Chapter 3 of 13 · 3939 words · ~20 min read

Part 3

»Wenn schon ... Aber lassen Sie durch Ihre Anschauungen nicht die reine Kinderseele Ihrer Schwester getrübt werden! Bedenken Sie, daß das Kind zu Ostern seinen Glauben vor dem Altar bekennen soll!«

Der Pastor stand auf.

»Ich habe noch niemals meinen Einfluß auf andere Menschen dazu benutzt, sie an ihrer freien Selbstbestimmung zu hindern!« sagte Julie mit Hochmut. »Aber ...«

»Dafür danke ich Ihnen! Es ist Zeit zu gehen; meine Frau wartet mit dem Abendbrot. Grüßen Sie Ihre lieben Schwestern von mir! Und ...«

Er reichte Julie die Hand, die sie nur widerstrebend berührte.

»Wenn Sie Rat brauchen, ich meine, nicht nur in äußerlichen Dingen, wenn Sie geistlicher Hilfe bedürfen, so kommen Sie! Ich warte auf Sie!«

Julie zog ihre Hand zurück, und der Pastor verschwand hinter der Tür.

Eine Trübe blieb im Zimmer liegen. Julie stand unter dem Kronleuchter. Ihre Hände hingen schlaff herab. Sie lächelte. Geheimnisvoll blickte dieses Lächeln aus den Schatten, die im Zimmer schweigend warteten. Durch das Fenster kam vom Garten eine kühl duftende Dämmerung herein. Weich glitt sie um Julies Gesicht.

Dann schallten helle Stimmen auf der Diele. Julie wendete langsam den Kopf.

IV

Lehrer Lukas Allm wohnte neben der rosa getünchten Kirche in einem roten Backsteinhaus. Man brauchte nur die viereckigen Linien, die gleichmäßig verteilten Fenster zu sehen, um zu wissen, daß es die Schule war. Kam man um die Ecke, so waren da einige dürftige Turngeräte, die vereinsamt auf einem öden Platz standen. Ging man noch eine Ecke weiter, so sah man etwas, was bunt und fröhlich leuchtete, wie pausbäckiger Bengels vergnügtes Lachen. Das war der Garten des Schullehrers. Am Zaun, der an die Wiese grenzte, träumte feuerroter Mohn. Auf den schmalen Beeten wuchs Kapuzinerkresse, dazwischen Lavendel und zierliche Porzellanblümchen. Große Bohnen standen in langen Reihen, daneben zog sich Erbsengeranke mit schneeweißen Blüten hin.

Lukas Allm hatte aus eignen Mitteln eine kleine blaugemalte Veranda an das Haus anbauen lassen. Die Trauben der Glycinien fingen schon an, seine Hoffnungen auf ein gemütliches Plätzchen zu erfüllen.

Er brauchte einen solchen stillen Winkel. Früher war er in der Stadt gewesen, an der Gemeindeschule. Er hatte mit seiner Mutter in einer Gasse gewohnt, wo es nach Grünkramläden und Straßenmüll roch. Bevor er aber davon krank wurde, bewarb er sich um eine Landstelle. Und so war er in das Heidedorf gekommen, wo er ein Hungergehalt bezog, von Kohl und Speck lebte, aber seinen Himmel sah und seine Blumen pflegte.

Lukas Allm besaß eine besondere Mischung von Gemüt und Verstand. Er war strebsam, nicht nach den höchsten, aber doch nach hohen Dingen. Überall wollte er lernen, und mit der schon in seiner Schädelform ausgesprochenen Beharrlichkeit setzte er viel bei sich durch. Er hatte ein paar gute und eine große Anzahl mittelmäßiger Bücher gelesen. Aus diesen geistigen Bausteinen, die er auf dem Fundament der Halbbildung des Volksschullehrers zusammentrug, entstand ein Gebäude, das an das Miethaus eines braven Maurermeisters erinnerte, der sich Architekt nennt. Natürlich war er stolz darauf und baute lustig weiter. Er hielt dieses Haus für seinen wertvollsten Besitz und ließ die wenigen Menschen seiner Bekanntschaft gern darin zu Gast sein.

Es gab aber Zeiten, wo ihm das Haus zu eng wurde. Das geschah, wenn das wirkliche Leben ihm atmend gegenüber trat. Und dann hatte er den Mut, sein Haus unverzüglich zu verlassen und sich ganz der Weisung seines tiefen Gemüts anzuvertrauen. Er tat dies ganz instinktiv, ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen. Er konnte nicht anders, und darum wollte er auch nicht anders. Er war weit davon entfernt, den Wert dieses Muts zu sich selbst beurteilen zu können, ja, in den meisten Fällen bedauerte er ihn als eine menschliche Schwäche. Und doch war dies die vorzüglichste Eigenschaft seines Wesens. Sie hatte ihn veranlaßt, der Mutter zuliebe seine Studien für das höhere Lehrfach aufzugeben, bei armen Kindern mit Schiefertafeln und alten Hosen auszuhelfen und von seinem Gehalt ein paar Mark für die Schwester zu erübrigen, die an einen kleinen Beamten im Westfälischen verheiratet war. Aber auch eine fröhliche Befriedigung hatte sie ihm geschenkt, und den Himmel, der über der Heide träumte, und seine kleine Veranda.

Dort saß Lukas Allm jetzt vor einem Tisch; auf der mit Blumen bestickten Decke lagen Bücher und blaue Hefte, dazwischen stand das Tintenfaß.

Lukas Allm strich sich über den braunen Vollbart, klappte das Buch über Moorkultur zu und zog einen blauen Stoß heran. Er blätterte ihn durch und besah sich die Haar- und Grundstriche seiner Schüler. Zu unterst fand er ein Heft, auf dem mit feinen Buchstaben der Name Evelyn Hellwege geschrieben stand. Das war der Aufsatz, den sie ihm in der letzten Privatstunde abgegeben hatte. Er schlug ihn auf und las ihn langsam durch. Sein Gesicht, das zu Anfang mit lehrerhafter Strenge nach Fehlern suchte, verlor sich plötzlich in einer lächelnden Unschlüssigkeit und klärte sich dann zu einer warmen Freude. Es war ein Vorgang, der sich auch bei den Stunden, die er Evelyn erteilte, abzuspielen pflegte. Er wollte sie in die Kalkmauern seiner Gelehrsamkeit führen, aber sie lief ihm davon und winkte ihm von einer Wiese zu. Was konnte er anderes tun, als ihr nachgehen? Im Grunde lernte er mehr von ihr, als sie von ihm.

Auch das Thema dieses Aufsatzes hatte sie selbst bestimmt. Sie hatte für die Schuld der Jungfrau von Orleans nur ein übersehendes Lächeln gehabt und dann erklärt, sie wolle ihre Arbeit über den »Ernst und das Lachen« schreiben.

Das war sie nun, und Lukas Allm lachte. Das Lachen stand ihm besser als das Korrigiergesicht, und seine Mutter freute sich, als sie es sah. In der Tür stand sie mit einem Pack Wäsche.

»Stör’ ich dich auch?«

Der Lehrer sah auf und schüttelte den breiten Kopf. Er hielt der alten Frau seine große Hand hin. Sie nickte ihm zu und klopfte mütterlich seinen Arm. »Vom Feiertag-Heiligen scheinst du nicht viel zu halten!?«

»Ach, das ist keine Arbeit!« sagte er und machte eine froh-nachlässige Bewegung. »Das Heft vom Fräulein! Literatur!« betonte er wichtig. »Ich muß dir mal ihren letzten Aufsatz vorlesen! Etwas träumerisch, aber ganz geistvoll.«

Die Mutter machte ein bedenkliches Gesicht.

»Höre mal zu!« Der Lehrer nahm das Heft und lehnte sich im Stuhl zurück.

»Der Ernst und das Lachen.

Alle Menschen wollen lieber lachen, als ein ernstes Gesicht machen. Sie arbeiten sechs Tage ernst im Schweiße ihres Angesichts, und am siebenten ruhen sie und sind vergnügt und lachen.

Warum können die Menschen nicht immer lachen, Sonntags und Alltags? Sie können es nicht, weil man sie gelehrt hat, bei der einen Gelegenheit zu lachen und bei der anderen traurig zu sein. Die Menschen wissen nicht, daß Ernst und Lachen zusammengehören.

Wenn ich bei der Arbeit bin, Verse lernen oder sticken muß, so könnte ich wohl traurig sein. Aber ich fühle den Sonnenschein im Gesicht; und wenn sie draußen einen Sarg vorübertragen, so sehe ich die Blumen. Und dann lache ich. In allem Ernst wird doch noch ein Plätzchen für ein kleines Lachen sein.

Nun sitze ich mitten auf der Wiese, und Blumen liegen in meinen Händen, die Sonne küßt mich, und alle Vögel jubeln. Wenn ich dann lache, so ist es mir sehr ernst mit diesem Lachen. Ist es nicht ein heiliger Ernst, wenn einer glücklich ist und lacht?!

Für den, der in sich selbst zufrieden ist, sind Ernst und Lachen dasselbe!«

Lukas Allm legte das Heft auf den Tisch. »Das ist doch reizend!« Er machte eine bedeutende Handbewegung. »Wie gut ist diese Antithese durchgeführt!«

Die Mutter nickte.

»Ich hätte gar nicht gedacht, daß die Kleine sich überhaupt zum Schreiben hinsetzte. Die Fräulein Julie, ja! Aber die Eva!«

Sie faltete die Hände über ihrer Schürze. Die altmodischen Ohrringe baumelten. Der Kopf ging von links nach rechts.

»Ja, ja, was aus denen wohl noch wird!? Es ist doch traurig, so ohne Vater und Mutter! Es paßt ja keiner auf sie auf! Einen Mann finden sie hier draußen auch nicht!«

Der Lehrer wiegte den Kopf.

»Man weiß nicht!«

»Glaubst du, daß die einen aus dem Dorfe nehmen? Dafür sind sie viel zu vornehm! Wenn sie ja auch sonst immer freundlich und nett sind, und auch wirtschaftlich und fürs Einfache und alles selber tun im Haushalte!«

Über die Kressenbeete fiel ein Schatten; er stand einen Augenblick still und kam dann zögernd nach der Veranda zu. Der Lehrer sah hinaus.

Da stand ein Fremder, der sich suchend umblickte. Er war mittelgroß und trug einen Jackettanzug mit Gamaschen, starke, gelbbraune Stiefel und einen langgebundenen roten Schlips.

Der Lehrer stand auf. Der Fremde griff an den Hut.

»Wollen Sie die Freundlichkeit haben, mir zu sagen, wo Fräulein Hellwege wohnen? Im Dorf ist man wohl gerade beim Mittagessen; jedenfalls habe ich niemanden getroffen, den ich um Auskunft bitten konnte.«

Lukas Allm griff verlegen in sein dichtes Haar.

»Ja, bitte, die Fräuleins wohnen ein paar Häuser weiter. Ich will es Ihnen zeigen.«

»Wenn Sie mir nur das Haus beschreiben wollten; ich finde mich schon zurecht.«

Des Lehrers rote Hand stand in der blauen Luft.

»Wenn Sie von hier die Chaussee links hinuntergehen, an den drei großen Bauernhöfen vorbei. Da liegt rechts das Haus. Sie erkennen es schon an dem weißen Gitter, und dann ist es auch ein bißchen absonderlicher als die anderen.«

»Meinen Sie, daß man die Fräuleins zu Hause trifft?« fragte der Fremde und schob seinen Schlips zurecht.

Der Lehrer entwickelte ein baumwollenes Taschentuch. »Sie werden wohl zu Hause sein,« meinte er. »Ausflüge machen sie nur bei Regen und Sturm.«

»Na, da will ich mein Glück versuchen! Ich danke Ihnen.«

Lukas Allm sammelte seine unbeholfenen Glieder und brachte den Fremden bis an die Chaussee.

»Dort drüben steht mein Rad,« sagte dieser.

»Dann haben Sie wohl schon ein gutes Stück von der Gegend gesehen!«

Sie gingen schräg über den Spielplatz, wo an einem verwitterten Barren das Zweirad des Fremden stand. Der Moorboden zitterte elastisch unter den viereckigen Stiefeln des Lehrers.

»Sie haben einen hübschen Schulhof,« sagte der Fremde und griff nach der Lenkstange.

Über Lukas’ Gesicht kribbelte es wie lauter Kinderlachen.

»Das habe ich alles für die Bengels selbst gezimmert.«

Der Fremde führte das Rad auf die Chaussee.

»Haben Sie vielen Dank,« sagte er, sprang mit kurzem Schwung auf und fuhr in den Sonnenschein hinein.

Lukas Allm blieb noch einen Augenblick stehen, bis die kleine Staubwolke um die Ecke verschwand. Dann trottete er behaglich über den Platz zurück in den Garten.

Da stand er nun in all dem Flimmer. Die Sonne machte keinen Unterschied, sie küßte den guten dicken Kopf so weich, wie alle die Blumen. Eine behagliche Zufriedenheit glänzte in seinen runden Augen. Dann kam ein wohliges Dehnen in seine Muskeln.

Und plötzlich streckte sich ein angenehmer Gedanke in ihm aus. Der Fremde würde bei Hellweges von ihm sprechen, und Marianne würde an ihn erinnert werden. Und sie würde einen Augenblick mit ihren Gedanken bei ihm sein.

Feierstill wurde es dem kleinen Licht des Heidedorfs zumute.

Langsam sog er die warme Luft ein, den Duft von träumenden Blumen.

Aber plötzlich kam ein feiner Bratengeruch dazwischen.

Das Lächeln um den großen Mund wurde noch inniger. Es war heute ja Sonntag. Und da stand auch die Mutter in der Tür.

»Lukas, wir wollen essen!« rief sie.

Lukas Allm ging langsam die Holzstufen hinauf.

V

Heinrich Craner lehnte sein Rad an das weißgemalte Gitter und ging den Kiesweg nach dem Hause hinauf. Die grüne Tür war verschlossen. Eine schwarze Katze lag davor und blinzelte in der Sonne. Er faßte nach dem Messingklopfer und weckte die Stille drinnen im Hause. Ein Klappern wurde hörbar, der Riegel wurde zurückgeschoben. Gesch Margrets Gesicht glänzte im grünen Rahmen.

»Sind Fräulein Hellweges zu Hause?«

»Besuk ...!« stotterte sie und sah hilfesuchend über die Diele zurück.

Craner wurde durch die dämmerige Diele gewiesen, wo schon der Mittagstisch gedeckt stand. Das Mädchen öffnete ihm die Wohnstube und knallte die Tür hinter ihm zu.

Nun stand er allein in dem kühlen, fein nach Lavendel riechenden Zimmer. Er sah sich um. Da war nichts Außergewöhnliches. Die Möbel standen umher wie überall, die Blumen blühten auf den Fensterbänken, an den Wänden hingen Bilder. Da war weder übertriebene Ordnung, noch aufdringliches Wesen. Und doch berührte ihn alles wohltuend. War hier nicht mit einer gewissen kühlen Präzision der Charakter fein empfindender Menschen ausgesprochen?! Eine feine Novelle hätte in diesem Raum spielen können. Er suchte nach Dingen, die ihm diesen Eindruck übermitteln mochten, er betrachtete die verschiedenen Gegenstände, da öffnete sich die Tür, und Agnes Elisabeth trat ein. Ein weiß und blaßlila gestreiftes Kleid trug sie, mit vielen Rosenrüschen und Falten; es mochte noch aus der Zeit ihrer Großmutter sein.

Craner trat auf sie zu.

»Ich glaube, Sie kennen mich nicht mehr, Fräulein Hellwege. Mein Bruder schickt mich; ich soll Ihnen einige Vormundschaftspapiere überbringen.«

»O doch! Ich erinnere mich,« sagte Agnes Elisabeth ruhig. »Sie waren bei Papas Begräbnis, nicht wahr? Es tut mir leid, daß Sie unsertwegen den weiten Weg haben machen müssen. Wollen Sie mit in den Garten kommen?«

Craner ging neben Agnes Elisabeth über die Diele. Er bemühte sich, durch das rote Gewirr ihrer Haare die Augen zu erkennen. Diese Augen interessierten ihn. Er hatte ihre Farbe im Zimmer nicht finden können. Sie fühlte seinen Blick, und das machte sie befangen. Noch niemand hatte Agnes Elisabeth befangen gemacht.

Sie kamen in den Garten. Da war ein schimmerndes Schweigen. Sie gingen über die seidenglatten Nadeln der Tannenallee. Auf dem Rasen saß Evelyn unter einem Hängerosenbusch. Neben ihr schillerte Pfauengefieder in der Sonne. Wie eine Märchenprinzessin sah sie aus. »Du bist so faul, wie du lang bist!« rief sie nach der Laube drüben. »So faul! Steh doch selbst auf! Ich sag’ ja: so faul, wie du lang bist!« Sie strich über den Pfauenhals. »Nicht? wir bleiben hier sitzen!« Und dann zerpflückte sie die Rosen in ihrem Schoße.

Aus der Laube kam ein träges Summen, das irgendein sentimentales Lied bedeuten konnte.

»Dort ist Tante Sophies Patenkind,« sagte Agnes Elisabeth zu Craner. »Evelyn!« rief sie hinüber.

Das Weiße auf dem Rasen sah sich nach allen Seiten um, suchte nach einem Schuh und kam dann langsam auf die beiden zu. Erst, als sie vor ihnen stand, hob Evelyn die Augen. »O so!«

»Ich soll Sie grüßen von Tante Sophie, Fräulein Evelyn!«

»So, dann sind Sie der Bruder von Onkel Wilhelm! Es ist nett, daß einmal jemand zu uns kommt!«

»Wilhelm begreift Sie gar nicht in Ihrer Vorliebe für die Einsamkeit, Fräulein Hellwege,« wendete sich Craner an Agnes Elisabeth.

»Nein, ich glaube sogar, er hält uns für überspannt und absonderlich. Und das sind wir doch wirklich nicht!« Sie sah lächelnd an sich herunter. Der Großmutter Kleid machte sie ein wenig erröten.

»Nun, wie alle Welt sehen Sie nicht aus!« meinte er mit ruhiger Anerkennung.

Evelyn ging auf den Rasen. »Marianne, ein Er ist da.«

In der Laube schwieg es eine Weile, dann gab es einen Krach, -- und dann einen Plumps.

»Meine schöne Hängematte!« jammerte Evelyn.

Rosenrot und schläfrig erschien Marianne.

Unten um die Ecke bog Julie, mit einem Buch in den Händen.

Craner wußte, daß es vier Schwestern waren. Vier, -- das war sonst so übersehbar gewesen; er hatte dabei die Empfindung von etwas angenehm Handlichem gehabt. Jetzt aber erschien es ihm plötzlich weich und unbestimmt.

Er begrüßte die beiden anderen Schwestern.

Marianne war ein wenig enttäuscht. Als sie die Hängematte verließ, hatte sie eine kleine Hoffnung gehabt, es könne der Lehrer sein. Sie hatte bereits die schauernde Wärme geheimnisvoller Strahlen empfunden, die von ihr ausgehen und den ungelenken Mann verwirren würden. Nun war es bloß des Vormunds Bruder, der ihr freundlich guten Tag sagte, ohne bewundernd die Augen aufzureißen. Sie dachte plötzlich an Lukas Allm mit Sehnsucht.

Julie stellte inzwischen mit sachlicher Kühle das Äußere ihres Gastes fest. Er war gut angezogen. Der Kragen hätte eine Kleinigkeit niedriger sein können, aber der Schlips hatte eine ruhige Farbe, die zum Anzug und auch zum Gesicht paßte. Seine Bewegungen waren angenehm und sicher, manchmal sogar schön; wenn er im Gespräch die Hand erhob und mit leicht gekrümmten Fingern eine dokumentierende Geste machte, gab es eine gute Linie. Und in allem, was er sagte, war eine lächelnde Bestimmtheit. Übrigens wandte er sich oft an Agnes Elisabeth und sah sie dabei mit freudigem Interesse an. Das war amüsant.

»So bin ich denn auf ein Jahr herübergekommen, um in Berlin noch genauere Studien über Tropenkrankheiten zu machen und das Material, das ich drüben gesammelt habe, durchzuarbeiten,« erzählte er.

Marianne hatte eine Abneigung gegen alle Ärzte. Sie dachte immer gleich an Operationen, rote Narben und Karbolgeruch. Sie blieb mit Evelyn zurück, und die beiden warfen sich mit Tannenzapfen.

»Sie sollten auch nach Berlin gehen, Fräulein Julie,« meinte Craner. »Mein Bruder sagt mir, daß Sie es mit Ihren Studien sehr ernsthaft meinen. Er ist der Ansicht, Sie sollten sich nicht hier vergraben, sondern ein Examen machen.«

»Warum?« fragte Julie ruhig.

»Sie erreichen dann doch ein Ziel, bringen Ihre Arbeit zu einem gewissen Abschluß und kommen mitten in das wissenschaftliche Leben hinein. Auch gewinnen Sie eine noch viel tiefere Freudigkeit zu Ihrem Beruf, wenn Sie für andere Menschen arbeiten und dabei Erfolge sehen!«

Julie lehnte den Kopf etwas zurück und faßte ihr Buch mit beiden Händen. »Ich möchte nicht für andere Menschen arbeiten! Was ich tue, geschieht nur für mich selbst!« sagte sie langsam.

Craner sah sie erstaunt an. »Priesterin des neuen Glaubens«, fuhr es durch seinen Kopf.

Agnes Elisabeth lachte kurz. »Nicht wahr, Sie halten uns für sehr egoistisch?«

»Das sind wir schließlich alle,« lenkte Craner ein. »Aber ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen, daß es Freude macht, seinen Mitmenschen zu helfen. Natürlich ist auch diese Freude eigentlich eine selbstsüchtige Empfindung, doch ...«

»Ich will nach meinem Geschmack leben; weil meine Arbeit ihm entspricht, tue ich sie,« sagte Julie und brach eine weiße Rose ab. »Wenn andere Menschen etwas von meiner Arbeit haben, soll es mich freuen. Aber dies ist nicht der Zweck, den ich verfolge; ebensowenig, wie es mir auf Erfolg ankommt.«

»Das ist sehr heldenmütig!« sagte Craner mit leisem Spott und lächelte.

»O nein!« kam es kühl zurück.

»Übrigens führen Sie Ihre Idee auch nicht ganz durch!« begann Craner wieder. »Sie leben hier doch alle füreinander, nicht wahr?«

»Ich glaube nicht,« sagte Julie. »Nebeneinander! Nur Agnes Elisabeth, ja!« Sie drehte den Kopf hinüber. »Sie lebt für uns! Aber sie ist auch die Güte selbst!« fügte sie mit heiterem Lächeln hinzu.

Agnes Elisabeth schwieg, als Craner sie anblickte. Sie kam sich plötzlich so allein mit ihm vor, und es war gut, daß Gesch Margrets Schürze erschien. Das Essen ging kurz vorüber. Craner erzählte von seinem Aufenthalt in Kapstadt. Er hatte treffende Vergleiche, satte Farben. Die Schwestern hörten angeregt zu. Evelyn genoß das Weite, Unbekannte, und schwelgte in der Empfindung von noch blauerem Himmel, von Wärme, die noch heißer flimmerte. Mariannes Phantasie ging in die silbernen Mondnächte hinein; sie sehnte sich nach der lauwarmen Luft, die ihren Körper streicheln und ihr heißes Blut in Erregung bringen würde.

»Und nun wollen Sie ein ganzes Jahr in Berlin bleiben?« fragte Julie.

»Ja, bis zum nächsten August. Ich freue mich auf diese Zeit. Man kann in einer großen Stadt viel intensiver arbeiten. Es gibt da so viele Hilfsmittel, die einem die Arbeit erleichtern. Die hat man draußen nun einmal nicht. Auch Sie sollten das bedenken, Fräulein Julie. Bibliothek, Kunstsalons, Vorträge sind immerhin eine schätzenswerte Beigabe, auch wenn man nur dem eigenen Geschmack leben will.«

Er lächelte.

»Nein, wir wollen alle zusammen in unserem Hause bleiben! Das haben wir uns versprochen, nicht wahr, Agnes Elisabeth?«

»Also doch Altruismus!« meinte Craner.

Julie warf den Kopf zurück.

Die Erdbeeren waren gegessen, Agnes Elisabeth hob die Tafel auf. Marianne und Evelyn gingen wieder ihre eigenen Wege, Julie holte sich ein Buch.

Craner stand plötzlich mit Agnes Elisabeth allein in der Laube, in der eine grüngoldene Dämmerung zitterte. Sie hatte ihre kurzen weißen Hände auf den Tisch gestützt; in ihrem Haar flimmerte halbes Licht.

Craner fühlte mit einem Male die Einsamkeit, an der dieses Geschöpf ihre Kraft und ihre Liebe verzehrte. Der Hauch von Mütterlichkeit, der wie ein Goldton über ihrem Wesen lag, berührte ihn schmerzlich. Mit beiden Händen gab sie den Schwestern, was sie an Liebe besaß; aber keine dankte es ihr.

Er nahm die Papiere heraus, die ihm sein Bruder mitgegeben hatte.

»Darf ich Ihnen kurz erklären, um was es sich handelt?«

Agnes Elisabeth blickte auf und war sofort bei der Sache. Sie setzte sich auf die Bank, Craner zog einen Korbstuhl heran.

Mit sachlicher Stimme erläuterte er den schwülstigen Geschäftsstil der Formulare; auf einem Blatt Papier machte er ihr verständlich, wie sie dieselben zu behandeln hätte.

»Hier müssen Sie dann die verschiedenen Daten ausfüllen, also etwa: Agnes Elisabeth, in diese Rubrik hier: geboren den so und so vielten, und so weiter. Nicht wahr, Sie verstehen mich?«

Agnes Elisabeth hörte aufmerksam zu. Sie empfand ein neues Wohlbehagen. Sie lehnte sich an diese ruhige Stimme an. Nun würde schon alles in Ordnung kommen.

Dann sprach er von ihrem Einsiedlerleben. »Ich glaube Sie zu verstehen,« meinte er freundlich. »Sie sind in engster Verbindung mit der Natur, die Ihnen immer mehr geben kann, als Menschen es vermögen. Rücksichten auf die kleinen Dinge des Alltags sind hier kaum vorhanden. Und darum laufen Sie wenig Gefahr, sich selbst zu verlieren.«

»Wir haben es von Mama so übernommen,« sagte Agnes Elisabeth weich. »Und wir sind glücklich darin. Verstanden hat uns bis jetzt freilich noch niemand. Aber wozu braucht man Verstehen?« In ihren Augen war wieder jene Verschlossenheit sichtbar, die jeden Einblick in ihre Empfindungen kühl zurückwies.

Craner staunte. Dieser sprunghafte Wechsel zwischen Bewegung und geraden, harten Linien! Eine knisternde Unruhe, gleich einem Feuer, das mitten in der Heide emporzuckt und fliehend über lange Strecken flirrt.

»Ich weiß nur nicht,« begann er wieder, »ob nicht doch mit der Zeit andere Bedürfnisse aufwachen werden ...«

»Dann wird man weitersehen,« sagte sie, stand auf und legte die Papiere zusammen.

Das grüne Licht umhüllte sie kalt und trennte sie plötzlich von ihm. Diese Luft stand feindlich gegen ihn auf; das blasse Gesicht schien zu sagen, daß er nun entlassen sei. Dann kann ich mich ja wohl verabschieden, dachte er. Er erhob sich gleichfalls.

»Ich glaube, es wird Zeit, daß ich an den Heimweg denke!«

»Ich hoffe, daß Sie noch einmal wiederkommen, bevor Sie nach Berlin gehen!« sagte sie und gab ihm die Hand.

»Ist es Ihnen wirklich recht, wenn ich Sie noch einmal aufsuche?«

»Ich meine immer das, was ich sage!« Sie zog etwas ungeduldig die Augenbrauen zusammen.

Die zwei gingen den Seitenweg am Hause entlang. Die Hecke machte die Luft stickig; erdwarm und medizinisch roch der Buchsbaum.

Evelyn kam ihnen aus der Seitentür entgegen, mit einem riesigen Strauß von Heliotropen und weißen Rosen. »Bringen Sie den, bitte, Tante Sophie mit!«

Marianne saß auf der Bank vor dem Hause. Sie träumte in die Landstraße hinaus, die von Hellweges Haus schnurgerade in die Heide führte. Ihre Gedanken hingen ganz dort hinten, wo die Bäume sich zu einer bläulichen Wölbung zusammentaten.

Craner verabschiedete sich. Es gelang ihm nicht, einen herzlichen Ton zu finden, so sehr er auch darnach suchte. Agnes Elisabeths Augen standen ihm im Wege.

Aber diese Augen begleiteten ihn die lange Chaussee hinunter, und wenn er in die Sonne blickte, sah er sie in flimmernden Kreisen vor sich.

* * * * *

Über den Wiesen wetterleuchtete es. Ein schwacher Donner grummelte in der Ferne. Ein schwüler Heugeruch zog geheimnisvoll durch das weitgeöffnete Fenster. Draußen war es schwarz. Nur von den bekalkten, krumpeligen Stämmen der Birnbäume ging ein Leuchten aus, als ständen da nackte Beine im Grase. Wenn die Blitze kamen, war für Augenblicks Weile der Tag in fahlem Lichte da. Totenstill war es. Das verhaltene Murren klagte über die Ebene, und diese ferne Klage machte das Schweigen nur tiefer.

Wie leer war dies Schweigen! Agnes Elisabeth sah stumm hinein. Die Stille starrte sie an, wie die toten Räume ihres Inneren. Wie leer war es auch dort!