Chapter 7 of 13 · 3969 words · ~20 min read

Part 7

Stangen im Boden befestigt, zeigten nun die fernere Bahn, welche über lockeres Gestein und glatte Schieferplatten uncultivirt führte; bald waren einige Felsen stufenartig steiler empor zu steigen, bald mußte man sich wieder in eine Kluft hinab bequemen. Man entbehrt zwar leicht Steigeisen, aber unglaublich scheint es, wie hier erbarmungswürdige Pferde, zumal mit einiger Last hinauf, und noch sonderbarer abwärts klettern. Es verunglücken zwar alljährig mehrere, brechen sich die Füsse, oder stürzen in Abgründe, aber demohngeachtet glückt es meistens, und das ist genug!

Sowohl durch Klettern als Abpflücken einiger Alpenblumen vertieft, bemerkte ich die aufsteigenden Gebirgsnebel nicht eher, als bis ich etwas Erholung suchend, mich auf einen Stein setzte. Dünne, durchsichtige Flocken durchwehten den Himmel, der sie anfänglich wie zum Scherz, kräuselndem Haare ähnlich, um die Sonne hing, diese der Welt anschaulicher zu machen, doch _Phöbus_ seine Majestät entweihender Neugier zu entziehen, sammelte bald dichtere Schleier um sich.

Es war mir unerfreulich, nunmehr, wenn ich auch den Weg finden sollte, doch die Uebersicht verloren zu haben, die bisher wegen höheren schneeumflorten Alpengebirgen ohnedieß von keinem Belange war. Verdrießlich kletterte ich eine Stunde fort, vielleicht neben fürchterlichen Abgründen, die ich nicht gesehen, auch nicht scheute; todte Stille umgab mich ringsum; kein Vogel, keines Hornes schallender Ton durchzog die Luft, welche durch dichte Nebel geschwängert, wie Taffet über die Felsen rauschte, die Steinplatten schlüpfriger, und meinen verschwitzten Anzug nässer machte. Vertrauend folgte ich meinem klug mich leitenden Hunde, welcher die Spuren der letzten Wanderer auch noch dann auffaßte, wenn ich selbe bereits verloren glaubte; die etlichen Stangen waren ohnedieß auf zwei Schritte nicht zu sehen. Endlich blieb _Duna_ stehen -- es war ein Schneefeld, ich befahl ihm zu suchen; das rastlose Thier lief herum, zögerte lange, endlich kam es traurig zurück. Nun ging ich selbst, mit meinem Stocke einen Streif in den Schnee nachziehend, den Weg wieder zurück zu finden, auf dem bleichen Felde umher; vergebens! entweder hatte ein gestriger Schnee die Tritte verdeckt, oder die heutige Sonnenhitze dieselben unkenntlich gemacht. Im Nebel auf Alpen, wo man keinen Schritt, oft seinen Fuß nicht sieht, weiter zu gehen, wäre Unsinn, den dreistündigen Weg nach _Malnitz_ wieder zurück zu wandern, konnte ich im schlimmsten Falle auch noch bis Abend versparen, hier aber war es zu kalt und windig, um den vielleicht baldigen Abzug des Nebels zu erwarten. Ich wanderte also einen kleinen Felsenabhang zurück, legte mich zwischen schützende Granitflötze auf elastisches Moos, um daselbst mein Mittagsmahl etwas früher mit dem treuen Begleiter zu theilen.

Unterdessen vernahm ich in stiller Ruhe, Glockengeläute aus tiefem Thale sich anmelden; froh, in meiner Umgebung lebendige Wesen zu wissen, wollte ich meine Freude durch etliche Schüsse darthun. Die Berge schienen darüber herzurollen im wilden Echo, oder mich in ihren Schlund aufzunehmen; aus dem Thale tönte Jubel und kräftiger Peitschenknall. Nun hatten sich aus Langweile, die oft Länder in Kriege stürzt, zwei Menschen über weite Räume einander verständlich gemacht; jeder als Herr einer Alpe sich täuschend, wollte dem Andern seine unerwartete Anwesenheit mit so viel Lärm als möglich verkünden, die mit des Nebels Verschwinden auch ihr Merkwürdiges verlor. Ich war wieder einer der gewöhnlichen Tauernbereiser, jener nichts weniger als auffallender Alpenhirt. Beide erkannten somit ihre Unwichtigkeit, und schienen über den kurzen Traum der mit dem Nebel verflog, sich lächelnd Verweis zu ertheilen.

Wünschend, daß jede Schwärmerei so unschädlich ende, hatte ich noch überdies die Freude, die angenehmste Metamorphose des Firmaments zu ersehen. Kräftigere Windstösse von Osten, welche die Finsterniß brütenden Nebel zerrissen, brachen der Sonne die Bahn, ihre kochenden Freudenfeuer auf den frostigen Zinnen der Alpen aufzuzünden. Wolkenrauch stieg über die Altäre der Blitze, und zog in dichten Massen von den Opfer-Tempeln auf tiefe Flächen hinab, den Boden kühlend zu tränken. Inseln ähnlich entwanden sich nun auch die niedrigeren Gebirge dem Nebelmeere, höher und höher entwuchsen sie der Finsterniß; wie die Wogen des dunstigen Oceans wichen, besetzten unten rüstige Wälder die Plätze; über 100 Wasserfälle entstürzten aus ewigem Schnee den Gürteln der Riesen, die Flüsse des Landes zu schaffen -- des _Chaos_ einstiges Bild hatte ich erneuert gesehen! Ich verfolgte nun meinen vorigen Weg zum Schneefeld, und sieh -- ich hatte eine Viertelstunde zum Kreuze, der höchsten Stelle des Tauernwegs, und Gränze von Salzburg und Kärnthen! Mir wäre also beinahe gleiches Schicksal bestimmt gewesen, wie Manchen, der auf der Laufbahn sein Glück oder Rettung zu erringen, die Endstufe verfehlt, und seine Mühe bedauernd zurücksinkt.

Kreuz-Spitze.

Ich wollte nun aber mein heutiges Ziel gefliessentlich hinausdehnen, um von dem höchsten Punkte des Malnitzer-Tauern, welcher sich rechts von dem Pfade bei 100 Klafter emporhebt, und mit einem Haufen zusammengelegter Steine, vermuthlich durch die Landesvermessung angemerkt ist, auf kärnthnerischem Boden die Runde zu prüfen. Diese pyramidenförmig aufstrebende Spitze bestand aus verwitterten Thonschiefer, der bei jedem Tritte sich losmachte, und ein äusserst beschwerliches Hinaufklettern verursachte. Oben war nicht lange zu verweilen, die rings umher gebetteten Schneefelder hauchten zu frostige Lüfte. Auch die Uebersicht entsprach nicht der Erwartung; zu groß waren die angränzenden Riesen mit ihren vielfärbigen Wänden, um sich vor diesem zu demüthigen. Selbst kein Dorf, kein Haus, stumme Sennhütten ausgenommen, war zu sehen, die Gebirge hatten sie zu eng eingeschlossen, zu weit verschoben; es war eine Gegend, wie ich sie nie sah, groß und stolz erhaben, aber nur von Wasserfällen belebt!

Das Kreuz, zu dem ich sonach gelangte, war mit einer Menge Heiligen-Bilder und Alpenblumen, welch letztere dem Botaniker einen kleinen Index der heimischen Umgebung augenblicklich liefern könnten, behangen.

Einige 100 Schritte unter dem Kreuze sah ich jene von gutmüthigen Pilgern in Form eines Sarges zusammengelegten Steine, welche den Unglücksplatz des letzthin hier erfrornen Menschen anzeigen. Man erzählte mir die traurige Geschichte in Malnitz, die ich kurz mittheilen will.

Ein junger Lederergeselle aus Obervellach schloß sich heuriges Frühjahr (1825) an zwei über den Tauern reisende wendische Bauern an. Diese rüstigeren Alpenkletterer sollen leider im Malnitzer-Tauernwirthshause demselben noch Muth zugesprochen haben, und dann, als er auf der Höhe ermattet niedersank, zu ihrer ewigen Schande, eigene Gefahr befürchtend, allein weggegangen seyn, und den Armen, der bei fürchterlichster Kälte in dürftiger Kleidung sich selbst überlassen war, mit baldiger Hülfe getröstet haben. Wirklich benachrichtigten sie auch den nächsten Tauernwirth auf salzburgischer Seite, von der Lebensgefahr jenes unglücklichen Menschen. Der Wirth sendet augenblicklich drei Männer zur Höhe; doch die Strecke ist zu weit. Mit Anstrengung haben sie die Hälfte Weges in zwei Stunden zurückgelegt; nun hebt sich der Sturm, mit ihm bäumen sich Lavinen, und Schneemassen donnern herab. Die Miethlinge verzagen und eilen zurück zur Behausung, das muthlose Leben zu sichern! Nun aber wagt der edle Wirth selbst, mit noch fünf herzhaften Männern, zu retten, was noch nicht verblichen. Mit Stangen und Schaufeln Wege erkämpfend, die boshaft sich gleich wieder schliessen, erringen sie nach drei schrecklichen Stunden die Höhe, suchen umher, und finden darauf -- eine Leiche. Der Unglückliche war trotz angewandter Mühe nicht mehr ins Leben zu bringen, man schenkte ihm im friedlichen Thale das sorgenbefreiende Grab.

Solcher Unglücksfälle an einzelnen Reisenden, ereignen sich alljährig viele in Alpengegenden, indem übrigens zur Ehre der Menschheit es höchst selten der Fall ist, daß ein Wanderer den andern in der Stunde der Noth hülflos zurück läßt, -- dieß hätten auch nimmermehr biedere Deutsche vermocht!

Vom Kreuze angefangen ins Salzburgische hinüber, heißt der bisherige Malnitzer- nun

Naßfelder-Tauern.

Er scheint diesen Namen seiner Eigenschaft wegen zu verdienen; denn Anfangs decket ihn mehr Schnee als jenseits seinen südlichen Rücken, und später sind Sumpf und Moräste die deutlichsten Beweise der Nässe. Die Stangen hören auf, der Pfad ist aber dennoch leichter zu finden; in schlangenförmigen Krümmungen führt er sehr gäh hinab.

Nach einer Stunde, die man wider Willen mehr durch Springen und Laufen als mit behutsamen Klettern zubrachte, kommt man in ein enges aber lang fortlaufendes Wiesenthal; fünf Alpenhütten und eine Herde munterer Kühe verkünden im Sommer hier Leben; aus den kühlen Schneeriesen umher hat sich schon ein Bach gesammelt, und eilt über die Wiese hinweg, begierig, bald grösser zu werden. Ich suchte den besten Weg, um zu einer der Sennhütten zu kommen, und fiel doch etliche Mal bis zum Knie in Morast, der weislich! jede Hütte vor schnellen Anlauf sichert; ein Graben oder Steine könnten doch wenigstens das Versinken verhüten!

Fürchterliches Lärmen brachte alle menschlichen Gestalten aus den Hütten; ich glaubte Schlachtgeschrei zu hören, und erstaunte -- wirklich Melker und Dirnen mit Knitteln herbeieilen zu sehen! »Ein Wolf, ein Wolf, nieder mit ihm!« schrieen die Geängstigten, und stürzten auf den vorschreitenden Duna los, ihn diese unverdiente Ehre theuer büssen zu lassen! Ich hatte Mühe, mich ihnen bemerkbar zu machen, und den Irrthum zu benehmen. Gutmüthig gab man mir sodann die verlangte Butter, Milch und Käse zur Erquickung in einer der Hütten, und sammelte sich mit ländlicher Neugierde um dieselbe, den fürchterlichen Stiefsohn des Erzfeindes aller Alpen in der Nähe zu betrachten. Mich erlustigten ihre Bemerkungen, besonders aber ihr freiwilliger Anboth, als ich sie versicherte, daß solche Hunde vielmehr die Gegner und Bezwinger der Wölfe seien: mir für Ueberlassung dieses Thieres, eine prächtige Summe pr. 5 fl. mittels einer Sammlung von den Dorfgemeinden zu verschaffen. Beneidenswerthe Menschen! die ohne geringstes Vermögen doch von keinen Geldsorgen gequält werden, und glücklich sind, weil sie bei Zufriedenheit nie Entbehrung fühlen. Ihrer Angabe nach mußten sie bald von dieser Alpe abziehen, weil die Kühe schon zu wenig Futter, sie selbst aber kein Holz zu hinlänglichem Feuer hätten, und der 8 September ohnedieß die Hochalpenweide verbiethe. Eine Gegend, die vor 50 Jahren noch von Wäldern strotzte, nun des Holzmangels wegen zu verlassen, möge manchen Gutsbesitzer und Forstmann Behutsamkeit lehren.

Je tiefer ich hinabkam, je nässer wurde das geengte Thal; mehrere Sennhütten standen leer auf duftendem Grün, um bald die herabkommenden Gäste aufzunehmen, und einige Wochen zu beherbergen, bis der Spätherbst ihnen die Dörfer zum Wohnorte öffnet. Die Nachzügler der Forste standen hie und da, wo sie die Axt nicht leicht erreichte, kümmerlich herum.

Stolzer wölbte sich die

Gasteiner Ache,

durch angeworbene Schwestern ermächtigt, im ganz geengten Felsenthale nieder; kein Ufer war ihr zu hoch, keine Klippe zu hart, ihre Kraft sie fühlen zu lassen. Bald gönnte sie dem friedlicheren Wanderer keinen Weg mehr im überhängenden Steinthale; den ganzen Raum raubten die geitzigen Fluthen. Der erfinderische Mensch konnte ihnen keine gleiche Gewalt entgegen biethen, aber List hieß ihn die Felsen zu seinem Zwecke verwenden; eingestemmte Fugen in dieselben, eiserne Klammern, Baumstämme dazwischen und hie und dort Spreitzen in die lärmende Ache, und der an der Felswand schwebende Bretelweg war vollendet! -- Bald besehen diese Erfindung höhere Nymphen, der Bandel- und Schleierbach, welche sich vom linken Ufer über die 190 Fuß hohe Felsenwand in die Ache ergiessen, ihr den Sieg der Menschen zu melden.

Wenn man nicht schon so viele _Cascaden_ auf dieser Wanderung bewundert hätte, so müßte man von hier bis Gastein mehrere Tage bloß denenselben widmen. Der Bandel- und Schleierbach verdient übrigens den Namen, indem ersterer in mehreren neben einander fortlaufenden Wasserfäden, letzterer aber in einem einzigen durchsichtigen Wasserbogen herabstürzt. Durch den bunten Schmuck der farbigen Iris an diesen _Cascaden_ findet sich das Auge eben so geschmeichelt, als bald darauf die _Cataracten_ der Ache den Wanderer zittern machen, besonders dort, wo sich der kriegerische Alpenbach in dem Granitfelsen unter den Füssen des Pilgers eine weite Höhle gegraben; immer tiefer meisseln die schäumenden Wogen das schwer zu polierende Gestein, welches zwar noch tapfer ringt, aber durch heftiges Zittern sein baldig Erliegen verbürgt; dann dürfte hier ebenfalls eintreffen, was weiter unten die Reisenden in Erstaunen setzt; wo nemlich die wasserreiche Ache ganz im Beete versiegt, 28 Klafter ungesehen im Felsenbauche fortströmt, und dann wieder zu Tage kommt. Ein Wolkenbruch, abstürzende Schneelavinen, wenigere Sorgsamkeit auf die Reinigung des Achen-Beetes: so wäre hier der Geburtsort ausgehender Gräul und Verwüstungen über ganz Salzburg.

Besser wurde der Weg, als ich dem goldschwangeren Rathhausberge mich nahte, dessen schwarz bewaldeter Rücken so angenehm mit den bleichen Gestalten seiner ärmeren Gefährten kontrastirt. Bald darauf erreichte ich

Pöckstein,

ein Dörfchen von 17 Häusern, dem man es gewiß nicht ansieht, daß es einst, als noch die Ausbeute des nahen Goldbergwerkes ergiebig war, eine der wichtigsten Rollen in Salzburg spielte. Demohngeachtet verdienen auch itzt seine wohleingerichteten Waschherde volle Aufmerksamkeit, wenn auch nur mehr die Prozente der ehemaligen Ausbeute darauf gewonnen werden. Das Geklapper der Wasserwerke, Rauschen einiger _Cascaden_ und freundliche Antlitz des einen Hügel einnehmenden im italienischen Style erbauten Kirchleins, machen das Dörfchen munter und lebhaft, so wie der fette Weizen und Roggen des erweiterten Thales nahrhaften Boden bekräftigt.

Einzelne Hütten und Scheunen mit dem Segen des Jahres gefüllt, mehrere Wasserfälle den Bergen enteilend, und die nimmer ruhende Ache, begleitete den Wanderer ein Stündchen zum

Wildbade Gastein

hinab. Wie Maler, Tonkünstler und Dichter den höchsten Effekt zu bezwecken, oft von einem Extrem zum andern übersetzen: so meisterte sich hier selbst die Schöpfung in der Zeugungskraft!

Ich will nicht Gastein beschreiben, das künstlichere Federn bereits versuchten, aber ewig bleibt mir der Eindruck merkwürdig, den der Uebergang aus lachendem Tage, in finstere Nacht, aus beglückendem Frieden, in kriegerische Elemente bezwecket.

Es war Abend als ich ankam, noch schaukelten sich der Sonne goldene Wogen auf Pöcksteins willkommener Runde; ich betrat die Brücke, welche sondert das gepriesene Thal von Gasteins wässriger Kluft; Felsen, hoch und schwarz -- die Bothen der Finsterniß, umfaßten mich eng, den Schall der unter mir niederstrebenden Ache zurückbringend. Siedend, brüllend, mit zerreissenden Donner überspringt die rasende Ache dreimal zwanzig klaftrige Stufen, wäscht sich im harten Gestein die Kessel zum Höllenpfuhl, und wälzt dann, Vulkane im Toben verhöhnend, abwärts die ermüdeten Wogen. Das Zittern der zackigen Klippen, das Schlagen der erhitzten Wellen, die den Schaum in dichte Regentropfen formen, und naturwidrig aus der Tiefe über die Hütten hinweg zu den Wolken senden; die Finsterniß der sonnentwöhnten Schlucht, welche die aufsteigenden Dünste des siedenden Badwassers vollends umschleiern; endlich die wie Mühlen schwankenden Häuschen, welche auf einzelnen Felsen wie durch Balanze sich halten, ohne für kommenden Tag des Standpunkts versichert zu seyn: alles dieß kann wohl den neugierigen Fremdling entzücken, schwerlich aber dem Ruhe und Linderung suchenden Kranken willkommen oder trostbringend seyn.

Ich glaube die bekannten Merkwürdigkeiten dieses Badeortes übergehen, und nur einige erfreuliche Aenderungen neuester Zeit anführen zu müssen. Unter diese gehören vorzüglich, daß _Straubinger_, der erste und wesentlichste Wirth und Badinhaber, nebst seiner hölzernen von Wind und Wogen erbebenden Barake, nun ein sehr bequemes ganz aus Stein erbautes Haus für seine Gäste besitze, das er mit einem Kostenaufwand von 20,000 fl. Konv. Münze, eben so heldensinnig auf den dem Felsen abgewonnenen Raum hinzauberte: als das weiter oben befindliche neue Stall- und Wagenremise-Gebäude dem Wunsche und Bedürfnisse der Zureisenden entspricht. Sollte aber zum Glück oder respect. Unglücke die Anzahl der Kurgäste so zunehmen, daß sie in dieser zweckmässigen Wohnung nicht Unterkommen fänden, so müßte man freilich die traurige Zuflucht auch zum Mitter- und Grabenwirth nehmen, die sich, wie ihre Bäder, seit 30 Jahren gleich blieben.

Für alle Gäste gleich angenehm wären unbezweifelt die neu angelegten Spaziergänge zum Dianentempel am rechten, und zur Einsiedelei am linken Ufer der Ache. Die Pfade sind gut, mit Geländern und Stufen versehen, einem Gesunden überaus willkommen; ob aber diese ermüdenden Hügel den Kraftlosen hinauflocken und entschädigen können, möchte ich bezweifeln.

Man war so klug, bei dem dritten untersten Wasserfalle am rechten Ufer eine hohe Breterwand zum Schutz wider den sich hinüber ziehenden beständigen Staubregen zu errichten, wodurch zwar einigermassen der kleine Steg und die engen Strassen vor heftigerer Nässe gesichert werden, nichts desto weniger aber die Luft trockner wird; deßhalb auch immer gefährliche Kranke vor 10 und nach 4 Uhr das Zimmer zu verlassen gewarnet werden. Also sechs Mittagsstunden sollen dem leidenden Menschen zu geniessen vergönnt seyn, in einer Gebirgsgegend, wo jede Minute neues Leben haucht. Ich bedauere jene unglücklichen Patienten doppelt, die vor dem sicheren Hinscheiden noch früher das Grab erforschen; wünsche aber, daß der Antrag, die Badquellen eine viertel Stunde weit nach Badbrucken hinabzuleiten, wo mehr Raum und freiere Plätze sich befinden, baldigst realisirt werde.

Des andern Tags wies man mir bei Besichtigung der Badplätze, wie sich bereits verwelkte Blumen im Dunstkreise des heissen Wassers bald erfrischen und neu beleben; selbst meine _Gentianer_, die ich gestern am Malnitzer-Tauern pflügte, bekamen den vorigen Glanz. Dem profanen Kranken mögen immer diese Zeichen tröstende Vorbedeutung zur Genesung seyn, ich möchte den Grausamen nicht loben, der prahlerisch ihm die Ursache enthüllte.

Welche Krankheiten hier meistens glückliche Kuren erwarten dürfen, ist zu bekannt, demohngeachtet wird sich Niemand wundern, wenn er die Zauberkraft dieses Wassers wider alle Uebel von Aerzten und Chirurgen zu Gastein anrühmen hört.

Ich hatte mich satt gesehen und gehört, an dem stürmischen Heilorte, und wanderte mit dem frommen Wunsche, daß allen Anwesenden so rüstig fortzuschreiten vergönnt wäre, nach

Badbrucken

hinab. Dieses Dörfchen mit seinen Mühlen und Bäckereien biethet wenig Reitz; desto mehr Nahrung spendet die Umgebung. Fette Wiesen, Ackergründe, forellenreiche Bäche durchziehen das weite Thal bis zu dem anderthalb Stunde entlegenen Hofgastein. Pferde, wie ich sie nur beim Schiffzuge sah, zogen hier mit der Kraft von Elephanten den kreischenden Pflug; das Hornvieh glänzte vor Pflege und Wohlstand; nur die Menschen schienen den glücklichen Wechsel minder zu fühlen; stille und in sich gekehrt verrichteten sie die Feldarbeit, und wollten für sich und Andere keine Aufmerksamkeit erregen.

Die kleinen Oertchen Remsach, Gadaumern, dann Heilfing und Felding, welche die Strasse besäumen, fand ich auf keiner Karte, sie dürften also neuesten Ursprungs seyn. Endlich erreicht man

Hofgastein.

Dieser finstere Markt, der nebst sehr alten Häusern auch einen grossen Kirchhof besitzt, dessen zahlreiche Trophäen zum Theile im neuesten Style glänzen, könnte füglich als Ursache der Traurigkeit der Umbewohner gelten, so wie die Zuflucht der Kranken nach Gastein weniger erfreulich machen. Ich erfuhr auch wirklich vom Grabwärter, daß mehrere der schönen Monumente ihre Existenz den hier Genesung suchenden Fremden zu danken hätten. Natürlich können unter vielen Kranken nicht alle gesunden!

Bis hierher soll vor Zeiten das Badwasser geleitet worden, und dieß zu erneuern, nun abermals der Antrag seyn; die Häuser und Menschen würden dadurch bald ein lustigeres Ansehen gewinnen.

Die prächtige Fahrstrasse währet fort über die Dörfchen Laderdig, Haarbach und Dorf. Hier beginnen die ganz hölzernen Häuser, deren höhere, mit breternen zierlich ausgeschnittenen Gängen beim ersten und zweiten Geschoß umfangen werden. Bisweilen bilden diese Gallerien die Vorrathskammern für Mais, Klee, Flachs, Holz u. d. gl. man sieht dadurch gar kein Fenster, und fürchtet, die Häuschen müßten umstürzen vor dieser überhängenden Last, die man hier am bequemsten aufzubewahren glaubt. Das beinahe flache Dach besteht aus neben einander gelegten mit schweren Steinen belegten Bretchen; man erspart dadurch kostspieliges Eisen, und sichert, daß der Wind weniger die Dachung enthebe. Freilich durchdrückt oft solch ein schwerer Stein das mürbe Dach, oder rollt hinab auf Menschen und Vieh, und erregt grösseres Unheil, als hätte der Sturm das ganze Dach geraubt; allein das Unglück findet überall seine Wege, und wer es am meisten fürchtet, ist zuerst sein Gefangener. Im Wildbade Gastein mögen jedoch einige dieser Dächer die Hipochondristen nicht wenig ängstigen, ich finde sie daher dort mehr, als im ganzen Salzburgischen und Theilen von Tirol anstössig.

Ausser Dorf rücken schon die wilden Kalkfelsen der finsteren

Clam

entgegen, man blickt zurück, um Abschied zu nehmen von dem freundlichen Thale, das eine so abschreckende Pforte besitzt; kaum bemerkt man das Oertchen Mayerhof, welches schon im Felsenkessel gelagert, von der Ache, Klippen und Schneelavinen nur geduldet zu werden scheint. Die _Clam_ ist bekannt, sie war bis vor drei Monaten die schrecklichste Passage, welche Deutschland aufzuweisen hatte; die Kluft ist noch fürchterlich, wird ewig merkwürdig bleiben: so lange die 300 Klafter hohen Felsenwände sich hinbiegen über den Wanderer; so lange die Ache donnernd und brausend herauf schäumt aus dem tiefen Beet auf die Strasse, den Staub ihr abzuspühlen; so lange die Sonne stiefmütterlich das Thal übersetzt, es fortwährend der Dämmerung zu überlassen. Keine Macht kann hier Aenderung treffen, in den wilden Formen dieses sonderbaren Felsenlabyrinths, nur Rütteln des Erdballs kann die Wände wieder schließen, die über ihr voriges Nichts -- das Chaos zusammenstürzen, die Welt mit ihren Trümmern zu begraben. Die Reste des alten Schlosses _Clamstein_ -- der Thurm und Wohnort des ehemaligen Wachpostens, alles, alles wurde durch die Fluthen verschlungen und Schneelavinen begraben, kaum beweist eine einzelne Thorsäule beim Eingange in die _Clam_, deren ehemalig unnütze Existenz! -- Aber schönere Werke sind hier seit Wochen ins Leben getreten; eine Strasse, werth daß sie ein gütiger Kaiser begnehmigte, wurde den Felsen und der Ache abgezwungen! Statt den über Abgründe schaukelnden Bretelwegen, die vormals den Reisenden mehr, als die lockeren Bäume und Felsen, welche über seinem Haupte balanzirten, erschütterten: wölben sich nun mächtige Quaderbögen aus der Ache empor, Geländer darauf von Stein oder festem Holze, sichern die größtentheils für zwei Wägen breite Strasse; wo der Fluß nichts hergeben konnte, mußte sich der Felsen zum Weichen bequemen; den Gießbächen und Wasserfällen, welche den Höhen entstürzen, und sonst den elenden Weg stückweis verschlangen, wurden nun unter der Strasse gemauerte Kanäle zur Ache hinab angewiesen; die niedrigeren überhängenden Klippen, die täglich hundertmal den Tod drohen, sind durch Meissel und Pulver von ihrem Punkte verbannt. Auf alles wurde gedacht, die Festigkeit des Willens, und Sicherheit der Strasse zu bekräftigen; nur läßt sich nicht wiederbringen, was die Vorfahren unsinnig verdarben: Die Bäume, deren Wurzeln noch an den Steinwänden ihre ehemalige Kraft und Anzahl versichern, wurden aus Unverstand und blöder Gewinnsucht gefällt, sie waren Schutz im Winter gegen andringende Lavinen, wenn nicht ganz, doch gegen gefährlichere Explosionen. Nun vergeht kein Winter, wo nicht diese zerstörenden Gäste die Bahn einige Zeit hemmen, Steine entlösen und Menschen zu Grunde richten.

In Reflexionen, wie jeder Stein von diesen ewigen Schanzen, die für Gemsen unersteiglich scheinen, Tod und Verderben dem Wanderer bereite, wurde ich durch Glocken-Geläute gestört; ich glaubte meinen Augen nicht trauen zu dürfen! Jenseits der Ache, hoch auf den zackigen Vorsprüngen, sah ich Senner hinter Hornvieh niederschweben; klein, wie Kaninchen, schienen die Kühe mit Fittigen herabzugleiten, immer grösser wurden sie und die Gefahr ihrer Wanderung. Ich frug einen Wegmacher, wer diese Thiere dort hingezaubert hatte? Mit Lachen erwiederte er: es wäre ein Steigel von einer Alm, auf dem die, welche hinauf kletterten, nun wieder hinab müßten; es sey freilich unham (unsicher) zu gehen, aber für gewöhnte Füsse nicht tödtlich. Ich wollte hier kein wahrscheinliches Unglück abwarten, sondern zog eiligst davon, Jedem herzlich wünschend, der Welt verhängnißvolle Pfade glücklich zu überschreiten. Minder furchtbar schienen mir nun die donnernden _Cataracten_, die sich tief unter meinen Füssen in finsterer Kluft tumelten und nicht verstummten, bis sich die _Clam_ nach einer Stunde im anmuthigen Salzathale endigt. Den letzten Versuch wagt hier noch die niederstürzende Ache, die Unabhängigkeit zu erringen, wie der Feind, welcher alles zu gewinnen oder zu verlieren bereit ist; er überbiethet seine Kraft, erschöpft sich, und erliegt in plötzlicher Unkraft!

Salzathal.

Dort wo die mächtigere Salza die wildere Ache besiegt, in dem ewigen Staubregen preiswürdiger _Cascaden_, zwischen Felsen, gleich den Grotten Neptuns, möge jeder Wanderer sich hinstellen, und ein halbes Stündchen widmen. Krieg und Frieden zeigen hier so treffend ihre Bilder, daß man sich geschmeichelt fühlt, die Gränzen von beiden so genau angeben, so vortheilhaft einsehen zu können. Den Gräuel der Verwüstung um sich und im Rücken, lagert sich vorwärts das sanfte Thal mit dem Postörtchen _Lind_, an beiden Seiten der hölzernen Brücke über den mächtigsten Fluß des Salzburgerlandes. Heiter winket im Westen das niedliche Schlößchen des Amtes. Mühlen, Hammerwerke, Kohlenmeiler und rege Hände am Flusse und im Grünen, verkünden Fleiß und Thätigkeit, welche die Salzathalbewohner allbekannt zieren. Kein Gaul zeigt hier müssig seinen riesigen Bau, oder verschrumpft bei kärglicher Nahrung auf elenden Wiesen. Die Berge, so hart sie das Dörfchen bedrängen, entschädigen mit reichlichem Holze und üppigen Klee; wärmer kräuselt der Osthauch die Blätter im offenen Thale. Weniger passen sonach die trägen Gemäuer des aufgehobenen Benediktiner-Klosters _Schwarzach_, in das lebendige Tableau.

Die Strasse, welche ich nun an der Salza nach _St. Johann_ fortwanderte, ist ebenfalls neu angelegt, und für Wägen eingerichtet, kein engbrüstiger Reisender darf ferner sein baldiges Ende in der Salza vermuthen. Geländer und glänzende Erlen wahren vor Unglück und verhüllen die Tiefe. Hie und da gibt es zwar steilere Plätzchen, die aber durch ihr Pitoreskes den Fußreisenden für seine Mühe nur einigermassen entschädigen.