Chapter 5 of 20 · 3988 words · ~20 min read

Part 5

Oft sieht man blinde und krüppelige Alte in den Dörfern, die von ihren Kindern unterhalten werden. Wird das Dorf durch einen Feind bedroht, so werden zuerst von allen diese Alten in Sicherheit gebracht, damit sie nicht, wenn die anderen zu fliehen gezwungen sind, in die Hände der Feinde fallen.

[Illustration: Abb. 20. Chorotiknabe mit Boleadora.]

[Illustration: Abb. 21. Das Kleine führt seinen blinden Großvater „abseits“. Ashluslays.]

Werden diese Alten eine allzu große Last, so geschieht es gleichwohl zuweilen, wie ich schon erzählt habe, daß man sie tötet.

Das Indianerkind lernt das Leben im Spiel. Wenn die Mutter mit ihrem Töchterchen im Arme Wasser holt, so trägt das Mädchen einen winzig kleinen, dem der Mama ganz gleichen Krug. Füllt die Mutter ihren großen Wasserkrug, so füllt sie auch den ihres kleinen Töchterchens. Das Mädchen wächst und der Krug wächst. Sie begleitet ihre Mutter bald zu Fuß und trägt gleich ihr einen eigenen Krug auf dem Kopfe. Spinnt die Mutter, so spinnt auch ihr Kind auf einer Spielzeugspindel. Der kleine Junge spielt mit seinem Netz im Dorfe. Er fängt Laub, er fängt Tonscherben. Oft sind die Großväter die Lehrer. Ist er größer, so erhält er von dem Großvater ein größeres Netz und begleitet ihn auf den Fischfang. Anfänglich fängt er nicht viel. Er und das Netz wachsen, und der Knabe, der Laub und Tonscherben gefischt hat, fängt große Siluroiden, Palometas und vieles andere. Auf dieselbe Weise lernen die Kinder alles, was sie zu wissen nötig haben. Spielend lernt das Indianerkind den Ernst des Lebens.

Besonders die Indianerknaben verleben dann ihre Tage unter heiteren Spielen. Vielmals habe ich mit ihnen gespielt, und wir, und nicht zum wenigsten ich, haben uns dabei sehr gut amüsiert.

Wir versuchten, den Indianerknaben unsere Spiele beizubringen. Die Mädchen spielten beinahe niemals mit uns. Moberg war Zirkusdirektor, und sie lernten von ihm Purzelbäume schießen, Bockspringen, mit Stangen balancieren und anderes Nützliche. Eine Kunst konnte Moberg, die stürmischen Jubel erweckte. Er konnte Rad schlagen. Diese Nummer des Programms wurde von allen, jung und alt, gern gesehen, obschon niemand es nachmachen konnte. Mit roten Taschentüchern als Preise veranstalteten wir Wettrennen. Hieran beteiligten sich auch die Mädchen, sie liefen aber immer allein und mischten sich nicht unter die Knaben.

Unser gutes Verhältnis zu den Indianern hatte sicher zu einem großen Teile seinen Grund darin, daß wir immer mit den Kindern spielten. Das gefiel den Indianerpapas und Indianermamas, und auf diese Weise bekamen sie Vertrauen zu uns.

Schlägereien und harte Worte kommen unter den spielenden Kindern fast niemals vor. Ein einziges Mal habe ich einen Indianerknaben einen anderen schlagen sehen. Das war in einem Ashluslaydorf. Daß dies etwas Ungewöhnliches war, wurde mir aus der Aufregung, die darüber im Dorfe entstand, klar. Ein paar Stunden lang ergingen sich die respektiven Eltern und Verwandten der Kinder in Schmähungen. Besonders die älteren Damen spien Feuer und Galle. Beim Spiel kommen niemals Streitigkeiten vor, z. B. ob der Ball wirklich ins Tor gekommen ist, ob einer gemogelt hat oder dgl. Hier haben unsere weißen Kinder viel von ihren dunkelbraunen Freunden zu lernen.

Die großen Kinder behandeln die kleinen niemals schlecht. Sie laufen wohl hinter ihnen her und werfen sie hin, aber sie schlagen sie niemals. Kleinlichkeit, Eigendünkel und Bosheit findet man niemals unter den Indianerkindern.

Knaben und Mädchen spielen schon als ganz kleine Kinder getrennt. Für Knaben und Mädchen gemeinsame Spiele habe ich nie gesehen. Sie haben auch verschiedenes Spielzeug. Nur der Tanz führt sie zusammen. Auf der Tanzbahn erscheinen Knaben und Mädchen viel früher als bei uns, da der Tanz innig mit dem Geschlechtsleben zusammenhängt.

[Illustration: Abb. 22. Die Mama geht mit den Kindern zum Fluß. Chorotis. Rio Pilcomayo.]

Nicht alle Kinder gleichen Geschlechts spielen zusammen, sondern sie teilen sich, wie unsere Kinder, in Altersklassen. Bei den Knaben kann man drei solche beobachten. Zwei- bis vierjährige Knaben beteiligen sich nicht an den großen gemeinschaftlichen Spielen. Die Vier- bis ungefähr Siebenjährigen bilden eine zweite, die Sieben- bis Zwölfjährigen eine dritte Gruppe. Die über zwölf Jahre alten Knaben halten sich gewöhnlich zu den Herren, nehmen an den großen Ballspielen teil und interessieren sich schon lebhaft für Tanz und Mädchen.

Dicht bei oder in einem Ashluslay- und Chorotidorf ist immer ein offener, gebahnter Platz, wo man spielt und tanzt. Herrlich eignen sich zum Spielen besonders die großen Sandufer des Pilcomayoflusses. Dort tummeln sich die Kinder im Sande.

Das erste Spielzeug des Indianerkindes ist, wie bei unseren Kindern, die Klapper. Von Früchten, Knochen, Blechstücken u. a. machen die Indianermütter ihnen kleine Klappern. In dieser Zeit spielen sie mit ihren Müttern, die mit ihnen plaudern und scherzen.

[Illustration: Abb. 23. Spielzeugflinte von den Chiriguanos. Caipipendi. Die Chorotis und Ashluslays wenden ähnliche an. ⅙.]

Die Indianerkinder lernen, wie ich schon gesagt habe, spielend den Ernst des Lebens kennen. Sie werden durch das Spiel erzogen. Wie unsere Kinder die Großen nachäffen, so machen die Indianerkinder ihnen ebenfalls alles nach.

Als die Ashluslayindianer mit den Tobas kriegten, spielten auch die Knaben in den Ashluslaydörfern Krieg. Die Knaben teilten sich in zwei Abteilungen. Die eine stellte die Ashluslays, die andere die Tobas vor. Die Waffen bestanden aus Rohr, mit denen man Fruchtkerne aufeinander knackte. Die Kämpfe wurden unter Geschrei und Geheul geführt. Wurde einer gefangen genommen, so wurde er skalpiert. Während einer den Gefangenen hielt, tat ein anderer, als skalpiere er ihn.

Sicher haben die Indianerkinder am Pilcomayo manchmal auch Indianer und Weiße gespielt. Bei den Kampfspielen der wilden Indianer geht es aber keineswegs wild zu. Roheit und Bosheit, die bei den Kindern des weißen Mannes so gewöhnlich sind, sind unter diesen Kindern, deren Väter wirkliche Skalpjäger sind, vollständig ausgeschlossen.

Eines Tages hatte ich in einem Ashluslaydorf ein Wettschießen mit Pfeil und Bogen angeordnet. Am folgenden Tage veranstalteten die Knaben desselben Dorfes ebenfalls ein Scheibenschießen mit ihren Spielzeugflinten. Diese Flinten, von denen eine hier abgebildet ist (Abb. 23), sind unter den Chacokindern sowohl am Rio Pilcomayo wie am Rio Parapiti gewöhnlich.

Wenigstens den kleinen Knaben und Mädchen machen die Eltern und andere ältere Verwandte ihr Spielzeug. Der Großvater strickt das Spielzeugnetz des Knaben, lehrt ihn aber auch selbst stricken. Eine der weiblichen ältesten Verwandten formt die Puppen, mit denen die Mädchen spielen. Mutter spielen ist hier ebenso gewöhnlich, wie bei unseren Mädchen. Die von den Indianerkindern im Chaco angewendeten Puppen sind außerordentlich lustig. Weiterhin werden wir sie abgebildet und beschrieben finden.

[Illustration: Abb. 24.

Boleadora.

Ashluslays. ⅕.]

Das Lieblingsspielzeug der Knaben ist die von den Pampasindianern bekannte Boleadora. Mit der Boleadora spielen mehrere Knaben zusammen. Sie stellen sich in einer Reihe auf. Wenn einer seine Boleadora wirft, versuchen die anderen, sie mit ihren zu fangen. Dieses Spielzeug ist sicher ein Überbleibsel aus einer Zeit, wo die Boleadora von den Ashluslays und Chorotis als Waffe angewendet wurde; vielleicht ist es eine Erinnerung von einer Zeit, wo sie auf den Pampas lebten, denn die Boleadora ist eine Waffe, die nur für die Ebene paßt. In einer weiter unten wiedergegebenen Matacosage handelt es sich um einen Kampf zwischen verschiedenen Vögeln, wo die Chuñas[24] mit Boleadoras gekämpft hatten. Die Matacos selbst wenden die Boleadora jetzt nicht als Spielzeug an. Ein anderes Spielzeug, vielleicht auch eine Erinnerung aus früheren Zeiten, sind die Stelzen, die ich die Ashluslays habe anwenden sehen.

Die kleinen Kinder rollen oft Reifen aus Weide. Zuweilen habe ich sie mit Stäbchen spielen sehen, die sie auf folgende Weise werfen. Sie stellen sich, jeder mit einem Stäbchen in der Hand, in einer Reihe auf. Einer wirft plötzlich eins seiner Stäbchen. Die anderen suchen dasselbe in demselben Augenblick zu treffen, wo es zur Erde fällt. Selten sieht man das Schwirrholz als Spielzeug. Wie bekannt, verursacht es, wenn es schnell durch die Luft geschwungen wird, einen brummenden Laut.[25]

Ein gewöhnlicher Zeitvertreib für Knaben, Mädchen und Erwachsene ist das Knüpfen von Fadenfiguren, ähnlich denen, wie sie auch die europäischen Kinder zu machen pflegen (Abb. 25).

Die Mädchen spielen oft Tanz- und Laufspiele. Ich habe z. B. bei den Ashluslaymädchen gesehen, wie sie sich breitbeinig dicht hintereinander in einer Reihe aufstellen. Die letzte kriecht auf allen Vieren zwischen den Beinen der anderen hindurch. Nach ihr kommt das nächste Mädchen usw. Ein anderes Spiel, das ich ebenfalls bei den Ashluslaymädchen gesehen habe, ist, mit gebogenen Knien hüpfen. Die Mädchen hocken in einem Ring auf der Erde und hüpfen, den Takt eines eintönigen Liedes auf den nackten Schenkeln schlagend, umher.

Gewöhnlich ist das Ballspielen der Knaben. Noch mehr sind die Ballspiele aber ein Vergnügen der Jünglinge und Männer. Ja, es kommt sogar zuweilen vor, daß ein alter Mann, der sich seinen Jugendsinn bewahrt hat, am Spiele teilnimmt. Meistens spielt man mit seinen eigenen Dorfkameraden, bisweilen aber auch mit dem Nachbardorfe, und hier gilt es sowohl Wertsachen als auch die Ehre.

[Illustration: Abb. 25. Fadenfiguren knüpfende Chorotiknaben.]

Die Chorotis wie die Ashluslays kennen nur eine Art Ballspiel. Es wird mit Hakenstöcken, ähnlich unseren Hockeystöcken, und gewöhnlich mit Bällen aus Holz gespielt. Man teilt sich in zwei Parteien, die ihr Tor verteidigen. Diese liegen bei größeren Spielen hundert bis zweihundert Meter voneinander. Wer zuerst seinen Ball in das Tor des Gegners hereinbringt, hat gewonnen. Die Alten und die Kinder sind zuweilen Torwächter.

In gewöhnlichen Fällen spielt man Ball um nichts, nur um Vergnügen zu haben. Die jungen Herren, die die eifrigsten Spieler sind, vertreiben auf diese Weise die langen Tage, während sie auf den Tanz und die Liebe am Abend warten.

Preise kommen nur bei den Wettkämpfen zwischen mehreren Dörfern vor. Als ich ein Ballspiel veranstaltete, bestanden die Preise aus Tabak.

Streitereien während der Spiele kommen niemals vor, und gleichwohl schlägt man einander mit den Keulen zuweilen ordentlich auf die Unterschenkel. Niemand wird deshalb böse. Bei den Matacos habe ich gesehen, daß man, um die Schenkel gegen Stockschläge zu schützen, Schienen aus Schilfrohr anwendet.

[Illustration: Abb. 26. Ball spielende Matacoindianer. Rio Pilcomayo.]

Die Chacoindianer spielen auch Hasard.

Die Spielmarken sind vier Holzstäbchen (Abb. 27) oder Stücke Schilfrohr, von denen die eine Seite stets konvex und die andere eben oder konkav ist. Am Spiele nehmen vier, sechs oder acht Personen teil. Markör ist ein Unbeteiligter.

Das Hasardspiel ist ein im Chaco stark ausgebreiteter Brauch. Wie unsere Sportsleute und Spieler viel englische Ausdrücke anwenden, so wenden auch die Indianer zuweilen internationale, von anderen Stämmen geliehene Worte an.

Was kann man gewinnen, wenn man mit den Indianern spielt? Wenn man Glück hat, ein Paar alte Hosen, ein altes Hemd oder irgend etwas, was die Indianer von den Weißen erhalten haben. Wo der Einfluß der Weißen unbedeutend ist, spielt man um Halsketten aus Schneckenschalen.

Ich habe mit den Indianern häufig gespielt und stets verloren, weil die Gegner so schrecklich mogeln. Sagt man etwas über die Mogelei, so lachen sie. Würde man zornig werden, würden sie einen wahrscheinlich für dumm halten. Hier heißt es nur verlieren und lernen.

Nicht selten spielen die Chorotis und Ashluslays so, daß sie mit einem Haufen Stäbchen markieren. Schlägt man vier, darf man vier Stäbchen nehmen usw.

Spaß macht es, zu sehen wie die Indianer nachrechnen, wer die meisten Stäbchen erhalten hat. Jeder teilt seine Stäbchen in Haufen von je zwei. Der eine nimmt nun einen Haufen fort, der andere einen entsprechenden usw., bis nur noch einer Stäbchen hat. Diese Subtraktionsmethode ist natürlich sehr primitiv.

[Illustration: Abb. 27. Spielbretter.

Chorotis. ½.]

Fragt man einen Choroti oder Ashluslay nach einem Zahlwort, so kann er es nur bis drei mit Sicherheit sagen. Es gibt zwar Worte für die höheren Zahlen, wenigstens bis zehn, er kennt sie aber nicht alle. Der Indianer zeigt mit den Fingern die Zahl, die er angeben will. Die Zehen werden nur zu Hilfe genommen, wenn er viele sagen will.

Ist die Kinderzeit des Indianers zu Ende, dann beginnt das zweite Kapitel in seinem Leben. Dies ist dem Geschlechtsleben gewidmet.

Nach dem Spiel kommt die freie Liebe.

Männer und Frauen.

Das Geschlechtsleben hat schon für das Indianerkind von sechs, sieben Jahren keine Geheimnisse mehr. Es hat dann schon alles gesehen. Ein geschlechtlicher Verkehr nicht mannbarer Kinder soll gleichwohl nicht vorkommen, auch werden die Mädchen vor ihrer ersten Menstruation von den Müttern gehütet.

Bei den Ashluslays wird diese mit Tanz gefeiert. Um das Mädchen, das mit bedecktem Gesicht dasteht, tanzen die älteren Frauen mit Stöcken in der Hand, an die Klappern aus Tierklauen gebunden sind, während die Männer mit Kalebassen voll harter Körner den Takt dazu schlagen. Bei den Chorotis kenne ich einen solchen Brauch nicht.

Während der folgenden Menstruationen nehmen die Frauen ungeniert am Tanze teil und werden in keiner Weise als unrein betrachtet.

Die von allen Choroti- und Ashluslaymännern, manchen Chorotifrauen, aber keinen Ashluslayfrauen getragenen Ohrenklötze haben mit dem Eintritt der Mannbarkeit nichts zu tun. Die Ashluslays durchbohren die Ohren der Kinder, wenn diese drei bis vier Jahre, die Chorotis wenn sie sieben bis zehn Jahre alt sind. In demselben Alter werden auch die Ohren der Mädchen durchbohrt.

Der Vater sticht mit einem Kaktusdorn seinen Kindern Ohrlöcher ein.

Wenn die Kinder fünf bis sieben Jahre alt sind, werden sie tätowiert. Bei den Chorotis sind die Männer in der Regel, die Frauen stets tätowiert, bei den Ashluslays nur die Frauen. Ich habe einige Tätowierungen wiedergegeben und gezeigt, wie man nach und nach tätowiert, indem man bei den Chorotis mit dem Stirnzeichen, bei den Ashluslays mit den Strichen auf dem Kinn beginnt. In der Chorotitätowierung kommt in der Ornamentik eine gewisse Variation vor, bei den Ashluslays ist die Tätowierung ein typisches, konstantes Stammzeichen, in dem nur die Anzahl der Striche auf dem Kinn schwanken kann.

[Illustration: Abb. 28. Tätowierung und Gesichtsbemalung. Chorotis. Rio Pilcomayo.

a = etwa fünfjähriges Mädchen; b = ungefähr siebenjähriges Mädchen; c = ca. achtzehnjähriges Mädchen; d = Frau; e = Frau; f = etwa achtzehnjähriges Mädchen; g = Mann; h = Mädchen, dessen Mutter Choroti und Vater Ashluslay ist; i = Mann. a–e nur tätowierte; f–i tätowierte und bemalte. Zeichnung = Tätowierung. Lavierung = Gesichtsbemalung. Diese letztere ist rot.]

[Illustration: Abb. 29 Tätowierung und Gesichtsbemalung. Chorotis, Ashluslays und Matacos.

a = ca. fünfjähriges Mädchen; b = für die Ashluslayfrauen typische Stammestätowierung; c–g = Männer; a–g = Ashluslays; a u. b Tätowierung; c–g = Gesichtsbemalung (Ruß oder vom Verf. erhaltene grüne Farbe); h = auf der Stirn und unter den Augen tätowiertes, auf den Wangen mit roter Farbe und Ruß bemaltes Chorotimädchen; i = Matacomann, Crevaux, tätowiert; j–k = Chorotis; j = Mann; k = Frau. Zeichnung = Tätowierung; Lavierung = Gesichtsbemalung.]

[Illustration: Abb. 30. Alte Chorotifrau, die den Verf. tätowiert hat.]

Beinahe immer nimmt eine ältere Frau die Tätowierung vor.

Von der hierneben vorgestellten Alten habe ich ein Stirnzeichen auf meinen Arm tätowieren lassen. Dies geschah in folgender Weise. In der flachen Hand bereitete die Alte aus Kohle und Speichel schwarze Farbe. Mit dieser malte sie dann mit einem Stäbchen eine Figur auf meinen Arm und stach dann mit einigen Kaktusstacheln kräftig in diesen. Nachdem es fertig war, spuckte sie auf die Wunde und rieb den Speichel mit der Faust in mein Blut.

Moberg ist auch auf Chorotiart tätowiert. Ich glaube, er hat eine Musterkarte aller möglichen Tätowierungsfiguren, mit denen die jüngsten und schönsten Indianermädchen ihn geschmückt haben, auf seinem Körper.

Nach der ersten Menstruation haben die Mädchen ihre vollständige Freiheit, die sie auch eiligst benutzen.

Die Jugend trifft sich auf der Tanzbahn.

In den größeren Dörfern ist sowohl bei den Chorotis wie bei den Ashluslays jeden regenfreien Abend Ball, d. h. wenn der Magen nicht leer ist. Dieser Tanz bildet das ganze Leben der Jugend, um ihn dreht sich all ihr Interesse. Für ihn malen und schmücken sie sich.

Mehrere Stunden vor dem Ball beginnen die jungen Herren mit ihrer Toilette. Mit äußerster Sorgfalt kämmen sie sich zuerst das Haar und ordnen dann die Stirn- und Ohrenlocken. Die Augenbrauen und Augenhaare werden ausgerissen, ebenso jedes Härchen, das sich auf Kinn oder Oberlippe herauswagen sollte. Ebenso wird das Haar unter den Armen und um die Geschlechtsteile entfernt.

Hierauf wird das Gesicht bemalt. Früher mußte man bei dieser wichtigen Arbeit die Hilfe anderer in Anspruch nehmen. Nachdem der weiße Mann den Spiegel eingeführt hat, kann man sich selbst malen und sich über die Wirkung jedes roten, gelben oder schwarzen Striches freuen. Diese ausgezeichnete Erfindung ermöglicht es den jungen Indianern, stundenlang in andächtiger Bewunderung ihrer eigenen Schönheit dasitzen zu können. Die rote Farbe erhält man aus den durch Tausch von den Chiriguanos erhaltenen Samen eines Busches, Bixa orellana. Die gelbe Farbe, die selten zur Anwendung kommt, wird durch Kauen einer Wurzel bereitet. Die schwarze besteht ganz einfach aus Ruß und Speichel.

[Illustration: Tafel 7. Ashluslay-Tänzer.]

[Illustration: Abb. 31. Ashluslaymann.]

Es ist nichts Ungewöhnliches, daß man die Ornamente mit Stempeln ins Gesicht drückt (Abb. 32). Diese sind als eine primitive Form der bei den Yuracáreindianern und besonders bei den Stämmen in Nord-Südamerika gewöhnlichen Stempel zur Vervielfältigung der oft sehr schönen Ornamente zu betrachten. Den allereinfachsten Stempel, den ich gesehen habe, beobachtete ich bei einer Tsirakuafrau, über welche ich weiter unten zu berichten Gelegenheit haben werde. Sie berußte zuerst die ganze Innenfläche der Hand und zeichnete dann ein Ornament in den Ruß. Durch Drücken der Hand gegen die Backen bemalte sie sich mit dem Negativ des aufgezeichneten Ornaments. Nachdem man sich fertig gemalt hat, ordnet man die Halsketten aus Schneckenschalen und den Federschmuck. Man prüft die Wirkung der auf verschiedene Weise gedrehten Halsketten, man freut sich über den flatternden Federschmuck, man putzt die Ohrenklötze.

Falls es nicht kalt ist, hat der junge Choroti oder Ashluslay so viel Verstand, daß er sich auf dem Balle nicht mit den von den Weißen direkt oder indirekt erhaltenen alten Hemden oder Hosen, welche den Chaco zu überschwemmen drohen, bekleidet. Hauptsächlich die älteren Männer fangen an, die europäische Kleidung oder richtiger Teile derselben zu tragen, denn selten ist ein Choroti und noch weniger ein Ashluslay so reich, daß er einen vollständigen Anzug besitzt. Hat er einen Rock, so hat er wahrscheinlich keine Hosen, oder umgekehrt.

Die von den Männern angewendete Tracht ist ein Ledergürtel und ein auf alle mögliche Weise drapierter Mantel aus Schafwolle (s. die Bilder). An den Füßen tragen sie zuweilen Ledersandalen. Bisweilen haben sie einen Riemen über die Brust gespannt. Um die Stirn haben die Männer allerlei Bänder, und manchmal, wenn sie richtig fein sein wollen, eine mit Schneckenmuscheln besetzte Haube. Andere Schmuckgegenstände bestehen aus Zähnen, Stroh, Haaren, Glasperlen, Fischschuppen usw.

[Illustration: Abb. 32.

Stempel zur Gesichtsbemalung.

Ashluslay. ½.]

Der junge Indianer versucht auf den Bällen so elegant, so originell gemalt und geschmückt wie möglich aufzutreten. Jeden Tag malt er sich auf andere Weise und ordnet seine Schmucksachen verschieden. Er hält sich jedoch immer innerhalb der von der Mode gesteckten Grenzen, und eine neue Mode unter diese Menschen zu lancieren, ist keineswegs ein leichtes. Eine von mir erfundene Gesichtsbemalung wurde z. B. niemals anerkannt. Ein Glasperlentypus, der ihnen fremd war, erregte ihr Mißfallen. Sobald man einen der leitenden Elegants bewogen hatte, eine Sache modern zu machen, wollten bald alle sie haben. Ein paarmal ist es sowohl mir als Moberg gelungen, auf den Bällen neue Moden zu lancieren. Besonders Moberg trat auf diesen gewöhnlich wie ein Indianer gemalt, gekleidet und geschmückt auf und wetteiferte um die Gunst der braunhäutigen Indianerinnen. Ein Haupt höher als die anderen tanzte er mit den Chorotis an den Sandufern des Pilcomayo und mit den Ashluslays auf den offenen Plätzen in ihren Dörfern. Nicht so selten sah man eine geschmeidige Indianerin hinter dem stattlichen, blonden Schweden tanzen, ihre Hände auf seinen nackten Rücken legend.

[Illustration: Abb. 33. Chorotielegant.]

Im Gegensatz zu den Negern staffieren sich diese Indianer niemals in allen möglichen, oder richtiger unmöglichen bunten Farbenzusammensetzungen aus. Sie haben ja gute Gelegenheit hierzu, wenn die Weißen mit bunten Tüchern als Tauschwaren zu ihnen kommen. Die Indianer und Indianerinnen haben in der Regel Geschmack. Infolge der zu vielen Berührung mit der Zivilisation verschwindet dieser aber. Niemand putzt sich auch in so schreienden Farben, wie zivilisierte Indianerinnen und Mestizenfrauen. Die Choroti- und Ashluslayindianer lieben gleichwohl bunte Farben; am beliebtesten ist Rot. Legt man bei einem Tauschhandel Bänder in verschiedenen Farben vor, so finden zuerst die roten Absatz. Rote Taschentücher sind gesucht. Schwarz lieben sie in der Regel auch. Gewisse Sachen, wie z. B. die Knöpfe für Halsketten, werden weiß gewünscht, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil die Schneckenhalsperlen, die sie anwenden, dieselbe Farbe haben.

In meinem Notizbuch hatte ich die verschiedenen Grundfarben und mehrere Schattierungen aufgezeichnet, um zu sehen, wie viele Farben sie unterscheiden könnten.

Die Chorotis nannten Rot, Rosa, Braun und Hellviolett „Chaté“, Gelb und Gelbbraun „máhahi“, Blau und Grün „La-sá-se“, Schwarz, Dunkelviolett und Dunkelgrau „Cho-hua-hí-ni“, Weiß und Hellgrau „La-ma-hí-ni“.

Die Ashluslays nannten Rosa und Rot „Yúk“, Gelb und Weiß „Kóshiash“, Schwarz „Ya-cút“, Blau = Schwarz, Grün zuweilen = Schwarz und zuweilen = Gelb, Violett = Schwarz, Braun bald = Schwarz, bald = Rot. Die Chorotis haben also für fünf Farben Namen, die Ashluslays nur für drei. Dasselbe Individuum ist oft betreffs des Namens einer Farbe zweifelhaft. Er nennt einen Namen, sieht noch einmal hin, bereut es und sagt einen anderen. Aus den beigefügten Photographien sehen wir einige der zahlreichen verschiedenen Schmucksachen, welche die Choroti- und Ashluslaymänner tragen. Zuweilen sieht man sie sich auch mit Blumen schmücken. Die Ashluslays binden das Haar oft vorn zu einer Quaste mitten auf der Stirn zusammen (Abb. 34). Die Chorotis drehen manchmal das recht lange Haar mit einem Band zu einem Zopf im Nacken zusammen. Die Federn, welche die Chorotis und Ashluslays im Stirnband tragen, pflegen mit einer oder mehreren Kerben als Ornament versehen zu sein.

Wenn die Herren älter, solide, verheiratete Männer werden, so schmücken sie sich nicht mehr für die Bälle, sondern nur zum Kriege. Diese älteren Herren vernachlässigen ihre Toilette oft sehr stark und sind sehr unsauber.

[Illustration: Abb. 34. Ashluslay mit einer mit Schneckenschalen besetzten Mütze.]

Die Tracht der Frauen besteht aus einem Schurzfell um die Hüften. Dasselbe wird schon im Alter von drei bis vier Jahren angelegt. Die jüngeren unverheirateten Chorotimädchen tragen jetzt viel den von den Weißen eingeführten Tipoy, ein Kleidungsstück, das ursprünglich von den Chiriguanos kommt. Derselbe verdeckt den Oberkörper vor den lüsternen Blicken der Christen. Ein Indianermädchen, das nur ein Schurzfell um die Hüften trägt, gibt sich in der Regel den Weißen nicht hin. Diejenigen dagegen, welche die „anständige Kleidung“ tragen, sind alle Prostituierte. Mit Ausnahme der Chorotimädchen, die Weiße zu Freunden haben, tragen die Mädchen hier sehr wenig Schmucksachen. Irgend eine einfache Halskette, ein aus Blättern geflochtenes Stirnband, ein Armband aus Rehbockfell, einige Ringe aus Eidechsenhaut, das ist alles. Die Frauen tragen niemals Federn. Dagegen sind sie, wie schon bemerkt, mehr tätowiert als die Männer und nicht selten bemalt.

Das Schurzfell, das die Chorotifrauen um die Hüften tragen, ist aus hausgewebtem Wollstoff. Die Ashluslayfrauen tragen ein ähnliches Schurzfell aus Rehbockleder. Diese letzteren haben nicht selten aus Nutria oder Schaffellen zusammengenähte warme Mäntel von dem Typ, wie wir ihn nur von den Indianern Patagoniens und des Feuerlandes her kennen.

Sowohl die Choroti- wie die Ashluslayfrauen entfernen die Haare unter den Armen und an den Geschlechtsteilen.

Man muß zugeben, daß die Indianer mit ihren Schmucksachen sehr vorsichtig umgehen. Die Federn werden in Futteralen aus Rohr bewahrt, die Schmucksachen werden oft auf neue Schnüre gezogen. Sie stopfen die Löcher ihrer Kleider. Es gibt ältere Frauen, deren Schurzfell beinahe nur aus gestopften Löchern besteht. Lohnt es sich nicht mehr, die Löcher zu stopfen, so begnügt man sich damit, sie zu besetzen. Sie sind auch um ihre Kleider besorgt und wenden, wenn sie, was selten der Fall ist, Kleider zum Wechseln haben, bei der Arbeit die schlechtesten Lumpen an. Die Ashluslays habe ich niemals ihre Kleider waschen sehen, die Chorotis nur, wenn sie es von den Weißen gelernt haben.

[Illustration: Tafel 8. Tanzende Ashluslaymänner.]

Baden des Badens wegen geschieht nur, wenn es sehr heiß ist. Der Fischfang zwingt indessen die Männer, viel im Wasser zu sein. Die Kinder spielen ebenfalls oft im Wasser und bleiben auf diese Weise rein. Die jüngsten Kinder werden von den Müttern gewaschen, wenn sie zum Flusse gehen.

Juckt es, so reicht man das Tier einem Verwandten oder Bekannten, der es aufißt. Moberg und ich hatten, wenn wir in den Indianerhütten verkehrten, auch zuweilen Läuse. Unsere Indianerfreunde waren doch stets, wenn es nötig war, so liebenswürdig, sie zu essen.