Chapter 9 of 13 · 3997 words · ~20 min read

Part 9

Sie brach plötzlich ab. Sie wunderte sich mit einem Male, daß sie so eindringlich zu ihm gesprochen hatte.

Johannes war in einer weichen Erregung. Sie hatte recht. Natürlich hatte sie recht. Wenn er allein wohnte, durfte ihm keiner dreinreden; dann war er Herr in seinem Hause.

So dachte er. Aber fühlte er nicht auch etwas Warmes, Unbekanntes? Erregte es ihn nicht, daß da eine neben ihm ging, daß das ungewisse Licht der Laternen ein feines Profil zeichnete, das wieder erlosch, wenn sie vorüber waren, daß seidige Haare leise zitterten, und wenn der Abendwind sie aufhob, das Weiß einer Schläfe schimmerte?

»Und dann?« fragte er nach einer Weile.

»Das müssen Sie selbst ausfindig machen!« sagte sie und lachte kurz. Wie war er hilflos! Das belustigte sie wieder. Aber sie wollte sehen, was daraus wurde.

»Wenn es so weit ist, können wir ja weiterberaten,« meinte sie vergnügt.

Nun waren sie vor dem Hause angelangt, und sie gab ihm die Hand. Er war unschlüssig, ob er ihr danken müsse, oder ob er sie fragen könne, wann sie wiederkäme. Aber das war nun zu spät, denn die Tür fiel schon ins Schloß.

Er ging langsam den Weg zurück und beschäftigte sich mit dem Plan, eine Junggesellenwohnung zu beziehen. Aber es war etwas in der Luft, was seine Gedanken immer wieder aufstörte und zu ganz fernliegenden Dingen gehen ließ. Er erinnerte sich der Buden seiner Freunde, der Plüschmöbel, der Koffer in der Ecke; dann fiel ihm ein, daß er da manchmal Besuch angetroffen hatte, Damenbesuch, ein kicherndes Lachen lag ihm plötzlich im Ohr; dann flirrten allerhand Worte an ihm vorüber, von goldener Studentenfreiheit, und er dachte mit einem Male, daß er solche Erlebnisse nie gehabt hatte.

Er bog um die Ecke; da stand noch wie vorhin die verschlafene Droschke. Hier hatte Julie von dem Kinde gesprochen. Und nun fühlte er wieder etwas Warmes, als ginge sie neben ihm, er empfand etwas Körperliches.

Doch als er dann die Tür des väterlichen Hauses aufschloß, war nichts von allem mehr da; er klinkte auf, tastete sich hinein, so gewohnheitsmäßig, als käme er aus dem theologischen Seminar.

Julie fand in ihrem Zimmer einen Brief von Marianne vor. Es war ein Bericht über die Hochzeitsreise und ihr warmes Nest, in das sie nun mit Lukas eingezogen sei. Es fehlte nicht an einigen Stellen, die frauenhaft erfahren klingen sollten. Zu anderen Zeiten würde Julie sich darüber mokiert haben. Aber jetzt mußte sie plötzlich und ohne jede Veranlassung an Johannes Stockmann denken.

Julie zerriß den Brief, ohne ihn zu Ende zu lesen, und warf die Stücke in den Papierkorb. Dann griff sie nach einem Buche ...

Doch nein! Sie legte es wieder fort und begnügte sich damit, an Agnes Elisabeth zu schreiben und ihr eine scharfe Schilderung von dem nußbaumpolierten Ton in der Familie Stockmann zu geben.

XXI

Um diese Zeit fingen sie im Dorfe an, über Agnes Elisabeth zu sprechen.

Es war nicht der gewöhnliche Klatsch, der von Haus zu Haus geht, sich an den Ofen niederläßt, sich behaglich breit macht und wichtig tut, als könne er allein die Unterhaltung führen, bis er langweilig wird, weil er keine neuen Geschichten mehr zu erzählen weiß, und schließlich in einer Ecke stehenbleibt und vergessen wird.

Über Fräulein Hellwege sprach man in anderer Art.

Irgendwo einmal waren ein paar Worte gefallen, sie sei zuzeiten so wunderlich. Keiner hatte diese Worte aufgehoben, sie waren im Staube des Alltags liegen geblieben. Aber unter dem Staub mochte doch fruchtbarer Boden gewesen sein, der Bauern bedächtige Zweifelsucht, ein unbewußter Argwohn gegen alles, was außerhalb des Verständnisses ihres Standes lag.

Als die warmen Tage mit den lichten Abenden vorüber waren und zum ersten Male des Morgens Reif über den Wiesen schimmerte, da war ein Flüstern aufgewacht, und keiner wußte, von wannen es gekommen war. Es war da, wisperte hier ein Weilchen, glitt an den Zäunen entlang, raschelte drüben am andern Ende des Dorfs ...

Sie sei wunderlich geworden. Tagelang gehe sie durch Haus und Garten, ohne ein Wort zu sprechen, mit dem nämlichen blassen Gesicht. Einige hatten sie des nachts in einem langen, weißen Kleide gesehen; vor der Laube stehe sie und rühre kein Glied, sagten welche, und andere erzählten, sie sei ganz langsam durch die Tannenallee gegangen, hinauf und hinunter, und wieder hinauf und hinunter, bis die Kirchenuhr drei geschlagen habe. Der Pastor traf sie auf dem Kirchhofe; da kniete sie vor dem Grabe ihrer Mutter, und es war ihr gleichgültig, ob einer an ihr vorüberkam, sie kniete und betete; oder sie pflanzte Blumen auf dem Hügel, am nächsten Morgen aber riß sie die Blüten ab und zerbrach die Stengel. Einmal war sie verschwunden, irgendwo in der Heide oder im Moor mochte sie sein, und erst am Abend des zweiten Tages kehrte sie heim und trug Blumen im Haar.

Solche Dinge flüsterte man, weder aus Neugierde, noch aus Teilnahme; es war nichts anderes, als der einfache Vorgang, daß etwas herumkam, und daß nun alle darum wußten.

Im Lehrerhaus gab dies Anlaß zu einiger Verstimmung. Lukas Allm war voller Mitgefühl und hatte allerhand Pläne im Kopf, daß Agnes Elisabeth zu ihnen ins Haus ziehen solle, oder daß sie reisen solle, daß er an den Vormund schreiben oder einmal mit ihr selbst sprechen müsse.

Marianne hingegen fühlte sich bloßgestellt und grollte mit Agnes Elisabeth. Sie wollte nur um Gottes willen kein Familiengerede und meinte, dies alles sei ohne Belang.

»Man muß ihr nur Zeit lassen, dann wird sie schon von selbst darüber hinwegkommen,« sagte sie und fühlte sich dabei älter als die Schwester und mit allen inneren Erfahrungen einer verheirateten Frau ausgestattet.

Da Mariannes Meinung noch immer maßgebend war, blieb es bei Lukas’ guter Absicht. Auch wurden beider Gedanken bald nach einer anderen Richtung hin gelenkt, und diese Dinge traten in den Hintergrund.

Obwohl man erst im September stand, begannen sie nämlich mit einem Male von Weihnachten zu sprechen, und daß sie dann nicht mehr allein sein würden. Von nichts anderem sprachen sie. Lukas Allm hatte dabei jene weiche Freude, mit der Kinder an das Christfest denken, während in Marianne vielerlei Sorgen waren, Geschäftigkeit und Unruhe, wie es einer jungen Frau zukommt.

* * * * *

An einem jener späten Sommertage, die den Frieden eines schlummernden Kindes haben, just als die Sonne unterging, erfuhr auch Hinrich Teetje von den Gerüchten über Agnes Elisabeth. An dem Fenster der Gaststube stand er und trank sein Braunbier aus, als der Wirt vorsichtig zu ihm trat, den Tisch abwischte und mit verhaltener Stimme sagte:

»Die ist nun glücklich wunderlich geworden!«

Teetje stellte sein Glas hart auf den Tisch.

»Wer?«

»Die Älteste von Hellweges.« Und als der andere keine Miene verzog, kam es triumphierend hinterdrein: »Zwei Stunden ist sie heute wieder auf dem Kirchhof gewesen.«

»Unsinn!«

Darauf hatte der Wirt nur gewartet. Denn nun kam die ganze Geschichte, mit Anmerkungen, Erläuterungen und sämtlichen möglichen Lesarten. Teetje saß daneben und starrte nach dem Fenster, hinter dem rote Lichtschwaden dampften. Plötzlich lachte er laut, stand auf, legte sein Geld auf den Tisch und ging weg.

Er kam an Hellweges Haus vorüber. Es schwieg in dem schreckhaft bewußtlosen Licht, mit dem der Tag nach dem Kampf der ersten Dämmerung noch einmal die Augen öffnet, um zu sterben.

Mitten auf der Straße blieb er stehen, bis die Schatten der Nacht sich hoben und um ihn herumstanden. Da lächelte er, ein grausames Lächeln, und dann ging er nach Hause.

Zu derselben Stunde erhielt Agnes Elisabeth die Anzeige von Heinrich Craners Verlobung mit Fräulein Ellinor Grünhagen. Dabei fand sich ein Brief: ein paar Worte, daß er ihr doch niemals hätte geben können, was sie brauchte, daß sie ihm das freundliche Gedenken einer Schwester bewahren möge, und was in solchen Fällen sonst noch geschrieben zu werden pflegt.

Agnes Elisabeth las beides mit vollkommener Ruhe, wie die Mitteilung einer gleichgültigen Person. Der ihr das geschrieben hatte, war auch längst nicht mehr derselbe, der ihre Gedanken beherrscht hatte.

Als es dunkel geworden war, ging sie zu Marianne, um ihr ein Rezept zu bringen, um das sie gebeten hatte.

Marianne hieß sie mit ungewöhnlicher Feierlichkeit willkommen, brachte sie ins Wohnzimmer, schloß behutsam die Tür, griff nochmals nach der Klinke, trug die Lampe auf einen kleinen Tisch an der Wand, setzte sich neben Agnes Elisabeth und hatte etwas auf dem Herzen. Sie druckste eine Weile, und als Agnes Elisabeth endlich von dem Rezept anfing, kam es:

»Ich muß dir etwas sagen!«

Dann erfuhr Agnes Elisabeth unter Flüstern, daß Marianne um Weihnachten herum ein Kind erwarte. Es flossen Tränen, und Marianne war stolz auf sie. Denn neben echter Freude nahm doch das Gefühl der Wichtigkeit den größeren Platz in ihr ein. Auch war sie schon ganz von dem Egoismus der jungen Mutter beherrscht, die an nichts anderes denkt, als an ihr Kind.

Sie bezog es auf sich, als Agnes Elisabeth beide Hände vor ihr Gesicht legte und weinte; und Marianne freute sich dessen.

Aber Agnes Elisabeth weinte um anderes. Sie weinte, wie Kinder weinen, die sich verlaufen haben und nicht nach Hause finden können.

Zwar suchte Agnes Elisabeth schon lange nicht mehr nach einem Wege, erst jetzt aber wußte sie, daß sie sich verlaufen hatte und niemals mehr nach Hause finden würde.

XXII

Evelyn war nun mitten in der großen Welt.

Sehnte sie sich nicht zurück nach den feinen Tönen ihrer spielenden Träume, nach ihrer grünen Wiese, nach ihren Pfauen, nach ihrer kindlich-souveränen Verachtung? Gewiß nicht! Denn mit unbewußter Sicherheit und dem leichten Schritt fröhlichen Genießens ging sie durch alles Neue hindurch, nahm, wovon sie mochte, fand vielerlei und atmete und lachte. Was vergangen war, war noch bei ihr, aber nicht als eine wehmütige Erinnerung. Es war ein Teil von ihr geworden, ein Stück ihres lächelnden Selbsts, das ihre Augen heller machte. Es geschah nie, daß sie sich schmerzlich nach der Vergangenheit umgewendet hätte, ebensowenig, wie sie an die Zukunft dachte. Sie liebte weder die Erinnerungen an das Gestern, noch kleine Hoffnungen auf Morgen und Übermorgen. ~Heute~ lebte sie, und sie hatte genug zu tun, wollte sie alle Schönheiten zusammentragen, wie sie früher Blumen in ihren Schoß gesammelt hatte.

Während des Sommers waren sie im Schwarzwald gewesen, und als es kalt wurde, hatte der Arzt gesagt, Tante Sophie müßte nach dem Süden. Onkel Wilhelm konnte sie nicht begleiten, denn es lagen umfangreichere Aktenstücke auf seinem Schreibtische als je, Rena durfte ihre Stunden nicht versäumen, so war es selbstverständlich, daß Evelyn mit ihr ging.

In einer Villa dicht bei St. Raphaël wohnten die beiden, machten Spaziergänge, saßen im Sonnenschein auf ihrer Terrasse und abends vor dem Kaminfeuer, empfingen ab und zu Besuche, freuten sich, wenn sie wieder allein waren, und gaben einander gern die zarten Zeichen einer wachsenden Vertrautheit, die den Altersunterschied vergessen machten.

Es zeigte sich, daß auch Sophie Craner viel Schönheitssinn besaß, und daß Evelyns Träume eng mit verfeinerten Lebensbedürfnissen zusammenhingen, die Tante Sophies elegantem Luxus nicht allzu fern standen. Wenn es kein Kleid sein konnte aus Rosenblättern oder dem Atlas, der abends über stillen Wassergräben liegt, so tat es auch eine Toilette aus Seidenchiffon oder ein Hut aus Spiegelsammet. Das war kaum ein Schritt, und Evelyn hatte ihn bald getan.

Sie sprachen viel miteinander. Evelyn bekam dabei mehr zu hören, als Tante Sophie anfänglich hatte sagen wollen, und sie erwiderte solches Vertrauen durch eine feine Dankbarkeit. Oft schwiegen sie auch und empfanden den Rhythmus gleichartiger Stimmung. So bildete sich unbemerkt ein gegenseitiger Einfluß, der zwar ihr Wesen nicht änderte, aber gewisse Seiten an die Oberfläche brachte, die bisher in der Tiefe gewesen waren.

Und ihr Leben hier, losgelöst von heimatlicher Enge, in der Stille der kleinen Villa, den duftenden Garten und das unendliche Meer vor Augen, und etwas weiter entfernt, aber doch deutlich zu spüren, ein gewisses Parfüm des eleganten Badeorts, war recht geeignet, die neue Freundschaft zu befestigen.

Nun kam noch ein gemeinsames Erlebnis dazu.

Mr. Clavé war der jüngere Bruder von Sophie Craners Pensionsfreundin; er besaß ein hübsches Vermögen und hatte gestern um Evelyns Hand angehalten. Dem Antrage waren viele Besuche in der Villa »Celeste« vorangegangen. Abende mit Chopin und ein wenig Kaminmelancholie, Nachmittage, ganze Nachmittage, mit Tennis, Racket-Flirt und der guten Beleuchtung schräger Sonnenstrahlen, endlich sogar Morgenstunden, auf den Steinen am Wasser, wo es gluckste oder schäumte, wenn Tante Sophie noch ruhen mußte und Evelyn mit einem Buche dort unten saß und auf ihn wartete. Denn sie wartete auf ihn.

Die Liebesgeschichte verlief bei ihm nicht anders, als sie in solchen Fällen vor sich zu gehen pflegt. Und Evelyn machte es sehr viel Freude, dies mit anzusehen. Nicht, daß sie ihn ermutigt oder gar mit ihm gespielt hätte. Es tat ihr wohl, sich geliebt zu wissen, und sie zeigte ihm dies mit Behagen. In diesem Behagen ging sie richtig spazieren; sie dehnte sich, bewegte Hände und Füße und freute sich der weichen Luft, die um sie herum war. Alle die Zeichen, die er ihr von seiner Liebe gab, nahm sie mit Lächeln hin, wie Blumen, die er ihr brachte, dankte ihm auch und sagte mehr als einmal, daß dies sonnige Tage seien, die sie glücklich machten.

Aber nun hatte er den Fehler begangen, sie heiraten zu wollen. Darauf fand Evelyn nur die Antwort: »Wie schade!«

Daß er ihre Blumen unter der Ehe schützendem Glasdache vertrocknen lassen wollte, ernüchterte sie und machte ihr den ganzen Menschen mit einem Male alltäglich.

Tante Sophie erfuhr davon und hielt es für nötig, einige ernste Worte mit Evelyn zu reden. Aber eigentlich verstand Tante Sophie sie ganz gut, das wußte Evelyn auch, und schließlich lachten sie beide.

»Auf diese Weise bekommst du aber nie einen Mann,« sagte Tante Sophie.

»Ich will auch keinen,« behauptete Evelyn.

»Und wenn du einmal einen lieb hast?«

»Dann möchte ich ihn gerade deshalb nicht heiraten!«

Sophie Craner lachte.

Evelyns Mund ward zu einem weichen Lächeln. »Sieh mal: Liebe, das ist etwas so Feines; man sollte es gar nicht berühren. So, wie die Farben dort in den Wassertropfen; wenn ich das Wasser in die Hand nehme, ist keine mehr da. Es bleibt nur Wasser übrig; damit kann ich mich zur Not ein bißchen waschen, aber das ist auch alles.«

»Vielleicht hast du ihn so lieb, daß du wünschst, immer mit ihm zusammenzusein?«

Evelyn sah ein Weilchen vor sich hin. Dann wiegte sie ihr Haar.

»Vielleicht! Nun ja, dann werde ich ihn heiraten. Aber ich denke mir, die feinen Farben werden dann verdrängt; satte Farben kommen, die übermorgen nüchtern werden. Es ist traurig, sich nach etwas zu sehnen, was nicht wiederkehren kann.«

Tante Sophie neigte den Kopf.

»Und dann ...« Evelyns Nase zuckte.

Tante Sophie dachte, daß Evelyn vielleicht niemals heiraten würde.

Durch Evelyn aber ging eine kleine Wehmut. Wenn Mr. Clavé sie nicht hätte heiraten wollen, wäre vielleicht ...

Aber dann lachte sie. Denn das Wasser spritzte bis zu ihr herauf und schimmerte in tausend Farben.

XXIII

Liebe Julie!

Ich wollte Dir schon lange schreiben, seit drei Wochen nehme ich es mir jeden Morgen vor, aber ich bin nie dazu gekommen. Ich bin in der letzten Zeit zu manchem nicht gekommen. Es gibt so viele alte Dinge nachzusehen. Und dann ist der Garten ...! Es dauert so lange, bis man alle Wege gegangen ist. Alle diese Blumen, diese vielen Blumen, die es jetzt gibt. Auf dem Rasenplatz hinten haben wir das eine Beet verändert. Die Rosen wollten nicht mehr weiterkommen. Nun stehen da Begonien. Sehr rote, die den Rasen eigentlich blaß machen. Der große alte Birnbaum, links vom Hause, hat so viele Birnen gehabt wie noch niemals; wir haben ihn stützen müssen. Das sah dann abends so aus, als stünde da jemand. Sehr unheimlich! Ich mußte oft nachts drei- oder viermal wieder aufstehen, um nachzusehen, ob da wirklich niemand war. Schlafen tue ich überhaupt nicht sehr gut. Diese Birnen also: da ist nun niemand, der sie aufißt. Soll ich Dir vielleicht welche schicken? Die jungen Mädchen essen sie vielleicht gern. Abends rumort es jetzt immer furchtbar auf dem Boden. Die Marder haben Junge gekriegt, und das schreit wie kleine Kinder. Die Nächte sind lauter als die Tage.

Auf Mamas Grab bin ich auch viel. Die Blumen wachsen nicht ordentlich. Einmal standen da Heliotropen, die wurden dürr; dann setzte ich Verbenen ein; auch die standen nur einen Tag; denn mir fiel ein, daß Mama sie nie hat leiden mögen. Nun habe ich Geranien gepflanzt; das sieht lustig aus, beinahe komisch für einen Kirchhof. Ich gehe alle Tage hinüber und begieße die Blumen. Es scheint ein sehr trockener Herbst zu werden. Wenn nur nicht so viele Menschen da wären. Gesche kocht den ganzen Tag Saft; das tut sie nun schon seit dem Juni, von der Erdbeerenzeit an. Die Katze hat sehr gealtert. Sie liegt den ganzen Tag in der Sonne und surrt. Das sehe ich mir gern an. Evelyn schickte vorgestern eine große Kiste mit Weintrauben. Das sind doch andere Trauben als hier bei uns; sie schmeckten so schön. Es geht ihr sehr gut, und sie bekommt viel zu sehen. Sie lernt auch Menschen kennen.

Marianne wird Weihnachten ein kleines Kind bekommen. Ich gehe manchmal zur Nortorf; sie macht so hübsche winzige Sachen für das Kind. Zwischen unsern alten Kindersachen hab’ ich auch gekramt. Da lag noch meine große Wachspuppe. Großmamas Korbsammlung hatte ich auch ganz vergessen. Wie viele Stücke das sind! Diese feingeflochtenen italienischen, und die mit dem seidenen Futter! Ich ordne sie alle nach der Größe.

Gestern kam ein Brief von Onkel Wilhelm; er hat viel Interesse für Euch! Er beunruhigt sich etwas über den jungen Mann, mit dem Du in das Museum gehst. Aber ich denke, wenn Du ihn bei Stockmanns kennengelernt hast ...!

Kommst Du zu Weihnachten nach Hause? Zum Herbstreinemachen haben wir auch Dein Zimmer wieder in Ordnung gebracht. Wie viele tote Fliegen da waren, auf den Fensterbänken und auf der Diele; es waren mindestens zwei Hände voll. In den Strümpfen, die Du mir schicktest, waren viele Löcher. Das Seidenzeug habe ich gefunden. Es ist schön weich und glänzend. Aber lasse es ja auf Futter arbeiten; es ist sonst ein so unheimlich kaltes Gefühl auf der Haut.

Oben lag auch Mutters Brautschleier; er riecht nach Orangenblüten und Spinnen. Ich habe ihn zwischen meine Wäsche gelegt. Übrigens hat es diesen Sommer mehr Spinnen gegeben als jemals. Warum magst Du sie eigentlich nicht leiden?

Früher schrieb ich Briefe schneller. Jetzt habe ich beinahe den ganzen Abend dazu gebraucht.

Erst hat Teetje mich am Fenster erschreckt. Und dann kam die Sonne noch einmal durch, obgleich es schon längst über ihre Zeit war.

Jetzt regnet es. Vor lauter Rauschen kann man nichts hören. Wenn sich irgendwo jemand versteckt hat, hinter dem Wandschirm, hinter der Gardine, unter dem Sofa, draußen vor der Tür, überall kann ja jemand sein! aber man hört nichts vor Rauschen ...

Deine getreue Schwester

Agnes Elisabeth.

XXIV

Die neue Sittlichkeit der Ehe, die sich schon zuzeiten träumerisch geregt hat und nun vielleicht beginnt, zum Bewußtsein zu erwachen, braucht Menschen, die sich darauf verstehen, die Seele zu suchen.

Natürlich muß man einmal damit aufhören, von den Freuden des Junggesellenlebens und den Pflichten der Ehe in einem Atemzuge zu sprechen. Man muß zu der Einsicht kommen, daß eine Ehe, die nicht mehr bedeutet als den Abschluß toller Jugendstreiche und das Hineintappen in die Behäbigkeit des eigenen Heims, von vornherein mit einer Lüge anfängt.

Natürlich muß man sich darüber klar werden, daß die Frau kein Haustier ist und auch kein Spielzeug.

Man wird guttun, auch auf den Stolz zu verzichten, mit dem manche sich einer treuen, ein wenig zärtlichen Kameradschaft rühmen. Diese ist nur ein Übergang.

Mann und Frau sollen endlich einmal Ehrfurcht voreinander fühlen, ein scheues und doch inniges Verlangen nach des anderen Seele.

Dazu ist freilich nötig, daß ein jedes erst die eigene Seele findet.

Man findet sie nicht, wo heute Menschen ihr Innerstes zu finden glauben.

In die Tiefe muß man hinabsteigen, muß lauschen, ob aus den Abgründen die Stimme der Seele ruft. Wir müssen auf Entdeckung ausgehen und dürfen keine Mühe scheuen.

Ein wenig Mut ist vonnöten, und die Bürde der Begriffe wird man lieber oben lassen.

Nur wer sich selbst gefunden hat, darf hoffen, auch des anderen Seele zu finden. Denn nur dann versteht sich einer auf das Suchen.

Eines solchen Mannes Sehnsucht wird sein, der Geliebten immer nur das Beste seines Wesens zu geben.

Eine solche Frau wird dem Geliebten nicht nur die Mutter seines Kindes, sondern die Ergänzung seines Wesens sein, die seine Kraft zum Leben bringt.

Solche tiefe, im letzten nur geahnte Verbindung zweier Wesen ist die Wurzel der neuen Sittlichkeit. Sie verachtet die Gedankenlosigkeit, mit der heute Menschenseelen in Ehen zertreten werden, sie lehrt eine Nächstenliebe, die Ehrfurcht heißt.

Sie hält die Seele des Menschen für wertvoller als Geist oder Körper, sie wendet sich gegen jede Vergewaltigung, die man heute noch gute Sitte zu nennen wagt.

Sie gibt keine Zwangsgesetze: mögen die einen in einer Ehe leben, die sich äußerlich von der heutigen nicht unterscheidet; mögen die anderen, die um die zarte Blume ihrer Liebe Sorge tragen und den Frost des Alltags fürchten, wieder auseinandergehen.

Sie kennt nur ein Gesetz: sich selbst und seine Liebe heilighalten.

* * * * *

So waren Peter Owens Anschauungen über die Ehe, und so war seine Liebe zu Julie.

Er war von Beruf Maler und traf Julie im Hause des Professors Stockmann, bei dem er auf Grund einer Familienempfehlung -- seine Tante hatte den Generalsuperintendenten gekannt -- verkehrte. In der abgestandenen Atmosphäre des Stockmannschen Hauses hatte es nur weniger Worte bedurft, um beide fühlen zu lassen, daß etwas Gemeinsames sie verband. Bei einem Gespräche, in dem der Professor erklärt hatte, die moderne Kunst liege im argen, und Julie sich vergeblich mühte, die Kunst gegen den Angriff des Doktors Johannes zu verteidigen, hatte Peter Owen schweigend in seiner Ecke gesessen, und erst als der Professor dem Streite mit geringschätziger Milde ein Ende machte, hatte er gesagt:

»Wir werden trotzdem weitermalen!«

Diese Worte waren soviel wie ein Handschlag, und Julie war ihm dankbar, daß er nicht Partei ergriffen hatte.

Nach einiger Zeit hatten sie sich in einer Kunstausstellung wiedergesehen. Natürlich hatten sie von Heide und Moor gesprochen. Und dann waren sie auf ihre Heimat gekommen. Da hatte sie von dem Sonnenschimmer ihres Hauses erzählt und er von der ernsten Herbheit Jütlands. Und das Gefühl der Zusammengehörigkeit war bewußter geworden. Als sie sich trennten, hatte er versprochen, ihr Bücher zu schicken, und die waren am nächsten Tage bei ihr abgegeben worden. Als Julie sie sah, hatte sie die Empfindung seines Blicks, seiner kühlen graublauen Augen.

Peter Owen war an demselben Tage abgereist. -- Er erfuhr während der nächsten Wochen, daß er Julie liebte, und als er Anfang Dezember zurückkehrte, geschah es, weil er nicht anders konnte. Julie hatte seine Bücher gelesen und hatte auf ihn gewartet, mit einer festlichen Freude. Doch als sie wochenlang nichts von ihm hörte, wurde sie traurig, und eines Tages dachte sie über den Grund dieser Traurigkeit nach.

Es schien ihr plötzlich ein weites Stück Wegs, bis sie mit ihrem ganzen Empfinden in diese Traurigkeit hineinkam. Wie hatte sie nur so lange nicht nachsehen können! Das war ihr fremd an ihr selbst.

Aber diese Traurigkeit war so weich, die Farben waren dunkel und seidentief, mit einem Unterton von Gold; man konnte sich hinlegen und weinen und weinen. Aber schien sich da nicht doch ein Lachen zu verstecken, ein sonnenstrahlendes Lachen? Sie probierte dieses Lachen, und sie lachte in der seidentiefen Farbe ihrer Traurigkeit. Da freilich schwindelte ihr; es begann ein Zittern, dann kam ein Drehen und Wirbeln, -- es tollte vor ihren Augen, bis sie nicht mehr wußte, wo sie war, und mit den Händen in die Luft griff, sich festzuhalten. Als sie die Augen wieder aufschlug, fand sie sich hoch oben in kühler Luft und fühlte nichts anderes als diese Luft zwischen den Lippen, und daß ihre Hand etwas umspannte. Es war nur eins von seinen Büchern, woran sie sich klammerte, aber da wußte sie, daß sie Peter Owen liebte.

Nach einigen Tagen traf sie ihn, nachmittags, als schon Dämmerung in den Straßen lag. Er ging auf der anderen Seite und wurde ihrer nicht gewahr.

Julie zögerte keinen Augenblick, sie ging hinüber und begrüßte ihn.

»Wie gut, daß Sie endlich da sind!«