Chapter 10 of 13 · 3903 words · ~20 min read

Part 10

Er sah sie einen Augenblick fest an.

»Ja, ich glaube auch; es ist gut!«

Und dann gingen sie schweigend. Die Menschen strichen an ihnen vorüber wie Schatten, der Lärm quoll aus den Straßen wie aus Fernen, die ihr Schweigen nur tieften. Ganz sicher gingen sie, als wäre es nie anders gewesen. Aber sie sprachen kein Wort. Nur Julie lachte. Sie mußte lachen. Und Peter Owen sah sie an und verstand sie.

Bis sie oben an seinem Atelier waren.

Vor einem Bilde stand sie. Die letzten Lichter des Abends griffen nach ihr, und sie hielt stille. Eine gespannte Klarheit war in ihrem Empfinden. Sie fühlte alles, was um sie herum in halber Dunkelheit träumte: die Bronze drüben in der Ecke, die Staffelei, den niedrigen Tisch; sie fühlte, daß Peter Owen am Fenster stand, und daß viele Schritte zwischen ihnen lagen. Aber noch etwas anderes war in ihr, etwas Sicheres, etwas, von dem sie, ohne zu fragen, wußte, daß es kommen mußte, so gewiß, als hätte sie darum gearbeitet, und dieses sei nun das Ziel. Und dann kam sie sich auch so zu Hause vor.

Peter Owen wartete.

Er lehnte am Fenster und sah zu ihr hinüber. Gedanken kamen und gingen. Dann blieb nur der eine, daß sie da war.

Eine Erinnerung an seine Mutter streifte ihn. Dann war plötzlich eine Kindersehnsucht da: wenn der Mantel der Dämmerung über die Felder schleppte, wenn sachte die Sterne kamen, dann hatte er seine Hände oft voll Sehnsucht ausgestreckt ...

Er trat leise zu ihr und küßte sie.

XXV

Sie waren täglich beisammen. Sie nahmen die Tage mit Lächeln und gaben einander, soviel sie nur geben konnten.

Zuerst war es seine Kunst, die sie mit leisem Finger berührte. Und Farben kamen, die er noch nicht gekannt hatte. Man machte seinen Bildern den Vorwurf, sie seien zu blaß. Diese Blässe war auch vorhanden, als der Ausdruck eines allzu feinen Farbenempfindens. Es wurde anders. Julie hatte gewiß die Augen für seine Töne, aber sie brachte ihn dahin, die brausende Musik satter Farben zu lieben.

Erfuhren sie hierbei, wie ihrer beider Empfinden sich ergänzte, so bemerkten sie an Büchern, über die sie sprachen, an Erlebnissen und Gedanken, die sie einander erzählten, manche Ähnlichkeit ihrer Anschauungen. Bei ihm waren sie fest, kühl leuchtend, bei ihr alles ein wenig weicher. So schritten sie durch neues Land und fanden Schönheiten.

Sie waren im Irrtum, wenn sie glaubten, daß sie sich ihren Weg selbständig suchten. Ihre Liebe ging ihnen voraus, sie folgten nur, träumend, ohne die Augen aufzuschlagen. -- Manchmal glaubten sie zu wissen, daß es ein Ziel gab; aber wenn sie daran dachten, waren sie froh, in einer Wirklichkeit zu sein, die noch weit davon entfernt war. Sie kam nicht jeden Tag zu ihm; aber wenn sie kam, war es meist am dämmernden Nachmittag. Sie liebte es, an seinem geräumigen Backsteinkamin zu sitzen und zuzusehen, wie er den Tee machte.

Es hatte ihn belustigt, daß sie niemals auf den Gedanken gekommen war, es ihm abzunehmen. Es gab viele Dinge an ihr, über die er sich wunderte.

Man wußte niemals, was sie tun oder sagen würde. So konnte sie ungeniert sein, daß er sich oft wunderte. War ihr eine Haarnadel in den Halsausschnitt des Kleides gefallen, so konnte sie ruhig lächelnd hinunterfassen, um sie wieder heraufzuholen.

Sie sprach mit ihm über alles, über Dinge, die sie vielleicht nackt vor ihm auszogen. Er meinte, ihre Haut berühren zu können. Aber die Art, ~wie~ sie sprach, ließ ihn dann nur etwas Kühles an seinen Händen fühlen; nie, daß eine zitternde Schwüle über ihn gekommen wäre.

Dabei war sie weiblich, oft sogar frauenhaft. Und immer war sie neu, immer eine andere.

Nun war auch ~er~ gezwungen, sich zu geben, wie er war.

»Sag’ mir, Julie,« fragte er sie einmal, »warum machst du ein so seltsames Gesicht, wenn ich dich küsse? -- Ich tue es doch, weil ich dich liebhabe!«

»Glaubst du, ich hätte dich nicht lieb? -- Ich habe dich lieb, mit aller Hoffnung, mit allem! Aber siehst du, da ist etwas zwischen dir und mir, etwas Feines, Gläsernes, das mich ganz von dir trennt, wodurch ich dich aber so gut sehen kann, alles an dir sehen kann, jede Linie. Das gehört zu mir! So etwas war immer bei mir. Aber sieh, wenn ich dich küsse, muß ich ohne dies kommen. Und dann bin ich nicht mehr ich selbst! Ich bin jetzt so glücklich. -- Ich will jetzt nichts anderes!«

»Wenn du einmal etwas anderes willst, Julie, wirst du es mir dann sagen?«

»Oh, das wirst du schon merken!« -- Sie lachte.

»Und wenn ich einmal mehr will, als ich jetzt habe ...«

Diese Dinge waren es, vor denen Peter Owen haltmachte. So sehr er sich anstrengte, konnte er sich doch nicht darüber klar werden, ob sie die Gedanken, von denen zu sprechen sie nie müde wurde, auch in die Wirklichkeit ihres Lebens hineintragen würde.

»Du mußt Kinder furchtbar gern haben!« sagte sie einmal. »Diese Jungens!« Sie hielt eine Lithographie an ihre kurzsichtigen Augen. »Wie wundervoll muß es sein, Kinder zu haben!«

»Meinst du?« -- Er wußte in diesem Augenblick nicht, was für ein Gesicht er machte.

Sie sah ihn ruhig an und entwickelte ihm ganz genau, wie sie ihre Kinder erziehen würde.

Er liebte es übrigens, daß sie kurzsichtig war. Wenn sie zusammen spazierengingen, stützte er sie bei jedem Straßenübergang. Dann war sie von ihm abhängig. Dieses Gefühl hatte er selten bei ihr. Er liebte es, wenn ihre Hände auf dem Tisch herumtasteten und nach einem Gegenstande suchten. Dann war sie ganz hilflos, so daß er die Empfindung hatte, sie würde ihn nie verlassen können.

»Ich habe noch nie dein Schlafzimmer gesehen,« sagte Julie eines Tages. »Komm, ich will es gern sehen!«

Er schlug den Vorhang zurück und ließ sie eintreten.

»Das ist hübsch!« sagte sie und atmete erleichtert auf.

Er sah von der Tür aus, wie kindlich ihre Linien sich auf dem blassen Winterhimmel zeichneten.

»Weißt du eigentlich, wie hübsch du bist, Julie?«

»So genau, wie du es von dir weißt!«

Sie drehte sich um, und zwischen ihren Lippen kam ein ganz klein wenig eine unartige Kinderzunge heraus.

»Peter ...!«

»Und dieses ist dein Bett!?« Sie schlug die Decke ein bißchen zurück und legte ihren Kopf leise auf sein Kissen.

Er stand in der Tür und rührte sich nicht.

»Komm, Peter! Lege einmal deinen Kopf hier neben mich!«

Er kam. Als sein Kopf neben dem ihren lag, war es ganz still in ihm.

Sie wußten nicht, wie lange sie so gelegen hatten. Da kam Julie mit einem weichen kleinen Lachen in die Höhe.

»Siehst du, wenn du heute nacht hier liegst, wirst du denken, daß ich ebenso wie jetzt bei dir bin. Dann mußt du sogar deine Arme ganz fest um mich legen!«

Sie strich noch einmal mit der Hand über das Kissen; dann gingen sie hinüber.

* * * * *

Es war Schnee gefallen, und Julie ging mit Peter Owen durch den Tiergarten. Er erzählte ihr vom Winter zu Hause, von seiner Mutter, von seinen alten Träumen. Aber Julie war heute Freude, nur Freude. Sie freute sich, daß der Schnee unter ihren Füßen knirschte, daß Peter neben ihr ging, daß sie jung war, und daß es Entsetzen geben würde, wenn Stockmanns sie mit ihm zusammen sähen.

Sie war ganz Freude; der Sinn seiner Worte glitt an ihr vorüber, aber der stille Klang kam zu ihr hinein, zu allem Jubelnden, das in ihr war, und schuf einen Unterton von Wehmut, der Glück nur um so inniger macht. Alles, was an Empfindung in ihr war, streckte sich aus, alle Sehnsucht kam, nach Schönheiten zu suchen, sie war mitten im Leben und ~wollte~ leben!

Dann waren sie oben bei ihm.

»O Peter, wie glücklich ich bin!« sagte sie. »Du machst mich so glücklich!«

»Julie ...!« War es so weit, daß er fragen konnte?

Sie besann sich eine Weile. Dann ging sie zu ihm. Es war nur von einer Ecke des Zimmers bis zur anderen, und das Zimmer war nicht groß. Aber es war ihr, als ginge sie einen langen Weg, als ginge sie durch Säle, schimmernde Säle, die sie nicht kannte, und die doch immer da gewesen sein mußten und nur auf sie gewartet hatten.

Als sie endlich bei ihm war, tat sie die Hände auf seiner Brust zusammen und gab sich ganz in seine Arme.

Nun war das andere da. Und es brachte schon einen Schimmer von dem Lichte jener Stunde, in der sie ihm ganz gehören würde.

XXVI

Kurz vor Weihnachten erhielt Julie einen Brief von Professor Stockmann. Darin stand, er wolle sie gern in einer wichtigen Angelegenheit sprechen, ob sie noch vor dem Fest zu ihm kommen könne. Dann folgten noch ein paar geheimnisvolle Andeutungen, von der rechten Weihnachtsfreude, die auch in ihr Herz Einzug halten möge, daß wir in dieser begnadeten Zeit recht daran denken sollten, unseren Mitmenschen Liebe zu erweisen und deren Liebe in der rechten Demut hinzunehmen ...

Es war der 23. Dezember, ein kalter Tag mit klarer, starrer Luft, und Julie ging nun zu ihm. Gemächlich schritt sie zwischen den Tannenbäumen hindurch, die überall auf der breiten Straße standen.

Sie dachte nicht darüber nach, was der Professor von ihr wolle, ihre Gedanken waren bei Agnes Elisabeth. Es tat ihr mit einem Male leid, daß Agnes Elisabeth Weihnachten ganz allein sein würde. Wie gut, daß sie wenigstens Zeit zu einem langen Brief gefunden und ihr das Bild und die Bücher geschickt hatte. Einen Augenblick stiegen Zweifel in ihr auf, ob sie nicht doch nach Hause fahren oder ihr wenigstens offen den Grund ihres Hierbleibens hätte sagen sollen. Aber ... Plötzlich hörte sie ihren Namen nennen. Sie blickte auf.

Heinrich Craner stand vor ihr, neben sich eine elegante junge Dame. Schade, daß die Farbe des Kostüms nicht zu dem Blau des Hutes paßte, stellte Julie fest.

»Ah, so fleißig, daß Sie selbst Weihnachten nicht nach Hause fahren? Darf ich Ihnen meine Braut vorstellen?«

Fräulein Grünhagen reichte Julie liebenswürdig die Hand.

Julie redete frisch mit den beiden. Es interessierte sie, einmal einem dieser Wesen gegenüberzustehen, die es fertigbringen, sich mit Spitzen, Chiffongewuschel, goldenen Täschchen und sonstigem Gebaumel zu behängen.

Ob er nun wieder nach Südafrika gehe?

Er wüßte es noch nicht. Jedenfalls solle im Mai die Hochzeit sein. Danach wollten sie nach Norwegen reisen. Um diese Zeit könne man anderswohin ja nicht gehen. Vielleicht bliebe er dann auch hier; man hätte ihm eine Stellung angeboten. Freilich die Unabhängigkeit dort unten ...!

Julie lächelte.

Fräulein Grünhagen schien für Afrika keine Neigung zu haben.

»Ich weiß nicht, ob meine Gesundheit das Klima verträgt; Professor Stengel meint ... Und dann: ohne jede Anregung, ohne Theater, Konzerte ...«

Julie dachte, wie oft Heinrich Craner wohl darüber geklagt haben mochte.

Bei der Gedächtniskirche trennten sie sich.

»Ich würde mich freuen, Sie einmal bei meinen Eltern zu sehen!« Fräulein Grünhagen hob ihr Kleid auf und nickte Julie freundlich zu.

Julie bog in die Rankestraße ein. Ob Agnes Elisabeth ihn wirklich einmal liebgehabt hat? dachte sie.

Nun kam sie zu Stockmanns. Martha begrüßte sie im Korridor.

»Wie lange waren Sie nicht bei uns, Julie!« sagte sie mit einem ängstlichen Blick. »Vater ist in seinem Studierzimmer. Er wartet schon den ganzen Tag auf Sie! Hoffentlich kam Ihnen sein Brief nicht ungelegen!«

Julie war überrascht. Hatte Martha sich vielleicht verlobt? Sie war so weich, nahm ihr Hut und Jacke so zärtlich ab, sah sie ein paarmal verstohlen an ...

Martha öffnete ihr die Tür zu des Professors Zimmer und ließ sie allein eintreten. Hier war eine trockene Luft, die nach Plüsch und kalter Zigarrenasche roch.

Der Professor saß am Schreibtisch. Eigentlich ist sein Kopf beinahe schön, dachte Julie und freute sich der scharfen Profillinie, die im Fensterrahmen stand. Sie nahm sich vor, sehr freundlich zu ihm zu sein.

Er stand auf und drückte ihr die Hand.

»Wie schön, daß Sie doch noch kommen! Machen Sie sich’s gemütlich!« Er schob ihr einen Sessel zu.

Julie setzte sich. Sie hatte eine peinliche Erinnerung an ihren Konfirmationstag; ob diese aus der feierlichen Erwartung kam oder von dem Rosa der Alpenveilchen hinter den gelblichen Stores, wußte sie nicht.

Der Professor räusperte sich.

»Mein liebes Fräulein Julie!« begann er. »Ich habe es mir reiflich überlegt, ehe ich Sie bat, zu mir zu kommen. Ich weiß, daß in einem Falle, wie dem vorliegenden, am besten Frau zu Frau redet. Die meine ist ja nun leider schon seit vielen Jahren heimgegangen, und Ihre liebe Tante ...«

Julie durchfuhren mit einem Male allerhand wirre Gedanken: Marianne, die ihr Kind erwartete, Agnes Elisabeth, die so seltsam geschrieben hatte ... Oder sollte man von Peter Owen und ihr wissen?

»Ihre liebe Tante, die ihrer angegriffenen Gesundheit wegen im Süden weilt, wollte ich durch einen langen Brief nicht aufregen. Als Freund Ihres seligen Vaters und auch als Ihr väterlicher Freund glaube ich eine gewisse Berechtigung zu haben ...«

»Aber, Herr Professor, was ist denn geschehen?« fragte sie ungeduldig.

»Ich will mich kurz fassen.« Er räusperte sich von neuem. »Mein Sohn kam vor einigen Tagen zu mir, um mir ein Geständnis zu machen.« Er stockte einen Augenblick und hätte sich gern an Julies Erstaunen geweidet. »Das Geständnis seiner Liebe zu Ihnen, meine liebe Julie!« fuhr er bedeutungsvoll fort. Sie hielt die Augen gesenkt. »Es hat mich innig gefreut, daß nun auch mein Sohn, der so still und treu nur seiner Arbeit gelebt hat, die Liebe kennenlernt. Gerade zu dieser heiligen Advents- und Weihnachtszeit. Diese Liebe, die erst durch das Christentum in die Welt gekommen ist, die durch die christliche Ehe zu einer veredelnden Gemeinschaft wird. Nun hat der Herr sie Ihnen beiden zum Christgeschenk machen wollen!«

»Uns ...?«

»J--ja, -- ja, -- ja! Zum lieben Weihnachtsfest ist es ja besonders die Aufgabe der Frau, zu beglücken und Liebe zu spenden. Diesmal hat der Herr gerade Ihnen die Freude machen wollen, daß Sie einem Menschen Ihre ganze Liebe geben dürfen!«

»Aber, Herr Professor ...«

»Gewiß, ich verstehe, Sie wundern sich, daß mein Johannes Ihnen dies alles nicht selbst sagt. Er dachte, es würde Ihnen zu plötzlich kommen, zu unerwartet. Sie werden ihm für dieses Zartgefühl gewiß nur dankbar sein.« Der Professor stand auf und blieb vor ihr stehen. »Ich weiß ja, Ihre Anschauungen haben sich noch nicht zu der Klarheit durchgerungen, deren wir für das Leben bedürfen. Noch bauen Sie zu sehr auf eigene Kraft, meine liebe Julie! Darum schickt der Herr Ihnen eine treue Hand, an der Sie sich festhalten sollen, um gemeinsam den Weg zum himmlischen Vaterhause zu suchen. Nicht wahr, Sie werden diese Hand mit Freude und Demut ergreifen? Meine liebe Julie, darf ich ihm die Antwort bringen, daß Sie die Seine werden wollen?«

Der schwarze Rock kam näher und näher auf sie zu ...

Sie konnte keine Worte finden.

»Herr Professor, es tut ... Es tut mir ... So leid tut es mir ... Aber ich habe ihn nicht lieb! Nein, ich habe ihn ~gewiß~ nicht lieb!«

»Ich begreife, es kommt Ihnen zu überraschend! Sie sagen, Sie haben ihn nicht lieb ...«

Julie schüttelte heftig den Kopf. Ein Gefühl von Widerwillen schlug plötzlich über ihr zusammen. Die stickige Luft, die rosa Blumen, seine wohlmeinend überlegene Stimme verursachten ihr Unbehagen.

»Sie sagen, Sie haben ihn nicht lieb?! Die Liebe wird kommen, mein Kind, wenn Sie nur in Demut darauf warten!« Seine Güte begann gereizt zu werden.

»Bei andern mag das sein. Von mir aber weiß ich genau, daß ich ihn niemals liebhaben werde.« Er machte noch einen Versuch.

»Bedenken Sie, was Sie von sich weisen! Sie stehen allein in der Welt. So, wie Sie sind, wie Sie alles Freie, Moderne lieben, liegt die Gefahr nahe, daß Sie sich verlieren und vom rechten Wege abkommen. Sie kennen das Leben nicht! Sie wissen nicht, was Sie jetzt ausschlagen! Sie brauchen eine Stütze, und Johannes möchte Ihnen diese Stütze sein. Er würde Ihnen ...«

Julie stand auf.

»Ich liebe ihn nicht, und ich weiß, daß auch nicht das geringste Verstehen zwischen uns ist!«

Nun wurde er ängstlich um seine Mission.

»Nein, so dürfen Sie nicht gehen! Johannes muß selbst ...«

»Bitte, Herr Professor! Er kann nichts daran ändern. Ich danke Ihnen, daß Sie es gut mit mir gemeint haben!«

Damit war sie aus der Tür.

Sie hörte noch, daß der Professor ihr folgte, aber er ging ins Zimmer nebenan.

Julie fuhr in ihre Jacke, setzte den Hut auf, fand irgendwo ihre Handschuhe und riß den Schirm aus dem Ständer. Schon kam des Professors Stimme der Tür wieder ganz nahe, auch Johannes schien zu sprechen. Sie riß die Tür auf und flog die Treppe hinunter. Hinter ihr wurden Schritte hörbar, Johannes, der etwas Heftiges sagte ... Nun war sie draußen.

Sie ging schnell. Die Menschen bogen ihr aus, so schnell ging sie. Plötzlich fing sie mitten auf der Straße zu weinen an.

Wie konnte man so allein sein! So ganz verlassen! Es kam ihr vor, als ob alles, was sie sich an Anschauungen erkämpft hatte, sie im Stich ließe, als ob ihre innere Unabhängigkeit ein Traum sei, der der Wirklichkeit nicht standgehalten hätte. Sie suchte nach Gedanken, an die sie sich hätte klammern können; aber woran sie auch dachte, alles war gleichgültig, alles erfüllte sie mit Widerwillen. Was sie umgab, erschien ihr häßlich; die Straße war schmutzig, die Schaufenster aufdringlich erleuchtet, die Menschen rücksichtslos, der Himmel ein grauer Dunst. Ein kahles Gefühl von Heimatlosigkeit, ein Frost, der gleichsam von innen kam, das war alles, was sie empfand.

Einer wäre dagewesen, der hätte ihr helfen können. Manche lassen sich auch helfen und werfen ihren Kummer weg. Das aber konnte Julie nicht. Es war ihr unmöglich, Peter Owen auch nur mit einem Wunsche zu streifen.

So kam sie nach Hause. Auf dem Korridor tobte Weihnachtsferientrubel. Thea Allenbach, kokett angezogen, lief mit einer Reisetasche und zwei Pappschachteln hin und her, die Liecke band sich vor dem Spiegel ihren Schleier um, und nun erschien auch Fräulein Meusel. Sie war in gehobener Stimmung, denn sie freute sich auf ein paar ruhige Tage. Den Tee könnten sie doch noch zusammen trinken, bis zu ihrem Zuge hätten sie noch Zeit genug!

»Gott, meine Theosophie habe ich vergessen,« schrie Thea.

»Wo sind nur wieder meine Gummischuhe!« beklagte sich die Liecke.

»Sie kommen doch auch, Fräulein Hellwege?« fragte Fräulein Meusel. »Wir haben unsern kleinen Baum schon angesteckt.«

Aber Julie wollte nicht. Nein, das konnte sie nicht.

»Verzeihen Sie, Fräulein Meusel, ich habe solches Kopfweh!«

»Ja, ja, mit der Liebe!« kam es aus der Ecke, wo die Gummischuhe gesucht wurden.

»Na adieu, fröhliches Fest!« rief Thea.

»Danke schön! Viel Vergnügen zu Hause,« entgegnete Julie und ging in ihr Zimmer.

»Grüßen Sie Ihren blonden Freund von mir,« kam es hinter ihr her.

Im Zimmer war es dunkel. Nur an der Decke blinzelten die Lichter der Straße. Ihre Hand streifte einen Stuhl, sie stieß ihn heftig zurück. Was war denn geschehen? Sie wollte doch gewiß nichts Absonderliches vom Leben, nichts Außergewöhnliches. Sie wußte doch, daß Heiraten so vor sich ging, daß der Antrag kam und alles Weitere sich mit geschäftsmäßiger Feierlichkeit abspielte. Unter anderen Bedingungen, meinte sie, hätte ihr dies alles auch nicht weh getan.

Aber, daß es so gekommen war! Daß dieser alte Mann, den sie geachtet hatte, sie mit seinem Sohne zusammenbringen wollte, ganz gleich, ob sie ihn liebte oder nicht, daß er sich ihr Alleinstehen in der Welt zunutze machte, sich ihrer Schwachheit und Zaghaftigkeit bedienen wollte, um sie zu dieser Ehe zu überreden, das traf sie. Nicht nur ihren Stolz. Oh, demütigend war es wohl, aber es kam ihr auch unsittlich vor. Ihr Schamgefühl litt.

Sie war oft bei Stockmanns gewesen und hatte sich mit Johannes beinahe freundschaftlich gestanden. Vieles an ihm gefiel ihr; erst neulich hatte er ihr gesagt, er wolle bei dem Vater wohnen bleiben, er fühle sich innerlich dazu verpflichtet; das hatte sie für ihn eingenommen. Mit dem Professor hatte es zwar immer erregte Auseinandersetzungen gegeben; aber Achtung vor seinen Anschauungen war stets in ihren Worten gewesen. Sie hatte von diesen Menschen lernen wollen und hatte auch nach dem ersten mißlungenen Versuche nicht die Mühe gescheut, es wieder und nochmals zu tun. Hatten Stockmanns nicht einmal so viel von ihr kennengelernt, daß sie sich einen Begriff davon hätten machen können, wie sie über die Ehe dächte. Ohne Liebe ...!

Lange saß Julie und grübelte darüber, wie dieses hatte kommen können. Es mußte schon spät sein, als sie durch ein Klopfen aufgeschreckt wurde. Das Mädchen kam; dieser Brief sei abgegeben worden. Ob sie die Lampe bringen solle? -- Ja, wenn sie so freundlich sein wolle.

Julie nahm den Brief, und jetzt zum ersten Male dachte sie an Peter Owen. Ja, o ja! Sie konnte es kaum erwarten, daß Licht käme. Sie streichelte den Brief, riß ihn auf und ging ans Fenster; vielleicht könnte sie ihn bei dem Lichte der Laternen lesen. Aber es war nichts zu erkennen. Endlich kam die Lampe. Sie setzte sich an den Tisch und nahm den Bogen vor die Augen.

»Mein sehr verehrtes, gnädiges Fräulein!« las sie. Sie drehte das Blatt heftig um. »Johannes Stockmann!« -- Einen Augenblick dachte sie daran, den Brief zu einem Knäuel zu ballen; den wollte sie auf die Straße werfen oder ins Feuer oder in den Papierkorb. Doch dann hob sie müde die Hände und las:

»Mein Vater hat mir soeben das Ergebnis seiner Unterredung mit Ihnen mitgeteilt. Ich bin dadurch schmerzlicher betroffen, als Sie wahrscheinlich ahnen werden. Wenn ich mit diesen Zeilen nochmals zu Ihnen komme, so geschieht es nicht in der Hoffnung, doch noch eine günstige Antwort auf meine Frage von Ihnen zu erlangen, sondern um ein Mißverständnis aufzuklären, das mich Ihnen in einem falschen Lichte hat erscheinen lassen. Als ich meinem Vater mitteilte, daß ich Sie um Ihre Hand bitten wolle, stand er meiner Bitte um seine Einwilligung nicht so freundlich gegenüber. Er äußerte Bedenken, die sich insonderheit auf Ihre freieren Anschauungen bezogen. Es gab eine lebhafte Auseinandersetzung, aus der ich schließlich nur dadurch als Sieger hervorging, daß ich meinem Vater sagte, Sie würden, wenn Sie erst meine Frau wären, unter seinem und meinem Einfluß gewiß wieder auf den rechten Weg kommen. Dieses Argument leuchtete ihm ein. Er wollte sich jedoch nicht nehmen lassen, selbst als erster mit Ihnen darüber zu reden. Weil ich hoffte, daß Sie für seine väterliche Sorgfalt das rechte Verständnis haben würden, fügte ich mich. Ich will Ihnen offen alles sagen. Daß ich Sie sehr lieb habe, brauche ich nicht zu betonen; Sie werden aus den Zugeständnissen, die ich meinem Vater gemacht habe, um seine Einwilligung zu erlangen, erkennen, ~wie~ lieb ich Sie haben muß. Aber noch etwas anderes muß ich Ihnen sagen. Gerade durch Sie hoffte ich mich von den drückenden Fesseln frei zu machen. Mit Ihnen wollte ich ein neues Leben anfangen. Sie sollten es mich lehren. Das war die sehnende Hoffnung, die ich auf Sie setzte, die große Lebensfrage, die Sie entscheiden sollten.

Nun haben Sie anders beschlossen. Ich werde lernen müssen, mich damit abzufinden. Aber Sie sollen später nicht an mich zurückdenken als an einen, der den Kampf nicht wagen wollte. Deshalb habe ich Ihnen diese Zeilen geschrieben.

Sie werden mir wohl nichts zu antworten haben; jedenfalls wissen Sie nun alles.

Ihr Johannes Stockmann.«

Julie legte den Brief aus der Hand.

Aber plötzlich zerriß sie den Brief und krampfte die Hände ineinander. Dann sank sie auf die weiße Decke ihres Bettes und schluchzte.

Sie sehnte sich nach Peter.

XXVII

Sie sehnte sich nach Peter, die ganze Nacht hindurch, bis der Morgen kam. Da wußte sie, daß sie zu ihm gehen mußte. Mit einem Male war dieser Gedanke da. Und er veränderte alles.