Part 18
Die Zecke und der Strauß wollten einen Wettlauf veranstalten, um zu sehen, wer am besten laufen konnte. Als sie zu laufen begannen, hüpfte die Zecke auf den Strauß und biß sich in den Augenwinkeln fest.
Als der Strauß eine Strecke gelaufen war, schielte er nach der Seite, um zu sehen, ob die Zecke auch mit war. Da sie in dem Augenwinkel war, sah er sie an seiner Seite.
Der Strauß beeilte sich. Als er ein Stückchen gelaufen war, schielte er wieder zur Seite und sah, daß die Zecke noch an seiner Seite war.
Der Strauß lief aus Leibeskräften. Als er dem Ziele ganz nahe war, hüpfte die Zecke von dem Augenwinkel und kam als erster an.
Die Zecke hatte den Wettlauf gewonnen.
Diese kleinen Tiersagen haben eine ungeheuere Verbreitung. So finden wir die Sage von der Schildkröte und dem Jaguar beinahe unverändert in Santarem an dem Zusammenfluß des Rio Tapajo in den Amazonenstrom.[125]
Auch ähnliche Wettlaufsagen sind von der Küste Brasiliens bekannt.[125] Diese letzteren finden sich, wie bekannt, auch bei uns.
Man hat, wie schon erwähnt, nachgewiesen,[126] daß gewisse Sagen von Nordamerika und Asien bis nach Südamerika heruntergewandert sind. Da hier indessen nicht der rechte Platz zu vergleichenden Studien über die von mir gesammelten Sagen ist, habe ich mich damit begnügt, nur das Material vorzulegen.
Wie wir gesehen haben, lernen wir aus den Sagen einen Teil der religiösen Vorstellungen der Indianer verstehen. Sie sind auch aus dem Gesichtspunkt interessant, daß in ihnen eine ganze Menge kleiner Züge aus dem Leben der Indianer wiedergegeben werden. Sie geben uns einen Einblick in ihre Phantasiewelt.
Nur der Inhalt der von mir gesammelten Sagen, nicht die Form, ist als Forschungsmaterial verwendbar. Ich hoffe, daß besonders die eingeborenen südamerikanischen Ethnographen die von mir gemachten Sammlungen fortsetzen und die Sagen auch in den Originalsprachen aufzeichnen werden. Um dies zu können, ist jedoch eine vollständige Beherrschung derselben notwendig. Die beste Methode wäre, die Indianer diese Sagen in einen Phonographen sprechen zu lassen.
Die Indianer und die Naturerscheinungen.
In einer der Chanésagen wird erzählt, wie Yahuéte, der zweiköpfige Jaguar, im Begriffe war, den Mond aufzufressen. Maringay nannte Yahuéte „Yahuaróhui“. Sonnen- und Mondfinsternisse erklären diese Indianer so, daß Sonne und Mond von Yahuéte angegriffen werden. Die Chorotis sprechen, wie schon erwähnt, auch von einem Raubtier, das die Sonne und den Mond anfällt.
Wandert man in einer sternklaren Nacht mit einem Indianer durch Wald und Flur, so ist der Sternhimmel sein Kompaß und seine Uhr. Er deutet auf den Orion oder auf ein anderes Sternbild hin und zeigt, wieviel es sich weiter bewegt hat, bis man ankommt.
Er gibt nicht vielen Sternbildern Namen, er kennt sie aber alle. Den dem südlichsten Kreuz am nächsten liegenden Teil der Milchstraße nennen die Chanés „yándurape“, d. h. Straußweg, das südliche Kreuz nebst einigen nahegelegenen Sternen ist „yánduinyaka“, der Kopf des Straußes, die beiden größten Sterne im Zentaur sind „yánduipoy“, Halskette des Straußes, die Venus heißt „coemilla“, Morgen, Orion mit dem Dolche „húirayúasa (Vögel begegnen sich). Ein anderes Sternbild ist „huázupucu“, Rehbockhorn, ein anderes „borévi“ Tapir. Die Plejaden nennen sie „ychu“, die Bedeutung des Namens wissen sie aber nicht, und dies ist das wichtigste Sternbild von allen.
Sitzt man mit den Indianern in der Hütte, so können sie den Platz der wichtigsten Sternbilder am Himmel bezeichnen, ohne sie zu sehen. Sie kennen ihre Lage zu allen Jahreszeiten.
Der Sternhimmel ist nicht nur die Uhr und der Kompaß der Indianer. Er ist auch ihr Kalender. Eine besonders wichtige Rolle spielen dabei hier, wie bei anderen Indianern, die Plejaden. Wenn sie zuerst in der Morgendämmerung am Horizonte sichtbar werden, so ist die geeignete Zeit für die Maissaat gekommen. Daß gerade dieses relativ unbedeutende Sternbild eine so große Rolle in der Astronomie der Indianer spielt, hat zu phantastischen Spekulationen über babylonischen Einfluß Anlaß gegeben.
Fragt man einen Indianer nach der Größe der Sterne und ihren Abstand von uns, so stehen sie unschlüssig da und antworten am liebsten gar nicht. Sie verstehen gleichwohl, daß sie weit entfernt sein müssen.
In den Sagen spielen die Sterne keine große Rolle. Der Chiriguanohäuptling Maringay erzählte jedoch, es war einmal ein Bruder, der mit seinem Schwesterchen spielte. Sie suchten sich zu haschen, sangen und sprangen. Nun sitzen sie als zwei Sterne am Himmelsgewölbe.
Zwei Sternhaufen im Süden des südlichen Himmelsgewölbes sind die Asche eines alten Mannes und einer alten Frau, sagte einmal ein Chiriguano zu mir. Es war eines Abends im August.
Die Sonne ist in der Sage ein Mann und der Mond eine Frau. Einem alten Mann, der Sonne, stahlen die Chanékinder das Feuer, und unter dem Tiru der Mondfrau verbarg sich der zweiköpfige Yahuéte, als er von dem Sohn des Gürteltiergottes verfolgt wurde.
Die Ab- und Zunahme des Mondes hing nach Maringays Erklärung davon ab, daß ein größeres oder kleineres Stück desselben in das Himmelsgewölbe gesteckt wird.
Die Sonne geht über dem Wasser auf und leuchtet uns dann am Tage. Am Abend steigt sie wieder ins Wasser, und des Abends leuchtet sie den anderen Menschen jenseits der Erde. So dachte sich Maringay den Lauf der Sonne. Ich glaube jedoch, daß er dies von den Weißen gelernt hat.
Wenn ein Meteor, „baeréndi“, niederfällt, bedeutet es den Tod eines Häuptlings. Über eine Sternschnuppe sagten die Chanés am Rio Parapiti: „Er geht, um bei seinem Mädchen zu schlafen.“ Maringay war in seiner Erklärung realistischer. „Der Stern läßt etwas fallen“, sagte der Alte.
Wenn es donnert, geht Chiquéritunpa um. Die Medizinmänner, „ipáye“, können Regen machen. Wenn die Schwalben „máchurupimpi“, niedrig fliegen, regnet es, sagen die Indianer. Ein anderer Vogel, „chóncho“, verkündet Regen. Reist man, so soll man nicht einen Krug ins Wasser stecken, sondern das Wasser mit einer Kalebasse schöpfen, sonst regnet es. In einer mir von den Chanés am Rio Itiyuro erzählten Weltuntergangssage geht die Welt durch Wasser unter. Die Chanés am Rio Parapiti erzählten mir, wie die Welt durch einen Sturm untergegangen sei. Der Wind spielt sonst in den Sagen eine unbedeutende Rolle. Setzt man einen erwärmten Krug in rinnendes Wasser, so kommt Sturm, sagen die Chanés am Rio Parapiti. Der Regenbogen, „yii“, ist eine Schlange.
Fußnoten:
[92] Tocay ist eine Hütte, in welcher der Jäger verborgen liegt, um von dort Vögel mit Schlinge oder Pfeil zu fangen.
[93] Der Große Geist (s. S. 257).
[94] Feuerzeug aus Holzstäbchen.
[95] Ein anderer Chané erzählte mir, daß der Frosch das Feuer vom schwarzen Geier gestohlen habe.
[96] Domenico del Campana: l. c. S. 22.
[97] Ehrenreich: l. c. S. 30-31.
[98] Im Thurn: Among the Indians of Guyana. London 1883, l. c. S. 375.
[99] Vgl. Domenico del Campana: l. c. S. 39.
[100] Ava = Chiriguano.
[101] Dies ist sicher ein moderner Zusatz zur Sage. Dasselbe finden wir in einer hier wiedergegebenen Matacosage.
[102] Lagostomus.
[103] Wahrscheinlich eine Carambycide.
[104] Vgl. S. 51.
[105] Kürbis einer wohlschmeckenden Art.
[106] Ara = Himmelsgewölbe, Weltraum.
[107] Gemildert.
[108] Huirapucu ist ein weiches Holz (Salix Humboldtiana).
[109] „Urundey“ ist rotes Quebracho oder nahestehend.
[110] Dyori wird immer als der Unersättliche geschildert. Er entspricht dem Móconomóco in den Sagen von Mojos.
[111] Eine große Wildkatze.
[112] Puma (Felix concolor).
[113] Gemildert.
[114] d’Orbigny. Voyage dans l’Amérique Méridionale. T. 3, I. Paris 1834, S. 212.
[115] = Mistol.
[116] Siehe S. 166.
[117] Inómus Geschichte ist im Vorhergehenden erzählt.
[118] Ein Vogel.
[119] Wahrscheinlich Flamingo.
[120] Rio Pilcomayo.
[121] S. 139 wird der bedeutende Handel mit getrockneten Fischen, der zwischen den Stämmen betrieben wird, geschildert.
[122] Hier wird nicht gesagt, welcher Añatunpa gemeint ist.
[123] Rhamphastus.
[124] Gemildert.
[125] Vgl. Fredr. Hartt: Tortoise Myths. Rio de Janeiro 1875.
[126] Ehrenreich: l. c.
+Achtzehntes Kapitel.+
=Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer= (Forts.).
Die katholischen Missionen unter den Chiriguanos.
Allmählich müssen alle Indianer unter den Einfluß der Weißen kommen. Das ist unvermeidlich. Mit jedem Tage vermindern sich die Gebiete, in denen sie noch unabhängig leben. Sobald ihre Gebiete erobert sind, werden sie auf die eine oder andere Weise gezwungen, für die Weißen zu arbeiten und kommen in vollständige Abhängigkeit von ihnen. In der Regel werden sie auch schlecht behandelt, ausgesogen und moralisch verdorben.
Es ist deshalb ein Glück im Unglück, daß es aufopfernde Menschen gegeben hat und gibt, die etwas getan haben und tun wollen, um den Indianern zu helfen. Diese Menschen sind die Missionare. Es läßt sich nicht leugnen, daß diese eine bedeutende zivilisatorische Arbeit unter ihnen versucht und auch vorgenommen haben. Enthusiasmus und Wille zur Aufopferung sind erforderlich, um Missionar zu werden. Seines Vergnügens wegen kann kein Mensch sein ganzes Leben in Gegenden leben, wo die Einsamkeit auf die Dauer schrecklich sein muß und wo das Leben keine Zerstreuungen oder Genüsse gewährt.
Für den Missionar ist die religiöse Bekehrungsarbeit die Hauptsache. Er will die Seelen aus der Hölle „tatahuasurenda“[127] erretten. Glücklicherweise sind die katholischen Missionare klug genug, auch ein wenig an dieses Leben zu denken und eine Verbesserung der materiellen Daseinsbedingungen der Indianer zu erstreben.
Der Indianer, der ein unabhängiges Leben liebt, aber mit in den Zivilisationstanz hineingezwungen wird, will kein Missionskind werden, wählt dieses aber als das geringere Übel. In der Mission steht er unter Vormunden, aber nicht unter Unterdrückern.
Als mein Freund, der Chanéindianer Batirayu, von dem ich hier mehrmals gesprochen habe, mich fragte, ob es nicht das beste sei, die Missionare zu bitten, zu den Chanés am Rio Parapiti zu kommen, dachte er sie sich als Retter von der Bedrückung der weißen Herren.
Als ich den Chiriguanohäuptling Maringay fragte, ob er nicht wolle, daß die Missionare nach seinem Dorfe kämen, wurde der Alte ganz aufgebracht und sagte mürrisch: „Ich habe wohl nichts Böses getan.“
Die größte Bedeutung der Missionare liegt darin, daß sie die Indianer von der Bedrückung und den Lastern der Weißen zu schützen suchen. Mit Freude habe ich gesehen, wie die Missionare den Branntwein, den verdammten Branntwein, in den Missionsstationen verbieten.
Ich glaube dennoch nicht an die Zukunft der Missionen. Sie scheinen mir zum Verschwinden verurteilt zu sein. In demselben Maße, wie die Indianer von den übrigen Weißen besser behandelt werden und für ihre Arbeit eine ordentliche Entschädigung erhalten, werden sie die Missionen verlassen und sich der Bevormundung der Franziskanermönche entziehen.
Immer aber werden die Missionare die Ehre haben, daß sie die Indianer wenigstens etwas vor den anderen Christen zu schützen versucht haben. Ehre haben sie auch mit den Studien, die sie über Sprache, Sitten und Gebräuche der Indianer gemacht haben, eingelegt.
Die Furcht vor den Gummigegenden.
In einem vorhergehenden Kapitel habe ich über die Wanderung der Indianer nach Argentinien gesprochen. Im nördlichsten Gebiet der Chiriguanoindianer findet noch eine andere Auswanderung statt. Sie unterscheidet sich von der ersteren u. a. dadurch, daß sie nicht freiwillig ist. Es handelt sich um die Gummigegenden im nordöstlichen Bolivia. Jeder Indianer, der nach den argentinischen Zuckerfabriken geht, weiß, daß er, wenn kein Unglück eintrifft, wieder zurückkommt. Keiner hält ihn mit Gewalt zurück. Von den Gummigegenden kommt dagegen niemals einer wieder.
[Illustration: Abb. 132. Chanékinder. Rio Parapiti.]
Ist es wahr, sagen sie, daß dort ein Riese ist, der Menschen frißt? Ist es wahr, daß die Menschen zu Gummi gemahlen werden? Ist es wahr, daß das Fleisch, das in Blechbüchsen kommt, von Menschen ist? Dies sind Fragen, welche die Indianer an mich gerichtet haben.
Auf eine schamlose Weise sind die Chiriguanoindianer, besonders vom Caipipendital, nach den Gummigegenden im nördlichen Bolivia gelockt worden, wo sie als Arbeiter verkauft worden sind. Unter Bewachung bewaffneter Leute sind sie über Quatro-Ojos den Rio Mamoré heruntergebracht worden.
Über das Verhältnis der Indianer zu der Gummiindustrie habe ich jedoch bessere Gelegenheit in dem Buche zu sprechen, in welchem ich über die Studien, welche ich in den Gummigegenden selbst und unter den Indianern, die in der Nähe derselben liegen, berichten werde.[128] Ich gehe deshalb hier nicht näher auf diese Frage ein.
Frondienste für die Weißen.
Die Chiriguanos und Chanés, die in ihrem eigenen Land bei der zugezogenen weißen Rasse als Diener arbeiten, sind außerordentlich schlecht bezahlt. Dies gilt besonders für abgelegene Gegenden, wo die infolge der Konkurrenz höheren Arbeitspreise in den argentinischen Zuckerfabriken nicht auf die Löhne haben zurückwirken können. Den Chanés am Rio Parapiti wird z. B. selten mehr als 20 Centavos (nicht ganz 35 Pf.) pro Tag nebst Kost bezahlt. Die Frauen verdienen ungefähr halb soviel. Der Verdienst wird den Indianern teils in Branntwein und Zucker, teils in Zeug und Werkzeug ausbezahlt. Das Zeug ist so schlecht, daß ein Hemd aus einem solchen Stoff nicht viel länger reicht, als die Zeit, die zum Verdienen desselben gebraucht wird. Infolge dieses Systems fangen auch die Chanés und Chiriguanos an, wie ihre Stammfreunde in den Gummigegenden im nordöstlichen Bolivia, der Schuldsklaverei zu verfallen.
Zu hoffen ist, daß die vom Ingenieur Herrmann in Gang gesetzten großen Anlagen in San Franzisko am Rio Pilcomayo die indianischen Lohnverhältnisse im allgemeinen verbessern werden. Bezahlt er besser als andere, so kommen alle Indianer zu ihm, und die übrigen Arbeitgeber müssen die Löhne erhöhen.
[Illustration: Abb. 133. Tongefäß. ⅑. Chiriguano. Caipipendi.]
Die Chiriguanos und Chanés sind somit auf dem besten Wege, in den alles andere als glücklichen Kampf zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer hineinzugeraten.
Die bolivianische Regierung sollte dafür sorgen, daß die Felder der Indianer ins Grundbuch eingetragen werden, damit die Weißen sich nicht ihrer bemächtigen können. Die Regierung müßte auch die Bedingung aufstellen, daß kein Indianer sein Land verkaufen darf. Auf diese Weise würde die Regierung den Indianern das Besitzrecht am Lande, aber nicht das Eigentumsrecht an demselben zusichern.
Die Unsicherheit und die gedrückten Lohnverhältnisse, unter denen diese Indianer leben, tragen natürlich zur Auswanderung nach Argentinien und vor allem dazu bei, daß viele Indianer das Land nicht nur als Saisonarbeiter, sondern für immer verlassen.
Will die bolivianische Regierung etwas für die Indianer tun, so muß sie in erster Reihe ein Mittel gegen das schlimmste Übel, und zwar den Alkoholismus, zu finden suchen. Zwischen Maisbier- und Branntweintrinken ist nämlich ein ungeheurer Unterschied.
Ein Indianer, der sich in einheimischen Getränken betrunken hat, ist niemals so auf Streit und Schlägerei erpicht, wie derjenige, der von der Höllensuppe der Weißen gekostet hat. Außer daß der Branntwein die Moral und Gesundheit der Indianer schädigt, ruiniert er sie vollständig. Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie ein Indianer für ein Fäßchen Branntwein seine beste Kuh hergeben kann.
Die Brennerei für den eigenen Bedarf ist in Bolivia noch gestattet. Sie müßte verboten werden, ebenso, daß jeder an beliebiger Stelle Alkohol verkaufen darf.
Ganz unvernünftig ist das bolivianische Militärgesetz, das die Indianer zwingt, Militärdienst zu verrichten. Dasselbe kommt zwar sehr selten zur Anwendung, wenn es aber geschieht, und wenn die Behörde einen Jüngling zum Militärdienst abholt, ist er selbst und alle anderen Indianer in der Gegend mit ihm außer sich vor Schreck. Man kann nicht verlangen, daß die Indianer an der Verteidigung des Vaterlandes teilnehmen, bevor sie dieselben Rechte wie andere Bürger haben und wissen, welches ihr Vaterland ist.
Es ist unrecht, zu verlangen, daß sie helfen sollen, Bolivia zu verteidigen, die Weißen zu verteidigen, die ihnen, ihren Begriffen nach, ihr Land gestohlen haben. Auch die Chiriguanos und Chanés lieben ihr Land, aber dieses Vaterland sind nur die Täler und Wälder, in denen ihre Väter gerodet und ihre Mütter Tongefäße für die Feste gemalt haben.
Während der Entwicklungsperiode, die Bolivia jetzt durchmacht, ist es wichtig, sich die indianische Arbeitskraft auch hier im Lande der Chané- und Chiriguanoindianer zunutze zu machen.
Trotz ihrer eigenartigen Kultur setze ich keine großen Hoffnungen auf die Zukunft der Chiriguano- und Chanéindianer. Sie werden indessen als ein wichtiges Element der Mestizenrasse einverleibt werden, die in Zukunft allein über die Trockenwälder des Parapititales und die letzten Ausläufer der Anden nach El Gran Chaco herrschen wird.
Allmählich vergessen sie wohl ihre Sagen von Tatutunpa und Aguaratunpa und den anderen Göttern.
Die Nachkommen Maringays, Vocapoys und der anderen werden dann vielleicht studieren, was über ihre Vorväter in diesem Buche geschrieben ist, das in einem Lande gedruckt ist, wo der Mais nicht reift und die Palmen nur unter Glas wachsen. Sie werden vielleicht nach Norden fliegen, um die Schmucksachen zu sehen, mit denen die Alten bekleidet waren, und die schöngemalten Trinkgefäße, in welchen ihre Stammütter das Maisbier zu den Festen gereicht haben.
Fußnoten:
[127] Tatahuasurenda = wo das große Feuer ist. Guaraniwort, von den Missionaren erfunden.
[128] Ist unter dem Titel „Indianer och hvita i nordöstra Bolivia“, Stockholm 1911, auf Schwedisch erschienen.
+Neunzehntes Kapitel.+
Die Tapieteindianer.
Zu diesen Indianern.
Hier habe ich zwei verschiedene indianische Kulturen geschildert, teils eine, die wir bei den noch ursprünglichen Chorotis und Ashluslays kennen gelernt haben, teils eine, die wir am Fuße der Anden bei den halbzivilisierten Chanés und Chiriguanos angetroffen haben. Die Indianer, über die ich hier berichten will, sind dadurch bemerkenswert, daß sie die materielle Kultur der ersteren und die Sprache der letzteren (Guarani) haben.
Ende Juli 1908 verweilte ich über eine Woche bei dem Tapietehäuptling Yaré am Rio Pilcomayo, und im August desselben Jahres besuchte ich ihre wilden, unzuverlässigen Stammfreunde am Rio Parapiti, welche dort Yanayguas genannt werden.
Dieser letztere Besuch war recht abenteuerlich.
Mit Isiporenda am Rio Parapiti als Ausgangspunkt, hatte ich mit einem Chiriguanoindianer als Dolmetscher ein kleines Yanayguadorf besucht, aus dem die Indianer zu kommen pflegten, um bei den Chanés und manchmal auch bei den Weißen Arbeit zu suchen. Dort hörte ich von einem großen Yanayguadorf, das verborgen im Walde liegen sollte. Ein Yanaygua wurde zu diesen Indianern mit einer Einladung geschickt, mich zu besuchen. Am folgenden Tage kam er mit der Antwort. Sie lautete: „Haben die weißen Männer uns etwas zu sagen, so mögen sie zu uns kommen.“ Sie selbst wollten nicht zu dem weißen Mann kommen, der sie möglicherweise fangen und nach den Gummigegenden verkaufen wollte.
Ich entschloß mich sofort für die Visite. Meine schwedischen Begleiter waren natürlich sofort zu dem Abenteuer bereit, und der Dolmetscher, der die Segnungen der Zivilisation durch die Mission kennen gelernt hatte, wurde durch eine Geldsumme mutig gemacht. Mit einem Yanaygua als Wegweiser machten wir uns auf. Über die blendend weißen Sandfelder des ausgetrockneten Rio Parapiti und auf Indianerpfaden reitend, die uns über große Dünen und durch trockene Gebüsche und Wälder führten, kamen wir nach dem Dorf.
Es lag auf einem Hügel in einem Kesseltal. Der Platz war gut gewählt, da das Dorf schwerlich von den Feinden der Yanayguaindianer, den Tsirakuaindianern, überfallen werden konnte, ohne daß die Einwohner Zeit hatten, sich auf die Verteidigung vorzubereiten. Als wir uns dem Dorfe näherten, tauchten überall bewaffnete Leute, wie aus dem Boden hervorgezaubert, auf. Seine Gäste mit Waffen in der Hand empfangen, hielt ich für etwas unhöflich, ich entschuldige aber das Mißtrauen dieser Indianer gegen die Weißen. Vor einigen Jahren waren andere Weiße, wie ich, mit Geschenken gekommen und hatten mehrere Männer in einen Hinterhalt gelockt. Diese wurden gebunden nach Santa Cruz de la Sierra gebracht, um nach den Gummigegenden verkauft zu werden, aber schließlich durch die Vermittlung einiger humaner Leute freigelassen.
Ohne auf die Waffen zu blicken und tuend, als würden wir auf die liebenswürdigste Weise empfangen, ritten wir mitten in das Dorf hinein und fragten nach dem Häuptling. Ein Herr in mittleren Jahren, mit einem Schurkengesicht und einem Streitkolben in der Hand, kam zu uns hin und erhielt sofort ein Waldmesser zum Geschenk. Andere Geschenke wurden ausgeteilt, und das Ganze schien sich auf die freundschaftlichste Weise zu entwickeln. Man bot uns Holzklötze zum Sitzen an, und ich packte bunte Halstücher, Messer, rote und grüne Bänder, Nähnadeln, Mundharmonikas und vieles andere aus den Satteltaschen aus und begann einen lebhaften Tauschhandel.
An einem der Lagerfeuer saß eine einsame, verschüchterte Frau. Sie war eine Kriegsgefangene von dem letzten Kriege der Yanayguas mit den Tsirakuas.
Diese letzteren hatten eine Yanayguafrau und deren Kind getötet, welchen Mord die Yanayguas bei der ersten Gelegenheit zu rächen beschlossen. Eines Tages befanden sie sich auf einer Wanderung in der Wildnis, um wilde Früchte zu suchen, als sie Spuren von Menschen sahen. Infolge der eigentümlichen Abdrücke der großen viereckigen Sandalen (Abb. 138) verstanden sie, daß die Spuren von den Tsirakuaindianern herrührten. Sie folgten ihnen und kamen in deren Dörfer. Die Tsirakuas wurden sie jedoch gewahr und konnten fliehen. Die Yanayguas folgten den Spuren und spürten am Abend ihr Lager auf. Sie zogen sich jedoch zurück und fielen sie in der allerfrühesten Morgendämmerung an. Der Überfall kam dem Feinde unvermutet, und er suchte seine Rettung in wilder Flucht. Ein Tsirakuamann wurde getötet und zwei verwundet. Zwei Frauen und sechs Kinder, sowie alles, was sie von der Habe der Indianer mitschleppen konnten, wurden die Beute der Sieger.
Mit Ausnahme der Gefangenen übernahm ich die Kriegsbeute. Es war eine bemerkenswerte Sammlung von Grabkeulen, Wurfkeulen, primitiven Werkzeugen, Mänteln aus Bast usw. Eine der gefangenen Frauen (Abb. 134) verkauften die Yanayguas für vierzehn (14) Pesos in schlechtem Branntwein, ungereinigtem Zucker und Sirup an die Weißen.
Diese arme Frau hat mir in einer Sprache, von der ich nicht die Worte, aber doch beinahe alles verstand, ihre Leiden erzählt. Sie erzählte von ihren Kindern, die nun mutterlos in der Wildnis waren. Sie lehrte mich auch etwas von ihrer Sprache.
Mit der Sammlung beladen, verließen wir die Yanayguas mit dem gegenseitigen Versprechen, uns wieder zu treffen. Ich glaubte, die Freundschaft sei fest gegründet. Am Abend desselben Tages, an dem wir bei ihnen waren, zündeten die Yanayguas gleichwohl ihr Dorf an und zogen sich in die Wildnisse des Chacos zurück, da sie von vielleicht dem einzigen Indianerfreund, den sie unter den Weißen kennen gelernt hatten, Verrat fürchteten.
[Illustration: Abb. 134. Tsirakuafrau. Rio Parapiti.]
Ein Jahr darauf besuchte ich, wie erwähnt, wieder den Rio Parapiti. Von dem ganzen Yanayguastamm war keine Spur vorhanden. Sie waren nach Gegenden verschwunden, in die der Weiße niemals dringt, aus Furcht, vor Durst umzukommen, da er die wenigen Wasserstellen nicht kennt.
Die Tsirakuafrau traf ich dagegen bei dem Priester in Charagua, einem Dorfe der Weißen, wohin sie nebst einem kleinen beinahe einjährigen Knaben, den sie während der Gefangenschaft geboren hatte, verkauft worden war. Wir waren richtig gute Freunde, die häßliche Alte und ich. Ich kam zu ihr mit Zucker und Kuchen, und sie zeigte mir mit Stolz und Freude ihren kleinen Jungen, ihren Trost in der Einsamkeit unter den Weißen.
So zog ich weiter.
Der letzte, der sie sah, war Moberg. Eines Tages, als er auf der Dorfstraße ging, traf er eine in Lumpen gehüllte, verzweifelte, verweinte Frau, die ihn am Arm packte und von Haus zu Haus zog, damit er ihr helfe, ihren kleinen Knaben zu finden. Die „Wildin“ aus den Urwäldern des Chacos verstand instinktmäßig, daß dieser blonde Mann mehr Herz hatte, als die anderen Weißen.
Den Knaben hatte der Priester verschenkt oder verkauft, diese arme Frau von allem, dem einzigen, was sie in der Welt besaß, trennend.
Da sie ihr Kind nicht fand, entfloh sie in die Wälder. Ich hoffe, wage es aber nicht zu glauben, daß es ihr gelungen ist, die Ihrigen zu finden, und nicht von den Todfeinden ihres Stammes, den Yanayguaindianern, wieder eingefangen worden ist.
Der Besuch beim Tapietehäuptling Yaré in Yuquirenda am Rio Pilcomayo, verlief dagegen ganz friedlich. Wir wurden richtig gute Freunde, ja so gute Freunde, daß Yaré, nachdem ich das Dorf verlassen hatte, über 100 km ging, um mich zu treffen und mir die Übergriffe der Weißen zu berichten. Yaré bildete sich nämlich ein, ich sei ein mächtiger Mann unter den Weißen.
Was konnte ich für ihn tun? Ich schrieb einen Brief an den Gouverneur im Chaco, Dr. L. Trigo, der den Indianern helfen wollte und auch konnte. Der Brief kam niemals an.
Als ich in Yarés Dorf war, kam eines Tages ein alter, schwacher Tapiete und seine blinde Frau, beide gehegt und gepflegt von einer keineswegs schönen oder jungen Tochter, aus dem Innern des Chacos. Der Greis war krank und die Frauen waren um ihn beschäftigt.
Man holte auch den weißen Mann, der auch den Ärzten ins Handwerk zu pfuschen pflegte, aber schwere Fälle nicht liebte. Wenn ein gebrechlicher Greis am Rande des Grabes steht, ist für einen Arzt nicht viel zu tun, und noch weniger für einen Mann, der von der Heilkunde nichts versteht. Trotz meiner und der Frauen Anstrengung starb der Alte.