Chapter 13 of 20 · 4000 words · ~20 min read

Part 13

Das Leben des Indianers und der Indianerin schwindet schneller als das der Weißen. Das Alter eines Indianers ist, wenn man keine bestimmte Zahl hat, an die man sich halten kann, sehr schwer bestimmbar. Maringay erzählte mir, er sei der Älteste seines Stammes, es lebe kein Altersgenosse von ihm mehr. Die Weißen sagten, Maringay sei über 100 Jahr alt. Dies ist jedoch übertrieben. Als jungverheirateter, 16-20jähriger Jüngling, besuchte Maringay den Präsidenten Belzu in Sucre. Dieser regierte zwischen 1848-1855, der hundertjährige Maringay ist also offenbar nicht älter, als ungefähr 80 Jahre. Ein 80jähriger Indianer ist also der Älteste seines Stammes. Bei den Indianern sieht man beinahe immer, daß derjenige, der erwachsene Enkelkinder hat, sehr gebrechlich und greisenhaft ist und am Rande des Grabes steht. Die Indianer und Indianerinnen entwickeln sich schnell, altern aber auch schnell. Mit 50 Jahren ist der Indianer ein Greis, mit 70 ein sog. Hundertjähriger. Im Thurn[81] meint ebenfalls, daß die Indianer nicht alt werden. Er glaubt, daß sie selten ein höheres Alter als 40-50 Jahre erreichen.

Maringays Haare waren leicht ergraut. Es gibt beinahe weißgelbhaarige Indianer und Indianerinnen, aber sie sind selten (Abb. 112). Einen kahlköpfigen Indianer habe ich niemals gesehen. Wenn sie älter sind, ist das Gesicht stark gefurcht. Nicht selten werden sie im Alter blind, aber weniger oft taub.

Bei den Chorotis und Ashluslays ist der Anblick der Alten oft abschreckend, sie sind schmutzig, abgemergelt und triefäugig. Dies ist bei den Chanés und Chiriguanos nicht der Fall. Diese Indianer verstehen es, in Schönheit zu altern, und auch die Alten halten sich rein und fein.

Erkrankt der Chané- oder Chiriguanoindianer schwer, so läßt man, wie bei anderen Indianern, den Medizinmann kommen.

Die Chiriguanos und Chanés unterscheiden zwischen zwei Arten von Medizinmännern, die sie „ipáye“ oder „ipáyepótchi“ nennen. Die ersteren sind gut und heben die Verhexungen, die letzteren können die Verhexung heben und verhexen.

Im Scherz fragte ich einmal einen Chiriguano, ob Vater Bernardino in Ivu ein „ipáye“ oder ein „ipáyepótchi“ sei. Artig antwortete der Indianer, ein „ipáye“. Die Stellung des Missionars unter den Indianern ist die des Medizinmannes, er übernimmt ihre Macht und ihren Einfluß.

Im vorhergehenden habe ich erzählt, daß die Weißen in der Gegend von Ivu einen indianischen Medizinmann zum Vertreiben der Pocken kommen ließen. Es kommt auch vor, daß sie glauben, von den Indianern verhext zu sein. Ein Kolonist, Gutierrez, hatte einen Indianer durchgepeitscht. Dieser verhexte ihn so, daß er krank wurde. Es klang in seinem Magen wie das Quaken eines Frosches.

Durch Räuchern suchen die Medizinmänner den Verhexer ausfindig zu machen. Wie es dabei zugeht, habe ich nicht gesehen. Der Verhexer wird, wenn er oder sie entdeckt wird, getötet.

Hier unten werde ich über die Verbindung der Medizinmänner mit den großen Geistern sprechen.

Im Auftreten und in der Methode der Medizinmänner scheint bei den Chorotis und Ashluslays und bei den Chanés und Chiriguanos kein Unterschied zu herrschen. Es ist dasselbe Aussaugen fremder, durch Verhexen in den Körper gelangter Gegenstände. Bei den letzteren sind die Medizinmänner geheimnisvoller, als bei den ersteren. Vielleicht hat die Berührung mit den Weißen bewirkt, daß sie selbst an ihrer Kunst zu zweifeln beginnen.

Ein Unterschied herrscht indessen in den gewöhnlichen Heilmitteln. Die erstgenannten Indianerstämme entnehmen ihre Heilmittel in der Regel dem Pflanzenreich. Man kocht Dekokte von gewissen Gewächsen. Die Chanés und Chiriguanos wenden dagegen, außer gewissen Pflanzen, animale Heilmittel an. So benutzen die Chanés am Rio Itiyuro das Fett vom Reiher für Geschwülste, das Wildschweinfett für das Fieber, das Jaguarfett für Knochenschmerzen und Tukanschnäbel für Frauenblutungen. Die Chanés am Rio Parapiti wendeten das Fett des Straußes gegen Brustschmerzen, der Iguanaeidechse gegen Conjunctivitis, des Huhnes gegen alles, das Maisbier gegen Erkältung an. Das Fett habe ich ausschließlich für den äußeren Gebrauch anwenden sehen.

Merkwürdig ist der Chanéindianer als Aseptiker. Ich habe mehrmals gesehen, wie sie Wunden nach einer höchst modernen Methode behandeln, nämlich mit gekochtem Wasser. Das ist etwas anderes, als wenn die Weißen Schweineexkremente und frischen Urin vom Menschen mit Salz zu demselben Zwecke anwenden. Die Ursache, daß diese Indianer eine so moderne Methode kennen, ist sicher ihre große Reinlichkeit. Sie sind daran gewöhnt, sich beständig zu waschen. Daß sie auf die Idee gekommen sind, das Wasser zu kochen, kommt wahrscheinlich daher, daß sie makroskopische Tiere in demselben haben töten wollen. Zum Verbinden von Wunden wenden die Chanés zuweilen frische Blätter an.

Sollte trotz der Anstrengungen des Medizinmannes die Verhexung nicht gehoben werden können und der Chané- oder Chiriguanoindianer sterben, so wird er oder sie in einem großen Tongefäß unter der Hütte begraben. Bevor der Sterbende richtig tot ist oder gleich nach dem Tode, wird er so zusammengefaltet, daß die Knie unter das Kinn kommen, und die Arme werden kreuzweise über die Brust gelegt. Am Rio Parapiti hat jahrelang ein Chanéindianer gelebt, der auf diese Weise zusammengefaltet worden war, der aber, bevor er in die Graburne gestopft worden war, von einem weißen Manne gerettet wurde. Der Tote wird angekleidet, mit einer Wasserkalebasse im Knie, in das Gefäß gesetzt. Das Wasser soll der Tote mithaben, wenn er auf den Bergen umhergeht, sagte mir der Chanéhäuptling Vocapoy. Das Gefäß wird in der Hütte vergraben und als Deckel ein anderes Gefäß darübergestülpt.

Bei Tatarenda in der Nähe von Yacuiba verbrennt man, wie ich gehört habe, nach dem Begräbnis die Hütte. Dies ist jedoch nicht das Gewöhnliche. Dagegen pflegt man die Hütte einige Zeit nach dem Begräbnis zu verlassen, um später wieder hinzuziehen. So geschah es z. B. in einem Chanédorf am Rio Itiyuro, in welcher ich kurz nach dem Begräbnisse war.

Die großen Maisbiergefäße (Abb. 113) werden als Sarg angewendet. Herrscht Mangel an Gefäßen, so begräbt man oft auf andere Weise. In einem Chanédorf, Copéri, am Rio Parapiti, begrub man kurz vor meiner Ankunft ein Kind in einer Haut unter der Hütte.

Auf den Gräbern ihrer toten Verwandten verleben diese Indianer ihr Leben, und oft ist es so voll in der Hütte, daß ein Nachbegräbnis in alten Töpfen notwendig wird.

„Der Christ schleppt seine Toten weit von seinem Hause fort. Wir Indianer, die eine größere Liebe für sie hegen, bewahren sie in unseren Häusern.“ So ungefähr sprach Vocapoy einmal zu mir, als das Gespräch auf diese eigentümliche Begräbnisart kam.

Wird ein Chiriguano von einem Jaguar getötet, so wird er mit dem Kopf nach unten begraben, damit er nicht als ein solches Tier umgeht. Diese Vorstellung vom Jaguar, der ein Mensch war, ist besonders unter den Quichuas verbreitet, wo dieses merkwürdige Tier, wie schon erwähnt, Uturunco genannt wird (vgl. S. 12). Heult der Fuchs des Nachts nahe dem Dorfe, so stirbt jemand.

[Illustration: Abb. 113. Chiriguanograb. Caipipendi.]

Stirbt der Mann, so soll die Frau das Haar kurz schneiden. Hat sie ihn sehr geliebt, tut sie es zweimal. Erst wenn das Haar wieder lang gewachsen ist, darf sie eine neue Ehe eingehen. Stirbt ihr Vater oder ihre Mutter, so schneidet sie das Haar kurz, stirbt ihr Kind, ihr Bruder oder Schwager, so schneidet sie es halblang. Unter langen Haaren versteht man, daß sie bis zur Schulter reichen. Meine Frage, ob auch die Männer bei Trauer ihr Haar schneiden, wurde mit einem Gelächter beantwortet. Sie begnügen sich damit, eins der allerlängsten zu verkürzen. Die Männer dürfen sich erst ungefähr ein Jahr nach dem Tode der Frau wiederverheiraten.

Hat die Frau Trauer, so trägt sie keinen Schmuck. Als ich bei Maringay war, hatte seine Schwiegertochter ihr kleines Kind verloren. Während alle anderen Frauen im Dorfe zahlreiche Halsketten trugen, hatte sie keinen einzigen Schmuckgegenstand. Sie nahm auch an keinem Feste teil.

Die Indianer, welche die Missionare taufen, sehen es nicht immer gern, daß sie ihre Toten auf dem Kirchhof begraben müssen. Sie wollen wenigstens, daß die Toten Wasser mit ins Grab bekommen.

Man befreit sich nicht so leicht von alten, ererbten Vorstellungen, um sie gegen neue einzutauschen.

[Illustration: Tafel 18. Chanéfrau mit Kind. Rio Itiyuro]

Fußnoten:

[74] Karl v. d. Steinen: Unter den Naturvölkern Zentralbrasiliens. Berlin 1894.

[75] Psidium guayava.

[76] Corrado: El Colegio Franciscano De Tarija y sus misiones. Quaracchi 1884. S. 526-527.

[77] P. Chomé, S. 320. Derselbe Pater spricht auch von dem Brauche der Couvade bei diesen Indianern, S. 321. Lettres édifiantes. T. XXIV.

[78] P. Chomé: Lettres édifiantes. T. XXIV, S. 317.

[79] P. Chomé, l. c. S. 319.

[80] Chomé, l. c. S. 318.

[81] Im Thurn l. c. S. 190.

+Dreizehntes Kapitel.+

=Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer= (Forts.).

Häßliche Worte, Homosexualität, Selbstmord, Schamgefühl u. a.

In der Sprache der Weißen gibt es, wie bekannt, eine Anzahl Worte, die man in anständiger Gesellschaft nicht anwenden darf. Gewisse Körperteile dürfen Personen desselben Geschlechts nur mit lateinischen Namen nennen, während Personen verschiedenen Geschlechts in der Regel gar nicht miteinander darüber sprechen. Ein Wort kann für häßlich gelten, während ein anderes Wort für denselben Gegenstand beliebig angewendet werden kann. Der Grund, warum ein Wort verboten ist, ist sicher oft schwer zu ermitteln.

K. v. d. Steinen[82] und Koch-Grünberg[83] haben darauf hingewiesen, daß auch die Weiber unter den Indianern am Xingu und Rio Negro von den Geschlechtsteilen ganz offen, als von etwas Natürlichem reden. Ebenso ist es bei den Indianern, die ich kennen gelernt habe. Als ich nach Worten fragte, welche die allerintimsten Dinge berührten, gaben auch die Weiber, ja die jungen Mädchen, auf die allernatürlichste Weise Auskunft darüber.

Es gibt indessen Worte, die verboten sind. Solche Worte sind bei den Chorotis „ametché“, das ein Schimpfwort ist, „ictivähi“, das homosexuellen Geschlechtsverkehr bezeichnet, „huéle“, das Onanie bedeutet, und „tévi“ bei den Chanés und Chiriguanos, das dieselbe Bedeutung wie ictivähi hat. Das Unnatürliche im Geschlechtsleben ist auch hier so schändlich, daß es sich nicht paßt, darüber zu sprechen.

Es gibt auch Indianer, die niemals über solche Gegenstände sprechen wollen. So beschaffen war z. B. ein Chiriguano, den ich auf meinem ersten Ausflug den Rio Parapiti herunter mithatte. Er stellte sich sogar so, als hätte er niemals von etwas Derartigem reden hören. Als ich ihn über die Homosexualität bei seinen Landsleuten befragte, stellte er sich dumm und sagte ungefähr: „Pflegen das die Weißen zu tun?“

Unter den Indianern gibt es gleichwohl, wie auch bei uns, solche, denen es Spaß macht, obszöne Geschichten zu erzählen. Ein solcher war der alte Chané Bóyra, er, der den Schimpfnamen yúruhuasu, Großmaul, hatte. Je schlimmere Sachen er erzählte, um so mehr amüsierte sich der alte Bóyra. Zuweilen erzählte er so, daß sogar mein Freund Batirayu, der zu dolmetschen pflegte, sich richtig genierte. Der alte Chiriguano Yambási war auch einer, der alle möglichen Unanständigkeiten zu erzählen wußte.

Bóyra erzählte, wie der Fuchsgott, Aguaratunpa, und die Iguanaeidechse, Téyuhuasu, in einem homosexuellen Verhältnis zueinander standen. Bóyras Erzählung war so außerordentlich realistisch, daß ich sie hier unmöglich wiedergeben kann. Er erzählte auch, wie der Fuchs sich mit einem Waldhuhn[84] „Kése-Kése“ verheiratete, das auch ein Mann war.

Aguara (der Fuchs) kam einmal zur Hütte des Waldhuhns.

„Wie geht es dir, Bruder?“ sagte der Fuchs.

„Gut, komm, setz’ dich, Bruder“, sagte das Waldhuhn.

Der Fuchs setzte sich. Das Waldhuhn hatte viele Erdratten „angúyatúto“ aufgehängt, die es getötet hatte.

„Willst du Erdratten essen?“ sagte das Waldhuhn.

„Ja“, sagt der Fuchs und aß eine. Er verlangte dann noch eine und noch eine usw.

Schließlich bat er darum, zwei für seine Kinder mitnehmen zu dürfen. Das Waldhuhn gab sie ihm. Der Fuchs, der keine Kinder hatte, fraß auch diese auf.

„Hast du eine Frau?“ sagte der Fuchs.

„Nein, ich wohne hier mit meiner Schwester,“ sagte das Waldhuhn.

Der Fuchs ging hierauf fort. Als er zu einer Pflanze „supua“ gekommen war, hing er seinen Penis auf, nahm eine Frucht herunter und setzte sie an die Stelle, wo der Penis gesessen hatte. Die Supua sieht nämlich wie eine Vulva aus. Der Fuchs nahm dann die Tembeta heraus und verstopfte das Loch. Er kam dann an ein Haus, wo einige Frauen wohnten.

„Wollt Ihr Tiru (Frauentracht), Halskette und Haarband mit mir gegen ein Pferd tauschen?“ sagte der Fuchs.

„Wo hast du dein Pferd?“ sagten die Frauen.

„Mit dem komme ich morgen“, sagte der Fuchs. Er bekam nun Tiru, Halskette und Haarband, legte alles dies an und begab sich auf einem anderen Wege nach dem Hause des Waldhuhns. Als er dorthin kam, war niemand zu Hause. Er legte sich da in die Hängematte. Nach einer Weile kam das Waldhuhn nach Hause.

„Woher kommst du?“ sagte das Waldhuhn.

„Von meinem Vater“, antwortete der Fuchs. Der Fuchs kochte nun zwei Erdratten und aß sie auf. Dann kochte er noch zwei und aß auch diese auf. Hierauf kochte er noch zwei und aß sie auf.

Am Abend fragte der Fuchs die Schwester des Waldhuhns: „Wo willst du liegen?“ „Hier“, sagte sie.

„Dann lege ich mich neben dich“, sagte der Fuchs. Ein bißchen davon legte sich das Waldhuhn. Als die Schwester eingeschlafen war, streckte der Fuchs die Hand aus und faßte das Waldhuhn an. Dieses kam und legte sich neben den Fuchs.

„Bist du verheiratet?“ sagte das Waldhuhn.

„Nein, meine Mama hat mich nicht verheiraten wollen“, antwortete der Fuchs ...[85]

Der Fuchs schlief nun zwei Nächte bei dem Waldhuhn und wurde schwanger. Nach einiger Zeit gebar der Fuchs.

Eines Tages kamen einige Vögel dort vorbei. „Gib mir Bogen und Pfeil, ich will schießen“, sagte der Fuchs. „Du kannst wohl nicht schießen, du bist ja kein Mann“, sagte das Waldhuhn.

„Ich bin ein Mann“, sagte der Fuchs, nahm Pfeil und Bogen und ging fort. Als er zur „Supua“ kam, nahm er seinen Penis herunter und setzte ihn sich wieder an.

Man erzählte mir von einem Chanéindianer von Yacundai am Rio Parapiti, der sich in fremden Dörfern als Schmarotzer herumzutreiben pflegte. Die Indianer wurden zuletzt seiner über, und als er einmal vollständig betrunken war, schändeten ihn einige Chiriguanoindianer im Caipipendital. Er begab sich nach diesem Schimpf nach dem unteren Rio Parapiti. Als die Kenntnis von dem, was ihm in Caipipendi passiert war, dorthin gedrungen war, hängte er sich in Verzweiflung über diese Schande.

Eigentümlicherweise wird es unter diesen Indianern nicht als eine Schande betrachtet, in einem homosexuellen Verhältnis der Aktive zu sein, der Passive wird aber tief verachtet. Er wird als ein Weib betrachtet. Dies ist der Grund, warum ein Teil rücksichtslose Weiße unverbesserliche Indianer mit -- einem Klistier bestrafen. Ein so gekränkter Indianer verschwindet für immer. Man nimmt an, daß er Selbstmord begeht. Mittels „tévi“ bestraft ein Indianer seine ungetreue Frau und verläßt sie dann. Chanéknaben habe ich „tévi“ spielen sehen.

Nach Westermarck[86] ist die Homosexualität sehr verbreitet unter den Indianern Amerikas. Die Auffassung, daß dies eine Schändlichkeit ist, ist keineswegs überall so ausgeprägt, wie bei den hier erwähnten Indianern.

Über Onanie habe ich bei den Chanés und Chiriguanos nichts gehört. Sie soll dagegen bei den Chorotis von den Männern, die beim Tanz von den Frauen übergangen werden, betrieben werden.

Perversitäten im Verhältnis zwischen Männern und Frauen, die im alten Peru gewöhnlich waren, scheinen hier nicht vorzukommen. Primitive Säugetierstellung beim Koitus soll bei den Chacostämmen gewöhnlich sein.

Mataco gab mir eine Wurzel, die sie als Aphrodisiakum anwendeten.

Das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren ist in den Sagen der Indianer so intim verflochten, daß man nicht immer bestimmen kann, ob sie das eine oder das andere meinen. Die Sagen, welche die Liebesverhältnisse zwischen Menschen und Tieren schildern, sind keine Schilderungen von Bestialität, die bei diesen Indianern unbekannt zu sein scheint.

Das Schamgefühl ist bei diesen Völkern sehr verschieden entwickelt. Es scheint mir sehr stark von der Kleidertracht abzuhängen. Keiner dieser Indianer oder Indianerinnen, von denen ich hier erzähle, betrachtet es, soweit sie nicht vollständig verdorben oder zivilisiert sind, als unpassend, den Oberkörper zu zeigen. Die Chiriguano- und Chanéfrauen sind viel verschämter als die Chorotis und Ashluslays, wenn sie die Geschlechtsteile zeigen. Die letzteren wollten sich höchst ungern vollständig entkleiden, um photographiert zu werden. Den ersteren wagte ich so etwas nicht einmal vorzuschlagen.

Saß man des Abends am Feuer in der Hütte und war mit der Familie bekannt, so schienen sie gleichwohl ganz ungeniert zu sein. Die Choroti- und Ashluslaymänner sind sehr schamlos. Die Männer unter den Chanés und Chiriguanos dagegen weniger. Es ist sehr gewöhnlich, daß die Chiriguano- und Chanéfrauen, in einer Gesellschaft konversierend, stehend Wasser lassen und den Urin das Bein herunterlaufen lassen, was ja als weniger sauber gelten darf. Die Männer gehen dagegen immer abseits, um dieses Bedürfnis zu verrichten.

[Illustration: Abb. 114. Junge Chanéfrau entblößt den Oberkörper, um sich photographieren zu lassen. Rio Parapiti.]

Der Geschlechtsakt geht, wie erwähnt, bei den Ashluslays oft in Gegenwart von Zuschauern vor sich. Bei den Chorotitänzen mußte man sich in der Dunkelheit vorsehen, nicht über die liebenden Paare zu stolpern. Dergleichen sieht man niemals bei den Chiriguanos oder Chanés. Da viele in derselben Hütte liegen, sieht man gleichwohl auch bei ihnen vieles, was man immer sieht, wenn man Schlafgäste hat. Dies nicht zum wenigsten ist der Grund, daß das Geschlechtsleben selbst für die kleinen Kinder keine Geheimnisse hat.

Offenbar steigert das Zusammenleben mit den Weißen das Schamgefühl. Die Indianerinnen genieren sich sogar, die Brust zu zeigen. Die Moral sinkt in dem Maße, wie das Schamgefühl steigt.

Dies sollten alle diejenigen bedenken, die für nackte Heidenkinder Kleider nähen.

Viele meiner Leser finden vielleicht, daß dieses Kapitel nicht in meinem Buche hätte enthalten sein sollen. Es scheint mir gleichwohl richtig, etwas über die Abweichungen auf dem geschlechtlichen Gebiete zu sprechen. Es trägt zum Verständnis der Menschen, die ich hier schildere, bei. Natürlich habe ich hier nicht über all den Realismus, der bei den Gesprächen am Lagerfeuer manchmal zutage trat, sprechen können.[87]

Die natürliche Seite des Geschlechtslebens fassen die Indianer so ganz verschieden von dem, wie wir es in der Regel sehen, auf. All die Verderbnis, die in der zivilisierten Gesellschaft ist, treffen wir bei diesen Menschen nicht, verschiedenes findet sich aber schon hier. Was besonders die Homosexualität betrifft, so zeigen, wie bekannt, die Verhältnisse bei den Naturvölkern, daß die Ursache des Übels viel tiefer, als in unserer Hyperzivilisation liegt.

Fußnoten:

[82] K. v. d. Steinen: l. c. S. 25.

[83] Koch-Grünberg: l. c. Bd. I S. 133.

[84] Penelope.

[85] Als allzu realistisch ausgelassen.

[86] Westermarck: Ursprung und Entwickelung der Moralbegriffe. Bd. II. Leipzig 1909.

[87] Wenn unsere täglichen Zeitungen, die wohl für die Öffentlichkeit bestimmt sind, über alles mögliche schreiben, so braucht man ja in einer Reiseschilderung nicht allzu prüde zu sein.

+Vierzehntes Kapitel.+

=Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer= (Forts.).

Häuptlinge und Gesetze.

Die Häuptlinge bei den Chanés und Chiriguanos haben eine ganz andere Stellung als bei den Ashluslays und Chorotis. Sie haben eine bedeutende Macht. Unter den Häuptlingen finden sich die großen Häuptlinge, die über mehrere Dörfer herrschen, und die Dorfhäuptlinge, die nur über ein Dorf oder einen Teil eines solchen gebieten. Von großen Häuptlingen, die ich kennen gelernt habe, sind bemerkenswert die alte Vuáyruyi, die Häuptling über die Chanédörfer am Rio Itiyuro ist, Taruiri, der über den größeren Teil des Caipipenditales herrscht, Mandepora (Abb. 111), der früher eine bedeutende Macht in und um Machareti hatte, und Maringay im Iguembetal.

Jetzt haben die Häuptlinge keine anderen Zeichen ihrer Würde, als silberbeschlagene Stöcke. Nach Corrado trugen sie früher einen großen Haarbüschel auf dem Kopfe, „yattira“, sowie grüne Steine, die an den Ohren hingen. Bei den Festen und Tänzen hatten sie das Recht, die „yandugua“, eine mit einem Bündel Straußenfedern geschmückte Stange, und „iguirape“, einen mit eigentümlichen Figuren geschnitzten Stab, anzuwenden. Von diesen habe ich nur eine Yandugua erwerben können. Die übrigen habe ich nicht einmal gesehen.

Die Häuptlingswürde scheint in der Regel erblich zu sein. Doch sind Tüchtigkeit und die Kunst, seine Worte wohl zu setzen, erforderlich.

Vocapoy hat mir seinen Stammbaum mitgeteilt, den ich hier wiedergebe, da er sehr lehrreich ist, und ich zu glauben wage, daß es den Leser interessieren kann, einen indianischen Stammbaum zu studieren.

+Vocapoys Stammbaum.+

X. | +----------------------------+ | | Hinu Parava Basavi Oberhäuptling | | | | Chucúri Tupáre | Dorfhäuptling Dorfhäuptling +--------------------------------------------------------------------+ | | Chori Chápacu Húracay Huáyupa Kótchoy Vuáyruyi (Frau) † jung † jung | † Oberhäuptling † Ober- Oberhäuptling | kinderlos häuptling | | | | ein Sohn, starb | Copoy, wird nach vor dem Vater | Vocapoy Häuptling +-----------------------------------+----+ | | Vocapoy Huacápi Mátya Yaumainti Regent infolge des hohen Alters Vuáyruyis | Vuráve

Wir finden somit, daß der eigentliche Häuptling am Rio Itiyuro eine Frau ist. Ich habe die alte Vuáyruyi besucht. Sie empfing mich, in ihrer Hängematte liegend, mit großer Würde. Da die Frau alt und schwach ist, regiert Vocapoy und sucht, so gut wie er kann, die Seinen gegen die Weißen zu schützen, die ihr Land vollständig in Beschlag genommen haben. Ich fragte Vocapoy, warum Vuáyruyi, als Frau Häuptling geworden ist. „Ihr Vater Hinu Parawa hat sie sprechen gelehrt“, sagte Vocapoy. Es wird somit von diesen Indianern, um regieren zu können, als höchst wichtig betrachtet, die Sprache in seiner Gewalt zu haben. Diese Menschen können die Klugheit höher schätzen, als die Stärke. Niemand wird Häuptling, wenn er nicht ein älterer Mann ist. Der Mann der Vuáyruyi war nicht Häuptling, sondern nur „Prinzgemahl“. Die Dorfhäuptlinge gehören ebenfalls dem Geschlechte Hinu Paravas an.

Taruiri ist auch nicht der richtige Häuptling, sondern vertritt einen jüngeren Verwandten, der infolge seiner beständigen Betrunkenheit als untauglich betrachtet wird. Taruiri herrscht im Caipipendital, wo sein Gebiet noch frei ist, von den Weißen aber wohl bald usurpiert werden wird. In Ivu ist ein Chiriguanohäuptling, der auch Medizinmann ist. Dies ist das einzige Beispiel von Theokratie, das ich kennen gelernt habe.

Die Häuptlingsfamilien bilden unter den Chiriguanos und Chanés eine Art Aristokratie. Mehrmals habe ich Indianer sich mit ihren feinen Familienverbindungen großtun hören. Ein Chiriguano, der mich eine längere Zeit als Dolmetscher begleitete, war eifrigst bemüht, mir einzuprägen, daß er mit den bekanntesten Oberhäuptlingen verwandt war.

Wie der Verfasser dieses Buches als Sohn von Adolf Nordenskiöld vorgestellt zu werden pflegt, so pflegten die Indianer in ähnlicher Weise die Söhne ihrer „großen Männer“ vorzustellen.

Ich bin sogar hinter ein bißchen Betrügerei mit dem Stammbaum gekommen. Ein Chané behauptete, direkt von dem großen Hinu Parava herzustammen, was aber nicht wahr sein soll.

Will man bei diesen Indianern hübsche Sachen aus alten Zeiten finden, so hat man sie zuerst bei den Häuptlingsfamilien zu suchen. Sie bewahren die alten Kleinodien.

Immer mehr beginnen die weißen Behörden die Häuptlinge zu ernennen. Man kann also in einer Gegend einen von den Weißen gestützten Häuptling und einen legitimen finden.

Die Häuptlinge haben eine große Macht, und man gehorcht ihnen, im Gegensatz zu dem, was bei den Chorotis und Ashluslays der Fall war, soweit ich gesehen habe, immer. Sie besitzen den Boden (wenigstens in gewissen Gegenden), aber nicht für eigene Rechnung, sondern für den Stamm. Braucht man in einem Chané- oder Chiriguanodorf Träger, so erhält man sie von dem Häuptling, und kein Indianer weigert sich, die Befehle des Häuptlings auszuführen.

Obschon der Häuptling einen so großen Einfluß hat, arbeitet er doch in derselben Weise, wie die übrigen Indianer. Vocapoy z. B. trug selbst das schwere Holz zum Maisbierkochen nach Hause, und seine Frau mußte kochen und fegen, wie die anderen Frauen. Dem Beispiele der Weißen folgend, haben jedoch jetzt einige der zivilisiertesten und reichsten Indianer, wie Taco, Diener aus ihrem eigenen Stamme, aber dies ist nicht das Ursprüngliche. Dagegen ist es, wie ich an anderer Stelle schon erwähnt habe, nichts Ungewöhnliches, daß die Mataco-Vejos und die Tapiete für die Chiriguanos und Chanés arbeiten.

Als wir im Dorfe Vocapoys von der Jagd heimkehrten und mit dem Häuptling unsere Beute teilten, nahm seine Frau alles an, ging aber dann in den Häusern herum und gab den Nachbarn alles, was sie erhalten hatte.

Man kann hier nicht von reich und arm in demselben Dorfe sprechen, obschon auch der Anfang zu einem Adelsstand vorhanden ist. Dagegen gibt es arme und reiche Dörfer. Einzelne verhältnismäßig reiche Indianer gibt es, diese leben aber, wie Taco, wie die Weißen.

[Illustration: Abb. 115. Kalebasse. Chiriguano. Itapenbia. ⅙.]

Der Häuptling ist Richter und war früher Heerführer.

Vocapoy sagte mir, Totschlag werde in der Weise bestraft, daß der Totschläger dazu verurteilt wird, bis zu einem halben Jahre für die Familie des Getöteten zu arbeiten. Ein Dieb bekommt bis zu fünfzig Rutenschläge und wird, um nicht getötet zu werden, nach einem anderen Dorf geschickt. Nach Vocapoy ist es die Hauptaufgabe des Häuptlings, Blutrache zu verhindern, indem man die Verbrecher fortschickt, damit sie nicht gemordet werden. Vater-, Mutter- und Kindesmord sind, seiner Behauptung nach, in seiner Gegend unbekannt.