Part 16
Tatutunpa machte sich auf den Weg. Er ging ganz langsam und wartete an vielen Stellen. Wo er Feuer anmachte, wuchs hohes Gras. Zwei bis drei Tage, nachdem Tatutunpa sein Haus verlassen hatte, kam Aguaratunpa und fragte, wohin Tatutunpa gegangen sei. Man sagte ihm, Tatutunpa sei zu dem großen Häuptling gegangen. Aguaratunpa folgte ihm nun und traf ihn nicht weit davon. Bevor sie ankamen, fanden sie eine Pflanze namens „ihuahuasu“[104] am Wege. Aguaratunpa sagte zu Tatutunpa, er solle die Früchte abpflücken, damit sie sie essen könnten. Er ging in den Wald unter die Pflanze. Bevor noch Tatutunpa eine der Früchte hatte berühren können, schüttelte Aguaratunpa die Pflanze, so daß alle Früchte auf Tatutunpa fielen. Dieser, der jung und hübsch war, wurde nun einäugig und alt. Nun war Aguaratunpa der jüngere und schönere von beiden. Sie setzten nun ihren Weg zu dem großen Häuptling fort. Tatutunpa hatte eine Halskette, die Aguaratunpa ihm, bevor sie ankamen, abgelockt hatte.
Der große Häuptling glaubte, Tatutunpa, der alt und häßlich war, sei Aguaratunpa und dieser Tatutunpa. Er gab dem ersteren seine schönste Tochter zur Frau und dem letzteren gab er eine seiner allerhäßlichsten, die auch einäugig, wie er, war.
Aguaratunpa begann zu arbeiten, um den Acker zu roden und zu säen. Während er arbeitete, band er sein langes Haar auf. Als er von der Arbeit kam, war er ganz schmutzig. Tatutunpa tat nichts. Er lag den ganzen Tag neben seiner Frau und flötete auf einer runden Holzpfeife (Abb. 80). Als seine Schwiegermutter sah, daß er nicht arbeitete, sagte sie: „Dieser Mann denkt gar nicht an seine Familie.“
Da er dies hörte und wußte, daß Aguaratunpa schon viel gearbeitet hatte, fragte er seine Frau, ob ihr Vater keinen alten Acker habe, den er bebauen könne. Die Schwiegermutter sagte da zu ihrer Tochter: „Warum fragt jener Mann nach einem Acker, er, der so faul ist. Besser wäre es, wenn Aguaratunpa, der arbeitet, danach fragte.“
Tatutunpa ging mit seinem Stock und seiner Frau nach dem alten Acker des Häuptlings. Er ging auf den großen, wüsten Acker, grub ein wenig Erde auf, hob einen Erdklumpen auf und warf ihn in die Luft. Der Erdklumpen fiel zur Erde und zerbröckelte in viele Stücke. „Diese Erde ist nichts wert“, sagte er und fragte seine Frau, ob nicht irgendwo eine große Ebene sei, die er bebauen könnte. Sie sagte, es gäbe eine große Ebene. Sie begaben sich dorthin und gingen mitten auf die Ebene. Tatutunpa grub ein wenig Erde auf, warf wieder einen Erdklumpen in die Luft, dieser ging aber nicht entzwei, sondern fiel ganz nieder. Er sagte zu seiner Frau, diese Erde lasse sich sehr gut bearbeiten. Sie gingen nach Hause.
Am anderen Morgen begab sich der alte Tatutunpa mit seinem Spaten nach der Ebene, wo er ein wenig gegraben hatte, und steckte ihn in den Boden. In ganz kurzer Zeit wurde die ganze große Ebene ganz allein von dem Spaten gereinigt. Tatutunpa rief nun den Wind herbei, der mit großer Stärke kam und alles schlechte Zeug wegblies. Nur das Allerfeinste war stehen geblieben. Hierauf rief er den Wirbelwind, der den Acker ganz frei fegte. Tatutunpa bat die Papageien um Samen, sie kamen aber mit untauglichen Samenkörnern, die alle entzwei waren. Als er sah, daß diese Samen nichts taugten, bat er die Enten und Tauben und die ganz kleinen Tauben, sie möchten mit allerlei Samen kommen, und diese taten es auch. Sie säeten sogar selbst. Als die Saat beendet war, begab sich Tatutunpa auf dem Wege, der nach seinem Hause führte, heim. Er war noch nicht weit gekommen, da drehte er sich um, um nach seinem Acker zu sehen. Er sah, daß die Pflanzen schon zu keimen begannen. Wieder ging er ein Stück und wendete sich wieder um, um nach seinem Acker zu sehen. Die Pflanzen waren schon groß. Wieder ging er weiter und drehte sich wieder um. Da fand er seinen Acker schon in Blüte. In der Nähe seines Hauses wandte sich Tatutunpa wieder um, um nach seinem Acker zu sehen, und fand, daß alles, was er gesäet hatte, schon reife Früchte trug.
Bei Aguaratunpa, der so fleißig gearbeitet hatte, war noch nichts reif oder in Blüte.
Am folgenden Tage sagte Tatutunpa zu seiner Frau: „Wir wollen gehen, um nach unserem Acker zu sehen. Sie gingen nach dem Acker und die Frau sah, daß alle Früchte reif waren. Tatutunpa gebot ihr, ein Feuer anzumachen, um Mais und alle anderen Früchte zu rösten. Er sagte ihr, sie solle einen Maiskolben, zwei Bohnen und einen Kürbis ausgraben, aber nicht mehr. Nicht einmal dies vermochten sie aufzuessen.
Danach gingen sie nach Hause und sagten zu der Alten, sie solle mit ihnen kommen und alles abernten, was sie zu essen wünsche. Die Alte glaubte ihnen nicht, sondern glaubte, sie hätten gestohlen. Sie konnte nicht glauben, daß sie etwas zu ernten hätten, da sie nicht gearbeitet hatten. „Ich gehe lieber zu meiner anderen Tochter, die fleißig gearbeitet hat“, sagte die Alte.
Aguaratunpa begab sich nun zu Tatutunpas Acker und stahl Kürbisse, die er nach seiner Anpflanzung brachte. Mit Stäbchen und Dornen befestigte er die Kürbisse an den halbgewachsenen Kürbisstengeln. In der Dämmerung kehrte er heim und sagte zu seiner Frau, sie solle ihre Mutter bitten, in seinem Acker Kürbisse zu ernten. Die Tochter ging zu ihrer Mutter und sagte: „Wir wollen nach dem Acker gehen, um Kürbisse zu holen.“ Vergnügt machte die Alte sich auf den Weg, denn sie hatte gesehen, daß sie viel gearbeitet hatten, und sie glaubte ihrer Tochter. Sie gingen, fanden aber nicht mehr Kürbisse, als wie sie in einer Getreideschwinge einernten konnten.
Am folgenden Tage bat wieder Tatutunpas Frau ihre Mutter, mit aufs Feld zu kommen. Die Alte glaubte ihr gar nicht, als aber der Alte, ihr Mann, sah, daß sie so hartnäckig waren, befahl er ihr, zu gehen. Ärgerlich machte sich die Alte auf den Weg. Tatutunpa ging vor ihr, auf seiner Pfeife flötend. Als sie auf den Acker kamen, sah die Alte, daß er voll von allerlei Früchten, Mais, Kürbissen, Bohnen und Kalebassen war. Die Alte wurde richtig vergnügt, sie konnte ihre Freude kaum mäßigen.
Als sie nach dem Ackerrain kam, sah sie eine gewaltige Kalebasse und sagte zu ihrer Tochter, diese wünsche sie für sich. Während sie plauderten, fiel die Kalebasse auf die Alte, diese fiel hin und konnte sich infolge der schweren Kalebasse, die sie drückte, kaum bewegen. Die Tochter kam ihr zu Hilfe und versuchte die Kalebasse zu heben, sie vermochte es aber nicht. Sie rief ihrem Manne zu, er solle kommen und ihr helfen. Dieser blieb jedoch eine lange Weile fort, und erst als die Alte dem Tode nahe war, kam er, hob die Kalebasse auf und setzte sie wieder an ihrem alten Platze fest. Die halbtote Alte hob er auf.
Als sie sich nach einem Weilchen erholt hatte, sahen sie sich weiter den Acker an. Die Alte wollte einen Maiskolben abbrechen. Tatutunpa sagte ihr, sie solle seinen Acker schonen und nur den Kolben abbrechen. Sie erntete nun zwei Maiskolben und zwei von allen anderen Früchten, ohne etwas zu zerstören. Alles, was sie abgeerntet hatte, setzte sofort wieder reife Früchte an. Mit den Früchten beladen, ging sie nach Hause. Sie erzählte ihrem Manne, daß Tatutunpa schon einen großen Acker habe. „Das ist somit der Tatutunpa, den wir haben kommen lassen“, sagte der Alte. „Aguaratunpa hat uns betrogen.“
Am folgenden Tag sagte Tatutunpa zu seiner Frau: „Wir wollen nach unserem Acker gehen.“ Sie gingen dorthin. Er grub nun ein Loch, in welchem er ein Feuer machte. Als das Loch richtig warm, richtig rot war, nahm er eine sehr große Kalebasse und kroch in dieselbe hinein. Er bat seine Frau, die Kalebasse zuzustopfen, in die warme Grube zu legen und die Kalebasse, wenn er pfeife, umzudrehen, damit er hinaus könne. Die Frau tat so, wie er gesagt hatte. Als er pfiff, drehte sie die Kalebasse um und Tatutunpa kam heraus, schön und jung, mit allen seinen alten Schmucksachen geschmückt.
Nach einem Weilchen wärmte Tatutunpa die Grube wieder und seine Frau kroch in die Kalebasse. Er bedeckte diese und warf sie in die Grube. Als sie pfiff, drehte er die Kalebasse um. Jung und schön kam sie aus derselben.
Sie kehrten nach Hause zurück und nahmen ein Quebrachostäbchen mit, um damit Feuer anzumachen. Als sie nach Hause kamen, war die Alte mit dem Brauen von Maisbier beschäftigt.
„In dieser Nacht wird es sehr kalt und deshalb habe ich dieses Stäbchen mitgenommen, damit wir etwas haben, woran wir uns wärmen können“, sagte Tatutunpa. Aguaratunpa hatte viel „Tartago“-Holz mit nach Hause genommen, es reichte aber nicht die ganze Nacht. Mitten in der Nacht war das Holz zu Ende. Er ging zur Feuerstätte seiner Schwiegermutter, die beim Maisbierkochen war. Als die Alte sah, daß ein Fuchs sich zu ihrem Feuer schlich, steckte sie ein Stück Holz in Aguaratunpas Hinteren. Mit dem Holz im Hinteren sprang er davon, für immer in einen Fuchs verwandelt.
Die Entstehung der Arbeit.
Erzählt von dem Chanéindianer Batirayu.
Tatutunpa hatte einen Zauberspaten. Stellte man ihn des Abends in den Acker, so war der Acker am Morgen fertig gegraben. Aguaratunpa kam eines Tages in Gesellschaft seiner beiden Brüder zu Tatutunpa. „Wir wollen um deinen Spaten spielen“, sagte er. „Wenn es blitzt, wollen wir in den Blitz sehen, und derjenige, der nicht blinzelt, gewinnt den Spaten.“ Darauf ging Tatutunpa ein.
Aguaratunpa lieh sich nun die Augen der Heuschrecke „Tu-ku“, die keine Augenlider hat, Tatutunpa und Aguaratunpa setzten sich und stierten nach dem Himmel. Als es blitzte, blinzelte Tatutunpa, aber nicht Aguaratunpa, der die Augen der Heuschrecke hatte. Er hatte den Spaten gewonnen. Als er ging, nahm er gleichwohl nicht den Spaten, der selbst grub, mit, sondern einen gewöhnlichen hölzernen Spaten.
„Nehme ich den Spaten mit dem hohlen Stiel, so können auch die Faulen Mais bauen, mit dem hier aber muß man arbeiten, um Mais für seine Familie zu schaffen“, sagte Aguaratunpa zu seinen Brüdern.
Der Heuschrecke gab Aguaratunpa die geliehenen Augen zurück.
Wie Aguaratunpa seinen Bruder nach dem Himmelsgewölbe schickte.
Erzählt von dem Chanéindianer Batirayu.
Aguaratunpa lebte mit seinem Bruder zusammen. In einem Korb hatte er zwei kleine Papageien. Eines Tages flogen sie nach einem Acker, wo sie Mais aßen. Als sie nach Hause kamen, hatte der eine Maismehl um den Schnabel: „Woher hast du das?“ fragte Aguaratunpa. „Von einem Acker weit hinten, wo die Sonne untergeht“, sagten die Papageien.
Am folgenden Tag schickte Aguaratunpa die Papageien fort. Wohin sie flogen, dahin folgte er ihnen. Als er hinkam, brach er Mais ab. Da kam der Besitzer des Ackers und sah, daß jemand Mais gestohlen hatte. Aguaratunpa verbarg sich, der Besitzer fand ihn aber, da er sich, als er den Mais abbrechen wollte, in Hände und Füße geschnitten und überall Blutspuren hinterlassen hatte.
Der Besitzer sagte zu Aguaratunpa: „Warum hast du mir Mais gestohlen, hättest du mich darum gebeten, hätte ich ihn dir gegeben.“ Er brach viele Maiskolben ab und belud Aguaratunpa damit, der sie nach Hause brachte. Er legte sie neben die Tür.
Als er am folgenden Morgen erwachte, hatte der kleine Haufen sich in einen großen verwandelt, der bis an das Dach reichte.
Aguaratunpas Bruder fragte ihn, woher er den Mais habe. „Es ist weit weg,“ sagte Aguaratunpa. „Es gibt keinen Weg, und du kannst nicht hinfinden.“
Der Bruder machte sich aber doch auf den Weg und kam an den Acker, wo er „anday“[105] fand, von dem er aß. Dieser war vergiftet, und er starb. Tot fand Aguaratunpa ihn. Er sagte, er wolle ihn wieder lebendig machen. Aguaratunpa nahm eine Pflanze, „ihuahuasu“. Mit dieser schlug er ihn. Er sprang über ihn, erst gerade über den Körper, dann vom Kopf bis zum Schwanz.
Der Bruder wurde wieder lebendig und sagte: „Ich habe lange geschlafen.“ -- „Du hast nicht geschlafen, du bist tot gewesen“, sagte Aguaratunpa. Dieser schickte den Bruder zum Himmel.[106] Wenn es donnert, dann geht der Bruder Aguaratunpas spazieren.
Über den Sohn von Tatutunpa und wie er seine Mutter gerettet hat.
Erzählt von dem Chiriguanoindianer Yambási am Rio Grande.
In einem Hause war ein Mädchen Inómu, das niemals einen Mann gehabt hatte. Vor dem Hause war ein großes Trinkgelage. Dort waren Aguaratunpa, Tatutunpa und Dyori. Die Eltern des Mädchens nahmen sie mit und setzten sie da auf den Boden, wo man mit Maisbiertrinken beschäftigt war. Aguaratunpa fand, daß Inómu sehr hübsch sei. Das fand auch Tatutunpa. „Ich werde das Mädchen schwanger machen“, sagte er und begann zu graben. Aguaratunpa stellte sich davor. Tatutunpa grub sich in die Erde und unter dem Mädchen hinauf.[107] Als Tatutunpa geendet hatte, kroch er wieder heraus und erzählte Aguaratunpa, was er getan.
„Ich will auch versuchen“, sagte Aguaratunpa und kroch in den Gang hinein. Er war nicht weit gekommen, da blieb er stecken. Tatutunpa packte ihn am Schwanz und zog ihn heraus.
Als das Mädchen nach Hause kam, rief ein Vogel „Araqua“, daß sie schwanger sei. Am folgenden Tage wurde sie groß. Sie war hochschwanger. Ihre Mutter war erbittert. Sie sagte, sie wolle weit fort zum Vater gehen und gebären. Inómu ging zur Höhle Tatutunpas und warf das Kind hinein, ohne ihm Milch zu geben. Das Kind schrie täglich, und die Mutter sah nach ihm, wenn sie aber kam, kroch es in die Höhle. Eines Tages kam „Yahuéte“, der Jaguar mit zwei Köpfen, von denen der eine trocken war, riß ihr die Augen aus und führte sie lebend fort.
Der Großvater ging nun aus, um den kleinen Tatutunpa zu fangen, indem er ein Netz vor die Höhle legte, in welchem dieser sich fing. Er führte ihn nach Hause. Dort wuchs er schnell und begann groß zu werden. Er wurde mit Honig großgezogen. Eine Tages verlangte der kleine Tatutunpa Pfeil und Bogen. Der Großvater machte ihm einen Pfeil mit einer stumpfen Spitze aus Wachs. Mit dem ging er aus und jagte. Wenn er den Stamm traf, fielen alle Tauben tot herunter. Es war eine große Masse. Als Tatutunpa nach Hause kam, fragte der Großvater, wie er so viele Tauben habe töten können, und da erzählte er, wie es zugegangen war. Auf dieselbe Weise tötete er viele Vögel. Eines Tages sah er fünf Araquavögel auf einem Baum. Tatutunpa schoß nach dem Baum, aber nur vier fielen herunter. Der fünfte sagte: „Du tätest besser, deine Mutter zu suchen, als Vögel zu schießen.“
Als Tatutunpa nach Hause kam, bat er den Großvater, ihm eine Keule aus „Huirapucu“[108] zu schaffen. Er schlug mit ihr gegen einen dicken Baumstamm, mußte aber zweimal schlagen, um den Stamm abzubekommen. Tatutunpa sagte da zu dem Großvater, sie tauge nichts, und verlangte eine Keule aus „Urundey“.[109] Er schlug mit ihr gegen einen dicken Baumstamm und schlug den Stamm mit einem Schlage ab. „Diese ist gut“, sagte Tatutunpa.
In Begleitung Dyoris machte sich Tatutunpa auf den Weg. Auf dem Wege tötete er einen Tapir. Dyori[110] teilte ihn in vier Teile und fraß ihn auf. Sogar das Blut leckte er vom Boden auf.
Tatutunpa fand die Mutter blind im Walde. Sie bat ihn, die Jaguare zu töten, die sie gefangen hielten. „Sie kommen zur Tränke, um zu trinken“, sagte sie.
Tatutunpa machte sich einen kleinen Schuppen, in welchem er sich verborgen hielt. Dyori versteckte sich hinter ihm. Zuerst kam „Embaracaya“[111] mit ihrer Beute. Mit einem Schlage zertrümmerte Tatutunpa ihren Kopf und warf sie und ihre Beute Dyori hin, der alles auffraß. Auf dieselbe Weise tötete er „Yahuapinta“[112] und die anderen Katzentiere. Er warf sie Dyori hin, der sie alle auffraß. Zuletzt kam Yahuéte, der zwei Köpfe hatte. Er bat Inómu um Wasser. Yahuéte trug einen Tapir, den er getötet hatte. Inómu wies ihn zur Tränke.
„Nein, gib mir hier Wasser, es hält sich jemand an der Quelle verborgen“, sagte Yahuéte.
„Nein, es ist niemand da, und wie soll ich, die ich blind bin, Wasser holen können, ich falle ja“, sagte Inómu.
Yahuéte ging zur Tränke. Als er dorthin kam, schlug Tatutunpa mit der Keule, um ihn zu töten, traf aber nur den trocknen Kopf und Yahuéte sprang davon. Tatutunpa folgte ihm. Als Yahuéte sich verfolgt sah, verbarg er sich unter dem „tiru“ (S. 200 erwähnte Frauentracht) des Mondes.
„Wo ist Yahuéte?“ fragte Tatutunpa.
„Das weiß ich nicht“, antwortete die Frau (d. h. der Mond). Das war die erste Lüge.
„Er ist unter deiner ‚tiru‘ verborgen“, sagte Tatutunpa und ging weiter.
Der Mond rief ihm da nach. „Yahuéte frißt mich auf.“
Tatutunpa ging zurück, um ihm zu helfen. Er sagte da, es sei nicht wahr. Tatutunpa ging wieder weiter. Er rief nun wieder: „Yahuéte frißt mich auf.“ Als Tatutunpa zurückkam, sagte er, es sei unwahr. Tatutunpa ging wieder weiter. Wieder rief der Mond, Yahuéte wolle ihn auffressen. Tatutunpa kehrte aber nicht mehr zurück. Nun war Yahuéte wirklich im Begriff, ihn zu fressen.
Als Tatutunpa zu seiner Mutter zurückkehrte, sagte er, er werde dafür sorgen, daß sie wieder sehen könne. Aus Taubenschmutz und Ton machte er Augen und setzte sie in ihre leeren Augenhöhlen. Inómu rieb sich die Augen, öffnete sie und konnte wieder sehen. Tatutunpa führte nun seine Mutter nach Hause.
Batirayu hat mir dieselbe Sage mit einer langen Einleitung erzählt, die in Yambásis Erzählung fehlt. Diese Einleitung will ich hier wiedergeben.
Es war einmal ein großes Trinkgelage. Dort waren viele Vögel versammelt. Der Häuptling befahl Aguaratunpa, ein Mädchen Inómu, die in einem Nachbardorfe war, zu holen, damit sie auch mit ihnen trinke. Aguaratunpa ging. Als er ins Haus des Mädchens kam, traf er ihren Vater.
„Guten Tag, Onkel“, sagte Aguaratunpa.
„Setze dich“, sagte der Vater.
„Nein, ich bin gekommen, um meine Nichte zu holen,“ sagte Aguaratunpa. Er fragte nun, ob das Mädchen mit ihm gehen wolle, was es bejahte. Das Mädchen machte sich fein, nahm seine Halskette um, zog seinen besten „tiru“ an und folgte Aguaratunpa.
Als sie eine Strecke Weges gegangen waren, sagte das Mädchen: „Warum soll ich mit dir gehen, der du so häßlich bist“, und so kehrte sie um. Als Aguaratunpa ankam, fragte der Häuptling ihn, wie es gegangen sei. Er erzählte nun, daß das Mädchen umgekehrt sei.
„Urapua“ (der schwarze Aasgeier) erbot sich, das Mädchen zu holen. Urapua machte sich auf den Weg. Als er ins Haus des Mädchens kam, sagte er:
„Guten Tag, Onkel.“
„Nimm Platz“, sagte der Vater.
„Nein, ich bin gekommen, um meine Nichte zu holen, sie soll mir helfen Maisbier zu trinken“, sagte Urapua. Er fragte das Mädchen, ob es mitgehen wolle. Sie erklärte sich einverstanden und machte sich in Ordnung. Als sie halbwegs gekommen waren, sagte das Mädchen: „Warum soll ich mit dir gehen, der du so häßlich bist.“ Sie kehrte nach Hause zurück.
Als Urapua ankam, fragte der Häuptling, wie es ihm ergangen sei. Er erzählte, das Mädchen sei umgekehrt.
„Tiu“ erbot sich zu gehen. Als er in das Haus des Mädchens kam, sagte er:
„Guten Tag, Onkel.“
„Nimm Platz“, sagte der Vater.
„Nein, ich bin gekommen, um meine Nichte zu holen, sie soll mir helfen Maisbier zu trinken“, sagte Tiu. Er fragte das Mädchen, ob es mitgehen wolle. Als sie ein gutes Stück Weges gekommen waren, sagte das Mädchen: „Warum soll ich mit dir gehen, der du so häßlich bist“, und so ging sie wieder nach Hause.
Da erbot sich „Choe“ zu gehen. Als er ankam, ging er direkt zum Mädchen und fragte sie, ob sie mit ihm kommen und ihm helfen wolle, Maisbier zu trinken. Das Mädchen gab ihm eine Kalebaßschale Maisbier und war bereit, ihm zu folgen. Sie gingen. Als sie ganz nahe dem Dorfe waren, wo ein großes Trinkgelage war, sagte das Mädchen, es wolle nicht mit ihm gehen, er habe so schwarze Beine, und kehrte um.
Als er ankam, fragte der Häuptling, wie es ihm ergangen sei. Er erzählte, daß das Mädchen umgekehrt sei. Alle die anderen Vögel versuchten, aber mit keinem wollte das Mädchen gehen. Zuletzt ging „Churincui“.
„Paß auf,“ sagte der Häuptling, „er bekommt bestimmt das Mädchen mit sich.“ Churincui ging direkt zu dem Mädchen und fragte es, ob es mit ihm gehen und ihm helfen wolle, Maisbier zu trinken. Das Mädchen war bereit und folgte ihm bis dahin und setzte sich zu den anderen Frauen.
Aguaratunpa ging erbost umher.
Der Häuptling fragte, ob jemand singen könne. Aguaratunpa kleidete sich in seinen „tirucumbai“ (Abb. 81) und machte sich zum Singen bereit, er konnte aber nicht mehr als „púhuaté, púhuaté“. Urapua kam nun hervor und wollte singen, er konnte aber nur „hú, hú“ sagen.
Da bat der Häuptling „Húiratucúhua“ zu singen und dieser sang:
„Huaté púhuatékos rárásé mánura lúhuaya chúshico ti, ti, ti, ti ...“
Dort war ein Mann, der mit seinem Bruder und allen den anderen Vögeln verfeindet war, der nicht am Trinkgelage teilnahm, sondern umherging und jagte.
Auf einem Baum saßen viele Papageien. Unter diesen war ein weißer Papagei. „Den will ich fangen“, sagte er und versuchte es, ihn mit einer Schlinge an einer Rute zu fangen, aber es gelang ihm nicht. Er zielte nun mit dem Bogen nach dem Papagei. Dieser fing zu sprechen an und sagte: „Warum willst du mich töten?“
Der Papagei lehrte ihn nun, wie er singen solle, und sagte ihm, wenn er mitten unter die käme, die trinken, solle er den Arm über den Kopf hochstrecken.
Er ging nun um diejenigen, die tranken, herum und sang. Dann ging er mitten unter sie und streckte den Arm hoch. Als er dies tat, wurden diejenigen, die standen, in Vögel, und die, die saßen, in Steine verwandelt, außer Inómu, Tatutunpa, Aguaratunpa und Teyuhuasu.
Tatutunpa, Aguaratunpa und Teyuhuasu saßen nicht mit den anderen zusammen, sondern standen in der Nähe. Tatutunpa sagte zu Aguaratunpa:
„Du sollst sehen, ich mache das Mädchen schwanger.[113] Wenn sie den Körper dreht, ist es geschehen.“ Er grub nun ein Loch in der Erde unter dem Mädchen ...
Die Fortsetzung von Batirayus Erzählung ist mit der Yambásis beinahe identisch.
In ihren Grundzügen scheint mir diese Sage echt indianisch zu sein. Es sind jedoch Elemente darin, die von den Weißen geliehen zu sein scheinen, nämlich die Geschichte von den Lügen des Mondes. Diese kommt in Batirayus Version der Sage nicht vor. Sie erinnert mich auch sehr an den Knaben, der um Hilfe zu rufen pflegte, ohne daß eine Gefahr vorhanden war. Als schließlich die Wölfe dabei waren, ihn aufzufressen, kümmerte sich keiner um ihn -- eine Sage, die in Europa bekannt ist und die ich in Schweden als Kind gehört habe.
Ein Teil dieser Sage erinnert stark an eine von d’Orbigny[114] von den Yuracáreindianern wiedergegebene Sage. Dem Tatutunpa entspricht dort „Tiri“, der, um seine Mutter zu rächen, alle Katzentiere, außer dem Jaguar mit den vier Augen, der seine Zuflucht zum Monde nimmt, tötet. Früher standen die Chiriguanos und Chanés sicher in Verbindung mit den Yuracáreindianern. Als die Weißen das Land um Santa Cruz de la Sierra eroberten, zogen die Chiriguanos nach Süden und die Yuracáres nach Norden. Auf meiner letzten Reise habe ich auch die Yuracáreindianer besucht, die ich später in einem anderen Buche schildern werde.
Der Mann, der sich mit der Tochter des Donnergottes, Chiqueritunpa, verheiratete.
Erzählt vom Chanéhäuptling Bóyra.
Es waren einmal in alten Zeiten drei arme Männer, die keine Verwandten hatten. Sie waren sehr hungrig. Zwei von ihnen gingen, um etwas zum Essen zu suchen. Erst kamen sie in einen großen Wald, durch den ein Pfad ging. Nach drei Tagen kamen sie auf eine große Ebene. Mitten in der Ebene war ein Haus. Sie gingen um das Haus herum, fanden aber keinen Eingang. Schließlich kam aber eine Frau heraus, es war Chiquéritunpas Schwester. Sie bat sie, hineinzukommen. „Wir sind schmutzig“, sagten sie und wollten nicht hineingehen. Sie brachte dem einen Maisbier. Er trank vier Kalebaßschalen Maisbier aus. Sie brachte dem anderen Maisbier. Auch er trank vier Kalebaßschalen Maisbier aus. „Geht nun und badet euch,“ sagte sie, „und wascht euch den Kopf.“ Sie gab ihnen die Wurzel der „yúag“.[115]
Als sie gebadet und sich gewaschen hatten, kamen sie wieder. Sie gab ihnen Uruku, um sich zu bemalen. „Geht nun und ruht aus. Nachher sollt ihr Holz holen,“ sagte sie und gab ihnen eine Axt. Sie suchten überall in der Ebene, fanden aber kein Holz. „Habt ihr kein Holz gefunden?“ fragte die Frau.
„Nein“, sagten sie.
„Saht ihr dort keinen alten Mann? Er hat Holz. Gebt ihm einen Hieb mit der Axt“, sagte die Frau.