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Part 1

[Illustration: VESTE KLAM BEY SCHOTTWIEN. E. Gurk del. et sc.]

Skizzen

einer

Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien,

nebst einer

romantisch pittoresken Darstellung mehrerer Ritterburgen und ihrer Volkssagen, Gebirgsgegenden und Eisglätscher auf dieser Wanderung,

unternommen im Jahre 1825

von

JOSEPH KYSELAK.

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Erster Theil.

─────────────────────── Mit Kupfern. ═════════════════════════════════════════════════════════

Wien 1829. Gedruckt bei Anton Pichler.

Gott! es ist nur eine Welt! Und wem diese nicht gefällt, Dem soll wirklich hier auf Erden Nichts als unser Mitleid werden.

Vorwort.

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Ein Funke ist’s, ein Trieb, der den Menschen in regeres Leben verwebt, sein Blut auf eine oder die andere Art besonders anzieht, zu verschiedenen, wenn auch insgesammt lohnenden Tempeln hinleitet. Frauenliebe reißt den Jüngling oft hin, für seine Auserwählte sich zum Helden, zum Dichter zu bilden; Liebe zur schönen Natur, zur ewig bewunderten, ein nicht minder hohes Motiv, beseelte mich schon lange, spornt zum Danke für sie, und heißt mich manches Gute schildern, dessen ich von ihr begünstigt mich erfreute.

Getreu, wie ich die Ansichten aufgefaßt, übergebe ich sie der Welt, diesen Erstlingen eine sichere Bahn zutrauend. Findet Jemand meine Ansichten hie und da zu bildlich, zu poetisch, so bedenke er: daß man von einem glücklichen Zufalle überrascht, gemeiniglich in Lobeserhebungen schönerer Form ausbricht.

Ich reiste, von einem meiner treuen Wolfshunde begleitet, allein, und nur mit dem nothwendigsten Gepäcke; denn einige Hemden, Tücheln, Fußsäckel etc., ein Paar Schuhe zum Wechsel der Stiefeln, ein gutes Fernrohr, blecherne Feldflasche, Steigeisen, Feuerzeuge, Windlichter und Wachskerzen, Papier, Bleistift, auf Leinwand gespannte topographische Karten zum Zusammenlegen in Bücherform, starke lange Schnur, Bürste etc., wird doch Niemand leicht entbehren. Etwas überflüssig, aber für mich sehr erfreulich, war mein Gewehr, das zu dem sechspfündigen Gewichte auch einen kleinen Vorrath von Pulver und Blei erforderte; und so betrug die ganze Bagage, welche ich aber selbst überall mitzutragen mir vornahm, 15 Pfunde. Den lästigen Mantel, oder sonstige Hindernisse einer Fußwanderung entbehrte ich, mit dem festen Willen, täglich wenigstens sechs Meilen zurückzulegen, und nur in Provinzialstädten zu verweilen; weil man sonst ohne ähnlichen bestimmten Vorsatz, von mancher schönen Gegend zu viel eingenommen, oftmals gar nicht vom Flecke kommt, und die karge Zeit mit Bewunderung von Kleinigkeiten verschwendet, ohne dann Meisterstücken Stunden weihen zu können. Daß diese Landschaftsänderungen den Reisenden immer in neue Genüsse verweben, und solche, die Gesundheit keineswegs angreifenden Wanderungen die Geistes- und Körperkraft vielfach verstärken, bedarf wohl erst keiner neuen Versicherung!

Uebrigens war ich bei Schilderung einer Alpenfußreise nicht gesonnen, mit theilweiser Beschreibung der Provinzialstädte die Naturfreunde einigermassen zu ermüden; da sie ohnedieß mit den ausführlichsten und sichersten Notaten von _Grätz_, _Salzburg_, _Passau_, _Linz_ etc. durch die Schriften der Herren _Schultes_, _Satori_ etc. hinlänglich bekannt, ihnen daher eine einseitige, in kurzer Zeit geschöpfte Betrachtung, schwerlich verläßlicher, noch weniger aber neu seyn könnte: darum beschrenkte ich mich vielmehr auf die entlegenen Stationen, Alpen und Merkwürdigkeiten, welche noch nicht hinlänglich erläutert wurden, nebst einigen Gebräuchen, Sitten und Abenteuern, welche Manchen zur schätzbaren Unterhaltung dienen sollen, das Hauptaugenmerk zu richten. Wenn ich zu diesen mir ein Recht zu nehmen wagen konnte, so war es die Ueberzeugung: daß ich seit mehrjähriger Fußwanderung durch das ganze österreichische Erbkaiserthum, in so vielerlei Gegenden gekommen bin, die von einander so verschieden, so einladend oder abschreckend für den Besucher sind. Da ich nun jenen Unterschied auf dieser Exkursion ausschlüssig bemerkte, und dabei nachbenannte Gefilde wiederholt und in den verschiedensten Richtungen durchstrich; so glaube ich, wird man mir so viel Urtheilskraft zutrauen, keine falschen Ansichten oder Uebertreibungen auftischen zu wollen.

Möchte es mir doch gelingen, Nachsicht und Wohlwollen meiner geehrten Leser zu erringen, der ich mit ungekünstelter Feder Naturschönheiten zu schildern wagte, bei deren mühsamster Kopie mancher meisterhafte Pinsel nur getändelt zu haben scheinen würde! Doch das Vergnügen, mich über empfundene Wonne herzlich zu ergießen und dieselbe nach Möglichkeit zu schildern, erhob mich über das Gefühl meiner empfundenen Schwäche, und die zagende Feder siegte im Willen; wohl ihr, wenn sie am Ende nicht büßt, kühn unternommene That.

Wer also in diesen Blättern etwas Höheres, als Verkürzung etlicher Winterabende erwartet, den ersuche ich, solche lieber anfänglich bei Seite zu legen, damit er nicht in der Erwartung getäuscht, den Unwillen dem Erzähler durch Rezensionen entgelten lasse. Uebrigens, was ich geschrieben, habe ich selbst gesehen und erfahren, ohne geradezu einen _Commentar_ für meine werthen Leser entwerfen, sondern nur Skizzen schildern zu wollen, wie sie einem von romantischen Ideen begeisterten Reisenden, theils geflissentlich aufgesucht, theils von Ungefähr sich darbiethend, vorkommen. Auch strebte ich nicht, (Jahreszahlen und Daten ausgenommen, welche aus den besten Urkunden und Topographien entlehnt wurden,) mich früherer Quellen zu bedienen, mehrere Bände zu bezwecken, und interessanter scheinen zu wollen; was mir minder merkwürdig deuchte, habe ich gänzlich übergangen, und Anderem, vielleicht meinen schätzbaren Lesern Unbedeutendem, meine ganze Aufmerksamkeit geweihet.

Wohl mir, wenn ich Empfindung und reine Gefühle verrathen, und dem edlen Herzen nicht ganz unbedeutend geschienen habe.

Wien, am 30. Juli 1828.

KYSELAK.

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Abreise, Steinfeld, Bergfeste Klam, komischer Auftritt.

Es war ein herrlicher Abend am zwölften August; kein Wölkchen trübte den Horizont, nur leiser Westwind belebte die glänzenden Blätter und lüftete die verweilte Schwüle des Tages: als ich mit wonnetrunkenem Gemüthe wegen endlich befriedigter Sehnsucht, dem Wienerberge zufuhr. Ich wählte die anfängliche Wagenreise, weil Jeder der die langweilige Fläche bis Neunkirchen auch nur einmal zu Fusse überschritt, sich gewiß diese marternde Wanderung nicht zum zweitenmale wünscht. Meine Gesellschaft, ein alter Herr nebst Frau und ein Jude, hatte zu wenig Interessantes für mich, als daß ich dem freudig zu bringenden Lebewohl für Stadt und deren liebe Bewohner hätte widerstehen können. Ich stieg daher bei der Säule (Spinnerin am Kreuze) aus, und erblickte den ausgebreiteten Steinhaufen von Tausend Laternen beleuchtet, im silbernen Glanze des eben aufsteigenden Mondes. Freudig hoben meine Brust süß sich entbildende Gefühle beim Bewußtseyn, nun dem dunstigen Getümmel Wiens für längere Zeit entzogen zu seyn.

Bis ausser _Ginselsdorf_, wo wie gewöhnlich in heissen Sommerabenden rechts in dem Sumpfgraben neben dem Posthause häufige Irrlichter ihr äffendes Wesen trieben, war die Unterhaltung ziemlich einseitig; der alte Herr schlief, die Frau bethete, der Jude zitterte, unser Kutscher rauchte sein Pfeifchen, und ich schwebte in der Zukunft.

Bald passirten wir das dürre _Theresienfeld_[1], dessen langweiligen Sandboden der späteren Einwohner Fleiß und Kunst endlich zum Nutzen zwang.

[1] Dorf, wurde von der Kaiserin _Maria Theresia_ Anno 1763 auf eigene Kosten angelegt, und Tiroler-Ackerleute dahin beschieden, die Steppen urbar zu machen, welches jedoch deren Nachfolgern, pensionirten Offizieren, ebensowenig gelang.

_Neustadt’s_ wild vorbeirauschende _Fischa_[2], manchen Feinden brückenlos eine trotzige Gegnerin, und deren ehemalig strenge Thore gestatteten nun gutmüthig den Durchzug; fürchterlich rasselte der Wagen auf dem noch alten Pflaster; doch schliefen ruhig die Bürger, der Zeiten ihrer Vorfahren entwöhnt, wo manches Lärmen zur Nacht Arme und Herzen bewaffnet herbei rief. _Neustadt_, die in ihrem berühmten Leben so viel hinlänglich bekannte Merkwürdigkeiten aufzuweisen hat, wird kein Oesterreicher ungerührt verlassen. Der von hier nach Wien führende Kanal ist der vielen Krümmungen wegen noch um einige Stunden länger, als die Poststrasse. Vor dem Neunkirchnerthore und mitten am Steinfelde links an der Poststrasse, stehen zwei gleich gewölbte Säulen als Meridian Meßzeichen vom Jahre 1763, welche somit das Andenken des Jesuiten _Liesganig_ erhalten.

[2] Von den Landleuten nur gemeinhin das Neustädter-Wasser genannt, entspringt bei Grünbach und Emmerberg in Nieder-Österreich aus mehreren Quellen.

Mit leichter Mühe verdoppeln rasche Pferde die Schnelle der Fahrt von Neustadt bis Neunkirchen; kein Hügel, kein Graben zeigt sich auf dieser weiten Fläche, das Steinfeld genannt. Magere Aecker mit Korn und Heide dürftig besetzt, und Striche von Föhrenwäldern, die der betriebsame Geist hier anlegte, um die hitzigen Sandfelder wenigstens etwas zu benützen, sind nebst vielem Hochwilde die ganze Ausbeute dieser österreichischen Wüste. Im höheren Föhrenwalde hinter dem einzigen Wirthshause (Einschicht genannt), welches wie eine Eremitage an der Strasse links trauert, sahen wir immer deutlicher Wachfeuer hervorleuchten. Es war allerdings ein imposanter Anblick, mitten aus dem schwarzen Haine die hellen Opferfeuer winken zu sehen: doch wußten wir, daß es die Schweinhändler unterhielten, welche aus Ungarn über Aspang ihre Transporte nach Wien bringend, in diesen Wäldern meistens übernachten. Demohngeachtet war der Israelit einem Fieber nahe; Schreck rüttelte seine marklosen Knochen, und er betheuerte unbefragt bei allen Söhnen Abrahams, keine Baarschaft bei sich zu haben. Plötzlich schlug mein Wolfshund, der schnellfüssig vor dem Wagen lief, auf etwas im Graben gewaltig an; der Kutscher hielt, und fand dem Anzuge nach, einen betrunkenen Viehhändler, welcher flehendlichst bat, ihn gegen gute Bezahlung mit auf den Wagen zu nehmen. Mit unserer Erlaubniß hob er denselben zu sich, welcher seiner Rolle vollkommen Genüge leistete, endlich entschlief.

Ausser dem bedeutenden, vom wüthenden Schwarzaflusse[3] bespühlten Markte Neunkirchen, endigt sich die lästige Fläche; die Berge rücken zusamm, und gewähren bei Tage die interessantesten Prospekte. Belebte Wälder mit dem dreigipfeligen Geisberg, und schwarzerdige Aecker zur Linken, die pittoreske Heyssensteiner-Felsenwand mit den Gebirgen um Stüchsenstein zur Rechten, schließt der majestätische Schneeberg und seine graue Familie den Hintergrund. Groß und erhaben wie keiner, beherrscht er die Umgebung, und fesselt des Wanderers Gemüth.

[3] Die Schwarza entspringt bei Rohr in Nieder-Österreich, durchfließt dann immer neue Gießbäche aufnehmend das Höllenthal, wird daselbst durch den Naßwalderbach, der fortwährend Holz triftet, mächtig verstärkt, treibt bei Reichenau und Glocknitz eine Menge Mühlen und Hammerwerke, und verbindet sich bei Katzelsdorf mit einem Theile des Trasenbaches. Ausser Neustadt vereint sich endlich diese viel wasserreichere Schwarza mit der minder mächtigen Leitha, und ungerecht den Namen der letzteren annehmend, gränzet sie eine bedeutende Strecke hindurch, Österreich und Ungarn, und ergießt sich sodann als bedeutender Fluß bei Ungarisch-Altenburg in einen Arm der Donau. Merkwürdig ist, daß dieser Fluß, Trotz seiner bedeutenden Strecke, durchaus fischarm ist; die beständige Holzschwemme im Gebirge, bannet die sonst häufigen Forellen, und in der Fläche soll der Boden ungünstig und das Wasser verdorben seyn. Wäre dieser Fluß wegen seinen ungeheueren Verheerungen zur Zeit eines Hochgewitters, wo von den sonst trockenen Rissen des Schneeberges und dessen Umgebung Ströme herabbrausen, leider nicht allzubekannt, so dürften davon die verwüsteten Uferbeete, breiten Sandfelder und abgespühlten Ackergründe hinlängliche Bürgen seyn.

Ein Wald von Obstgärten, die süße Last kaum ertragend, führt zum thätigen Glocknitz und dessen Mühlen und Eisenhämmern; aber alles lag noch im Schlummer, und nur die glühenden Gipsöfen hauchten Feuer und Gluth; desto weniger von letzteren besitzen die rechts am Waldberge drohenden Weingärten, die hier zur Schau, aber nicht des Nutzens wegen zu frosten scheinen.

Herrlich durchblickte den lichten Morgenschleier rechts die schöne Probstei _Glocknitz_, und links das alte und gegenwärtig noch bewohnte Schloß _Wartenstein_ von seinem erhabenen Sitze die schlummernde Heerstrasse. Weit reicht seine Uebersicht durch den Waldberg um Traiskirchen hinaus, und dieß möge ihm eine sorgsame Erhaltung versichern. Wilder und verworrener wurde bald das geengte Thal, man unterschied schon in deutlichen Konturen das in Trümmern sich auflösende verhängnißvolle _Klam_ auf einer senkrechten, wunderbar drohenden Felsenwand, welcher Verwitterung und Alter weiß und braune Farben gaben.

Seit dem zwölften Jahrhunderte von mächtigen Geschlechtern bewohnt, die Vormauer Oesterreichs und Steiermarks, und allen Angriffen habsüchtiger Menschen und deren Zerstörungssucht muthig Trotz biethend, überwand es der Zorn des Himmels im Jahre 1801 durch einen zermalmenden Feuerblitz, und beugte das von Männern unbezwungene Schloß.

Wenn nur die Hälfte Begebenheiten jenes Schlosses sich bewähren, so verdient es mehr als einen Blick, mehr als blosse Bewunderung jedes biederen Herzens. Kühn ist sein Körper geformt, kühner der Bau seines Scheitels; jenen errichtete Gott, diesen die Menschen; doch wer mehr Bewunderung erzwingt, darüber verstummet mein Urtheil. Dahin ist nun sein Stolz, verschwunden seine Macht; Gram und Unglück bleichte seine Form, und sich mehrende Runzeln bezeugen das genahete Ende des Greisen. Zu spenden gewohnt, wer sich ihm vertraut, beschützt er zwar nimmer Heere von Kriegern, doch üppig nähren sich aus den Resten seines Körpers, Stärke beweisende Fichten.

Wem Zeit und Gelegenheit erlaubt, versäume ja nicht das Monument ehemaliger Baukunst zu bewundern. Ungeheuere Gewölber und Gemäuer, und ein mächtiger runder Thurm, dürften noch längere Zeit erboßten Blitz und Stürmen trotzen. Ich habe _Klam_ voriges Frühjahr untersucht, und kann ihm füglich einen der ersten Plätze unter Deutschlands schönern Ruinen einräumen. Schade, daß man sich denen in Felsen gehauenen unterirdischen Gängen, welche von der Strasse zu sehen sind, nicht nahen kann. Gegenüber befindet sich ein Wartthurm, der früher dem Grabe zueilt.

Ich erlaube mir einer vaterländischen Begebenheit neuerer Zeit hier zu erwähnen. Oben, zwischen der Veste und der gegenwärtigen neuen Kirche und Schulhause, befinden sich die Ruinen des Anno 1809 verbrannten und zerstörten Pfarrhofes. Der damalige Seelsorger, ein von Patriotismus entflammter Oesterreicher, hätte bald durch seine militärische Vaterlandsliebe über die ganze Umgebung das verheerendste Unglück gebracht. Früher schon mit dreien Jägern, einem fremden Beamten und etlichen Bauern verabredet, wußte er sich mehrere Gewehre zu verschaffen, und feuerte auf die vorbeiziehenden französischen Truppen mit einigem Glücke. Doch die Feindeszahl wuchs, man erstieg und besetzte den Felsen, verbarg sich in der alten Feste, und beschoß den Pfarrhof. Der Pfarrer, welcher vielleicht Entsatz von zahlreichen Bauern hoffte, vertheilte einige seiner Patrioten im Kirchthurme, er selbst mit den andern aber verschanzte sich in Eile mit Tisch, Kästen etc. im Pfarrhofe. Nun begann von allen Seiten ein wüthendes Schiessen, wobei jedoch die Feinde öfter Allen, nur dem Pfarrer nicht, Pardon zusicherten; doch die männlichen Seelen verachteten dieß, und hielten Stand, bis der letzte Balken schon brannte. Wunderbar! gerade der Pfarrer entkam durch Rauch und Flammen, in Bauernkleidern, während ein Jäger und Bauer erschossen wurde, einer im Herabspringen den Fuß brach und verbrannte, die übrigen aber bis auf einen Bauer gefangen wurden. Weiber und Kinder retteten sich bei Zeiten in die Gebirge. Aus Gnade des damals kommandirenden Obristen verschonte man Schottwien und Glocknitz von dem schon beschlossenen Brande. Ich erkundigte mich voriges Frühjahr vergebens, wo nun der Aufenthalt des damals glücklich entronnenen und vielleicht noch lebenden energischen Geistlichen sey? -- Daß so etwas sich verdunkeln kann!

Der Markt _Schottwien_ bildet eigentlich nur eine lange Bergstrasse von einem Bache durchschnitten, ist aber wegen des nahen Semmerings, wo jeder geladene Wagen Vorspann benöthiget, sehr einträglich. Die Einwohner sind gutmüthig, und in ihrer Tracht und Handlungsweise schon ganze Steierer! Ober dem Markte auf einer schönen Wiesenhöhe steht der Gnadenort _Maria Schutz_.

Als wir ausser Schottwien mit Tagesanbruch uns befanden, erwachte plötzlich der am Bocke taumelnde Schlauch, rieb sich die Augen, sah in der Runde umher, und griff, kein Wörtchen sprechend, nach seiner um den Leib geflochtenen Riempeitsche; maß unserem Kutscher etwelche herab, ohne daß wir den Hergang enträthselten. Wart Spitzbube, stotterte er, ich will dich lehren ehrliche Leute zum Narren haben; will ich doch gerade nach Wien, und der Schurke führt mich nach Steiermark! Ich konnte mich des lauten Lachens nicht enthalten, weil ich wie Jeder sicher vermeinte, er wisse doch wenigstens die Strasse, und gehöre wirklich dahin. Indeß hatte sich der Kutscher von seinem ersten Schrecken erhohlt, packte den Händler mit Muth, und gab ihm jeden Streich mit Zinsen zurück; der Takt währte fort bis ich und mehrere herbei gekommene Leute Ruhe gebothen, und wir dann ohne weiteres Hinderniß, mit der durch den Kutscher erbeuteten parforce Peitsche, dem Semmering zufuhren.

Übern Semmering nach Steiermark.

Langsam winden sich die Wägen zur Höhe; wer nicht allzubequem ist, verläßt vor dem Mauthhause die Strasse, und geht vom Staube befreit, rechts über duftende Wiesen einen zwar steilen aber näher zum Bergbrunnen führenden Gangsteig. Hier erwartet man gewöhnlich den Wagen, indeß die kristallene Quelle für die Bemühung Ersatz biethet. Ein schwerer breiträdiger Güterwagen mit 160 Zentner Ladung, wälzte sich herauf durch die gesammte Kraft von 16 Pferden[4], welche trotz ihrer Anzahl jeden Augenblick der drückendsten Last nachgeben mußten; die Kiessteine vom Rade berührt, zersplitterten zu Mehl. Ich verfolgte die Höhe bis zum Gränzzeichen auf dem höchsten Punkte der Poststrasse. So freundlich deuchte mir dießmal dieser herrliche Waldberg von hochgestiegener Sonne vergoldet, im Vergleiche mit dessen vorigjähriger Bereisung im April. Bunte, in die Höhe sich ziehende Wiesen, schieden nun das hundertfache Grün der üppig sich umarmenden Buchen, Rusten und Ahorn, und jenes der ernsthaften Tannen und Fichten; indeß dazumal nur Schneefelder und schwarzgrüne hervorragende Föhrenspitzen, zur Trauer und Melancholie stimmten. Der melodische Gesang zahlreicher Vögel, die sich von ihrer schönen Wohnung durch die belebte Heerstrasse nicht bannen liessen, und das herrliche Echo, welches ich durch einen Schuß bewirkte, hätte bei mir das Bild eines glücklichen Wahnes vollendet: wäre nicht eben ein Transport gefesselter Räuber und Deserteurs durch zahlreiche Soldaten escortirt, herabgekommen; dieß erinnerte mich wieder, daß ich doch nur in der für Viele verhängnißvollen Welt mich befände. In einer finsteren Schlucht, wo die Strasse etwas eben fortläuft, stürzt der Waldbach über Felsen und abgerissene Bäume ungezügelt herab; tiefer Abgrund verschlingt den allzustürmischen, eine kühne Bogenbrücke, als hätten deren Quadern die Römer gelegt, überspannt dieses Hinderniß der Reisenden.

[4] Auf den Semmering wird bei guter Witterung eine gleiche Anzahl Vorspannpferde genommen, als die gewöhnliche Bespannung ausmacht; das Paar kostete Anno 1825 3 fl. 36 kr. W. W. bis zur Berghöhe. Die Erlaubniß, mit breiten Rädern Lasten nach Wunsch zu laden, und dabei die Hälfte Wegmauth zu bezahlen, verbessert zusehends die Hauptstrassen.

Bald kommt man zum Monument Kaiser Karl des VI., welcher diese Bergstrasse Anno 1728 zu seinem ewigen Ruhme anlegte; es ist zugleich das Gränzzeichen, kollossal aus Stein ausgeführt, mit allen Innschriften der damaligen hohen Baudirektoren etc. In einer hölzernen Hütte gegenüber können Fuhrleute die dursterzeugende Bergstrapatze bei Bier und Brandwein vergessen. Die Aussicht ist der vielen Berge wegen beschränkt.

Nun eilt man mit zwei gesperrten Rädern zum freundlichen Dörfchen _Spital_ am Fusse des Semmerings, welches seinen Namen und Entstehung dem hier für die Wallfahrter nach Palästina von Ottokar den II. errichteten Spitale (Gasthause) verdankt. Dampfende Meiler und schwerer Hämmer schmetternde Töne wecken zum dürftigen Leben; schon herrscht steierischer Häuserbau; aus kleinen Fenstern der ganz hölzernen Wände betrachten neugierige Köpfe mit breitkrämpigen grünen Hüten geschmückt, die vorbeieilenden Wägen. Mädchen in verunstaltenden kurzen Leibestrachten, bringen schwere Lasten Futtergras auf dem Kopfe zur Heimath.

Rasch gings nun nach _Mürzzuschlag_, wo wir die Bespannung wechselten. Kirschen von schönster Gattung waren hier, wie bei Wien im Juny um Kleinigkeiten feil. Das

Mirza Thal

welches nun bis Bruck in einer Länge von 6 Meilen sich ausdehnt, wollte ich, wie selbes auch wirklich jeden Fremdling zum erstenmale anzieht, prachtvoll ja bezaubernd nennen; es gleicht einem englischen Garten, worin öfter wie zum Vergnügen, Hüttchen angebracht sind, die theils von Hügeln, theils durch Gebüsche versteckt, den Wanderer mit ihren halben Gestalten nur freundlich necken; jedoch ist diese gleichförmige lange Neckerei am Ende ermüdend, und überhaupt die Abwechslung der Gegenstände zu weich, zu wenig grotesk. Einige schärfere Krümmungen der Mirza, und die drei alten Ritterburgen, geben zwar etwas ernsthaftere Parthien; man vermißt aber die kahlen Felsen, welche sonst solchen Trümmern der Vorzeit gehörige Bewunderung erwerben. Wenn auch sanfte Lüfte den Duft der Wiesenkräuter wecken, und die mit bunten Gesträuche umflochtene Mirza aus ihren silbernen Wellen Kühlung haucht: so freut man sich dennoch zu Bruck, das heroische Murthal zu schauen. Uebrigens gedeiht hier die veredelste Art Hornvieh, besonders Kühe, deren gleichen ich später kaum in Tirol, und da nur im Zillerthale gefunden.

Die erste der vorbenannten drei Burgruinen ist

Hohenwang;

links auf einer erhabenen Berghöhe von einem jungen Walde umsäumt, trauert das mürbe Skelet wegen der Strenge des letzten Jahrhunderts, das ihm so rachsüchtig Vernichtung und Vergessenheit bereitet. Stolz entwand es sich der grauen Vorzeit, wo man Gestalten wie Hohenwang zu schätzen wußte. Die Ritter von _Gallenberg_, von _Schärfenberg_ und _Auffensteiner_, Namen -- durch Geschichte und Thaten berühmt, ruhmkrönten diesen Stammsitz, der ihnen dankbar Sicherheit both zu heilen die Wunden! Lange ruhen diese Familien jeder Verstümmelung enthoben, indessen du nun ihr treuer Beschützer in deinen Narben zerfällst!

Vor zwei Jahren bestieg ich die Trümmer welche gutmüthig den letzten Reichthum -- eine herrliche Uebersicht schenken. Der Thurm ist zerfallen, die Gemäuer wüste, nur ein unterirdischer Gang mehrere Klafter fortleitend, verspricht noch Schutz wider Regen und Schnee; allein eine Kolonie eckelhafter Bewohner der Finsterniß darin, wären zu abschreckend dem genügsamsten Menschen!

Ein Bauer welcher nächst der Ruine einen Baum fällte, zeigte mir eine Vertiefung vor dem Schloßgraben; dieß sagte er sey das Türkenloch, wo im Jahre 1683 die haidnischen Leichname hineingeworfen wurden, welche in der neuntagigen vergeblichen Bestürmung der Veste ihren Tod gefunden hätten. Es wäre ein tiefer Abgrund gewesen, der sich mit der Menge Leiber ebnete, und erst später nach deren Verwesung wieder etwas höhlte. Wenn auch die Anzahl der Todten übertrieben ist, so erregt doch so ein alter Krüppel, welcher in seiner Mannheit einem ganzen Geschwader wüthender Muselmänner widerstanden, doppelt wehmüthiges Mitleiden.

Bald darauf gelangt man beim Dorfe Wartberg zum Schlosse

Lichteneck;

kleiner an Umfang und minder erhalten als das vorige, verbirgt es seine Wenigkeit rechts auf mässiger Höhe im dienstfertigen Walddunkel. Statt der vertilgten Zugbrücke hat der rastlose Mensch, überall Nutzen suchend, einen Bretersteg in den Schloßhof geleitet, um die brauchbaren Bausteine vom Denkmale der einstigen Kraft und männlichen Entschlossenheit zu engbeschrenkten gemeinen Häusern in demüthiger Ebene zu benützen. -- Der Römer Geist lebte in römischen Gebäuden, sie blieben groß selbst noch im Sinken, so lange sie muthbewußt an grosse Werke sich wagten!

Die Gewölber sind verschüttet, die Stufen zum lockeren Thurme weggeräumt, aber eine Altane erhielt sich noch auf der Hauptmauer im Burghofe, einige Schwalben sahen dazumal recht naiv herab! An die Ringmauer des Schlosses lehnt sich eine hölzerne Hütte; ein armer Mann vom Tagewerk lebend, und seine treue Lebensgefährtin eine muntere Ziege, waren ihre Bewohner und ganze Besatzung des Schlosses. Der Markt

Kindberg

den man bald darauf erreicht, ist groß und mit artigen Gebäuden besetzt, eine Menge Wirthshäuser, Metzger und Bäcker locken den Hunger und Durst. Ueberdieß gibt es noch durchaus an der Poststrasse von Spital bis Grätz eine grosse Menge hölzerner Hütten (Kaischen genannt) Wirthshäuser vorstellend, worin man aber selten etwas Besseres als sauren Wein, Bier, Gurkensallat, Käs und Brandwein antrifft, welche wohlfeile Erquickung aber von den zahlreichen Fuhrleuten nicht verschmäht wird.

Ausser Kindberg vergrössern sich die Scenen; die kleine forellenreiche Mirza hat sich bereits zum reissenden Waldflusse entwickelt; häufiger tönen schwarz umwölkte Eisenhämmer, Feuersäulen aushauchend; die früher hundertfältigen Hügel hervor und wieder zurück tretender Wiesen, Aecker und Wäldchen, deren buntes Grün dem Auge sanft schmeichelte, huldigen nunmehr den stolzer sie überblickenden Waldbergen, die im inneren Kampfe erhitzt mit Rauch und Flammen um sich speien. Leider betrüben solche Waldbrände Jeden nur den Besitzer nicht, welcher sie fleißig unterhält, um ein oder zwei Jahre etwas Korn zu ernten, und dann wenn Asche und besseres Erdreich von Regengüssen abgespühlt wurde, die Berge auf immer verwüstet zu lassen. Diese traurige Gewohnheit sich augenblicklichen Nutzen zu verschaffen, ohne des sicheren Nachtheils der Nachkommen zu gedenken, wird nicht gehoben werden, so lange man in holzreichen Gegenden die Meinung behauptet: Wälder wären dem Eigenthümer nur zum Schaden, da er ohne einigen Ertrag für sie noch Steuern bezahlen müsse. Zufrieden, überall im Hochwalde die Klafter Stammholz um 20 kr. W. W. zu bekommen, (wofür aber das Hacker- und Fuhrlohn bis Bruck auf 6 fl. W. W. sich belaufen soll) brennt also Jeder seine Wälder nach Wunsche und Gutbefinden. Wohl wenn nicht hier wie in mehreren Gebirgsgegenden bald bitterer Holzmangel die Strafruthe schwingt.

Schnellen Laufes ereilten wir

Kapfenberg,

da aber zwangen mich doppelte Beweggründe der ferneren Wagenreise zu entsagen, um so mehr, da ich von Bruck zu Wasser nach Grätz zu kommen wußte. Erstlich hatten die riesenhaften Ruinen der alten noch nicht durchsuchten Veste zu viel Reitz für mich, um deren Besichtigung abermal aufzugeben, und zweitens konnte mein armer Hund, welcher im ununterbrochenen Laufe dem Wagen folgte, vor Anstrengung in der betäubenden Schwüle des erhitzten Thales seine Ermattung nicht mehr besiegen. Ich schied daher von den Reisekonsorten ohne besonderen Schmerz, nahm meine Reiserequisiten in einer Jagdtasche befindlich, nebst dem doppelläufigen Gewehr auf den Rücken, und wanderte im schwarzen Dunkel dicht gedrängter Föhren und Tannen den ziemlich erhaltenen steilen Schloßpfad zur Ruine hinan.