Chapter 12 of 13 · 3984 words · ~20 min read

Part 12

Nicht ausser Acht ließ ich die aufgerichteten Steinhäufchen, neben denen man leichter zur Höhe gelangt; obgleich mich öfteres Einsinken in Schnee bis an die Brust, auf Gedanken von Irrwegen brachte. Das Kreuz über der hohen Wand, und die darneben wie ein Männchen errichtete Steinfigur, waren meine Aufmunterer, wenn ich halb verzagt und unwillig, mich in Schnee nicht niedersetzen zu können, diese romantische Plage verwünschte. Dieß ging noch hin; als ich aber zwischen dem trugvollen Schneeweg der steilen Wand, von der Linken zur Rechten, mehrere Gruben fand, in denen hinabrutschend mir die lockeren Pflaumen kein Anhaltspunkt wurden, sondern mich beinahe erstickt hätten, wollte ich einige Male die Last, welche meine Brust preßte, und vorzügliches Hinderniß des schlechten Fortkommens schien, wegwerfen; aber das Gewehr ausgenommen, (welches überdieß ein werthvolles Angedenken war,) konnte ich ohne der andern Pagage meine Reise nimmer fortsetzen; alles mußte erhalten werden, um alles zu gewinnen. Dem _Duna_ ging es noch schlechter, obgleich von der größten Gattung, sah ich ihn doch nie, ausser herabpurzeln in Schnee, um wieder die Höh zu erklettern. Ich begreife nicht, wie Schafe, bei ähnlichen Hindernissen über diese Tauerwand gelangen können! Das beständige Durcharbeiten im Schnee, die ängstliche Sorge, in demselben abglitschend zu erfallen oder auf immer begraben zu werden, brachte mich dermassen in Schweiß, daß ich bei geringstem Stillstande todt umzusinken fürchtete. Aber der beste Wille fruchtet nichts, wo die Kraft mangelt; ich mußte mich zeitweis erholen! Da sah ich, wie mit wildem Gekrächze von des Teufelshorns düsterem Felsenthale, ein Rabenschwarm sich hinschwang über die mageren Winterspitzen, wo nichts mehr für ihren Scharfblick zu finden, in die Gegend meiner Wünsche, weit von der Tauernwand, dort die Tafel zu finden! Neidvoll um ihre Schnelle, die sie überall in Sicherheit bringt, blickte ich ihnen nach, bis sich deren fittige Zahl mit einem schwarzen Streife entzog. Zum ersten Male hatte ich mir eines Thieres Gabe gewünscht; aber der Augenblick und die Veranlassung dazu, werden mir ewig merkwürdig bleiben. Unterdeß war ich doch der schroffen Wandspitze genahet. Sonderbar grinset zur Rechten eine kleine Felsenhöhle mit zwei holzbemalten Bildern; Eiszapfen kristallisiren deren zerklüftetes Gestein, und hartgedrückter Schnee könnte dem Wanderer einen Sitz biethen, wenn er hier Muse zur Ruhe fände. Das ältere Bild zeigt, wie vier Männer auf dieser Alpe vom Schnee verschüttet, und zwei derselben in die Ewigkeit befördert wurden. Das andere jünger und besser gemalte, beweiset die Rachelust eines Gemsenjägers, wodurch er seinen Rivalen (der Abbildung gemäß, wahrscheinlich auf dem Schoppmol,) durch einen Meuchelmörderschuß auf immer des Jagens enthob, und sich zum Herrscher dieser Höhen frevelte. Nirgends mögen dergleichen Scenen in unpassenderen Oertern verewiget werden, als wo die Umgebung schon so sehr dem Unglücke zuspricht. Einige Klafter höher endet die lästige Tauernwand mit scharfer Schneide, so zwar, daß sie dachartig, aber steiler, allsogleich wieder hinabführt nach Saalfelden. Die Ueberraschung, welche sich hier aus dem grellen Unterschiede der Landschaftskleidung entwickelt, könnte man Zauberwerk nennen; wenigstens weiß ich ihr keinen andern Ausdruck zu geben. Sommer und Winter, enge sich paarend, und geschieden bloß durch diese Felsenkante, locken und drohen dem staunenden Wanderer in gleichem Grade. Zwar besitzt auch der obere Theil der Salzburger-Tauern-Höhe in seinen Rissen oder Vertiefungen hinlängliche Schnee-Vorrathskammern, zur Speisung kristallener Flüsse; aber etwas tiefer und ringsherum, entsteiget der besser gewordenen Erde Versöhnungsopfer. Nächst dem balsamischen Kräutergrün und Alpengebüschen, ringen höher und stolzer um den Preis, pyramidige Lärchen und Tannen; manche Sennerei, manch freundliches Hüttendach hat sich dazwischen auf blumigtem Streif ein Plätzchen gewählt; sanft sprichts den Willkommsgruß dem Fremden. Sprudelnd eilen die Wässerchen, in Minuten zu Bächen gereift, die kürzesten Wege hinab, den ferne glänzenden Zellersee mit kalten Wellen zu erfrischen; die Lüfte ziehen wärmer, Schatten schmücket die Pfade, vielfach theilt sich das Grün der wonnigen Flur, über welche hier eine Herde Ziegen ihre Sprünge versucht, dort wohlgenährte Kühe im Scherzkampf mit einander sich tumeln. Sanft wiegen sich schon wieder auf elastischen Laubzweigen die munteren Sänger des Forstes, dessen heiliges Dunkel sie schützt vor des Raubgefieders tödtendem Blick. Saalfelden tief im Thale versenkt, von silbernen Bächen und ähnlichen Weiden geziert, glänzt von Azur und goldigem Schmuck, den die Natur so zu mischen nur weiß! Noch kleiner, Punkt ähnlich werden die Häuschen der ferneren Ortschaften; kaum hinreichend scheinen sie das Glück braver Familien zu umschliessen -- wenn dasselbe nur immer groß und stolzirend aussehen müßte!

Flächer lagern sich die Wolken auf die verbrämten Alpengipfel; sie entziehen dem Blicke nicht das Freie, sondern begünstigen die Uebersicht, weil die glühenden Sonnenstrahlen auf den Gletscherspitzen sich reflecktirend, durch jenen Schleier das Auge weniger blenden.

Somit prüft man im halben Abenddunkel die Spitzen und Tauern, Kogeln und Hörner und alle jene Riesen, welche in Kolonnen aufgestellt von Anbeginn der Welt bei allen Revolutionen und Feindseligkeiten der Erde ihren Rang und ihre Würde behaupteten. Froh weihet der Pilger diesen Helden die erzwungene Ehrfurcht, indem er so glücklich war, über sie die Musterung zu passiren!

Nun wendet er das Antlitz, um seiner Eigenliebe mit der Menge von Hügeln und Bergen zu schmeicheln, welche seine Kraft bei der Herreise besiegte. Aber fort! -- denn hier kann sich die Phantasie nimmer gefallen! Nichts als ein Thal, wüst und schneeig, der Hundskopftod, Watzmann, Königsberg und alle die Bekannten von gestern sind darum aufgethürmt, für Ewigkeit den Sommer einen Durchgang zu versagen; pfadlos grinsen die Felsen, dichter die Lavinen, breiter und unruhiger die Glätscherbäche, man widerspricht sich, darüber je hergewandert zu seyn! Aber unten fleht aus schneeigem Beet Romosers Hüttchen um Erinnerung; dann erkenne ich den ehrlichen Hirten, wie er der Tauernwand genaht das Losungszeichen erwartet, und nach meinem ersten Schusse ein blaues Tuch auf seinem Stabe schwingt; später erst bringt mir die säuselnde Luft einige Töne seines Freudenrufes herauf. Rechts auf den Wänden der Weisbachalpe, wo gleichfalls die grüne Farbe ein Fremdling, überraschen mich die Uebungsspiele der Gemsen. Meine Schüsse mögen sie aus der Nähe verscheucht haben, zufällig sah ich mit dem Fernrohre, wie sie auf einer Felsenspitze sich sammelten, von da über die Schneewand auf den Hintertheilen pfeilschnell hinabruschten, und die Höhe abermal erklimmend, dieselbe Fahrt wiederholten. Deutlich konnte ich unterscheiden, wie einige dieser Gymnastiker, entweder zu jung oder ungeschickt, sich überwarfen, Zwei aber oben herumspringend, sich gar nicht hinabwagten. Wäre ich mit den Eigenschaften und Naturkünsten dieser Thiere nicht schon etwas bewandert, so hätte ich seltsam zu träumen vermuthet! Nun riefen mich Tantalus Qualen von dannen; aber die Hoffnung, sie die herrliche Göttin! sprach Trost im nährenden Thale! Ich konnte so kalt von der Stelle nicht scheiden, wie der Schnee, welcher unter meinen Füssen schwand. Am Malnitzer-, Heiligenbluter-, Radstädter-, und auf den übrigen Tauern können Pferde dem Wanderer nützen, hier vermag er nur sich selbst zu helfen, wenn ihm die Kraft nicht erstirbt, oder der Muth ihn nicht verläßt. Ach wie Viele (beschloß ich mein Selbstgespräch) gingen von hier dem schnellen Tode entgegen, und du bist geborgen, und gewarnt zugleich! Schnell nahm ich mehrere lose Kalksteintrümmer, erhöhte damit die kleine Signalsäule, welche mich leitete vom schneeigem Thale herauf, legte mit aller Anstrengung eine breite schieferähnliche Platte dazwischen, und schrieb auf deren Fläche mit schwarzer Oehlfarbe:

„Frisch o Pilger! unverzagt Sey der Weg zum Ziel gewagt! Leicht errungen ist der Preis, Wenn man ihn zu schätzen weiß.“

Dieser Zeiger, nun bei sechs Schuhe hoch, dachte ich könne eher dem Wanderer in der Ferne sich kennbar machen, als das kleine aus Lattenholz aufgestellte Kreuz daneben, welches etwas mehr Schnee ohnedieß ganz zudeckt. Die Worte, wenn sie ein Vorbeikommender zu lesen vermag, sollen seinen Geist ermuthigen, ganz Profane mögen in diesen Hieroglyphen Bibelsprüche vermuthen, und sich bekreuzigend ebenfalls Beruhigung fühlen.

Langsam konnte ich nur abwärts gelangen, denn wie ich einen Schritt machte, gleitete ich mehrere nach, so glatt oder so steingeröllig ist der schroffe Pfad. In der Ueberzeugung, Niemanden mit dem Fernrohr gesehen zu haben, der heraufzuklettern strebte, machte ich mir das seltene Vergnügen, ein Paar grosse Steine geflissentlich von ihren lockeren Plätzen zu rücken. Knirschend, prasselnd donnerten sie herab, auf ihrem fürchterlichen Fluge Hunderte von schwereren Steinklumpen entlösend, die kleineren gar nicht zu zählen, welche wie ein Schlachtgeheul ihr Gepolter trieben, während die größten mit Kanonenstimme das Gewehrfeuer übertönten, und die Alpenmassen rüttelten. In weiten Zügen folgte ihnen der aufgerissene Schnee aus den Klüften, und das Erdreich, wo sie es fanden, wirbelte zu Staub sich in die Luft, bis eine tiefe Grube oder feste Wand sie bezähmte; minutenlang rollte sonach das Echo in den Gebirgsthälern umher, wie das drohende Murren der Völker zum Aufruhr.

Nun hatte ich die gefährlichste Passage zurückgelegt, ich befand mich bei einer Sennhütte auf kleiner Wiesenfläche; schon hatten sich deren Bewohner in die wärmere Tiefe geflüchtet; sie both nun nichts als Schutz wider Regen, und dessen bedurfte ich nicht. Bald darauf ergetzte mich klares Trinkwasser -- ein geringer Fund, aber von grossem Werthe, wenn man es sucht!

Die übernassen Stiefel wechselte ich mit Schuhen, um wieder ein trockenes Fleckchen an mir zu fühlen, und leichter den besseren Weg fortzuschreiten. Dieser bog sich nun in finsteres Nadelholz, das zum Theile durch die Axt viel Unfug erlitt. Wohlwissend, daß, wenn ich dieser ungeheueren Baumschule der Natur mich endlich entwunden, auch die bekannten Gränznachbarn meiner Alpe sich längst von mir getrennt haben würden, suchte ich sie mit wehmüthigen Blicken mir erinnerlich zu erhalten, für die tiefe Fremde, wohin sie stolzer niederspötteln würden. Eben schmückte sie des Mittags feuriges Roth, der Abglanz ihres Scheitels wirkte auf deren hohe Figur, sie schienen nicht was sie waren. -- Wo Rosen und Lilien der holden Braut so schön am Antlitze wechseln, und heiter der Blick zum Erkohrnen spricht; da suchet wohl Niemand den häßlichen Fleck, wo mancher Gattin Mißlaune einst wurzelt!

Wärme schienen sie zu lügen die frostigen Alpen, leicht erspringbar ihre Gipfel -- es war die falsche Lock, mehrere der Ueberwundenen zu ihren Füssen oder Gürteln zu zählen!

Die Schatten der Wolken zogen itzt dichter über die Erde und ihre Geheimnisse, und kümmerten sich nicht um deren Gräben und Klippen; ich aber belächelte meine Resultate, die sich aus milzsüchtigen Vergleichungen, Nebel ähnlich entspannen, und dennoch geraume Strecke in Wald mich begleiteten. So wie ich tiefer gerieth, wurde kleiner die Welt, traurig sah ich mir von einen Hügel um den anderen die Alpen schneller entziehen, bis der frechste mir des Tages goldene Scheibe höhnend verbarg. Diese Zwergberge hatte ich von der Tauernwand sicher nicht beachtet, sie schienen darüber erboßt, gleich dem gemeinen Pöbel, der unerkannt von schöneren Stellen, seine Wenigkeit in der Nähe desto fühlbarer macht.

Zwei thätige Holzhacker waren die ersten, welchen ich bald Stoff zu lächerlichen Bemerkungen gab. Sie bestätigten die Richtigkeit des Weges, meinten aber es wäre vergebens gewesen, sich auf so gefährliche Art zu ranzioniren, indem die Ueberreiter (Gränzaufseher) zu wachsam, mich sicher finden und ausliefern würden. Ein herrliches Kompliment! Ich fragte nicht für wen sie mich hielten, und ging, meine etwas invalid gewordene Kleidung betrachtend, unwillig weiter. Endlich übersah ich einen grossen Wiesenabhang; rechts brüllte aus demselben prächtiges Hornvieh seinen Baß, in den sich der Tenor einiger 100 Schafe ober mir mischte; links auf einem isolirten Wasenhügel ruht das

Schloß Lichtenberg

mit zwei Thürmen. Von seinem einstigen Wohlstande, worin sich die Ritter von Lichtenberg gefielen, ist es dermassen herabgekommen, daß kaum einige schlechte Zimmer zur Wohnung für den Jäger und seine Angehörigen erübrigen. Die weisse Uebertünchung, die man ihm statt nothwendigerer Reparaturen schenkte, entstellte es vollends zum armseligen Zwitter; das geachtete Alterthum schwand dadurch, ohne von der neueren Bauart das Zierliche zu haben. Ober diesem Schlosse, hoch aus belaubter Felsenkluft blickt eine wohleingerichtete Einsiedelei auf das Thal.

Vorwärts, an der forellenreichen Ache, dehnen sich die reinlichen Häuschen

Saalfelden’s;

in das Klappern der Mühlen und Bretersägen stimmet der muthigen Rosse Gewieher, aus Garten und Ställen. Angenehmer als der gesammte Tumult des ansehnlichen Marktes, war mir der stille Rauch, welcher sich in ernsten Formen über die Schornsteine wölbte. Der größte schien mir als werthvollster, das Wirthshaus zu verrathen; doch mußte ich vorher den sich krumm gelaufenen _Duna_ versorgen.

Schon meine Nachfrage um einen Metzger (Schlächter), sammelte viele Neugierige; als sie aber dort einige Pfunde rohes Fleisch von dem verhungerten Hunde verzehren sahen, und ich auffallend unbarbirt, um die mögliche schnelle Beischaffung eines neuen Beinkleides, wenn auch zu höherem Preise mich erkundigte: folgte mir der immer stärker werdende Trupp bis zum Gasthause. Neugierde ward mir auf Wanderungen nicht fremd geworden, ich überging sie daher als etwas Gewöhnliches. Als mich aber im Zimmer die Bauern mit beständigen Fragen zunehmend heftiger quälten, und ich mehr für sie als meine Restaurirung da seyn sollte, antwortete ich gar nicht, oder was mir beliebte. Die gebietherische Aufforderung eines Marktschreibers, oder wer er sonst seyn mochte, mich vom Imbiß weg augenblicklich sammt Sack und Pack zum Amte zu verfügen, glaubte ich kaltblütig überhören zu müssen, und allenfalls meinen Paß durch einen Diener des Wirths hinzusenden. Aber dieß genügte dem ruhmrednerischen Schreihalse nicht; ich both ihm gleiche Münze für seine Grobheiten, und somit entspannen sich unangenehme Auftritte und komische Verfügungen. Jeder Fußreisende ist übrigens solchen Lästigkeiten immer mehr ausgesetzt, als der Fahrende, und am häufigsten in wenig besuchten Gegenden, obgleich man dort die Insassen gutmüthiger denken sollte.

Ich verließ folgenden Tags Saalfelden, das mich freundlicher gegrüßt, als aufgenommen hatte. Ueber der Ache betrat ich eine lange Wiese, die zu naß ist, als daß sie je etwas Gutes hervorbringen könnte. Wie mag im Winter bei diesem saueren Heue das Vieh den Verlust des wohlschmeckenden Kräuterfutters der Alpenweide fühlen! Vielleicht daß die Bauern sinnreich den gleichen Grundsatz einiger Doktoren »nach Schwelgen seye die Fasten sehr zuträglich« auf ihre wohlgenährten Herden in Anwendung zu bringen suchen, und darum diesen schwarzen Fruchtboden als Medizin betrachten, und der Auswässerung überlassen.

Um eine Krümmung zur Rechten, bog sich nun der Pfad zum

Zellersee.

Gerne hätte ich von meiner lieben Weisbachalpe schlüßlich Abschied genommen; allein sie war zu stolz dieß zu gestatten! Wolken und Nebel machten ihr den Hof, sie wollte erst später dem Volke sich zeigen. Aus Unkenntniß des Weges ließ ich den See rechts, und umging so die Fahrstrasse und den Markt Zell. Ich hatte dabei wenig verloren; denn der schönere Gangsteig und die höhere Uebersicht der malerischen Ufer, entschädigte mich vollgütig für Zells alte Häuser und sonderbar gothischen Kirchthurm, welche im Wasserspiegel sich schattirend, dem Markte ein grösseres Ansehen geben.

Lästiger war der Umstand, daß ich von Schütt (einem kleinen Dörfchen am See) überfahren mußte, um nicht in pfadloser Schlucht (oder Einöde, wie man es nannte) nach kurzer Zeit eingeschlossen zu werden: aber Niemanden fand, der weder durch Geld, noch Bitten mein Fährmann seyn konnte. Die Fischer, deren Ansiedelung hier viele Kähne beweisen, waren abwesend; die Bauern aber beim Frühstücke thätig, wollten sich durch Strapatzen den reichlichen Imbiß ja nicht verbittern; und so blieb mir, da die Schiffe angeschlossen waren, kein Machtspruch übrig, als -- Geduld!

Endlich erbarmte sich ein armer Greis meiner heiser geschrieenen Kehle. Der abgelöste Kahn, aus einem einzigen Lärchenbaume gezimmert, schien älter und gebrechlicher noch als sein Fährmann. Die Länge des unbehülflichen Schiffchens, verglichen mit seiner ungemeinen Schmäle, gibt den Fahrenden nicht die geringste Sicherheit auch nur bei mässigem Winde. Sein Hauch ruhte dießmal, und dennoch mußte ich mit meinem Körper balanziren, damit der Kahn nicht umstürze: anstatt daß ich dem schwachen Greise, den jeder Ruderstoß um eine Stunde seiner Auflösung näher zu bringen drohte, nach meinem Wunsche helfen konnte. Wie ganz anders fährt man über den _St. Bartholomäus_-See, wo die Kraft des Armes auf die Sicherheit des Kahnes (wenigstens bei Windstille) pochen kann.

In 25 Minuten hatten wir die Seebreite, dessen Länge zwei Mal soviel Ausdehnung haben mag, zurückgelegt. Die größte Tiefe desselben beträgt 42 Klafter; gegen die ringsherum flachen Ufer ist der See feucht, und endigt mit Schilf- und Moorgrunde. Ich sah noch keinen See von so viel Fischen belebt wie diesen; doch sollen sie in edler Sorte und Vortrefflichkeit denen der anderen Gebirgsseen nachstehen. Eben so möge die Luft bis Mittersill hinauf durch die Sümpfe, welche links an der Strasse vom Zellerbache und der Salza reichlich genährt, ihre Dünste im Thale giftig verbreiten, nicht sonderlich gesund seyn. Auf den Sumpfwiesen wird allenthalben der Heuvorrath in kleinen Stadeln (Kaischen) aufbewahrt, welche von weiten das Bild eines immer fortreichenden Chinesischen Dorfes biethen.

Ausser Zell, beim Dörfchen _Limberg_, befindet sich ein Kupferbergwerk. Gar nichts Merkwürdiges ausser ihren Namen, haben die Oertchen _Fürth_ und _Pisendorf_; man müßte nur die Kaltblütigkeit der Bewohner als etwas Wesentliches anführen, womit sie bei dem Mangel an Feldern, einige 100 Joche Wiesengründe von Sümpfen ersticken lassen, ohne durch vernünftige Ableitungen sich daraus fette Fruchtäcker erzielen zu wollen.

Früher schon blickten aus Süden in die idyllische Landschaft, die mächtigsten

Heroen des Salzburger Alpenlandes,

das Wisbachhorn, die hohe Kammer, und von einer Wiesenhöhe zur Linken erkennt man den Greisenvater Glockner, die Gränze mit dem Himmel und Ländern[30] bildend. Vom Haupte bis unter ihren Gürtel ganz in Schnee gehüllt, entstellt kein vorragender Stein, kein Flecken die glatte Form ihres schlanken Wuchses. »Wie oft,« dachte ich, »muß _Phöbus_ auf seiner Eilfahrt diesen Kindbetterinnen der Flüsse schmeicheln, bis deren Eisgeburten zu Wasser geschmolzen, hinabsinken in die flachen Beete der guten Erde; um zu _Boreas_ Triumphe dort wieder Brücken zu bauen in der Ströme würgenden Wogen, und dem tiefen Meere sonach die Geschenke der Alpen zu bringen.« -- Gibt dieses alljährig sich erneuernde Elemententheater nicht ein Bild des Lebens? Der Mensch, flüchtig wie Schnee, spielt auf der holperigen Lebensbahn mit Wünschen und Erfahrungen, gleich den Sonnenstrahlen mit der Eisdecke, unterliegt dem Zufall, wie sie der Wärme, wird oft wieder, was er war -- ein Kind, sinkt in das Grab, wenn er glaubt etwas errungen zu haben, und läßt, vom ewigen Jenseits verschlungen, nichts übrig, als den Nachruf seines einstigen Daseyns! -- Die Nachkömmlinge spielen über ihm die vorige Rolle.

[30] Kärnthen, Salzburg und Tirol; er mißt nach Schultes 12,000′ über dem mittelländischen Meere.

Diese ungeheueren Körper stünden, angestaunt von der lebenden Welt, todt und nutzlos da; hätte noch nie ein kühner Sterblicher sich auf ihre Zinnen gewagt, und erkannt, wie der Schöpfer seines Reichthums höchsten Schmuck dort ergründbar umbreite, während deren kleinere Brüder mit ihren Schätzen bunte Bewohner nähren, und hochstämmige Trophäen tragen, welche in die Ferne versendet, noch der Erzeuger Kraft verkünden. -- Gunstbezeugungen sind dem Grossen ein Tribut, den er nicht achtet; indeß der Kleine sie kärglich sammelt, und als Flitter triumphirend zur Schau trägt.

Beim Dorfe

Walchen

kommt man wieder zur Salza. Im Widerspruche mit der Sanduhr des Lebens, ist sie jünger geworden seit dem letzten Abschiede; der schnellere Lauf und die Sprünge dieser kleinen Nymphe, lassen zu sehr auf den Muth der stärkeren Jungfrau schliessen, mit dem sie als solche bei _Lueg_ die Felsen sich brach, und dann die Ufer majestätisch ausdehnte. Ich gab diesen Wellen Grüsse mit nach Hallein, und -- allen Lieben zu Wien!

Häufige Vogelbeerbäume sind hier, so wie bei Niedersill, das links bleibt, und um die Ortschaft _Lengdorf_ gepflanzt. Sie sollen für das Vieh sehr zuträglich seyn, und vor Ueberschreiung desselben bewahren! Einige Saatfelder und Kleeäcker erschienen mir bei _Uttendorf_ als besondere Seltenheit; desto bekannter dunsteten wieder die Sümpfe zu Dorf _Uggl_ und _Dobersbach_. Schöne Waldberge umsäumen fortwährend auch die Dörfer _Uettendorf_ und _Stuhlfelden_. Im Markte

Mittersill,

wo rechts auf der Anhöhe im ehemaligen Schlosse das Pflegamt sich befindet, genoß ich vollkommene Mittags-Erholung. Die bereits heute zurückgelegten fünf Meilen hatten mir das mässige Mahl herrlich gewürzt, und den minder guten Wein erträglich gemacht. Die Dienstfertigkeit des braven Wirthes verschaffte mir für nicht übertriebene Kosten das zu Saalfelden vergebens zum Kaufe gesuchte neue Beinkleid. Es erheiterte mich ungemein, jenes mit einigen Blessuren der Alpenreise behaftete, weggeben zu können, weil ich mit dergleichen Anzuge mich zu behelfen noch nie das Mißgeschick hatte. Von Mittersill führt der gewöhnliche Weg nach Tirol über den grossen Kettenstein und Trattenberg nach Kützbüchl, und dann ins Innthal nördlich nach Kufstein, südwestlich über Rattenberg nach Innsbruck. Das Innthal sollte mir zum Rückwege dienen; daher wählte ich itzt _den_ über die wilde Gerloshöhe in das durch sein Hornvieh berühmte Zillerthal.

Bauern-Oekonomie.

Ich schritt also abermal der Salza aufwärts, sie links lassend auf der Strasse, welche eigentlich ein Fahrweg, alljährig hundert Verwüstungen Preis gegeben, alle Unbilden einer viae malae dem Wanderer empfinden läßt. Die häufigen Gießbäche, welche allenthalben der Salza zueilen, und ihre Geburt in de Gebirgen entlehnen, wandern nicht selten auf der Fahrstrasse umher, und nehmen mit, was ihnen gefällt, und lassen zurück, was sie nicht brauchen. Diese Rudera eines Wagen- und Wasserpfades ermüdeten schon weit unter Mittersill, und dauern mit zeitweiliger Verbesserung bis zum Dorfe _Wald_. Mit den hölzernen Häuschen des Dorfes Hollersbach geben schöne Waldberge und Saatfelder ein reitzendes Tableau an der Salza; desto widerwärtiger erbittern den Oekonomen die allenthalben Holzvertilgung drohenden Umzäunungen, welche das Vieh vor Eindringen zu bewahren, hie und da doppelt eine elende Wiese oder versandeten Brachacker umstricken. Wenn man annimmt, daß diese aus dünnen Tannen und Föhrenbäumchen bestehenden Einfriedungen den jungen Nachwuchs der Wälder ausmachen, und bei solcher Verwendung nach etlichen Jahren verfault, nicht einmal zur Feuerung benützt werden, sondern der Verwesung überlassen, frische Stämme an ihre Stelle treten: so wird man nicht einstimmen in die Behauptung der albernen Bauern, welche ihre Wälder für zu groß, und im Vergleiche mit der geringen Nutzziehung daraus, in gar keinem Vergleiche halten. Müßten sie nur wenige Jahre um geringen Preis Holz kaufen, die Lücken im Forste würden weniger, die Aecker aber fleissiger mit Steinen und lebendigen Zäunen verwahrt werden.

Beim Dorfe _Mühlbach_ kann der Reisende, wenn er Zeit und Lust hat, das schöne Kupferbergwerk besehen. Eine halbe Stunde bringt ihn dann nach Dorf

Braunberg,

bei dem sich auf gleiche Entfernung, rechts in der Bergschlucht, eine der schönsten _Cascaden_ tumelt. Ich habe über hundert Wasserfälle betrachtet, und glaube so ziemlich ihren Werth aus deren Wassermenge, Steinformen, Sturzhöhen u. dgl. abnehmen zu können; demnach wage ich diesen in beiden ersten Eigenschaften vorzüglich, und in letzteren bedeutend auszuzeichnen. Am Bache fortwandernd, wachsen bald höher und enger die Thalwände; im Sturmmarsche dringen die Wogen heraus, und wälzen sich Steine im Felsenbeete zum Vertilgungskampfe mit der Salza; kühler athmet die Luft beim hitzigen Krieg der Tritonen, den man lange schon mit Erstaunen vernahm, und endlich übertäubet ersieht. Hoch vom chaostischen Felsengebäude entstürzt der schneeige Fluß, bald in ganzer Masse, bald in Arme getheilt, die Kluft stärker zu rütteln. Bäume, die er der Heimath entriß, ihnen die Fremde zeigen, hat sein zu rasches Toben in die Risse der Felsentreppe verschlagen, aus der sie ewig zum Spiel seiner Laune, doch nimmer entfliehn! Moos hat sich hie und da um die zitternden Stämme geschlungen, es sind die grünen Flecken, welche herrlich die silbernen Wasserbögen durchsticken und zeitweilig vom Sonnengott einen Huldblick zu erflehen scheinen. Aber sprühend überziehet die Fluth ihren Fall; kein Auge, kein Blick vom Himmel soll spotten über die tief Gesunkene; Staubregen von oben herab sie begleitend, und von unten empor sich wirbelnd, decket den donnernden Kampf und nässet reichlich die Runde, um selbst in der Ferne die Neugier zu bannen. Jedoch entzückt durch der Natur zauberische Seltenheit, weichet der Mensch nicht bei Gefahren, und Traufe sollte ihm diesen Neptunstempel schließen?

Auf einem Felsenstücke gelagert, dem zartes Moos und duftende Blumen holdern Schmuck bringen, als dem goldverbrämten Ruhebeete seine elastischen Stahlfedern, schöpft man hier aus der Brunnenquelle der ewig schönen Natur frische Labung! Mit der Städte lästig Geräusch vergleicht man dieses Anmuthige der Natur, mit der Dekoration prunkvoller Säle, diese des Orkus -- Seelengefühl schildert den Preis! Ein Windstoß zerriß itzt die Wasserkunstdünste und wehte den Himmel blau, unter dem sich die Schnellsegler der Erde -- einzelne Wolken hinzogen, als Plänkler zum beginnenden Treffen, der Sonnendiamant aber blitzte zwischen dem beweglichen Triumphbogen der Najaden, und sah mit abgehärteten Alpen eine Zeitlang als Sieger in die erboßte Kluft, bis sie neue Kraft gesammelt, die vorige Uebermacht errang. Von Gefühlen bestrickt, sinnet der Mensch und staunet der Geist, wie die Wunder sich häufen, wo man Zauber nicht wähnte! --

Taub vom Gebrülle der Wogen verläßt man das felsige Beet, die Schlacht ist vorbei, es lachet der Friede in Salza’s grünerem Thale. Höher rücken darin beiderseits hölzerne Häuschen auf die mit Wäldern besäumten Berge; man fürchtet, daß sie heruntergleiten müßten im Winter, wenn zunehmender Schnee sich neben ihnen die Bahn ins Thal wälzt. Ueber dem Dörfchen

Weiherhof