Chapter 19 of 20 · 3971 words · ~20 min read

Part 19

Grenzenlos war die Trauer der Frauen, und auch die Männer weinten. Klageschreie ertönten im ganzen Dorfe. „Mein Freund ist tot, mein Freund ist tot“, schrie und sang die blinde Frau. Ihre Trauer, wenn auch affektiert maßlos in ihren wilden Ausbrüchen, machte auf mich den Eindruck der Echtheit.

Die Frauen kleideten den Alten ein. Er wurde in seine besten Lumpen gehüllt und erhielt Sandalen an die Füße. Die Knie wurden ihm bis ans Kinn hinaufgezogen, die Arme kreuzweise über die Brust gelegt und der Kopf abwärts gebogen. So zusammengebogen, wurde er in ein großes Tragnetz gesteckt, das fest um seinen Körper gezogen wurde.

Nun sollte der Alte begraben werden. Seine Frau und Tochter wollten ihn in der Hütte begraben, Yaré sagte aber, er solle in den Wald getragen werden. Weinend versuchte die blinde Witwe ihrem Manne mit den Händen eine Grube in der Hütte zu graben, der Häuptling war aber unbeweglich. Er und noch ein Mann hängten das Bündel mit dem Mann an eine lange Stange, die sie zwischen sich trugen, um ihn in den Wald zu bringen. Außer diesen beiden bestand der Leichenzug nur aus der Tochter, die ihre blinde Mutter nach dem Grabe des Alten führte.

Erst wollte ich mitgehen, dann aber zauderte ich. Der Mensch in mir gewann die Oberhand über den neugierigen Forscher. Ich fühlte, daß ich diese Frauen nicht in ihrer Trauer stören dürfe, daß ich nicht das Recht hatte, mit dem Photographieapparat angelaufen zu kommen.

Von Yaré hörte ich später, daß der Alte mit einer Kalebasse Wasser im Schoß in eine runde Grube gelegt worden war. Kein Grabzeichen zeigt, wo er liegt.

Sobald der Alte gestorben war, schnitten Tochter und Frau die Haare ab und verbrannten sie zum Zeichen ihrer Trauer.

Nach dem Tode des Alten herrschte Trübseligkeit im Tapietedorf. Beständig, besonders des Morgens, hörte man die laute Klage der Frauen, an der auch die Männer teilnahmen.

Wir können sicher sein, daß es auch unter diesen Menschen Männer und Frauen gibt, die Hand in Hand durchs Leben gewandert sind, die sich geliebt haben.

Dies war das einzige Mal, daß ich einen Indianer habe sterben sehen.

Kultur und Sprache der Tapieteindianer.

Die Tapietes sprechen dieselbe Sprache wie die Chiriguanos, nämlich Guarani. Im vorhergehenden habe ich berichtet, wie auch die Chanés, obschon anderen Ursprungs als die Chiriguanos, deren Sprache angenommen haben.

Ein Chiriguano, der lange bei den Tapietes gewesen ist, behauptete mit Bestimmtheit, daß sie unter sich eine andere Sprache sprechen, die er nicht verstand. Diese Spuren habe ich auf mehrfache Weise zu verfolgen gesucht. Der Tapietehäuptling Yaré beteuerte jedoch, daß dies nicht wahr sei.

Am Rio Parapiti suchte ich in Batirayus Gesellschaft einen Chané, Batcha, auf, der ungefähr ein Jahr mit den Tapietes gelebt hat. Er sagte ebenfalls, er habe sie niemals eine eigene Sprache sprechen hören. Was die Weißen für eine Geheimsprache hielten, sei Choroti, das einige von ihnen sprechen könnten. In der Zeit, die ich bei den Tapietes verlebt habe, habe ich sie nie etwas anderes als Guarani sprechen hören.

Wir kennen somit von ihnen keine andere Sprache, als diese.

Kulturell gehören die Tapietes eher zu den Matacos, Chorotis und Tobas, als zu den Chiriguanos. Dies ist besonders für die wilden Tapietes (Yanayguas) der Fall.

Die Tapietes scheinen mir deshalb ein zur Mataco-Chorotigruppe gehöriger Stamm zu sein, der die Chiriguanosprache angenommen hat, obschon sie ihre eigene Kultur bewahrt haben.

Das Land der Tapietes ist ein gewaltiges Gebiet, das sich vom Rio Pilcomayo bis zum Rio Parapiti und tief in den großen, unbekannten nördlichen Chaco hinein erstreckt. Es ist ein Land, das zeitweise so trocken ist, daß die dort Lebenden kein anderes Wasser haben, als das, das sie aus der Wurzel des „sipoy“ bekommen können. Den Weißen ist es deshalb nicht gelungen, das Land der Tapietes zu erforschen. Diese haben das Glück, ein Gebiet zu besitzen, das den Eroberer nicht hat locken können. Die Schwierigkeit, Nahrung zu finden, und das Eisen der Weißen hat sie jedoch aus ihren Wildnissen herausgelockt und zur Abhängigkeit geführt.

Zuweilen sind sie auch gekommen, um bei den Chiriguanos und Chanés zu dienen. Der Hunger hat sie getrieben. Es ist somit nichts Ungewöhnliches, daß die Tapietes mit Kindern, Hab und Gut, Hunden und Schmutz angewandert kommen und sich in der Nähe eines Chiriguano- oder Chanédorfes niederlassen. Sie müssen dort alle mögliche Arbeit verrichten und werden in Mais bezahlt. Diese Art des Wanderns ist ganz verschieden von der der Chiriguanos und Chanés, stimmt aber mit den Sitten und Gebräuchen der Matacos, Chorotis und Tobas überein.

In dem indianischen Gemeinwesen gibt es keine Diener, habe ich gesagt. Der Häuptling arbeitet ebenso wie die anderen des Stammes. Wir sehen jedoch hier wieder, daß Indianer des einen Stammes bei Indianern eines anderen Stammes dienen können. Die verschiedene Entwicklungsart der Stämme ist hier der Grund eines sehr scharfen Klassenunterschiedes. Daß ein Chiriguano einem Tapiete dienen könnte, wäre unsinnig, lächerlich, ebenso unmöglich, als wenn ein Chiriguanomädchen die Geliebte eines schmutzigen Choroti sein würde. Dies hindert jedoch nicht, daß, wie ich gesagt habe, ein Chiriguano sich mit einem hübschen Chorotimädchen amüsiert. Zur Frau nimmt er sie nicht, das wäre allzu idiotisch.

Innerhalb der Stämme herrscht somit kein Klassenunterschied, zwischen den einzelnen Stämmen kann er dagegen äußerst scharf sein.

Die Kultur der Tapietes kann ich hier nicht schildern. Das wäre ungefähr eine Wiederholung des über die Chorotis und Ashluslays Gesagten.[129] Von den Chiriguanos haben ihre Männer den Gebrauch des Lippenknopfes, der Tembeta, angenommen. Ihre Weiber sind beinahe wie die Chorotis tätowiert.

Bevor ich diese Indianer verlasse, will ich jedoch einige ihrer Sagen sowie einige Zeichen ihrer Taubstummensprache wiedergeben.

Tapietesagen.

Wie die Papageien den Tapietes Mais verschaffen.

Es war einmal eine Frau, die hatte „huirakuio“ gegessen. Es wird erzählt, daß sie zwei kleine Klöße aufgespart hatte. Am nächsten Tage, als sie essen wollte und hinging, um sie zu holen, hatten sie sich in kleine Papageien verwandelt. Nach zwei Tagen hatten diese Flügel. Nach fünf Tagen konnten sie fliegen und waren gegangen, um Nahrung zu suchen. Sie hatten Mais gefunden und vier Körner geholt, die sie ihrer Frau gaben. Sie sagten, sie solle dieselben säen. Am folgenden Tage waren sie wieder gegangen, um von diesem Mais zu fressen und waren mit schmutzigem Schnabel zurückgekehrt. Am folgenden Tage hatten sie von dem Mais gegessen, den die Alte gesäet hatte. Sie kamen und sagten zu ihrer Frau, sie solle den Mais holen. Sie waren mit vier Maiskolben zurückgekehrt und hatten jedem von der Familie einen gegeben. Darauf waren sie einen Augenblick ausgegangen und wieder hineingekommen. Es war dort viel Mais, ein ganzer Haufe.

Seitdem haben die Tapietes Mais.

Wie die Tapietes das Schaf bekamen.

Es war einmal eine alte Tapietefrau, die hatte zwei ganz kleine junge Hunde. Alles hatte sie gegessen. Sie hatte nichts. Sie hatte einen Poncho aus Gras.

Es wird erzählt, Tunpa sei zur Alten gekommen und habe gesagt: „Ich will deine jungen Hunde mitnehmen, und ich komme zurück.“

Nach drei Tagen kam er mit den Hunden, die trächtig waren, zurück. Er sagte zur Frau, sie solle zehn Stöcke in eine Reihe stellen und die Hunde anbinden. In der Nacht verwandelten sich diese in zehn Schafe, die an die Stöcke gebunden waren. Tunpa sagte, sie solle Ponchos machen, und die Alte machte eine Spindel.

Es wird auch erzählt, daß Tunpa gegangen sei, um für die Frau Gesellschaft zu suchen. Er kam mit einem Mädchen und einem Knaben. Als diese groß waren, verheirateten sie sich. Die Frau gebar einen Knaben und danach ein Mädchen. Diese verheirateten sich wieder und bekamen Kinder, die sich wieder miteinander verheirateten.

Von diesen stammen alle Tapietes.

Der Raub des Feuers.

Der schwarze Geier hatte Feuer, das er durch den Blitz vom Himmel (ára) bekommen hatte. Die Tapietes hatten kein Feuer. Ein kleiner Vogel, „cáca“, stahl ihnen Feuer, es erlosch aber. Sie hatten kein Feuer, um das Fleisch des Wildschweines, des Rehbocks und anderer Tiere zu braten. Sie froren sehr.

Der Frosch empfand Mitleid mit ihnen. Er ging zu dem Feuer des schwarzen Geiers und setzte sich dorthin. Als der schwarze Geier sich gerade wärmte, nahm der Frosch zwei Funken und verbarg sie im Munde. Darauf hüpfte er davon und machte dann den Tapietes ein Feuer an. Seit dieser Zeit haben die Tapietes Feuer.

Das Feuer des schwarzen Geiers erlosch. Der Frosch hatte alles gestohlen. Die Hände über den Kopf setzte sich der schwarze Geier hin und weinte. Alle Vögel sammelten sich nun, um zu verhindern, daß jemand dem schwarzen Geier Feuer gab.

Das Entstehen der Zahnschmerzen.

Die Alten hatten Zähne aus Silber. Wenn sie aßen, verschluckten sie Knochen, Fleisch und alles. Sie gaben ihren Hunden nichts zu fressen. Dies machte, daß Tunpa Mitleid mit den Hunden empfand. Er gab deshalb den Menschen Samen von Zapallo (Kürbis). Sie aßen Kürbisse und ihre Zähne verwandelten sich in Knochen.

Von dieser Zeit an bekamen die Hunde Essen und die Menschen Zahnschmerzen.

Diese Sagen von den Tapietes sind Kulturmythen. Wir erfahren hier, wie diese Indianer das Feuer, ihre zwei wichtigsten Kulturpflanzen, den Mais und den Kürbis, sowie ihr nunmehr unentbehrliches Haustier, das Schaf, erhalten haben.

Die letztere Sage ist natürlich ganz modern, da die Tapietes die Schafe erst durch die Weißen erhalten haben. Es erscheint mir nicht unmöglich, daß mehrere der Kulturmythen viel moderner sein können, als man im allgemeinen glaubt. Denken wir uns z. B., daß ein Stamm keinen Mais gehabt hat, weil sie Mißernte gehabt hatten und vielleicht aus Hunger gezwungen gewesen waren, aufzuessen, was sie zur nächsten Saat aufbewahrt hatten. Sie müssen da versuchen, neue Saat zu bekommen und werden vielleicht gezwungen, sie einem anderen feindlichen Stamm zu stehlen. Dieses wahrscheinlich gefährliche Abenteuer gibt Veranlassung zu einer Kulturmythe, in welcher, wie immer in der Phantasie der Indianer, die Tiere eine große Rolle spielen.

Die Taubstummen der Tapietes.

Wenn ein Indianer erzählt, so verdeutlicht er die Rede mit Händen und Füßen. Maße und fast immer Zahlen werden durch Zeichen ausgedrückt. Soll er z. B. acht sagen, so tut er dies, indem er acht Finger zeigt. Er hat keine Worte, die Maße bezeichnen, er mißt das Maß mit der Hand oder mit dem Arm. Erzählt er von Tieren, so schildert er die Bewegungen des Tieres äußerst lebhaft durch Gebärden. Er ahmt sie mit der scharfen Beobachtungsgabe des Naturmenschen nach.

Oftmals ist es mir, wenn ich keinen Dolmetscher hatte, mit wenigen Worten und zahlreichen Zeichen, gelungen, mit meinen Freunden, den Indianern, eine recht lebhafte Unterhaltung zu führen.

Unter den Indianern gibt es jedoch, wie bei uns, Personen, die, da sie taub geboren sind, sich nur durch Zeichen verständigen können. Vollständig Taubstumme habe ich bei zwei Stämmen, den Tapietes am Rio Pilcomayo und den Yuracáre am Rio Chimoré, kennen gelernt. Unter den zivilisierten Indianern habe ich ebenfalls einige Taubstumme getroffen.

Bei den Tapietes lernte ich einen taubstummen Greis kennen, der intelligent war und gut behandelt wurde. Alle verstanden die Zeichensprache, die er sprach. Unter den Yuracáres sah ich drei taubstumme Frauen, eine Mutter mit ihren beiden Töchtern. Bei dem letzteren Stamme sollen mehrere Taubstumme vorkommen.

Sämtliche Tapietes konnten mit dem Tauben sprechen. Die für Mitteilungen an ihn angewendete Zeichensprache, benutzen auch diejenigen, die normales Sprechvermögen haben, unter sich, wenn sie sich in der Entfernung stillschweigend etwas mitteilen wollen.

[Illustration: Abb. 135. Taubstummenzeichen. Tapiete.]

Im Vergleich zu den der ärmeren Klasse angehörenden taubstummen Weißen in Ostbolivia scheinen mir ihre indianischen Unglücksbrüder entwickelter und, infolge des Interesses und der Freundlichkeit, die ihnen von der Umgebung gezeigt wurde, glücklicher.

Bei den Tapietes (Yanaygua) am Rio Parapiti war ein Knabe, der vom Rio Pilcomayo war. Ich fragte ihn, ob er Yaré kenne, er tat aber, als kenne er ihn nicht. Da machte ich ihm Zeichen, wie ich sie von dem Taubstummen im Dorfe Yarés gelernt hatte. Der Junge begann zu lachen und wurde ganz mitteilsam. Das mußte ein komischer Weißer sein, der die Zeichensprache wie ein Tapiete konnte.

Die meisten Zeichen der Taubstummen sind rein beschreibend. Einige sind gleichwohl konventionell und von Außenstehenden schwer zu verstehen. Die Lehrer des Taubstummen sind seine Umgebung, seine Mutter, sein Vater, seine Spielkameraden.

Hier unten sind einige von mir bei den Tapietes gesammelte Taubstummenzeichen wiedergegeben.

Pferd -- man streicht sich mit der rechten Hand, dem Daumen und dem Zeigefinger von der Oberlippe über die Mundwinkel und macht den Mund auf (Abb. 135 A).

Katze -- man zieht sich am Schnurrbart (die Tapietes haben in der Regel einen kleinen Schnurrbart), d. h. den Schnurrhaaren, und macht eine krallenförmige Bewegung mit der Hand in Katzenhöhe über dem Fußboden.

Jaguar -- man streckt beide Hände krallenförmig nach vorn und zieht sie geschwind zurück (Abb. 135 B).

Puma -- man macht wie im Vorhergegangenen und streicht sich außerdem mit der rechten flachen Hand hin und her über den Mund.

Fisch -- die rechte Hand macht eine den schwimmenden Fisch imitierende Bewegung (Abb. 135 C).

Feuer -- man führt den Zeigefinger an den Mund und bläst (Abb. 135 D).

Sonne -- man macht dieselbe Bewegung wie bei Feuer und zeigt nach oben.

Mond -- man macht eine schmatzende Bewegung mit dem Mund und zeigt nach dem Himmelsgewölbe.

Stern -- man macht mit Daumen und Zeigefinger ein Loch (Abb. 135 E) und zeigt kreuz und quer am Himmelsgewölbe.

Wasser -- man streicht sich mit der flachen Hand über das Gesicht und macht eine trinkende Bewegung.

[Illustration: Abb. 136. Taubstummenzeichen. Tapiete.]

Gut, schön -- man streicht die rechte flache Hand über die linke flache Hand (Abb. 135 F).

Schlecht -- man schlägt mit der rechten Faust auf die linke flache Hand (Abb. 135 G). Die Bewegung wird in gleicher Höhe mit dem Gesicht gemacht.

Kalebaßschale -- man bildet mit den Händen eine Kalebaßschale.

Tragtasche -- die Hände werden über den Kopf erhoben und über die Seiten des Kopfes gestrichen (Abb. 135 H).

Krug -- man bildet mit der Hand eine Krugmündung über dem Boden (Krughöhe) und macht dann eine trinkende Bewegung.

Poncho -- man streicht sich mit beiden Händen über die Schultern am Körper herunter.

[Illustration: Abb. 137. Taubstummenzeichen. Tapiete.]

Weg -- man streckt die Arme und Hände gerade aus und führt sie parallel aufwärts.

Weit -- man streckt den Arm aus und knipst schnell mit Daumen und Zeigefinger (Abb. 136 I).

Nahe -- man zeigt mit dem Zeigefinger nach vorn und unten.

Er ist gegangen -- man streckt den Zeigefinger aufwärts und führt den Arm weg und nach oben (Abb. 136 J).

Komm her -- man hält die Hand ganz offen und führt den gekrümmten Arm zu sich hin (Abb. 136 K).

Fischnetz -- man bildet mit beiden Armen das ovale Netz (Abb. 137 L).

Mais -- man macht dieselbe Bewegung, als ob man den Mais abgriest (Abb. 137 M).

Auge -- man zeigt auf das Auge. Auf dieselbe Weise werden alle anderen Körperteile ausgedrückt.

Freund -- man klopft sich auf die Brust und zeigt auf den Freund hin.

Mataco -- man schlägt mit dem rechten Zeigefinger in die linke flache Hand (Abb. 137 N). Die Ursache, warum die Matacos auf diese Weise bezeichnet werden, ist die, daß die Tongefäßtrommel für sie so außerordentlich charakteristisch ist. Der Zeigefinger ist der Trommelstock und die Hand die Trommel.

Choroti -- man zeigt auf die Ohrläppchen. In diesen tragen die Chorotis, wie erwähnt, Holzklötze.

Weißer Mann -- man formt mit den Händen einen Hut und einen Bart.

Tanzen -- man führt die Arme kreuzweise vor den unteren Teil des Magens.

Tod -- man wendet die flache Hand schnell nach oben.

Frau -- man zeigt auf die Brust, alle Finger auf die Brust stellend (Abb. 137 O).

Missionar -- man macht mit der Hand eine Tonsur auf dem Kopf.

Mutter -- man klopft sich auf die Brust und macht dabei dieselbe Bewegung, als wenn man eine Frau bezeichnet.

Caraguatá -- man dreht die eine Hand über die andere (Abb. 137 P).

Algarrobo -- man legt die Hand auf den Mund und saugt (Abb. 137 R).

Messer -- man führt die Hände vorwärts (Abb. 137 S) und sticht nach dem Gürtel.

Tunpa (großer Geist) -- man hält die Arme in die Seiten und zittert.

Hübsches Mädchen -- man macht das Zeichen für Frau und für hübsch.

Seele, Geist (aña) -- man öffnet den Mund und macht eine speiende Bewegung nach vorn.

[Illustration: Abb. 138. Sandale aus Tapirhaut. Tsirakua.]

Wenn ich die Quichuaindianer auf dem Calileguaberge, bei denen wir einen flüchtigen Besuch abgelegt haben, ausnehme, haben wir in diesem Buche zwei Indianerkulturen kennen gelernt, eine ursprünglichere bei den Chorotis und Ashluslays, eine entwickeltere bei den Chiriguanos und Chanés. Zu den ersteren gehören auch die Matacos und Tobas, welche hier nur flüchtig erwähnt sind. Wo diese beiden Indianerkulturen sich treffen, haben wir eine Mischung beider, ein Kontaktvolk. So müssen wir, meiner Ansicht nach, die Tapietes auffassen. Sie sind diejenigen von den Chacostämmen, die den Chiriguanos am nächsten gewohnt und deshalb den meisten Einfluß von ihnen erfahren haben.

Bevor ich mein Buch abschließe, will ich auch über das wenige, das ich von den Tsirakuaindianern weiß, die wir als Gefangene der Tapietes kennen gelernt haben, berichten. Es ist ein Blick in das große Unbekannte, in den nördlichen Chaco, wo noch ein großer, weißer Fleck auf der Karte Südamerikas ist.

Fußnoten:

[129] Vgl. auch: Erland Nordenskiöld. Globus 1910. Bd. 98 S. 181.

+Zwanzigstes Kapitel.+

Die Tsirakuaindianer.

Bei den wilden Tapietes am Rio Parapiti machte ich, wie schon erwähnt, die Bekanntschaft von Gefangenen eines Stammes, der in den unbekannten, wasserarmen Buschfeldern des nördlichen Chaco umherstreift. Die Tapietes nennen diese Indianer nach ihren eigentümlichen Streitkolben und Grabekeulen (Abb. 139) Tsirakuas. Die Weißen nennen sie Empelotos, was nackt bedeutet, die Chanés sagen Tsirióno. Mit den in den Urwäldern nördlich und östlich von Santa Cruz de la Sierra wohnenden Sirionos haben sie indessen nichts Gemeinsames. Die Tsirakuas gehören dem Trockenwald, die Sirionos dem finsteren, üppigen Hochwald an.

Die Tsirakuas werden von allen verfolgt. Die Weißen schießen sie nieder, wo sie sie treffen. Wenn möglich, rauben sie die Kinder von den Eltern, um sie taufen zu lassen und dann zu verkaufen. Die Chanés behandeln sie ebenso wie die Weißen. Die Tapietes in gleicher Weise.

Ihnen selbst ist es zuweilen gelungen, sich zu rächen. Am Rio Grande ermordeten sie vor einigen Jahren einige Kinder. Schlafende Landreisende sind des Nachts zwischen dem Rio Parapiti und dem Rio Grande überfallen worden. Wahrscheinlich sind es die Tsirakuas, die manchmal die von der Saline de San José Salz Holenden überfallen haben.

Die Tsirakuas, die ich gesehen habe, waren vier Kinder und zwei Frauen. Sie schienen mir ein ungewöhnlich breites Gesicht mit hervorstehenden Backenknochen zu haben. Die Kinder waren auf der Stirn bis zu den Augenbrauen stark behaart. Auch auf dem Körper hatten sie viel Haare. Die beiden Frauen waren im Verhältnis zu anderen Chacoindianern von normaler Größe.

Nach dem, was ich gesehen und erfahren habe, scheinen sich die Tsirakuas nicht zu tätowieren und auch keinen Körperteil zu verstümmeln oder zu durchbohren. Sie bemalen sich dagegen mit den Samen von Uruku rot und mit Ruß. Sowohl die Frauen als die Kinder waren äußerst schmutzig und voller Läuse.

Nach den Tapietes haben die Tsirakuas dieselben runden Hütten, wie sie selbst, die Chorotis, die Matacos und andere Stämme hier haben. Sie haben keine Hunde und keines der Haustiere des weißen Mannes. In der Nähe der Hütten haben sie zahme Vögel, die schreien, wenn sich jemand diesen nähert.

[Illustration: Abb. 139. Grabekeule. ⅛. Tsirakua.]

Was für Feuerstätten sie in den Hütten haben, weiß ich nicht. Eine der Tsirakuafrauen, der ich ein Stück Fleisch schenkte, grub in meiner Gegenwart einen den hier (Abb. 16) von den Ashluslays wiedergegebenen vollständig gleichen Ofen. Mit ihrer Grabekeule machte sie, auf dem Boden sitzend, eine Grube. Zu dieser grub sie einen schrägen Gang. Sie legte dann Holz in die Grube, das mit einem von einer anderen Feuerstätte geholten Feuerbrand angezündet wurde. Auf dem Magen liegend, blies sie aus allen Kräften durch ein Bambusrohr in den Gang, damit das Holz brenne. Hierauf hieb sie mit ihrer (hier also als Axt angewendeten) Grabekeule ein großes Stück Rinde aus einem Flaschenbaum. Als sie in der Grube genügend Glut hatte, legte sie das Fleisch in die Grube und bedeckte dann sowohl die Grube als den Gang mit Rinde und Sand. Sie ließ das Fleisch dann mehrere Stunden rösten. Leider war ich nicht dabei, als es aufgegessen wurde, es war aber sicher wohlschmeckend.

Eine gleiche Art des Fleischröstens ist von den argentinischen Gauchos bekannt. Es ist eine vortreffliche Art.

Als die Frau ihre Nahrung zubereitete, warf sie hier und da Hände voll Sand nach verschiedenen Richtungen, gleichsam um böse Geister oder dergleichen zu verjagen.

Die Tsirakuas leben hauptsächlich von Honig, wilden Früchten, Wurzeln und von der Jagd. Die oben erwähnte Frau sammelte Stämme von Caraguatá, die sie röstete und aß. Die mit den Tsirakuas verwandten Zamucos[130] haben nach Cardus[131] einen äußerst primitiven Feldbau. Die Tsirakuas kennen Mais, Tabak, Uruku und Zapallo.

Die Waffen dieser Indianer sind vor allem Keulen. Außer den langen Grabekeulen haben sie Wurfkeulen von verschiedenen Typen (Abb. 140). Als ich der Tsirakuafrau meine von den Yanaygua und Chanés erhaltene Keulensammlung von ihrem Stamm zeigte, erklärte sie mir ihre verschiedene Verwendung und führte, die Grabekeule gegen den Mund gedrückt, einen Kriegstanz auf, wobei sie mit blökender Stimme: „hé ha há, he si sia, he ha há, he si sia“ sang.

Als Signal für Aufpassen wenden die Tsirakuas Pfeifen von eigentümlicher Form an (Abb. 142).

[Illustration: Abb. 140. Wurfkeulen. Tsirakua.]

Nackt nennen die Weißen die Tsirakuas. Dies ist unrichtig, denn bei diesen Indianern findet man dieselben Kleidungsstücke wie bei den wilden Tapietes. Die Frauen haben ein Stück Zeug um die Beine, die Männer eines, das die Geschlechtsteile bedeckt und um den Leib befestigt ist (Abb. 141). Außerdem haben sie große Decken, die in der Form den von den Chorotis, Ashluslays usw. angewendeten ähnlich sind. Alle diese Kleider sind aus Caraguatá, und nicht aus Wolle. Die Kleider sind aus Schnüren geknotet. Sie verstehen auch breite Bänder aus Caraguatá zu weben.

An den Füßen tragen die Tsirakuas viereckige Sandalen aus Tapirhaut (Abb. 138) oder Holz. Diese haben vier Löcher für die Schnüre, während die von anderen Indianern angewendeten Sandalen nur drei haben.

Wir finden bei den Tsirakuas dieselbe Art Taschen aus Caraguatá, wie bei den Chorotis und Ashluslays. Den Honig verwahren sie in Taschen aus ganz abgezogenen Tieren.

[Illustration: Abb. 141. Von den Männern über die Geschlechtsteile getragenes Stück Zeug. Tsirakua. ⅐.]

Ein einziges grobes Tongefäß habe ich von diesen Indianern, sowie eine mit einem eingeritzten Vogel verzierte Kalebasse.

Das Eisen ist bei den Tsirakuas sehr selten. Jedes Stückchen wird aufbewahrt und geschaftet. Größere Stücke, deren sie habhaft werden, werden zwischen mehreren geteilt. Sie sollen manchmal die Weißen und die Chanés nur überfallen, um Eisen zu bekommen. Für einige Stückchen dieses kostbaren Metalls setzen sie ihr Leben aufs Spiel.

Wahrscheinlich verfolgen auch die Chamacocos[132] oder ein anderer Stamm die Tsirakuas und drängen sie nach dem Rio Parapiti, wo sie, wie Batirayu mir gesagt hat, erst in neuerer Zeit aufzutreten beginnen.

Die Tsirakuas gehören den unbekannten Wildnissen des nördlichen Chaco an, von dem wir so wenig wissen. Eine Erforschung des Inneren dieses Landes würde sicher viel Interessantes bieten.

Was für Menschen leben dort? Diese Frage habe ich an viele Indianer gerichtet. Von diesen hat mir ein Chanéindianer, Bátcha, der, wie gesagt, lange mit den Tapieteindianern gelebt hatte, folgendes berichtet.

Ungefähr sechs Tagemärsche vom Rio Parapiti westwärts wohnt, wie die Tapietes sagen, ein Zwergvolk, das in Erdhöhlen lebt. Diese Zwerge sind freundlich gesinnt und sprechen Guarani. Von ihren Höhlen hörte ich schon 1902 von einem Sergeant Gonzales, der diese auf einer Expediton nach dem Innern des Chaco gesehen hatte.

[Illustration: Abb. 142. Pfeife aus Holz. ½. Tsirakua.]

Einen solchen Bericht hat man allen Anlaß, wenigstens was die Zwerge betrifft, für unwahr zu halten. Die Erdhöhlen können Brunnen sein, wie sie die Ashluslays und Lenguas graben.

Sehr eigentümlich ist es gleichwohl, daß Hawtrey[133] von den am Rio Paraguay wohnenden Lenguaindianern dieselbe Angabe über Zwerge erhalten hat. Zwei auf beiden Seiten des großen unbekannten Gebietes im nördlichen Chaco wohnende Stämme haben also dieselbe Erzählung. Möglicherweise ist es nur eine gemeinschaftliche Sage. Die Zukunft wird es zeigen.