Part 4
Die Schwestern bei der Hand nehmen wollte sie und sie führen, aber sie gingen ihre Wege allein. Sie wollte der Mutter blumenstilles Empfinden weiterleben heißen in diesem lieben Hause, aber der Rhythmus wollte nicht mehr stimmen, und neue Melodien wachten auf, die denen besser klangen; sie wollte so gern für andere leben und ihnen helfen, aber hier war nichts zu helfen; sie waren Naturen, die nur sich selbst vertrauten; sie sehnte sich nach Hilfsbedürftigkeit, die leises Streicheln brauchte; wie weich hätte ihre kurze Hand streicheln können. Aber es war keiner da! Evelyn vielleicht noch eine kurze Weile, aber dann ...?
Die Blättermassen draußen blickten regungslos auf sie herein, mit starren Augen. Ängstigend und unbewegt stand jenes Versprechen vor ihr. »Daß die Kinder eine Heimat behalten«, hatte die Mutter gesagt, »geh du nicht von ihnen.« Sie hatte es ihr versprochen, in einem Taumel schmerzlicher Begeisterung, die diese Lebensaufgabe mit beiden Händen erfaßt und sich zu eigen gemacht hatte. Aber wie anders sah nun die Wirklichkeit aus! Hätte die Mutter nicht eigentlich wissen müssen, daß dieser letzte Wille für Agnes Elisabeth die Ursache eines zwecklosen Daseins werden würde!? Von vornherein waren die Kinder gelehrt worden, zuerst sich selbst zu suchen, um sich dann aus eigner Kraft des Lebens Wertvollstes zu sammeln. Nun sollte sie denen eine Heimat sein, die doch bei sich selbst zu Hause waren und keine andre Heimat brauchten.
Waren Frau Hellwege vielleicht in letzter Stunde Zweifel gekommen, ob der Weg, den sie den Kindern gewiesen hatte, der richtige sei? Oder hatte die Angst vor dem Tode ihren Glauben zittern lassen, daß sie nach Händen gegriffen hatte, denen sie ihren liebsten Besitz anvertrauen könnte?
Jedenfalls hatte Agnes Elisabeth das Versprechen gegeben und mußte es halten; und sie wollte es auch. Daran war kein Zweifel.
Wie würde ihr Leben nun weiter gehen?
Es blitzte. Draußen auf dem Rasen lag noch Evelyns Hut.
Sie würde den Haushalt besorgen und alles mit den Geschwistern teilen. Was würde sie von diesen zurückempfangen? Sie würde geben, geben! Aber das würde niemals seliger sein als Nehmen! Sie strich mit der Hand über ihre Arme. Ein schwüler Windschauer ließ das Laub draußen verschlafen rascheln. Die Baumkronen wiegten sich sehnsüchtig zueinander.
Ein Rieseln stieg in ihrem Nacken auf und glitt kalt über den Rücken hinunter.
Was sie aber brauchte ...?!
Sie glitt von der Fensterbank hinab und stand in der Mitte des Zimmers. Sie streckte sich plötzlich lang auf die harten Holzdielen aus. Die Arme preßten sich gerade an ihren Körper, als müßten sie ihn festhalten.
Ja, was sie brauchte! Liebe brauchte sie, und immer und immer wieder Liebe. Sie wollte Liebe geben, aber sie wollte sie auch nehmen!
Die Blitze zuckten über ihren weißen Körper, die Bäume sahen erschrocken herein. Da lag sie und krümmte sich unter den Schmerzen ihrer Sehnsucht.
Eine schwere Wärme dämmerte vor ihrem Gesicht. Vor ihren Augen tanzten Funken.
Drüben im Alkoven standen zwei brennende Kerzen. Mit heiliger Ruhe leuchteten ihre Flammen. Sie ließen die knisternde Masse des Haars kupfergolden glühen, rostbraun erlöschen. Und ein feiner Rauch stieg gerade in die Höhe, wie eine Bitte, daß dieses Opfer Gnade finden möge.
So lag Agnes Elisabeth lange. Als warte sie in dieser Stille auf Erlösung.
Aus braungoldiger Tiefe tauchte ein grünbeschirmtes Nachtlicht auf, dessen Leuchten rötlich durch eine weiße Hand schimmerte. Eine blasse Helle tastete durch das Zimmer.
Julie blieb vor dem Körper der Schwester stehen und betrachtete ihn.
Agnes Elisabeth zog ihre Glieder zusammen und richtete sich auf. Ihre Augen fanden Julie nicht sogleich; sie sah die Kerzen, das Nachtlicht und die zuckenden Schatten auf der Tapete; sie hörte den leisen Regen.
Eine stumpfe Pause dehnte sich.
»Evelyns Hut wird naß werden!« sagte sie. Sie besann sich.
»Was willst du noch so spät, Julie?« --
»Das Glucksen in der Regentonne läßt mich nicht einschlafen. Hast du nicht irgend etwas Einschläferndes? Ich habe schon so viel wirres Zeug durcheinandergeträumt!«
Agnes Elisabeth stand auf, ging auf die Diele und holte von dem Büfett die Obstschüssel.
»Komm, Äpfel helfen am besten.«
Julie nahm einen und biß krachend in die Schale. Der Apfelduft brachte vieles wieder in Ordnung.
Agnes Elisabeth flocht ihr Haar in einen strammen Zopf und war ganz die alte.
Julie setzte sich auf einen Strohstuhl und stützte die Arme auf die Knie.
»Ich glaube, ich gehe nun doch nach Berlin,« sagte sie gemächlich. »Das Fleisch schmeckt, wie Seide. Etwas fade! Man kann vielleicht dort besser arbeiten.«
Agnes Elisabeth setzte sich unschlüssig auf den Bettrand. »Wenn du meinst -- natürlich! Aber ich denke, du arbeitest nur zu deinem Vergnügen?«
Julie machte mit dem halben Apfel eine Geste.
»Das tue ich auch! Aber was Craner sagte, hat mich berührt. Wenn ich jetzt in die Stadt fahre, um mir Bücher zu holen, wie ist das umständlich! Dort habe ich jeden Tag alles zur Verfügung. Und ich will alles nehmen, was ich haben kann.«
»Dann werden wir also nicht zusammen bleiben?«
»Nein! Das heißt, ich komme natürlich wieder; vielleicht ein, zwei, drei Jahre bleibe ich in Berlin, dann nehme ich mir irgendeine große Arbeit mit hierher und wohne wieder bei euch.«
Agnes Elisabeth zog die dünne Decke herauf und legte den Kopf ins Kissen. »Du kannst tun, was du willst,« sagte sie müde.
Julie legte das Kerngehäuse auf den Teller.
»Es ist doch gut, daß wir unser Leben so genießen können, wie wir es uns wünschen.« Sie dehnte sich behaglich.
»Wir ...?« dachte Agnes Elisabeth.
»Genießen ist die vornehmste Kunst des Lebens,« sagte Julie und stand gähnend auf. »Gute Nacht! Soll ich die Lichter ausmachen?«
»Bitte!« kam es vom Alkoven. Die Flammen, eine nach der anderen, beugten sich zur Seite, duckten sich und verloschen.
Das Nachtlicht zog langsam ab, die bloßen Füße tappten über die Diele.
Agnes Elisabeth lag allein, im Dunkeln. Ein lächelnder Schimmer war noch in ihren Augen. Genießen ...?! Aber dann wurde er breit, höhnisch und grinsend.
VI
Viele Tage später. Ein Früh-August-Mittag.
In grünen Hecken ein rosa Kleid. In flachem Bastkorb honiggoldene und graurote Himbeeren. Auf weißen Fingern hellroter Saft.
Der Himmel blank. Der Lohegeruch zwischen den Beeten kräftig und herb. Reseden, Himbeeren, Lavendel, Zentifolien: ~ein~ opalschimmernder Duft. In langsamen Stößen Lindenatem vom Hause her.
Nur dieses! Und ein dickes Summen von Bienen.
»Mein Blut ist röter als das Blut der anderen!« erzählte sich Marianne. »Julie wird klares hagebuttenrotes haben, bei Agnes Elisabeth wird es sein wie lauter Geranien, meines ist schwer und tief wie Burgunder-Rot.« Ihr Haar war an den Schläfen feucht geworden. Sie strich es zurück. »Wenn die Welt keine rote Farbe hätte! Alle Farben könnten fehlen, nur Rot nicht!« Sie bekam eine plötzliche Sehnsucht, sich in rote Blüten zu legen. Daß sie schon in der Heide wäre! Es war so heiß!
Mit langsamen Schritten ging sie dem träumenden Hause zu.
Im Milchkeller war eine klingende Kühle, graugrünes Licht und ein Streifen Sonne mit zitternden Stäubchen. Der Bastkorb blieb auf dem Holzregal stehen. Das rosa Kleid stand nun oben in der Haustür, ganz überworfen von Schattenflecken, die von den Lindenblättern kamen. Ein großer Strohhut hing nachlässig in der gerundeten Hand und baumelte ab und zu ein bißchen hin und her. Nach einer Weile beugte sich der Kopf nach vorn und wandte sich dann schnell um. Der Entschluß war da.
»Gesche! Ich will noch ausgehen!« rief Marianne in die Diele zurück, und irgendwo aus der Dämmerung kam eine Antwort. Dann wurde der Hut in die Höhe gehoben und ließ sich auf dem Haar nieder. Das rosa Kleid wanderte an den Malvenstöcken vorbei, durch das weiße Gitter.
Marianne ging geradeaus, mitten in die Heide hinein. Eine breite Hitze brannte auf dem Wege. Die Bäume standen steif; die Schatten, die sich um die Stämme herum zeichneten, waren wie grüngemalte Untersätze; wie aus einer Spielzeugschachtel aufgebaut sahen die langen, in der Ferne sich verlierenden Reihen aus. Weißer Staub krisselte in der Luft.
»Fast etwas zu heiß,« dachte Marianne. »Aber rund und weich. Das gibt es nur im Sommer. Herbst ist eckig und dürr, Winter verhungert und verhärmt, Frühling blaß und aufgeregt.«
Sie schlenkerte die Arme hin und her. Die Glieder waren wie losgelöst, die Bewegungen glatt, wie schmelzendes Wachs. Das Kleid schleifte über die Erde und wirbelte ein Wölkchen hinter ihr auf. Hellgebacken standen die Kornfelder da. Der Buchweizen roch nach Apfelgrütze. In rosigem Glanze schimmerte dahinter die Heide.
»Wie Himbeerglasur,« dachte Marianne. Sie bog in den schmalen weißsandigen Weg ein. Es war nur eine breite Furche, in der große Büschel Erika standen, zwischen Zittergras und Glockenblumen. Sie ging langsam und träge, unschlüssig, ob sie nicht stehenbleiben sollte. Ihre Füße, die der Sand bei jedem Schritt festhielt, zogen den Körper beschwerlich durch das Gestrüpp. Von den krumpeligen Kiefern kam ein staubiger Duft. Ab und zu kroch eine blaufeine Welle von Moorrauch über den Hügel.
Libellen strichen auf mit einem feinen Saitenklang, und Schmetterlinge glitten durch die Luft, wie gelbe Rosenblätter.
An der weichen Hügelbrust, wo die Birke so allein stand, setzte sich Marianne hin. Sie legte den Hut neben sich in das Heidekraut und streckte sich bequem aus. Die Gräser gaben ihr ein krauses Gefühl am Halse. Sie holte das Taschentuch heraus und legte es unter ihren Kopf. Dann huschelte sie sich zurecht und sah behaglich in den Himmel.
Der Hügel glühte, und die Blumen standen wie aus lauter Glas. Wenn der Erdhauch darüber glitt, gab es ein feines Klirren. Ihr Auge ruhte träge auf dem kurzen Horizont, wo jeder Stiel und jeder Strauch, jede Blüte und Blume auf den Himmel geklebt zu sein schien.
Und das weite Heidebett wiegte und wogte sie ein. Sie war die Königin in rosenseidenen Kissen unter einem Baldachin von Atlas. Durch den Saal zog ein Klingen, wie von Musik, die drüben jenseits des Flusses spielte; ein Summen schwoll und flachte sich, wie Stimmen von Menschen, die in den Vorzimmern warteten, ihr zu huldigen. Nun mußte einer kommen in Sammet mit Spitzen, mit einem goldenen Degen und einer Feder auf dem Hut. Die Menge vor den Türen sollte warten, er würde vor ihrem Lager knien und bittend ihre Hände suchen. Mit halbgeschlossenen Augen sah sie ihn, und ihre Lippen glühten. Sie wollte nicht zögern, ihn zu empfangen ...
* * * * *
Ein blanker Strohhut erschien plötzlich zwischen den Gräsern. Da stand er eine Weile sehr vergnügt. Dann ging er weiter und wanderte auf den Blumen dahin.
Nach einer Weile wuchs ein Stock in die Höhe, und bald darauf hob sich der Hut. Ein rotes Gesicht, ein dunkler Bart, eckige Schultern, ein grauer Anzug: der Lehrer.
Die da lag, erkannte ihn unter halben Lidern. Sie hielt den Atem an und war ganz still.
Der Lehrer stand auf der Höhe, breit und mächtig. Er sah sich um. Nun schien er zu erschrecken. Er schob den Kopf nach vorn. Eine Weile Unschlüssigkeit. Dann wendete er sich brav zur Seite und stieg den Hügel dort hinunter, nicht ohne den Kopf noch einmal umzudrehen.
Dabei kam sie freilich nicht auf ihre Kosten.
»Herr Allm!«
Der Lehrer zuckte und wandte sich um. Er tat, als ob er sie suchte, kam aber geraden Wegs mit steigenden Schritten auf Marianne zu.
Sie hob die Schultern und stützte sich auf den Arm. Nun stand er vor ihr und zog den Strohhut vom Kopfe.
»Ist dies Ihre Erholung nach der Schule?« Sie beschrieb träge mit der Hand einen Kreis.
Von Lukas Allm kam keine Antwort. Er tastete mit den großen Händen an der Krempe des Huts entlang.
»Gehen Sie oft hier spazieren?« fragte Marianne nach einer Pause.
»Ja, ja, sehr oft!« stotterte Lukas. »Ich -- ja!«
Mariannes Fußspitze schaukelte auf und nieder.
»Wollen Sie hier ein bißchen ausruhen?«
Lukas’ Augen machten einen Spaziergang über die Linie ihres Körpers hinab zu der trägen Bewegung des Fußes. Dann setzte er sich bescheiden ihr gegenüber in das Gestrüpp.
»Wenn Sie erlauben.«
Marianne bedauerte, daß er sich nicht neben sie setzte.
»Erzählen Sie mir etwas!« bat sie weich und schmiegte den Kopf wieder auf das Taschentuch.
Lukas Allm schwieg; er grübelte, wovon er sprechen könne. Von den Kindern? Da wußte er gerade nichts. Von Evelyn? Das paßte nicht. Von ...? Ja, wovon ...?
»Wissen Sie nichts?« fragte sie unter den Sträuchern.
Der Lehrer rückte sich zurecht und räusperte sich. »Die Heide ist schön!« sagte er eilig.
»Ja,« kam es unbarmherzig zurück. Lukas Allm sah sie an, sah an ihr vorbei, nun wußte er wieder nicht weiter. Es wurde ihm plötzlich warm, die Zunge lag trocken am Gaumen, und im Halse gab es kurze Stöße, die den Atem versetzten. Was war denn? Er saß hier mitten unter der Sonne in einem Heidestrauch, und dort ... dort war Marianne, dort lag sie, und er war mit ihr zusammen.
»Ja, ich gehe sehr oft hier spazieren!«
»Hm!« summte es.
»Immer, wenn die Schule zu Ende ist.« Er starrte auf das Kleid, das über der Brust auf und nieder ging. Mit ihr allein, mit ihr zusammen. Ein kleines Heldenlächeln ging über sein Gesicht. Und doch wäre er jetzt gern in seiner Veranda gewesen, wo man sich so einen kleinen gefährlich-behaglichen Traum wohl gönnen, ihn aber auch schnell wieder beiseite stellen konnte. Hier aber saß er, hier war ~er~, und da war ~sie~. Und alles war so hell, so heiß und wirklich. Ein Rascheln erschreckte ihn.
Marianne richtete sich auf, stützte den Kopf in die Hände und sah ihn an.
Sie sah ihn an. Mit schweren Augen! Und ihre Glieder sahen ihn an, und ihre Lippen sahen ihn an.
Lukas Allm pflückte eine Blume und betrachtete ihre Blätter. Er zwang die Augen hinunter.
Eine lange Pause.
»Ja,« sagte sie fest.
Lukas schlug die Augen empor. Er erschrak vor ihrem Blick. Dunkelblau, unter langen blonden Wimpern. Von der Seite schimmerte es rosa, eine Fülle von Rosa ... Plötzlich kam ein Duft herüber, eine schwüle Welle. Ihre Haare flirrten vor seinen Augen.
»Woran denken Sie?«
Ein paar Bilder flogen ihm durch den Kopf, die Mutter, die Schulstube, und verschwanden in der Luft. Im Mittagsglühen lag der Körper vor ihm.
»Sie haben es dort heiß! Wollen Sie sich nicht hierher setzen?«
Marianne tat ihr Gesicht in die Blüten. Nun saß Lukas Allm neben ihr, zwei Handbreit entfernt; ein Käfer krabbelte von seinem Rock auf ihr Kleid. Ihre Hand glitt vom Gesicht und lag da vor ihm. Nackt lag sie da, und sehnsüchtige Lust war in ihrer Rundung. Seine Augen zog sie hinab. Die irrten eine Weile umher, dann blieben sie hängen und kamen nicht fort.
Lukas Allm faßte ins Gras; nur zufällig berührte seine Hand die weiche Haut. Nur zufällig hoben sich ihre Finger und blieben auf des Lehrers breiter Hand liegen.
Nun verging eine lange Zeit. Keines rührte sich. Als wüßten sie nicht, daß ihre Hände beieinander lagen ...
In Marianne war ein lässig genießendes Warten. Wie angenehm war es doch, dies Warten in der Hand zu haben! Es war ein hübsches Gefühl, zu wissen, daß er, der da neben ihr saß, abhängig von ihr war. Nun wollte sie es noch ein Weilchen hinausschieben. Sie dehnte sich.
Der ganze flimmernde Sommertag kam ihr zu Hilfe, tiefte das Rosa, ließ die Haut leuchten, hob ihren Körper auf und zeigte dem armen, hilflosen Lehrer, wie schön sie war.
Der wußte nun gar nichts mehr. Er starrte nur immer zur Seite, dahin, wo der runde Hals im Kleide verschwand.
Marianne fühlte seinen Blick. Ein kleiner Triumph breitete sich in ihr aus. Sie empfand etwas von unbegrenzter Machtmöglichkeit. Aber auch ein flirrender Schleier schwebte vor ihren Augen, von der Nähe eines Augenblicks, da sie bewußtlos lächelnd alle Macht darangeben würde. Und wie sie daran dachte, stand dieser Augenblick auch schon neben ihr, und sie griff nach ihm.
Ihre Finger preßten sich fest um des Lehrers Hand. Und dann zog sie ihn langsam, ganz langsam zu sich herab.
Lukas Allm fühlte plötzlich ihren Atem und sah ihre schimmernde Haut. Ein Brausen siedete in seinen Ohren. Dann schlug es über ihm zusammen. Er fühlte feuchte Lippen ...
Vielleicht wollte er jetzt aufspringen und weglaufen, aber nun legten sich ihre Hände weich um seinen Nacken und hielten ihn fest. Und das änderte alles. Schließlich hatte er nicht umsonst seine Jugend fern von allen Wirklichkeiten verträumt und in seiner Heidestille eine Fülle unbewußter Sehnsucht und unverbrauchter Empfindungskraft aufgespeichert.
Seine Hände tasteten nach ihrem Kopf, faßten ihr Haar, glitten über den Hals und preßten ihren Körper.
Mit geschlossenen Augen lag Marianne da. Und er küßte ihre Lippen, ihre Wangen, ihre Augen, ihren Hals. Sehnsüchtig sog er ihren Duft. Er mußte Jahre wieder einholen, die vorübergedämmert waren!
Oh, und Marianne ...! Gold und glühendes Rot wogte vor ihren Augen. Schauer rieselten durch ihren Körper. Hierhin, dorthin flog ihr Empfinden. Jetzt war es in den Lippen und nahm seine Küsse, nun im Haar und zitterte unter seinem warmen Atem, nun wieder am Hals und bog sich voll Lust unter dem Kribbeln seines Bartes. Der ganze Leib ein Meer von Glut; ein Spannen in allen Nerven, ein Loslassen, das leuchtend schwer dahinfloß, eine bebende Wonne, die über ihrer Haut ausgestreckt war wie Seide oder Blumen oder streichelnde Hände.
So küßten sie sich.
Bis er plötzlich sich schwer atmend aufrichtete, während Marianne bewegungslos liegen blieb. Ein Gefühl von Leere. Eine unbestimmte Farbe von Übersättigung. Ein paar stockende Gedanken: »Das hättest du nicht tun sollen« und »Was nun?« und sogleich danach eine brave, neugebackene Würde: »Nun bin ich verlobt!«
Und da unten im Grase nichts von alledem. Nur ein Weitertreiben, ein Sich-Dehnen in lauwarmen Fluten.
Nach einer Weile wurden die Wellen flacher, und plötzlich schlug Marianne die Augen auf, verwundert, als sei sie da irgendwo an den Strand gespült und wüßte nicht, wo sie wäre.
Lukas Allm atmete auf.
Der Stolz auf seine neue Würde war klein geworden, als er sie regungslos vor sich liegen sah. Ob ihr etwas geschehen sein mochte?!
Was konnte das kleine Heidelicht von jenen Flammen wissen, die in diesem jungen Körper glühten! Er hatte sie entzündet; nun sie aufbrannten, bekam er es mit der Angst. Mit einer richtigen Jungensangst.
Aber jetzt strich er sich erleichtert über die Stirn. »Nun sind wir verlobt!« sagte er strahlend.
Marianne richtete sich auf und sah ihn erstaunt an. Plötzlich lachte sie.
Lukas Allm machte ein befremdetes Gesicht.
»Wir sind nun verlobt!« betonte er wichtig.
»So!« sagte sie langgedehnt.
»Ja, natürlich!«
Auf seinem Gesicht lag bereits der Sonnenschein einer glücklichen Ehe, in ein paar Falten hatten sich sogar schon einige wichtige Sorgen niedergelassen. Er holte tief Atem.
Also am 5. August nach der Schule hatte er sich in der Heide mit der dritten Tochter des verstorbenen Rechtsanwalts Hellwege verlobt.
Noch dazu heimlich. Ja, er selbst wußte es kaum. Plötzlich war die Liebe gekommen, »wie der Frühling auf leisen Sohlen«, hatte er irgendwo einmal gelesen.
Er rückte näher und nahm Mariannes Hand. Nun mußte er wohl von Liebe sprechen.
»Haben Sie,« stotterte er, »haben Sie ... hast du mich lieb?«
Er erschrak über seine Frage und freute sich doch zugleich. Das spielte sich alles so ab, wie er es in Büchern gelesen hatte: Marianne wurde rot und flüsterte »Ja« und entzog ihm ihre Hand.
Er war glücklich und stolz.
Aber Marianne stand auf und nahm ihren Hut.
»Du darfst es niemandem sagen! Und morgen mittag ...«
VII
Wenn Evelyn etwas Heimliches tat, so geschah es, wo die Äste der breiten Kastanie einen Saal bildeten, dessen Tapeten stumpfgrüne Blätter waren, während von der Decke ein Dämmerlicht herniederfloß, wie von Flammen, die durch feine grüne Seide hindurchzitterten. Es war der siebente Ast in der Höhe. Er war breiter als die anderen und gab mit dem Stamm als Rückenlehne einen bequemen Platz. Bequem, wenn man dünn war, nicht allzu groß und dichtes blondes Haar als Kissen hatte.
Dort saß sie nun jeden Tag, nach Tisch, wenn Agnes Elisabeth noch im Haushalt zu tun hatte, Julie in ihrem Zimmer las und Marianne in der Laube an ihrem Tagebuch schrieb. Marianne schrieb nämlich seit einigen Wochen auf goldgeränderten Seiten Gefühle nieder.
Hier war die Erde weit weg von ihr, und in dem Stückchen Himmel da oben gab es weite Möglichkeiten, in die ihre Träume ahnungsvoll hineingingen.
Wenn ihr Kleid von den angehockten Knien herabglitt, dann war es wie der Spitzenschleier einer Fee oder die seidene Schleppe einer Prinzessin. Vielleicht auch nichts davon, nur eine schöne Linie und das Bewußtsein, daß sie ihr zugehörte.
Der grüne Saal war heute eine Halle mit Bogenfenstern und Säulen, morgen ein Garten mit fremden Bäumen, die es nirgends gab, und Blumen voll kühlen Dufts.
Und Schmetterlinge kamen, sie zu besuchen, Kavaliere in Seide oder träumende Boten von Märchenufern.
Ganz, wie es ihr beliebte.
Doch seit acht Tagen lag zwischen den Ästen eingeklemmt da oben ein Buch. Und wenn Evelyn dort saß, dann sah man nur etwas Weißes, das sich zusammenkauerte, und in der Mitte -- alle Linien schienen da hineinzulaufen -- dieses grüne Buch.
Das war Jens Peter Jakobsens »Frau Marie Grubbe«.
Da las sie nun von allen den seltsamen Dingen, die es in der Welt gibt. Mit kühlem Grausen las sie davon.
Und zum ersten Male streckte sie ihre Hände nach des Lebens Wirklichkeiten aus.
Und was das Heimliche betrifft, so hatte Julie ihr das Buch nicht geben wollen, aber sie hatte es sich genommen.
VIII
Mitten in die Farben des Herbstes hinein, die sich zu Tode glühten, kam ein Brief von Heinrich Craner, der Agnes Elisabeths Adresse trug.
Sie saß im Garten, als er ihr gebracht wurde, nähte an einem Kleide für Evelyn und dachte darüber nach, daß Marianne in letzter Zeit so angegriffen aussah.
Die Naht wurde zu Ende gebracht und der Brief dann langsam geöffnet. Craner schrieb:
»Wenn ich mir überlege, daß Sie mich innerhalb der letzten sieben Jahre nur ein paar kurze Stunden gesehen haben, daß diese Stunden ausgefüllt waren von geschäftlichen Besprechungen, die für gegenseitiges persönliches Verstehen wenig Raum gaben, so kommen mir Bedenken, ob ich diesen Brief schreiben darf.
Mache ich mir aber klar, daß Sie dem Leben stets mit offnen Augen gegenübergestanden haben, daß Ihr Blick nicht getrübt worden ist durch konventionelle Brillengläser und scharf geblieben durch die klare Atmosphäre Ihres stillen selbstbewußten Lebens, daß Ihre gerade Natur nur Ursprüngliches und Unmittelbares verlangen kann, so weiß ich, daß ich diesen Brief schreiben muß. Also schreibe ich ihn.
Was nun kommt, möchte von einer Empfindung sprechen. Ich zweifle, ob es mir gelingen wird, ihr Ausdruck zu geben. Ich bin nicht gewöhnt, von meinen Gefühlen zu reden, und es fällt mir in der gegenwärtigen Lage doppelt schwer, da es mir bisher nicht gelungen ist, festzustellen, ob Ihr Inneres auf dieselbe Tonart gestimmt ist wie das meine.
Aber auch eine in dürftige Hülle gekleidete Empfindung werden Sie erkennen, wenn sie nur überhaupt einen Wert für Sie hat.
Ich liebe Sie.
Darf ich Ihnen erklären, wie es dazu kam?
Ich habe in meinem Leben vielleicht mehr über mich nachgedacht, als die meisten zu tun pflegen. Ich habe schon von Kind auf die Gewohnheit gehabt, mich nicht mit allgemeinen Glückswerten zufrieden zu geben, sondern mir auf eigne Faust mein bißchen Glück zu erkämpfen.
Es ist mir gelungen. Nach mannigfachen Zickzackwegen natürlich, die aber, wenn ich sie von mühsam erreichter Höhe nun rückschauend betrachte, doch eine gerade Linie bilden.
Die Lebenserfahrung, die ich nach innerem Streit im Studierzimmer, nach äußeren Kämpfen an Krankenbetten, in Hospitälern und auf sonnenbrennenden Schlachtfeldern Südafrikas gewinnen durfte, ist die: Glück heißt: Persönlichkeit sein und aus der Fülle eigner Kraft andere glücklich machen. Ich darf sagen, daß ich mir dies Glück zu eigen gemacht habe.
Aber nun will es mir nicht mehr genügen.
Seit einigen Monaten bin ich mir darüber klar geworden, daß eine Sehnsucht in mir lebt, die schon jahrelang unbewußt geschlummert hat. Es hat lange gedauert, bis ich wußte, was das Ziel dieser stillen Sehnsucht ist. Jetzt weiß ich es!
Alle Menschen, denen ich bis heute äußerlich nähergestanden habe, waren mir innerlich fremd. Aber ich brauche jemand, der mich etwas angeht, der nach mir greift mit Liebe und mich festhält mit Verstehen.
Harte Hände, die in mein Leben hineinfassen und es rütteln, und doch auch weiche Hände, die es milde streicheln.