Part 2
Draußen atmete ein Klingen, gleich einem Blinzeln der Sonnenhitze, die im Garten hing. Durch die Ritze zwischen der Fensterbank und der blauen Kante kam es herein und glitt auf dem Teppich müde hin und her. Es war eine Glocke, die am anderen Ende des Dorfes zu Frau Hellweges Begräbnis geläutet hatte und nun wieder einschlief. Auf der Diele erwachte ein verworrenes Geräusch von Stimmen. Ein Huhn gluckste, Schritte schlürften. Die Türklinke bewegte sich und wurde mit einem harten Ton heruntergedrückt. Das Rouleau bebte, schrak auf. Das Zimmer erwachte.
Die Tür öffnete sich. Eine Welle von gelbem Licht flutete herein. Marianne stand auf der Schwelle.
»Nein, diese Tante Laura!« sagte sie empört. »Hast du gesehen, Julie, wie sie die Tränen in den Augen zerdrückte!«
Julie trug einen Teller mit Butterkuchen herein.
»Das ist alles, was sie übergelassen haben.«
Julie verzog die Nase.
»Neben mir stand der junge Klattenberg, der roch nach Pomade! Ich mußte an dich denken.« Sie sah geradeaus. Die feine Linie um den Mund verschärfte sich; ihre Hand strich langsam vom Ohr über den bloßen Hals. »Jedenfalls ist mir über all dieser Unwahrheit meine eigene Trauer ganz verloren gegangen. Ich freute mich, wie der Sarg endlich hinuntergelassen war und ich die Stimme des Pastors nicht mehr zu hören brauchte.«
Gesche kam mit rotgeschwollenen Augen und brachte ein Teebrett. Julie setzte die Tassen auf den Tisch.
»Was hattest du eigentlich für eine lange Unterhaltung mit dem Schullehrer?« fragte sie.
Marianne wurde verlegen und sah weg. »Ach, nichts weiter! Er hat mir kondoliert.«
»Na,« lachte Julie zweifelnd. Und dann eine abwehrende Handbewegung: »Er hat so große Hände!«
Marianne wendete sich kurz ab.
»An dir ist doch auch nichts Ideales.«
Julie lachte.
Agnes Elisabeths ruhiges Gesicht und Evelyns blasse Wangen, auf denen noch Spuren von Tränen zu sehen waren, erschienen in der Tür.
»Ist alles fertig, Julie? Sie kommen gleich.«
»Ja, hoffentlich reicht der Kuchen. Weinen macht hungrig!« sagte Julie böse.
Evelyns verweintes Gesicht verzog sich zu einem Lächeln.
Gesche öffnete die Tür. Der Vormund und seine Frau, dahinter Tante Laura, kamen gefühlvoll gebeugt herein. Auf ihren Gesichtern lag noch der letzte pietätvolle Satz zur Ehrung der Seligen.
Agnes Elisabeth gab den dreien die Hand und bat sie, Platz zu nehmen.
Tante Lauras Fülle versank im Sofa. Sie schaute schmerzvoll zur Decke hinauf.
Julie und Marianne gaben sich einen Ruck, standen auf, gossen Kaffee ein und setzten sich zu den andern.
Tante Sophie, die Frau des Vormundes, zog Evelyn auf den Stuhl neben sich. Nach einer Weile strich der Vormund seinen rötlichblonden Schnurrbart, zog ein leise nach Kampfer riechendes Taschentuch heraus und schneuzte sich geräuschvoll.
Marianne streckte ihre runden Finger aus, befeuchtete sie und pickte langsam die Krumen vom Teller.
Der Vormund räusperte sich, schob seinen Stuhl zurück und begann:
»Da wir noch Zeit haben, liebe Agnes, würde ich gern mit dir besprechen, wie ihr euch nun eure nächste Zukunft denkt. Habt ihr schon irgendwelche Pläne?«
Agnes Elisabeth strich die Kaffeeserviette glatt.
»Nein, wir dachten alles beim alten zu lassen.«
Tante Laura bewegte ihren Kopf energisch hin und her.
»Nun, hier auf dem Lande könnt ihr doch unmöglich bleiben!«
Marianne hob träge den Kopf und sah zu der Tante hinüber.
»Denkst du denn, wir lassen unser Haus im Stich?!«
»Ihr könnt es ja als Sommerwohnung behalten,« meinte der Vormund, »wie es sich euer Vater auch anfänglich gedacht hat. Das Haus in der Stadt ist jetzt zwar noch vermietet; der Kontrakt läuft aber zum Oktober ab, und ich könnte am 1. Juli noch kündigen. Eure Verhältnisse sind ja, Gott sei Dank, so, daß ihr zwei Häuser bewohnen könnt. Und für Evelyns Stunden ist es doch überaus wünschenswert, daß ihr, wenigstens im Winter, in der Stadt wohnt.«
»Ich danke dir herzlich für deine Bemühungen, Onkel Wilhelm,« sagte Agnes Elisabeth. Sie legte den Kopf zurück und setzte in energischem Tone hinzu: »Wir wollen hier draußen bleiben! Mit Evelyn ist es ja bisher sehr gut gegangen; eine Änderung für dieses halbe Jahr ist wohl nicht nötig.«
Evelyn neigte den blonden Kopf ein wenig zur Seite. »Laß uns nur nicht weggehen!«
»Wir passen überhaupt nicht mehr in die Stadt!« warf Julie ein. »Hier kümmert sich kein Mensch um uns. Hier sind wir glücklich!«
Der Vormund wiegte den Kopf.
»Ihr seid sonderbare Geschöpfe! Warum wollt ihr euch denn so abschließen? Ihr habt hier ja nichts von eurem Leben! Euch fehlt jede Anregung!«
Julie richtete ihren Oberkörper straff auf und schob die Hände vor.
»Onkel Wilhelm!«
Tante Sophie nickte ihr begütigend zu.
Der Vormund wendete sich und sprach über die Schulter zu Julie: »Bestes Kind, ~was~ habt ihr denn? Moor, und nochmals Moor, Heide und endlose Wasserzüge. An Verkehr ...«
»Ungeschliffene, schmutzige Bauern!« ergänzte Tante Laura.
»Aber einen Pfarrer!« sagte Marianne; ihre weiße Hand machte eine kleine segnende Bewegung.
»Und einen Lehrer!« warf Julie mokant ein.
»Na ja, daß das sehr viel ist, könnt ihr doch wirklich nicht behaupten,« meinte der Vormund. »Habt ihr denn gar nicht einmal das Verlangen nach Konzerten ...?«
»Aber Herr Craner!« meinte Tante Laura vorwurfsvoll. »Bedenken Sie doch, jetzt im Trauerjahr! Eure liebe Mutter freilich ...«
»Die ist tot!« rief Julie ungeduldig. »Laß sie doch in Frieden!«
Tante Lauras Busen wogte vor Entrüstung. Die Jettkette klirrte hin und her.
»Na ja,« lenkte der Vormund ein; »wir können uns das ja noch überlegen! Solche Eile hat es ja nicht! Aber eine Hausdame müßt ihr unbedingt haben!«
Tante Laura hüstelte vom Sofa her.
In Agnes Elisabeths Augen kamen Tränen. Sie beugte sich weit vor. »Wir? In unser schönes stilles Haus ein fremdes Wesen, das immer da ist und uns nichts angeht!? Nein! Wir vier wollen allein bleiben!«
Tante Sophie legte leise ihre Hand auf Agnes Elisabeths Schulter.
»Wir wollen euch ja keine Fremde ins Haus bringen,« sagte sie herzlich. »Tante Laura hat sich erboten, Mutterstelle an euch zu vertreten.«
»W--w--was?« schrie Marianne ungezogen.
Der Vormund warf ihr einen verweisenden Blick zu.
Tante Laura setzte sich in Positur, wie ein aufgeplusterter Spatz. »Ihr wißt, ich habe eure gute Mutter so lieb gehabt!« sagte sie. »Es ist mir wie eine Aufgabe vom lieben Gott geworden, euch die Heimgegangene nach besten Kräften zu ersetzen. Darum will ich das Opfer bringen und ...«
Julie lachte.
Über Agnes Elisabeths Gesicht ging ein Unbehagen. Sie schloß hochmütig die Augen; ihre Stimme schien von weit dahinten zu kommen.
»Es ist sehr liebenswürdig von dir, Tante Laura, aber dieses Opfer nehmen wir natürlich unter keiner Bedingung an! Ich bin jetzt sechsundzwanzig Jahre und, glaube ich, alt genug, hier mit den Schwestern allein zu leben.«
Tante Lauras Augen schillerten hinter den roten Sammetpolstern ihrer Wangen. Sie spitzte den Mund zu einem milden Lächeln. »Nun, ich will mich nicht aufdrängen! Ich meinte es nur gut mit euch! Und ich weiß, ihr werdet noch einmal entbehren, was ihr heute von euch gewiesen habt.«
Tante Sophie machte eine gewandte Bewegung.
»Agnes Elisabeth hat wohl nicht so unrecht! Sieh mal, du als ältere Dame ...«
Der Vormund zog langsam das Augenlid herunter und faßte an seine Wimpern. »Tja, Agnes Elisabeth, da ist nicht viel zu machen, bei eurer Selbständigkeit! Versucht’s denn in Gottes Namen!«
Agnes Elisabeth lächelte befreit.
»Ich werde natürlich oft herauskommen und nach euch sehen! Hoffentlich geht alles gut! Und Evelyn ... Na ja, man muß sehen!«
»Evelyn kommt Ostern zu uns,« sagte Tante Sophie freundlich. »Das hat mir deine Mama noch versprochen, Evelyn. Kommst du auch gern?!«
Evelyn nickte.
»Dann können wir wohl gehen!« sagte Tante Laura, erhob sich schwerfällig und faßte nach ihrer Pelerine. Julie half ihr eilfertig.
»Dann machst du eine hübsche Reise mit uns!« sagte Tante Sophie zu Evelyn. »Wir werden uns schon gut vertragen.«
Tante Laura knöpfte an ihrer Pelerine. »Was macht ihr denn mit Mamas alten Sachen?« erkundigte sie sich bei Agnes Elisabeth.
»Das haben wir uns noch nicht überlegt!« gab diese gereizt zurück.
»Ich glaube, es ist nun Zeit,« meinte der Vormund, sah nach der Uhr und stand auf. »Ich komme nächstens einmal heraus. Wahrscheinlich schicke ich dir vorher noch einige Papiere, die du unterschreiben mußt. Mein Bruder bringt sie dir vielleicht; er wollte sowieso mal einen Ausflug ins Moor machen.«
»Es ist schrecklich, daß wir dir so viele Mühe machen, Onkel Wilhelm,« sagte Agnes Elisabeth.
»Na, na, ich tu’ es ja gern!« brummte er gutmütig. »Denn, ade, ihr Moorkatzen!« Er gab den Schwestern die Hand.
Tante Laura konnte es sich nicht versagen, der erschrockenen Evelyn einen lauten Kuß zu geben. Julie bog ihr noch geschickt aus.
Die Schwestern blieben im Zimmer. Agnes Elisabeth begleitete die Verwandten durch den Vorgarten.
Die beschnittenen Linden breiteten sich schwer und duftend vor der Giebelseite des Hauses. Unter ihnen, gegen die weißgetünchte Hauswand gelehnt, standen links und rechts zwei grüne Bänke, neben ihnen in weißen Kübeln schlanke Lorbeerbäumchen. Der schmale buchsbaumgefaßte Kiesweg führte abschüssig nach dem weißen Holzgitter, mitten durch grünen Rasen, vorbei an tiefroten und rosaweißen Malvenstöcken.
»Wie hübsch sauber ihr alles habt!« meinte Tante Sophie im Vorübergehen.
»Habt noch vielen Dank!« sagte Agnes Elisabeth und klinkte die Pforte hinter ihnen wieder ein. Durch den mehligen Staub der Chaussee, an den großen Bauernhöfen vorüber, gingen nun die drei. Breitgewachsene Kastanien waren zu beiden Seiten postiert. Ihre eiförmigen grünen Schatten lagen in regelmäßigen Abständen auf dem farblosen Grund; mit den sonnenbeschienenen Zwischenräumen bildeten sie eine Kette von Langeweile.
Tante Laura stöhnte.
Wilhelm Craner seufzte; dann pfiff er vor sich hin.
»Von Trauer war da nicht viel zu merken!«
»Du weißt ja, sie sind anders, als andere Menschen,« meinte Sophie.
Laura Bassemanns Sonnenschirm entfaltete sich.
»Wie das noch enden soll! Die Julie ist schon ganz von Agnes Elisabeths verrückten Ideen angesteckt.«
»Das ist schließlich Schuld der Mutter,« meinte der Rechtsanwalt. »Ich habe ihr oft genug vorgestellt, sie solle die Kinder nicht hier in die Einsamkeit vergraben. Aber sie konnte von ihrem kleinen Haus nicht lassen.«
Sophie Craner nahm ihr Kleid höher. »Die beste Lösung wäre, Agnes Elisabeth verheiratete sich.«
»Ihr Bruder, Herr Craner,« meinte Laura Bassemann geschwätzig. »Sollte das nicht was sein!?«
Craner hörte nicht auf sie.
Das Dorf lag hinter ihnen. Links und rechts von der Chaussee streckte sich die Heide, die endlose, flimmernde Heide. Stahlblaue verglaste Gräben mit fetter Moorerde an den Rändern, kleine Getreidestriche, hin und wieder eine Birke, die ihre weißen Glieder dehnte. Darüber der Himmel wie eine riesige, in weißer Glut schwingende Glocke. Craner sah sich um.
»So unrecht haben die Mädels eigentlich nicht, wenn sie sich von diesem Fleck Erde nicht trennen wollen!«
Es kam keine Antwort. Nur Sophies Kleid rauschte.
Das Stationsgebäude träumte abseits an einem Seitenwege. Davor ein Laternenpfahl, über und über mit Rosen bewuchert, darunter ein kläffender Köter, auf der Bank vor dem Haus eine eingenickte Bauernfrau, in der Tür würdig der Vorsteher.
»Hier sieht es allerdings sehr nach Anregung aus!« meinte Laura Bassemann. »Sie werden schon noch verkommen.«
»Sie hätten sie auch nicht davor bewahrt!« sagte der Rechtsanwalt gereizt.
Fräulein Bassemann hob ihren Kleiderrock hoch, daß man die weißen baumwollenen Strümpfe leuchten sah, und beguckte sich ihren steifgestärkten Unterrock.
»Netter Staub!«
Dann kam die Sekundärbahn lärmend durch die Heide daher. Die drei stiegen ein. Sophies ruhiges Gesicht sah noch einmal durch das Coupéfenster. Dann setzte sich die kleine Maschine wieder in Bewegung. Die vier Wagen klapperten einträchtig hintereinander her. Die Heide nahm sie auf. Eine weiße Wolke nickte noch einmal herüber. Der Vorsteher schob die rote Mütze zurück und trat ins Haus. Die Sonne schien weiter.
III
Evelyn hockte mit hochgezogenen Knien auf einem Stuhl in Julies Zimmer. In ihren Händen lag ein dickes Gesangbuch. Die kleinen Finger spielten mit den silberbeschlagenen Ecken. Mit murmelnder Stimme lernte sie:
»Keiner Gnade sind wir wert, Doch hat er die Gnadenpforte Hier uns ...«
Sie stockte und warf verstimmt den Kopf nach hinten. Ihr bloßer Fuß sah unter dem Kleid hervor und trommelte eine ärgerliche Melodie. Sie öffnete das Buch und las mit leiernder Betonung:
»Keiner Gnade sind wir wert, Doch hat er in seinem Worte Endlich sich dazu erklärt; Sehet nur, die Gnadenpforte Ist hier völlig aufgetan«
Sie klappte das Buch zu und rasselte den Schluß herunter:
»Jesus nimmt die Sünder an!«
Julie wandte den Kopf vom Schreibtisch herüber, sah die kleine Schwester erstaunt an und lachte.
»Was machst du eigentlich?«
»Ich lerne!« sagte Evelyn verdrießlich. »Es ist schrecklich! Die Gnadenpforte tut sich immer zu früh auf!«
»Dann mach’ sie doch zu! Und das Buch würde ich auch zumachen!«
»Ich muß es aber morgen können,« gab Evelyn weinerlich zurück.
»Weißt du, ich habe Gesangbuchverse nie gelernt!« erklärte Julie. »Ich glaube nicht, daß es dem lieben Gott eine große Freude ist, wenn man sie am Schnürchen herleiern kann.«
»Aber der Pastor hat es uns doch aufgegeben!«
»Also gut!« meinte Julie gleichgültig und wendete sich wieder zu ihrer Arbeit. Der dünne Arm stützte sich auf das helle Kirschbaumholz. Eine blaue Glockenblume -- es standen da so viele beieinander in der irdenen Vase -- reckte neugierig ihren dünnen Leib nach der bräunlichweißen Haut, die goldig porös schimmerte. Die goldenen Lettern der Bücher, die gravitätisch nebeneinander standen, blicken auf Julies stumpfbraunes Haar; das hing in seidigen Flocken auf die enggedruckten Seiten herab. Julie las in Brownings Gedichten.
Die alte Pendeluhr dicht am Ofen schlug sechs, dünn und blechern. Auf den Wänden zitterte Sonnenlicht. In dem Glas der goldgerahmten Kupferstiche spiegelte sich die große Silberkugel draußen im Garten, ein Stückchen Rasen und die Efeublätter, die das Fenster einrahmten.
»Warum wird man eigentlich konfirmiert?« fragte Evelyn plötzlich hinüber.
»=O world, as God has made it: all is beauty, and knowing this, is love.=« Julie hörte mit einem kleinen Seufzer auf. »Stör mich doch nicht immer,« sagte sie ruhig.
»Du brauchst doch nicht zu arbeiten! Du tust es doch nur zu deinem Vergnügen!« Evelyn gähnte.
»Ich finde es zwecklos, daß ich konfirmiert werde. Warum tut man eine Sache, deren Sinn man nicht begreift?«
»Als ich so alt war wie du, habe ich Mama dasselbe gefragt. Sie sagte: ›Tue es trotzdem, Kind, du wirst daran erfahren, wie vergeblich es ist, dort nach Schönheit zu suchen.‹«
»Ich wünschte, es wäre vorüber!« seufzte Evelyn.
»Mama meinte, daß man einmal versuchen müsse, auch diesen Weg zum Glücklichsein zu gehen, um dann bewußt wieder umkehren zu können, und sich einen anderen zu suchen.«
»Würdest du deine Kinder konfirmieren lassen, Julie?«
Julie sah durch das offene Fenster. Sie mußte immer offene Fenster in ihrem Zimmer haben.
»Nein! Ich würde nicht wagen, sie nach irgendeiner Seite hin zu drängen. Sie sollten Freiheit haben in allen Dingen!«
»Man müßte überhaupt tun dürfen, was man will!« sagte Evelyn auf einmal energisch. »Ich möchte den ganzen Tag auf dem Rasen sitzen, die Pfauen um mich herum; alle ihre Farben würden auf meinem Kleide spielen. Und in meinem Schoße sollten lauter Blumen liegen. Und Menschen dürften nur kommen, wenn ich winkte!«
Sie machte eine kleine souveräne Bewegung.
Die Begonie an Julies Brust löste sich und fiel mit einem leisen Geräusch zu Boden. Julie bückte sich nach ihr.
»Ich habe mir mein Leben so eingerichtet, wie ich es brauche. Ich kümmere mich um keinen Menschen und tue nur, was mir Freude macht.« Sie strich mit der Hand über das ausgeschlagene Buch, nahm die Blume und steckte sie wieder fest. Ihr Kopf neigte sich; in die Linie der Schultern kam eine kleine Krümmung, der viereckige Ausschnitt des Kleides verschob sich und ließ einen braungoldenen Schatten blinken.
Von Evelyn kam wieder das eintönige Geräusch des Gesangbuchliedes.
»Doch bat er in seinem Worte endlich sich dazu erklärt ...«
In der Tür erschien ein Laken, und darin Agnes Elisabeth, mit einem blauleinenen Badeanzug bekleidet.
»Bist du noch nicht fertig, Evelyn? Vertrödelst deinen ganzen schönen Nachmittag!«
Evelyns feuchtrote Lippen zogen sich zusammen.
»Marianne und ich wollen baden; kommt ihr mit?«
Evelyn strahlte; sie klappte ihr Buch zu und warf es auf das Sofa.
Julie sah auf.
»Ja, ich komme euch nach!«
Nun war es der Garten, ein wundervoll altmodischer Garten. Dichte, hohe Hecken, brennende Beete, buchsbaumgefaßte Wege, Rasenflächen, Hollunderlauben, eine lange Tannenallee und unten der schmale Fluß. Jenseits Gestrüpp, eine hohe, sich neigende Weide, dahinter endlose Wiesen und grasendes Vieh. Und über allem klarer Sommerhimmel.
»Ich kann mein Band nicht aufkriegen!« Evelyn reckte ihren Arm auf den Rücken.
Agnes Elisabeth half ihr. Dann ließ sie das Badelaken fallen. Die Haare zogen flirrende seidige Lichter aus den bloßen Armen. Mit kurzen Schritten ging sie an die fettgrüne Böschung und hinein in das klare goldbraune Wasser. Das Haar schwamm darauf wie eine Flut brandig gelber Blüten. Mit kurzen Stößen glitt sie vorwärts.
»Wie eine untergehende Sonne siehst du aus!« rief Evelyn ihr nach.
Das Wasser gluckste und glutterte.
An Marianne glitt eben ein blaßblauer Unterrock herunter. Sie bückte sich und löste die Strumpfbänder. Der runde Nacken tauchte aus den Spitzen. Langsam genießend zog sie sachte das Schwarz des Strumpfes von den weißen Beinen. Das Fleisch atmete auf und wurde weich und voll. Die Füße schmiegten sich in das Rasengrün. Sie zog die Schultern in die Höhe und ließ das Hemd streichelnd hinuntergleiten. Weiß lag es zu ihren Füßen. Weißer noch waren ihre Knöchel, ihre reifen Hüften, ihre vollen Brüste.
Marianne sog den warmen Duft ihres Körpers ein. Das zitternde Grün der Bäume griff sehnsüchtig nach ihrer Schönheit. Dann hob sie die Arme und verschränkte sie hinter dem Kopfe.
Vom Wasser her kam Agnes Elisabeths Stimme und schreckte das anbetende Lauschen auf. »Wollt ihr heute nicht mehr baden?«
»Nein, ich muß warten, bis Marianne aufhört, sich zu bewundern!« rief Evelyn, die im Grase hockte. »Sie sieht himmlisch aus!« Sie drehte sich auf ihren kleinen Schenkeln herum und sah zu Marianne auf. »So bist du mir doch am angenehmsten, wenn du so stumm nackend dastehst. Eigentlich ist es Sünde, daß gerade du so schön bist!«
Evelyn stand auf. Feine Grasabdrücke waren über das rosige Fleisch verstreut. Wie ein Mantel hing das Haar um ihre kindlichen Formen. Sie glitt den Rand hinunter und sank mit einem kleinen Juchz ins Wasser.
Marianne ging vorsichtig in das laue Gold und ließ sich auf dem Rücken treiben.
Evelyn kam plötzlich in die Höhe. »Oh, ich habe vergessen, mein Haar aufzubinden!« Sie kletterte prustend auf die Böschung. Die Wassertropfen glitterten an ihr herunter.
Agnes Elisabeth stand schon neben ihr und faßte das Haar. Das blaue Leinen spannte sich straff um ihren Körper. Herb stand das Weiß zu dem scharfen Blau. In den Augen schimmerte ein Glanz. Nur die Glut des Haares gab den Gedanken an schweres Blut.
Nun kam auch Julie aus der Laube. Aus ihren Linien sprach Strenge. Der Bronzeton ihrer Haut ließ sie schmal und flach aussehen, wie einen Jüngling. Nur der weiche Gürtel unter der kleinen, festen Brust, der niemals eingeschnürt worden war, erschien frauenhaft.
Ihre Hand glitt langsam über den Hals. Sie blickte auf Agnes Elisabeth. »Warum hast du einen Badeanzug an? Es sieht uns doch niemand hier!« sagte sie erstaunt.
Agnes Elisabeth steckte das Haar der Kleinen fest. »Ich mag es lieber!« sagte sie und ging wieder ins Wasser.
Julie blieb einen Augenblick vor der goldenen Bronze stehen. Dann beugte sie sich etwas nach vorn und sprang hinein.
Evelyn planschte mit kindlichem Vergnügen.
Marianne lag regungslos. Die lauen Wellen faßten nach ihr wie Hände und hauchten über ihre Haut wie sehnsüchtige Lippen.
Julie tauchte auf und nieder. »Wenn es nur nicht so lau wäre! Man hat gar nicht das Gefühl, daß man naß wird!«
Ein Schatten ging über das Wasser. Drüben neben der Weide stand eine schwarzweißgefleckte Kuh. Das fette Gesicht sah mit überlegenem philosophischen Lächeln aus seinen runden, schönen Augen auf all das Weiße, Lebendige.
Julie bespritzte Evelyn.
»Sieh, da ist etwas, was den ganzen Tag im Grase liegt und nichts tut!«
Evelyn lachte. Sie sprang mit einem Satz, wie eine Katze, an Julies Hals und tauchte ihren Kopf unter. Es gab Geschrei und Lachen. Dann faßten sich alle vier an der Hand und tanzten Ringel-Rangel-Rosenkranz. Der Kuhschweif wedelte dazu, warm und gemütvoll.
Ein dickes rotes Etwas in blauem Kattunkleid raste plötzlich vom Hause her, tauchte zwischen den Bäumen unter, erschien wieder, verschwand hinter dem Gebüsch und stand endlich prustend am Wasser.
»Fräulein, der Herr Pastoor! Ik hevv em schon jümmer seggt, dat Se im ’en Woter wären. Ober he hät Tid. He will so lange luern, bit Se rein sind!«
Marianne kreischte auf. Evelyn kam mit der Gnadenpforte.
»Wie dumm!« sagte Agnes Elisabeth ärgerlich. »Was machen wir nun? Ich mit meinem nassen Haar kann mich unmöglich sehen lassen!«
Julie zog gemütlich ihre Beine aus dem Wasser. »Bei mir geht es schnell mit dem Anziehen! Genießt es nur weiter!« Sie verschwand in der Laube und trat nach kurzer Zeit in ihrem Leinenkleide wieder heraus. »Amüsiert euch derweilen mit der Kuh!« rief sie und ging langsam den Kiesweg hinauf; am Blumenbeet blieb sie stehen und pflückte ein paar Heliotropen.
* * * * *
Im Wohnzimmer, am Fenster, das nach dem Garten führte, stand der Pastor. Frech wippte das Gardinenmuster auf seiner Glatze. In den Winkeln über der Oberlippe saß behaglich eine Phantasie über die weißen Mädchenkörper dort unten, die er nicht sah, deren Stimmen aber ab und zu heraufklangen. Seine Hand lag unruhig auf der Fensterbank.
Julie trat in die Tür, blieb einen Augenblick stehen und stellte mit lächelnder Genugtuung bei sich fest, daß der Pastor am Fenster stand, und daß dort unten der Fluß war.
»Guten Abend, Herr Pastor!« sagte Julie.
Der Pastor zuckte zusammen und wendete sich um.
»Ach so, -- so!« Er griff mit der Hand in die Luft. Mit einem Zucken flog die kleine Phantasie davon, und das sanfte Lächeln setzte sich mechanisch in die altgewohnten Falten.
»Verzeihen Sie, daß ich erst heute wieder den Weg zu Ihnen finde,« begann er. »Und daß ich Sie nun auch noch beim ... auch noch störe.«
»Sie stören mich durchaus nicht, Herr Pastor,« sagte sie mit friedlichem Spott.
»Ich war in den letzten Tagen leider so beschäftigt, und da ich heute etwas mehr Zeit habe, wollte ich mein Vorhaben endlich ausführen und sehen, wie es Ihnen geht.«
Sie saßen sich gegenüber in den tiefen Mahagonimöbeln. Julies Hände lagen ausgestreckt auf dem Holz. Von ihrem Körper strahlte ein feuchter Duft. Der Vanillegeruch der Heliotropen an ihrem Kleide tiefte die laue Badatmosphäre. Der Pastor sah, wie die letzten Tropfen an ihrem Hals herunterrieselten ...
Sie sprachen von den Dingen des Alltags.
Der Abend kam mit nassen Lichtern.
Julies Stimme hatte aufgehört zu sprechen. Der Pastor blickte auf. Die Möbel standen plötzlich aufdringlich um ihn herum. Die Bedrängnis, die von diesem frischen Leibe ausging, faßte ihn mit unsichtbaren Armen und ließ ihn seinen Blick nicht von ihr wenden. Der starke Nacken drehte sich im Kragen.
Er fand keine Worte mehr. Endlich nach einer schweren Pause flog ein Gedanke vorüber. Er nahm hastig aus seiner Brieftasche einen Zettel, auf dem eine Auswahl von Sprüchen für Frau Hellweges Leichenstein verzeichnet war.
»Vielleicht haben Sie selbst schon ein Wort für das Grab Ihrer Mutter ausgewählt? Es ist doch eine so schöne Sitte!«
Julie wandte den Kopf ein wenig.
»Nein! Es soll nur Name, Geburts- und Todestag geschrieben werden! Ich wüßte nicht, aus welchem Grunde da noch mehr stehen sollte.«
»Aber, liebes Fräulein, das sagen Sie doch nicht im Ernst. Ein solches Wort soll denen, die trauernd an dem Grabe stehen, zur Erbauung dienen, es soll ...«
»Ich bedarf keiner Erbauung!« sagte Julie ruhig.
»Die brauchen wir alle! Aber nicht dies allein: die Worte, die auf dem Grabstein leuchten, sollen zu Ihnen reden, als spräche Ihre selige Mutter vom Himmel herab zu Ihnen, als wollte sie ihre Kinder trösten und sie hinweisen auf das Wiedersehen.«
»Das ist ja alles sehr schön und gut,« meinte Julie. »Aber was soll man damit, wenn man an ein Wiedersehen nicht glaubt?«
Der Pastor blickte verdutzt auf. »Das hatte ich nicht gewußt!« stotterte er. »Ja, aber dann sind Sie ja, -- nein, Sie werden wieder davon abkommen, ich weiß es, ich glaube es!« sagte er mit Bekennermut.
Julie lächelte.
Der Pastor bekam es plötzlich mit der Angst um Evelyn.
»Um eins möchte ich Sie bitten,« sammelte er sich. »Daß ich auf Ihren Glauben noch keinen Einfluß habe, weiß ich.«
»Ja!« bestätigte Julie.