Chapter 6 of 13 · 3964 words · ~20 min read

Part 6

»Heimlichkeiten! Hast du übrigens keine, Agnes Elisabeth?« Sie kam sich mit einem Male wie verheiratet vor. Nun war auch die Neugierde da. »Ich kann dich ja verstehen! Da ich selbst so etwas durchlebe!«

Die täppische Vertraulichkeit traf. Agnes Elisabeths Züge wurden hart.

»Nein!« sagte sie schroff.

»Also nicht!« meinte Marianne pikiert und stand auf. Man hätte so gut ein bißchen darüber reden können; aber wenn Agnes Elisabeth nicht wollte! »Hast du Gesche mein Kleid zum Plätten gegeben?« fragte sie kühl.

»Ja!«

Marianne schlenderte aus dem Zimmer.

Agnes Elisabeth wandte den Kopf. Erbitterung schwoll in ihr auf, wie über eine Demütigung. Dieses junge Ding wollte über Liebe reden ...?! Agnes Elisabeth biß die Zähne zusammen. Vielleicht schmerzte sie weniger der törichte Vergleich, als daß sie selbst durch ihn so klein wurde und übelnehmerisch mit Marianne zankte.

Sie stand auf. Das Zimmer blickte sie gleichgültig an, die Lampe dämmerte.

Sie fühlte etwas Graues, Unendliches, das vor ihr aufzog und über sie hin griff. Ihre Augen schlossen sich, schraken aber gleich wieder auf. Sie mußte wohl nach den anderen sehen. Sie ging in Julies Zimmer.

Kreischendes Juchzen und ein Unterrock, der herumwirbelte. Julie saß auf dem Tisch, Marianne auf dem Sofa und Evelyn tanzte.

»Einen Hochzeitsreigen! Hörst du nicht? Einen Hochzeitsreigen!« rief Marianne.

Evelyn drehte sich taumelnd, sank zur Erde und blieb laut lachend liegen. Plötzlich verstummte sie. Ein furchtsamer Blick ging zu der Schwester, die in dem engen Türrahmen stand, wie ein Bild auf grauem Hintergrund: das Kleid verschwamm, nur Wange und Schläfe traten als harte Lichter heraus, und darüber glühte das rote Gewirr des Haars.

Agnes Elisabeth kam für einen Augenblick der Gedanke, den Schwestern zu sagen, was heute geschehen war. Daß Glück und Entsagung einander gemessen hatten, und daß sie, ohne zu zögern, das Glück beiseite geschoben und sich für die Entsagung entschieden hatte, um ihretwillen! Sie blickte schüchtern hinüber, als suchte sie Hilfe.

Aber Julie sah weg. Ein harter Zug lag in ihrem Profil. Marianne hob sich träge in die Höhe.

»Einen Hochzeitsreigen!« kommandierte sie von neuem.

Evelyn sprang auf, begann gravitätisch durch das Zimmer zu schreiten.

Agnes Elisabeth ging wieder hinaus. Ein Lachen klirrte hinter ihr her.

Sie ging in ihre Stube und setzte sich an den Tisch. Gedankenlos blickte sie durch die Luft. Nach einer Weile fiel ihr Kopf auf die Hände. Und wieder nach einer Weile krümmte sich ihr Rücken unter zuckenden Stößen.

Das war die Einsamkeit ...

XI

Es hatte über Nacht gefroren. Dünne Zweige starrten in den Himmel, dazwischen schimmerte Sonnenschein wie goldener Staub.

In diesem harten Licht vor den Fenstern eine Masse von kleinen Beinen, blauen Röckchen und roten Backen und ein fröhlicher Lärm, der von der Erde kurz zurückhallte. Die Schule war aus, und die kleine Gesellschaft quirlte vor der Tür, balgte sich, schrie und trottete schließlich in Gruppen gemächlich nach Hause.

Der Lehrer saß drinnen am Fenster und sah ihnen nach. Aber nur eine kurze Weile. Dann ging er an den Schreibtisch und legte ein Blatt Papier vor sich hin. Er wollte dichten. Das tat er in letzter Zeit öfter. Heute während der Geographiestunde war ihm ein Gedanke gekommen, so etwas von ›weitem Erdenrund‹ und ›wird mein Herz nun ganz gesund‹. Das wollte er aufschreiben. Er stützte den Kopf in die Hand und sann. So schnell ging die Sache doch nicht. Um zunächst einmal anzufangen, schrieb er mit der schwungvollen Schrift, deren er sich nur als Autor bediente, »An Marianne«. Das sah gut aus. Nun weiter! In der ersten Strophe mußte von dem unbefriedigten Suchen nach Glück gesprochen werden, »habe nun ach, Philosophie, Juristerei und Medizin« fiel ihm ein. Etwas Faustisches natürlich! Aber wie? Er schaute suchend in die Luft und wartete darauf, daß ihm ein Gedanke kommen würde.

Statt dessen aber klopfte es, und ehe Lukas Allm Zeit gefunden hatte, »Herein« zu rufen, öffnete sich die Tür und Agnes Elisabeth trat ins Zimmer.

»Guten Morgen, Herr Allm!«

Der Lehrer sprang auf.

Sie blieb vor ihm stehen.

»Ich möchte mit Ihnen sprechen!«

Lukas Allm machte eine ungeschickte Handbewegung und wies auf einen Stuhl.

»Wollen Sie, bitte ...«

Sie beachtete es nicht, sondern fragte knapp:

»Was haben Sie mit meiner Schwester?«

Natürlich war ihr Ton feindselig.

Lukas wurde rot; am Kinn fing es an und ging plötzlich bis zur Stirn hinauf.

»Ja, ja ...« stotterte er verlegen. »Ich habe sie lieb! Ich liebe sie,« verbesserte er sich.

»Und trotzdem treffen Sie sich heimlich mit ihr und bringen sie ins Gerede!?«

Daran hatte Lukas noch nie gedacht.

»Ach,« murmelte er bestürzt. »Ich ... Sehen Sie, wie es so kam ...«

Er war immer nur kommandiert worden und hatte gehorcht.

»Wir trafen uns zufällig ...« Er starrte auf den Bogen, der auf dem Tische lag. Plötzlich fiel ihm ein, daß er verlobt war und etwas unternehmen müsse. »Was soll ich denn tun?« fragte er hilflos.

Agnes Elisabeth lächelte ein wenig. Der Mann tat ihr leid.

»Wenn ~Sie~ das nicht wissen, dann ...«

»Wir haben uns ja verlobt,« raffte er sich zusammen.

»So?! Und Sie wollen sich heiraten?« fragte sie einfach und naiv.

Das erdrückte ihn nun wieder. So für sich hatte er ja an nichts anderes gedacht als an die feierliche Trauung und die warme Fröhlichkeit eines jungen Hausstandes. Aber die Wirklichkeit beginnen, das war doch etwas anderes. Er versuchte in den Gedanken hineinzugehen.

»Sie werden den Vormund aufsuchen, Herrn Wilhelm Craner, und werden ihn um die Hand meiner Schwester bitten!«

»Ja!« machte er bedrückt.

»Wenn Sie zurückkommen, dürfen Sie uns besuchen, um mir mitzuteilen, was Herr Craner Ihnen gesagt hat.«

Lukas Allm schwirrte es vor den Augen.

»Glauben Sie, daß er ... Ich weiß nicht, wie ich ihm das sagen soll! Ich bin, glaube ich, manchmal etwas verlegen ...«

Agnes Elisabeth wurde ungeduldig.

»Sie können auch schreiben! Aber Sie dürfen meine Schwester nicht eher wiedersehen, als bis der Vormund darüber entschieden hat. Hier ist seine Adresse.«

Sie legte einen Zettel auf den Tisch.

Lukas Allm schob den Kopf vor. »Ich danke Ihnen!« Und dann sah er zu Boden. »Nicht wahr, Sie denken nicht schlecht von mir? Ich ... Ich bin ja so ...«

Agnes Elisabeth schüttelte ruhig den Kopf; dann wandte sie sich um.

»Adieu, Herr Allm!« Die Tür schlug zu.

Der Lehrer blieb noch eine Weile stehen, dann setzte er sich an den Tisch. »An Marianne« stand da noch auf dem Papier. Er malte den Schnörkel nach. Dann plötzlich schrieb er darunter, jetzt aber mit kalligraphischer Diplomschrift: »Hochgeehrter Herr Craner!«

Aber weiter kam er vorläufig nicht; die Feder blickte hilflos auf das Papier, gerade als ob Lukas Allm vor Herrn Craner stünde.

XII

Es ist eine alte Erfahrung, daß man die Lebensauffassung eines Menschen nach der Einrichtung der Räume, in denen er sich aufhält, richtiger beurteilen kann, als nach den Anschauungen, die er äußert. Die farbenreine Ateliereinrichtung eines unbemittelten Malers spricht eindringlicher von verfeinertem Lebensgenuß als die kunststrotzenden Prachträume reicher Mäcene. Und in den Bücherregalen, dem mit Manuskripten bedeckten Schreibtisch des Gelehrten wie in den einfachen alten Mahagonimöbeln eines Fürsten empfindet man mehr von aristokratischer Überlegenheit, als beide zu zeigen wagen.

Diese stumme Sprache der Dinge konnte auch mancherlei Wissenswertes über Wilhelm Craner und Tante Sophie erzählen, wenn man einen Gang durch das Eßzimmer machte.

Es war mit schwerer Pracht eingerichtet. Dunkle Ledertapeten mit blassem Gold machten den Raum feierlich: Das geschnitzte Büfett hatte etwas von einem Altarschrein, das Silber darauf erinnerte an heilige Gefäße. Und doch war es nicht der Eindruck des Luxus, den man bekam. Daß Wilhelm Craner reich war, wußte man. Man empfand vielmehr, daß, was hier geschah, mit dem Zeremoniell einer religiösen Handlung vor sich ging.

Die Beschäftigung des Essens und Trinkens geschah mit einer Art Andacht, nicht um der Kostbarkeit der Speisen willen, sondern aus Ehrfurcht vor häuslicher Sitte. Diese war das erste Gebot in Sophie Craners geregeltem Haushalt. Man verdankte ihm die Schulung des Dienstpersonals, die Ordnung der Wäscheschränke, die Blumen in den Vasen, aber wohl auch den Mangel an Stimmung.

Für Hellweges war es dort nichts.

Heute waren sie alle zum Essen da. »Damit man euch endlich mal wiedersieht,« wie Tante Sophie geschrieben hatte, in Wirklichkeit aber, weil vor drei Tagen ein sauber geschriebener Brief bei Wilhelm Craner eingetroffen war, der eine schöne Aufregung hervorgerufen hatte.

Die Mahlzeit verlief wie immer; ein paar Gespräche wurden begonnen, blieben wieder stecken, und das Schweigen wurde ebenso feierlich herumgetragen wie der Rehbraten. Julie zog ab und zu ein mokantes Lächeln auf, aber es paßte nicht recht her. Marianne natürlich aß.

In dem Augenblick, wo Onkel Wilhelm sein Wassernäpfchen beiseite schob, erhob sich die hübsche Französin und eine Sekunde später die kleine Rena; sie machte einen Knicks und verschwand an der Hand der Gouvernante. Nach weiteren zwei Minuten nickte Onkel Wilhelm seiner Frau zu, und man begab sich in die Halle. Eigentlich war es Brauch, die begonnene Unterhaltung hier fortzusetzen, aber heute geschah das Unerhörte, daß Onkel Wilhelm Agnes Elisabeth sogleich in sein Zimmer bat. Er schloß die Tür und bot ihr einen Sessel an. Dann nahm er einen Brief von seinem Schreibtisch und gab ihn ihr zu lesen. Während Agnes Elisabeth aufmerksam las, ging er im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er stehen und lachte kurz:

»Was sagst du dazu?«

Agnes Elisabeth blickte auf und zuckte die Schultern. Die ganze Sache war ihr mit einem Male so gleichgültig. Sie beobachtete einen dicken Spatz, der auf der Terrasse hin und her hüpfte und ab und zu mit weit offenem Schnabel piepste.

»Woher glaubt dieser Mensch die Berechtigung zu haben, ganz einfach um ihre Hand anzuhalten!?« sagte Craner heftig.

»Berechtigung?« meinte Agnes Elisabeth kühl. »Warum nicht?« Sie sagte es nur, um überhaupt etwas zu sagen.

»Ich würde mich bedanken, wenn Rena solch eine Partie machen wollte.«

»Vielleicht paßt er besser zu Marianne, als irgend jemand aus der Stadt,« sagte Agnes Elisabeth ruhig.

»Ich verstehe dich nicht! Hier hätte sie viele Gelegenheiten, sich gut zu verheiraten. Sie ist ganz wohlhabend, sie ist hübsch ...«

»Herr Allm scheint sie aber liebzuhaben.«

»Ja, mein Gott, solche Ideale können aber doch nicht den Ausschlag geben.«

»Du magst recht haben,« sagte sie nachgiebig. Diese Milde war neu an ihr. Vielleicht wunderte sie sich selbst darüber.

»Ja, und was nun die Hauptsache ist: weiß denn Marianne schon davon? Ich meine, hat schon irgendeine Erklärung stattgefunden?«

Agnes Elisabeth nickte.

»Und wie verhält sie sich dazu?«

»Sie will ihn heiraten.«

»Natürlich!«

Der Vormund trat erregt ans Fenster. Die Sache war ihm sehr unangenehm. Es gab schon jetzt genug Menschen, die sich nach dem Ergehen der armen Waisen erkundigten, mit einem kleinen Lächeln, das ihn ärgerte.

»Soll man sie in eine Pension schicken?« fragte er ungeduldig.

»Ich glaube, Mama würde gegen eine solche Heirat nichts eingewendet haben,« sagte Agnes Elisabeth.

»Davon kann natürlich nicht die Rede sein; das mußt du doch auch sagen! Ich weiß, wie sehr du deine Schwestern liebst; du kannst unmöglich wollen, daß Marianne den ersten besten nimmt.« Agnes Elisabeth fand es wunderlich, daß Onkel Wilhelm von ihrer Liebe zu den Schwestern sprach. Es war ihr, als ob sie ein Lob erhielt, das sie nicht verdiene. Und dann wieder tat es weh wie eine Geringschätzung, wie ein Brocken, der ihr zugeworfen würde.

»Ich kann nur das wollen, wovon ich glaube, daß es auch nach Mamas Willen wäre.«

»Dann ist mit dir nicht zu verhandeln,« entgegnete Craner heftig. »Deine Mutter hat dir die Kinder anvertraut; das ist richtig. Aber deine Pflicht kann nicht darin bestehen, daß du sie in ihren verschrobenen Ansichten noch bestärkst! Dadurch schadest du ihnen mehr, als du ihnen nützt.«

Es stieg etwas in Agnes Elisabeth auf, was heiß war und vor ihren Augen flimmerte; etwas Gewalttätiges, was ihre Hand schon aufhob, ihn zu schlagen. Sie kannte diese schreckenvollen Augenblicke. Ihre Hände preßten sich zusammen. Aber plötzlich breitete es sich, wurde flacher und war verschwunden. Nur eine Mattigkeit blieb zurück, ein Dämmern: Dies alles war ja so gleichgültig!

Wilhelm Craner mochte empfinden, daß er ihr weh getan hatte. Und dann war ihm auch plötzlich eine Bemerkung eingefallen, die sein Bruder über die vier Schwestern hatte fallen lassen. »Schade, daß sie gar nicht verstehen, wie sich die Älteste für sie opfert,« hatte dieser gesagt. Eine Ahnung stieg in ihm auf.

Er legte seine Hand auf ihre Schulter. »Wir werden die Sache schon ins Gleis bringen. Man möchte euch doch glücklich sehen! Auch dich!«

Agnes Elisabeth nickte verständnislos.

»Ich werde nun mit Marianne sprechen. Du bleibst wohl hier?«

Und er rief Marianne, die mit nicht geringer Erregung das Zimmer betrat.

Was die beiden nun verhandelten, davon verstand Agnes Elisabeth fast nichts. Sie hörte nur die trockene Stimme des Vormunds und Mariannes verschwollene Antworten. Sie sah von ihm, der jetzt am Schreibtisch saß, nur einen Streifen der hohen Stirn und die Hand, die in der Luft hin und her ging, und von Marianne erkannte sie nur das Weiß des Taschentuchs, das sich ab und zu von dem marineblauen Kleide zu dem rosigen Gesicht hinauf begab.

Agnes Elisabeth fühlte sich wie verstoßen. Sie war hier, aber ebensogut hätte sie mitten im Moor sein können, wo man in dem Boden einsank und seine Arme vergebens nach Hilfe ausstreckte.

Nach einer Weile kam ihr der Gedanke, wie es wohl geworden wäre, wenn sie Heinrich -- für sich nannte sie ihn doch nicht anders -- ihr Jawort gegeben hätte. Und dann betrachtete sie das Gesicht des Onkels, der sich jetzt umgewendet hatte und lebhaft sprach. Sie ging aufmerksam darüber hin und vergaß nicht eine Falte. Es war viel Familienähnlichkeit vorhanden. Um den Mund Selbstvertrauen, aber auch Selbstsucht. Die Augen klug, aber ohne Tiefe. Die Stirn voller Runzeln.

Sie sah weg. Eine schmerzhafte Empfindung war plötzlich in ihr. Sie fühlte, daß eine Verbindung zwischen ihr und Heinrich Craner bestand, und daß sie von dieser nicht loskam.

Die Unterhaltung schien beendet zu sein. Onkel Wilhelm klopfte Marianne gutmütig auf die Schulter.

»Du bist doch damit einverstanden?« wandte er sich herum.

Agnes Elisabeth schrak auf.

»Natürlich! Wie du meinst, Onkel Wilhelm.«

Aber sie wußte nicht, um was es sich handelte. Sie hatte plötzlich den Gedanken gehabt, daß Marianne sich mit Lukas Allm verheiraten würde, daß Julie nach Berlin wollte, daß Evelyn zu Tante Sophie ins Haus kommen sollte und daß sie dann frei sein würde ... Ob Heinrich zu ihr zurückkehren würde ...?

Auf dem Heimwege erzählte ihr Marianne mürrisch, daß Onkel Wilhelm den Lehrer zu sich bitten wolle, um ihn kennenzulernen; dann machte sie ihr Vorwürfe, sie habe kein Interesse für ihre Angelegenheit und sei überhaupt eine lieblose Schwester.

XIII

Die Heide fing zu schlafen an.

Nebel hatten sich gebreitet und deckten sie zu. Die Tage kamen und gingen wie die Wolken, die über den Himmel zogen, eine wie die andere ...

Und einmal -- es war schon im Dezember, -- nachmittags, als die Nacht von Osten heraufdämmerte, irrten ein paar Flocken zur Erde, und es wurden ihrer mehr, und dann rieselte es herunter, die ganze Nacht und den nächsten Tag, und gegen Abend hörte es auf. Da wußte man, daß es bald Weihnachten war.

Bei Hellweges nähten sie an Mariannes Aussteuer.

Alles, was an irrenden Empfindungen sich sonst gekühlt hatte auf Rasenflächen und in goldenem Wasser, saß nun eng beieinander und schwelte und glomm.

Mariannes Wangen röteten sich tiefer über dem weißen Leinen. Zu Anfang gefiel sie sich in dem gewöhnlichen Brautglück. Da blätterte man in Katalogen, hatte Gratulationsbriefe zu lesen und ließ sich von der geschmeichelten Schwiegermutter verziehen.

Aber das Neue wurde alt, und die rosa und himmelblauen Farben wurden nüchtern. Zwischen Tag und Abend gab es Stimmungen, wo Marianne eine Bitterkeit überkam. Daß dies nun alles war! Daß es keine dunkeln Ecken mehr gab, wo man sich ängstlich und heimlich küssen konnte, daß es hell lichter Tag sein sollte, wenn Lukas’ Lippen die ihren berührten. Und dann fand sie auch manchmal, daß es eigentlich eine Anmaßung wäre, daß Lukas Allm sie liebte. Sie deuchte sich viel zu gut für ihn. Und über ihn hinweg reichte sie einem die Hände, der nicht da war und nie kommen würde. Das quälte sie zuerst, dann wurde es ein Genuß, von dem sie bald nicht genug haben konnte. Wenn Lukas Allm kam, geschah es oft, daß sie sich in ihr Zimmer einschloß und ihn nicht sehen mochte. Sie saß dann mit vielen Kissen in einem Korbstuhl, während er draußen auf Fußspitzen vorbeischlich; und sie haßte ihn, weil er da war, weil er sie heiraten wollte, weil er nicht ~mehr~ war. Sie weinte, biß sich in die Finger und kostete alle Wonnen der Phantastik bis zur Neige. Wenn sie an diese Neige kam, sehnte sie sich plötzlich nach seinen breiten Händen und verlangte nach seinen Küssen. Und der Schluß war fast immer derselbe: sie lief zum Schulhaus hinüber. -- Es war Mitleid darin, wenn sie sich dann an ihn preßte, ein angenehmes Gefühl von Herablassung mit einer Würze von Märtyrertum.

Anders waren die Abende.

Mancherlei Gedanken stiegen auf, und schauernde Empfindungen breiteten sich. Vielleicht, weil das Leinen kühl war und die Hände heiß, vielleicht auch, weil es gerade Nachtkleider waren, die sie nähte. Wenn sie da alle vier um den Eßtisch saßen, war in ihr nichts anderes als ein Warten auf das Schlafengehn. Die fertige Wäsche wurde dann in ihr Zimmer gelegt, -- sie schlief jetzt allein, -- und nachdem sie die Tür verriegelt hatte, bekleidete sie sich vor dem Spiegel in einer gewissen lüsternen Neugierde mit allem dem Kalten, Feinen, das ihre Haut kühl betastete. Und die Nachtkleider hob sie sich bis zuletzt auf. Nicht etwa, daß sie jetzt an Lukas Allm gedacht hätte; sie wußte sehr wohl, daß das nicht passend gewesen wäre. Aber gerade diese Grenze war nur ein Reiz mehr. Das Ungewisse wartete noch auf sie. Wenn ihre Phantasie rosenrot um sie herum stand, legte sie sich in ihr Bett, in das weiche, weiße, volle Bett. Und wenn sie wollte, dann lag sie kalt, ohne sich zu rühren, und lauschte, wie es um sie brauste. Und dann wollte sie niemals ihr Mädchenbett verlassen. Aber zu anderen Zeiten, -- und die kamen, -- häufte sie Kissen neben sich, schlang die Arme um sie ... Und dann küßte sie, -- nicht Lukas Allm, aber ~ihn~!

Alle Wirklichkeit stand dann weit, weit fort.

Diese Abende blieben auch nicht ohne Einfluß auf die anderen. Es war immer dasselbe Bild. Die Stube mit ihren dämmernden Ecken, die Hängelampe, die leise hin und her schaukelte, der Tisch mit Leinen bedeckt, und da saßen sie, verbissen sich in ihre Arbeit, schwiegen und ließen ihre Gedanken wandern. Wovon man sprach, -- man tat es nicht allzuoft -- war natürlich immer die Aussteuer und die täglichen Nichtigkeiten der Ehe. Evelyn fand dies alles nüchtern. Daß man ganze Ballen Zeug mit lautem Ratschen zerriß und ohne Ende rote Buchstaben und Zahlen stickte! Sie wollte nur Seide haben, knisternde Seide und viele Spitzen; vor allem müßte alles plötzlich vor ihr liegen, und man dürfte nicht wissen, woher es käme.

Julie wurde sich über manche Dinge klar, an die sie bisher nur gelegentlich gedacht hatte. Ohne Hochmut! Da war weder Spott über Mariannes bräutliche Wichtigtuerei, noch jene gemachte Überlegenheit, die nichts ist als Neid und boshafter Entgelt für verletztes Schamgefühl. Sie wurde von der schwülen Atmosphäre -- denn in aller Gedanken war der Mann gegenwärtig, und in dem Schweigen war viel von der erwartenden Bangigkeit des Weibes, das seine Nähe fühlt -- eigentlich nicht berührt. Aber sie stand mit offenen Augen vor diesen neuen Vorgängen und ging mit ihrem Verstande, wie sie glaubte, in Wirklichkeit mit ihrem Empfinden daran, diese Eindrücke zu verarbeiten.

»Die Frau ist in der Ehe doch nur ein Anhängsel,« sagte sie einmal.

Marianne widersprach ihr würdevoll und redete von der veredelnden Kraft der Liebe.

Julie schüttelte den Kopf.

»Liebe ist bei ihm nur eine kleine Kammer seines Innern, wo er seine paar Empfindungen zusammengeworfen hat, weil er sich zwischen ihnen nicht mehr zurechtfinden kann, also etwas ganz Nebensächliches! Dort aber, wo er zu Hause ist, will er die Frau gar nicht bei sich haben. Da ist sie ihm nur im Wege!«

Hier sah Agnes Elisabeth auf, mit einem Blick voll Hilflosigkeit.

»Im Innersten will er nicht, daß die Frau neben ihm steht,« fuhr Julie fort. »Die mag nur in der Kammer bleiben, und wenn es ihm gefällt, will er sie dort besuchen.«

Und ein anderes Mal meinte sie, die Frau gebe in der Ehe zuviel auf.

»Empfindungen darf man schon gar nicht in die Ehe mit hineinbringen. Denn der Mann will nur die eine Empfindung von seiner Frau haben, daß sie ihn liebt, das heißt, daß sie für ihn sorgt, daß das Essen gut schmeckt, und daß das Zimmer warm ist, und daß sie sich von ihm küssen läßt, wenn er gerade Lust hat.«

Auch mit dieser Ansicht blieb Julie natürlich allein. Denn die andern und vielleicht sogar Evelyn fühlten sich innerlich viel zu sehr beteiligt, als daß sie Julies Nüchternheit hätten gutheißen können. Zum mindesten hatten sie alle drei schon einmal mit dem Gedanken an eines Mannes Liebe gespielt, und ihre Phantasie hatte Bilder geschaffen nach eigenem Wunsch und eigener Sehnsucht. Das hatte Julie nie getan. Für sie war die Ehe nicht der heimliche Garten, der jenseits der Berge lag, dessen Düfte abends wohl herüberzogen, sondern etwas Selbstverständliches, ja Gleichgültiges, daß man sich Gedanken darum nur machte, wenn ein äußerer Anlaß sie herbeirief. Einmal sagte sie ganz ruhig und gelassen zu Marianne: »Auf dem Boden steht noch unsere alte Wiege: nimm sie dir doch mit!«

Das gab drüben einen hochroten Kopf und bei Agnes Elisabeth stumme Empörung.

Julie verstand nicht, wie man dadurch verletzt sein könnte, und machte ein verwundertes Gesicht. Übrigens hatte diese Bemerkung eine tiefere Wirkung, als Julie geglaubt hätte. Marianne begann nämlich von diesem Tage an darüber nachzudenken, daß sie Kinder haben würde. Und das war gut für Marianne. Denn ihr Empfinden, das in der Treibhausluft ihrer Sinnlichkeit schon seltsame Auswüchse hervorgebracht hatte, bekam nun mehr Platz, breitete sich auf dem weichen Ahnen von Mütterlichkeit und entwickelte sich zu einem kräftigen Gefühl. Von Natur aus war Marianne gesund. Ihre Gesundheit war nur so vollblütig, daß sie zur Gefahr für sie hätte werden können. An dieser Gefahr kam sie nun vorbei. Der größere Teil ihrer Gefühle vereinigte sich nun auf das Kind; sie fand daran Arbeit genug, sehnte sich und hoffte, nährte und erzog und baute Schlösser in blaue Möglichkeiten hinein.

Agnes Elisabeth dachte bei dem allem, daß ~sie~ es sein könnte, für die man nähte, und daß sie es nicht war. Eigentlich dachte sie nur dieses. Und es tat ihr nicht einmal besonders weh; Ecken und Kanten hatten diese Gedanken gar nicht. Aber sie lagen auf ihr, wie eine Schicht grobfaseriger Sägespäne. Sie wartete immer, daß Heinrich Craner noch käme, aber sie hoffte nie darauf. Sie dachte auch an ihre Liebe zu ihm. Aber liebte sie ihn noch? Es begann eine weite Ebene in ihr zu werden. Oft schloß sie die Augen; es war ja nichts da, wonach sie auszuschauen brauchte, und dann war auch alles so glatt, und es ging sich so weich in dieser Dämmerung.

Im übrigen war diese Zeit wie eine schläfrige und eintönige Musik. Die Tonleitern des Haushalts stiegen auf und ab, am Sonntag in =C=-Dur, am Montag in =G=-Dur, am Dienstag in =D=-Dur. Dazu kam vielleicht alle drei Wochen einmal die sentimental lärmende Weise eines Kaffeekränzchens beim Pastor.

Nur ~eine~ frische Melodie gab es. Wenn die Nebel zerrissen und die Wiesen fest wie eine blendende Glasplatte dalagen. Dann wurde die Wäsche beiseite geworfen, und die Wirtschaft mochte liegen bleiben. Die Schlittschuhe wurden geholt und mit gerafften Röcken ging es hinaus in die Winterluft, vom Morgen bis zum späten Abend. Es war keine Seltenheit, daß die Dunkelheit sie überfiel und sie zwang, in einem kleinen Wirtshaus zur Nacht zu bleiben; das erhöhte dann nur die kecke Stimmung und steckte manch flackerndes Gelächter an. Kamen aber die Wolken wieder herauf, schleppte sich der warme Wind über die krachende Eisfläche, dann war auch diese Melodie verklungen.