Chapter 4 of 13 · 3974 words · ~20 min read

Part 4

Eine Strecke noch dauert der Wald, dann treten ergibige Kornfelder hervor; malerisch erhebt sich über deren grüner wie sanfte Meereswogen schaukelnder Fläche, nach fünf Viertel Stunden das Dörfchen _Lanach_, gleich einem im gesegneten Ocean schwimmenden Schiffchen. Der Baron _Mandl_ hat in seinem schönen Schlosse daselbst genug Gelegenheit, den Zauber seines Besitzes zu übersehen.

Die Gegend gewinnt an Wärme -- abwechselnde Hügel und Berge machen die Wanderung noch heisser. Die Oertchen Heuholz, Teipl und Roßegg, aus wenigen Hütten bestehend, würde ich kaum nennen, wenn nicht ihre Lage sie zu Ehren brächte; Weinranken umwinden die Häuser, deren Most[11] zwar nicht unter den guten zu rechnen ist, aber demohngeachtet den ländlichen Schmuck vervielfacht.

[11] Sogenannter Schilcherwein, von blaß rother Farbe, läßt sich ein, kaum zwei Jahre erhalten, und wächst in der Umgebung bis Kreuzegg; die Maß kostete 1825 12 kr. W. W.

Beim Dörfchen Pichlin sah ich die ersten Maisfelder (Türkenwaiz), welche mit Kürbissen begränzt, nun wenig unterbrochen bis Völkermarkt fortwährend, und Menschen und Vieh die genügendste Nahrung sichern. Der Markt

Stainz,

dessen gleichnamiger Bach einige Müller und Lederer beschäftigt, besitzt rechts auf einer Anhöhe ein nun aufgehobenes ehemaliges Augustiner-Chorherrnstift, dem ein infulirter Probst vorstand, und das nun als Kaserne zum Theile benützt wird; _Leutold_ von _Wildon_ hat es 1229 gestiftet, Kaiser _Joseph_ 1785 aufgelöst. Mehrere wohlhabende Fleischer sind hier zugleich Viehhändler und Gastwirthe; einer von ihnen erzählte mir, während ich mich etwas restaurirte, wunderliche Geniestreiche von den berüchtigten Gaunern (sogenannten Stratafiseln) welche die friedlichen Gebirgsdörfer mit ihren Besuchen seit einiger Zeit erschrecken, und obgleich schon mehrere von jenen eingefangen wurden, noch immer diesem Bezirke gewogen bleiben[12]. Ich konnte dem Erzähler etwas Glauben beimessen, weil ich vor einigen Tagen zu Grätz zwei dieser Schurken durch den Strang hinrichten sah; allein, mir deßhalb nach seinem Anrathen einen tüchtigen Führer mitzunehmen, schien, wenn nicht lächerlich, doch ganz unnöthig.

[12] Den lobenswerthen polizeilichen Vorkehrungen der Regierung ist es nunmehr gelungen, jene Unholde in der Wurzel auszurotten.

Ich verließ nun, ohne die gutmüthige Warnung ganz zu vergessen, die Fahrtstrasse; ein schlechter Feldweg über eine Sumpfwiese führte mich in drei Viertel Stunden zu einigen Häusern des weiten Bergthales, _Graschuch_ genannt, und dann neben Mais- und Kürbisfeldern bald nach

Laßelsdorf,

einer aus 29 Häuschen bestehenden Gemeinde. Die Gegend war eben nicht schön, aber milde zu nennen; frischgrüne Hügel trugen auf ihrem lockeren Rücken Befriedigung der Sorgen vor quälenden Winter; ein Bach, unschädlich den Ufern und strotzenden Saaten, schleicht unter Schilfrohr und Weidenbäumen ruhig dahin; glänzend spielt hie und da bei Tage eine breitere Fläche desselben, doch kein Murmeln verräth ihn, sobald sich die Sonne ins Meer getaucht; einzelne Linden und Ahorn locken den Wanderer in ihren wohlthuenden Schatten, ohne ihm dafür die Irrwege eines Forstes zu bereiten; die Häuschen schon ganz aus Holz gebaut, zeigen deutlich, wie geringer Besitz zum stillen Glücke hinreiche.

Außer Lasselsdorf beginnt der Wald, bejahrt und düster wie des Menschen gewöhnliches Ende; ein tiefer Hohlweg macht den Anfang -- so tritt man ungewiß ins Leben. Bald theilt sich der Pfad, ich wählte den verläßlichsten links, benöthigte aber anderthalb Stunden, bis ich dem Dunkel mich entwunden wieder das Freie erblickte. Schon sah ich einzelne Hütten im Thale glänzen, und hörte das Rasseln eines bergab holpernden Karrens; wohlgemuth wollte ich mir im Gebüsche ein Stündchen Ruhe gönnen; doch kaum etwas eingeschlummert, als mich das Gebell meines Hundes erweckte. Mit lästigen Gedanken schwanger, glaubte ich beim Anblick dreier mit derben Knitteln bewaffneter Bauern nichts sicherer, als einige der ungebethenen Gesellschafter zu erblicken; schnell aufspringend fragte ich nach ihrem Begehren; sie aber schenkten mir kein Gehör, traten zurück, und pfiffen, daß mir der Schall durch Mark und Blut wirbelte. Ich wollte mich aus dem Staube machen, nun kamen aber noch drei und verwehrten mir die Passage; diese Anzahl schien zwar für gewöhnliche Schelmen zu viel, demohngeachtet konnte ich aber noch immer nichts Gutes vermuthen, weil sie mir befehlend zuriefen, mich und die Büchse zu übergeben, und dabei meinen treuen Hund, der indessen einen tüchtig zu Boden warf, so in die Enge brachten, daß ich für sein Leben fürchtete. Die aufgehobenen Stöcke, die nun auf mich blitzten, zwangen mich zu der drohenden Betheuerung: daß ich denjenigen augenblicklich niederschiessen würde, welcher sich eine Gewaltthat gegen mich erlaube; dagegen wolle ich wissen, wer sie wären, und was sie mich so anzufallen berechtige? Der ernste Ton, ein Holzstoß der mir den Rücken deckte, und _Duna_ zum neuen Angriffe bereitwillig, brachte die Tölpel zur Sprache: Sie seyen, antworteten sie, von der Gemeinde zur Aufbringung verdächtiger Leute in der Umgebung beauftragt, und ich müsse ohne Wiederrede meinen Paß ihnen vorweisen. Unter anderen Umständen hätte mich, der ich erst heute von Grätz abging, und weder in Kleidung noch Gewerbe einem gefährlichen Menschen ähnlich sah, solch ein Argwohn nicht wenig erbittert; nun aber belächelte ich dieses Mißverständniß, und froh, durch Willfahrung allen nachtheiligen Streit zu heben, übergab ich das Verlangte. Zum Glücke erkannte einer dieser Knittelritter Unterschrift und Siegel der Grätzer-Polizeibehörde, und erlaubte deßhalb, nachdem er mich noch mit einigen langen und breiten Blicken seiner Einsicht begnädigte, meine Reise ungehindert fortzusetzen. Die Ermahnung »mir ja keinen fremden Menschen zum Begleiter anschließen zu lassen« schien er als wohlthätiges Salz über das unzuverdauende Frühstück, welches mir zugedacht war, gratis zu ertheilen.

Zufrieden, dieser lästigen _Sauvegarde_ enthoben zu seyn, wanderte ich nach

Kleinstätten (oder St. Michael).

Bei diesem Dorfe hielt ich das neue Schloß mit seinen vier Thürmen nicht der Besichtigung werth; ebenso wenig Reitz hatten die Gemeinden Groschach, eine halbe Stunde davon Katzelsdorf, dann über einer Berghöhe Wies; schlechter Feldbau, Waldverwüstung und unbeträchtliche Viehzucht geben kein gutes Vorurtheil von den Besitzern. Die Gemeinden Pölsing, Brunn, Jägernegg, im Marburger-Kreise liegend, gehören zur Herrschaft Purgstall, und sind etwas mehr gepflegt.

Zu Altenmarkt, einer kleinen Gemeinde auf einem Waldhügel zerstreut, überraschte mich der Schall mehrerer musikalischer Instrumente, deren wohlklingende Töne mehr als gewöhnliche Dorfstümpler verriethen. Meine Vermuthung ward realisirt, als ich bei einer hölzernen Weinkeusche neun böhmische Musikanten erblickte, die auf ihrer Brotreise nach Triest um mäßige Nahrung zu musiziren pflegen, und hier eben von einem Kornhändler aufgefordert, desto williger Folge leisteten. Der nahende Abend, die abgeschiedene Gegend, das sanft verhallende Echo in den sich kreuzenden Thälern, endlich die wohlgewählten Musikstücke, erweckten einen so süßen Zauber, den kaum der Genuß des saueren Weines und zähen Bockfleisches etwas mässigte.

Zu Eiberswald, einem ansehnlichen Markte mit vielen Wirthshäusern, beschloß ich meinen heutigen Marsch.

Von Eiberswald leitete mich folgenden Morgens ein schlechter Fahrtweg zum

Radelberge.

Eine dreifache Bespannung konnte daselbst einen Weinwagen nicht zur Höhe befördern; Geschrei und Hiebe der Kutscher bezweckten nichts bei den armen Thieren. Ich verwünschte die Nachlässigkeit, welche auf Nebenstrassen meistentheils die Gebirgswege ganz verwahrlosen läßt, die doch um so mehr Pflege bedürfen, je mehr sie Gewitter und Radschuhe zernagen. Ein egoistischer Fußgeher darf sich zwar weniger darüber beklagen, da der untere Theil des Berges von schönen Buchen beschattet, ebenso leicht zurückzulegen ist, als den oberen ein angenehmer Fußsteig erträglicher macht. Auf dem Gipfel des Berges steht ein hölzernes Bauernhaus, worin man sich, wem das Quellwasser an der Straße nicht behagte, bei einem Glase Wein, Stück Schaffleisch und schwarzen aber gesunden Brote erquicken kann. Eine Gallerie welche aus dem Stockwerke herausführt und vom Dache zugleich bedeckt ist, gewährt die herrlichsten Uebersichten. Wälder und Berge schmücken sich im jungen Roth des heiteren Morgens; hie und da blicken Thürme und Häuschen hervor, wie einzelne Schildposten ihrer Gemeinden; links prangt auf waldiger Spitze nahe das Kirchlein St. _Johann_, ein Trost in den Stürmen des Winters, die öfter zu feindlich hier wüthen; in blauer Ferne erkennt man den Zauberkessel von Grätz, dessen Schloßberg kaum als Hügel erscheint. Ich wendete mein Fernrohr nach allen Richtungen, und immer schöner pries ich das neu gewonnene Bild; der biedere Aelpler freute sich mit, daß ich seinen Wohnsitz so schön fand, und rief die Familie herbei, damit ich derselben erlaube, durch das Zauberglas auch alles besser zu besehen; ich überließ es den Kleinen, welche es verkehrt und von beiden Seiten zugleich gebrauchten, nichts sahen, und sich höchlich freuten, daß alles so prächtig erscheine. -- Was doch der Glaube für Wunder entbildet!

Mit dem frugalen Frühstück zufrieden, verließ ich den biederen Wirth, der nie in Städten rechnen lernte, und wanderte nun Thal ab; der Wald endet bald, Wiesen und Heidekornfelder reichen sonach bis

Mährenberg

hinab. Weit dehnt sich der Markt in die Länge; die Ruinen eines Frauenklosters, dessen Thurm dem eines Ritterschlosses ähnelt, geben ihm etwas Ernstes. Mährenberg besaß einst eine alte Veste, in der Hartneid von _Mermperch_ 1199 lebte; sein Enkel _Seyfried_ stiftete 1221 das nun hier in Ruinen liegende Nonnenkloster des Dominikanerordens; dieses war 1251 vollendet, und dauerte bis 1780, wo es abbrannte, und dann nach zwei Jahren für immer aufgehoben wurde.

Drauthal.

Außer Mährenberg erblickt man die Drau, deren lichtblaue Wogen rasch wie die Wünsche des Jünglings ihrem hohen Geburtsorte[13] enteilten, um als ermüdeter Greis trübe und langsam bei Almasch in der gewaltigen Donau den eigenen Lauf zu beschliessen. -- Alles verschlingt jene Mächtige, um mit gehöriger Würde sich dem Meere zu vermählen.

[13] Tirol, bei Iniching im Pusterthale, aus zwei Seen und mehreren Bergbächen.

Rechts neben der Poststrasse, die nun von Mährenberg nach Klagenfurt führt, und durch an beiden Seiten fortwährende Heidekornfelder gewiß Jedermann langweilt, verlasse man das ermüdende Einerlei, und wandere beim Markte Hohenmauth in die Bergschlucht hinab. Ein Bach, mit der Last abgestockter Waldberge beladen, trägt daselbst mit wilden Gekrache die sich reibenden Baumstämme zu dem trotzenden Rechen. Hände und Karren sind dort geschäftig, die Hölzer aufs Trockene zu fördern; seitwärts dampfen Meiler, unergründbar durch schwärzesten Rauch, im Hintergrunde wirbeln Hämmer, und Feuersäulen steigen umwölkt zur Höhe, als hätten sich jüngstens Vulkane geöffnet!

Wer nicht schon in Vordernberg gewesen, müßte hier den Herrschersitz des Plutus und der _Cyclopen_ ahnden. Man besieht daselbst die Hammerwerke und Blahhäuser, wo in letzteren das geronnene Erz Wasser-ähnlich fließet; der vernichtende Stahl, dessen Hauch itzt schon Tod zu bereiten scheint, dem aber ausgedörrte Arbeiter Trotz biethen, und fortwährend ihre langen mit Eisen beschlagenen Stangen zur Abstreifung der Schlacken vom reineren Erze benützen, ist hinsichtlich seiner Qualität nicht von dem anerkannten Werthe, als jener der Innerberger-Hauptgewerkschaft.

Nebst dem Halurgen findet auch Botaniker und Zoologe reiche Ausbeute für sein Studium, in den Klüften der ungeheueren Wälder und Gebirge, welche sich am Feising- und Wölikbach nordöstlich ausdehnen. Weniger bei der zunehmenden Träufe dazu gestimmt, wanderte ich auf der Straße zu einem dieselbe umspannenden Thorbogen (Klausen genannt).

Kärnthen.

Dieses aus rohen Steinen längst aufgeführte Mauerwerk, bildet die Gränze Steiermarks und Kärnthens. Rechts und links erheben sich nun die Vorläufer hoher Gebirge, zwischen denen nur für die enge Fahrtstrasse und tosende Drau die Pfade hinlaufen.

Das erste Häuschen Kärnthens, nächst dem Thorbogen, macht gleich für den Fremdling den widerlichsten Eindruck. Eine arme von Schmutz und Kröpfen ganz entstellte Familie darin fleht die Vorbeireisenden um Mitleid, man fürchtet, und erblickt dann wirklich bald darauf mehrere Aehnlichkeiten, Kinder laufen herbei und suchen mit halsbrecherischen Bockssprüngen dem Wanderer Vergnügen zu gewähren und Geld abzulocken.

Am jenseitigen rechten Ufer der Drau blickt das alte Schloß Puchenstein abentheuerlich herüber. Nicht allzugroß an Umfang, konnte es doch leicht in dieser Häuser-armen Gegend Glanz und Würde verbreiten. Weder Schiffer noch Kahn konnten meinem Wunsche verhülflich seyn, das Schloß zu besichtigen.

In halber Stunde erreichte ich

Unterdrauburg.

Ein Brand hatte kürzlich mehrere Häuser vernichtet, Manches lag noch wild und wüste durcheinander und entstellte den ohnedieß unansehnlichen nur eine lange Berggasse bildenden Markt. Rechts auf glatter Felsenhöhe trauern die Trümmer der alten Veste. Ihr Umfang muß noch kleiner, als jener von Puchenstein gewesen seyn. Von dem wenigen Gemäuer hat sich noch ein viereckiger Thurm erhalten, der von Laubholz schön begrünt dasteht. Die Seitenmauern, welche bei jedem Lüftchen den Einsturz drohen, sind durch Schatzgräber so Verderben-drohend geworden, weil vor 20 Jahren ein armer Handwerksbursche, durch Geldmangel zu einem Nachtquartier in denen damals noch einigermassen Schutz gewährenden Hallen gezwungen, einen Fund von bedeutendem Werthe soll gemacht haben. Ob, wenn ja ein Bursche plötzlich zu Gelde gekommen, diese Ausbeute eben nicht List von dem vorgeblichen Finder gewesen sey, sich strenger Untersuchung zu entziehen, kann ich nicht untersuchen; genug, den Mauern ließ man es entgelten, daß sie einem Fremden so leichtfertig Schätze überließen. Das Schloß Unterdrauburg sammt dem Markte hat einstens denen berühmten Rittern von _Auffenstein_ gehört; als aber Friedrich, der letzte dieses Stammes sich wider den Landesfürsten empörte, nahm das Reich davon Besitz.

Leider mußte ich nun bei den schlüpfrigen Feldwegen, welche durch die zunehmende Nässe sich noch verschlimmerten, die lästige Fahrtstrasse fortwährend wählen. Es war auch eine der abgeschmaktesten Promenaden, im Kothe Berg auf und ab, durch einzelne Wälder, die nichts Sonderliches darbothen, immer fortzuwandern; auch kein Erholungspunkt an der links sich hinwälzenden Drau, kein Kahn darauf, kein Vogel in dem Nebel-umflorten Haine ließ reges Leben verspüren; selbst das heilige Dreifaltigkeits-Kirchlein, so passend es rechts einen Felsen krönt, konnte bei seinem düsteren Schweigen nichts weniger als Ermunterung spenden. Endlich hatte ich

Lavamünd

erreicht; ich staunte, einen Markt zu sehen, welcher jedem Städter als Exil Furcht einjagen müßte. Wenn ich ihn mit einem Dorfe um Wien vergleichen wollte, so müßte ich mich, die österreichischen Dörfer so herabsetzend für rügewürdig fühlen. So schlecht die Hülle, so die Fülle würde ich sagen, wenn man in den Gasthäusern etwas mehr als sauren Wein bekommen könnte; da man aber -- hier der Speisen vielleicht entwöhnt, gar nichts zu essen bekömmt, so läßt sich auch nichts kritisiren.

Ich versprach also meinem Magen alles Gute, betrachtete das preiswürdigste aller Thäler Kärnthens -- das angerühmte Lavantthal, welches zur Rechten auf eine Strecke von sechs Stunden Länge und zweistündiger Breite gegen Steiermark nördlich hinreicht, und wanderte getrost nach Eis, einem Dörfchen aus fünf Häuschen bestehend, wo die Posthalterin zugleich Gastwirthin ist. Hier schienen auch alle Hausbewohner jüngst im Essen überladen, eine weise Diät zu halten; oder die Millionen Fliegen bereits alles weggeschnappt zu haben. Ich sollte einen Kampf mit diesen Wolken von Ungeziefern um den Sitzplatz beginnen, wollte aber nicht einem Tirannen ähnlich Tausende meiner Bequemlichkeit wegen ermorden, sondern ging abermal friedfertig von dannen. Ich mußte also in Hoffnung eines Imbisses nun auch die dritte Post zurücklegen, jedoch auf besserem Wege. Der Regen versiegte, der festere Sandboden gewährte sicheren Tritt, und da die lästigen Hügel- und Thalwege sich etwas minderten, so schien es, als hätte mich der Hunger zu grösserer Eile gestärkt. Rechts in einer Thalschlucht birgt sich das Dorf

Ehrnegg;

ober ihm schlummert das ehemalig stolze Schloß gleiches Namens. Beide einer schönen Lage sich freuend, schienen für meinen Magen dießmal zu mager, und ich gelobte ihnen für die Zukunft mehr Zeit und Aufmerksamkeit; die Herrn von _Haunstatt_ und später die Grafen von _Dietrichstein_ sind als Besitzer dieses Gutes bekannt. Das Felsenschloß _Griffen_ nördlicher von Ehrnegg sich thürmend, verdient gewiß noch mehr Aufmerksamkeit. Ueber eine hölzerne Brücke gelangt man nunmehr nach

Völkermarkt.

Obgleich diese Stadt an Umfang und Zierde gegen ehedem soll verloren haben, so ist sie doch sehr lebhaft, reinlich und befriedigend für Lebensbedürfnisse. Ich war heute acht Meilen gewandert, es schien mir daher willkommen, in einem wohlbespannten Wagen nach Klagenfurt zu gelangen. Hätte ich Tage dahin zu verwenden gehabt, so wären mir die zahlreichen Ritterburgen, welche die Berghöhen rings im Gebirge behaupten, ein besonderer Gewinn gewesen. Ich wußte, daß einem Sterblichen nicht alles zu genießen vergönnt sey, und ließ mich getrost in dem schnell vorstrebenden Wagen auf der schlechten Strasse jämmerlich hin und her schleudern. Bemerkenswerth schien mir hier die Art, auf dem Felde Klee und Getreide zu dörren. Hohe dicke Löcher-durchstemmte Bäume werden drei bis vier Klafter von einander entfernt, perpendikulär in der Erde befestigt, und dann auf denen horizontal sie durchlaufenden dünnen Bäumchen die Ernte aufgehangen. Man nennt diese Gerüste nicht unpassend -- Harfen, und sie erreichen oft eine Höhe von sechs Klaftern, und gleichen dann so mit der Frucht beschwert, ungeheueren Rohrwänden, die der leiseste Wind umzulegen vermögend wäre. In tiefen, Ueberschwemmungen unterliegenden Gegenden, wäre mir die Mühe, seine Ernte wohl zu bewahren, einleuchtend, warum man aber diesen Gebrauch selbst in höheren Bezirken beibehielt, und so dem Winde mehr Schaden zu üben vergönnt, ist unbegreiflich.

Immer mehr treten die Berge zurück, eine weite aber nicht ganz ebene Fläche, mit Dörfern hinlänglich besäet, läßt die zahlreiche Volksmenge vermuthen, die sich in dieser Gegend nicht stiefmütterlich geneckt fühlen muß. Auch sieht man es dem Boden an, daß er mit etwas Sorgfalt mehr als dürren Hafer und Heidekorn bringe; jedoch dürften Pferd und Rindvieh, das wirklich über allen Ausdruck schlecht ist, kaum die Nähe Salzburgs und Tirols vermuthen lassen.

Im Süden jenseits der Drau, glänzten bereits die bleichen Zinken des Zugthiere-Quälers _Loibel_ mit seinen rauhen Geschwistern im röthlichten Dunkel des sinkenden Tages; Nacht lag über der tief sich hinwälzenden Drau, stille flossen die Gurg und Glan ihrer Verschwisterung zu, die früher so oft sich gesträubt, so oft andere Bahnen sich brechen wollten. Nur einzelne Flammen, bedeutungsvoll dem Fremdling, stiegen vereinzelt hie und da über ein Häuschen empor, und erleuchteten bisweilen die Umgebung. Es waren die Feuerbrände zu Bereitung des

Steinbieres,

des elendesten Getränkes, welches je auf der Welt gekünstelt werden kann. Nur Menschen, welche nie etwas besseres getrunken, und das in der That äusserst schlechte Wasser[14] nicht immer geniessen wollen, können es für etwas Besseres halten. Die Bereitung desselben geschieht folgendermassen. Auf grosse angezündete Holzhaufen werden was immer für Steine zum Glühen geworfen. In einer hölzernen Bodung darneben macht man Wasseraufguß über Gerste, mitunter auch Weizen, etwas Wachholderbeere, gewisse Kräuter und dgl., jedoch ohne Hopfen; wirft dann die glühenden Steine hinein, nimmt sie erkaltet heraus, um sie wieder wie zuvor zu gebrauchen, bis endlich das Wasser in Sud kommt, und Bier spottweise heißt. Dieses wird dann am zweiten Tage darauf getrunken, ohne geklärt zu seyn, noch je rein zu werden. Geruch von Rauch, Lehm oder sonstigen Süssigkeiten, ist immer die Zugabe jenes ekelhaften Getränkes, welches der Wirth selbst nie wagt seinen Gästen in einem Glase, sondern in eigenen dazu bestimmten schwarzen Krügen aufzusetzen. Die Maß solch edlen Getränkes, zum Essen und Trinken gleich ausgibig, das jeder Bauer terminweise zu brauen berechtiget ist, kostet vier Kreuzer W. W. und droht dem durstigen Wanderer auf eine Strecke von vier Meilen um Klagenfurt. Zum Glücke bekommt man hie und da, besonders in der Hauptstadt, auch Kesselbier, jedoch ist es entweder wegen Wasser oder Unkenntniß im Brauen von keinem besonderen Belange. Noch muß ich bemerken, daß ich zu Klagenfurt einige übrigens gebildete Männer traf, welche das Steinbier eben wegen dessen Widerwärtigkeit gewissermassen als Medizin seit Jahren tranken, und sich dabei wohl zu befinden versicherten. Ich gönnte ihnen gerne diese freiwillige Abtödtung alles guten Geschmackes, ohne je mir oder Anderen bei Krankheiten eine solche Kurart zu wünschen. In

Klagenfurt

gibt es so viele und gute Wirthshäuser, daß man einer Erholung in jedem derselben gewiß seyn kann.

[14] Es dürfte auffallen, wie im Gebirgslande, das sonst so hoch gepriesene Kristallgetränk hier als matt und trübe getadelt werde. Es ist aber dennoch so, die Gebirge sind zu weit, der Lauf der wenigen Bäche zu träge, die Beete zu schlammig und der Sonne zu viel ausgesetzt; nur die Stadt erfreut sich einiger ordentlicher Wasserleitungen.

Da die Stadt durch breite Gässen eine große Ausdehnung, aber kaum 10,000 Einwohner hat, so ist die Menschenleere auffallend; die meistens zwei Stock hohen Häuser mit ihren Schindeldächern biethen keine Merkwürdigkeiten dar; eben so wenig erfreuen die 1809 von den Franzosen gesprengten Stadtmauern, zwischen denen nur einzelne Kohlbeete grünen. Klagenfurt war nie eine Festung; dennoch mußte sogar das durch kleine Wohnungen itzt verunstaltete Thor des Fürstenplatzes, von dem verewigten Naturfreunde und Erzbischofe Fürst _Salm_ um eine beträchtliche Summe denen feindlichen Maulwürfen abgekauft werden. Nebst dem mit einem marmornen Obeliske, der Residenz gegenüber, gezierten Fürstenplatz, besteht noch der Florian-, Benediktiner-, alte und neue Platz; dieser ist der größte von allen, besitzt in der Mitte ein Bassin mit einem riesigen Lindwurme, der aber von Unkunst und Verwitterung entstellt, eigentlich gar Niemanden ähnelt; nebenan ist die aufgestellte Büste der Kaiserin Maria Theresia, von Blei, ebenfalls ohne besondere Vorzüge.

Da man keine guten Steine zur Pflasterung herbeischaffen konnte, so war man klug genug, dieselben größtentheils ganz zu entbehren.

Der Charakter der Einwohner erweckt den Wunsch des Fremden, wenn auch nicht der Stadt, doch der Bewohner sich länger zu freuen. Mitten durch die Stadt fließt das Bächelchen Glan, es ist zu unbeträchtlich, um einen anderen Nutzen, als den der Reinigung zu bezwecken.

Die Uebersicht ausgenommen, welche sich vom Stadtpfarrthurme darbiethet, ist sonst Klagenfurt nichts weniger als interessant; in der Mitte einer weiten Fläche braucht man Stunden, um sich im waldigen Grün, oder mit klassischen Resten der Vorzeit, die verschwenderisch die Runde füllen, zu ergetzen. Die einzigen nahen Spaziergänge sind an den Ufern des nicht preiswürdigen Sees, der noch überdieß für Klagenfurt in Sanitäts-Hinsicht schädlich ist, weil besonders im Herbste die über dem grossen Gewässer sich sammelnden Dünste, öfter bis Mittag die Stadt verfinstern und die Luft verderben; die zweite Promenade nach dem eine halbe Stunde entlegenen Parke zu

Ebenthal

dürfte angenehmer, allein zu oft wiederholt noch dürftiger scheinen. Hier ist der Sammelplatz der Honoratioren, die auf der prächtigen Fahrtstrasse im Schatten hundertjähriger Lindenbäume auf Wägen dahinrollen. Der großherzige Besitzer Graf von _Goes_ überläßt den Park zum Genusse dem Publikum. Er besteht aus einem Obst-, Zier- und Küchengarten, und mag wohl in der Umgebung der schönste seyn, allein darum doch nicht lobenswerth. In Mitte sich kreuzender Alleen steht das marmorne Monument, welches der dankbare Sohn seinem verblichenen Vater 1801 setzen ließ, es ist der bestgewählte Punct des Parks.

Die drei Viertel Stunden von hier, östlich auf einem steilen Felsen durcheinander geworfenen Trümmer der uralten

Veste Gurnitz,

deren Fall die Türken 1473 bezweckten, sind kaum der Besichtigung werth. -- Bald wird von dem stolzen Familienschlosse der ruhmvollen Ritter von _Auffenstein_, deren letzter _Friedrich_, mit Ende des vierzehnten Jahrhunderts, erniedrigend seinen Stamm, als Empörer im Kerker verblich, alle Spur gewichen seyn, indeß ihre Thaten ewig der Nachwelt fortblühen! Vom Schlosse sieht man die Glan und Glanfurt, nachdem sie gutmüthig die Heimath bewässert, zum weiteren Laufe sich einen, bis sie die Gurk, und diese die habsüchtige Drau verschlingt.

Von den Lobpreisungen der sechs Stunden von Klagenfurt entfernten

Veste Osterwitz

eingenommen, beschloß ich einer dahin fahrenden Gesellschaft mich anzuschliessen. Auf einem herrlichen Wege des Zollfeldes, beiderseits mit den schönsten Konturen begränzt, die zu schnell dem brausenden Wagen entflohen, erholten wir eine große Menschenmasse, die nach der rechts von malerischer Berghöhe winkenden Gnadenkirche _Maria Saal_ wallfahrteten. -- _St. Veith_, die alte Hauptstadt _Carniens_, blickte düster uns entgegen; schwarz wie die Häuser, umschleiert die Vergangenheit deren Schicksale. Burgen, Wartthürme und alte Denkmähler -- des Faustrechts sattsame Zeugen, bereiten den Pilger vor, das Antlitz der keuschen unbesiegten Jungfrau zu schauen. Rechts bog sich der Weg von der Hauptstrasse, mannhafte Vesten erheben das Haupt, kommenden _Säculen_ trotzend, sie überblickte mit höhnender Miene das erprobte _Osterwitz_. Ueber bewaldeter Höhe gelangten wir zu Fuße nach _St. Sebastian_, einem Dörfchen, dessen paradisische Lage sanfte Ruhe erhöht; vor Jahren soll der hiesige Kirchenpatron der Pestverhüthung wegen viele Wallfahrter zugezogen haben. Nicht achtet man des friedfertigen, sich mit des Herrschers Namen freuenden Dörfchens Neuosterwitz, das demüthig den Wanderer einen Blick der Huld durch sein reines Antlitz abzulocken strebt. Jedoch kein Ausdruck kann schildern, welche Ueberraschung _Hochosterwitz_ jedem Fremden abzwingt, auch bin ich zu weit entfernt, die Vorzüge der allbekanntesten und bestens erhaltenen Veste, die zu oft trefflich geschildert wurden, entweder nachzukauen, oder matter darzustellen. Bekannt ist, daß der kegelförmige, theilweis überhangende Schloßfelsen, welcher kahl nur am Fusse mit Nadelholz bewurzelt ist, 800′ mißt, daß man auf dem schneckenförmigen den Felsen umwindenden Fahrtwege zum Schloß hinauf, 14 Wachthäuser und Thürme, die in der Vorzeit eben so viele Schlösser bildeten, und drei Brücken über tiefe Klüfte überschreiten muß; daß die Veste, obgleich ein halbes Jahrtausend überlebend, noch immer rüstig der Zeiten Schläge erträgt, und nun der meisten Waffen gegen Feinde entblößt, doch nimmer dem Feinde erlag. Von den zwei oben Wasser sammelnden Zisternen ist eine zur Dunggrube verwendet, doch erhält der 50 Klafter in Felsen gehauene Brunnen rühmlichst seinen vorigen Werth. Die Kapelle, viele Wohn- und Waffenzimmer, Prunksäle und sämmtliche Gemächer werden als fideicommis-Gut von der gräflichen Familie _Khevenhüller-Metsch_ ziemlich gut erhalten.