Part 5
Als ich Sie vor vier Monaten verließ, wußte ich, daß Sie für mich bedeuten können, was ich brauche. Das war zunächst eine kühle Überlegung. Mit jedem Tage, den ich bei meiner Arbeit durchlebte, wurde sie mehr und mehr verdrängt durch ein herzliches und inniges Gefühl für Sie.
Ich komme zu Ihnen als ein Bittender, doch nicht um Opfer. Was ich Ihnen geben kann, ist nur ein Leben voll Arbeit unter den erschwerten äußeren Bedingungen eines ungünstigen Klimas. Arbeit, aber vielleicht auch Ruhe, gewisse, fröhliche Ruhe, die nur die Arbeit geben kann. Und Liebe! Keine amour, aber ein treues, ehrliches Empfinden!
Ich bitte Sie nicht um eine schnelle Antwort! Ich werde am 29. Oktober zu Ihnen kommen und mir meine Antwort selbst holen.
Heinrich Craner.«
Eine Weile sah Agnes Elisabeth regungslos vor sich hin. Vorerst verstand sie nichts von diesem Brief; er traf sie plötzlich und unerwartet; sie war erschrocken und unfähig, einen Gedanken zu fassen. Langsam gingen ihre Augen über die vergilbten Rasenflächen und den Wollstoff auf dem Tisch und blieben wieder auf dem Bogen liegen. »Auch weiche Hände, die es milde streicheln ...« Plötzlich wachte in ihrem Nacken ein Feuer auf, verbreitete sich rasch über ihren Rücken, fuhr hinab bis in die Fußspitzen, loderte hinauf zum Scheitel. Sie lehnte sich weit zurück, ließ die Hände herabsinken und warf den Kopf nach hinten. Und dann fuhr die Erkenntnis durch sie hindurch: Da war jemand, der hatte sie lieb!
Das packte sie jäh. Das ergriff sie wie ein Taumel. Sie sprang auf und ging in den Garten. Unten am Wasser saß Evelyn, mitten im Sonnenschein.
»Pass’ auf, ich kriege dich!« rief sie ihr zu.
Die Kleine war schnell auf den Beinen und lief über den Rasen. Nun wurde es ein Tollen und Jagen, mit fliegenden Kleidern und lautem Gejuchze. Evelyn rannte durch die Tannenallee zum Wasser hinunter.
Agnes Elisabeth lief ihr nach, blieb aber plötzlich stehen und sah sich um. Vor ihr stand die Masse einer Rotbuche, auf deren blutenden Blättern mattes Gold schimmerte, dicht über Rasens Höhe karmoisinrote Kugeln von Georginen, und etwas höher, lang und schmal, weinrote Haselnußgerten. Dort drüben die kupferhelle Freudigkeit breiter Ahornzweige, die sich lachend vor dunkle Tannen drängte. Und ganz hinten, ein Spott auf des Herbstes Sterben: in dürrem Gebüsch gleißendes Scharlachrot. Und dies alles jauchzte ihr zu, schrie und jubelte.
Oh, sie hätte ihre Arme ausbreiten mögen nach diesen tausend Flammen brennenden Rots, die eigens für sie entzündet waren. Und die Flut des Sonnenlichts hätte sie trinken wollen, durstig, und zitternd unter der Bürde ihres Glücks.
Eine Bürde war es ...! Wie sie weiterging, waren ihre Schritte schwer, als müßten sie sich beugen, -- wie heißes Gold rann das Blut durch ihre Adern. Und irgendwo da drinnen war eine Last, die alle Glieder müde machte.
Aber sie dachte nichts anderes, als daß sie diese Last tragen dürfte, jetzt noch wie in einem Traum, und nun mit Gewißheit.
Mit Gewißheit ...!
Trotzdem freilich wußte sie noch nicht, was sie mit Craners Brief anfangen sollte.
IX
Eines Morgens erwachte der Pastor mit dem Gedanken, daß es wohl Christenpflicht sei, sich wieder einmal um die verwaisten Schwestern zu kümmern. Da es noch vor sieben war, legte er sich auf die andere Seite, zog das Federbett höher und überlegte sich die Sache: Die langen Abende begannen; man konnte nicht immer Bücher lesen, vielleicht wäre es ganz nett, einen Verkehr anzufangen.
Aus dem Bett neben ihm kam ein Seufzen. Hinter dem Berg von Kissen tauchte die Nachtmütze der Pastorin auf.
»Gottfried! Es ist sieben!«
Das Rasseln des Weckers, der auf der Marmorplatte des Waschtisches stand, fuhr frech in die morgendliche Stille.
»Ich sage ja, genau mit dem Glockenschlag wache ich immer auf!« lobte es auf der weiblichen Seite.
Gottfried Gerlach wandte sich und sandte ihr einen begrüßenden Blick.
»Es scheint zu regnen,« meinte sie und hob sich in die Höhe. »Natürlich! Also wieder keine Wäsche aufzuhängen!«
Er überlegte, ob er ihr von seinem Plan sprechen sollte. Sehr günstig war der Augenblick nicht. Lieber noch ein Weilchen warten!
Er stand auf und zog sich an. Später, beim Waschen, als er mit den Armen im Becken herumfuhr, bemerkte er beiläufig:
»Eigentlich sollte man die Hellweges wohl mal einladen!«
Die Pastorin zog gerade einen roten Moirérock über.
»Warum? Das haben wir doch nicht nötig!« sagte sie und arbeitete mit den Ellbogen den Rock herunter.
Der Pastor griff nach dem Handtuch und rieb sein Gesicht.
»Nötig ja nicht! Aber die verlassenen Waisen könnten etwas guten Einfluß schon gebrauchen!«
Der »gute Einfluß« überredete Betty stets. Sie fand nun auch, daß es gut wäre, auf die jungen Mädchen einzuwirken. Sie erinnerte sich plötzlich, daß die Kleine bei Hellweges immer so naseweise Fragen stellte, daß Julies Mundwinkel spöttisch zucken konnten, wenn sie mit ihr sprach.
»Ohne jede Erziehung!« sagte sie. »Es ist wahr, Gottfried, wir haben Pflichten!«
Die Mission war erkannt, und man ging ihr sofort zuleibe. Die Schwestern wurden feierlich zum Abendbrot geladen, und damit es sich auch lohne, forderte man auch den Schullehrer mit seiner Mutter und Hinrich Teetje auf.
* * * * *
Dies war nun die Abendgesellschaft.
Die Hängelampe schummerte über dem Tischtuch. Ein Geruch von Braunbier und Schinken stieg von der Tafel und mischte sich in den Ecken, wo die zwei Blumenetageren standen, mit dem welken Duft letzter Rosen.
Da saßen sie alle einträchtig, eines neben dem anderen.
Mine, das Mädchen, stand an der Tür und glotzte mit aufgerissenen Augen auf das, was am Tisch geschah. Warum das nur immer schnackte und redete?! Wenn man bei Tisch saß, dann aß man und sprach nicht. Das älteste Fräulein Hellwege hatte ein Kleid von schierer schwarzer Seide an. Und die zweite schien Herrn Pastor richtig auszuschimpfen.
»Ich nehme nur Goldreinetten. Und ich lasse den Saft einkochen, bis er braunschwarz wird,« erklärte die Pastorin.
»Kochen Sie auch Gelee ein?« kam es von Frau Allm.
»Nein, mein liebes Fräulein Julie, an und für sich habe ich nichts gegen das Studieren; aber der Beruf der Frau liegt auf einem anderen Gebiete!« sagte Gerlach bedeutungsvoll.
»Das kommt auf die Persönlichkeit an,« meinte Julie. Auf ihrem Gesicht lag eine matte Farbe, wie errötende Bronze. War es nicht, als hätte man eine feine Radierung in eine Bauernstube gehängt!? Das Holzbraun des Kleides, das flüchtende Braun des Haares, das Golddunkel der Aster im Haarknoten ...
Der Pastor hingegen fand, daß Braun nicht ihre Farbe sei. Zwischen Wurstbroten und weichem Ei setzte er sein Gespräch mit ihr fort. Er hatte sich heute bis an die Zähne gewappnet. Sich bloßstellen, wie neulich, wollte er nicht wieder. Sie schien auch nachgiebiger zu sein. Übrigens, das mußte er ihr lassen: ein klares Denken hatte sie.
»Nein, weißt du, aus allen den kleinen gelben Viehchen sind nun große weiße Enten geworden!« erzählte Evelyn ihrem kleinen Nachbarn, dem siebenjährigen Hermann des Pastors. »Und auch die Hängematte ist wieder heil, durch die Marianne damals durchfiel.« Sie zeigte auf die Schwester, die in einer farbenfrohen Seidenbluse stumm und strahlend neben Lukas Allm saß. Hätte nicht das Tischtuch ein zuckendes Fältchen geworfen, wären nicht beider Arme in einem Bogen zueinander geneigt gewesen, man hätte von einer Unterhaltung zwischen den beiden nichts bemerkt. Evelyn wollte just über dieser Betrachtung den kleinen Hermann vergessen, da lag schon seine schmierige Patschhand auf der Seide ihres Ärmels.
»Du -- und?« Die blauen Augen strahlten. »Dann schaukelst du mich wieder so hoch, daß ich in die Bäume fliege!?«
So hatte jeder sein Teil.
Hinrich Teetje saß, und seine grauen Augen saugten sich fest in rotem Haar.
Er wußte nicht, ob das schicklich war. Er wußte überhaupt nichts von dergleichen Dingen. Er wußte nur, daß das ein Feuer anfachte, und daß er still dasitzen mußte, damit es gut brenne.
Und sie, die seinen Blick fühlte, dachte an Heinrich Craner und gab Hinrich einen freundlichen Blick. Wenn ein Luftzug kommt, brennen Flammen heller.
Mine kicherte. Ihr Pastor bückte sich und hob Fräulein Hellweges Serviette auf.
»Ich hatte neulich einen Brief von Herrn Craner, er schrieb mir über Evelyns Stunden und ihre Konfirmation.«
»Die Pfauen tragen eine Krone auf dem Kopfe.«
»Essen Sie Äpfel nicht gerne, Fräulein Marianne?« So hatte es endlich zu einem Satze gereicht.
»Sie ist eine reizende Frau, Ihre Tante Sophie.«
»Ich will auch niemandem eine Freude machen!«
»Ich danke Ihnen auch schön für Andersens Märchen, Frau Allm!«
»Hat es Ihnen gefallen, Fräulein Eva?«
Der rote Saftpudding!
Und dann: »Hab’ Dank für Speise und Trank!«
Der Pastor stellte mit einer gewissen Genugtuung fest, daß Julies Blick während des Betens zerstreut über die Wände ging. Er folgte ihm. Doch als sie sich drüben im Spiegel fanden, senkte er strafend die Augenlider.
Unter allgemeinem Stühleschurren kam man ins Wohnzimmer.
»Nun, mein lieber Teetje, was machen Ihre landwirtschaftlichen Studien? Gehen Sie noch mal wieder nach Berlin zurück?«
Teetje antwortete schwerfällig, aber seine Stimme war schön und brachte Fülle in das unbewohnt riechende »beste Zimmer« des Pfarrhauses.
»Ich muß zusehen! Ich weiß es noch nicht genau, Herr Pastor! Mit Vater seiner Gesundheit wird es immer wackeliger! Es wird mir schwer genug werden, das Lernen aufzugeben. Wenn er mich braucht, muß ich natürlich hier sein.«
»Auch, wenn Sie mitten im Lernen sind?« fragte Julie interessiert.
»Gewiß, Fräulein.« Da war kein Zweifel.
»Sie können ja Ihre Arbeit auch hier draußen weiterbringen,« sagte Agnes Elisabeth freundlich vom Sofa her, wo sie neben Frau Allm saß.
Hinrich Teetje wurde heftig.
»Nein! Eins oder das andere! Lernen oder wirtschaften! Die Bücher oder der Hof!«
Sein schmales, fast rassereines Gesicht tiefte sich in einer Farbe, die irgend etwas Innerliches zudeckte.
»Aber Sie entscheiden sich nicht für die Bücher, auch wenn Sie sie lieber mögen?« fragte Julie gespannt.
»Nun mögen Sie für Ihre Ansicht reden,« lächelte der Pastor. »Diesen werden Sie nicht bekehren.« -- Seine Zigarre qualmte in dicken Schwaden.
»Bekehren, das wissen Sie, Herr Pastor, ist nicht mein Geschmack.« Wie dieser Hinrich Teetje wohl mit einer Zigarette aussehen würde? dachte sie.
»Nein!« sagte Hinrich schlicht.
»Schade!« Julie interessierte sich für ihn. »Warum tun Sie nicht, was Ihnen Freude macht?«
»Ich habe meinem Vater, als er mir erlaubte, in die Stadt zu gehen, versprochen, daß ich kommen will, wenn er mich ruft, damit ~ich~ dann seine Arbeit tue.«
»Und ich meine,« sagte der Pastor und legte seine Hand auf Hinrichs Schulter, »solche Kindesliebe hat höheren Wert als die Jagd nach eigenem Glück.«
»Kindesliebe ist das nicht, Herr Pastor!« entgegnete Hinrich Teetje. Damit schloß er zu, und man hörte an dem Abend kein Wort mehr von ihm.
Wo des Pastorhauses einzige Palme stand, saßen Marianne und Lukas Allm. Die Palmenhände verdeckten begehrliches Kichern und halblaute Worte. Marianne schwamm im Vergessen alles Äußeren und hatte als Stütze nur des Lehrers rote Hand. Das Halbdunkel der Ecke gab ihr weite Träume, und die Luft der Prachtstube ließ sie sich als würdige Lehrersfrau fühlen. Hin und wieder nippte sie von dem süßen Stachelbeerwein.
Evelyn saß allein und blätterte in einem Bilderbuch des kleinen Hermann, der schon zu Bett gegangen war. ›Am Himmel schön die Sternlein stehn, die Glock’ schlägt zwei, sie gehn hinunter nach der Reih’ ...‹
Das Gespräch floß in geschwätziger Breite dahin. Allmählich dehnte es sich, stumme Blasen stiegen auf, endlich blieb es sachte stehen.
Frau Allms Socke spitzte sich zum Zeh, Agnes Elisabeth erhob sich, und nach Bedanken und Gutenachtsagen ging man auseinander.
Wenn Marianne und Lukas Allm sich noch zu einem Zusammentreffen in der Heide am nächsten Mittag verabredet hatten, so hatte man davon jedenfalls nichts gehört.
»Es sind junge Seelen; gute Eindrücke werden in ihnen haften bleiben,« sagte der Pastor und schloß die Haustür.
X
Wie tote Städte standen die Torfhaufen nebeneinander, in geraden Straßen, die verlassen waren. Hier eine Stadt, dort eine, alle ausgestorben, als sei die Pest hindurchgegangen.
Der Wind fegte über das Moor. Aus der Ferne kam er heulend heran, wimmerte über den Bäumen und prasselte hinten in die Dorfstraße hinein. Staub wirbelte er auf, duckte Hagebuttensträuche zu Boden, ließ Eichengebüsch klirrend erschauern und die entlaubten Birken ihre Leiber zur Erde biegen. Alles, was noch Sommer war, riß er ab und pfiff es in die Luft.
Drüben stand die Sonne. Zwischen Dunst ein matter Streifen und in Schleiern eine kalte Kugel. Es war kein Licht, das von ihr kam; eine Blässe, die nur traurig war, ein Glanz wie blindes Messing. Feindschaft war heraufgekommen aus toten Winkeln und hatte alles Glück und alles Jubeln verstummen lassen. An Licht und Sonne mochte man nicht glauben und ließ es gehen, wie es ging.
In der Mitte der Straße ging Agnes Elisabeth. Der Wind preßte sich fest an sie, so daß das Kleid wie nasse Tücher um ihre Formen klebte. Sie lehnte sich dagegen. Der Sturm wußte, daß sie ihm gehörte.
Just, als die gelbe Scheibe sich hinter graue Schwaden versteckte, erschien unten, wo die Chaussee mit kreisrunder Öffnung in der Ferne verschwand, ein dunkler Punkt. Er wurde größer, und dann erkannte Agnes Elisabeth, daß es der war, den sie erwartete.
Ihre Füße fingen zu laufen an. Sie lief, bis sie bei ihm war. Nun stand sie vor ihm und wußte erst jetzt, daß sie gelaufen war.
Eben noch hätte sie ihre Arme um ihn werfen mögen, hätte sich an ihn pressen, ihn küssen mögen, nun konnte sie nichts von alledem. Demütig stand sie und wartete.
Heinrich Craner nahm ihre Hände und neigte sich über sie, aber er wagte es nicht, sie zu küssen. War er erschrocken darüber, daß sie so auf ihn zugeflogen war, mit wirrem Haar, das wie Flammen flirrte, mit ungestümen Bewegungen, leidenschaftlich, und doch kalt!? Jedenfalls schien es ihm, als seien in ihrer Gestalt alle Stimmungen dieser Herbstesherbheit vereinigt: ein Brausen über unendliche Flächen der Sehnsucht, ein Rütteln an allem, was einengte, freilich auch nur blasses Licht, das kaum noch an sich glauben mochte.
»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind!« sagte er ruhig.
Agnes Elisabeth machte eine abwesende Bewegung. Noch war sie wie im Traum; alles war so selbstverständlich geschehen, ohne daß sie etwas dazu getan hatte; sie hatte das Haus verlassen, mechanisch die Richtung zum Bahnhof eingeschlagen, war immer weiter gegangen, bis sie ihn sah, und dann war sie ihm entgegengelaufen. Aber nun sie neben ihm schritt, fühlte sie plötzlich eine Verwunderung, die irgendwoher von außen zu kommen schien, vielleicht von den Bäumen, die ihre Köpfe schüttelten, von dem zweifelnden Blick der Sonne, die sich aus dem Dunst wieder herausquälte.
Craner ging eine Weile schweigend neben ihr her und versuchte hin und wieder ihren Blick zu finden. Aber der war zur Erde geneigt. -- Plötzlich -- es schien, als habe er nur darauf gewartet, daß sie die Brücke überschritten -- begann er:
»Sie haben meinen Brief verstanden, nicht wahr? Ich weiß es; Sie wären sonst nicht gekommen, nicht so gekommen.«
Agnes Elisabeth erschrak. Hatte sie sich etwas vergeben? Kurz darauf aber dachte sie daran, daß er sie lieb hatte, und gleichzeitig erwachte Wärme in ihr.
Craner mochte sie fühlen.
»Ich möchte Ihnen sagen, wie glücklich ich darüber bin. Was ich Ihnen schrieb, habe ich bisher keinem Menschen gesagt. Das Vertrauen fehlte mir. Bei Ihnen habe ich nicht einen Augenblick gezögert.«
Ein froher Stolz breitete sich in ihr aus, mehr noch, ein glückliches Gefühl der Zusammengehörigkeit.
»Und das andere,« fuhr er zögernd fort; »daß ich ...«
Es war Agnes Elisabeth nicht möglich, ihm zu helfen. Nicht, weil sie zu schüchtern gewesen wäre; sondern einfach, weil sie nicht verstand, von Liebe zu sprechen.
Craner gab sich einen Ruck.
»Ja! Ich habe Sie lieb!«
Das wurde kurz und trocken hervorgestoßen. Aber es berührte sie unmittelbar. Sie drehte jäh den Kopf und sah ihn an.
Aber Craner blickte nach den Torfstädten hin; als dürfe er sich nicht beirren lassen, sprach er heftig weiter: »Und ich brauche Ihre Liebe. Sie wissen nicht, was es heißt, da unten zu sitzen, fern von aller Kultur, auf sich selbst angewiesen, ohne irgendeine Möglichkeit, geistig weiterzukommen.«
Er hielt inne und suchte mit den Augen zwischen den Bäumen. Er wußte gar nicht mehr, worauf er eigentlich hinauswollte.
Agnes Elisabeth hatte gespannt zugehört, um ihn zu verstehen. Der Sturm riß seine Worte weg; sie mußte sich mühen, sie aufzufangen. Sie begriff nur, daß er nicht glücklich war und sie brauchte. Das war auch alles, was sie hören wollte.
»Aber das meine ich eigentlich nicht,« sagte er, sich besinnend. »Ich meine, man ist so allein! Die paar Menschen, die ich hatte, bedeuteten nichts für mich. Und ich ...«
Agnes Elisabeth wunderte sich plötzlich, wie zaghaft dieser Mann war, der ihr doch damals ein Gefühl von Sicherheit hatte geben können. Das rührte sie. Sie empfand, daß etwas Verwandtes in ihnen war. Allein, o ja, allein war auch sie. Sie hätte es gern gesagt.
Aber Craner achtete nicht darauf.
»Ich brauche Sie so sehr!« sagte er kurz, fast hilflos.
Agnes Elisabeth hatte ihn plötzlich ganz vergessen. Sie dachte nichts anderes, als daß ihr Leben einsam war. Sie wollte es einmal aussprechen dürfen, reden ohne Aufhören von dieser Einsamkeit, in der sie sich hinschleppen mußte, sie wollte sich ausweinen und ihren Kopf anlehnen dürfen.
»Wollen Sie nun bei mir sein?«
Agnes Elisabeth nickte langsam mit dem Kopf. Eine unbestimmte Empfindung wurde in ihr wach. Warum sprach er noch immer? Sie wünschte, daß er schwiege, daß eine Stille käme, in der sie alles vergessen könnte.
Aber er fragte weiter:
»Wollen Sie mir nicht einmal sagen, ob Sie mich liebhaben? Hast du mich lieb, Agnes Elisabeth?«
»Ja, o ja!«
Es war, als ob etwas in ihr zerspränge, etwas anderes sich frei machte. Ein Ton war darinnen, wie von brechenden Ästen.
Dann kamen jene Augenblicke, die allein in Agnes Elisabeths Erinnerung an diesen Tag zurückblieben. Er nahm sie in seine Arme und küßte sie. Er küßte sie mit der Empfindung eines einfachen, gesunden Mannes.
Aber für sie war es mehr. Während er ihr nur einen Teil seines Ichs geben konnte, schenkte sie ihm alles. Jede Farbe ihres Empfindens, jede Linie ihres Körpers war Hingabe.
Nicht aus Liebe! Die Liebe allein hätte bei ihr solches nicht zuwege bringen können. Sondern weil Agnes Elisabeth stark war, und weil in dieser Stärke ihre Schwäche lag. Eine gefährliche Schwäche! Denn eine, die allein und nur mit eigener Kraft gehen will, die muß damit rechnen können, daß mitten auf der Straße des Lebens ein Durst nach Liebe sie übermannt und eine Sehnsucht, ihre Arme um einen Hals zu schlingen, und daß dann keiner da ist, dem sie es tun, keiner, der ihren Durst stillen könnte. Diese Rechnung stimmte bei Agnes Elisabeth nicht. Weder ihre Mutter, noch ihre Schwestern waren dagewesen, wenn sie nach ihnen gerufen hatte; sie war so oft am Wege liegen geblieben, sie hatte sich freilich wieder aufgerafft und war mit trotzigen Lippen weitergelaufen. Wenn Schwestern und Mutter dann kamen und nach ihr suchten, dann war sie schon weit weg, an blühenden Gartenzäunen des Lebens, und bedurfte ihrer nicht mehr. So waren sie aneinander vorbeigegangen.
Aber hier war einer da, als sie ihn brauchte.
Wie sie ihn küßte! Sie streckte ihre Arme aus und klammerte sich an ihn ...
Als sie sich endlich aufrichtete und hastig seinen Arm nahm, war es dunkel geworden. Wo die Sonne gestanden hatte, war nur qualmender Dunst; aus dem Moor stiegen Schatten auf. Der Rest von Licht, der auf Bäumen und Sträuchern gesessen hatte, war zusammengesunken. Die Nacht kam eilig von allen Seiten.
Craner war es, der zuerst wieder Worte fand.
»Morgen will ich mit meinem Bruder sprechen. Er weiß noch nichts. Er wird sich wundern.« Und er lachte.
Dieses Lachen war der Anfang von dem, was nun alles in kurzen Worten schnell und schreckhaft zu Ende gehen ließ.
Sie faßte ängstlich nach seiner Hand. Er streichelte sie und sprach weiter, ohne ihrer Angst zu achten:
»Und deine Schwestern ...?«
Vor ihren Augen flirrte etwas vorüber, was ganz schwarz war, wogte und plötzlich zerriß. Dann schien es ihr mit einem Male, als ob alles, was sie in der letzten halben Stunde erlebt hatte, abgeschlossen und beiseite gestellt sei. Sie war wieder die Agnes Elisabeth von früher; der da neben ihr ging, war ein fremder Mann.
Sie riß ihre Hand los:
»Nein, ich kann nicht! Ich muß bei den Schwestern bleiben.«
»Warum? Sie sind doch erwachsen.«
»Noch nicht.«
»Ist das ein Grund, ihnen solches Opfer zu bringen?«
»Ich habe Mama versprochen, bei ihnen zu bleiben.«
»So kann es deine Mutter nicht gemeint haben.«
Sie schwieg.
»Du hast nicht den Mut, glücklich zu sein?«
Sie schwieg. Nach einer langen Weile sagte sie: »Ich darf auch nicht so weit von ihnen weggehen.«
»Du willst nicht mit mir kommen?«
»Jetzt nicht.«
»Später?«
»Später? -- Willst du wiederkommen?«
Die Frage verhallte. Wohl antwortete er »Ja«, aber dieses Ja kam ein wenig später, als sie gehofft hatte. Nun hörte sie es nicht mehr.
Craner sprach weiter, aber es ging an ihr vorüber, ohne daß sie es verstand. Plötzlich blieb sie stehen: »Ich muß gehn. Ich danke Ihnen. Und ich ...« Sie kam nicht zu Ende. Einen Augenblick stand sie unbewegt. Dann wendete sie sich ab und ging in das Halbdunkel zurück.
Mechanisch setzte sie Schritt vor Schritt. Es war, als wenn sie an den Bäumen entlangglitte. Plötzlich empfand sie einen Schmerz. Sie drehte sich um. Er war nicht mehr zu sehen. Ihre Gedanken waren ausgelöscht, ihr Empfinden betäubt. Es tat wohl, zu stehen und sich nicht zu rühren.
Bis Menschenstimmen herüberkamen, von drüben, wo ein Landweg aus dem Moor herauskroch. »Wirst mich auch wieder küssen?«
Dann ein unterdrücktes Kichern.
Agnes Elisabeth hob schwer den Kopf und kehrte um. Kurz vor dem Dorfe erkannte sie in einiger Entfernung zwei Gestalten, die nach einer Weile zwischen den Kastanienstämmen der Dorfstraße verschwanden.
Sie kam an den ersten Bauernhof, der behäbig neben der Straße lag. Der gehörte Hinrich Teetje, fiel ihr ein.
Als sie die Gartenpforte öffnete, dachte sie: Ob sich Marianne niemals diesen wiegenden Gang abgewöhnen wird?
* * * * *
Agnes Elisabeth und Marianne saßen im Wohnzimmer.
In der Stille des Lampenlichts gingen Gedanken hinüber und herüber. Es war ein erbitterter Streit, der schweigend gefochten wurde.
Bei Marianne kämpfte jene draufgängerische Leidenschaft, die das böse Gewissen gibt. Sie wußte sehr wohl, daß etwas nicht zu Recht und in Ordnung war. Und darum machte sie tollkühne Ausfälle, um künstlich Übergewicht zu erzwingen.
Agnes Elisabeth wurde als Gegner von ihr unterschätzt. Bei ihr handelte es sich nicht um Recht oder Unrecht, sondern um die Existenz. Sie kämpfte mit dem Letzten um ihre Stellung gegenüber den Geschwistern. Weil sie diese halten wollte, hatte sie bereits eine viel wertvollere darangegeben. Nun mußten wohl Erbitterung und Haß auf ihrer Seite sein.
Sie behielt die Oberhand. Der Kampf war in Wirklichkeit schon entschieden, als sie sich zum Fragen entschloß.
»Warum hast du kein Vertrauen zu mir, Marianne?«
»Wenn du keines zu uns hast!« flog es zurück.
Agnes Elisabeth duckte sich ein wenig.
Marianne machte ein herausforderndes Gesicht. Aber es dauerte nicht lange. Agnes Elisabeth klappte ihr Buch zu und nahm es fest in die Hand.
»Warum triffst du dich heimlich mit dem Lehrer?«
»Das ist meine Sache.«
»Nein!«
»Also gut! Ich liebe ihn!« sagte Marianne mit Stolz.
»Du mußt doch wissen, daß sich das nicht gehört. Du kannst doch nicht mit einem fremden Manne in der Dunkelheit durch die Heide laufen!«
»Übrigens sind wir verlobt,« sagte Marianne. Es gefiel ihr, die Märtyrerin ihrer Liebe zu spielen.
»Das wird sich finden!«
»Ich heirate ihn doch!«
Eine Pause ging zwischen ihnen hindurch.
»Einen Dorfschullehrer!« Agnes Elisabeth schämte sich, dieses Wort ausgesprochen zu haben.
»Darüber sieht man hinweg, wenn man liebt.« Marianne wollte ihn sich erkämpfen. Pathos klang aus ihrer Stimme. Dies war der Augenblick, in dem man zum Weibe heranreifte.
»Dann begreife ich nicht, warum Herr Allm noch nicht zu mir gekommen ist oder an Onkel Wilhelm geschrieben hat.«
»Wenn du das nicht verstehst?! Meinst du, wir werden unser Glück gleich den Verwandten preisgeben?«
»Hast du kein Gefühl dafür, daß du dir etwas vergibst? Nicht vor den Leuten! Aber vor dir selbst! Wenn du im Dunkeln --«
»Im Dunkeln ist es viel interessanter!«
»Durch solche Heimlichkeiten müßte sich dein Empfinden verletzt fühlen.«
Marianne schob den Stuhl zurück und lachte.