Chapter 12 of 13 · 3993 words · ~20 min read

Part 12

»Ich konnte nicht zum Bahnhof kommen,« sagte Agnes Elisabeth. »Ich hab’ hier noch Unkraut gefunden; wenn man es nicht rechtzeitig ausrupft, wird es immer schlimmer. Hier ist schon wieder welches!« Sie bückte sich; es schien, als wolle sie da hockenbleiben. »Dieser dumme Schachtelhalm! Immer reißt man die Stiele zu kurz ab!«

Julie blieb stehen. »Komm, Agnes Elisabeth, wir können es ja morgen tun.«

»Wie du willst!«

Sie gingen einige Schritte.

»Als ich von Berlin wegfuhr, regnete es noch,« sagte Julie. »Hier ist das Wetter so schön!«

»Ja, es ist in diesem Jahre früh Sommer geworden. Sieh mal, wie groß die Äpfel sind! Sogar Gewitter hat es schon gegeben. Drüben bei Gertelmanns, weißt du, wo wir manchmal beim Schlittschuhlaufen einkehrten, hat es eingeschlagen. Aber sie sagen, er selbst habe es angesteckt. Das ist überhaupt ein alter Trinker! Seine Frau ...«

»So!« sagte Julie. Es wunderte sie, daß sich die Schwester um solchen Klatsch kümmerte.

Sie kamen ans Haus.

»In deinem Zimmer sind die Rouleaus herabgelassen, Agnes Elisabeth!?«

»Da schlafe ich schon längst nicht mehr. Ich ziehe in allen Zimmern herum. Mir ist immer, als ob da etwas wäre, was mich heraustreibt ...«

»Du warst ja auch so allein! Das wird nun besser werden!« sagte Julie. Nach einer Weile nahm sie die Hand der Schwester und streichelte sie. Es fiel ihr auf, wie trocken die Haut war. Sie erschrak darüber.

Agnes Elisabeth ließ ihr die Hand nur einen Augenblick; dann zog sie sie kurz zurück, als müsse sie versteckt werden.

»Komm, Gesche hat den Kaffeetisch in der Lindenlaube gedeckt!« sagte sie. »Die ist schön sicher!«

Auf dem Tischtuch standen viele Tassen. Julie wußte nicht, was sie alle hier sollten.

»Hast du heute nachmittag Besuch?« fragte sie. »Kommen noch andere Menschen?«

»Nein, nein, das ist nur so!«

Agnes Elisabeth griff über den Tisch, tauschte zwei Obertassen miteinander, wechselte zwei Untertassen und brachte sie alle in Bewegung, die rosa auf die grünen, die blauen unter die gelben.

Bis Julie es nicht mehr mit ansehen konnte und die Tassen stellte, wie sie zusammengehörten.

»Warum tust du das?« fragte sie befremdet.

Agnes Elisabeth nickte nur.

Da empfand Julie zum ersten Male Angst. --

Sie tranken Kaffee und aßen Butterkuchen. Eine Weile war es still zwischen ihnen. Julie machte sich bewußt, daß sie eigentlich überhaupt noch nicht miteinander gesprochen hatten. Agnes Elisabeth aber schien es nicht anders zu wollen; sie aß und trank und sah vor sich hin; ab und zu fuhr sie zusammen und warf einen scheuen Blick hinter sich. Sie mußte das immer schon getan haben, denn sie schien es gar nicht mehr zu wissen. Sie mochte mit ihrem Gedanken auch so fern sein, daß Julies Gegenwart sie kaum berührte.

»Wie fein hier alles geharkt ist!« sagte Julie. »Früher sah es nicht so schön aus. Wer tut das?«

»Ich! Man kann dann besser sehen, ob irgend jemand im Garten war.«

Julie sah erschrocken auf.

»Geht denn manchmal jemand durch den Garten?«

Agnes Elisabeth schwieg. Nach einer Weile sagte sie langsam:

»O ja!«

»Wer? Hier hat doch niemand etwas zu suchen. Mich hat es schon gewundert, daß Teetje immer hier war. Ist er es?«

Agnes Elisabeth lachte. Ganz anders, als Menschen sonst lachen. Früher hatte sie anders gelacht, dachte Julie. Jetzt verzog sich nur der Mund, und ein kleiner, grauenvoll harter Ton kam heraus. Vielleicht lacht so einer, in dem die Einsamkeit allzu laut schreit: er will sie zum Schweigen bringen, will endlich wieder seine eigene Stimme hören und hat doch Angst, daß sie von den Wänden zurückkomme und nicht mehr seine eigene Stimme sei, sondern tausend fremde.

»Freust du dich, daß ich wieder da bin?« fragte Julie.

»Natürlich!«

»Wir wollen wie früher leben; es soll alles sein wie damals! -- Auch Evelyn kommt gewiß bald zurück.«

»Evelyn ist ein dummes Kind!«

»Warum?«

»Es ist jemand da gewesen, der hat sie heiraten wollen. Sie aber ...«

»Sie wird ihn nicht geliebt haben!«

»Man sollte mit beiden Händen zugreifen, wenn einer einen will!«

»Du bist sehr anders geworden, Agnes Elisabeth!«

Wieder kam ein Schweigen, ein breites Schweigen. In dem Summen der Bienen siedete die Nachmittagshitze, von den Blumenrabatten kam ein schwerer Duft.

Agnes Elisabeth breitete ein Paket bunter Seidenfäden auf dem Tisch aus. Weiche Seide in altmodischen Farben, wie man sie in Urgroßmutters Stickkörben findet. Sie begann, die Fäden auseinanderzuwirren. Es war eine schwierige Arbeit; alle Augenblicke blieb die Seide an ihren rauhen Händen haften.

»Warum tust du das?« fragte Julie. »Das muß doch langweilig sein?«

Agnes Elisabeth hielt ein paar Fäden mit den Zähnen fest und zog an den Strähnen.

»Das werden schöne glatte Zöpfe! Ich muß daran denken, wie ich früher Evelyns Haar abends einflocht.«

Julie stellte sich vor, wie Peter dies wohl malen würde: das blasse Gesicht, das rote Haar, die rieselnden Lindenschatten, die bunte Seide und das fahl-sonnige Zwischenlicht.

»Es ist auch eine so nette Unterhaltung,« sagte Agnes Elisabeth langsam. »Gesche sagt auch ...«

»Bist du oft mit Marianne zusammen?«

Agnes Elisabeth lachte.

»Weißt du, sie ist dick geworden; sie findet mich nicht so leicht!«

»Versteckst du dich vor ihr?«

Agnes Elisabeth kicherte.

»Gehst du nicht manchmal zu ihr?«

»Ja! Lukas ist auch immer sehr nett!«

»Wie ist ihr Kind?«

»Ganz niedlich! Sie macht nur zu viel Aufhebens davon. Sie ist manchmal so albern; sie macht sich auch so wichtig ...«

»Aber sie ist glücklich über das Kind?«

»Sie küßt es immerzu!«

Julie war von Agnes Elisabeths zwecklosem Eifer schon angesteckt.

»Soll ich dir flechten helfen?« Sie hielt ihr die Finger hin, um die Seide aufzunehmen.

»Ich bin auf Marianne neugierig,« sagte sie nach einer Weile.

»Du wirst sie wohl nicht zu sehen bekommen! Weil du dich ohne sie verheiratet hast!« Sie brach ab; nach einer Weile kam es schwerfällig hinterdrein: »Ach ja, ich habe dich noch nicht gefragt: Wie geht es deinem Mann? Peter? Nicht?«

»Ich danke dir. Es geht ihm gut!«

»Ich habe zu ihr gesagt: ›Wenn Julie es so will ...‹« Sie fand nicht weiter und nestelte an der Seide. Dann hob sie ihren Kopf und sah Julie an: »Nicht wahr? Aber Marianne natürlich ...«

»Und Marianne ist noch immer böse?«

»Du kennst sie ja!«

»Dann ist ihr nicht zu helfen!«

»Um Verzeihung bitten magst du wohl nicht?«

»Agnes Elisabeth!« rief Julie empört, aber gleichzeitig auch erschrocken.

»Ich meinte nur ... Ich muß das oft tun!« Sie legte die Seidenflechten zusammen, eine auf die andere. »Ich freue mich dann, wenn alles wieder in Ordnung ist. Mama war auch so dafür!«

Julie wollte etwas erwidern. Aber sie fühlte sich mit einem Male außerstande. Nicht nur, weil sie begriff, daß es nutzlos sein würde. Sie kam sich ausgeschlossen vor, als stünde sie vor einer Tür und könne nicht hinein.

* * * * *

Abend war es. Seidiger Dunst stand über dem Garten, an den Bäumen hingen ein paar Lichter, die von der schmalen Mondsichel kamen.

Um das Haus ging ein Klappern. Drüben bei Agnes Elisabeths Wohnzimmer fing es an, kam hinten herum ... Plötzlich erschien Agnes Elisabeth vor Julies Fenster und schlug den Laden zu.

»Was soll das?« rief Julie hinaus. »Warum tust du das?«

»Das muß so sein! Man ist dann sicherer!«

Julie kam ans Fenster und lehnte den Laden wieder zurück. »Aber, Agnes Elisabeth, das haben wir früher nicht getan!«

»Es ist auch anders geworden!«

»Bei mir müssen die Fenster aufbleiben! Ich fürchte mich nicht!«

In Agnes Elisabeths Stimme kam ein weinerlicher Ton:

»So schließe wenigstens die Tür ab, Julie! Es ist nicht mehr wie früher!« Sie stand auf dem Rasen, einen Rechen in der Hand, mit dem sie die Wege noch einmal nachgesehen haben mochte. Julie beugte sich zu ihr hinaus.

»Wenn du dich fürchtest, soll ich dann nicht lieber bei dir schlafen?!«

Agnes Elisabeth tat, als höre sie nichts, und begann den Weg unter dem Fenster zu harken.

Julie ging ins Zimmer zurück. Die Angst um die Schwester war wieder da. Eine Angst, die an hundert Dingen hing und sich doch eigentlich auf nichts gründete, ein Zittern vor etwas Grausigem, das irgendwo wartete, sich nicht greifen ließe und doch da wäre und drohte.

Sie mußte sich beschäftigen. Sie schloß ihren Schreibtisch auf, stellte alle Sachen wieder an ihren alten Platz, ging an den Koffer, packte die letzten Stücke aus. Dabei wartete sie immer darauf, daß Agnes Elisabeth käme, ihr gute Nacht zu sagen. Sie wollte mit ihr über all dies Seltsame sprechen, wollte sie fragen, ob sie ihr nicht helfen könne. Wie ein kleines Mädchen kam sie sich vor, als sie daran dachte, daß sie helfen solle. Sie wußte nicht, wo sie mit helfen beginnen sollte.

Agnes Elisabeth kam nicht. Vielleicht besprach sie mit Gesche noch das Essen für morgen oder sah nach dem neu eingekochten Saft. Schließlich dauerte es Julie zu lange, und sie ging hinaus. Auf der Diele brannte ein Nachtlicht. Die Dunkelheit erschien dunkler dadurch. In der Küche war niemand zu sehen; nur die Glut verglimmender Torfstücke kroch noch über den Herd.

Julie ging nach Agnes Elisabeths Zimmer hinüber, faßte die Klinke und wollte eintreten.

Die Tür war verschlossen. Drinnen sprang jemand auf.

»Wer ist da?«

»Ich bin es ... Julie! Ich wollte dir gute Nacht sagen!«

»Ich bin schon zu Bett,« sagte es drinnen nach einer Weile. »Ich bin müde.«

»Du bist doch nicht krank?«

»Warum sollte ich krank sein? Geh nur zu Bett, Julie!«

»Wenn du mich brauchst, Agnes Elisabeth, weckst du mich, hörst du?!«

Von drinnen kam keine Antwort.

Julie ging in ihr Zimmer zurück.

Sie trat ans Fenster und sah in den Garten hinaus. Da waren mit einem Male viele weiße Laken. Große grelle Flecke! Sie erschrak. Dann fiel ihr ein: die hatte wohl Agnes Elisabeth noch aufgehängt. Sie zog ihren Stuhl heran und lehnte die Arme auf die Fensterbank.

Lange Zeit saß sie so.

Plötzlich fuhr sie zusammen. Irgendwo dort hinten war ein Schatten über die Laken gegangen. Sie beugte sich hinaus. Es war nichts zu sehen; der Garten lag totenstill. Sie ging ins Zimmer zurück an ihren Schreibtisch. Hier lag alles, womit sie sich die letzten Jahre beschäftigt hatte. Jetzt würde sie zu solcher Arbeit fürs erste nicht mehr kommen.

Da waren auch Peters Aquarelle. Sie wollte sie morgen aushängen; jetzt war sie zu müde. Sie begann sich langsam auszukleiden.

Plötzlich ging sie ans Fenster und ließ das Rouleau herunter. -- Es war doch vielleicht besser. Dann legte sie sich hin und löschte das Licht.

XXXII

Es war an einem der nächsten Tage. Sie gingen durch den Garten, und auf dem Wege um den großen Rasenplatz erfuhr Agnes Elisabeth, daß Julie ein Kind bekommen würde.

Ihr Gesicht veränderte sich nicht, als sie es hörte, und es dauerte eine Weile, bis sie etwas sagte. Endlich aber kamen Worte, und Julie hatte andere erwartet.

»Es ist gut, daß du hier bist! Gesche und ich werden für dich sorgen. Wir werden alle die kleinen Sachen nähen und zurechtmachen, das wird hübsch werden, wir werden dich pflegen ...« Agnes Elisabeth streichelte Julies Haar.

Da fing Julie zu weinen an.

Nur weil diese rauhe Hand sie streichelte, weinte sie. Dann kam eine Wehmut über sie, und sie weinte immer heftiger.

Ihre Kindheit, ihre Arbeit, die Empfindungen, die sie damals geträumt und mit Peter erlebt hatte, dies alles glitt an ihr vorüber. Die neben ihr ging, hatte ebenfalls ihre Hände ausgestreckt, aber sie hatte nichts bekommen! Sie war an ihr vorbeigegangen, alle die Jahre hindurch, und hatte sie nicht ~einmal~ geküßt, alle die Jahre. Sie aber streichelte sie!

»Du darfst nicht traurig sein, Julie, es wird schon alles gut werden!«

Sie kamen an die Johannisbeersträucher. Die Trauben troffen hernieder wie Blut. Da nickte Agnes Elisabeth plötzlich.

»Ach ja! Ich hatte es ganz vergessen! Hier steht noch so viel Unkraut!« Sie bückte sich und fuhr mit den Händen in das grüne Gewucher.

Julie setzte sich unten am Wasser auf eine Bank. Wieder kamen Tränen in ihre Augen, als sie die Schwester dort zwischen den Sträuchern hocken sah.

Das also war aus ihr geworden! -- Sie sammelte Körbe und ordnete sie nach der Größe, sie flocht bunte Seide und zupfte Unkraut. Sie hantierte zwischen Nichtigkeiten, freute sich an müßigem Klatsch und verkroch sich vor Marianne. War sie nicht einmal eine Mutter für sie alle gewesen?! Sie hatte ihre Liebe weggegeben und besaß nicht mehr als einen Rest, der ihre Hand nur eben noch zu einem spröden Streicheln hob.

Sie hoffte nichts mehr vom Leben und konnte sich doch nicht von ihm abwenden. An irgend etwas mußte sie sich noch immer halten, selbst wenn es nur die Angst war, die sie hierhin und dorthin trieb, die im Sonnenlicht nach ihr schielte und des Nachts hinter ihrem Bette stand.

Mit gierigen Händen griff sie nach dieser Angst und meinte, das Leben zu fassen.

Sie wußte noch nicht, daß das Leben sie vergessen hatte!

* * * * *

Agnes Elisabeth kniete auf dem Wege und wühlte mit beiden Händen zwischen den Johannisbeersträuchern.

Ob sie dieses Mal wohl dabei sein durfte?! Bei Marianne hatte man sie nicht hineingelassen. Aber hier im eignen Hause! Sie wollte das doch gern einmal sehen, wie so das Leben anfängt! Diese dumme Wolfsmilch! Fünf Blätter, drei Krauseminzen, vier schwarze Johannisbeerblätter, bei zunehmendem Mond, er wurde jetzt voller; dann könnte sie endlich wieder schlafen! Auf den Boden mußte sie gehen, wegen der Wiege und der Kindersachen und der Wachspuppe ...! Und der Doktor ...! Wann würde das Kind kommen? Kam es nicht oft vor, daß die Mutter dabei starb? Dann wollte ~sie~ das Kind haben! Dann wollte sie aber lachen! Daß ~sie~ ein Kind hatte!

Als sie endlich aufstand, war alles Unkraut wieder eingepflanzt.

* * * * *

Julie ging inzwischen durch den Garten. Sie lehnte sich ans Gitter und sah die Chaussee hinunter. Ein paar Torfwagen rumpelten vorüber, ein kleines Bauernmädchen knickste. Alles war wie früher. Eben wollte sie ins Haus, da kam um die Ecke dort drüben etwas Gelbes; ein volles Rosa wölbte sich darüber und zuoberst nickte ein Geranke von Federn, Blumen und Stroh.

Julie in ihrer Kurzsichtigkeit meinte zuerst, das Ganze sei Marianne. Sie atmete auf, als sich das eine als Kinderwagen, das andere als Mariannes Hut herausstellte.

Nun löste sich etwas Schwarzes und steuerte nach der Tür herüber. Das Gelbe mit dem rosa Verdeck aber zog vorüber. Dahinter kam Marianne, eine Weile nichts, als Marianne, breit und voll und himmelblau ... Sie blickte zur Seite und wollte Julie nicht sehen.

Das war eine Demonstration!

Julie nahm sie belustigt entgegen.

»Guten Tag, Julie!« sagte Lukas. »Ich mußte doch kommen und dich begrüßen.«

Julie gab ihm die Hand.

»Das ist nett von dir! Wie geht es dir, Lukas?«

»Gut!« Sein Gesicht strahlte. Er war froh, daß er standhaft geblieben war; wenn es auch nicht gerade gegen Mariannes Willen, so war es doch ohne ihre Zustimmung geschehen, daß er sie verlassen hatte, um Julie zu begrüßen.

»Wie geht es Marianne und eurer Kleinen?« fragte Julie.

»Der Kleinen? Oh, das ist ein Prachtmädel! Gesund und fidel, wiegt schon vierundzwanzig Pfund! Auch Marianne geht es, Gott sei Dank, recht gut. Sie hat viel im Haushalt zu tun. Es ist gemütlich bei uns. Du solltest ...« Er brach plötzlich ab und wurde rot.

Julie mußte lächeln; sie war eingehüllt in eine Wolke von Fliederparfüm. Das war Mariannes Seife, und auch Lukas mußte sie natürlich benutzen.

»Nicht wahr, Julie,« begann er stockend, »du trägst es Marianne nicht nach, daß sie ...? Sie wird schon zur Einsicht kommen. Im Grunde ist sie doch so gut ...!«

Julie nickte freundlich.

»Ich kenne sie. Aber willst du nicht hereinkommen, Lukas?«

»Ich habe keine Zeit. Pastor Gerlach will mich heute noch sehen. Wir richten eine Schulbibliothek ein; da gibt es viel zu besprechen. Du hast wohl keine alten Bücher, die du entbehren kannst?«

»Ich will einmal nachsehen!«

»Wir nehmen alles mit Dank an!« Lukas schüttelte ihr die Hand und ging eiligen Schrittes der Kirche zu.

Der Fliedergeruch dehnte sich in der Sommerluft, wurde flacher und dünner und war verschwunden. Julie verstand jetzt besser als früher, daß man Lukas Allm lieb haben konnte.

Aber warum gerade Marianne ihn lieb hatte?!

XXXIII

Stockrosen, Geranien, Begonien und Nelken waren nie so brennend rot zur Blüte gekommen, Brombeerranken und wilder Wein, Klematis und Hopfen waren niemals eine so undurchdringliche Hecke gewesen, Laubkronen und Büsche hatten sich niemals so lichtlos geschlossen.

Wo Sträucher und Stauden nicht reichten, half anderes nach.

Winden und wilde Rosen webten Zweige und Stiele zu festem Gewirr, Unkraut schoß auf, kam in Ranken und Dornen hinein und mußte sich verloren geben. Die Fäden der Spinnen und flüchtiges Sommerhaar hängten Schleier darüber, hielten fest, was an sterbenden Blüten und Blättern zur Erde wollte, und machten das Dickicht nur dichter, die Wirrsal nur rätselhafter.

Grüne Wände wuchsen und taten sich zusammen, engten die Luft und wiesen das Licht auf wenige Wege, sammelten es auf den gezirkelten Beeten, ließen es auf des Rasens Mitte aufrecht stehen und drängten es zu kurzem Flackern auf dem trägen Wasser der Gräben, an rissigen Eichenstämmen und um die weißen Füße der Birken.

Die Glut des Sommers brütete zwischen den Hecken, kroch die Stämme hinauf und ließ Blumen lohen und Laubdunkel zu flüssigem Glast zerschmelzen.

Viele Düfte hingen schwer im Garten; kaum konnte der Wind sie rühren und tragen: die Schwüle der Linden, die säuerliche Dürre der Sommerblumen, der silbrige Staub blühender Pappeln, die betäubende Fäule des Schilfs und der Schwertlilien.

Wo das Flimmern des Mittags in den stahlblauen Himmel hineinzitterte, da tanzten die feinen Ringelkränze der Mücken.

Der Tag kam herauf, stand schweigend seine Stunden und ging hinunter.

Still war es, vom Morgen bis zum Abend. Die Stille stand im Garten wie eine fremde Frau. Keiner sollte wagen, sie zu stören. In ihrem Gesicht lauerte ein Lächeln, das böse war.

Keiner sollte sprechen. Worte sind gleich Steinwürfen in einen schweigenden See. Unter gläserner Fläche schlief Angst und Entsetzen.

Die da saßen, wußten das.

Sie fühlten diese Augen. Sie wollten sie nicht sehen und hängten doch ihre Blicke an sie. Sie schauten weg und sahen sie doch überall.

Die Angst war in ihnen, sie lauerte in der Tiefe ihrer eigenen Seelen.

Die eine schielte nach der Seite, ob da etwas wäre, fürchtete die Büsche, in denen sich einer verstecken könnte, und zitterte vor dem Schatten, weil er dunkel war, und vor der Helle, weil sie schrie.

Die andere sah ungewisse Lichter der Zukunft und wartete auf Schmerzen, sie lachte ihrem Kinde zu und breitete die Hände aus, damit der Tod es nicht sehe.

So ging der Sommer vorüber.

XXXIV

In den ersten Tagen des Oktobers wurde das Kind geboren. Es war ein Junge, und Julie nannte ihn nach Peters zweitem Vornamen Niels. Von allen Schmerzen blieb ihr keiner erspart, aber Julie ertrug sie lächelnd und hatte sie schnell wieder vergessen über der Wirklichkeit, die anders war, als sie gedacht hatte.

Die ersten Tage dämmerten vorüber, mit heruntergelassenen Rouleaus, langsam wandernden Sonnenflecken, Fenchelgeruch und Krankenzimmerstille. Das hielt Julie nicht lange aus, sie hörte nicht auf zu bitten, man solle sie in den Garten bringen. Weil der Herbst so weich war und die Laube so geschützt, taten sie ihr den Willen und trugen sie des Mittags hinaus. Da durfte sie in der Herbststille liegen, unter dem träumerischen Himmel, bis gegen vier. Niels war bei ihr, und wenn Agnes Elisabeth an den Hecken Hagebutten sammelte, konnte sie sehen, wie Julie mit dem Kinde sprach. Nur das Lächeln auf Julies Gesicht sah sie, und das fließende Sonnengold in ihren Haaren. Nicht mehr! Eigentlich wollte sie auch das nicht sehen!

Agnes Elisabeth dachte unablässig an das Kind. In den ersten Tagen war sie scheu in den Zimmern umhergelaufen oder hatte in einer Ecke gesessen und nach der Wiege gestarrt. Keiner hatte sie beachtet, sie hatte so recht ihren Gedanken nachhängen können. Eigentlich war es eine merkwürdige Sache mit solch einem Kinde! Es war mit einem Male da, es schrie und wollte trinken. Es war häßlich und machte Mühe. Und doch hätte sie es am liebsten genommen und totgeküßt. O ja! Das kleine zappelnde Ding in die Finger nehmen, daß das Körperchen in den Handflächen läge, und der Kopf zwischen Daumen und Zeigefinger ... Einige Tage später jedoch, als sie es einmal versucht hatte, war die alte Doris dazugekommen und hatte ihr das Kind weggenommen.

Nun wollte sie es auch gar nicht mehr sehen! Sie hatte jetzt ihr eigenes Kind. Sie hatte sich die Wachspuppe vom Boden geholt, die war größer als Niels, sie machte die Augen zu, wenn sie wollte. Aber sie guckte doch immer wieder hinüber und schlich dem Kinde nach, ob sie es vielleicht sehen könnte. Denn das Kind war lebendig, die Wachspuppe aber war tot.

Zu manchen Zeiten fragte sich Agnes Elisabeth, ob sie eifersüchtig auf Niels wäre. Er war so einfach ins Haus gekommen und hatte Besitz von ihm ergriffen; um ihn drehte sich die Wirtschaft, die alte Doris stellte Gesche mit an, wo sie sie nur brauchen konnte, um seinetwillen kam ein Korb mit allerhand Sachen von Tante Sophie, um seinetwillen erschien Lukas jeden Tag und fragte schüchtern, wie es dem Kinde und der Mutter gehe, um seinetwillen wurde jeden Morgen ein Brief gebracht, der aus Berlin kam und zur Folge hatte, daß Doris für die nächste halbe Stunde nicht zu Julie hineinging. Es fehlte nur noch, daß ihr Schwager eines Tages in der Tür stände und den Jungen sehen wollte.

Dann wäre sie ganz aus dem Hause geschoben, und die anderen säßen darinnen. Das wollte sie sich nicht gefallen lassen! Nein, freiwillig würde sie nicht weggehen!

Noch während sie solche Dinge dachte, stand sie auf und ging in die Küche, um den Kakao für Julie anzurühren. Sie tat das mit aller Sorgfalt, probierte, ob er süß genug wäre, quirlte die Milch hinein und suchte die schönsten Cakes für Julie aus. Dann brachte sie alles selbst hinaus, stellte es auf den Tisch, rückte Julie die Tasse zurecht und saß ein Weilchen bei ihr. Bevor sie ging, streichelte sie Julies Haar.

Jedesmal dachte sie daran, daß Mama so mit ihr getan hatte, wenn sie früher einmal krank gewesen war.

* * * * *

Es war plötzlich, als sei die Stille nun lange genug im Hause gewesen.

Evelyn kam eines Tages mit zwei riesigen Koffern an und brachte so viel Fröhlichkeit und Lachen mit, daß die Linden ihre Kronen schüttelten, als vermöchten sie nicht zu glauben, daß alles wieder beim alten sein sollte. Das Haus aber wunderte sich nicht, sondern es war stolz auf seine Kinder. Sie waren in der Welt herumgelaufen, hatten viele andere Häuser gesehen und darin gewohnt; in einem hatten sie gelacht, im anderen geweint, -- und schließlich waren sie doch vor Sehnsucht umgekehrt und zurückgekommen. Nun müßten sie auch wieder unten im Flusse Ringelrangelrosenkranz tanzen. Dazu wäre es jetzt freilich zu kalt, dachte das alte Haus. Und Evelyn wäre so elegant geworden, sie täte es vielleicht überhaupt nicht mehr.

Evelyn saß fast den ganzen Tag bei Julie und erzählte von der großen Welt. Von einem jungen Künstler, den sie in Wien kennengelernt hätte -- übrigens traf auch alle vierzehn Tage ein Brief mit fremdländischer Marke für Evelyn ein, -- von Tante Sophies grüner Seidenkrepptoilette, von einem eleganten Hut, den sie sich ausgedacht hätte. Sie mußte alle Bilder von Peter Owen sehen und erfand zu ihnen lange Geschichten. Plötzlich tollte sie dann wieder durchs Zimmer, lief in den Garten und sagte ihrer alten Kastanie guten Tag, kam wieder hereingewirbelt und tanzte vor Niels einen provenzalischen Tanz.

Niels fing dann zu schreien an, Julie lachte, und Agnes Elisabeth mußte kommen, wie es früher gewesen war, und mahnen:

»Kinder, seid doch vernünftig!«

Übrigens fand sich auch Marianne wieder ins Haus. Evelyn war bei ihr gewesen und hatte sie wegen ihrer kleinbürgerlichen Wichtigtuerei ausgelacht; eine ellenlange lustige Rede hatte sie gehalten, mitten in Mariannes Salon, wo Ponceaurot, Erdbeerfarbe und schmutziges Grün von allen Seiten in ihre Worte hineinschrieen. Das hatte freilich nicht genügt, Mariannes Sinn zu wenden, gestern aber war Pastor Gerlach bei ihr gewesen und hatte sie gebeten, sie möchte ihren Einfluß bei der Schwester geltend machen, damit das Kind endlich getauft werde. Eine Anmeldung sei bislang noch nicht bei ihm eingelaufen.