Chapter 8 of 13 · 3992 words · ~20 min read

Part 8

Julies Zimmer hatte sich in den zwei Monaten, die sie nun schon in Berlin war, verändert. Zwar standen dieselben Möbel darin, dieselben gleichgültigen Bilder hingen an den Wänden; nur einige Linien waren verschoben. Der Schreibtisch hatte günstigeres Licht bekommen, der kleine Tisch, auf dem früher eine bunte Photographie gestanden hatte, war jetzt mit Büchern bedeckt. Und durch diese Änderungen hatte das Zimmer ein persönliches Aussehen bekommen. Es roch nicht mehr nach dem Preise, nicht mehr nach Koffern und den Kleidern der früheren Bewohner, es war nicht mehr Pension, sondern Julies Zimmer. Denn nun waren auch Blumen da, nicht etwa die bekannten Töpfchen mit Alpenveilchen oder Fuchsien, sondern lange Vasen und niedrige Schalen mit den reinen Farben des Feldes. Heute breitete sich geradezu ein Goldton über dem Zimmer. Auf den Schreibtisch, auf die Kommode, auf den Ofensims, wo nur Licht und guter Hintergrund war, hatte Julie Goldlack hingestellt. Sie selbst saß am Fenster mit einem Buche; und so oft geschah es, daß sie das Buch zuschlug und den graublauen Einband neben die Blumen hielt. Darauf hatte sie sich schon so lange gefreut; immer war sie in der Stadt herumgelaufen, um Goldlack zu kaufen, aber die kümmerlichen Stengel hatte sie nicht gemocht; heute endlich war sie mit einem großen Strauß zurückgekommen.

Ihr fiel zum ersten Male ein, daß ihre Lebensweise hier eigentlich kaum anders sei als zu Hause; zwar besuchte sie ihre Vorträge pünktlich und kehrte mit gewissenhaften Notizen zurück, zwar ging sie oft ins Theater, aber wirkliche Freude fand sie doch erst, wenn sie mit ihren Büchern und Blumen allein war. Die vielgerühmte Anregung der Großstadt hatte sie enttäuscht. Es war eine phrasenhafte Architektur nicht nur in den öffentlichen und privaten Gebäuden, sondern auch in der Bildung der Menschen, mit denen sie zusammenkam, ein Zug von Handwerksmäßigkeit, ein Mangel an künstlerischer Lebendigkeit. Das hatte Julie sehr bald empfunden, und nachdem sie in den ersten Wochen mancherlei Verkehr gehabt hatte, fing sie nun schon an, lieber zu Hause zu bleiben. Es war ihr ja nicht um Kenntnisse zu tun, sondern um Schönheit. Und gerade die hatte sie nicht gefunden. Konventionelle Schönheiten natürlich allerwärts; in ihren Vorträgen flossen sie in Strömen. Aber Julie wollte Schönheiten haben, die ihr allein gehörten.

Schien also der Berliner Aufenthalt nur den Erfolg zu haben, daß Julie zu der Einsicht kam, zu Hause sei es besser, so dachte sie doch nicht daran, jetzt wieder fortzugehen.

Jedenfalls schlug sie jetzt ihr Buch wieder auf und freute sich, daß sie noch eine Stunde Zeit hatte, bis sie sich für die kleine Abendgesellschaft bei Professor Stockmann umziehen mußte. Sie blätterte und suchte eine Stelle und las. Es waren die »Essays« von Ellen Key. Selten war ihr ein Buch so viel gewesen. Noch nie hatte sie so stark den Eindruck gehabt, als wäre hier ausgesprochen, was sie schon seit Jahren unklar empfunden hatte. Mit jeder Zeile, die sie las, schien etwas in ihr frei zu werden. Die Töne, die schon lange aus fragender Tiefe zu ihr heraufgekommen waren, einten sich zu einer Melodie, und sie erkannte jetzt etwas, das allen ihren Hoffnungen, Wünschen und Handlungen Richtung gegeben hatte, ohne daß es ihr recht bewußt geworden war.

Heute las Julie den kurzen Aufsatz über das Weib der Zukunft. Diese Worte hatten bei ihr schon nahezu eine Geschichte. Zuerst war es ein Staunen gewesen vor der frühlingsfrohen Kraft dieser Persönlichkeit, die ihre eigenen geheimsten Wünsche offenbarte. Dann -- Wochen waren darüber hingegangen -- mit einem Male hatte sie entdeckt, daß die Entwicklungsmöglichkeiten, von denen hier die Rede war, auch in ihr verborgen waren, daß sie sie nur bisher noch nicht gekannt hatte. Da war sie sich vorgekommen wie eine, die im Zimmer sitzt und ihre bescheidene Freude über ein bißchen Sonnenschein hat, aber plötzlich geht die Tür weit auf, und draußen lacht es und jubelt von Blumen, und das Licht ist gleich einem Meer, und über den Himmel segeln Wolken. Und dann tritt jemand herein und sagt: »Dies alles ist dein, du weißt es nur noch nicht! Du brauchst nur aufzustehen und hineinzugehen!« -- Es ward das Jauchzen des Sommermorgens, ein Gefühl von Macht, ein Ausbreiten der Arme, ein ungestümes Laufen in die Luft hinein, ja, Tränen von Glück und Dankbarkeit.

Aber heute war es wieder ganz anders. Sie sah nicht mehr die Fernen, nicht mehr das weite Grün, nicht mehr das unendliche Blau.

Sie war vor einer Blume stehengeblieben. Und wie ihre Sehnsucht bisher an der Linie des Horizonts gehangen hatte, so senkte sie sich nun in den Kelch dieser einen Blüte hinein.

»Sie wird stets Geliebte bleiben, und nur so wird sie Mutter werden! Ihr religiöser Kult wird sein, des Lebens Seligkeit zu schaffen.«

Es kamen wohl viele Düfte aus dem tiefen Kelche dieser Blume, wie es viele Arten Sehnsucht gibt. Dufteten diese Worte von des Lebens Seligkeit nicht nach Rosen, und wußten sie nicht von der Liebe heißen Lippen? War es nicht herb und doch betäubend, zu empfinden, daß Macht in ihren Händen lag? Daß nur die Frau der Welt die Kostbarkeiten bringen kann, die des Lebens Seligkeiten schaffen?! Und waren da nicht auch die Tiefen ungewisser Dinge, vor denen man ein süßes Grauen empfand ...?

Von diesen Sehnsüchten blieb keine bei Julie. Eine andere kam, leise und zaghaft, das Dämmern aufzuwecken, in dem die Empfindungen der Jungfräulichkeit geträumt hatten: die Sehnsucht nach Mütterlichkeit.

In diesem neuen Empfinden waren Schmerz und Glück so nahe beieinander, daß es eine Ruhe wurde, die sanft über die Augen strich. Und Julie stand mit andächtiger Scheu, wie vor etwas Heiligem. Aber sie war keine von denen, die träumend stehenbleiben. Ihre Gedanken gingen weiter.

Ellen Key fährt an jener Stelle fort: »Sie wird mit klarem Blick und tiefem Verantwortlichkeitsgefühl den Vater ihrer Kinder wählen.«

Julie hatte diesen Gedanken noch nicht bewußt ergriffen, aber ihr Empfinden mochte wohl schon auf ihn lauschen.

XIX

Generationen hindurch waren Professor Stockmanns Vorfahren Geistliche gewesen. Von Hause aus derbfäustige Naturen, hatten sie schon im Dreißigjährigen Krieg den Protestantismus mit Begeisterung verteidigt. Dies war ihre gesündeste und beste Zeit gewesen. Denn der empfindsame Augenaufschlag des Pietismus, der ihr folgte, war nichts für ihre einfachen Augen. Diese Augen waren nicht scharf genug, um Empfindung von Phrase zu scheiden. Und so hatte sich der Väter Überzeugungstreue in ein Gewirr unklarer Gedanken und verwaschener Gefühle gewandelt, und die persönliche Tat des protestantischen Bekenntnisses war zu einer leeren Tradition geworden.

Diese Tradition machte man in der Familie nun zur Grundlage einer Erziehung, die heute kaum anders war als vor zweihundert Jahren.

Es war System in dieser Erziehung. Die Bilder an den Wänden, Porträts von Francke, Spener, der Christuskopf von Guido Reni, die vergilbten Photographien von Werken der Nazarener redeten dieselbe eindringliche Sprache wie Morgen- und Abendandachten, Bet- und Bibelstunden. Es gab keine Gespräche, die nicht mit geistlichen Betrachtungen gewürzt gewesen wären, keinen Entschluß, bei dem man vergessen hätte, zu prüfen, ob er Gottes Wille sei. -- Den Dingen der Welt stand man mit der uneingestandenen Feindseligkeit und dem Argwohn der evangelischen Milde gegenüber. Man war tolerant; aber man wußte, daß durch eine Falte der Stirn, durch geschickt eingeschaltete Nebensätze eine Verurteilung schärfer ausgesprochen werden kann als durch gehässige Rede. Man verehrte die Kunst: aber sie mußte an den Stufen von Gottes Thron stehen. Man sah die Kunstwerke unter evangelischem Gesichtswinkel, man hörte die Musik zur Ehre Gottes.

Dieses Erziehungssystem bemächtigte sich ihres Lebens derart, daß von persönlichem Religionserlebnis, von religiöser Sehnsucht längst nicht mehr die Rede sein konnte; vielmehr durfte man sagen, daß den Stockmanns der Protestantismus in Fleisch und Blut übergegangen war. Unter dieser Voraussetzung war es zu begreifen, daß die Jungen schon mit zwölf Jahren ihre festen Ziele hatten, und daß aus ihnen Menschen wurden, die niemals mit Scheu vor den Fragen des Lebens stehenblieben, die weder den heiligen Ernst des Suchens, noch das Glück des Findens kannten. Es kamen freilich Tage, wo des Lebens Sturmwinde heransausten, morsche Stämme zu brechen und Platz zu schaffen für junge Bäume, die stark werden sollten. Da wäre Gelegenheit gewesen, einmal aufzuräumen, einmal nachzusehen, was des Wachsens noch wert wäre, und der Schößlinge zu achten, die heimlich aus dem Schutt herauskamen.

Aber das taten die Stockmanns nicht.

Hatte bis zu diesem Zeitpunkte alle Verantwortung den Eltern zugesprochen werden müssen, so traf sie jetzt die junge Generation. Diese aber wagte keinen Kampf. Vielleicht wollte sie ihre Gewohnheiten nicht aufgeben, vielleicht war sie überhaupt zu blaß, zu kränklich. Der Mangel an Lebensmut und Lebensbejahung, der sie den Kampf vermeiden hieß, vererbte sich gleichfalls und wuchs im Laufe der Zeiten zu einer beträchtlichen Schuldenlast heran. Die Eigenschaften, die beim Urgroßvater wertvoll gewesen waren, wirkten heute als eigensinnige Schrullen. Aus seinem Glauben war Starrheit geworden, aus seiner Innigkeit Sentimentalität.

Durch die Ehen, die in der Familie geschlossen worden waren, hatten die Wirkungen dieser Erziehung nicht aufgehoben werden können. Es waren immer Frauen gewesen, die verwandtem Boden entstammten. Nur eine Ausnahme gab es, und diese Frau hatte allerdings anderes Blut in die Familie hineingebracht; das war Mathilde Dorn gewesen, die Tochter eines stillen Gelehrten, dessen Leben voller Güte unbemerkt bei trockener Fachwissenschaft vorübergegangen war, nach dessen nicht ganz aufgeklärtem Tode man jedoch einige Arbeiten über die Freiheit der naturwissenschaftlichen Forschung vorfand, die seine Persönlichkeit unter eine veränderte Beleuchtung brachten. Mathilde Dorn war verschlossen und träumerisch. Ihr Wesen hatte die Milde eines Regens, der an schwülen Sommertagen zur Erde rauscht, ohne zu kühlen. Als Professor Stockmann sie heiratete, lebte ihr Vater noch, und als die Kinder kamen, Martha und zwei Jahre später Johannes, war zu hoffen, daß ihre Erziehung von anderer Art sein würde, als sonst in der Familie gebräuchlich war. Denn Mathilde liebte ihre Kinder mit dem leidenschaftlichen Muttergefühl einer Frau, die nichts anderes hat als ihre Kinder. Besaß sie auch selbst kein stark ausgeprägtes eigenes Wesen, so durfte man doch von diesem durch keine Begriffe beirrten mütterlichen Gefühl mancherlei erwarten. Aber nach wenigen Jahren starb Mathildens Vater, und geraume Zeit darauf folgte sie ihm, ohne ihre Kinder bis zu einer inneren Selbständigkeit gebracht zu haben.

Es sei ein Herzleiden, sagten die Ärzte, aber in Wirklichkeit ging sie an den fortgesetzten stillen Vorwürfen zugrunde, die ihr Mann wegen jener Schriften ihres Vaters gegen sie erhoben hatte. Immerhin erkannte man noch heute an den Kindern die Mutter.

Martha, die seit ihrer Konfirmation dem Hauswesen vorstand, verband mit der kindlichen Liebe zum Vater doch eine gewisse Unabhängigkeit. Sie hatte den Glauben ihres Vaters, aber ein Glanz war übers ihn gebreitet, der von persönlichem Empfinden herkam.

Johannes hingegen hatte von der Mutter die Zweifel geerbt. Sie entbehrten zwar der Schärfe und hatten hin und wieder eine gewisse Haltlosigkeit zur Folge; aber an dieser Stelle kam ihm die Hartnäckigkeit des Vaters zugute. So gab es in seinem Leben wenigstens scheinbare Kämpfe. Selbständigkeit gehörte nicht zu seinen Eigenschaften. Aber er besaß eine gewisse Geschicklichkeit: er nahm niemals Partei für Anschauungen, die den Familientraditionen zuwiderliefen, aber er machte kleine Konzessionen, gestand einigen Punkten eine Berechtigung zu und fühlte sich immer auf der Höhe überlegener Milde.

Professor Stockmann hatte sich allmählich in seine Kinder gefunden. Daß der positive Glaube ihnen keine Herzenssache war, wußte er wohl; aber er zog es vor, diese Lücke zuzudecken, ohne sie zu ergründen. Für diese Nachsicht forderte er stillschweigend das Festhalten an allen äußerlichen Gewohnheiten. Es gab keinen Widerspruch gegen seine Anschauungen; und die Kinder waren klug genug, dem Vater zu folgen, ja, sie taten es sogar aus Überzeugung. Drei- bis viermal im Jahr ging man zur Kommunion, morgens und abends versammelte man sich zur Andacht, genau so, wie es unter dem seligen Generalsuperintendenten gewesen war.

Zu dieser Familie kam Julie Hellwege.

XX

Es gibt Farben, die sich im Schatten gleichen, im Licht aber einander nicht mehr kennen. Und es gibt Menschen, die in der Dämmerung des Alltags meinen, sie gehören zusammen, und doch plötzlich einander fremd sind, wenn das Licht einer Morgenstunde in jene dunkeln Ecken fällt, die ihnen selbst noch unbekannt waren. Oft freilich geschieht es, daß das Leben vorüberschreitet, und jene Stunde will nicht kommen und bleibt fern, bis diese Menschen sterben; und erst die Kinder gewahren, daß sich Abgründe geschrofft haben, wo die Väter an sichere Straßen glaubten. So war Rechtsanwalt Hellwege gestorben und hatte noch drei Tage vor seinem Tode von seinem Studienfreunde Stockmann erzählt, mit ihm habe er sich immer am besten verstanden. Und nun saß Julie dem Professor gegenüber, und der hörte nicht auf, sich zu verwundern und zu entsetzen, daß dieses die Tochter seines Kommilitonen Hellwege war. Und der Doktor Johannes fühlte sich befangen, merkte etwas von Überlegenheit, die anerkannt werden müßte, und trat dennoch auf die Seite seines Vaters.

Julie war nicht so sicher, wie sie sich gab. Mokantes Lächeln war hier nicht am Platz, und jede Art von Spiegelfechterei bedeutete einen Verlust. An Energie wäre dieser Gegner sicher gleichwertig, nachgeben würde er nie, und es bedürfte starker Waffen, sich zu behaupten. Trotz allem war sie unbekümmert und darum von vornherein im Vorteil.

»Wir sind immer am liebsten jedes für sich allein gewesen: vielleicht, weil wir so sehr zusammengehörten, weil etwas ganz Besonderes zwischen uns bestand und wir nicht wollten, daß ein laues Familienglück daraus würde.«

»Und Sie sind sicher, daß niemand von Ihnen bei diesem Verhältnis zu kurz kommt?«

»Vielleicht! Aber das ist dann eigene Schuld. Um selbst glücklich zu sein, darf man nicht auf andere warten.« Julie hörte ihre Stimme klar und bestimmt. Es ist ein eigenes Gefühl, lachend in eine Umgebung zu kommen, wo nüchterner Ernst und graue Gleichmäßigkeit herrschen. Und wie empfindet man die stummen Entgegnungen, die von allen Seiten zu einem kommen, sei es, um einem zu danken, daß man den Mut hatte, die Ruhe aufzuwecken, sei es, um sich zu sträuben, weil solches geschieht!

Der Professor schüttelte den Kopf.

»Kind! Was sind das für Anschauungen! Gerade das Zusammenhalten der einzelnen Glieder macht das Familienglück innig und fest. Sehen Sie meine Kinder an!«

Der Doktor nickte gehorsam Beifall.

»Das haben wir gewiß erfahren ...!«

»Aber es kann doch auch eine Gefahr darin sein: viele meinen, nur für andere leben zu müssen, und verlieren darüber sich selbst.«

Der Pastor hob die Hand.

»Ist das ein Nachteil? ›Liebe deinen Nächsten als dich selbst‹, sagt die Schrift.«

Der Doktor fand einen Ausweg.

»Man muß es eben verstehen, aus dem Boden der Familie Kraft für die eigene Persönlichkeit zu ziehen. Natürlich soll man sich selbständig entwickeln. Aber darf man nicht dennoch etwas haben, woran man sich anlehnen kann, wenn müde Stunden kommen?!«

Julie hatte eine lächelnde Empfindung: wie mochte es aussehen, wenn dieser blonde, gesunde Mann sich müde an seine Familie lehnte, an den weißen Kopf seines Vaters oder an Marthas schlicht abfallende Schultern?!

»Ich sage ja nur, daß gerade die Familie einen hindern kann, überhaupt selbständig zu werden; da sind Rücksichten und Bedenken ...«

»Und gerade diese bilden die treffliche Erziehung des Familienlebens,« entgegnete der Professor lebhaft. »Sollen wir doch einer dem anderen helfen, mit Liebe, Nachsicht und Demut, einander fördern auf dieser irdischen Reise. Wir sollen entsagen lernen und unser Selbst verleugnen ...«

Julie blickte mit einem Anflug von Mitleid auf die scharfen Züge des alten Mannes; in diesen Falten lagen allerdings ganze Geschichten von Entsagung, und man suchte vergebens nach einer weichen Fläche, die von Lebensfreude hätte sprechen können. Sie empfand ein Grauen, als sei sie in dieses Gerechten Gewalt gegeben und müsse ihm gehorchen. Blumen, Sonne und Farben wurden blaß und glitten in unerreichbare Ferne, und an den Wänden standen Drohungen. Sie warf ängstlich den Kopf in die Höhe.

»Ein Recht zu entsagen habe ich nur dann, wenn ich es aus eigener Erkenntnis und freiem Willen tue.«

Der Doktor horchte.

»Wie stolz Sie sind! Es ist gewiß ein hoher Standpunkt ...«

Aber der Vater unterbrach ihn.

»Nein, nein, das wäre pharisäischer Hochmut. Entsagen heißt: das eigene arme Ich ausstreichen und sich in Gottes Willen fügen!«

Julie schwieg. Und der Doktor Johannes war ihr vielleicht dankbar dafür.

Als man nach dem Essen unter Thorwaldsens Christus saß, griff der Professor das Thema von neuem auf.

»Sehen Sie, liebes Kind, neulich hatte ich einen Brief von Ihrem Vormund. Er schrieb, Sie seien nun hier, und ich möchte mich in Erinnerung an Ihren seligen Vater Ihrer ein wenig annehmen, nun, Sie wissen ja, daß Sie bei uns wie zu Hause sein sollen, ja, und da schrieb er auch von Ihrer Schwester Marianne. Die ganze Familie war mit dieser Verlobung erst nicht einverstanden, nicht wahr? Ich weiß nicht, ob es nur Demut und Selbstverleugnung war, was Ihre Schwester bewogen hat, den Antrag dieses einfachen Mannes anzunehmen; aber ich möchte glauben, daß beides in ihr mitgesprochen hat, als sie den Entschluß faßte, ihm fürs Leben zu folgen. Nun sind die beiden so glücklich geworden. Muß man da nicht von Gottes Fügung sprechen, die alles besser gemacht hat, als die Familie es je für möglich gehalten hätte, die schon jetzt für die demütige Ergebung in seinen Willen reichen Lohn schenkt?« Julie wurde rot und dachte an die Tage, die jener Verlobung vorausgegangen waren; sie fühlte sich plötzlich verantwortlich für Marianne, nicht gerade, weil sie ihre Schwester war, sondern aus jenem Solidaritätsempfinden heraus, das das ganze Geschlecht verbindet. Eine Art von Scham erwachte in ihr, daß hier ein Mann daranging, etwas aufzudecken, was für die Frau immer keusch und unberührt bleiben sollte; und dann fühlte sie eine ärgerliche Gereiztheit, wie täppisch doch diese Hände wären, wie pfiffig und plump der Versuch, an dieser simplen Verlobungsgeschichte beweisen zu wollen, wie Gottes Gerechtigkeit die Entsagung belohne.

»Meine Schwester hatte ihn einfach lieb!« sagte sie schroff.

»Ist die eheliche Liebe kein Geschenk Gottes?«

»Und weil sie ihn lieb hat, kann von Entsagung nicht die Rede sein!«

»Nun, -- die Verhältnisse, in die sie gekommen ist, sind doch wohl recht einfach,« meinte der Professor behaglich. »Es wird manche Träne gekostet haben, sich dahinein zu gewöhnen, fürliebzunehmen mit einem niedrigen Hause, mit der Einsamkeit des Landlebens, den bescheidenen Freuden eines Dorfschullehrers ...«

»Sie hätte es doch anders haben können!« meinte der Doktor, »und darum erscheint es mir als ein Zeichen von Demut, daß sie ...«

»Wenn man jemand lieb hat, muß man alles für ihn tun können, nicht aus Demut, nicht aus Entsagung, sondern aus Liebe. Das ist nicht weiter gut oder groß, sondern natürlich und selbstverständlich!«

»Nun ja, gewiß,« stimmte der Doktor bei.

Julie war verstimmt. Das Gespräch erschien ihr plötzlich unnötig. Sie war mit der Absicht hergekommen, von diesen Menschen etwas zu lernen, und fand sich enttäuscht. Sie hatte sich selbst aus dem Spiele lassen, nur Neues aufnehmen, irgendeine Feinheit verstehen, eine scharfgezeichnete Linie sehen, andersgeartete Anschauungen hören wollen. Davon war hier nichts zu finden. Dies war weder friedlicher Meinungsaustausch noch ehrlicher Kampf. Vielmehr nichts anderes, als rechthaberisches Gezänk, wie etwa Kinder sich um ihre Spielsachen streiten. Da wurden Worte falsch gedeutet, Begriffe verschoben, jeder saß trotzig ernst auf seinem Stuhl und dachte nicht daran, dem andern entgegenzukommen, und dazu diese ölige, versalzene Milde, wie eine schlecht zubereitete Mayonnaisensauce! Und was das schlimmste war: sie selbst wurde von diesem Ton angesteckt, sie blieb nicht bei der Sache, suchte nach spitzen Entgegnungen und fühlte sich klein und häßlich.

Der Doktor wollte einlenken.

»Alles, was aus Liebe geschieht, steht jenseits von Gut und Böse.«

Da lachte Julie. Und mit diesem Lachen hatte sie ihre gute Laune wiedergefunden.

Martha hatte während der Unterhaltung schweigsam in einer Ecke gesessen. Wovon Julie sprach, das hatte sie wohl schon manchmal gelesen, aber noch niemals aussprechen hören. Sie hatte Ähnliches auch schon gedacht, aber noch nicht den Mut gehabt, davon zu reden. So lauschte sie ängstlich und begeistert auf Julies Stimme, mit der leidenschaftlichen Erregung der schwachen Seele, die nur in ihrer Phantasie den Kampf wagt und Triumphe feiert.

Julie verstand sich nicht auf solche Wesen; sonst hätte sie eine dankbare Wärme und den fast flehenden Ausdruck einer Bitte empfunden, als Martha ihr beim Weggehen sagte:

»Kommen Sie recht, recht bald wieder!«

Doktor Johannes begleitete Julie nach Hause. Das ließ er sich nicht nehmen, den ganzen Abend hatte er sich darauf gefreut. Nicht eigentlich gefreut, aber er hatte darauf gewartet, als müsse er sich verteidigen oder sie wenigstens über sich aufklären, als dürfe er es unter keinen Umständen zulassen, daß sie mit diesem, wie er meinte, unfertigen Eindruck Von ihm wegginge. Oh, es wäre im Grunde natürlich ganz gleichgültig, was andere Menschen über ihn dächten; man mochte ihn getrost verurteilen. Johannes liebte es, sich ein wenig als Märtyrer zu fühlen. Er wußte ja genau, daß er richtig handelte, wenn er mit kindlicher Ehrfurcht seine Anschauungen vor dem Vater verbarg. Aber, nun ja, er hätte doch gern mit Julie darüber gesprochen. Er redete sich vor, sie würde ihn verstehen, vielleicht bemitleiden oder gar bewundern.

Als sie um die Straßenecke bogen, fing er an: »Sie waren vielleicht erstaunt, daß ich meinem Vater gegenüber mit meiner Meinung etwas zurückgehalten habe. Meine Situation zu Hause ist nicht ganz einfach. Meines Vaters Anschauungen sind streng orthodox. Für ihn als Professor der Dogmatik besteht ja auch geradezu die Notwendigkeit, seine Stellung zu religiösen und ethischen Fragen genau zu präzisieren.«

Es freute ihn, wie klar er sich ausdrückte. Die Worte klangen rund von den Häuserwänden zurück. Seine Schritte waren fest und bewußt. Es schien, als wolle die Stille der Straße seiner Energie noch besonderen Nachdruck verleihen.

Julie betrachtete ihn. Aber ehe er fortfahren konnte, sagte sie etwas, wovon ihr erst in diesem Augenblick einfiel, daß sie während des ganzen Abends den Wunsch gehabt hatte, es auszusprechen. »Ich finde, Sie haben keinen Mut!«

Das hatte der Doktor freilich nicht erwartet. Aber gleichzeitig empfand er merkwürdigerweise ganz deutlich, daß nur dieses über sein Verhalten gesagt werden konnte. Er suchte nach einer Entgegnung: Kindesliebe, väterliche Autorität ...! Doch plötzlich hatte er den Wunsch, sie möchte weiterreden. Er fühlte eine ferne Möglichkeit von Freiheit.

»Sie haben doch das Recht, Ihre Meinung zu vertreten. Wollen Sie Ihren Vater täuschen? Das glaube ich nicht. Oder wollen Sie aus Ehrfurcht vor ihm schweigen? Ich wäre traurig, wenn mein Kind nicht mehr von mir gelernt hätte, als zu schweigen oder Beifall zu klatschen, wenn ich rede. Und ich denke es mir den glücklichsten Augenblick, wenn mein Kind mir zum ersten Male aus Überlegung widerspräche.«

Johannes hatte eine peinliche Empfindung. Daß sie von ihren Kindern sprach, war ihm unangenehm. Er hätte sie sich weiblicher gedacht.

»Jedenfalls kann ich mir nicht denken, daß man dabei glücklich sein kann,« fuhr Julie fort.

»Nein, nein, ich bin auch nicht glücklich,« stotterte Johannes. »Wie ich Ihnen schon sagte: meine Situation ...«

»Übrigens wäre es verständlich, wenn Sie wirklich schweigen ~wollten~. Die natürliche Empfindung der Innigkeit, die Eltern und Kinder verbindet, macht es uns, den Kindern, eigentlich unmöglich, die Eltern belehren zu wollen. Aber wie einer es ertragen kann, schweigen zu ~müssen~, seine Persönlichkeit unterdrückt zu sehen, das kann ich nicht begreifen.«

Sie gingen eine Weile nebeneinander her, ohne etwas zu sagen. Johannes hatte sich diese Unterhaltung anders gedacht. Er war nicht zufrieden. Aber er mochte sie nicht abbrechen. In der Nachtluft ging es sich so behaglich, und eigentlich hörte er es gern, wenn sie über ihn sprach. Seine Gedanken waren vielleicht schon gar nicht mehr bei der Sache, und nur, um irgendetwas zu entgegnen, fragte er:

»Wie soll man anders handeln?«

»Indem man seine persönliche Freiheit behauptet.«

»Wie denken Sie sich das? Soll ich den häuslichen Frieden stören? Soll ich widersprechen?«

»Nein!« Julie schüttelte den Kopf. Sie dachte nach; sie überlegte ganz ernsthaft, wie dem Doktor geholfen werden könnte. Sie wurde sich gar nicht bewußt, daß sie zum ersten Male einem erwachsenen Menschen nach eigener Überlegung einen Rat geben wollte, und daß es eigentlich ein etwas komischer Fall sei, einem jungen Privatdozenten Verhaltungsmaßregeln darüber zu erteilen, wie er sich seine Selbständigkeit bewahren solle. Plötzlich fragte sie unvermittelt: »Wohnen Sie bei Ihrem Vater?«

Natürlich, das täte er. Warum sollte er auswärts wohnen?

»Nun ja, damit würde ich anfangen. Ich würde mir zwei Zimmer mieten, in einer ganz anderen Gegend von Berlin, die würde ich mir nach meinem Geschmack einrichten, mit Bildern, Vasen und Blumen; dann hat man doch erst mal ein richtiges Zuhause, wo man bei sich selbst ist. Und dort müssen Sie so leben, wie es Ihren Anschauungen entspricht. Und ...«