Chapter 12 of 20 · 3898 words · ~19 min read

Part 12

Das Tókispiel wird in einer der Sagen der Chanéindianer erwähnt. In dieser Sage sehen wir, wie schwer es den Chanés früher gefallen ist, den Gummi für die Bälle zu erhalten, der, da es im Chaco keinen Gummi gibt, von weit her geholt werden mußte.

Jetzt erhalten sie die Gummibälle von Santa Cruz de la Sierra. Ich habe das „Tóki“ nur von Knaben spielen sehen. Früher wurde es nicht allein von den Männern, sondern auch von den Göttern gespielt. Es ist besonders von den Chiquitosindianern bekannt.[68]

[Illustration: Abb. 96. Máma wird ausgelegt. Tshúcaretaspiel. Tihuïpa. Chiriguano.]

Auch d’Orbigny[69] erwähnt dieses hübsche Spiel von den Chiquitos. Am Rio Guaporé habe ich Chiquitano sprechende Gummiarbeiter das Spiel spielen sehen, die es außerordentlich gut verstanden, den Ball mit dem Kopf weiterzustoßen. Auch niedrige, den Boden beinahe erreichende Bälle fingen sie, auf dem Magen liegend, in gleicher Weise auf.

[Illustration: Abb. 97. Die Stäbchen werden geworfen. Tshúcaretaspiel.]

Spiele mit Gummibällen scheinen den Spaniern erst sehr spät bekannt geworden zu sein. Dies geht aus dem Erstaunen hervor, mit dem Gumilla[70] sie erwähnt. Merkwürdig, sagt er, sind die Bälle und die Art, wie mit ihnen gespielt wird. Der Ball ist groß und aus einem Holzsaft, Caucho genannt, gearbeitet, der bei einem leichten Stoß so hoch springt, wie ein Mann lang ist.

Gumilla erzählt, daß die Indianer am Orinoco mit der rechten Schulter spielten. Traf der Ball einen anderen Körperteil, so verlor der Spielende einen Point. Er bewunderte ihr Spiel, da sie den Ball zehn-, zwölfmal und noch öfter warfen, ohne den Boden zu berühren.

[Illustration: Abb. 98. Die Spielenden sehen nach, wie die Stäbchen gefallen sind.]

Ein anderes nettes Spiel ist „sóuki“, das die Chanéknaben am Rio Parapiti spielten (Abb. 102). Es wird von zwei Knaben mit Maiskolbenpfeilen gespielt. Erst wirft der eine Knabe seinen Pfeil auf den Boden, dann der andere, der ihm so nahe wie möglich zu kommen sucht. Kommt er eine Handspanne oder noch näher an den Pfeil des Gegners, so gewinnt er einen Point, d. h. bekommt einen Strich. Wer zuerst sechs Points hat, wenn der andere keinen hat, hat gewonnen. Jeder spielt mit bis zu drei Pfeilen. Die Points zählen so, daß nur das gilt, was der eine mehr als der andere hat.

„Huirahuahua“ ist ein Spiel (Abb. 103), das nur von den jüngeren Chanéknaben am Rio Parapiti gespielt wird. Es wird von zwei Knaben mit je einem Stäbchen gespielt. Der eine wirft sein Stäbchen so, daß die Spitze auf den Boden schlägt und so weit wie möglich aufspringt. Nachher wirft der zweite. Wer am weitesten geworfen hat, bekommt einen Strich auf dem Boden. Wer zuerst acht Striche hat, wenn der andere auf Null steht, hat gewonnen.

[Illustration: Abb. 99. Geteilter Ball zum Tocorórespiel. ½. Chané. Rio Parapiti.]

Das „Parama“-Spiel habe ich von den Chiriguanos im Caipipendital spielen sehen. Es wird von zweien gespielt. Ein Knopf oder dergleichen wird als Tor auf einen Stein gelegt, worauf man mit runden Steinchen aus Tonscherben wirft. Der Knopf soll heruntergeschlagen werden, und wer demselben am nächsten kommt, hat einen Strich gewonnen. Das Spiel wird so lange fortgesetzt, bis der eine, je nach Übereinkommen, fünf oder mehr Striche hat.

[Illustration: Abb. 100. Spielstock. ¹⁄₁₆. Tihuïpa. Chiriguano.]

[Illustration: Abb. 101. Rakett. ¹⁄₁₆. Tihuïpa. Chiriguano.]

Die Chané- und Chiriguanokinder haben auch mehrere Spielsachen, die hier abgebildet sind (Abb. 104-105). Von diesen ist „mou-mou“ (Abb. 104) eigentümlich. Mit ihm wird, wenn die Fäden erst gezwirnt und dann gespannt werden, ein summender Ton hervorgebracht.

Nun habe ich meine Leser wohl ordentlich mit indianischen Spielen und Spielsachen gelangweilt. Vielleicht habe ich mich bei diesem in Südamerika so wenig studierten Gegenstande, der mich auf meiner Reise lebhaft interessiert hat, zu lange aufgehalten. Wie bei den Chorotis und Ashluslays, habe ich gern mit den Knaben gespielt. Dies ist auch eine Art und Weise, den Indianern näher zu kommen, ihr Vertrauen zu gewinnen.

[Illustration: Abb. 102. Maiskolbenpfeil. ⅓. „Sóuki“. Chané. Rio Parapiti.]

[Illustration: Abb. 103. Stäbchen zum Huirahuahuaspiel. ⅓. Chané. Rio Parapiti.]

Wie die Choroti- und Ashluslaykinder, langweilen sich die Kinder der Chanés und Chiriguanos selten, wie diese sind es artige und gute Kinder. Auf den Spielplätzen in den Dörfern geht es in der Regel sehr munter zu. Dies gilt für die Heiden. Die Kinder, die in die Hände der Mönche geraten sind, sehen düster und verschlossen aus, sie haben schon etwas von dem zu kosten bekommen, was die Kinder des weißen Mannes lernen, Erziehung und beginnende Zivilisation. „Du sollst ...“ „Du sollst nicht ...“

Die Spiele und Spielzeuge sind vom anthropo-geographischen Gesichtspunkte aus von großem Interesse. Eine Mehrzahl von ihnen finden wir nicht außerhalb des Chaco und der angrenzenden Gegenden in Südamerika. Dagegen finden wir sie in Nordamerika. Infolgedessen habe ich den Schluß gezogen,[71] daß die Spiele und Spielsachen Überbleibsel aus einer Zeit sind, in der der kulturelle Austausch zwischen Nord- und Südamerika größer als jetzt war, oder richtiger, daß Spuren eines von Norden ausgehenden Kulturstromes bis nach Argentinien hinunter gegangen sind. Eine merkwürdige Ähnlichkeit herrscht auch zwischen den Typen von Tabakspfeifen, die man im südlichen Südamerika und in Nordamerika trifft. Die Dreifußkeramik, die ich bei meinen Ausgrabungen im östlichen Bolivia, in Mojos, gefunden habe, deutet auch auf Einflüsse von Norden.

[Illustration: Abb. 104. Spielzeug. Chané und Chiriguano.

A = „mou-mou“. ⅙. Chané. Rio Parapiti. B = brummender Kreisel. ²⁄₉. Chiriguano. Caipipendi. C, C1 = Reifen mit Peitsche. Chané. Rio Itiyuro. D = Musikbogen. ¼. Chané. Rio Parapiti.]

[Illustration: Abb. 105. Puppen aus Wachs. ¹⁄₁. Chané. Rio Parapiti.]

Alltagskleidung.

In den Dörfern, wo der Einfluß der Weißen nicht die alten Trachten verdrängt hat, tragen die Chané- und Chiriguanofrauen ein sackförmiges Kleidungsstück, „tiru“ (Abb. 106). Dieses kann, wie aus den Photographien ersichtlich, auf verschiedene Weise getragen werden. Früher scheint der Tiru nicht die jetzige Form gehabt zu haben. Viedma[72] sagt, die Chiriguanofrauen hatten nur ein Stück Zeug um die Hüften. Sicher hat sich die Tracht unter dem Einfluß der „moralischen“ Christen so entwickelt, daß sie „anständiger“ geworden ist.

[Illustration: Abb. 106. Chanéfrau von Rio Parapiti, in „Tiru“ gekleidet.]

Von einheimischen Schmucksachen sieht man Halsketten aus Türkis- und Chrysocolperlen und aus schwarzen Körnern.

Nach eigenen Angaben finden die Indianer die Steinperlen in der Erde, wo alte Wohnplätze und Gräber sind. Die Mestizen im Tarijatal, die in ihren Feldern eine große Menge dieser Perlen finden, verkaufen sie den Chiriguanos und Chanés zu hohen Preisen. Früher wurde eine Halskette aus diesen Perlen mit einem Pferd bezahlt.

Das Haar tragen die Chané- und Chiriguanofrauen halblang, mitten auf der Stirn gescheitelt und manchmal im Nacken oder auf dem Kopf mit einem Band zusammengebunden.

[Illustration: Abb. 107. Gesichtsbemalung. Chiriguano. Itapenbia. Rote Farbe. A u. B = Männer. C u. D = Frauen.]

Die Männer tragen jetzt alle die europäische Tracht. Bei der Arbeit sieht man sie jedoch nicht selten nur in einem die Geschlechtsteile schützenden Stück Zeug. Bei den Chanés am Rio Parapiti waren Mäntel gleich denen, die wir von den Chorotis und Ashluslays kennen gelernt haben, sehr gewöhnlich. Die älteren Männer, sowie auch die jüngeren in den Chiriguanodörfern am oberen Rio Pilcomayo, tragen das Haar lang, um den Kopf gewunden und von einem in der Regel roten oder blauen Band zusammengehalten. Nach vorn ist das Haar abgeschnitten, sie haben also Stirnlocken und eine Locke vor jedem Ohr. Es greift jedoch immer mehr die Sitte um sich, das Haar kurz zu schneiden, um ebenso fein zu sein, wie die Weißen. An den Füßen tragen sie, wenn sie auf steinigem oder dornigem Boden wandern, wie die Frauen, Sandalen.

Diese Indianer malen sich alltags nicht oft. Zuweilen sieht man eine Frau, die sich das Gesicht rot gemalt hat. Die Weißen behaupten, es bedeute, sie sei heiratslustig, oder, wenn sie verheiratet ist, lüstern. Ich wage jedoch nicht zu sagen, daß dies wahr ist. Einen roten Strich hier und da ins Gesicht malen sich die Frauen auch alltags, oder sie kleben ganz einfach eine Blume an jede Wange. Die Männer bemalen auch manchmal das Gesicht und den Körper rot. Als große Seltenheit habe ich ein paar Chiriguanofrauen gesehen, die auf dem Arm tätowiert waren (Abb. 108). Im Caipipendital haben die Chiriguanofrauen die abscheuliche Sitte, ihre sonst weißen und gesunden Zähne zu schwärzen. Viedma erzählt, daß die Chiriguanomänner ihre Zähne blau zu malen pflegten.

[Illustration: Abb. 108.

Tätowierter Frauenarm. Chiriguano. Itapenbia.]

Reinlichkeit.

Die Chanés und Chiriguanos sind sehr reinlich. Sie beginnen, wie schon erwähnt, den Morgen mit einem Bad, und baden dann oft mehrmals im Laufe des Tages. Diese Reinlichkeit ist bei Stämmen, die oft in Gegenden wohnen, wo, wie z. B. im Chipipendital, großer Wassermangel herrscht, merkwürdig. In der Trockenzeit können sie dort niemals ein Bad nehmen, wenigstens die Frauen waschen aber ihren Körper jeden Morgen gründlich ab.

Der Gegensatz, der sich hier in dem Reinlichkeitseifer der verschiedenen Stämme zeigt, läßt sich, meiner Ansicht nach, durch ihre Wanderungen erklären. Die Chorotis, Ashluslays und Matacos, welche sich noch teilweise in Pelzmäntel kleiden, scheinen mir, wie die Feuerländer und Patagonier, aus den kalten Pampas im Süden, wo ein Waschen höchst unangenehm war, nach dem Chaco eingewandert zu sein, während die Chiriguanos und Chanés vom Norden, aus den feuchtwarmen Urwäldern, von den großen Flüssen kommen, wo das Baden immer schön und erfrischend war. Nun, wo sie unter denselben klimatischen Verhältnissen leben, haben die ersteren ihren Schmutz, die letzteren ihre Reinlichkeit bewahrt.

[Illustration: Abb. 109. Kämme zum Kämmen des Haares, nicht zur Befestigung in dasselbe.

A. von den Chanés. B, C, D von den Chiriguanos.]

Im Thurn[73] berichtet, daß die Indianer in Guayana sofort nach dem Essen baden, ohne daß ihnen dies schlecht bekommt. Dasselbe habe ich hier oft beobachtet.

Den Kopf schampunieren die Chiriguanos und verschiedene Chanés mit den Samen von „nyantéra“, die sie mahlen. Zu demselben Zweck benutzen die Chanés am Rio Parapiti die Rinde des Mistol, „yúag“. Auch die Nägel, und nicht zum wenigsten die Zehennägel, werden sauber gepflegt. Zum Kämmen wenden sie in Holz geschnittene oder aus Rohrstäbchen zusammengebundene Kämme an.

Ihre Bedürfnisse verrichten die Chanés und Chiriguanos niemals ganz nahe den Hütten. Besondere Abtritte habe ich aber niemals bei irgend welchen Indianern, und auch nicht bei vielen Weißen in Bolivia, gesehen.

Die Chanés und Chiriguanos gehen mit ihren Kleidern sehr sorgfältig um. Sie halten sie rein und flicken sie, wenn es nötig ist. Jedes Geschlecht wäscht und flickt seine Sachen selbst. Der Mann näht hier vollkommen ebenso gut wie die Frau.

Ich habe hier von dem Alltagsleben bei diesen Indianern gesprochen. Nun will ich die wichtigsten Ereignisse in ihrem Leben, in ihrem Gemeinwesen, ihre Feste, ihre Industrie usw. schildern, um zuletzt zu ihren Sagen und ihrer Religion überzugehen.

Fußnoten:

[57] Annua de la Compañia de Jesus. -- Tucuman y Perú -- 1596. Relaciones geográficas de Indias. Madrid 1885. Tomo II. S. CIV.

[58] Viedma: l. c.

[59] Die Frauen fischen in der Regel in seichtem, die Männer in tiefem Wasser.

[60] Nehmen manchmal an der Zubereitung der Jagdbeute teil.

[61] Bei den Chanés am Rio Parapiti.

[62] Am Rio Parapiti sammelten die Chanéfrauen das Material zu dem Dache, d. h. langes Gras.

[63] Nur bei Maringay.

[64] Unbedeutend, eigentlich nur am Rio Parapiti.

[65] Schon Viedma erwähnt diese Tracht, S. 181.

[66] Vgl. Erland Nordenskiöld: Zeitschr. f. Ethn., 1910, H. 3 u. 4.

[67] Längster Abstand zwischen Daumen und kleinem Finger.

[68] Erbauliche und angenehme Geschichten. Wien 1729. S. 55.

[69] d’Orbigny: Voyage. Partie historique. Tome 2, S. 594-595.

[70] Gumilla: El Orinoco Ilustrado. Madrid 1745. S. 190.

[71] S. auch Erland Nordenskiöld: Zeitschr. f. Ethnologie, 1910. H. 3 u. 4.

[72] Viedma, 1. c. S. 181.

[73] Im Thurn: Among the indians of Guiana. London 1883.

+Zwölftes Kapitel.+

=Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer= (Forts.).

Vom Mutterleib bis zum Grabe.

Streng arbeiten die Chané- und Chiriguanofrauen auch während der Schwangerschaft, bis sie gebären sollen. Im Dorfe Vocapoys war eine schwangere Frau, der ich eine von mir geschossene Taube schenkte. Vocapoy erklärte mir da ganz erregt, eine schwangere Frau dürfe keine Tauben essen. Kommt ein Chané- oder Chiriguanokind zur Welt, verursacht es seiner Mutter sicherlich nicht viel Schmerzen. Diese Frauen sind gesund und gebären leicht, wie alle Indianerfrauen, die eine gesunde Lebensweise führen und niemals eng anliegende Kleider getragen haben. Sie liegen auch nicht im Wochenbett, das muß statt dessen der Papa des Kleinen. Auch hier treffen wir diesen eigentümlichen Brauch, die „Couvade“, die von so vielen Indianerstämmen her bekannt ist. Mehrere Tage soll der Mann liegen und Diät halten. Bei den Chanés am Rio Parapiti darf er die ersten Tage nur gekochten Mais und Maissuppe, später auch süße Kartoffeln essen. Mehrere Tage lang darf er kein Fleisch essen. Ißt er z. B. das Fleisch einer Ziege, so stirbt er, meckernd wie diese. Der Chiriguanoindianer Taco erzählte mir, er habe seinen dicken Magen deswegen bekommen, weil er diesen wichtigen Brauch nicht innegehalten habe. „Fünf Tage hätte ich liegen und Diät halten sollen“, sagte er.

Die Sitte der Couvade hat, wie bekannt, in Südamerika eine sehr große Ausdehnung. Bei den Stämmen, die ich kennen gelernt habe, kommt sie sicher, außer bei den Chiriguanos und Chanés, bei den Chorotis, Gúarayús und Chacobos vor. K. v. d. Steinen,[74] der diesen Brauch ausführlich vom Rio Xingu schildert, sagt, er sei wahrscheinlich für alle brasilianischen Stämme bekannt. Dagegen scheint der Brauch der Couvade von den Quichuas und Aymaras, d. h. von der Gebirgskultur in Bolivia und Peru, unbekannt zu sein. Dies ist einer der vielen Gegensätze, die zwischen den Indianern des Gebirges und des Urwaldes bestehen.

Die Gúarayúindianer in Nordost-Bolivia sagten mir, wenn ein Mann gleich nach der Entbindung seiner Frau auf die Jagd geht und z. B. einen Papagei schießt, so kann er sein Kind töten. In den ersten Tagen des Lebens folgt nämlich die Seele des Kindes dem Vater.

Sehr selten werden bei den Chanés und Chiriguanos außereheliche Kinder geboren. Ich glaube, vielleicht irre ich mich, daß die Frauen dieser Indianer keusch sind, bevor sie heiraten. Am Rio Itiyuro befand sich unter etwa 500 Chanés nur ein von einer unverheirateten Frau geborenes Kind. Mißgestaltete Kinder werden sehr selten geboren. So gibt es, nach dem, was ich gesehen und Batirayu angegeben, im ganzen Parapitital unter 1500-2000 Chanés keinen Blindgeborenen, keinen Schielenden, keinen Idioten und nur einen mit mißgestalteten Extremitäten und vier Taubstumme. Stark stammelnde Indianer habe ich nicht beobachtet.

Ich weiß nicht, ob die mißgestalteten Kinder auch bei diesen Indianern gleich getötet werden, aber wahrscheinlich ist dies der Fall. Ich weiß auch nicht, ob Abtreibung der Leibesfrucht vorkommt. Sicher ist aber, daß diese gesunden Frauen selten Kinder gebären, die nicht wohlgestaltet sind. Im Parapitital fand sich gleichwohl, wie erwähnt, ein Knabe mit mißgestalteten Extremitäten. Das eine Hüftbein war zu kurz und der eine Arm auch verkrüppelt. Dieser Knabe wurde von allen mit außerordentlichem Wohlwollen behandelt, und man drückte laut seinen Beifall aus, als ich ihm einige kleine Geschenke gab.

Wenn das Kind zu gehen anfängt, erhält es einen Namen. Diesen gibt nicht der Vater oder die Mutter, sondern seine Großeltern. Bei den Chanés am Rio Parapiti habe ich einige Namen aufgezeichnet. Ist es ein Knabe, so wird er z. B. yatéurembi (Lippe der Zecke), huásucaca (Guanako), tátunambi (Gürteltierohr), yánducúpe (Straußrücken), vacainyáca (Kuhkopf), aguárachivi (Fuchsharn), derésa paravéte (deine armen Augen) genannt; ist es ein Mädchen, z. B. árasaypoti (Guayavablüte).[75] Ein großer Teil der Namen ist unübersetzbar. Zu diesem Namen kommt nicht selten ein Spottname. So wurde z. B. der Chanéhäuptling Boyra (Boy-Schlange) yúruhuasu genannt, was Großmaul bedeutet. Der alte Boyra war auch ein Schwätzer, der für alles, was ein wenig unanständig war, eine große Schwäche hatte.

Ungewöhnlich lange stillen die Mütter, und es dauert in der Regel mehrere Jahre, bis sie wieder ein Kind bekommen. Vielleicht vertreibt sie auch ein wenig, wie die Chorotifrau, die Leibesfrucht, damit die Familie nicht allzu sehr belästigt wird.

In der Missionsstation in Ivu suchte ich über die Anzahl überlebender Kinder in 127 Chiriguanoehen eine Statistik aufzustellen und fand da, daß in 10 Ehen kein, in 27 ein, in 35 zwei, in 29 drei, in 13 vier, in 9 fünf und in 4 sechs Kinder waren. Diese Zahlen sind jedoch ganz unsicher. Sie zeigen jedoch, daß man hier, wie bei vielen anderen Indianerstämmen, eine Art Zweikindersystem hat.

Corrado[76] behauptet mit Bestimmtheit, daß unter den Chiriguanos Kindermord vorkommt. Das tut man in verzweifelten Fällen auch bei uns, das von Corrado angeführte Beispiel hat daher nichts zu bedeuten. Die Frage ist: kommt Kindermord und Abtreibung der Leibesfrucht als eine vom Stamme angenommene Institution, wie bei den Chorotis, vor?

[Illustration: Abb. 110. Chanéknabe. Rio Parapiti. Er hat Pfeile mit stumpfen Spitzen in der Hand.]

Die Chané- und Chiriguanokinder werden auch, wie erwähnt, in Freiheit erzogen. Unter Spielen verleben sie die Kinderjahre. Allmählich beginnt das Kind den Eltern bei Kleinigkeiten, z. B. beim Wasser- und Holztragen, Fesseln der Haustiere, Fischen usw. zu helfen. Die Mädchen lernen von den Müttern das Spinnen, Weben, Anfertigen von Tongefäßen, Brauen des Maisbiers usw. Sie lernen alles durch Imitation. Die Knaben verfolgen die kleinen Vögel um das Dorf und lernen auf diese Weise den Waffengebrauch. Die Kinder begleiten die Eltern zum Fischen und Ackern. Der Knabe begleitet den Vater auf die Jagd und fühlt sich ordentlich stolz und tüchtig, wenn er mit der „gemeinsamen“ Jagdbeute nach Hause gehen darf. Die Kinder sehen und lernen. Es macht ihnen Spaß, Vater und Mutter zu helfen.

Wie verschieden ist nicht die Kindererziehung in den Missionen, die auf Spionage und Angeberei basiert ist.

Mutterlose Kinder werden von den Verwandten aufgenommen. Nicht selten sieht man auch hier ältere Tanten die Kinder anderer liebkosen.

Wenn das Mädchen ihre erste Menstruation bekommt, wird sie in einen Verschlag in der Hütte, eine Art Schrank, gesetzt. Ihr Haar wird kurz geschnitten, und sie darf erst wieder heraus, wenn es halblang gewachsen ist. In Begleitung der Mutter darf sie ausgehen und das Notwendigste tun, z. B. baden usw. Zwischen der ersten und zweiten Menstruation muß sie Diät halten. Sie darf gekochten Mais und Mehl essen. Diese Sitte nennen die Chanés „yimundia“.

In einem Chanédorf, Aguaráti, sah ich ein Mädchen, das in einem solchen Schrank saß. Sie spann. Ich guckte in den Schrank, was wohl unrecht von mir war, denn am nächsten Tage waren Mädchen und Schrank verschwunden.

P. Chomé[77] erwähnt schon diesen Brauch von den Chiriguanos. Er sagt, die Indianer glauben, eine Schlange habe das Mädchen gestochen.

Wenn das Mädchen aus dieser Gefangenschaft kommt, ist sie heiratsfähig.

Wenn der Chanéknabe etwa 10-12 Jahr alt ist, wird seine Unterlippe von einem hierin besonders erfahrenen Mann durchbohrt. In das Loch wird ein Stückchen Holz gesteckt. Der Knabe muß einen Tag liegen. Sein Großvater kommt und reißt tiefe Wunden in seinen Körper, damit er mutig im Kampf und ein tüchtiger Jäger werde. Des Morgens, wenn es noch richtig kalt ist, führt er ihn baden, damit er ein richtiger Mann werde.

Einen Tag lang darf der Vater nichts verzehren, damit der Knabe nicht geschwätzig wird. Dies zeigt, daß die Indianer keine Schwätzer lieben.

Wenn der Knabe älter wird, erhält er statt des kleinen Hölzchens ein größeres, und ist er ein Mann geworden, so kann er mit einem großen Pflock, „Tembeta“, in der Unterlippe herumstolzieren (Abb. 79). Diese soll aus Holz sein, in welches Türkisen- und Chrysocolstücke eingesetzt sind. Bei den Chanés und den meisten Chiriguanos haben jetzt nur die Alten die Tembeta. Beim Chiriguanohäuptling Maringay, der noch alte Sitten ehrt, wird allen Knaben die Unterlippe durchbohrt. Maringay gehört zu den Alten, die verächtlich sagen: Der „ava“, der Mann, der keine Tembeta trägt, sieht wie eine „cuña“ (Frau) aus. Männern das Schimpfwort Frau zurufen, heißt auf Chiriguanoweise beschimpfen. Diese, die „ava“ sind, sagen von den Chanés, die kleine Tembetas haben, „cuñareta“ (Weiber).

Jetzt werden die meisten Tembetas von den Weißen in den Gebirgsgegenden aus Zinn und Glasstücken angefertigt. Unter denen, die solche gemacht haben, ist der Italiener Pablo Piotti. Seine Werke sind sogar in europäische Museen gekommen, ohne jemals in einem Indianerkinn gesessen zu haben. Früher hatten die Chiriguanos auch Tembetas aus durchsichtigem Harz.[78]

Will der Chané- oder Chiriguanoknabe heiraten, so schickt er den Eltern des Mädchens allerlei Jagdbeute. Vocapoy erzählte mir, daß er vor ihre Häuser Holz legt. Wird das Holz angewendet, so bedeutet es Einwilligung, findet er das Holz unberührt, so ist er abgewiesen. Hat er mit dem Holz Glück gehabt, so hält er bei der Mutter des Mädchens um sie an. Diese antwortet dann, sie könne nicht wissen, ob er ein guter Mann wird, der seiner Frau Essen schaffen kann. Um dies zu zeigen, muß er bei der künftigen Schwiegermutter ungefähr ein Jahr lang dienen. Die Ehe ist somit hier eine Art Kauf.

Auf dieselbe Weise, wie die Chané- und Chiriguanomänner heutigentags werben, taten sie es vor zweihundert Jahren.[79]

In der Nacht vor der Hochzeit schläft der junge Mann bei seinem Mädchen. Die Hochzeit wird mit einem Trinkgelage ohne andere Zeremonien als vieles Maisbiertrinken gefeiert. Die Jungverheirateten erhalten Glückwünsche. In der Regel wohnen die Jungen noch einige Zeit in dem Hause der Schwiegermutter.

Die Ehen scheinen mir in der Regel glücklich zu sein. In dem Dorfe des Chanéhäuptlings Vocapoy hatte ich Gelegenheit, mehrere jungverheiratete Paare zu sehen. Das Glück des Honigmonats erschien mir ungeheuchelt, und die jungen Frauen arbeiteten strebsam für ihre Männer. Bei den Indianern, wie bei anderen Völkern, gibt es indessen Frauen ungleichen Charakters. Es gab solche, die den ganzen Tag für ihr Heim arbeiteten, und solche, die nur dazu da zu sein schienen, um sich zu amüsieren.

Geschwisterehen sind verboten, Cousins und Cousinen dürfen sich dagegen heiraten (wenigstens bei den Chanés).

Dies ist dagegen, wie erwähnt, weder bei den Chorotis noch bei den Matacos gestattet.

Unter den Chanés und Chiriguanos gibt es solche, die mehrere Frauen haben. Dies gilt jedoch nicht für die Jungen, sondern für die Älteren, besonders für die Häuptlinge. Vocapoy hatte vier Frauen, die in verschiedenen Dörfern wohnten. Taco soll sieben haben, Maringay hat zwei, die zusammen wohnen. Der alte Mandepora (Abb. 111) soll auch eine größere Anzahl haben. Diese älteren hohen Herrn lassen oft ihre Frauen sitzen und schaffen sich neue, junge und hübsche an.

[Illustration: Abb. 111. Der Chiriguanohäuptling Mandepora.]

Außer in diesen Fällen scheint der Altersunterschied zwischen den Gatten in der Regel nicht mehr als ein paar Jahre zu betragen.

Spricht man mit den Missionaren über die sittlichen Verhältnisse unter den Indianern, besonders unter den Chiriguanos, so malen sie dieselben in schwarzen Farben. Der sittliche Wandel der christlichen Indianer ist, fürchte ich, auch recht schlecht, aber in den Tälern, wo der weiße Mann die Indianer nicht verdorben hat, habe ich niemals eine allgemeine Liebe, wie bei den Chorotis, vorkommen sehen. Typisch für alte Sitten ist Maringays Dorf, und dort herrscht eine so strenge Sittlichkeit, wie ich sie nirgends sonst gesehen habe. In diesen rein heidnischen Dörfern kam es niemals vor, daß den Mitgliedern der Expedition ein Mädchen angeboten wurde, was dagegen in den Missionsstationen vorkam.

Folgendes Urteil gibt der Jesuit Pater Ignace Chomé in einem Briefe von 1735,[80] von einer Zeit, da sie von der Zivilisation der Weißen noch vollständig unberührt waren, ab, ein Urteil, das ich hier wortgetreu wiedergeben will:

„Ce qui m’a fort surpris, c’est que dans la licence où ils vivent, je n’ai jamais remarqué qu’il échappât à aucun homme la moindre action indécente à l’egard des femmes, et jamais je n’ai oui sortir de leur bouche aucune parole tant soit peu déshonnête.“

Die Ehen der Chiriguanos schildert dieser Jesuitenpater indessen als sehr locker.

Mit der Ehe beginnt für diese Indianer das Leben im Ernst. Es besteht aus Arbeit und Maisbiertrinken. Die Arbeit habe ich schon ein wenig beschrieben, ihre Trinkgelage werde ich weiterhin schildern.

[Illustration: Abb. 112. Alte Frau. Rio Itiyuro.

Ihre Enkel waren ungefähr 18 Jahre und jünger.]