Chapter 11 of 13 · 3987 words · ~20 min read

Part 11

Bei Peter war sie schon oft gewesen, daran war nichts Neues, jetzt aber schien es ihr doch ganz anders. Als geschehe es heute zum ersten Male mit Bewußtsein, mit einem Empfinden, das bisher geträumt hatte, heute aber jede Schönheit tausendfältig nehmen würde, mit allem Jubel ihres Glückes. Wie eine Kinder-Weihnachtsfreude wartete es in ihr. Sie kam sich vor wie eine, die am Vormittag, als die Mutter aus der Weihnachtsstube kam, scheu und sehnsüchtig durch die halboffene Tür hineingeblickt hatte. Da stand der Baum, groß und dunkel, und auf dem Tisch lagen viele Dinge. So seltsam sah das alles aus, als ob es schliefe. Aber sie wußte, daß es am Abend anders sein würde. Ein Glanz, der durch die Tür bräche, Wogen von Licht, die aus einer leuchtenden Mitte herniederfluteten und das Zimmer bis in seine dunkelsten Ecken füllten, unzählige Lichtpünktchen, die sich leise wiegten oder strahlend stillestünden.

Noch immer war es Vormittag. Stunden müßten gehen, bis es dunkel würde.

Sie saß am Fenster, hatte ihre Uhr vor sich hingelegt und sah auf die Straße. Oder in den Himmel oder ins Zimmer zurück. Der Zeiger rückte so langsam.

Zwei Pakete wurden für sie gebracht, Weihnachtspakete.

Das eine kam von Evelyn. Nelken und Veilchen waren darin, ein Duft von stillen Gärten und blauem Himmel. Lange saß Julie davor. Dann öffnete sie das andere Paket. Eine rote Juchten-Schreibmappe von Marianne, feine Taschentücher und eine Bernsteinkette von Agnes Elisabeth. Sie legte es beiseite. Eigentlich berührte sie dies alles nur wenig. Kaum, daß sie sich über den Bernstein freute, den sie sich früher einmal so gewünscht hatte! Sie dachte an die Schwestern; aber sie machte sich nicht die Mühe, sich vorzustellen, wo sie heute abend sein würden. So weit von ihr waren sie, der räumliche Abstand erschien klein gegen die graue Strecke innerer Entferntheit.

Wieder sah sie auf die Straße oder in den Himmel oder ins Zimmer zurück. Die Zeit wollte nichts von Eile wissen, trödelte eine Viertelstunde, schlürfte weiter, schien ganze Minuten lang stillzustehen und kam mühselig zum Mittag. Die Blumen dufteten stärker, ein blasser Fleck auf der Fensterbank erzählte ein wenig von Sonne. Langsam ging es in den Nachmittag hinein.

Als die Schatten in den Ecken zu flüstern begannen, wurde aus der Freude ein Bangen. Ganz unbestimmt war es, wußte nicht, was es eigentlich wollte. Sie schloß die Augen, ihre Hände fielen in den Schoß. Ein weiches Flimmern ging durch ihren Körper, ein laues Gefühl, unter dem sie stillhielt und kein Glied rühren mochte. Dergleichen kannte Julie noch nicht; sie wäre zu andern Zeiten darüber erschrocken gewesen, hätte nicht eher geruht, als bis sie gefunden hätte, woher es käme. Aber auch ihre Empfindungen lagen mit halbgeschlossenen Augen unter einem Schleier verhängten Lichts.

Eine lange Zeit verging. Es war dunkel, als Julie aufschrak. Oben an der Decke blinzelten wieder die Laternenlichter, gerade wie gestern abend, und sie kam sich vor, als sei es noch gestern und sie habe diesen Tag nur geträumt. Sie sah nach der Uhr. Es war zwanzig Minuten vor sechs. Da sprang sie auf. Um fünf Uhr hatte sie bei ihm sein wollen. Er wartete schon. Sie mußte eilen. Hut und Jacke, einen großen Strauß von Evelyns Veilchen, -- und fort war sie.

Draußen auf der Straße begann es schon weihnachtsstill zu werden. Große Flocken segelten herunter und zergingen auf den Steinen. Die Luft war, als ob es tauen wollte.

Julie ging schnell. Nach kaum zehn Minuten stand sie vor seinem Hause. Sie wollte eintreten, aber plötzlich kehrte sie um und ging weiter. Als ob sie Angst hätte!

Sie ging die Straße zu Ende, bog in die nächste Seitenstraße, lief immer weiter, wie im Traum, und konnte ihr banges Gefühl nicht los werden. Fast eine Stunde irrte sie so umher und wußte kaum noch, wo sie war.

Überall sah sie jetzt Christbäume glänzen, hörte auch hier und da ein Weihnachtslied und kam sich wie das arme Kind vor, von dem sie bei Stockmanns einmal in einem Traktätchen gelesen hatte. Und plötzlich war eine Sehnsucht da, dieselbe Sehnsucht nach Lichtern und Weihnachtsduft, wie bei dem armen Kinde, und dann kam eine andere, die sie wohl kannte, seit gestern abend. Da wollte sie umkehren. Aber die Straße, in der sie war, erschien ihr mit einem Male bekannt, und plötzlich sah sie sich wieder vor seinem Hause.

Sie ging hinein.

Im Wohnzimmer saß er, in einem Mahagonisessel. Auf dem Schreibtisch standen zwei Messingleuchter mit dicken Wachskerzen, die still herunterbrannten, als sei hier eine Kirche. Auf dem Tisch wartete der Tee, der aber schon kalt war; vor zwei Stunden hatte Peter ihn bereitet, er hatte nichts davon getrunken, sondern mit ihm gewartet, bis halb sechs, bis sechs und dann noch eine Zeit, von der er nicht mehr wußte, wie lang sie gewesen war.

»Der Tee ist kalt geworden!«

»Du bist böse?«

»Hm!«

»Wirklich? Es ist Weihnachten, du!«

»Du bist wohl bei Stockmanns gewesen?«

»Komm, das wollen wir lassen!« Sie küßte ihn auf die Stirn, setzte sich ihm gegenüber und roch an den Veilchen.

Peter nahm seine Pfeife heraus.

»Du erlaubst?«

Sie nickte.

Er setzte die Pfeife in Brand. An ihre Torfbauern mußte Julie denken, so hielt er die Pfeife im Mund. Sah er nicht aus, wie ein ungezogener Junge, mit seinem kindlichen Ausdruck um den Mund, den grauen Augen, die manchmal hellblau leuchteten, wie wenn ein Wind über blaues Wasser geht? Kokettierte nicht ein kleines verschmitztes Lächeln aus diesen Augen, in kurzen, flackernden Blicken?

Plötzlich fing er an, mit halben Sätzen zu sprechen, wie einer tut, der die Pfeife im Munde hat.

»Hör’ mal, Julie, ich habe mir etwas überlegt.«

Ein paar blaue Wolken qualmten auf. »Es ist wohl besser, ich schreibe an deinen Vormund und bitte ihn in aller Form um deine Hand.«

Julie saß ganz still. Sie betrachtete eine Kerze, die schief gebrannt war und ihr Wachs langsam träufeln ließ.

»Wir sind dann richtig verlobt, vor aller Welt verlobt, und den Ansprüchen der Gesellschaft ist Genüge getan. Es ist natürlich eine Äußerlichkeit, eine törichte Form, aber man muß sie eben mitmachen. Es hat keinen Zweck, sich auszuschließen!«

Julie schwieg noch immer. Nun war die Wachssträhne auf dem Messing gelandet.

»Wir können dann bald heiraten, wir sehen uns zusammen die Welt an, später leben wir hier oder auf dem Lande.«

Von Julie kam kein Laut. Sie saß tief im Schatten. Er konnte nur sehen, daß ihre Handflächen vor dem Gesicht lagen. Er merkte, daß sie weinte. Es war kein Schluchzen, auch keine Tränen. Wie ein blasser Duft kam es zu ihm herüber. In diesem Dufte sonnte sich sein Lächeln.

»Wir werden dann alles miteinander teilen. Natürlich ohne übertriebene Rücksichten; jeder kann seine eigenen Wege gehen. Du arbeitest, ich male. Du bist mein Kamerad, mit dem ich über alles sprechen kann. Du kennst auch meine Freunde noch gar nicht,« dabei hatte er ihr vor acht Tagen gesagt, daß er nur einen alten Schulfreund oben in Holstein habe. »Von denen wirst du mancherlei Anregung haben. Wir werden ein Haus machen, viele Menschen sehen, vergnügt und glücklich nebeneinander durchs Leben gehen.«

Julies Hände sanken von ihrem Gesicht; ihre Augen sahen unbewegt in das Kerzenlicht.

»Das sind katholische Kirchenkerzen,« sagte Peter. Dann lachte er.

Julie stand auf und ging zu den Lichtern hin.

»Julie!«

Ein Zittern kam in den Heiligenschein, den die krausen Haare um ihren Kopf legten.

»Julie!«

»Ja ...?«

»Komm!«

»Nein, wenn du ~das~ willst, komme ich überhaupt nicht mehr zu dir! Wenn du glaubst, meine Liebe sei eine Allerweltsliebe ...«

Nun war es an ihm, still zu sein.

»Es ist mir gleich, was du von mir denkst, aber ich habe dich anders lieb, als daß ich dich danach heiraten werde! Gelübde tun, von denen ich nicht weiß, ob es nicht später ein Verbrechen ist, sie zu halten, alles, womit ich dich lieb habe, in Formen zwangen, zwischen denen es das ganze Leben bleiben soll, denen man immer nur Zugeständnisse machen muß, die einen erniedrigen, das Heiligste, was ich habe, im Alltag abnutzen ...! In deinem ›gastfreien Hause‹, und wenn ich für dich nicht ~mehr~ sein darf als dein Kamerad! Das würde nicht lange dauern. -- So bin ich, und wenn du mich so nicht haben willst ...«

Aus dem Lächeln in Peter Owens Gesicht war ein Strahlen geworden.

»Julie ...!«

Sie blickte sich um. Als sie sein Gesicht sah, machte sie ihre kleinen Schritte und kam auf ihn zugelaufen.

»Ich wollte es so gern einmal von dir hören!« sagte er.

Sie küßte ihn. O ja, sie küßte ihn.

Und nun wollten sie Weihnachten feiern.

Der Duft von ihrer Kindheit Tagen sollte im Zimmer dämmern, die wichtigen Geschichten sollten sich von neuem begeben, vom Versteckspielen im Hause der Großeltern, von den Windmühlenflügeln, die sie beinahe mitgenommen hätten, vom Hektor, der dann gestorben war. An ihren Kinderträumen wollten sie das Heute messen und konnten ihr Glück nicht anders sagen, als mit ihrem alten Kinderlachen.

Sie mußte die Augen zumachen, damit er die Leuchter hinaustragen und den Baum hereinbringen konnte. Damit sie nicht zu früh aufsehe, mußte sie bis hundert zählen; sie hörte aber schon bei fünfzig auf, und da stand vor ihr der kleine Baum mit allen seinen Lichtern.

Wie sie jubeln und lachen konnten! Um den Tisch herum liefen sie und sahen ihn von allen Seiten an und fanden, daß er von hier so lustig aussähe, aber von da noch lustiger. Julie wollte die Lichter recht genau betrachten, diese vergnügten Lichter, und kam zu nahe, daß ihr Haar schon ein wenig zu knistern anfing, er mußte sie wegziehen; da sie nun einmal in seinen Armen war, mußte er sie wohl küssen. Dann durfte er sie nicht stören, am Schreibtisch saß sie und malte ihre Verlobungsanzeige auf ein großes Stück Papier; die legte sie ihm unter den Baum und machte ein feierliches Gesicht, daß er dachte, es sei irgend etwas Liebes, was sie ihm aufgeschrieben hätte; nun war es dies. Und sie lachte ihn aus!

Geschenke hatten sie keine; was hätten sie sich auch noch schenken sollen?

»Ich dachte, du würdest mir eine Börse gehäkelt haben, Julie! Oder du hättest mir eine Brieftasche gestickt!«

»Ich ~habe~ ein Geschenk für dich, Peter,« sagte sie und wendete sich ein wenig ab. »Du weißt wohl nicht, was es sein könnte?«

»Nein!« kam es lächelnd zurück.

»Nicht?«

»Nein!«

Da drehte sie sich langsam um, der Heiligenschein der Weihnachtslichter war wieder über ihrem Haar.

»Mich!« sagte sie still.

Die Lichter, die bis jetzt geflackert und geschaukelt hatten, brannten nun ganz ruhig. Feierlich, wie es solchen Weihnachtslichtchen zukommt. Ganz sachte brannten sie herunter. Und dann erloschen sie eins nach dem anderen.

XXVIII

Es regnete.

Der Himmel war eine qualmende Dunstmasse. In krisselnden Strichen kam das Wasser am Fenster vorbei, spritzte gegen die Scheiben und klatschte auf die Dächer; an den Scheiben flossen die Tropfen in Bächen, und die Dächer waren blank. Ab und zu fuhr ein Windstoß daher und preßte den Regen gegen eine Wand, daß es zischte und knatterte.

Dann sprangen Böen aus den Wolken, nahmen das Wasser und fuhren durch die Straßen, peitschten es vor sich hin und schleppten es hinter sich her, waren plötzlich verschwunden, und wieder tropfte es in der Dachrinne und klopfte an die Fenster.

»Bei solchem Wetter kommen viele Gedanken und Träume!« sagte Julie.

Sie saß an ihrem Platz in Peters Atelier, neben dem Mahagoni-Pulte, wo sie ein wenig vom Fenster sehen konnte und doch zwischen allen den lieben Dingen des Zimmers war.

Peter hockte in einem Sessel.

»Früher waren dieses meine liebsten Farben! Jetzt freilich ...«

Er schwieg. Er empfand, daß er von etwas anderem, etwas ganz Bestimmtem sprechen wollte. Aber er wußte nicht, was es war. Er schwieg und suchte danach.

Bis Julie es fand.

»Ich denke an etwas, woran ich schon oft gedacht habe seit Weihnachten.«

»Vielleicht ist es das, wonach ich suche?! Sag’ es mir, Julie!«

Sie schwieg.

Der Regen schlug gegen das Fenster. Schwaden zogen draußen vorüber. Julie sah hinaus. Nach einer Weile kam es leise:

»Ich wüßte gern, ob wir wohl ein Kind haben werden?!«

Peter sagte nichts. Aber dies war es, wovon er mit ihr sprechen wollte.

»Ich denke darüber nach,« fuhr er nach einer Weile fort, »ob das Kind uns wohl dankbar dafür sein wird, daß seine Eltern nicht verheiratet sind?«

Wie weich klangen ihre Worte! War es nicht, als ob die Linien ihres Gesichts, auf denen die Dämmerung halbe Lichter spielen ließ, jetzt in leisen Tönen zu ihm sprächen?

»Ich möchte wissen, Peter, ob ein Kind einem niemals Vorwürfe machen kann? Die Menschen sind noch nicht so weit, daß sie den Unterschied begreifen zwischen Kindern aus einer Vernunftheirat und solchen, die -- aus dem kommen, was zwischen uns ist. Die Menschen werden es einem solchen Kinde sehr schwer machen, glaube ich; das Kind wird vielleicht seine beste Kraft daran verschwenden müssen, nur über die Schwierigkeiten hinwegzukommen, die ihm die Eltern bereitet haben.«

Sie hatte ihre Hände gefaltet und sah zu Peter hinüber.

Er saß still in seiner Ecke. Er wußte, wie schwer es Julie sein mußte, an diese Dinge zu rühren, die sie früher so leicht hatte in ihre Hände nehmen können, weil sie noch nicht zu ihnen gehört hatten.

»Glaubst du nicht, daß die Erziehung das Kind davor schützen wird? Ich meine, durch sie müßte es innerlich frei werden, so daß es unbekümmert seinen Weg gehen kann ...!«

»Ja, Peter! Aber vielleicht wird das Kind auch anders denken. Es will sein Leben selbst bestimmen dürfen, ebenso unabhängig, wie wir es getan haben; frei soll es vor dem Leben stehen, soll gehen dürfen, wohin seine Überzeugung es drängt. Darf man seine Entscheidung beeinflussen?«

Peter nickte langsam.

»Glaubst du nicht, daß wir unserem Kinde ...?«

»Peter!« Sie sah ihn mit strahlendem Lächeln an.

»Ja, unserem Kinde! Glaubst du nicht, daß wir ihm alles Schöne zeigen werden, so daß es fühlen und begreifen wird, was unser Leben ausfüllt?«

»Ja, Peter, das werden wir! Aber dürfen wir auch diese Frage seines Lebens ~entscheiden~? Entscheiden, ohne es vorher zu fragen? Ich glaube es nicht!«

Peter schaute sie bewegt an.

»Nicht wahr, du verstehst mich, Peter? Nicht die Menschen fürchte ich, und daß sie von Schande sprechen könnten; aber vor diesem Kinde würde ich mich fürchten, daß es einmal sagen könnte, wir hätten ihm im Wege gestanden.«

Sie saß eine Weile in Sinnen verloren. Und dann sagte sie leise: »Deshalb würde ich mir vielleicht doch wünschen, daß du mich heiratest!«

Peter stand vor ihr; seine Hand strich über ihr Haar.

»Und, nicht wahr, Peter, von uns selbst geben wir dabei doch nichts auf?! Zwischen uns beiden bleibt alles, wie wir es einander neulich gesagt haben!?«

Peter beugte sich zu ihr und küßte sie auf die Stirn.

Dann zog er sie in seinen Sessel. Lange saßen sie da, ganz still. Bis Peter ihre beiden Hände nahm und sagte:

»Dann soll es bald geschehen, Julie!«

Sie neigte ihren Kopf sehr tief.

»Du mußt das wissen, Peter! Ich weiß von diesen Dingen nichts!«

Und plötzlich weinte sie.

* * * * *

Noch an demselben Abend schrieb Peter Owen an den Vormund -- übrigens war Julie bereits seit einem halben Jahre mündig -- und zeigte diesem an, daß er sich mit Julie verheiraten werde. Er schätze sich glücklich, in verwandtschaftliche Beziehungen zu Herrn Craners Familie zu kommen, aber er bitte ihn, sich seinen und Julies Wünschen anzupassen und auf eine Hochzeitsfeier zu verzichten.

Dieser Brief erregte in der Familie Entsetzen.

Sechs Wochen später fand die Trauung statt.

XXIX

Das Leben ist für jeden von uns eine andere Musik.

Ein Konzert, in dem Symphonien von Gassenhauern begleitet werden und Tänze neben Trauermärschen klingen.

Ein Publikum, das sich hineindrängen läßt und nicht weiß, was gespielt werden wird.

Die meisten hören eine Musik, die ihnen nicht gefällt, und blicken neidisch auf die anderen, die im Konzert eine Elitenummer erwischt haben.

Wenige nur, die so klug sind, sich die Stücke auszusuchen, die sie hören wollen, die einen Blick ins Programm werfen und, wenn sie nicht finden, was sie brauchen, zu Hause bleiben und sich ihre Musik selbst machen.

Julie und Peter gehörten zu diesen wenigen. Zwar bot ihnen das Programm der Familie Brautgesang und Hochzeitsmärsche. Aber dergleichen mochten sie nicht hören.

An jenem Weihnachtsabend hatten sie ihre eigene Musik gefunden. Mit einer stillen Frage hatte sie begonnen, und eine Antwort war gekommen, brausend wie großes Orchester, mit Strömen von Licht und Wogen von Farben. Monate gingen, in denen nur diese Musik erklang, ein breites Andante voll Andacht, ein sonniges Scherzo mit Julies Kinderlachen, ein weinendes Adagio, mit Tränen allzu großer Freude, ein Presto, in dem es jubelte vor Glück.

Der Frühling war schon im Lande, als wieder ein neuer Satz begann. Es war dasselbe Thema, das er brachte, und doch ein anderes. Sie schwiegen ergriffen, als sie es hörten, sie falteten ihre Hände. War es nicht etwas Neues und Großes? Und war es nicht doch das alte?

Nur eine Melodie war hinzugekommen, aber um diese eine Melodie rankte sich alles herum; alles klammerte sich an ihr fest, ward zu einem Crescendo, das in ihr seinen Höhepunkt fand.

Aus der alten Melodie war die neue der Mütterlichkeit geworden.

* * * * *

Wie verschieden davon war die Musik, die die Schwestern zu hören bekamen.

Agnes Elisabeths Leben war kaum noch etwas anderem vergleichbar als dem dumpfen Plappern der Nonnen in den Klosterkirchen, während des Mittelalters Brandwolken über dem Lande qualmten. Ab und zu sprangen rote Lichter in ihr ödes Haus, flogen über ihr Gesicht und warfen Entsetzen vor ihre Füße.

Im Lehrerhaus gab es Wiegenlieder, surrende Weisen, die ein wenig nach Kinderwäsche riechen und ohne allzu große Tiefe von dem Glück der Heimat und der warmen Stube singen. Bei Lukas die breite Innigkeit des Volksliedes, bei Marianne rosig robuste Mütterlichkeit und ein gut Teil satter Sentimentalität.

Für Evelyn war das Leben gleich einer Ballmusik, gleich einem Walzer, in dessen wiegendem Rhythmus Sehnsucht nach Lebensfreude singt. Die Geigen klangen so weich, wie der Mond im schlafenden Garten; dann hüpften die Lichter herbei, Windlichter lustiger Feste, kokettes Pizzicato mit Triangel und Glockenspiel.

Auch Tante Sophie bekam ein wenig davon ab, und sie wurde wehmütig, wenn sie daran dachte, daß dieser Tanz bald zu Ende wäre und an seine Stelle wieder die Würde der Abonnementskonzerte träte, von denen man nicht mehr hatte als jedesmal ein neues Kleid, und die man nur besuchte, weil es zum guten Ton gehörte. Als Tante Sophie im April nach Hause zurückkehrte, hatte sie aber nicht den Mut, auf ihr Abonnement zu verzichten; es war auf Lebenszeit genommen, und sie mußte sich damit abfinden.

Im Stockmannschen Hause blieb es die alte Motette, die früher einmal eine Melodie mit geraden Holzschnittlinien gewesen war, nun aber längst durch weichliche Schnörkel stillos und schwülstig geworden war. Bei Johannes mehr Empfindung, aber doch immer nur einem geistlichen Liede vergleichbar, wie es jeder Kantor für den Hauptgottesdienst komponiert, Mendelssohn, Abt und ein wenig Lassen ...

* * * * *

So hörten sie ein jedes, was ihm zukam. Die einen bestimmten sich die Musik ihres Lebens selbst, die anderen bekamen zu hören, was eben da, wo sie im Leben standen, gespielt wurde.

Die Zeit schlug ihren Rhythmus dazu, eintönig dem einen, dem andern ein frischer Puls bewußten Lebens.

Sie schleppte sich durch den Winter hindurch, bis die Stürme des Frühlings das Eis zerhämmerten. Sie brachte Blumen und eilte leichtbewegt über die Wiesen, um alle diese Blumen zu verstreuen. Nun war es schon der langsame, schweigende und klingende Rhythmus des Sommers geworden.

XXX

Wie anders Julie doch war!

Peter hatte sich darauf gefreut, sie zu pflegen, wenn das Kind käme, bei ihr zu sein, so daß sie nach ihm greifen könnte, wenn sie ihn brauchte. Er hatte auf die Stunden gemeinsamen Wartens gehofft, in denen sie lauschen wollten, wie sich in ihrer Nähe das Geheimnis schweigend vollziehe. Er hatte daran gedacht, daß sie an anderen Tagen Pläne machen würden: wie sie mit dem Kinde spielen und tollen wollten und selbst wieder zu Kindern werden würden.

Von dem allem geschah nichts. Julie wollte es anders.

Er konnte nicht traurig darüber sein; er mußte ihr recht geben.

Julie wollte nach Hause, um in dieser Zeit allein zu sein und nur dem Kinde zu leben. Inmitten der ganzen heimatlichen Schönheit! Von dieser wollte sie umgeben sein, wenn sie auf das Kind wartete, von dieser wollte sie nehmen, soviel sie nur konnte, damit es dem Kinde zugute käme, in dieser sollte das Kind zur Welt kommen.

Da hinaus konnte der Lärm der Welt nicht dringen, dort würde nicht einmal Peter ihre Andacht stören. Auch würde sie nicht immer in Angst zu sein brauchen, daß Peters Augen sich mit Nachsicht und Rührung von ihrer Gestalt abwenden müßten.

Peter widersprach ihr nicht und ließ sie reisen.

XXXI

An einem Sommertage lehrte Julie nach Hause zurück.

Teetjes Wagen hatte sie am Bahnhof abgeholt. Agnes Elisabeth hatte mitfahren wollen, war aber im letzten Augenblick nirgends zu finden gewesen. Nun hielt sie vor der weißen Gartenpforte.

Gesche stürmte aus dem Hause, strahlte über das ganze Gesicht und wischte vor freudiger Verlegenheit mit den Händen über die Schürze. Teetje stieg vom Bock, hob die Koffer herunter:

»Man too, Gesche, faten Se ok man mit an!«

Julie sprach zwar noch mit Gesche, aber Teetjes Worte schienen hier vorzugehen. Unterwürfig griff Gesche zu und schleppte die Sachen mit hinein. Ein paar halbe Worte kamen zu Julie hinüber:

»Fräulein het seggt -- man blot up de Däälen ...« Und dann Teetjes barsche Stimme:

»Hä, wa, -- Narrnkram! Man foors rin damit in die Stubben!«

Die beiden verschwanden im Haus, und Julie ging ihnen langsam nach.

Die Malvenstöcke standen noch da, aber wieviel größer waren sie geworden! Früher war eine blaßrosa dazwischen gewesen; jetzt gab es nur dunkelrote.

Unter den Linden dämmerte das alte grünglasige Licht. Wie stark sie dufteten! Die grünen Bänke erschienen dunkler, ein klebriger Glanz lag über ihnen; er kam von den Lindenblüten.

Auf der Diele gackerten zwei Hühner, in der Mitte schlief, ein schwarzer Knäuel, die Katze. Die Dielenuhr schlug halb fünf. Warum nur Agnes Elisabeth nirgends zu sehen war?

Julie mochte sie nicht rufen. Im Hause war es totenstill. Sie öffnete die Tür zu ihrem Zimmer. Der Drücker ging noch immer etwas schwer und klapperig. Drinnen stand Hinrich Teetje.

»Vielen Dank für Ihre Freundlichkeit, Herr Teetje! Meine Schwester haben Sie wohl nicht gesehen?«

Seine Hand fuhr durch die Luft.

»Vielleicht auf dem Kirchhof, da ist sie heut noch nicht gewesen!« Er faßte an seine Mütze. »Na guten Tag!« Damit ging er.

Julie sah sich im Zimmer um. Die Luft war abgestanden und wußte vom Sonnenschein und Staub vieler Tage. Es roch nach Kalk, nach Spinnen und heruntergelassenen Rouleaus. Die Fenster sollten nun wieder offen sein. Die Vasen standen voll vertrockneter Blumen. Das Zimmer dünkte sie niedrig gegen die Berliner Etagenwohnung; es war ihr überhaupt fremd geworden. In der letzten Zeit hatten sich ihre Gedanken ja auch nicht oft hierher gefunden. Sie ging an ihr Bett. Die gute alte Bettstelle! Großmamas Decke, die feine lila gestreifte Bettdecke hatte viele Fliegenflecke bekommen. Die vergilbte Heloise in dem schmalen Goldrahmen hing noch immer schief, im Spiegel waren einige blinde Stellen mehr. Sie wusch sich die Hände; erst an dem Moorwasser merkte sie, daß es noch ihr Zimmer war, und daß sie hier bald wieder zu Hause sein würde. -- Mitten im Zimmer stand sie noch und trocknete sich die Hände, als vor dem Fenster ein Kopf erschien und eine Stimme von draußen hereinrief:

»Unten im Garten sitzt sie! Unter der großen Esche!«

Julie erschrak. War der noch immer da?! Durfte er hier so im Garten herumlaufen? Sie wollte Agnes Elisabeth nach ihm fragen. Der Mensch hatte etwas Merkwürdiges.

Sie ging in den Garten. Hier war vieles, was sie hätte begrüßen mögen, aber sie hatte keine Zeit, denn Agnes Elisabeth kam die Tannenallee herauf. Sie sprach mit jemandem, den Julie nicht sehen konnte.

Julie ging ihr entgegen. »Sie ist voller geworden«, dachte sie, »und auch schöner.«

Die Schwestern gaben sich die Hand und küßten sich. Es war ein Kuß ohne Innigkeit; die eine hatte das Küssen verlernt, die andre wußte, wie anders Küsse sein können.