und einem Mädchen.
Diese, die nun allein waren, wollten kochen, aber sie hatten kein Feuer. Sie hatten Kürbis und Mais, konnten sie aber nicht rösten. Da kam ein alter Mann, die Sonne, mit einem Feuerbrand zu ihnen. Er röstete einen Kürbis und aß ihn, als er aber fort ging, nahm er das Feuer wieder mit. Er wollte ihnen nichts davon abgeben. Als der Alte das nächste Mal kam, beschlossen sie, ihm das Feuer zu stehlen. Als er an dem mitgebrachten Feuerbrand einen Kürbis röstete, schlug einer der Knaben mit einem Knüttel darauf, so daß die Glut umhersprühte. Der Alte sammelte sie schnell auf. Einen ganz kleinen Funken fanden sie gleichwohl unter einem halben Kürbis, der auf der Erde gelegen hatte. Sie machten nun Feuer an. Huapi (der Webervogel?) sagte zu ihnen, sie sollten das Feuer gut aufbewahren, so daß es niemals ausgehe. Er sagte ihnen auch, sie sollten, wenn das Feuer erlösche, mit dem „Tatay“[94] Feuer reiben.
Der jüngere Bruder nahm nun seine Schwester zur Frau. Der ältere hatte keine Frau. Sie legten einen Kürbis in eine kleine Hängematte und wiegten sie. Der Kürbis wuchs zu einem Mädchen, das bald zu einer Frau emporwuchs. Diese nahm der ältere Bruder zur Frau. Von diesen beiden Paaren stammen alle Chanés.
2. +Der Weltuntergang und der Raub des Feuers.+
Erzählt von dem Chanéhäuptling Vocapoy.
Ein Jüngling hatte sich in den Wald begeben und in einer Lache das Bild eines schönen Mädchens gesehen, dem er folgte. Er blieb eine lange Zeit bei ihr, einen Monat, und seine Mutter glaubte schon, er sei tot, und schnitt sich die Haare ab. Sie glaubte, er wäre von einer Schlange gebissen worden oder dergleichen. Eines Tages kam der Sohn jedoch nach Hause und erzählte, daß er ein hübsches Mädchen gefunden, mit dem er sich verheiratet habe. Die Mutter sagte ihm da, er solle sie holen, und braute eine Masse Maisbier, um ihre Ankunft zu feiern.
Der Jüngling kam mit seiner Frau, und sie war hübsch und wohlgekleidet. Während des Festes verwandelte sie sich und wurde sehr häßlich. Hierüber machte die Schwägerin eine Bemerkung, und sie wurde böse und verließ sie und ging dahin zurück, woher sie gekommen war, indem sie erklärte, sie werde sich rächen. Sie sagte jedoch, man solle erst einen Knaben und ein Mädchen in ein großes Tongefäß setzen. Ein Bruder und eine Schwester wurden zusammen mit den Samen von Mais, Kürbis und Bohnen in ein Tongefäß gesetzt und der Krug gut zugedeckt. Als dies geschehen war, begann es fürchterlich zu regnen, und Häuser und alles wurde mit Wasser bedeckt. Der Krug floß jedoch oben. Alle Menschen und Tiere ertranken in dem steigenden Wasser. Lange floß das Tongefäß umher und der Knabe und das Mädchen begannen schon groß zu werden. Das Wasser sank dann, als sie aber aussteigen wollten, war der Boden noch sumpfig, und sie mußten warten, bis er getrocknet war.
Als sie aus dem Tongefäß kamen, säeten sie von den mitgehabten Samen Mais, Kürbis und Bohnen. Diese reiften in einem halben Monat. Sie hatten kein Feuer. In einiger Entfernung sahen sie Feuer. Es war „Tosté“,[95] ein Watvogel, der an den Flußufern schreit, der Feuer hatte. Als sie sich dem Feuer näherten, verschwand es jedoch weiterhin.
Der Frosch versprach, ihnen Feuer zu rauben. Er hüpfte zu Tostés Lagerfeuer und setzte sich, vor Kälte bebend, daran, um sich zu wärmen. Von Zeit zu Zeit scharrte er die Glut näher zu sich hin, gleichsam um sich besser zu wärmen, und als niemand es sah, stopfte er einen kleinen Feuerbrand in den Mund und hüpfte davon.
Zu dem Knaben und dem Mädchen hingekommen, machte er Feuer an, und seitdem haben die Chanéindianer Feuer. Die Schwester und der Bruder, die nun groß geworden waren, verheirateten sich, und sie wurde schwanger. Sie bauten sich eine Hütte. Das Mädchen bekam Kinder. Als diese Kinder groß waren, verheirateten sie sich miteinander. Von ihren Kindern stammen alle Chanés. Von den Kindern des ältesten Knaben stammen die Häuptlinge her.
Es kann ja eigentümlich erscheinen, daß ich zwei ganz verschiedene Sagen gefunden habe, die denselben Stoff bei demselben Volk behandeln. Dies ist dadurch zu erklären, daß die Chanés ein zersprengter Stamm sind, der keine eigene, selbständige Kultur mehr hat.
Die erstgenannte Version ist wahrscheinlich ihre eigene, während sie die andere von den Chiriguanos geliehen haben. Domenico del Campana[96] erwähnt, daß diese letzteren eine Flußsage haben, in welcher zwei Kinder auf ähnliche Weise in einem Tongefäß gerettet werden.
Die Chorotis und die Matacos berichten, daß die Welt durch Feuer, die Chanés am Rio Parapiti, daß sie durch Sturm und die Chiriguanos und Chanés am Rio Itiyuro, daß sie durch Wasser untergegangen sei.
Die erstgenannten leben auch in Gegenden, wo große Pampasbrände gewesen sind, am Rio Parapiti herrschen oft schwere Stürme und die Chiriguanos sind wahrscheinlich aus Gegenden gekommen, wo große Überschwemmungen gewöhnlich sind.
Daß diese Weltuntergangsagen innig mit der Natur des Landes, in dem sie entstanden sind, zusammenhängen, ist, wie Ehrenreich[97], Im Thurn[98] u. a. gezeigt haben, sicher. Ehrenreich sagt, eine solche anthropomorphe Auffassung der Sonne, wie hier in der ersten Sage, sei in Südamerika selten.
+Besuche in Aguararenta+ (dem Dorfe der Füchse).
Batirayu erzählte mir folgendes über den Glauben der Chanéindianer vom Leben im Jenseits und dem Totenreiche. Aguararenta (aguara = Fuchs, tenta = Dorf) ist ein Dorf, wo die Toten, aña, wohnen. Es liegt im Osten. Des Nachts sind die Toten dort in Menschengestalt, am Tage gehen sie als Füchse, Ratten und andere Tiere umher oder gehen in einen Baumstamm. Jede Nacht sind in Aguararenta große Trinkgelage. Alle Chanés, Kinder, Frauen und Männer, kommen dorthin. Auch Verhexer (ipáyepótchi) und Mörder kommen nach dem genannten Dorf. Niemand wird im Totenreich der Chanés bestraft.
Auch Lebende haben Aguararenta besucht und erzählt, was sie dort gesehen haben. Ein paar solche Erzählungen will ich hier wiedergeben. Sie geben uns einen guten Einblick in die Vorstellungen der Indianer vom Jenseits.
+Das Mädchen, das seinem Mann nach Aguararenta folgte.+
Erzählt von einem Chanéindianer in Aguarati (weißer Fuchs) am Rio Parapiti.
Ein Mädchen wollte sich mit einem Mann verheiraten, aber er starb. Sie hatte ihn sehr gern gehabt. Am Morgen, am Tage nach seinem Tode, während es noch finster war, stand sie vor dem Hause ihrer Eltern und stieß in den Mörser. Da kam jemand und erfaßte den Mörserstab.
„Wer bist du?“ fragte sie.
„Ich bin es,“ sagte er. Es war ihr toter Mann. „Willst du mitkommen?“
„Ja“, sagte sie, da sie ihn sehr liebte.
Er begab sich nun fort in der Richtung, wo die Sonne aufgeht. Sein Gesicht war verhüllt, damit niemand es sähe. Sie ging hinter ihm her. Sie gingen durch den Wald, sie gingen über die Pampas und wieder durch den Wald. Am Tage schlief er und des Nachts war er wach.
Als der Vater seine Tochter vermißte, ging er, um sie zu suchen. Er folgte ihren Spuren. Vor diesen ging eine Fuchsspur. „Aña hat meine Tochter genommen“, sagte der Vater. Zuletzt fand er sie tot am Wege. Er machte sie jedoch wieder lebendig und brachte sie nach Hause. Als sie über die Pampas gingen, sahen sie einen Fuchs umherstreifen. Am folgenden Tage starb sie. Der Vater weinte. Da kam der weiße Kondor „Ururuti“ und sagte, er solle nicht klagen. Ururuti nahm ihn auf den Rücken und flog mit ihm nach Aguararenta.
In Aguararenta schlief man am Tage und war wach des Nachts. Als der Vater dorthin kam, trank man Maisbier. Ururuti brachte ihn nach dem Hause seines Schwiegersohnes. Er redete seine Tochter an, sie antwortete ihm aber nicht. Sie sah nicht wie ein Mensch aus. Wieder redete er sie an, er bekam aber keine Antwort. Er ging nun zu Ururuti, der ihn nach Hause brachte. Weder er noch seine Frau beweinten die tote Tochter.
Am folgenden Tage starb der Vater.
+Version 2. Erzählt von Batirayu.+ Es war eine Frau, deren Mann gestorben war. In der Nacht kam er zu ihr in der Gestalt eines Mannes und schlief bei ihr. Er bat sie, mit ihm nach seinem Dorfe Aguararenta zu kommen. Sie folgte ihm. Als sie unweit des Dorfes kamen, hörten sie Gesang und Tanz. Sie ging mit ihrem Mann nach dem Marktplatz, wo ein großes Trinkgelage stattfand. Sie sah dort viele Tote, die sie kannte. Die Toten hatten jedoch Angst vor ihr und hielten sich fern von ihr. Sie blieb dort, bis es Morgen wurde. Da verschwanden alle Hütten, und sie befand sich auf einer Ebene voller Fuchsspuren. Ihr Mann verwandelte sich in eine Ratte (angúya). Sie blieb dort den ganzen Tag, auf dem Stamm einer Algarrobo sitzend. Als es finster wurde, kamen die Menschen wieder und es fand dort ein großes Trinkgelage statt. Am Morgen sagten die Toten: „chéahata húirasécuera (ich gehe als Baumstamm), chéahata augúyara (ich gehe als Ratte), chéahata kárakárara (ich gehe als Geier), chéahata águarára (ich gehe als Fuchs), chéahata ándirára (ich gehe als Fledermaus)“ usw. Sie kehrte nach Hause zurück. Ihr Mann sagte, er werde kommen, um sie zu holen. Nach drei Tagen war sie tot. Sie war ihrem Mann nach Aguararenta gefolgt.
Der Chiriguanohäuptling Maringay erzählte mir von einem Mann, der am Wege eingeschlafen war. In der Nacht kam seine tote Frau zu ihm, und er schlief bei ihr. Als er erwachte, war sie verschwunden. Er nahm das im Schlaf Erlebte als Wirklichkeit an. Bei den Chanés und Chiriguanos ist der Glaube an ein jenseitiges Leben, wie bei anderen Indianern, auf Träume gegründet. Sie treffen im Traume einen Toten, sie besuchen im Traume das Totenreich. Es ist indessen unrichtig zu sagen, daß die Indianer an ein Leben im Jenseits glauben. Er weiß, daß es ein solches gibt, denn Lebende haben die Toten gesehen, haben mit ihnen der Liebe gepflogen, haben Maisbier mit ihnen getrunken, haben sie sich in Füchse, Ratten, Baumstämme usw. verwandeln sehen.
Geister- und Tiersagen.
„Die Toten sind aña“, sagte Batirayu. Unter diesen gibt es mehrere, die Tunpa (am besten mit groß zu übersetzen) sind und übermenschliche Kräfte besitzen.
Der Größte unter den Añatunpas ist Yamándutunpa. Andere der Großen sind Mariutunpa und Tipaytunpa. Chiquéritunpa, der in einigen der hier wiedergegebenen Sagen auftritt, ist der, der den Donner hervorbringt. Chiquéritunpa heult des Nachts, wenn es Krieg gibt. Diese Añatunpa greifen in das Leben der Menschen ein, besonders die Zauberer stehen mit ihnen in Verbindung. So erzählte Batirayu, daß die Añatunpa des Nachts zu Tsuhuandico, einem großen, jetzt verstorbenen Zauberer, kamen und mit ihm Maisbier tranken. Sie sagten ihm, wenn es regnet, wenn jemand krank wird, ob eine Mißernte eintritt usw. Batirayu berichtete auch, daß Angúya, ein Verwandter des Aringui, der letzte große Häuptling, den Añatunpa Tabak anzubieten pflegte, wenn sie bei Tsuhuandico waren. Die Añatunpas tranken nur ganz wenig Maisbier. Wenn sie kamen, sah man sie nicht, man hörte aber gleichsam das Klingen von Sporen.
Diese Zauberer haben eine ungeheuere Macht, sie können verhexen, denn Krankheit und Tod haben ihren Grund in Verhexung. Unter den Chanés ist Tambápui der größte Zauberer. Er ist der Enkel des Tsuhuandico und Sohn des Yapandáy, der ebenfalls ein großer „ipáye“ war.
In den Sagen treten Yamándutunpa, Mariutunpa und Tipaytunpa niemals auf. Dort spielen Aguaratunpa (der Fuchsgott) und Tatutunpa (der Gürteltiergott) die größte Rolle. Aguaratunpa hat Tembeta (s. S. 211). Sie haben menschliche Leidenschaften, und besonders die Geschichte des Fuchsgottes ist eine Schilderung von allerlei Kniffen und Verbrechen. Der Gürteltiergott ist etwas besser und steht auch höher.
Vocapoy erzählte mir, er habe einen alten Mann gekannt, der in den Bergen einen Tunpa gesehen habe. Er war eine Handbreit groß und wohlgekleidet. Das Wasser rann von seinem Körper.
[Illustration: Tafel 20. Sagenerzähler. Chané. Rio Parapiti.]
Batirayu glaubte steif und fest an die Existenz der Añas und Añatunpas, an ihre Verbindung mit den Zauberern und an deren Macht. Daß Aguararenta existiert, davon war er fest überzeugt. Der Wahrheitstreue der Sagen von den Abenteuern und Erlebnissen der Aguaratunpas und Tatutunpas, die ich hier unten wiedergeben will, stand er skeptisch gegenüber.
In der Religion dieser Indianer existiert somit zuerst ein Kern von Wahrheit, an den sie glauben. Hierzu kommen die Abenteuer und Taten, die sie am Lagerfeuer von den Geistern erzählen und die wenigstens die Intelligenteren, die Denkenden unter ihnen, selbst als Sagen auffassen.
Diese Sagen will ich hier unten wiedergeben.
Der Begriff eines großen, allmächtigen Gottes ist den Chanés fremd. Jetzt wissen sie indessen alle direkt oder indirekt etwas vom Christentum, wodurch die Vorstellung an einen großen Gott einzudringen beginnt. Vocapoy, der kein Christ war, erzählte mir einmal, die Chanés glaubten an einen großen Gott, Tunpa.
Batirayu sagte, er glaube nicht an einen Gott, wie ihn die Christen beschreiben. Er wunderte sich, daß die Christen die Armen bedrückten und so viele Schlechtigkeiten begingen, da sie doch lehrten, daß die Sünder mit der Hölle bestraft werden. „Wie kann man wissen, wie es im Himmel aussieht, da niemand, der dort gewesen, zur Erde zurückgekommen ist“, sagte Batirayu.
„Und so sagen sie, daß wir Flügel bekommen sollen“, sagte er und lachte höhnisch.
Den Missionaren nach glauben die Chanés an ein höchstes Wesen,[99] Tunpahétte-vae, den wirklichen Gott. Der Name klingt schon verdächtig. Ich stehe der Annahme, daß dieser ursprünglich ist, sehr skeptisch gegenüber. Als ich mit den Missionaren über die Religion der Indianer sprach, erstaunte ich über ihre Unwissenheit. Sie verachten die Vorstellungen der Indianer und halten es nicht der Mühe wert, sie näher kennen zu lernen. Es gelingt ihnen niemals, sich von der katholischen Vorstellung zu befreien, daß die Indianer, die, wie wir, von Adam und Eva herstammen und zu denen San Thomas gepredigt hat, nichts von ihrem „ursprünglichen Glauben“ wissen.
Zwei der Tunpas, die hier in den Sagen auftreten, haben Tiernamen, Aguaratunpa (Fuchsgott) und Tatutunpa (Gürteltiergott). In den Sagen finden wir einen intimen Zusammenhang zwischen Menschen und Tieren.
Batirayu sagte: „Alle Tiere sind Menschen gewesen.“
+Die Erschaffung der Welt, wie der Fuchsgott, Aguaratunpa, den Algarrobobaum fand und wie er den weißen Kondor, Ururuti, fing.+
Erzählt von zwei Chanéindianern am Rio Parapiti.
Es wird erzählt, daß im Anfang ein Tunpa war. Er machte die Erde mit dem Himmel und alle Sterne, die Sonne und den Mond. Es wird erzählt, daß diese Erde nichts trug, daß sie ganz kahl war. Tunpa setzte da allerlei Früchte hinein, um die Armen zu speisen, wie die Caraguatá und die Mangára. Es wird erzählt, daß dort eine Algarrobo war, die Mutter aller Bäume. An diesem Baum waren allerlei Früchte. Dieser Baum hat sich in der ganzen Welt vermehrt. Hierauf kam Tunpa, nahm den Mutterbaum mit und ließ die Sprößlinge hier. Es wird erzählt, daß Tunpa die Voreltern von uns und auch die Voreltern der Weißen geschaffen hat. Den Avas[100] und Chanés gab Tunpa einen Holzspaten und einen langen geschnitzten Stock, „carúmpa“ genannt, Pfeil und Bogen, ein Schaf, eine Ziege, ein Huhn und einen Hund, damit sie alle diese Tiere vermehren und damit sie sich mit diesen Werkzeugen ernähren. Den Weißen gab er Gewehre, ein Pferd, eine Stute und eine Kuh und alle möglichen Werkzeuge aus Eisen, damit sie mit diesen arbeiten.[101]
Es wird erzählt, daß die kleine Viscacha,[102] „Tacumbocumba“, diese Bäume, die vom Mutterbaum zurückblieben, beaufsichtige. Sie hatte diese Bäume sehr gut beaufsichtigt, keinen einzigen Samen hatte sie fortführen lassen. Sie hatte die Blüten gekostet, sie aber bitter gefunden, bis sie Frucht gaben. Als sie reif waren, säete sie die Samen. Als diese wieder gereift waren, säete sie diese wieder. Im folgenden Jahre hatten sie alle reife Frucht gegeben.
Aguaratunpa war zum Hause der Tacumbocumba gekommen. Diese war eine alte Frau. Sie bot Aguaratunpa von diesen Früchten, die sie bewacht hatte, und er fand sie sehr gut. Er fragte, wie sie heißen. Sie erwiderte, diese Früchte heißen „mä“.
Als sie ihm die Früchte anbot, setzte sie sich neben Aguaratunpa, damit er kein einziges Samenkorn mitnehme. Aguaratunpa verbarg in einem hohlen Zahne eines der kleinsten Samenkörner. Als er zu essen aufgehört hatte, reichte ihm die Alte Wasser zum Mundausspülen, damit kein einziges Samenkorn zurückbleibe. Mit dem Finger untersuchte sie Aguaratunpas Mund, konnte aber kein einziges Korn finden. Wieder fragte Aguaratunpa die Frau, wie der Baum heiße, und nahm Abschied. Den Namen des Baumes nennend, setzte er seinen Weg fort. Nicht weit davon fiel Aguaratunpa, vergaß den Namen des Baumes und kehrte zu der Alten zurück, um zu fragen. Darauf setzte er seinen Weg fort. Wieder fiel er, wieder vergaß er den Namen, und wieder kam er zu der Alten zurück, um zu fragen. Da sagte sie: „Du hast etwas Samen mitgenommen, und so untersuchte sie noch einmal seinen Mund, konnte aber nichts finden. Hierauf ging Aguaratunpa weiter, bis er zu einer offenen Ebene kam. Dort säete er den Algarrobosamen, den er mithatte. Dann zog er weit umher. Nach einigen Jahren kam er zurück und fand schon eine große Algarrobopflanze vor. Wieder zog er weit umher. Als er zurückkam, blühte die Algarrobo. Er nahm eine Blüte und kaute sie. Sie war bitter. Wieder zog Aguaratunpa in die Welt hinaus. Als er zu seiner Algarrobo zurückkam, fand er sie voll reifer Früchte. Er nahm eine auf, die auf die Erde gefallen war, und kostete sie. Sie war süß und gut. Er suchte nun nach jemand, der den Baum für ihn bewachen wollte. Er fragte zuerst einen Käfer, „Nyákira“, dieser wollte aber nicht. Dann fragte er „Húiran“, einen kleinen schwarzen Vogel, der wollte aber auch nicht. Nun fragte er einen anderen Käfer, „Tikitikiru“,[103] und dieser versprach ihm, den Baum zu bewachen. Kommt jemand, der von deiner Algarrobo Früchte stehlen will, so will ich singen: „Tikitikiru, tikitikiru, ko mä séramátata, tiki, tiki“, sagte er. Aguaratunpa war nicht weit gegangen, da hörte er: „Tikitikiru, tikitikiru, ko mä séramátata, tiki, tiki.“ Aguaratunpa eilte zurück. „Hier sind (Tuáta) der Floh, (Yatéu) die Zecke und (Isáu) die Blattschneideameise gewesen und die haben Früchte von deiner Algarrobo gestohlen“, sagte Tikitikiru. Die Zecke hatte ein großes Tragnetz mitgehabt, um die Früchte zu tragen, und die Blattschneideameise war auf den Baum geklettert, um sie abzubeißen. Aguaratunpa eilte ihnen nach. Zuerst erreichte er die Ameise. Er trat auf ihre Mitte. Darum sind alle Ameisen so schmal um den Leib. Dann nahm er die Zecke auf und trat mitten auf sie, so daß sie ganz platt wurde. Zuletzt bekam er den Floh und trat auf ihn, glitt aber aus, so daß er ihn seitwärts drückte. Darum sind alle Flöhe klein und zusammengedrückt. Tikitikiru überließ nun Aguaratunpa die Algarrobo, damit er sie selbst bewache. Er spannte seine Hängematte auf und legte sich zur Ruhe. An einem Zweig sah er noch eine Frucht, die die Diebe zurückgelassen hatten. Aguaratunpa rief nun den Wind herbei, und der schüttelte den Zweig, an welchem die Algarrobofrucht saß, so daß sie herunterfiel. Die Frucht fiel Aguaratunpa mitten ins Auge. Der Fuchsgott war nun tot.
Bald kamen alle Geier, um von Aguaratunpa zu essen. Sie schickten den Kolibri „Chinu“, um ihren großen Häuptling, den weißen Kondor, „Ururuti“, zu holen, damit dieser von Aguaratunpa esse.
„Hütet euch, er ist nicht tot, er stellt sich nur tot, um unsern großen Häuptling zu fangen,“ sagte einer der Geier, „Kara-kara“.
„Gewiß ist er tot“, sagte die Fliege „Mbéru“ und kroch unter dem Schwanz des Fuchsgottes hinein und aus einem Nasenloch heraus, durch das andere hinein und so unter dem Schwanz wieder heraus.
„Er ist nicht tot“, sagte Kara-kara.
„Er ist tot“, sagte die Fliege und legte Eier in Aguaratunpas Augen, so daß sie voller Würmer waren. Als der weiße Kondor kam, näherte er sich Aguaratunpa, um zu essen.
„Hüte dich, er ist nicht tot“, sagte der Geier.
„Er ist tot“, sagte die Fliege und kroch wieder unter Aguaratunpas Schwanz hinein und durch das eine Nasenloch heraus, durch das andere hinein und dann unter dem Schwanze wieder heraus.
Der weiße Kondor begann nun von Aguaratunpa zu essen. Dieser fuhr nun auf, nahm ihn gefangen und band ihn mit einer Kette von Silber.
„Eine Herde Pferde will ich dir geben, wenn du mir die Freiheit schenkst“, sagte der weiße Kondor.
„Ich habe so viele Pferde, daß ich nicht mehr brauche“, sagte Aguaratunpa.
„Ich will dir große Felder geben, wenn du mir die Freiheit schenkst“, sagte der weiße Kondor.
„Ich habe so viele Felder, daß ich nicht mehr brauche“, sagte Aguaratunpa.
„Ich will dir meine beiden Töchter zu Frauen geben und ein Haus, in dem du wohnen kannst, wenn du mir die Freiheit schenkst“, sagte der weiße Kondor.
„Ich brauche deine Töchter nicht, denn ich habe in allen Dörfern Frauen“, sagte Aguaratunpa.
„Ich will ein ganzes Haus mit silbernen Schalen, ‚cagua‘, füllen und es dir geben, wenn du mir die Freiheit schenkst“, sagte der weiße Kondor.
„Ich habe so viel Silber, wie ich brauche,“ sagte Aguaratunpa, „und ich habe dich gefangen, um dich zu töten. Kannst du mir aber den weißen Gummiball, ‚toki‘, schenken, damit ich damit spielen kann, so will ich dir die Freiheit schenken“, sagte Aguaratunpa.
An eine lange silberne Kette gebunden, flog Ururuti, um den weißen Gummiball zu holen. Als Aguaratunpa ihn bekam, schenkte er dem weißen Kondor die Freiheit. Der Strauß, „Yándu“, und die Fledermaus, „Andira“, spielten Ball. Der eine warf den Ball, fing ihn mit dem Kopf auf und stieß ihn dem anderen zu, der ihn wieder mit dem Kopfe auffing und zurückstieß (vgl. S. 193). Als der Ball durch die Luft flog, fing der weiße Kondor ihn auf und verschwand. Aguaratunpa schickte nun einen Vogel, „Tavatan“, um den schwarzen Gummiball zu holen, und das ganze Dorf spielte. Mit dem Strauß spielte Aguaratunpa. Mitten im Spiel tauschte er den Ball gegen einen Stein aus und warf ihn. Der Strauß fing ihn mit dem Kopf und fiel tot nieder. Als er wieder lebendig wurde, hatte er einen plattgedrückten Kopf, wie jetzt alle Strauße. Mit dem schwarzen Gummiball verschwand die Fledermaus.
Nun ist die Geschichte aus.
[Illustration: Abb. 127. Tongefäß. Chiriguano. Caipipendi. ⅓.]
Tatutunpas und Aguaratunpas Verheiratung.
Sage, erzählt von dem Chanéindianer Agilera am Rio Parapiti.
Es wird erzählt, dort war einmal ein großer Häuptling, Chiquéri, und dort waren auch Tatutunpa und Aguaratunpa. Sie lebten alle weit, weit fort von hier. Am weitesten wohnte der große Häuptling. Dieser hatte Tatutunpa kommen lassen, um ihm seine Tochter zur Frau zu geben. Tatutunpa kannte viele Künste und Aguaratunpa kannte auch viele Künste.