Chapter 9 of 20 · 3998 words · ~20 min read

Part 9

Meine Tauschwaren wurden durch den Handel der Indianer untereinander weit umher verbreitet. In einem Chorotidorf hatte ich mehrere bunte Hemden in den Tausch gegeben. Als ich einige Tage später den Fluß weiter herunter kam, waren meine grelleuchtenden Hemden das erste, was ich in den Dörfern sah. Sie hatten schon den Eigentümer gewechselt. In den Ashluslaydörfern war es nichts Ungewöhnliches, daß ein Indianer hunderte große Nähnadeln durch Tausch an sich brachte, und höchstwahrscheinlich werden sie von diesen Grossisten in Nähnadeln als Tauschwaren für im Inneren des Chaco wohnende Indianer angewendet.

Ein anderer Handel ist der mit Pferden, Schafen usw. Zuweilen sind diese Pferde gestohlen, und hat ein solches gestohlenes Pferd mehrere Male den Besitzer gewechselt, so haben die Weißen große Schwierigkeit, es zurückzubekommen. Die Indianer verstehen das Unrechte, zu stehlen, aber nicht das, gestohlene Waren zu kaufen.

Dieser Handel zwischen den Stämmen ist natürlich für die Vermittlung von allerlei Kultureinflüssen von großer Bedeutung. Für den Ethnographen ist er sehr zum Ärger, da er den umbildenden Einfluß der Weißen auf Indianer, die in keiner direkten Verbindung mit irgend welchen Fremden gestanden haben, vermittelt.

Von Interesse ist es zu beobachten, wie die Indianer beim Tauschhandel ihre Habseligkeiten taxieren. Am teuersten sind z. B. bei den Chorotis die Halsketten, die Mäntel, die sehr großen Caraguatátaschen, die Netze, Kalebassen und die Urukufarbe. Die Chorotis und die Ashluslays haben die ganz natürliche Auffassung, daß das, was ihnen die meiste Arbeit macht, durch die gesuchtesten Tauschwaren, wie Zeuge, Messer u. dgl., ersetzt werden muß. Für die Halsketten bezahlen sie selbst Schafe, und diese schätzen sie sehr hoch. Daß sie den wirklichen Wert der ihnen angebotenen Tauschwaren nicht kennen, ist natürlich. Hatte ich irgend welche Gegenstände nach Ansicht der Indianer zu hoch bezahlt, so verbreitete sich sofort das Gerücht davon und mir wurden überall solche angeboten. Eine Herabsetzung des Preises für einen Gegenstand, weil der Vorrat groß war, war für die Indianer unbegreiflich und deshalb schwer. Beinahe unmöglich war es, gewisse Gegenstände einzutauschen, die sie für unentbehrlich hielten. Sehr große Caraguatátaschen gaben sie deshalb, falls sie nicht mehrere Exemplare davon hatten, nicht her, weil sie dieselben notwendig zum Einsammeln wilder Früchte gebrauchten.

Außer im El Gran Chaco, hat man in Bolivia nicht häufig Gelegenheit, den Handel zwischen den Stämmen zu studieren. In den übrigen Teilen von Ostbolivia gibt es zwar noch äußerst primitive Indianer, diese sind aber beinahe überall nach den unzugänglichsten Wäldern hingedrängt und die verschiedenen Stämme wohnen isoliert voneinander.

Besuch in fremden Dörfern.

Leben zwei Stämme auf freundschaftlichem Fuße miteinander, so besucht sich die Jugend oft und tanzt auf den Tanzbahnen der anderen. Manche Nacht bin ich auf einem Tanzplatz gewesen, wo sich sowohl die Choroti- als die Ashluslayjugend zu versammeln pflegte. Niemals hörte ich einen Zank zwischen der Jugend der verschiedenen Stämme, noch weniger war ich Zeuge irgend einer Schlägerei. Die Mädchen der verschiedenen Stämme sollen sich jedoch zuweilen gründlich prügeln.

Kommt ein Indianer nach einem fremden Dorf, so erfordert es die Höflichkeit, daß er die ganze Nacht über zum Takt einer Kalebaßklapper singt. Bei solcher Gelegenheit wurde folgendes Chorotilied gesungen:

anám, anám, ta ayén skíales, átashlé ayén sikiáles, lám sis, hähuin néo húäsis, ta lám sis yám, po hayéne sítyusis, sis, hälea húäsis, nä lámes.

Das bedeutet ungefähr: Ich bin gekommen, ich bin gekommen, um meine Brüder zu sehen. Ich bin von weither gekommen, um meine Kinder zu sehen. Nun geht es ihnen gut. Sie werden nicht die Feinde sehen. Jetzt geht es ihnen gut, zusammen mit mir. Ich bin gekommen, um meine Brüder zu sehen. Die Feinde werden sie nicht töten. Jetzt geht es ihnen gut.

Mein Dolmetscher, der die Sitten und Gebräuche der Indianer kannte, sang auch die ganze erste Nacht, die wir im Dorf des Ashluslayhäuptlings Toné waren, diesen Gesang. Auf solche Aufmerksamkeit von den Weißen legen die Indianer Wert. Das halten sie für gute Lebensart.

Das Verhältnis zu den Weißen.

Alle längs des Rio Pilcomayo lebenden Chorotis stehen seit einigen Jahren mit den ihr ganzes Gebiet bewohnenden Weißen in lebhafter Berührung. Einige Meilen vom Fluß entfernt leben sie jedoch vollständig unabhängig, und die Gegenden, die sie dort bewohnen, sind unerforscht. Die Ashluslays wurden erst 1883 von Campos entdeckt und dann von Trigo 1906 sowie später von Herrmann besucht. Innerhalb ihres eigentlichen Gebietes am Flusse liegt jetzt ein bolivianischer Militärposten. Als der erste Weiße habe ich einen Teil ihres Hinterlandes besucht, das nach allen Wegen, die ich auf meinem Ausfluge sah (s. die Karte), und aus den Auskünften, die ich von den Indianern erhalten habe, sehr umfangreich sein muß.

In Bolivia habe ich die Indianer niemals von den Weißen so gut behandelt gesehen, als am Rio Pilcomayo. Das ist das Verdienst einer Person, und zwar des Dr. L. Trigo, eines Mannes, der es verstanden hat, sich die Sympathien der Indianer wie der Indianerinnen zu erwerben, der sie immer als Freunde und Kameraden behandelt hat, der nicht als hoher Gouverneur, sondern als ein warmherziger und feingebildeter, verstehender Mensch aufgetreten ist.

Dr. Trigo hat sie manchmal bestraft, denn wenn der weiße Mann in das Gebiet der Indianer eindringt, muß es zu Konflikten kommen, noch öfter hat er sie aber, trotz der energischen Aufforderungen der weißen Kolonisten zu einer exemplarischen Bestrafung, unbestraft gelassen.

Trigo hat mit Tabak, Decken, bunten Zeugen u. dgl. ein großes Gebiet im Chaco erobert. Pulver und Blei hat er nur im äußersten Notfall angewendet.

Kommt ein Fremder in ein Indianerdorf, so dauert es einige Zeit, bis die Indianer ihren wirklichen Charakter zeigen. Im Anfang erscheinen sie verschlossener, als sie es in Wirklichkeit sind. Sind Neugier und Argwohn vorüber, so sind die Indianer wieder sie selbst. Im Dorfe ertönt den ganzen Tag über heiterer Scherz, man spielt, tanzt und vergnügt sich.

[Illustration: Tafel 14. Ashluslayfischer gehen über den Rio Pilcomayo.]

Manchmal können die Indianer in ihren Freudenausbrüchen ganz ausgelassen und wild sein. So erinnere ich mich einer Nacht im Dorfe des Chorotihäuptlings Waldhuhn. Bemalt und nackt, mit Federn und Halsketten geschmückt, tanzte ich mit meinen Freunden, während der zweitälteste Sohn des Häuptlings die Rolle des „Elle“ in Stanleyhelm, Brille und Mantel spielte und überall Tabak verteilte. Die Indianer krümmten sich vor Lachen. Wir amüsierten uns diese Nacht und viele andere ebenfalls.

Die Indianer sind sehr leicht beleidigt, handelt es sich aber um Kleinigkeiten, so verschwindet der Unwille schnell. Schwer zu beurteilen ist, ob sie in Ernstfällen nachtragend sind, aber ich glaube es beinahe. Sie sind sehr eingebildet. Eine kleine Schmeichelei nehmen sie in der Regel gut, eine Bemerkung sehr übel auf. Als ich z. B. zu einem Chorotimädchen einmal sagte, das Ausreißen der Augenhaare habe sie sehr häßlich gemacht, war sie mir sehr böse. Eine Höflichkeit über einen kleidsamen Federschmuck oder derartiges nehmen die Chorotis sehr wohl auf. Eine gute Art, die Chorotimädchen zu ärgern, ist, wenn man ihnen erzählt, wie viele hübsche Mädchen man bei den Ashluslays sieht.

Den Versprechungen der Indianer kann man wenig trauen. Den einen Tag versprechen sie z. B. auf einer Exkursion mitzufolgen, am anderen brechen sie das Übereinkommen ungeniert.

In der Regel schienen mir besonders die Chorotis sehr undankbar. So hatte ich z. B. einmal einen Choroti mehrere Tage zu Gaste in meinem Lager und bewirtete ihn reichlich. Kurz darauf kam ich zu Besuch in sein Dorf. Der Indianer war auf dem Fischfang. Als er mit Fischen beladen nach Hause kam, glaubte ich, er würde mir einen Fisch schenken, ich täuschte mich aber gewaltig. Ich bekam nichts. Statt dessen forderte er Tabak und einen Hut von mir.

Ähnliches habe ich mehrmals erlebt und ich wurde zuweilen dadurch verstimmt. Dies war dumm von mir. Ich hätte verstehen müssen, daß ein Mann, der ein paar mit Zeugen, Messern, Nadeln, Glasperlen usw. beladene Maulesel besitzt, vom Gesichtspunkt der Indianer aus so kolossal reich ist, daß er von den armen Indianern keine Gaben fordern darf.

Unter sich sind sie ja so freigebig, daß sie verschenken, was sie selbst gebrauchen könnten. Wie oft kam es vor, daß ein hungriger Indianer, dem ich einen Teller Essen angeboten hatte, diesen mit allen teilte und selbst nichts bekam. Die von den Weißen unberührten Ashluslays waren viel gastfreier als die Chorotis und schenkten mir beständig Fische, Mais, Algarrobo u. a.

Wenn wir in ein niemals von Weißen besuchtes Ashluslaydorf kamen, forderten die Indianer keine Geschenke. Anders ist es leider in den Dörfern, in denen die Indianer in die Fabriken in Argentinien zu gehen pflegen. Sie halten es ganz einfach für selbstverständlich, daß man ihnen wenigstens Tabak gibt. Es scheint mir beinahe, als betrachten die Indianer in gewissen Gegenden die Tabakverteilung als eine Steuer, die der durchziehende Weiße zu entrichten verpflichtet ist.

Von den Weißen werden die Indianer der Unehrlichkeit beschuldigt. Es läßt sich auch nicht leugnen, daß sie Vieh stehlen und daß die Ashluslays sich vor einigen Jahren durch Diebstahl achtzig Pferde zugelegt haben, daß sie einen Teil des Maises, den die Kolonisten säen, ernten usw.

Meine Erfahrung ist jedoch die, daß die Indianer recht ehrlich sind. Von seinen Freunden stiehlt man nämlich nicht. Es geschah wohl zuweilen, daß jemand z. B. meine Hosen, meinen Stanleyhelm oder meine Stiefel ohne Erlaubnis lieh, dies geschah aber nur, um ein Weilchen damit herumzustolzieren, nicht um zu stehlen.

Sicher beschuldigen die Weißen die Indianer auch solcher Diebstähle, die sie unter sich begehen. So war ich einmal in einem kleinen Kolonistenhof am Rio Pilcomayo. Der Besitzer war krank geworden und verreist. Zufällig sah ich, wie die weißen Diener in seine Vorratskammer gingen und Zucker, Konserven und Zeug stahlen. Ein junger Chorotiindianer wurde aufgefordert, den Raub zu teilen. Mit einem verächtlichen Lächeln verließ er sie.

[Illustration: Abb. 73. Ashluslayfischer. Rio Pilcomayo.]

Als der Diebstahl entdeckt wurde, hatte natürlich das verdammte indianische Pack oder richtiger „esos indios c--s“ seine Hand dabei gehabt.

Daß die Indianer zuweilen eine Kuh stehlen und schlachten, wenn der Magen leer ist, ist nicht zu verwundern. Das würde unter ähnlichen Umständen ein Weißer auch tun.

Die Weißen nehmen den Indianern das Land stückweise ab, zwingen sie weit ab vom Flusse, wo kein Vieh in der Nähe ist, zu bauen, ohne den Indianern Arbeit zu geben. Wenn die Indianer ihr Land an die Weißen verlieren, so ist es recht und billig, daß diese ihnen so viel Arbeit geben, daß sie genügend für Essen, Werkzeuge, Kleider usw. verdienen können, denn einmal in Berührung mit der Zivilisation der Weißen, bekommen die Indianer neue Ansprüche an das Leben.

Zu meiner Ehrlichkeit hatten die Indianer ein sehr großes Vertrauen. So pflegten, als ich einige Tage mich bei dem Militärposten in Guachalla aufhielt, die Ashluslays, und darunter viele, die ich kaum kannte, ihre Habe mir in Verwahrung zu geben. Dieses Vertrauen teilte ich nur mit dem Dolmetscher Manuel Flores und mit Dr. Trigo.

Trotz ihrer Fehler sind mir die Choroti- und Ashluslayindianer sehr sympathisch. Ihre Unzuverlässigkeit, Undankbarkeit und Lügenhaftigkeit schreibe ich zum großen Teil den Weißen zu, denn diese häßlichen Seiten scheinen nur meistens bei der Berührung mit den Eindringlingen hervorzutreten.

Solche generellen Urteile, wie ich sie hier über den Charakter einer großen Menge Menschen fälle, sind natürlich immer etwas schwebend. Es gilt hier, wie bei den zivilisierten Menschen, daß die Individuen so verschieden sind. Der eine ist still und verschlossen, der andere geht lachend durchs Leben. Der eine ist äußerst eitel, dem anderen liegt nichts daran, sich geltend zu machen. Am liebsten möchte ich jedes Individuum, das ich näher kennen gelernt habe, besonders schildern, in der Regel war ich aber allzu kurze Zeit mit ihnen zusammen, um mich auf die Individualpsychologie einzulassen.

[Illustration: Tafel 15. Ashluslayfrau auf der Wanderung. Das Pferd ist von den Weißen gestohlen.]

Außerordentlich glücklich wäre es, wenn Dr. Trigos kluge Indianerpolitik im Chaco fortgesetzt würde. Die Indianer brauchen keine Schutzgesetze, sondern warmherzige und energische Männer, die die Gerechtigkeit mit Klugheit und Geduld, vor allem Geduld, handhaben.

Zuletzt ein paar Mutmaßungen. Dr. Trigo schätzt die Zahl der Chorotis auf etwa 4000. Ich glaube nicht, daß diese Zahl stark übertrieben ist, wenn man berechnet, daß zahlreiche Chorotis im Innern des nördlichen Chaco leben.

Wie viel Ashluslays gibt es? Moberg und der Verfasser sind in einundzwanzig Dörfern gewesen, von denen mehrere sehr volkreich waren. Berechnen wir, daß jedes Dorf durchschnittlich 200 Einwohner hat, so erhalten wir 4200 Indianer. Wahrscheinlich gibt es mindestens ebenso viele Dörfer, die wir nicht besucht haben. Ein ganzer Teil soll sich im Innern des Chaco befinden. Es würde mich deshalb nicht wundern, wenn der Ashluslaystamm nahezu 10000 Individuen zählte. Das ist natürlich nur eine Annahme. Aus der Karte sieht man jedoch, daß dieser Stamm eine große Verbreitung hat.

Ich verlasse nun die Chorotis und Ashluslays. In den Fachzeitschriften werde ich auf ihre Kunst und Industrie, die ich hier nur flüchtig berührt habe, zurückkommen.

In meinen Schilderungen ist nicht viel von der Poesie des letzten Mohikaners, ich beschreibe hier nicht die Helden der Indianerbücher, sondern ganz einfach gewöhnliche Menschen. Die Jüngsten lieben das Spiel, die Jungen die Liebe, die Alten Essen, Trinken und Tabak. Sie kämpfen, wie andere, ihren Kampf ums Dasein, und dieser Kampf ist sicher oft hart. Besser als wir verstehen sie es, zusammenzuhalten, einander zu helfen. Deshalb liebe ich sie -- und ich wäre froh, wenn auch der Leser etwas Sympathie für sie bekommen hätte.

Fußnoten:

[45] Campos, Expedition Boliviana de 1883. Buenos Aires-La Plata 1888.

[46] Boggiani, Compendió de Etnografia Paraguaya moderna. Revista del Inst. Paraguayo. 1900.

[47] Domenico del Campana: Notizie intorno ai Ciriguani. Arch. per L’Anthr. e la Etn. Firenze 1902. S. 61.

+Neuntes Kapitel.+

Das Land der Chané- und Chiriguanoindianer.

Wie ich ein Bild des Lebens der Choroti- und Ashluslayindianer zu geben versucht habe, will ich auch die Chané- und Chiriguanoindianer und meine verschiedenen Besuche bei ihnen zu schildern versuchen. Diese Indianer stehen bedeutend höher als die „Wilden“ des Chaco. Sie leben zum allergrößten Teil in Abhängigkeit von den Weißen, und ihre alte eigenartige Kultur verschwindet immer mehr.

Die Chiriguanos sind auch jetzt zu einem ganz bedeutenden Teil Christen. Seit über 300 Jahren haben zuerst die Jesuiten und dann die Franziskaner sie mit wechselndem Erfolg zu dem alleinseligmachenden christlichen Glauben zu bekehren versucht. Bei den Chiriguanos befinden sich auch jetzt noch mehrere Missionsstationen, bei den Chanés dagegen keine.

In den Chanés und Chiriguanos lernen wir Menschen mit einer höheren Kultur kennen, Menschen, die von den Indianern, von denen wir in den vorigen Kapiteln gelesen haben, vollständig verschieden sind. Vergleiche zwischen den beiden Kulturtypen, die wir im Chaco antreffen, sind natürlich von Interesse.

Was den Leser vielleicht am meisten wundert, ist der Umstand, daß beide primitive Kulturen nebeneinander bestehen können und sicher jahrhundertelang bestanden haben, ohne ineinander zu verschmelzen, ja ohne voneinander zu lernen, und dies, obschon hier keine natürlichen Grenzen vorhanden sind.

Im Mai 1908 besuchte ich, wie gesagt, den Chanéhäuptling Vocapoy am Rio Itiyuro in Argentinien nahe der bolivianischen Grenze. Dies ist einer der Flüsse, der vergebens den Wildnissen des Chaco zu entrinnen sucht. Er entspringt den äußersten, urwaldbestandenen Quellen der Anden und verschwindet in den Trockenwäldern des Chaco.

Vocapoy lag im Streit mit den Weißen, die sein Land usurpiert hatten und seine Auffassung, daß sie nur seine Pächter seien, nicht gelten lassen wollten. Er bat mich um Rat, wie er die Weißen dazu bewegen könne, das Recht der Indianer an dem Land anzuerkennen. Ich riet ihm, sich an den großen Häuptling der Weißen, den Präsident der Republik, zu wenden, und nahm Stellung als Feldmesser der Indianer an. Ich streifte mit den Indianern durch ihr Gebiet und zeichnete eine kleine Skizze, die Vocapoy mit zum Präsidenten nehmen sollte. Die Indianer hießen meine Skizze nicht gut, sondern zeichneten selbst eine Karte von dem Lande.

[Illustration: Abb. 74. Vocapoys Dorf am Rio Itiyuro.]

Leider weiß ich nicht, ob Vocapoy die lange Reise nach dem Dorfe des großen Häuptlings vorgenommen hat, ich erwarb mir aber durch die Feldmessung das Vertrauen der Indianer.

[Illustration: Abb. 75. Chanéindianer. Rio Itiyuro.]

Als ich Ende Juli 1908 die Chorotis und Ashluslays verließ, begab ich mich über Yacuiba nach San Francisco am Rio Pilcomayo. San Francisco war eine Missionsstation, die die Franziskaner unter den Chiriguanos gehabt hatten, die aber jetzt eingezogen ist. Nicht weit davon wohnen die Tapieteindianer, bei denen ich im August 1908 eine Woche zubrachte.

[Illustration: Abb. 76. Chanéindianer. Rio Papapiti.]

In Tihuïpa eröffnete ich einige Tage lang ein richtiges kleines Materialwarengeschäft. Indianer und Indianerinnen, besonders die letzteren, drängten sich um den Ladentisch. Es war ein eigentümlicher Laden. Kam eine Indianerin mit Geld dorthin, um zu kaufen, wurde sie vom Ladendiener höflich abgewiesen, kam sie dagegen mit einem hübschen alten Tongefäß, so wurde sie die glückliche Besitzerin von Korallen, feuerroten Bändern, Ohrringen mit wirklichen „Diamanten“, Ringen mit „Saphiren“ oder von anderem Wackeren, womit sie dann beim nächsten Trinkgelage prahlen konnte.

In diesen Missionsstationen befinden sich immer zwei Dörfer, eins für die Heiden, eins für die Christen. Ich für meine Person fühlte mich immer in dem ersteren am wohlsten, und dies nicht allein deswegen, weil dort mehr hübsche, alte Gegenstände zu sammeln waren, sondern auch, weil man dort in seinem Benehmen freundlicher, taktvoller und feiner war. Die Missionskinder waren zudringlich und frech.

Bei Machareti ist eine große Talmulde, in welcher ein kleiner Bach fließt, der nach einem heftigen tropischen Regen wahrscheinlich zu einem brausenden Fluß anschwillt und sich in den Wildnissen des Chaco verliert. Ganz nahe der Mission verläßt er die hübsch zerschnittenen Berge, wo überall in den Rissen der Klippen kleine Petroleumquellen hervorsickern. Er fließt dann durch eine Hügellandschaft, die allmählich in das gewaltige Flachgebiet des Chaco übergeht. Die Vegetation in diesen Gegenden ist keine sehr üppige. Der Wald, wenn solcher vorhanden ist, ist dünn, niedrig, strauchig und einförmig. Die Felder scheinen reiche Ernten zu geben, die Dürre selten zu groß zu sein. Oft werden diese Gegenden von gewaltigen Heuschreckenschwärmen verheert. Wie große, rotbraune Wolken habe ich diese schädlichen Tiere die Wälder bedecken gesehen.

Von Machareti gingen wir über Itatiqui, einem ganz interessanten Chiriguanodorf in einer wasserarmen Gegend, nach dem Rio Parapiti.

Dieser kommt von Pomabamba und Sauzes, von den Gebirgen der Quichuaindianer. Wenn er diese verläßt, ist er in der Regenzeit ein brausender, seine Ufer überschwemmender Strom. In der Trockenzeit führt er wenig Wasser. Auch der Rio Parapiti endet im Chaco. Während der Regenzeit verliert er sich in den Morästen, in der Trockenzeit verschwindet er in dem feinen Sand. Wenn der Rio Parapiti auf den Karten als südlichster Nebenfluß des Amazonenstromes stolziert, so ist dies also nur eine leere Prahlerei von ihm. Die Wälder längs des Rio Parapiti bestehen meistens aus Büschen und niedrigen, feinblättrigen Bäumen, Caraguatá und Kakteen.

In der Trockenzeit häuft der Wind große Dünen längs der Ufer des Flusses auf. Nachdem er die Berge verlassen hat, erhält er keinen Nebenarm. Der Rio Parapiti ist sehr breit, aber niemals tief. Während der trockensten Zeit ist sein Bett in eine Sandwüste verwandelt, wo der Wind mit dem feinen Flußsand spielt. Stürmt es, so wird der Sand über den Flußboden gepeitscht. Will man an einem solchen Tag herüber, so macht man sich vielleicht die Füße nicht naß, muß aber seine Augen hüten.

Der Rio Parapiti ist fischreich, die Fische sind aber winzig klein. Die Ufer sind recht fruchtbar, da sie aber während der Regenzeit überschwemmt werden, gehen die Ernten leicht verloren. In der Trockenzeit wird oft alles durch die brennende Dürre verzehrt. Auch die Heuschrecken hausieren in diesen Gegenden und hinterlassen in ihren eigenen unappetitlichen Körpern einen schlechten Ersatz für das, was sie zerstört haben.

Am Rio Parapiti wohnen ganz hoch oben am Gebirge die Quichuaindianer, dann kommen die Chiriguanos, hierauf nahe dem Flusse die Tapietes, auch Yanayguas genannt, danach die Chanés und zuletzt in den unbekannten Wildnissen die Tsirakuaindianer.

Mein erster Besuch am Rio Parapiti galt dem Padre Carmelo, der dort eine kleine Missionsstation unter den Chiriguanos hatte. Diesen Mönch habe ich sehr lieb gewonnen, er hatte eine so vertraueneinflößende Freundlichkeit. Er gehört zu den Missionaren, die hier erforderlich sind, Menschen, die sich für andere aufopfern wollen und können, die allen eine gleich große Freundschaft erweisen.

Ich setzte nun längs des Rio Parapiti nach Isiporenda, am Nordufer des Flusses, fort. Gegenüber Isiporenda wohnen die Tapietes. Einen Besuch, den ich bei ihnen machte, will ich später schildern.

Bei Isiporenda traf ich den ersten Chané oder, wie sie hier genannt werden, Tapuy. Ich besuchte dann den größten Teil ihrer Dörfer. Besonders machte ich mit einigen ihrer Sagenerzähler Bekanntschaft, von denen Batirayu, der Neffe des letzten großen Häuptlings Aringuis, mein guter Freund wurde.

Vom unteren Rio Parapiti begab ich mich über Charagua, einem beinahe ausschließlich von Weißen bewohnten Dorf, nach dem Caipipendital, wo ich mich bei dem Chiriguanohäuptling Taruiri aufhielt.

Man kann sich wundern, daß ein Mensch in diesem wälderlosen Tale, wo man nur ein salziges, schmutziges Wasser findet, wohnen will, im Caipipendital braucht man aber kein Wasser zu trinken, denn dort gibt der Mais herrliche Ernten und dort herrscht niemals Mangel an Maisbier. Die Bewohner des Caipipenditals sind reich, und herrscht in anderen Gegenden Not, so kommen die Indianer von weither zu diesen Stammverwandten, um ihre Kostbarkeiten gegen Mais einzutauschen.

Es ist auch für Sammler ein herrliches Tal. Silberne Schmucksachen, silberne Schalen, fein geschnitzte Musikinstrumente und viele andere Seltenheiten fanden wir in diesem Paradies des Ethnographen. Steinäxte, Ruinen, Grabfelder von verschiedenen Völkern beweisen, daß das Caipipendital lange von den Indianern hoch geschätzt war.

Tief hat das Wasser sich in dieses Tal eingeschnitten. In der Regenzeit regnet es wohl auch dort.

Von Caipipendi kehrte ich über die Berge durch ein seiner heißen Quellen und seiner Schönheit wegen berühmtes Tal nach Charagua zurück, um dann längs der Anden in der Richtung nach Santa Cruz de la Sierra fortzusetzen.

Es war im Oktober 1908. Nicht ganz ein Jahr später, im Juli 1909, besuchte ich, nach umfassenden Flußfahrten weit hinten an der Grenze Brasiliens, den Chaco wieder. In einem anderen Buche werde ich diese Fahrten auf großen, schiffbaren Flüssen und durch Urwälder, deren üppiges Grün überwältigt, schildern.

Von Santa Cruz de la Sierra kam ich, wie gesagt, im Juli 1909 nach dem Chaco zurück. Ich reiste nun zuerst über den Rio Grande nach dem Rio Parapiti, um vor allem meinen Freund Batirayu zu besuchen.

Der Rio Grande ist der südlichste Nebenfluß des Amazonenstromes. Er kommt von den höchsten Bergen der Anden und fließt bei Sucre vorüber, welche Stadt lange der Stadt La Paz den Rang als Hauptstadt Bolivias streitig gemacht hat. Wenn er aus dem Gebirge tritt, ist er ein brausender, mächtiger Fluß. Weiter unten hat er einen höchst unbeständigen, sehr wenig bekannten Lauf. Nördlich von Santa Cruz de la Sierra nimmt der Rio Grande den Rio Piray auf und vereinigt sich schließlich mit dem Rio Mamoré. Einige Chiriguanos wohnen an diesem Fluß, auch wilde Tsirakuas und Sirionos streifen in den Urwäldern an demselben umher.

Zwischen dem Rio Grande und dem Rio Parapiti ist ein höchst wasserarmes, zum großen Teil mit vollständig undurchdringlichem Gestrüpp und niedrigem Buschwald voller Caraguatá und Kakteen bedecktes Gebiet. Diese einförmige, düstere Vegetation wird hier und da durch Hügel und Grasebenen unterbrochen.

Außer den wilden Tsirakuaindianern, die diese Dickichte unsicher machen, findet man hier eine andere Merkwürdigkeit, nämlich den Guanako (auchenia). Es ist ganz sonderbar, ein Tier wie den Guanako, den man sich nur im Zusammenhang mit den kalten Hochebenen der Anden oder den oft unter Frost leidenden Pampas von Patagonien denken kann, in diesen oft von der Dürre verbrannten Gebüschen zu finden. Es wäre interessant, bestimmen zu können, ob dieser Guanako des tropischen Urwaldes wirklich derselbe ist, den man von kälteren Gegenden her kennt. Intelligente Weiße, mit denen ich hierüber gesprochen habe und die beide gesehen haben, halten sie gleichwohl für dieselbe Art.

Nach dem Rio Parapiti zurückgekommen, suchte ich Batirayu auf, mit dem ich schon 1908 intim bekannt wurde und der auch ein ausgezeichnetes Spanisch spricht.

Keinem Indianer, den ich kennen gelernt habe, bin ich so nahe gekommen, wie Batirayu. Er verstand, daß ich die alten Erinnerungszeichen aus Interesse für seinen Stamm sammele. Batirayu tat sein bestes, mir die religiösen Begriffe seines Stammes zu erklären. Des Abends saßen wir bei einer Zigarette in seiner Stube, und er erzählte von alten Zeiten, Zauberern, Häuptlingen und Geistern. Zuweilen kam ein alter Häuptling Bóyra dazu, und von ihm hörte ich viele hübsche Chanésagen. Bis spät in die Nacht hinein saßen wir und plauderten bei einem flackernden Licht, das ich mithatte, um Aufzeichnungen zu machen.