Part 7
Natürlich verging kein Tag, an dem nicht Lukas Allms Gestalt das Zimmer füllte. Er hatte etwas von einem treuen Hunde, der behaglich von einem zum andern geht und dann breit an einem Flecke sitzen bleibt. Sie hatten ihn alle gern, wenn auch von einem geschwisterlichen Verhältnis keine Rede sein konnte. Er war da, und weil er nicht störte, gewöhnte man sich an ihn. Auch seine gutmütige Zärtlichkeit gegen Marianne hatte man sich schlimmer vorgestellt.
Vor allem aber -- dessen wurden sie sich natürlich nicht bewußt -- wirkte seine Gegenwart befreiend. Denn jene unbestimmbaren Empfindungen, die das Schweigen aus der Tiefe herauskommen ließ, alle die Gedanken und Ahnungen, die in diesen Ehevorbereitungen die Nähe des Mannes witterten, verflogen im Nu, wenn Lukas Allm ins Zimmer trat.
Da saß er dann, flüsterte mit Marianne und machte seine Späße mit Evelyn. Man brauchte sich nicht vor ihm zu fürchten, denn es war ja nicht ~er~, der eben noch aus jener Ecke schreckhaft herübergeblickt hatte.
So gingen denn die Tage und verschwanden, neue kamen und immer neue, blieben ihre Weile und waren vergessen. Ein spärliches Licht breitete sich auf Stunden, als der Tannenbaum brannte und Frau Allm im Schwesternkreise ein paar Tränen über ihres Sohnes Glück vergoß. Dann ging es in das neue Jahr hinein.
XIV
So kam auch nun für Evelyn der Tag, von dem in der Predigt so eindringlich zu hören ist, daß er die Kinderzeit abschließe und die Tore des Lebens und der Welt öffne. Jener Tag, der oft verhängnisvoll wird, weil er die Seele des Kindes erschreckt und zaghaft macht.
Nicht allein, daß man dem Kinde in dieser Zeit einredet, seine Sündenschuld sei unermeßlich, und nur der Glaube könne es wieder mit Gott versöhnen, während das Kind doch genau weiß, daß es sich bisher mit seinem lieben Gott sehr gut vertragen hat. Nicht genug, daß hierdurch die Begriffe des Kindes verwirrt werden, daß es plötzlich ängstlich wird, sich abquält, seine Sünden zu erkennen, sich selbst zum Feinde zu nehmen und rührende Versuche macht, den wahren Glauben zu erkämpfen, während Denkvermögen und Empfinden sich sträuben und doch nicht stark genug sind, solchen Widersinn zu begreifen.
Die eigentliche Gefahr ist dies noch nicht.
Aber daß man die Fäden zerreißt, die, von Kinderspielen geknüpft, durch Kinderträume sich weiterspinnen, daß man die zarte Pflanze aus dem Boden seiner Phantasie herausnimmt und in dürres Land setzt, daß man von dem Werden einer Seele keine Ahnung hat und die Umkehrung alles Denkens und Empfindens proklamiert, das ist die Gefahr.
Wohl keiner ist ganz um sie herumgekommen; wohl alle haben mit irrenden Mühen vieler Jahre erst wieder bauen müssen, was ihnen zerstört wurde; und die meisten brachten es nicht einmal fertig, vergaßen es und wohnten in Ruinen. Und wenige nur haben ihre Kinderseele wiedergefunden.
Evelyn war mit vielen Vorurteilen und einem ehrlichen Verdacht an diese Zeit herangegangen, einem Verdacht, der ihr im Blute lag und sich gegen alles richtete, was ihrem Schönheitsgefühl zuwider ging. Darum drehte sie jedes Ding, das wie ein Samenkorn in ihrer Seele Boden gesenkt werden sollte, erst mit schlanken Fingern herum, ehe sie es nahm, suchte nach Schönheiten, fand sie nicht und legte es beiseite. Freilich blieben auf diese Weise nicht viele Samenkörner liegen.
Evelyn ließ sich durch nichts beeinflussen. Julies Unabhängigkeit war durch die Bücher bedingt, die sie las. Evelyn aber ging mit traumhafter Sicherheit ihren Weg. Sie suchte nicht, aber sie fand. Sie sehnte sich und war doch immer zu Hause. Fragen, die sich vor ihr aufstellten, lösten sich von selbst, wenn sie mit weichem Lächeln ihren Kopf zurücklehnte.
Als die kleine Orgel unter Lukas Allms Händen ihr Nachspiel mit Trompetenregister in die Morgenluft hinausschmetterte, verließ Evelyn neben Agnes Elisabeth die Kirche. Sie betraten den Weg, der über den Kirchhof führte, während Tante Sophie und Marianne weihevoll die Stufen herabschritten und gleich nach Hause gingen.
An dem Hügel blieben sie stehen. Schon viele Monate lag nun der Stein zwischen dem Efeugeranke.
Der Himmel war klar wie ein Bergsee, und es roch nach Erde, die schon von Veilchen wußte. An diese Veilchen dachte Evelyn, und daß sie der Mutter gern welche in den Schoß gelegt hätte. Über den kahlen Sträuchern drüben glitzerten helle Tropfen. Da flimmerten die Lichter der Zukunft. Agnes Elisabeth stand stumm. Groll war in ihrem Schweigen, und sogar Haß.
Evelyn aber lächelte.
Und aus diesem Lächeln wurde für Agnes Elisabeth doch noch ein Sonnenblick, wenn er auch nur kurz über sie hinglitt und schnell wieder verblaßte.
XV
»Wenn jemand einmal von der Familie aufgenommen ist, dann gehört er auch zu uns!« war Sophie Craners Grundsatz. Damm hatte sie ein elegantes weißes Moirékleid angezogen, als sie zu Mariannes Hochzeit hinausfuhr. Dort saß sie nun mitten auf dem Rasen in einem Korbstuhl und machte mit Lukas Allms Schwager Konversation, während die Mehrzahl der Gäste sich im Garten erging. Der kleine Bahnassistent aus dem Westfälischen strebte ab und zu nach weltmännischer Haltung, indem er den Arm in die Hüfte stemmte und sich ein wenig zu Tante Sophie hinunterbeugte.
»Ich finde es sehr richtig, daß Ihr Schwager hier draußen bleiben will. Er kennt die Leute; sie mögen ihn gern, und die Kinder hängen ja geradezu an ihm!« sagte Sophie Craner freundlich.
»Es tut einem nur leid, daß er dann garnicht weiterkommen kann. Er mit seiner Vorbildung! Unterprima! Und vom Seminar so glänzende Zeugnisse.«
Tante Sophie machte ein freundlich-andächtiges Gesicht.
»Wollen Sie sich nicht setzen?«
Sie schob den Schuh unter dem Kleide hervor und tippte mit dem Fuß an einen Gartenstuhl.
Der Bahnassistent knickte im Kreuz zusammen.
»Danke sehr! Danke verbindlichst!«
Der Schuh irritierte ihn. Dergleichen hatte er bisher nur in einem Laden in Berlin gesehen, auf gebogenen Eisenstangen mit hellblauen Plüschpolstern. Er hob die Schöße seines Uniformrocks und ließ sich mit zaghafter Gebärde auf dem Stuhl nieder.
»Er sollte doch noch den höheren Lehrberuf erlernen. Jetzt, wo er es kann!« begann der Bahnassistent wieder.
»O, meinen Sie?!« sagte sie kühl.
»Männchen! ich suche dich schon überall!«
Da stand Frau Hempel auf dem Kiesweg. Sie wagte nicht recht, den Rasen zu betreten.
»Kommen Sie doch zu uns!« lud Sophie Craner sie ein.
Aber noch ehe Frau Hempel den halben Weg gemacht hatte, stürzte das schluchzende Lenchen an die Falten ihres Kleides.
»Aber Lenchen! Mein gutes Kleid!«
Die rotsamtne Kamelie in ihrem Haar schwankte hin und her. »Was ist denn los? Warum heulst du denn so?«
»Mutting, mir ist so übel!« Auf dem mageren Halse klimperte eine Korallenkette. Und auf dem Gesicht jammerte die Ungemütlichkeit eines verdorbenen Magens.
»Die rosa Torte!« schluchzte sie.
Frau Hempel fuhr ihr liebevoll mit dem gesteiften Taschentuch über das Gesicht.
»Ja, Lenchen, die ist nun hin!«
Evelyn kam aus der Laube und nahm der Frau das Kind ab.
»Du siehst ja schön aus!« lachte sie. »Komm, ich will dich abwaschen!« Die beiden verschwanden hinter dem Gebüsch.
Als Frau Hempel nun glücklich bei Tante Sophie anlangte, hatte sich inzwischen um diese ein ganzer Kreis versammelt.
»Ach ja, gnädige Frau,« seufzte sie, »Sie haben es gut, mit dem Fräulein für Ihre Kleine! Aber unsereins!« Sie strich mit der Hand über den weißseidenen Einsatz ihres braungefärbten Brautkleides und glättete den Pointlacekragen.
Der Pastor zog sich einen Stuhl heran.
»Das letzte Mal war es eine so traurige Veranlassung, die uns zusammenführte, meine verehrte Frau Craner!«
Tante Sophies Gesicht zeigte eine gemessene Trauer, wie man sie kurz nach Ablauf des Trauerjahrs an den Tag zu legen pflegt, verbunden mit einem kirchlichen Anflug, der in den Mundwinkeln lag. Sie hielt auf gute Beziehungen zur Kirche.
Der Pastor wurde wehmütig.
»Wie würde sich die Selige über das Glück ihrer Tochter gefreut haben!«
Drüben auf dem Kieswege wurde das Glück sichtbar. Man sah ein schweres Atlaskleid, -- das Weiß ließ Mariannes runde Glieder dick erscheinen, -- einen grünen Kranz und ein Gebäude von stehendem Tüll, nicht zu vergessen einen schwarzen Arm, der quer über die Taille ging, sie umschlang und sie, von der Ferne gesehen, gleichsam zerschnitt. Daneben Schwarz, eine breite Masse von Schwarz, mit einem ganz schmalen weißen Streifen, das war Lukas Allms Kragen.
Die beiden schwammen in Glück. Auf ihres Lebens breitem Fluß schimmerte Sonnenlicht. Sie trieben dahin, schlossen die Augen unter den Strahlen und atmeten die seidenweiche Luft.
Trotzdem konnte von einem alle Winkel ausfüllenden Genießen dieses Sommersonnentages nicht die Rede sein. Denn ihre Blicke gingen allzuoft nach jener geheimnisvollen Biegung, die der Strom dort unten machte, wo er in den Wald hineinglitt, hinter dessen schweigenden Bäumen unbekannte Dinge warteten. Nicht, daß sie ungeduldig gewartet hätten; aber es ging eine Anziehung von dort aus, und je weiter die Sonne sich nach Westen wendete, um so unmittelbarer wurde ihre Kraft.
Nun kam Agnes Elisabeth und bat zum Kaffee. Der allgemeine Aufbruch nach dem Platz unter den Ahornbäumen gab dem Brautpaar Gelegenheit, zu verschwinden, um sich für die Reise umzukleiden.
Draußen saß die Hochzeitsgesellschaft an einer langen Tafel. Auf der einen Seite ging es geräuschvoll zu, -- es fehlte nicht an Vettern und Freunden, die sich eine Hochzeit ohne animierte Stimmung nicht denken konnten, -- auf der andern jedoch -- dort saß die nähere Verwandtschaft -- gebrach es an Gesprächsstoff: nachdem man sich während des Essens einander mit unterstrichener Freundlichkeit genähert hatte, kamen sich jetzt alle mit einem Male vereinsamt vor und saßen stumm nebeneinander. Nur der Pastor sprach unentwegt, sog an einer großen Zigarre und schien sehr aufgeräumt zu sein.
Evelyn und Julie gingen nacheinander ins Haus, um Marianne Lebewohl zu sagen. Nach einer Weile erschien die Braut in dem für Hochzeitsreisen vorgeschriebenen Anzug. Die alte Kalesche des Bauern Teetje hielt vor dem Garten. Dann kam Lukas Allm; er trug ein Köfferchen und hob es gewichtig auf den Bock. -- Schließlich wurde es der gewöhnliche Abschied: Marianne weinend von einer Schwester zur andern, Frau Allm mit Tränen der Rührung am Halse ihres Sohnes, die näheren Verwandten mit würdigen Mienen in einigen Schritten Abstand, im Hintergrund die Jugend, gaffend, mit unverschämtem Zartgefühl ...
Dann reckte sich Lukas Allm in die Höhe, sah nach der Uhr und drängte zur Abfahrt. Marianne riß sich schluchzend los.
Und endlich rollte der Wagen die Chaussee hinunter, während der Pferdeknecht mit der Peitsche knallte, um die Gäule, die vor dem Torfwagen nie anders als im Schritt gingen, zu einem Galopp oder Trab zu überreden.
Die Gesellschaft blieb nicht mehr lange beisammen. Genau eine halbe Stunde nach der Abfahrt des jungen Paares fuhr Wilhelm Craners Wagen vor, und Tante Sophie atmete erleichtert auf, als sie darin saß. Ein Jagdwagen brachte die übrigen Gäste nach der Stadt zurück. Frau Allm bat die Schwestern, bei ihr zu Abend zu essen, aber Agnes Elisabeth lehnte ab.
Und endlich waren sie allein.
Als ob ihnen etwas zerstört sei, so fühlten sie sich.
Was zerstört war, war nicht ihr schwesterliches Zusammenleben, auch nicht die Unbefangenheit, mit der sie bisher der Wirklichkeit des Lebens gegenüber gestanden hatten, sondern der Rhythmus ihres Hauses, die Melodie seiner farbigen Stille.
Die hellen Wände, die alten Möbel, ihre Tannenallee, ihr Rasen, dies alles hatte durch die Gesellschaft, die sich hier breitgemacht hatte, einen Teil seines Zaubers verloren.
Die Stimmung, die bisher über den Kleinigkeiten ihres Lebens ausgebreitet gewesen war, war mit einem Male zerrissen, und sie konnten die Fäden nicht finden, sie neu zu weben.
Selbst Julies mokantes Lächeln, das sonst wie ein reinigender Luftzug allen zurückbleibenden Dunst aus dem Hause geweht hatte, versagte heute.
»Das war nicht schön!« meinte sie matt.
Und Evelyn, die verschüchtert auf einer niedrigen Bank saß, erklärte nach einer Weile: »Ich hätte ihn nicht geheiratet!«
XVI
Heinrich Craner, der in Berlin eine möblierte Wohnung im Hansaviertel bewohnte, hatte eine Karte von seinem Bruder erhalten, daß Julie Hellwege am siebzehnten Mai mittags in Berlin eintreffen werde, und daß er ihn bitte, sie abzuholen und nach ihrer Pension am Nollendorfplatz zu bringen.
Es war Heinrich etwas peinlich, mit Julie zusammenzutreffen; denn er zweifelte nicht, daß sie von seiner Werbung um Agnes Elisabeth wüßte. Und er hatte nicht gerade den Wunsch, über diese Angelegenheit zu sprechen. Denn sie beschäftigte ihn nicht mehr so ausschließlich, wie es während des Winters der Fall gewesen war.
Agnes Elisabeth war bei ihm ein wenig in Vergessenheit geraten, und die paar Versuche, die er angestellt hatte, sich ihr Bild in Erinnerung zu bringen, hatten eine andere Wirkung hervorgebracht, als er beabsichtigt zu haben glaubte. Mit merkwürdigem Mißgeschick nämlich hatte er immer neue Züge an Agnes Elisabeth gefunden, die ihm nicht gefielen. Insonderheit verdroß es ihn, daß sie ihn um der Geschwister willen auf eine spätere Zeit vertröstet hatte, daß sie also für die Schwestern mehr Liebe übrig zu haben schien, als für ihn. Er, der sich mit Vorliebe einen =selfmade-man= nannte, war hierdurch an der verletzbaren Stelle seiner männlichen Eitelkeit getroffen. Die Folge waren Zweifel, ob sie überhaupt ein tieferes Gefühl für ihn besäße, und als diese erst da waren, mußte sich seine Liebe bald in eine Ecke flüchten. So oft er nun an Agnes Elisabeth dachte, spürte er mit einer gewissen Genugtuung den bittern Geschmack einer Enttäuschung, als habe sie seine Zuneigung nicht verdient, und die Opfer, die er ihr gebracht, -- er mühte sich, die Wertstücke dieser Opfer in helles Licht zu setzen, -- nicht zu würdigen verstanden. Er hatte den Schritt vom Groll zur Gleichgültigkeit noch nicht getan, er war noch nicht so weit, die innere Verbindung mit Agnes Elisabeth als gelöst zu betrachten, aber es stand außer Zweifel, daß diese Angelegenheit bereits eine abgeschlossene Episode für ihn war.
In Wirklichkeit hatte sich dieser Vorgang übrigens noch etwas anders abgespielt. Jene Überlegungen über Agnes Elisabeths Eigenschaften kamen nämlich nicht von ungefähr, sondern sie waren erst durch einige äußere Umstände herbeigeführt worden.
Zum ersten Male seit sechs Jahren verkehrte Craner wieder in großer Gesellschaft. Sein Vermögen, sein Selbstbewußtsein und seine mannigfaltigen, in der Tat auch nicht gewöhnlichen Erlebnisse machten ihn manchen Kreisen zum interessanten Mann, der überall gern gesehen wurde, dem man sogar den Hof machte. Craner spielte die Rolle, die man ihm aufnötigte, anfangs mit Belustigung, aber mit um so größerem Behagen, je länger es dauerte. Das konnte man einem jungen Manne nicht übelnehmen, der jahrelang jegliche Anregung, und insonderheit den Verkehr mit Damen, entbehrt hatte. Es war nur zu bedauern, daß er diese Verwöhnung ganz ernst nahm, daß er von diesen jungen Frauen und Mädchen begeistert war, ihre Bildung, ihren Anzug, ihr Benehmen bewunderte und den Fehler beging, Vergleiche zwischen ihnen und Agnes Elisabeth anzustellen. Auf diese Weise bekamen seine langatmigen Überlegungen, seine enttäuschten Empfindungen einen Stich ins Kleinbürgerliche. Um so mehr, als er sich seit einigen Wochen für die hübsche Tochter eines Bankiers interessierte und sich täglich die biedersten Beweisgründe vorhielt, um dieses Interesse vor sich zu rechtfertigen.
XVII
Frisches Grün, Frühlingsduft, leichte Staubwolken: das war Julies erster Eindruck von Berlin. Und eigentlich enttäuschte er sie. Bäume und Büsche, das konnte sie zu Hause auch haben, und besser; die hier waren ja nur aufgebaut und hingestellt und konnten gewiß einen richtigen Sturm nicht vertragen. Sie wollte Häusermassen haben, Menschengewühl, Lärm und Spektakel. Es müßte ein Gedränge sein, daß man Angst bekäme. Hier so gemächlich dahinzufahren, wie mit Teetjes Gaule ...
»Ja, Evelyn ist nun bei Tante Sophie.«
»Und das junge Paar?«
»Auf der Hochzeitsreise! Sie waren zuerst in Berlin, sind aber schon nach Dresden weitergereist. Wir wissen noch nicht viel von ihnen; wir haben nur ein paar Ansichtskarten bekommen.«
Ein Coupé mit einem gut angezogenen Kutscher rollte vorüber. In Craner breitete sich ein behagliches Gefühl aus, er dachte plötzlich an Ellinor Grünhagen.
»Agnes Elisabeth ist nun ganz allein!« sagte Julie kalt.
»So!« Die angenehme Empfindung war sofort zerstört. Craner machte ein verlegenes Gesicht. Er war erbittert. Sie schwiegen, bis der Wagen vor der Pension am Nollendorfplatz hielt.
»Sie erlauben, daß ich Ihnen gelegentlich etwas von Berlin zeige?« Er war stolz, daß er seine Verstimmung mit ruhiger Überlegenheit verbarg. Übrigens war Julie eigentlich ganz pikant, und dann machte es auch einen guten Eindruck, wenn man sich einer Verwandten ritterlich annahm.
Es sei liebenswürdig von ihm, sie wolle daran denken!
* * * * *
Das war nun ihr Zimmer. Eine Atmosphäre von braunem Plüsch. Man konnte nicht mehr und nicht weniger verlangen. Für den Preis gab es eben dieses Zimmer. Jeder Gegenstand darin schien zu wissen, daß er mit dazu beitrug, die Höhe dieses Preises zu bestimmen. Die Aussicht auf die Anlagen, das Sofa, der Schreibtisch, dies alles war eingeschätzt worden und ergab, zu der Lage und der Verpflegung hinzuaddiert, den Wert pränumerando.
Dann erschien auch Fräulein Meusel, in einem blauen Schneiderkleid mit Litzenbesatz.
»Herzlich willkommen, mein liebes Fräulein Hellwege. Ich hoffe, Sie fühlen sich bei uns wohl!« sagte sie mit kühler, geschäftsmäßiger Freundlichkeit.
Julie war angenehm berührt. Sie machte den Eindruck einer Dame, sie wollte nicht mehr sein, als sie war, und führte ihre Pension und schrieb ihre Rechnungen. Allerdings, Rechnungen mußte sie schreiben ...
Dann ging man zu Tisch.
»Fräulein Auguste Berg, unsere Gelehrte, Fräulein Liecke, Sängerin, Fräulein Thea Allenbach, unsere kleine Bildhauerin.« Damit setzte sie sich.
Gleich während der Suppe fühlte Julie sich von drüben fixiert. Sie bemerkte mit Unbehagen, wie Thea Allenbachs Augen über ihr Gesicht gingen und in jede Ecke stöberten. Erst lachte sie gezwungen, aber schließlich fragte sie über den Tisch hin:
»Warum sehen Sie mich immer an?«
»Oh, ich bin Bildhauerin! Sie haben so ein entzückend schmales Kinn! Dieser Zug hier ...« Sie machte eine affektierte Bewegung. »Sie haben gewiß schon viel erlebt!«
Julies Hand strich über ihren Hals.
»Ich bin Künstlerin, wissen Sie, und da achtet man auf alles!«
»Sie sehen heute recht blaß aus!« sagte Fräulein Meusel zu der Sängerin.
»Mein Herz wollte mal wieder nicht mit!« erklärte Fräulein Liecke mit wehleidigem Pathos. »Nächste Woche soll mein Konzert sein und ich kann nicht singen. Mit mir wird’s wohl überhaupt bald zu Ende gehen.«
»Ach was, Liecke,« sagte Thea, »erst werden Sie die Welt noch von sich reden machen. -- Fräulein Liecke hat eine himm--lische Stimme!« wendete sie sich an Julie.
»Eine Altstimme?«
»Und was für eine! Zwei Töne tiefer als ein Ochse, sagt ihr Professor!«
Die Unterhaltung amüsierte Julie. Übrigens war sie auf diese Altstimme gespannt. Wenn Fräulein Liecke sprach, hatte sie vorläufig keinen anderen Eindruck, als eine Erinnerung an Öl und Vanillegeruch.
»Sind Sie auch musikalisch?« fragte Fräulein Meusel.
»Nein, eigentlich nicht,« entgegnete Julie.
Auguste Berg rückte ihren Klemmer zurecht.
»Endlich mal eine, die nicht Kunstenthusiastin zu sein scheint. Gott sei Dank! Heutzutage, wissen Sie, haben die jungen Mädchen überhaupt nichts anderes im Kopf als Kunst. Die notwendigsten Fragen des Lebens,« sie nestelte an ihrem Kragen, »die notwendigsten ...«
Julie dachte, sie würde es nun wohl so oft sagen, bis der Kragen zugehakt wäre. Und da es nicht kam, nahm sie es ab. »Die notwendigsten Fragen? Sie interessieren sich also dafür?«
»Ja, gewiß!«
»Ja unserer Zeit, wo endlich die Frau erwacht, wo sie ihre Persönlichkeit findet, wo wir neue Bahnen gehen und das Feld unsrer Tätigkeit mehr und mehr erweitern, ist es die Pflicht jeder Frau, wenn sie überhaupt Anspruch auf den Namen Frau erheben will, mitanzufassen!«
»Struve hält die ägyptische Kunst überhaupt für die größte. Struve ...«
»Gott, hören Sie auf!« sagte die Liecke, »wir wissen, Struve ist der einzige Künstler! Struve, Struve ...«
»Ist nicht eine Salome von ihm?« fragte Julie hinüber.
»Die ~war~ von ihm,« meinte Thea geringschätzig. »Über die ist er aber längst hinaus!«
Julie hatte die Empfindung von rosa Gazewolken, auf denen die kleine Künstlerin schwebte. »So! Mir hat sie auch nicht gefallen!« sagte sie ruhig.
»Nun, in der Behandlung der Flächen ist sie vorzüglich. Gott, leicht verständlich sind seine Sachen alle nicht. Man muß sich natürlich die Mühe nehmen, in seine Ideen einzudringen, man muß vor ihm stehenbleiben!«
Thea Allenbach hatte ihn natürlich verstanden.
»Sie wollen hier Ihr Examen machen?« fragte Fräulein Liecke.
Julie hob den Kopf.
»Examen? Das weiß ich nicht. Ich will nur arbeiten.«
»Das ist die einzig richtige Auffassung,« rief Thea herüber. -- »Examen, Anerkennung, darauf kommt es nicht an!«
Das bestritt Fräulein Liecke nun energisch. Sie war Hochschülerin und durfte ihr System nicht im Stich lassen.
Fräulein Berg hatte zwar das Lehrerinnenexamen bestanden, sprach sich aber dagegen aus. Nach Prüfungen könne man nicht urteilen; die seien höchstens ein Beweis, daß das Handwerkszeug für ein Fach da sei, aber mehr besagten sie auch keinen Tipps.
Es entspann sich ein regelrechter Streit, in dem Auguste Berg mancherlei Brauchbares gesagt hätte, wenn es nicht so einseitig und animos herausgekommen wäre. Die Liecke, als »beste Schülerin«, vertrat den Standpunkt der Lehrer, Thea zitierte Struves mystische Worte und bewegte sich im übrigen in Gemeinplätzen über Freiheit, künstlerische Individualität und dergleichen mehr.
Julie wußte schließlich gar nicht mehr, daß sie es gewesen war, die diesen Kampf veranlaßt hatte; dagegen meinte sie, daß es nun Zeit sei, aufzustehen.
Fräulein Meusel mochte das gleiche empfinden und hob mit einem freundlichen Wort die Tafel auf.
Nun war Julie in ihrem Zimmer und packte ihre Koffer aus. Die Gespräche schwirrten noch in ihren Ohren, die Stimmen fuhren durcheinander, und die Gesichter wollten nicht weggehen. Was war das für eine künstliche Aufregung um alle möglichen Dinge, ein Hagel von Schlagworten und Standpunkten, ein Getue und Gehabe, ohne jeden ersichtlichen Grund!
Sie fragte sich plötzlich, warum sie eigentlich nach Berlin gekommen wäre? Onkel Wilhelm hatte ihr zugeredet. Draußen in der Heide würde sie ihr Leben nur verträumen, hatte er gesagt; sie würde zwar vielleicht allerhand innere Anregung finden, aber ihre Studien niemals über ein gewisses Maß hinausbringen können. Nun hatte allerdings Onkel Wilhelm keinen rechten Begriff von ihrer Arbeit. Einmal dachte er doch wohl insgeheim, daß sie es auf ein Examen absehe, und dann glaubte er auch, daß sie sich mit einem bestimmten Fach beschäftige. Aber sie hielt nun einmal nicht auf System. Sie las, machte sich Notizen, Auszüge, wurde zu neuer Lektüre angeregt und nahm diese vor. Es war nicht nur Philosophie, oder nur Literatur, oder nur Geschichte, was sie trieb, sondern von allem etwas. Die Auswahl, die sie traf, wurde durch ihr Gefühl bestimmt, nicht durch ein Ziel, dem sie zugestrebt hätte.
Denn der Zweck ihrer Arbeit war ja Genießen.
Obwohl Julie Onkel Wilhelm im Innersten nicht recht geben konnte, -- denn sie lebte der Überzeugung, daß sie auf ihre Weise überall, auch in der Einsamkeit der Heide, arbeiten könne, -- war sie doch klug genug, viele seiner Gründe anzuerkennen. Darum wollte sie den Versuch machen, ob der Aufenthalt in Berlin, die Berührung mit andersgearteten Menschen, die Anregung durch Theater und Vorträge nutzbringender für ihre Arbeit wäre als die Stille.
Sie hatte diesen Vorsatz gefaßt und wollte ihn ausführen; sie wollte sich durch nichts beirren lassen. Das wiederholte sie sich; und sie schien es nötig zu haben. Denn nebenan hörte man nun verworrenes Gespräch und ab und zu den Anfang einer Gesangsübung. So viel Ruhe wie zu Hause würde sie hier also nicht haben. Das stand fest. Übrigens zweifelte sie auch schon daran, daß sie von diesen Damen Anregung, geschweige denn inneren Nutzen haben würde. Vielleicht von Fräulein Berg; die schien jedenfalls ernsthaft zu arbeiten. Aber die beiden anderen waren wohl nur Dilettantinnen, die mit Künstlerallüren kokettierten. Immerhin, auch von ihnen wollte sie nehmen, was zu nehmen wäre.
So versuchte Julie also mit Eifer, sich die Straße vorzuzeichnen, die sie hier gehen wollte. Daß sie die wichtigsten Momente vergaß, jene Dinge, die an den Ecken jedes neuen Weges warteten, um andere Ausblicke zu öffnen und andere Ziele zu zeigen, das war kein Schaden.
Die Energie, die einen gewissen Erfolg ohne weiteres verbürgt, blieb somit ungeschwächt durch Sorgen um künftige Dinge. Durch ihren Mut besaß sie von vornherein eine Überlegenheit. Wer sie jetzt gesehen hätte, wie sie fröhlich mitten im Zimmer stand, wie das Licht die Linien ihres Gesichts kühn nachzeichnete, der hätte die Gewißheit gehabt, daß sie sich hier nicht verlieren würde.
XVIII