Chapter 5 of 13 · 3987 words · ~20 min read

Part 5

Stunden kann man verwenden mit Untersuchung der Schwerter, Schilde, Sturmhauben, Streitkolben etc., deren hinlängliche Anzahl sich wohl geordnet präsentirt; wenn man diese schweren Waffen ihrer einst rüstigen Führer schwingt, durchglüht stolzes Gefühl für die Vorzeit den Mann, der damals kraftvoll auch wußte, daß er zu wirken vermöge, ohne durch einen entnervten Weichling kaum des Blickes werth, Tod durch verrätherisches Pulver zu besorgen.

Die unterirdischen Gänge, Keller und Kerker, die bis über die Hälfte des Felsens hinabreichen, jedoch hie und da vermauert sind, wurden mehrentheils in Felsen gehauen, und gewähren im Sommer eine besondere Kühlung, mögen aber einstens manchen armen Gefangenen Schweißtropfen erpreßt haben. So sind jedem Jahrhunderte traurige Stürme beschieden, vor deren Spuren die Nachwelt erbleicht.

Von der Aussicht, welche stolz die Umgebung beherrscht, liessen sich Bogen anfüllen, wenn Wortkram Werth hätte; doch vergißt man nicht leicht, wie nördlich das gleichfalls erhaltene Schloß _Mannsberg_[15] vom bewaldeten Berge stolzen Willkomm entbiethet; wie an den Ufern der Gurk im Norden und Süden, und westlich gegen _St. Veit_ von höheren Bergen umringt, Vesten den Feinden zu schwach, ihre mißhandelten Mauern enthüllten; wie südlich über Gebirge, Klagenfurts spitziger Thurm neckend die Hauptstadt verrathet; östlich küsset die Gurk für tapferen Schutz stiller Dörfer, dankbar des Felsens Fuß. Die Bewohner des Dörfchens _St. Martin_, an _Osterwitzens_ Glocke gewohnt, erkennen die Töne genau, die ihnen Arbeit des Tages und Heimkehr zum Imbiß verkünden.

[15] War bis zum Jahre 1628 ebenfalls ein Eigenthum des Freiherrn von Khevenhüller’schen Hauses, wurde aber damals von _Sigmund_ dem Domkapitel zu Gurk verkauft, welches bis jetzt Mannsberg besitzet.

Hat man die Nähe durchirrt, und sucht dann der Ferne Ziel, so endigt es, wie der schmeichelhafte Wunsch des Menschen, groß und ausgezeichnet. Westlich erheben die Villacher-Alpen ihre 1000 Klafter hohen Häupter, im Süden die 20 Meilen fortlaufenden _Caravancas_, welche mit ihren befrosteten Himmelsspitzen Kärnthen und Illirien unabänderlich trennen; im Norden über die mit heldigem Blute der Deutschen ruhmgekrönten Felder[16] hinaus, blicken Steiermarks Alpen herüber, und gönnen kaum etwas im Westen -- auf ebneren Wegen die Feinde des Landes schneller zu bannen!

[16] Zoll- und Krapffeld, welche sich von Klagenfurt über _St_. _Veit_ gegen _Althofen_ ausbreiten, waren seit undenklichen Zeiten immer die Schlachtbänke der kärnthnerischen Kriege. Gegenwärtig, wo jeder Fleiß sich des Besitzes freuen kann, sind es wogende Aecker und Wiesen, die um den Vorzug dort sich streiten. Am Zollfelde geschah auch die Huldigung der alten Herzoge von Kärnthen. Auf einem noch vorfindigen grossen Steine (Herzogsstuhl genannt) sitzend, wurden sie nach einigen Ceremonien zu Herzogen ausgerufen, hier wurden dann vom neuen Landesherrn Ritter geschlagen, und Lehen ausgetheilt.

Im Schlosse werden zum Theile sehr alte Denkbücher gezeigt; eine ungeheuere Menge Namen und passende _Vota_ bestätigen den zahlreichen Besuch. Man sieht, daß nebst hohen Herrschaften und durchlauchtigsten Prinzen, auch unser geliebter Monarch diese Veste 1810 mit seinem Besuche beehrte.

Ich wollte nun den Rückweg antreten, allein meine galanten Gefährten, Kaufleute aus Klagenfurt, die mit dem Schloßinspector befreundet waren, nöthigten mich, hier zu übernachten. Nichts Erwünschteres hätte man mir anbiethen können; mir war die Veste zu lieb, längeres Verweilen schien doppelt Gewinn.

Um einen runden Tisch im Prunkgemache sassen wir aufgeräumt durch mässigen Genuß edlen Luttenbergers, betrachteten die in gleichzeitiger Tracht mit und ohne Knebelbart stolzierenden Bildnisse der Ritter, welche diese Burg besassen, oder im Lande sich Ruhm erwarben; Freunde und Feinde zierten in holder Eintracht die Wände, wie im besseren Jenseits, wo Neid und Kriege verstummen. Jeder von uns erzählte nun etwas, und opferte ein Gläschen den Manen seiner Helden. Lächelnd oder finster, je nachdem sie die Sage schilderte, schienen die Köpfe auf uns nieder zu blicken. Da waren nebst den Ahnen der im Reiche immer ausgezeichneten Fürst Khevenhüller’schen Familie, Conrad der II. von Kraig, der 1395 Friedrichen von _Auffenstein_, Burkharden von _Schärfenberg_, Ruprechten von _Gradenegg_, und Ulrich von _Weissenegg_, am Krapffelde schlug und gefangen nahm; zwei Grafen von _Cilly_, die Kärnthens Schrecken gewesen, _Dietrichsteine_ und _Welzer_, Ritter in Kärnthen gleich rühmlich und zahlreich; Rudolph von _Habsburg_ und sein gedemüthigter Rivale, der stolze _Ottokar_, beide für Kärnthen unvergeßlich; dort das kriegerische Weib Margaretha _Maultasche_ im ritterlichen Harnisch, wie sie 1334 nach ihrem verstorbenen Vater Herzog _Heinrich_, Kärnthen gewaltsam in Besitz zu nehmen, mit einem Tiroler-Heere Dörfer und Burgen verwüstete, bis am Felsen von _Osterwitz_ derer Glück und Kräfte sich brachen; ihr tapferer und fintenreicher Gegner Adalbert von _Schenk_ schien auch itzt als Herr der Veste zu gebiethen; Leonhard _Lohner_ zu _Liebenfels_, läugnet im dreihundertjährigen Harren nicht den Feuerblick, mit dem er 1529 zweihundert gepanzerte Reiter nach Wien gegen die gewaltigen Feinde der Christenheit kampflustig leitete. Von denen, welche mit ihrem Leben das Merkwürdigste verloren, kein Wort! diese Portraite entstellen die nachbarlichen!

So von Kärnthens Helden, dessen klassischen Boden und wunderlichen Mährchen noch manches erzählend, hatten wir uns in die Vorwelt dermassen verstrickt, daß man uns wiederholt zur Ruhe mahnen mußte. Wir folgten endlich dem klugen Rathe; dumpf tönten die Schritte durch den langen Gang, worin Jedem ein Zimmer angewiesen wurde; ohne mich vorher viel umzusehen, genoß ich der Ruhe.

Wie die lebhaftesten Eindrücke des Tages auf unsere Phantasie wirken, so haben sie sonder Zweifel ihren Einfluß auf den Schlaf. Ein was immer für lebhafter Traum hatte mich zu einem Schlage auf die Mauer erbittert. Ich erwachte, mein Hund (vielleicht wegen des Schlages) winselte und murrte unterm Bette; ich wollte ihn besänftigen, da rollte mit fürchterlichem Getöse das Bett gegen die Mitte des Zimmers, mein _Duna_ stürzte hervor, sein donnerndes Gebell und das Schmettern einer ganzen Scherbenfabrik hätte selbst die Todten erschreckt, ich sprang auf! -- Vor mir einige Schritte stand, vom matten Sternenlicht kaum beleuchtet, eine weisse Gestalt; bedächtig hin und her schwebend, schien sie doch weder näher noch weiter zu kommen. Ich dachte, es gelte einen Spaß, und geboth unwillig, anderswo die lästigen Künste zu produziren; -- keine Antwort! es war zu finster, um Stock oder Stiefel zu finden, die verdiente Bezahlung zu leisten; da entbrannte mein Zorn, Herr und Hund eilten zu der Gestalt, und ich packte -- einen Kleiderstock! Beschämt ließ ich ihn verschont, und überließ dem Tage die Aufklärung. Diese kam auch bald und natürlich; das Bett, welches nach alter Art mit Rädern in den Füssen versehen war, wurde sowohl durch einen Ruck von mir, als auch von dem deßhalb hervorspringenden starken Hunde in Bewegung gebracht, der dann zum Unglück ein Tischchen umwarf, worauf nebst dem nöthigen Geschirr zum Reinigen, auch einige Gläser und Flaschen mit Wasser standen. Die Gestalt endlich war ein langes Handtuch, welches Jemand über den Kleiderstock zum Gebrauche hing, und das durch den Luftzug der aus Versehen offen gelassenen oberen Fenstertäfelchen fortwährend bewegt wurde.

Meine Reisegefährten, die wie natürlich, dieser tumultuarische Kampf erwecket hatte, frugen scherzend, ob mich die Geister von _Osterwitz_ geplagt, oder die wilden Jäger aus dem verzauberten Forste zum Balle laden wollten? -- Ich konnte in der Verlegenheit nur die Wahrheit sagen, und sie würzte bei Lachen das Frühstück.

Mit einem kleinen Umwege über _St. Georgen_ am Lengsee, wo das schöne Schloß der Grafen von Egger im reinen Wasser sich spiegelt, und viel lustiger die Gegend kleidet, als da es vorher noch ein herbes Nonnenkloster war, kehrten wir nach _St. Danat_ zurück, von wo uns der Wagen leider auf der nemlichen Strasse wieder nach Klagenfurt brachte; ich wollte zwar das westlich eine Berghöhe beherrschende Schloß Tanzenberg, den alten Besitz der _Keutschacher_, nun der Freiherrn von _Schluga_, besichtigen; allein ich glaubte der Versicherung meiner Gefährten, daß man eben von Osterwitz kommend, ohnmöglich den Weg hinauf belohnt finden kann.

Ich verließ Klagenfurt und wanderte am Ufer des der Stadt sich anschliessenden Kanals, welchem aus dem Werder- oder

Klagenfurter-See

leider nur bis hierher ein Beet zur Holzzufuhr gegraben wurde, welches weiter fortgeleitet, in kommerzieller Hinsicht der Stadt so nutzbringend hätte seyn können. In einer halben Stunde gelangt man zum See. Trotz seiner zwei Meilen langen und größtentheils eine halbe Meile breiten Ausdehnung, gewährt er nichts weniger, als anmuthig abwechselnde Parthien. Der ungeheuere viereckige Schrotthurm, gleich zu Anfange des Sees rechts an der Strasse, erregt Aufmerksamkeit; von oben herab schließt sich an eine der Mauerwände, bis zu deren Fuß, ein ganz aus Bretern zusammengefügter Verschlag. Wie das Blei oben geschmolzen und durch siebähnliche grosse Trichter geworfen werde, deren Löcheln die Grösse der Schröte bestimmen, wie das Herabrollen die gewöhnliche Runde derselben bezwecke, endlich wie die Schröte sich schnell in dem unten sie aufnehmenden Wasserbehältnisse brausend abkühlen, ihre Form zu behalten, wird gewiß Jeden der diese Manipulation nicht schon irgendwo früher gesehen, angenehm unterhalten.

Eine gleichförmige Fläche langweilet den Wanderer über die Gemeinden _Gurling_ und _Krumpendorf_ hinaus. Schöner macht sich der Weg nach dem Dorfe _Pötschach_; oben rechts auf der Berghöhe drängt sich einiges Gemäuer aus dem Nadelholze hervor. Es sind die

Ruinen von Leostein,

ich wollte ihnen eine Stunde widmen, und folgte dem leitenden Hohlwege; gleich Anfangs am Fusse des Felsens befindet sich links eine tiefe Felsenhöhle, aus der Wasser entquillt; diese soll das Ende des nun verschütteten heimlichen Ganges seyn, der ehemals durch den Schloßbrunnen in die Familiengruft führte.

Von beiden ist nun die Spur gewichen, und bald wird auch von den wenigen Mauerresten nichts mehr erübrigen. Eben mühte man sich mit Ausrottung der schlüßlichen Habe des Schlosses. Ein dickstämmiger Wald -- Beweis der letzten Zeugungskraft der Veste, lag getrennt durch die würgende Axt von seinen Wurzeln, ein grünes Bollwerk bildend in den öden Räumen. Gerne wünschte ich einigen sich kümmerlich auf dem Thurme und Ringmauern ernährenden Birken längeres Leben; doch gewandt kletterten zwei rüstige Burschen auf die gefährlichsten Stellen, und raubten denselben den Schmuck. Das Schloß, welches einst beträchtlich seyn mochte, möge im grauesten Alterthume erbaut worden seyn, denn ich bemerkte in dem aus Schiefer und Kalksteinen bestehenden Gemäuer nicht ein Stückchen gebrannter Ziegeln, welche jedoch im dreizehnten Jahrhunderte schon häufig gebraucht wurden!

Mißmuthig verließ ich die Veste, welche meine Erwartung täuschte, und mit Widerwillen gegen den Eigennutz der Menschen, denen nichts zu versteckt, nichts zu mühsam ist, geringen Nutzen zu ziehen. -- Wie viele Jahre, dachte ich, mußten hingehen, bis auf dem Mauerschutt des längst zerstörten Schlosses sich Erdreich sammelte, und darin Samen keimte, der diese hundertjährigen Stämme gezeugt? -- Der Zeiten -- seltsames Wirken, der Jahre kräftige Zeugen, zerstört ein einzelner Mensch in einem einzigen Tag!

Immer am Ufer fortschlendernd, gelangte ich über das Dörfchen _Tuppitsch_ nach dem Postorte

Velten,

hier endigt der See. Nahrungsbedürfniß nöthigte mich bei einem Fleischer, der zugleich Gastwirth ist, einzukehren. Ungern fühlte ich bewährt, was einige Reisende von der schlechten und unbilligen Bewirthung gewisser Gastgeber in Kärnthen zu erzählen wissen. Für unreinliches schlechtes Essen und ungenießbaren Trunk mußte ich mehr entrichten, als für das beste Mahl in Klagenfurt! Ich wünsche nicht, daß Jemand sich davon selbst zu überzeugen so lüstern wäre; nebst dem Magen könnten durch die Grobheiten des Wirths auch die Gliedmassen des Gastes unangenehm gereitzt werden, welches dann zum bedeutenderen Nachtheil sich endigen dürfte.

Von _Velten_ angefangen, gewinnt die Gegend an Schmuck; Wiesen und Aecker paaren sich malerisch am Saume herrischer Wälder, bald empfängt einer den Wanderer und kühlt ihm die Pfade nach _Villach_. _Lind_, _Wernsberg_ und _Zauchen_, drei Dörfchen, ruhen vom Zauber der vielen melodischen Singvögel eingewiegt, still harrend unter Bäumen, rasselnder Wägen nicht achtend. Etliche Häuschen drängen sich an eine Brücke, tobend braust unter derselben ein Waldbach hindurch, in der nun wieder genahten Drau den Ungestüm abzukühlen, klappernde Mühlen tumelt sein Lauf, man ist in Seebach. Rechts davon leitet ein Pfad zum gepriesenen

Landskron.

Dieses liebliche von Segen überfliessende Thal, mit friedlichen Häuschen bepflanzt, die stummen geheimnißvollen _Tableau’s_, welche mit Anmuth und Ruhe in der auffallendsten Wildheit und Grösse sich erhalten, das Getöse des herbeieilenden Waldbachs, das Rauschen der sich bekriegenden Baumäste durch stärkeren Lufthauch ermächtigt, die ausgebreitete, einen schönen Waldberg schmückende Ruine der Veste _Landskron_ mit all ihren Fenstern und Thürmen, müssen den Menschen bezaubern!

Es muß Jeden reuen, der nach Villach oder Klagenfurt reiset, wenn er sich diesen kleinen Abstecher hierher nicht erlaubt. Im Dorfe _Landskron_ besah ich die herrliche Raçe der vom Herrschaftsbesitzer, Herrn Grafen von Dietrichstein, eingerichteten Stutterei; ingleichen überzeugt sich der Oekonom, daß dieser geachtete _Chevalier_ der Schaf- und Rindviehzucht nicht wenig opfere. Die wohleingerichteten Ställe, Wirthschaftsgebäude etc. lassen auf ein thätiges und einsichtsvolles Individuum schliessen, welches als Leiter das Vertrauen des hohen Besitzers zu verdienen weiß.

Vom Dorfe weg windet sich der Pfad schlangenförmig zur hochprangenden Schloßruine empor. Einige ungeheuere Nußbäume begrüssen als nächste und älteste Verwandte der Veste den Ankömmling beim prächtigen, aus glatt gehauenen Granit-Quadern gewölbten Einfahrtsthore; die ehemalige Zugbrücke liegt unter Schutt und Erde begraben; man gelangt zum zweiten vielleicht noch schönerem Portale, aus Marmor-Quadern zusammgefügt; hohe gemauerte Bögen verbinden das Schloß unter einander. Ringmauern mit wehrhaften Schußscharten sorglich ausgestattet, umzingeln den weiten Vor- noch größeren Schloßhof und beträchtlichen Garten; fünf große und 16 kleinere Thürme verschafften der ohnedieß drei Schuh dicken Mauer noch mehr Ansehen und beharrlichere Festigkeit. Man staunt über den riesigen und stolzen Bau des Mittelalters, wodurch man sich das Eigenthum und kurze Leben zu sichern strebte. Dieß Schloß mag wahrscheinlich auf die Stelle eines älteren hier gestandenen im fünfzehnten Jahrhundert erbaut worden seyn, welches sich aus dem Style der damaligen Bauten und häufigen Ziegel-Verwendung leicht ersehen läßt. Die zwei und drei Stockwerke der Veste, die Thürme und Gewölber, beirren den Forscher, er weiß nicht, wo anzufangen und wo zu verweilen? Das Schloß, welches vor 30 Jahren noch gut erhalten und der Sitz des Landgerichtes war, wurde durch einen Blitz größtentheils eingeäschert, die übrige Schiefer-Dachung aber gefliessentlich abgenommen; noch liegen häufig die mit einem Loche zum Annageln versehenen Blättchen am Schutte zerstreut umher. Sonne und Himmelsgestirn durchspähen nun ungehindert die offenen Zimmer, in denen bereits hie und da schmarozerisch Gesträuche sich lagert, darin durch Regen und Staub für lange sich seßhaft zu machen. In der Kapelle stehen schon ernst gereiht schlanke Eschen und Fichten, und muntere Rothkehlchen, hier ausser Gefahr sich bewußt, stimmen im Chore vereint das melodische Abendlied an. Ein runder Thurm gegen Osten steht noch unversehrt da; starke Fenstergitter und seine eiserne Thür verwahren dem Fremden trotzig den Eintritt. Es sollen darin einige _Antiquarien_ des Schlosses sich befinden, denen man einen besseren Verwahrungsort hätte anweisen können.

Der nördliche Theil ist viel beschädigt, Thürme und Ringmauern lösen sich in grossen Stücken und springen über den Schloßberg herab; die Fenstersteine hängen drohend über des Kletternden Haupt; man ist froh, wieder den geräumigen Schloßhof zu betreten, wo eine aus schönen Steinen gebildete Einfassung den Aufgang in die etwas höher liegende ältere Schloßabtheilung anzeigt. Hier befindet sich die Zisterne und kleine Oeffnung eines tiefen unterirdischen Kerkers.

Im ersten Stocke konnte ich den Saal und mehrere Zimmer passiren, welche theils weiß, theils unbedeutend bemalt waren, doch das zweite Stockwerk, so wie der runde Hauptthurm, versagten mir ihre Zuneigung. Den südlichen etwas kleineren konnte ich nur auf ausgebrochenen Steinen ersteigen; ich thats der Uebersicht wegen, die zwar nicht allzuweitreichend, aber in jeder Hinsicht lohnend ist. Dem grünenden Kesselthale, dessen ich beim Eintritt erwähnt, gegenüber, kühlen sich die rothen Fluthen von Apollos Feuerwagen in dem Spiegel des weiten Ossiacher-Sees. Leichtfertige Kähne durchschneiden seinen Rücken, und geübte Hände sammeln köstliche Beute auf selben. Weder Neid noch Bosheit scheinen hier ihre Fahnen zu schwingen; jeder arbeitet der Erhaltung wegen, und kein Schadenfroh überlistet des Anderen Erwerb.

Ich durchstieg nun das Labyrinth der unteren Gemächer, deren fünfzehn noch mit Plafonds oder Gewölbern versehen dem Gewitter trotzen, und bei etwas Säuberung vom Schutte, auf einige Zeit dürftige Wohnungen biethen könnten. Hölzerne Schränke in den Mauern, Fensterläden, Fußböden, zerbrochene Bänke und große Dippelbäume sind hie und da dem Moder überlassen, und zeigen hinlänglich von dem nahen Holzüberflusse. Ein schöner Stall, und Gewölber auf drei und vier Säulen ruhend, sind etwas tiefer anzutreffen.

Von den Kellern sind die wenigsten weit zu verfolgen, Schutt, Staub und zu enger Raum verbiethen das Unternehmen; dennoch konnte ich nicht umhin, in der Gegend des Burgverliesses die Gewölber sorgsamer zu untersuchen, besonders weil mich ein herrschaftlicher _Meierknecht_ im Dorfe treuherzig von unterirdischen Gängen und Schätzen, die, weiß Gott worin bestehen mögen, versicherte. Ich zündete doppelte Windlichter an, suchte, warf den Schutt durch einander -- vergebens, ich konnte nichts als einige verschimmelte Faßkanter entdecken. Ich ging unmuthig zurück, und wollte schon alle weitere Untersuchung beschliessen, als ich mich Außen auf einige Thürme erinnerte, die nicht zusammengestürzt, dennoch wie gefliessentlich mit Schutt und Erde angeworfen waren. Ich wandte mich an den ersten nach Norden; er war bloß ein Vertheidigungsthurm, der zweite deßgleichen; der dritte hatte nebst Kalk und Steine ein Stück Dach inwendig am Boden, es war zu schwer wegzuschaffen, ich ging und hieb mit dem Stocke wie zur Strafe in die mich brennenden, ungemein hoch rankenden Nesseln an der Aussenseite des Thurmes. Unverhofft hörte ich ein von mir getroffenes Steinchen in gähe Tiefe hinabkollern; es mußte ein Brunnen oder andere Schlucht in der Nähe seyn. Behuthsam hieb ich sämmtliches Unkraut unbarmherzig nieder, und sieh! ich fand auf der Grundfläche des Thurmes eine kleine fensterähnliche Oeffnung. Ein Stück Eisengitter hing noch darin, ich berührte es, und vom Roste zernagt fiel es in die Grube. Ich warf angezundenes Papier und dürres Reisig hinab -- es war wirklich ein heimlicher Gang! Nun ergriff ich ein Stück Holz, hob inwendig das morsche Hüttendach, räumte Schutt und Kalk aus einander, vergebens! der Eingang mußte versunken oder gar nicht vorhanden seyn! Ich band einen Stein auf meine bei mir führende Schnur, und hörte ihn deutlich in mässiger Tiefe von einer Stufe zur andern abwärts holpern. Nun wars beschlossen, ich mußte hinab! Die Oeffnung wurde mit einer Latte erweitert, in den Strick Hölzchen hineingeflochten, derselbe oben an einem Baumstamm befestigt, und ich kroch, zwei Lichter im Munde haltend, durch die Oeffnung in die Gruft. Kaum zwei Klafter tief, so stand ich auf morschen Pfosten-Stufen, die einzeln sich beim festen Tritt entlösten; ich überzeugte mich auch, daß es unmöglich gewesen wäre, den gewesenen Eingang im Thurme zu erzwingen, der durch tief herabreichenden Schutt gefliessentlich verstampft schien. Froh, ihn durch das Luftloch gefunden zu haben, stieg ich nun 22 schlüpfrige Stufen in dem theils durch herabwachsende Felsen, theils durch lockere Ziegel den Niedersturz drohendem Gange, sehr behuthsam herab. Feuchte Luft, die kaum den Lichtern zu brennen gönnte, der üble mephitische Geruch des Mauerschimmels, den ich abwechselnd den engen Wänden mit Haupt und Armen abstreifte, und das beständige Plätschern des abtropfenden Felsenwassers, waren der unangenehme Willkomm meines Besuchs. Nun ebnete sich der Boden, dumpf tönte es unter meinen Füssen, ich sprang erschrocken zurück, eine morsche Fallthür vermuthend, durch die ich sinkend Hals und Beine hätte brechen können. Ich beleuchtete die Stelle, sah zwar nur die den Gang ehemals verwahrende nunmehr ihren Angeln entfallene Thür am Boden verwesen, zu gleichem Entsetzen aber das ekelhafteste Ungeziefer, insbesondere plumpe Kröten, den Boden bestreichen, und zischende Fledermäuse, welche herumflatternd mir unhöflich ein Licht auslöschten. Mein natürlicher Abscheu vor diesen Unholden hätte mich beinahe aller weitern Untersuchung überhoben. Gerne hätte ich mir einen menschlichen Gefährten gewünscht, als ich bald darauf zu einer zweiten vielleicht 50 Jahre nicht geöffneten Thüre gelangte. Sie war vom harten Holze und entweder verkeilt oder zugesperrt; mit einem festen Tritt hinein lag Thür und Einfassung im Schutte am Boden.

Ich mußte zurück eilen, mich vor Ersticken zu bewahren, und kletterte zur Höhe, wo _Duna_ den Eingang und mein Eigenthum bewachend, sich höchlich freute, von dannen zu kommen. Ich war es minder gesonnen, sondern nahm eine tüchtige Portion Pulver und meinen Stock, und begab mich wieder in den Tartarus, parthienweise selbes dort anzuzünden. Dadurch die Luft einigermassen erträglich gemacht, verfolgte ich 17 Schritte den abwärts führenden Gang, der sich nun erweiterte, und ich schaudernd vier grosse, zu Sitzen dienende bekrustete Steine mit eisernen Ringen wahrnahm -- »Schrecklichster Ort für menschliche Qualen!« rief ich unwillig über Erbauer und einstigen Besitzer dieses Schlosses, »mehr als zehnfache Hölle konntet ihr erkünsteln, ohne in dem gefolterten Menschen den armen Bruder zu erkennen!« Mit Wuth stieß ich in den bewachsenen Stein, als könnte ich diesem entgelten lassen, was sein Gebiether beschloß; doch erinnerte ich mich der Gegenwart, und fand lindernden Trost. Kühner schritt ich nun voran, und kam zu einem Saale-ähnlichen Gewölbe, auf drei Säulen ruhend. Zusammengestürzte Bausteine liessen mich ein ehemaliges Monument oder Tribune muthmassen, einige Nischen waren von glatt geschliffenen Steinen, der Boden weich und geebnet, und von oben reichten eiserne Stangen mit Ringen bis auf Manneshöhe herab, ich glaubte, hier möge der Begräbnißort der ältesten Besitzer gewesen seyn. -- Herrliche Nachbarschaft! lebendige und vollendete Leichen, welche waren wohl glücklicher zu nennen?

Rechts wollte ich den Gang verfolgen, doch er war eingestürzt und verbat sich in dieser Welt ferneren Besuch; daher schlug ich den ganz in Stein gehauenen links ein, welcher abwärts führte, und mich bald bei eisernen Hacken auf die ehemalige Existenz einer dritten Thüre urtheilen ließ, rechts in einer geräumigen, aber mit Schutt angefüllten Vertiefung waren wieder zwei den vorigen ähnliche Martersteine; wie erstaunte ich, als ich sie besehend Tageslicht von oben herab einbrechen sah. -- Hierher in die ewige Nacht blickt nun, wie des Schöpfers Allmacht, der heitere Tag, winkt die liebliche Sonne, und tröstet der freundliche Stern. Wie viele Jahre mußten fliessen, bis ihr Gepriesenen diese Klüfte wieder durchspähen konntet! wie viele Schuldige und Unschuldige hier qualvoll verzweifeln, ohne das Licht des Trostes herab winken zu sehen! Möge Ritterzeit und Faustrecht loben, der Lust hat, hierher stelle man ihn, und erforsche nachher seine Meinung. Mich reute es, daß ich zuvor in die am Schloßhofe gähnende Oeffnung, welche vormals sicher überbaut war, kein Papier oder anderes Merkzeichen hinabwarf, ich hätte daraus ersehen, ob sie in diesen schrecklichen Kerker hinableite oder nicht. Einige Stufen, die wegen ihrer Verwesung nicht gezählt werden konnten, führten mich dann abwärts in ein noch geräumigeres Gewölbe. Die Wände waren ungeregelt gehackt, und daher kein heimlicher Ausgang verborgen; ich schloß also bei dem gesammten sorgsamen Bau des Schlosses auf eine untere Fallthür, und suchte mit zagendem Schritte dieselbe. Wirklich fand ich meine Mühe in einer zugespitzten Höhlung des Bodens belohnt; ein morsches mit Erde sparsam bedecktes Bret machte mich aufmerksam, darneben ein Loch u. s. w. Das Schloß konnte ich nicht finden, wohl aber hätten die drei morschen Breter mit meinem eisenbeschlagenen Reisestocke zertrümmert werden können; ich begnügte mich aber mit angezundenem Papier die Tiefe zu ergründen, um dann einen verläßlichen Mann und nöthige Requisiten zur gefährlicheren Untersuchung aus dem Dorfe mit mir zu nehmen. Wider alle Erwartung fand ich aber unter den zahlreichen Meier- und Pferdeknechten der hiesigen Wirthschaftsgebäude, trotz ziemlicher Belohnung, dazu keinen bereitwillig; »es sey ihnen von der Herrschaft verbothen« sagten sie; und die Bauern fürchteten sich verschüttet zu werden, gleich jenem Schatzgräber, der, wie sie sagten, vor wenig Jahren dem bösen Geiste seinen Reichthum nehmen wollte, und nicht mehr zurückfand. Ich mußte lachen, wünschte aber, daß mancher Gutsbesitzer, dessen Vermögen eigennützige Menschen barbarisch plündern, statt Kassen, solch einen ausgeschrienen Satan zum Schutz hätte, die Hälse würden weniger oder die Blutsauger ehrlicher werden.

Uebrigens wagte ich nicht, die Untersuchung allein weiter fortzusetzen, sondern beurlaubte mich von der schönsten und größten aller Ruinen des österreichischen Erbkaiserthums, mit Wehmuth, indem vielleicht einige Jahre die hier noch merkwürdigen Reste vollends zerknicken, und dann alles fernere Forschen vergeblich machen.

Oefter zurückblickend, als sollte ich _Landskron_ anderswo wieder erkennen, überschritt ich nach anderthalb Stunden auf hölzerner Brücke die nun jüngere Drau; ich war in

Villach.

Hier hört die W. W. auf zu kursiren. So klein das Städtchen im Vergleiche mit Klagenfurt ist, so machen seine 5,000 Einwohner, anmuthige Lage, und grosser Handels-Verkehr die bergigen Strassen sehr lebhaft. Die Häuser, denen man es ansieht, daß sie mehrere _Säcula_ zählen, sind reinlich und meistens drei Stock hoch. Auffallend war mir hier der besondere Gebrauch des Bleies; ich sah allenthalben grosse den Tabakbüchsen ähnliche Gefässe umhertragen, und frug, was sich darin befände? Der Befragte wunderte sich und meinte, ich müsse aus einem sonderbaren Lande kommen, daß Bier- und Weinflaschen mir unbekannt wären! Abgerechnet den _sanitären_ Nutzen oder Schaden, kann ich mir dennoch die freiwillige Busse, den nothwendigen Hausbedarf in so schweren Gefässen herbeizuschaffen, nicht anders erklären, als ungeschickte Hände zu verhindern, Gläser zu zerschlagen.

Wie ich zu Villach erfuhr, war in dem nahen höchst interessanten Bleibergwerke zu Bleiberg eben Kehrwoche, zu welcher Zeit der Bergbau-Betrieb für einige Tage aufgehoben wird.

Einöderthal und Mühlstädtersee.