Chapter 6 of 20 · 3995 words · ~20 min read

Part 6

Die Chorotimädchen schmieren ihren Körper oft mit Fischfett ein, was ihnen einen unangenehmen Geruch verleiht. Sie selbst sind sicher anderer Ansicht. Sie finden, daß wir Weißen einen Kuhgeruch an uns haben.

Die Eleganz der Männer erreichen die Indianermädchen niemals. Sie können sich jedenfalls freuen, daß die „Herren der Schöpfung“, wohl in erster Reihe ihretwegen, mehrere Stunden täglich auf ihre Toilette anwenden.

Um den Tanz dreht sich, wie erwähnt, das ganze Interesse der jungen Männer und der jungen Mädchen. Geht die Sonne unter, so fängt er an.

Die Männer tanzen im Kreise oder in einer Reihe und singen den Takt, z. B. Táe-a-sa-lé, Táe-a-sa-lé.

Je nach dem Takt wird langsam oder schnell getanzt. Musik ist auf diesen Bällen unbekannt. Die hierbei gesungenen Lieder sind unübersetzliche Kehrreime, die oft international sind, d. h. von mehreren Stämmen angewendet werden.

[Illustration: Abb. 35.

Junger Chorotimann am Alltag.]

Hinter den Männern tanzen die Mädchen.

Bei den Chorotiindianern ergreift das Mädchen die Initiative zu den Liebesabenteuern. Sie führt den jungen Herrn, den sie zum Liebhaber für die Nacht wünscht, ganz einfach fort vom Balle.

Stattlich nehmen sich die Tänze aus, wenn der Mond oder ein Feuer aus Pampasgras die Körper beleuchtet. Bis zu hundert Männer habe ich in demselben Ringe tanzen sehen. Zuweilen tanzten sie ganz langsam, zuweilen in schwindelnder Fahrt, so daß der Staub hochwirbelte, und alles, was man sah, ein Wirrwarr von Körpern und flatternden Straußenfedern war.

Gesang und Gelächter ertönte auf der Tanzbahn.

Die älteren Mädchen tanzten hinter ihren Liebhabern, die jüngsten schlichen hier und da heran, um einen Augenblick hinter einem wohlgebildeten männlichen Körper zu tanzen und gleich darauf, lüstern aber ängstlich, hinter Büschen und Sträuchern zu verschwinden. Beinahe stets war die Anzahl der Männer größer als die der Frauen, und glücklich der Mann, der geraubt und verführt wurde.

Musik ist, wie gesagt, bei diesen Bällen unbekannt. Beinahe jeder tanzende Indianer trägt zwar eine Pfeife (Abb. 36), man pfeift aber nicht den Takt zum Tanz. Bei diesen Indianern findet man auch nur wenige Musikinstrumente. Von Saiteninstrumenten kommt nur der Musikbogen von dem von den Araukaniern her bekannten Typ vor.[26] Die Flöten sind sehr schlecht und vielleicht geradezu Imitationen von den Chiriguanos. Die besonders von den Chiriguanos bekannte Pfeife, auf welcher man wie auf einen Schlüssel pfeift, habe ich bei den Ashluslays nur als eine Seltenheit gesehen. Von Trommeln kennt man nur die primitive Tongefäßtrommel (Abb. 57). Diese besteht aus einem gewöhnlichen irdenen, halb mit Wasser gefüllten Topf, über den ein Fell gespannt ist. Als Trommelstock wird ein Holzstab, und zwar immer nur einer angewendet.

Auch mitten am Tage kann es einem warmblütigen Chorotimädchen einfallen, als Verführerin aufzutreten. Aus meinem Lager zog einmal ein solches Mädchen, unbekümmert um allen Scherz und alle Anzüglichkeiten, mit einem glückstrahlenden Ashluslay in den Wald. Es ist nichts Ungewöhnliches, daß die Mädchen in den Chorotidörfern sich etwas abseits vom Dorfe eine besondere Hütte bauen, wo sie Herrenbesuche entgegennehmen.

[Illustration: Abb. 36.

a Pfeife. Choroti. ¹⁄₁.

b Durchschnitt derselben.]

Die Männer scheinen sich wenig um das Aussehen der Mädchen zu kümmern. Um ihren Geschmack zu erfahren, habe ich sie oft gefragt, welches Mädchen sie für die hübscheste hielten. Mit dem gewöhnlichen Takt der Indianer antworteten sie immer ausweichend. Die Männer kommen niemals um Frauen in Schlägerei. Dagegen herrscht bei den Frauen die Eifersucht. Mit Boxhandschuhen aus Tapirhaut (Abb. 37) oder einem anderen harten Material und schlimmstenfalls mit Pfriemen aus Knochen kämpfen sie um den begehrten Mann. Es scheint mir, als ob die Indianerfrauen sich mehr durch die Schönheit des Gesichts als des Körpers angezogen fühlten. Unter den Chorotimännern beobachtete ich besonders zwei, welche die Günstlinge der Frauen zu sein schienen. Nach meinen Begriffen sahen sie sehr gut aus. Diese Herren hatten stets an den Händen und im Gesicht Kratzwunden. Das sind Erinnerungen an zärtliche Neckereien. Ein Choroti- oder Ashluslaymädchen küßt niemals den Geliebten, sie kratzt ihn und speit ihm ins Gesicht. Die Chorotifrau sucht sich nach ihrer ersten Menstruation einen Mann aus, der einige Monate lang ihr Liebhaber ist, dann wechselt sie und lebt einige Jahre in Freuden. Schließlich wählt sie ihren Begleiter fürs ganze Leben und wird eine treue und sehr arbeitsame Frau.

Bei den Ashluslays sind die Verhältnisse ebenso frei wie bei den Chorotis, nur, wie mir scheint, etwas primitiver. Nach dem Tanze gehen Mädchen und junge Männer getrennt nach Hause. Die ersteren legen sich vor die Hütten, wo sie der Reihe nach von den letzteren besucht werden. Das sog. Schamgefühl scheint wenig entwickelt zu sein, mehrere Paare liegen zusammen, und Zuschauer sind nicht ungewöhnlich. Auch diese Mädchen werden, nachdem die Periode der freien Liebe zu Ende ist, gute und tüchtige Hausfrauen.

Die Choroti- wie auch wahrscheinlich die Ashluslaymädchen haben keine Kinder vor der Ehe. Dies wird, wie schon erwähnt, durch Abtreibung der Leibesfrucht und Kindesmord geordnet.

Der Leser des Obenstehenden meint wahrscheinlich, daß die „Moral“ unter meinen Pilcomayofreunden nicht hoch stehe. Ich will jedoch darauf hinweisen, daß die Chorotis und Ashluslays, trotz der vollständig freien Liebe in der Jugend, gesunde und kräftige Menschen sind, und daß diese Mädchen, die alle von Blume zu Blume geflogen sind, wenn sie einen eigenen Hausstand gründen, gesunde, wohlgestaltete Kinder bekommen. Durch die von den Weißen eingeführten Geschlechtskrankheiten degenerieren diese Stämme indessen und gehen unter. Die freie Liebe ist für diese Menschen etwas ganz Natürliches; daß in diesem sog. unmoralischen Leben etwas Unrechtes liegt, ist den Indianern und Indianerinnen vollständig unbekannt. Wir dürfen nicht glauben, daß diese Mädchen, die jede oder jede zweite Nacht ihren Liebhaber wechseln, irgendwie schlechter sind, als wenn sie unberührt wären. Sie sind gut und arbeitsam und werden, wie gesagt, tüchtige Hausfrauen und gute Mütter. Das Leben, das sie führen, ist für sie wie für ihre Eltern und anderen Verwandten etwas ganz Natürliches.

[Illustration: Abb. 37. Boxhandschuh. Ashluslay. ½.]

Die Chorotifrau wählt sich ihren Begleiter fürs Leben aus. Wie sie bei den Liebesabenteuern die Verführerin ist, so ergreift sie auch zu der festen Verbindung, in welcher sie Kinder zu bekommen gedenkt, die Initiative. Wie es in dieser Beziehung bei den Ashluslays ist, ist mir unbekannt.

In der Regel nimmt die Chorotifrau ihren Mann aus einem anderen Dorfe, doch kommen auch Ehen zwischen Individuen desselben Dorfes vor. Ehen zwischen Chorotis und Ashluslays sind in dem Grenzgebiet zwischen den beiden Stämmen, gleichwie auch zwischen Mataco-Notén und Chorotis und Mataco-Guisnays und Ashluslays nicht ungewöhnlich. In der Ehe zwischen Ashluslays und Chorotis folgen die Mädchen der Tätowierung der Frauen, die Knaben der der Männer.

Der Chorotimann zieht, wenn er sich verheiratet hat, nach dem Dorfe seiner Frau und wohnt dort wenigstens einige Zeit.

Vielweiberei scheint sowohl bei den Chorotis wie bei den Ashluslays unbekannt zu sein. Geschwister- und Cousinehe ist verboten. Die Frau ist in der Regel einige Jahre jünger als der Mann. Nur einmal hörte ich von einer aufgelösten Ehe. Es war die meines Chorotifreundes Nyato, dessen Frau sich kurz vorher mit einem anderen Manne nach den Zuckerfabriken in Argentinien begeben hatte. Nyato war sehr melancholisch, aber doch schon wieder verheiratet.

Verschiedene Reiseschilderer[27] malen die Stellung der verheirateten Frau bei den Indianern als sehr beklagenswert aus. Dies rührt sicher in den meisten Fällen von einer oberflächlichen Beobachtung her. Man hat den nur seine Waffen tragenden Mann in Begleitung seiner mit dem ganzen Mobiliar beladenen Frau lange Wanderungen machen sehen und ist über die ungerechte Behandlung der Frau empört. Dies ist jedoch ganz natürlich und gerecht. Der Mann trägt die Waffen und keine andere Last, um bereit zu sein, die Seinigen zu verteidigen und zu jagen, wenn sich Gelegenheit bietet. Richtig ist, daß die Choroti- und Ashluslayfrauen hart arbeiten müssen, sie werden aber nicht schlecht behandelt. Die Männer helfen ihnen in vielem. Viele der von den Frauen angewendeten Werkzeuge werden von den Männern verfertigt. Ihnen gehören alle Geräte, Kleider usw., die sie anwenden, und die Männer respektieren ihr Besitzrecht. Macht der Mann ein Tauschgeschäft, wird die Frau oft um Rat gefragt.

Ich war einmal mit einem Chorotiindianer übereingekommen, mir gegen ein Waldmesser einen Matacoskalp, den er besaß, einzutauschen. Das Geschäft war schon geregelt, da kam seine Frau hinzu. Sie verbot den Tausch ganz einfach. Schließlich bot ich für den Skalp ein Pferd, aber es half nichts. Die Alte war eigensinnig, und der Mann stand unter „der Sandale“. Man sollte wirklich meinen, daß der Mann über eine Kriegstrophäe, die er selbst erworben, auch zu verfügen habe.

Die Frau repräsentiert das arbeitende Element im Stamme, sie ist aber keine Sklavin. Vollkommen freiwillig arbeitet sie fleißig für den Unterhalt ihrer Familie.

An den großen Trinkgelagen, die ich späterhin besprechen werde, nehmen sowohl Chiriguanofrauen als -männer teil. Die letzteren nehmen jedoch den Ehrenplatz ein. Die Choroti- und Ashluslaymänner vertrinken alles allein. Bei allen diesen Indianern essen Frauen und Männer nicht gemeinsam. Man hat auch an das zu denken, was wir betreffend des Geschlechtslebens der verschiedenen Stämme kennen gelernt haben. Die Chorotifrau wählt sich ihren Begleiter durchs Leben, bei den Chiriguanos ergreift der Mann die Initiative. Die Chorotifrau wählt sich einen Mann, um für und mit ihm zu arbeiten, während die Chiriguanofrau gemeinsam mit dem Manne für das Haus arbeitet. Verheiratet sich ein Chorotimädchen, so ist sie schon etwas verblüht. Der Chiriguanoindianer nimmt ein unberührtes Mädchen zur Frau. Für die Chorotifrau beginnt mit der Heirat die dritte Periode ihres Lebens, die Arbeitsperiode, die Chiriguanofrau hat, wenn sie sich verheiratet, noch ihre Jugend und kann ihrem Mann noch gefallen. Wir sehen somit, daß die Stellung der Frau eine bessere ist, wenn die Männer werben, als wenn sie es selbst tut.

Die verheirateten Frauen nehmen niemals am Tanz teil, die verheirateten Männer höchst selten. Wenn die letzteren tanzen, tun sie es in fremden Dörfern und vielleicht, ohne daß die Frau etwas davon weiß. Die verheiratete Frau betrügt ihren Mann in der Regel nicht, auf die Treue des Mannes kann sie sich jedoch nicht allzusehr verlassen. Hat er eine Geliebte, und bekommt die Frau sie in ihre Hände, dann entsteht eine Schlägerei, und oft eine blutige.

Die Indianerfrau gebiert leicht und geht schnell, oft schon nach einem Tage, wieder an ihre Arbeit. Eine ältere Frau übernimmt die Rolle der Hebamme. Bei den Chorotis kommt, wie bei vielen anderen Indianerstämmen, der Brauch vor, daß der Vater des Kindes im Wochenbett liegt und Diät hält.

Die Chorotis haben in der Regel nur zwei bis vier Kinder, die Ashluslays scheinen etwas mehr zu haben. Zwillinge habe ich niemals bei den Indianern gesehen. Keine dieser Indianerfrauen schafft sich ein neues Kind, bevor das vorhergehende herumlaufen kann und ihr nicht allzusehr zur Last fällt. Für diese Indianer, die umfassende Wanderungen vornehmen, ist es nicht ratsam, daß jede Frau mehr als ein Kind hat, das beständig getragen werden muß. Das Zwei- bis Dreikindersystem ist deshalb hier ein gesunder und natürlicher Brauch.

Die Kinder bekommen in der Regel erst Namen, wenn sie alt genug sind, um darauf zu hören. Einige Chorotinamen habe ich aufgezeichnet, z. B. für Männer Yóselianéc (Fuchstöter), Hótenic (Mataco), Éstiáhua (Charata, ein Hühnervogel), und für Frauen Häku (nicht süß), Kósoki (mit Ausschlag), Aséshnialo (viele Frauen).

Die Frau repräsentiert hier, wie ich gesagt habe, das fleißigste Element des Gemeinwesens. Auf ihr Los kommt vor allem das meiste der Arbeit innerhalb des Dorfes. Die Frau führt bei diesen Indianern beinahe alle die Arbeit aus, die Kunstfertigkeit und Geduld erfordert. Sie bindet die stilvollen Taschen aus Caraguatáfasern (Abb. 48), webt (Abb. 52) und macht Tongefäße (Abb. 54), alles das, was Handfertigkeit erheischt. Nur in der Holzarbeit zeigt der Mann Proben seiner Arbeitstauglichkeit. Der Mann hat hier die Industrie übernommen, zu welcher die schneidenden Werkzeuge, welche er früher von den auf der Jagd und beim Fischfang von ihm getöteten Tieren erhielt, erforderlich sind, und er ist auch im Besitze der oft wenigen eisernen Messer, die im Stamme vorhanden sind und die er von den Weißen erhalten hat. In abgelegenen Dörfern im Chaco leben die Frauen noch oft im „Holzalter“ und wenden Werkzeuge aus hartem Holze an, während die Männer Messer aus Eisen haben.

Die Wetzsteine, die man im inneren Chaco im Besitze der Indianer findet, sind alle von weit her und sind sicher durch Handel zwischen den Stämmen nach dem Chaco gekommen. In früheren Zeiten waren die Steine sicher kostbar und die Steingeräte selten. Vielleicht haben sie niemals Steinwerkzeuge gehabt. Ich habe in keinem Dorfe eine Steinaxt gesehen und niemals gehört, daß bei den Chorotis oder Ashluslays solche gefunden worden sind. Harte Hölzer und Knochen, aus denen Werkzeuge gemacht werden können, gibt es dagegen in reicher Fülle. Noch sieht man auch, wie schon erwähnt, besonders bei den Ashluslays viele solche primitive Werkzeuge und Geräte im Gebrauch (Abb. 17). Die Holzgeräte sind beinahe alle aus Palosanto[28][29], einem sehr harten, schweren und wohlriechenden Holze. Um diese Geräte herzustellen, sucht man an den Stellen, wo der Wald niedergebrannt ist und viel getrocknetes Holz auf der Erde liegt, Stücke von geeigneter Form und Größe aus. Nach der Angabe eines alten Ashluslayhäuptlings, Mentisa, wurden die Holzgeräte früher mit Holz, Muschelschalen und Feuer bearbeitet. Steingeräte kannte er nicht. Die Mörtel brennen die Ashluslays noch aus. Außer primitiven Gerätschaften aus Holz sieht man auch solche aus Zähnen, Knochen und Muschelschalen.

Der Mangel an Steinen ist bei den Ashluslays so groß, daß man sie ihre von den Weißen erhaltenen Messer sehr oft an den Blättern der Holzspaten schleifen sieht. Deshalb ist auch die eine Seite der Spaten gewöhnlich vollständig glattpoliert.

In diesem primitiven Gemeinwesen ist die Arbeitsverteilung zwischen den Geschlechtern äußerst streng durchgeführt. Es kann niemals die Rede davon sein, daß ein Mann z. B. ein Tongefäß formt oder eine Frau einen Spaten schnitzt. Das wäre ganz einfach unerhört. Jedes Geschlecht stellt indessen nicht alles her, was es anwendet. So sind die Mäntel und Taschen der Männer von den Frauen gearbeitet, während die Holzwerkzeuge, die die Frauen benutzen, von den Männern geschnitzt werden.

Arbeitsverteilung zwischen Männern und Frauen.

Männer Frauen

Fischfang + +[30]

Jagd +

Einsammeln von Honig + ?

Netzstricken +

Mattenbinden +[31]

Federarbeit +

Landbau (Jäten des Ackers) + +

Säen + +

Ernten + +

Kochen +[32] +

Holztragen +

Bereitung berauschender Getränke +[33] +

Keramik +

Holzarbeiten +

Herstellung von Taschen aus Caraguatá +

Lederarbeiten + +

Waffenanfertigung +

Schneiden von Kalebassen +

Hausbau +

Weben, Bänderflechten. +

Einsammeln wilder Früchte +

Viehzucht +

Nähen + +

Die Ashluslay- und Chorotistämme sind sozial insofern gleichgestellt, als ein Chorotimädchen ein Liebesverhältnis mit einem Ashluslaymann, und eine Ashluslayfrau ein solches mit einem Chorotimann haben kann. Anders verhält es sich z. B. zwischen Chorotis und Chiriguanos. Chiriguanoindianer haben sehr häufig zufällige Verbindungen mit Chorotimädchen, wenn sie sich auf einem gemeinsamen Arbeitsplatz treffen; daß eine Chiriguanoindianerin sich einem Chorotiindianer hingäbe, ist dagegen undenkbar. Die Chiriguanos sehen auf die anderen Chacostämme herab, und diese bewundern ihrerseits die Chiriguanos.

[Illustration: Tafel 9. Chorotifrau mit eingesammelten wilden Früchten und Holz auf dem Heimweg.]

Wie bei mehreren anderen Volksstämmen, wo die freie Liebe blüht, hat sich diese Institution bei den Chorotis und anderen Chacostämmen zur Prostitution entwickelt, wenn der Stamm mit den Weißen in Berührung kam. So schicken die in dieser Beziehung den Chorotis moralisch gleichstehenden Tobas Gruppen junger Mädchen unter Leitung einer älteren Frau nach Argentinien. Die Matacos sagten offen, am besten verdienten in den Fabriken die jungen Mädchen. Die Chorotimädchen verkauften sich an die Weißen für ca. 50 Centavos oder vier Ellen Zeug. Die bolivianischen Soldaten bekamen sie für ein Stück Brot. Die jüngsten Mädchen hielten sich in der Regel ausschließlich an die jungen Indianer und mischten sich wenig mit den Weißen. Die verheirateten Frauen hatten niemals Verbindungen mit den Weißen. Bei den Ashluslays hat das Verderben 1909 noch wenig Eingang gefunden.

Von älteren unverheirateten Mädchen habe ich bei den Chacoindianern nie reden hören. Dagegen wurde mir bei den Chorotis als große Merkwürdigkeit ein Mann gezeigt, der niemals eine Frau gehabt hatte.

[Illustration: Abb. 38. Tongefäß. Ashluslay. ⅓.]

Fußnoten:

[24] Dicholophus Burmeisteri.

[25] Das Schwirrholz besteht aus einer ovalen Holzscheibe, an die man eine Schnur gebunden hat.

[26] Lehmann-Nitsche. Patagonische Gesänge und Musikbogen. Anthrop. Bd. III. 1908. Siehe auch weiterhin in diesem Buche.

[27] Eine richtige Auffassung der Stellung der Frau im indianischen Gemeinwesen hat Koch-Grünberg in seiner ausgezeichneten Schilderung des Indianerlebens am Rio Negro gegeben. Zwei Jahre unter den Indianern. Berlin 1909.

[28] Bulnesia Sarmienti.

[29] Infolge der Armut an Steingeräten wäre das archäologische Studium eines Volkes, das auf seinen Begräbnisplätzen nicht mehr hinterlassen hat, als die Chacovölker, eine sehr undankbare Aufgabe. Wenige Tonscherben, Schneckenschalen und knöcherne Pfriemen sind alles, was man finden könnte. Sie legen sehr wenig Beigaben in die Gräber. Die Völker, die auf demselben Standpunkt wie die Chacovölker gestanden und unter ähnlichen Verhältnissen gelebt haben, können wir niemals durch archäologische Forschungen näher kennen zu lernen hoffen.

[30] Mit Körben bei den Ashluslays.

[31] Nur bei den Ashluslays.

[32] Rösten der Nahrung.

[33] Nur Gären.

+Sechstes Kapitel.+

=Unter den Indianern am Rio Pilcomayo= (Fortsetzung).

Trinkgelage.

Man könnte beinahe sagen, daß das Leben für den Choroti- und Ashluslayindianer aus drei Perioden besteht. Die erste ist dem Spiele, die zweite der Liebe und die dritte dem Trinken geweiht. Der Mann hat ja auch einige Zeit der Versorgung seiner Familie zu widmen, aber am meisten interessieren ihn, wenn er älter ist, die Trinkgelage. Die Frauen bereiten die berauschenden Getränke zu und verwenden darauf einen außerordentlichen Fleiß. Den ganzen Tag streifen sie umher, um die Früchte, aus denen jene bereitet werden, zu sammeln, zu mahlen, zu kochen usw., und gleichwohl sind sie von den Festen vollständig ausgeschlossen. Das einzige, womit der Mann sich befaßt, ist die Gärung. Diese ist der Gegenstand einer geradezu religiösen Sorgfalt.

Die geistigen Getränke werden aus Tusca, Algarrobo, Chañar, Wassermelone und Mais bereitet. Alle diese, mit Ausnahme solcher aus Wassermelonen, habe ich gekostet. Sie sind, außer dem aus der Algarrobo bereiteten, der infolge des großen Zuckergehalts der Frucht außerordentlich alkoholreich ist, ziemlich unschuldig. Im November und Dezember, wo die Algarrobofrucht reif ist, finden auch in den Choroti- und Ashluslaydörfern wilde Zechgelage, tägliche Orgien statt, an denen der arme Ethnograph, falls er mit den Indianern auf gutem Fuß zu stehen wünscht, teilzunehmen gezwungen ist.

[Illustration: Abb. 39. Ashluslay mit einer Kalebasse Algarrobobier.]

Das Tuscabier wird so zubereitet, daß man die Frucht mahlt, Wasser hinzusetzt und das Ganze dann in einer schmutzigen Haut oder in großen Kalebassen gären läßt. Eines Nachts war ich mit dabei, als in einem Chorotidorf das Tuscabier gegoren wurde. Dies begann damit, daß zwei Männer im Männerhaus, den Rücken einander zugewendet, um das Feuer herumsaßen und sangen und den Takt mit den Kalebaßklappern angaben. Etwas später setzte man sich um die Haut, in welcher man das Bier zu gären begann. Ein Mann und ein Jüngling sangen, von einer Klapper akkompagniert, das Gesicht dem Monde zugekehrt. Hier und da johlten und klapperten andere Männer. Hierauf wurde die Tongefäßtrommel herbeigeholt und auf einen Strohring gestellt. Mit eintönigen Schlägen begleitete man den Gesang. Mitten in der Nacht wurde er unterbrochen und man lief nach dem Fluß und fischte mit ganz gutem Erfolg. Die Fische wurden geröstet und verzehrt. Nachdem das Nachtmahl gehalten war, begann wieder der Gesang und wurde mit einer Trommel und vier Klappern fortgesetzt. Die Gesänge kamen mir wie bloße Refrains vor: Höö, höö, höö, höö, la e la, höö, la e la ... höö, höö, la e la. Man sang erst leise, dann plötzlich ansteigend und wieder abfallend. Mehrere johlten unisono. Ruhte die eine Gruppe, so begann eine andere. Des Morgens wurde wieder gefischt und zum Frühstück das mit so großer Sorgfalt zubereitete Tuscabier getrunken, das, nachdem es durch eine schmutzige Tasche geseiht worden war, in Kalebaßschalen gereicht wurde. Die Choroti glauben durch Singen die Gärung zu beschleunigen.

Das Tuscabier hat einen säuerlichen, erfrischenden Geschmack, aber einen ekelhaften Geruch.

Die Chañarfrüchte kocht man und läßt sodann die ganze Suppe gären.

Die Algarrobofrüchte werden gemahlen und in Wasser gewärmt, worauf man sie, wie die vorhergehenden, in großen schmutzigen Kalebassen oder in gewaltigen Holzmulden aus Flaschenbaumholz[34] gären läßt. Die Ashluslays habe ich die Hefe in der Weise bereiten sehen, daß sie einen Teil des gemahlenen Algarrobo kauen und dann zu dem übrigen hinspeien. Das Chañarbier hat einen süßsäuerlichen, etwas ekligen Geschmack, das Algarrobobier ist gut. Es hat einen süßen, etwas zusammenziehenden Geschmack. Hat es zu lange gegoren, so ist es stark berauschend. Wie das Maisbier zubereitet wird, habe ich nicht gesehen. Es ist bei einer Menge Indianerstämme in Südamerika gut bekannt. Es hat einen erfrischenden, angenehmen Geschmack.

Bei den Ashluslays habe ich an verschiedenen großen, bei den Chorotis an einigen kleineren Trinkgelagen teilgenommen. Es war interessant, hat aber einige Selbstüberwindung gekostet. In den Dörfern befindet sich gewöhnlich ein den Trinkgelagen geweihter Platz. Um die Mittagszeit versammeln sich dort die Männer, jeder kommt mit seiner Sitzmatte und seiner zwei bis drei Liter haltenden Kalebaßschale. Die Frauen schaffen gewaltige Kalebassen mit Bier herbei. Dies wird zuweilen in ein großes Tongefäß (Abb. 40) gefüllt, aus dem es dann dargereicht wird. Bei einem Fest bei dem alten Aslú wurde das Algarrobobier in einem echt europäischen Nachtgeschirr von wohlbekannter Form herumgereicht. Die Alten fischen mit den Händen den Staub aus dem Bier, das sie dann zwischen den schmutzigen Fingern durchseihen.

[Illustration: Abb. 40. „Bowle“, aus einem Ashluslaydorf. ¹⁄₁₂.]

Der Gast wird, besonders wenn er das Unglück hat, beliebt zu sein, sehr gut behandelt. Er erhält eine Sitzmatte und eine zwei bis drei Liter enthaltende Kalebasse. Setzt er sich, winken ihm alle mit der Hand zu, und er muß das gleiche tun. Das ist ein Gruß. Dann heißt es trinken, denn hier gilt es auszutrinken, sonst ist man unhöflich. Ist es einem gelungen, seinen Liter herunterzubekommen, ohne sich zu übergeben, dann beginnt wieder das Winken. Die in der Nähe sitzenden Alten wischen einem nun, der eine nach dem anderen, immer mit ihren schmutzigen Fingern den Mund. Das ist der Gipfel der Freundlichkeit. Muß man nach allem diesem einmal austreten, dann darf man keinesfalls vergessen, seinen Nachbarn mit der Hand zuzuwinken und „paa“ zu sagen, denn sonst ist man ungezogen. Das schlimmste ist, daß man zurückkommen und aushalten muß, bis das Fest aus ist, bis die Wirte betrunken sind und heulen, Reden halten, in die Bowle spucken und sonst ihr Vergnügen haben. Ohne die Pfeifenspitze abzuwischen, muß man ruhig mit alten, schmutzigen, geifernden Greisen abwechselnd rauchen.

Als die Alten richtig in Stimmung gekommen waren, haben sie mir das Gesicht mit Ruß und Speichel schwarz bemalt. Meine Augenbrauen und Augenhaare wollten sie ausreißen, sie verspotteten mich wegen meines langen, häßlichen Bartes, in meine Ohren wollten sie Löcher bohren.

Bei diesen Trinkgelagen, wo alle betrunken sind, habe ich niemals ein hartes Wort sagen hören, niemals bemerkt, daß die geringste Zänkerei entstanden ist. Ist der Indianer von seinem selbstgebrauten Bier betrunken, so ist er nicht angenehm, er wird aber niemals unverschämt, er gehört zu dem Typ Betrunkener, die alle umarmen wollen, deren Freundlichkeit unangenehm übertrieben ist. Er wird mutig und prahlt mit seinen Kriegertaten. Feldzugspläne werden besprochen, die vergessen sind, wenn der Rausch vorüber ist. Er singt und ist heiter.

Will man das Herz dieser Indianer gewinnen, so muß man versuchen, ihr Leben zu leben, alles zu essen und zu trinken, was einem angeboten wird, mit ihnen zu tanzen und zu singen, sich ins Gesicht speien zu lassen und so wie sie gekleidet zu gehen.

Man muß auch, ebenso wie wenn man unter weißen Menschen ist, taktvoll und rücksichtsvoll auftreten, wie die Indianer selbst. So manches Mal habe ich Beispiele von dem taktvollen Auftreten der Indianer gesehen. Nach einem großen Fischzug, den einige Ashluslays und Chorotis gemeinschaftlich vorgenommen hatten, kam ich mit einigen Chorotis vorbei. Ich tauschte mir bei den Indianern zwei Arten Fische ein, eine dritte bekamen meine Begleiter als Geschenk. Ich ließ meine Freunde durch den Dolmetscher fragen, welche Art Fische die beste sei, dieser wollte aber, offenbar um den Geber nicht zu verletzen, der einen weniger guten Fisch geschenkt hatte, meine Frage nicht beantworten.

Der Branntwein ist bei den Ashluslays noch unbekannt, und auch die Chorotis haben selten Gelegenheit, solchen zu trinken. Das kommt aber wohl noch, dafür sorgen schon allmählich die Weißen. Auf der argentinischen Seite des Rio Pilcomayo gibt es schon genug Feuerwasser und ein auserlesenes Gesindel Weiße. Die Bolivianer, die den Rio Pilcomayo hinuntergedrungen sind, sind dagegen in der Regel anständige Menschen.

[Illustration: Abb. 41. Pfeifenkopf. Ashluslay.]

[Illustration: Abb. 42. Pfeifenkopf. Ashluslay. ½.]