Part 9
Von den ersteren Dreien waren Zwei zugleich angekommen, diese mußten noch einmal rennen; nun hatten sich aber die Gaule auf der kaum viertelmeiligen Bahn bereits müde gelaufen, sie wollten also von neuer Schnelle durchaus nichts wissen. Schritt für Schritt, mit etwas Trapp, den ungewöhnliche Ruthenstreiche erzwangen, wurde nun zum wiederholten Male das -- Wettrennen ausgeführt! Kaum war der eine Reiter beim Ziele angekommen, als der Andere hinter ihm abstieg, und sein Pferd bei der Halfterschnur nachzog, um schneller den dritten Preis zu erhalten. Daß dieses zweite Rennen, dessen Schneckeneile mancher Zuseher vorging, Vielen etwas Neues, Allen aber gewiß Stoff zum lautesten Lachen wurde, unterliegt keinem Zweifel.
Einige Tage früher soll noch ein interessanterer
Wettlauf
von ledigen Dirnen aus der Umgebung Statt gefunden haben; den Preis machten unverarbeitete Kleidungsstoffe.
Eben so wurde für kommende Woche ein Wettgehen junger Burschen, welche bis an den Hals im Sacke eingemacht werden, bekannt gegeben. Diese Wanderung wird nur mittelst kleiner Sprünge bezweckt, welche öfteres Umfallen nach sich ziehen, wovon sich dann der Sackläufer nicht sobald ohne Mitwirkung der Hände erholen kann, sondern sich am Boden herumwälzend die lächerlichsten Situationen liefert.
Diese und noch andere Wettkämpfe, wozu die Streitfahrten der Fischer auf Seen von Oberösterreich, Salzburg und Berchtesgaden gehören, werden alljährig mitunter in anderen Bezirken begangen, und bleiben von der neugierigen Nachbarschaft ja nie unbesucht. Der anwesende Fremde gewinnt dabei ein doppeltes Interesse, am Feste sowohl, als auch an Kenntniß der Umbewohner, deren Wuchs, Wohlstand und Kleiderschnitt sich vorzüglich darstellen.
Von Hallein führt ein steiler Bergpfad nächst dem Kalvarienberge durch eine Schlucht nach dem Gränzposten
Schöpfruh,
der vor Zeiten als Mauth, so oft Gelegenheit zu Zwist und Rachsucht den Berchtesgadnern und Salzburgern unter einander gab.
In einem Häuschen, unter dessen Zwinger-ähnlichem Thorbogen die Strasse fortführt, befindet sich das österr. Zoll- und Aufsichtspersonale, und etwas tiefer unten zu
Zill,
jenes der königl. bair. Regierung. Waaren und rohe Stoffe müssen hier verzollt werden, Reisende aber, die von Salzburg nur einen Abstecher nach Berchtesgaden des herrlichen Königssees wegen machen wollen, können es immerhin wagen, ohne Besorgnisse um königl. bair. Paß.
Die krumme Fahrstrasse führt nun Anfangs neben duftenden Wiesen, von lebendigen Zäunen begränzt, welche man öfter anzutreffen wünscht, statt den holzfressenden Breteinfriedungen, welche undauerhaft überdieß noch in waldarmen Ländern häufiger bestehen.
Der herrliche Waldweg, welcher nun bisweilen neben der entgegen brausenden Ache, die nur durch ihr Geräusche dem Wanderer sich verräth, fortleitet, wurde durch die väterliche Sorgfalt des verstorbenen Königs _Maximilian Joseph_ zum Wohle seiner dankbaren Unterthanen hergestellt.
Lustig pilgert der Fremdling in das Ländchen, dessen Pforte schon so schöne Spuren von Kultur und Anmuth trägt. Bald grüssen ihn freiere Bilder der sinnreichen Natur in
Berchtesgaden’s
Hügelthale, das besäet mit Hütten und Häusern, durchflochten von Wäldchen und Wiesen, beschimmert durch der abstürzenden Bäche murmelnden Streif, und umwunden von den Stachelgürteln der Alpen mit ihren beschneiten Spitzen, ein zauberisches Blendwerk magischer Kunst schiene: wären nicht Gegenbeweis, rüstige Arme, die allenthalben ihr thätiges Daseyn verkünden. So eilen über der Fluren gemähtes Grün die munteren Dirnen zur Heimath, nicht fühlend die wiegende Last der duftenden Kräuter, nur des Lobes gewärtig der emsigen Herrin. Dort über die steinige Höhe schleppen wohlgenährte Rinder die astlosen Lindenstämme zu mancherlei Arbeit bestimmt, in die entlegene Scheune; die Brust kracht im krummen Joche, ihre Gewalt erstickt, Meister und Gesellen müssen sich mühen, mit schwächerer Kraft die gedämpfte Stärke zu unterstützen, die Axen knarren empört, doch menschlicher Wille vollbringt.
Von des schwarzen Domes zugespitzten Marmorthurme schallet vielglockiger Ton echovermehret herüber, er scheinet ein Fest zu verkünden, ob Trauer, ob Lust zur Sprache ihn rief? -- es sammeln sich Bewohner des Marktes!
Friedlich umschliessen desselben 142 zerstreute Wohnhäuser, die nach den Vermögensumständen der 1000 Einwohner, theils von Holz, theils von Stein aufgeführt sind, ihre drei längst erbauten Kirchen; was den ärmlichen Wohnungen und krummen holperigen Gässen an Anmuth fehlt, das ist den meisten Gesichtern der freundlichen Bewohner aufgeprägt, die gerne den Fremden unterweisen, in die Werkstätten der Künstler und Professionisten ihn führen, und den Dank seiner Willkühr überlassen.
Ferne über des Marktes Bereiche wirbeln sich schwarze Dünste in Wolken zusammen; höher breitet sich unter ihnen die Finsterniß, von jenem Winkel scheint die Nacht ihre Bothen zu senden; ein Windstoß -- und zerrissen ist der täuschende Schleier; das schöne Pfannhaus zu Fronreit zeigt sich dem Fremden mit all dem Glanz und Grossen, wie sich der Stolz dem geringeren Anblicke nur zeitweis zur Bewunderung überläßt.
Ich wanderte durchs Unthal, die Gasse des Vormarktes; Lärmen und Jubel beim Wirthe _Springler_ um die zehnte Vormittagsstunde, schien etwas mehr als gewöhnliches Sonntagsfest zu verkünden, auf meine Frage bekam ich mehrstimmiges Hozet
(Hochzeit)
zur Antwort. Unglaublich! kaum zwei Stunden vom Salzburgischen entfernt, und einen Rasttag! ohne früher den preiswürdigen Königssee zu bewundern? Dieß hätte ich nimmer gedacht; aber auch eben so wenig, Zeuge einer Hochzeitfeier zu seyn, wo mitten im Gebirgslande die kräftigsten Burschen und hübschesten Dirnen bei Tanz und Jubel sich ergetzen; dieser Seltenheit kann man wohl einen halben Tag widmen.
Bei meinem Eintritt überzeugte ich mich alsobald, daß des Bachus siegend Panier auch in die entfernteste Gebirgsschlucht gedrungen; denn schon hatte die Freude oder der Wirth manchen der männlichen Gäste zu freigebig mit Wein überladen; die Macht des Geistes, oder die Schwäche der Füsse warf dann den zu stark Durstigen röchelnd in einen Winkel des Zimmers, während die Anderen diesem bald zu folgen, mit vollen Gläsern ein Spottlied über den Gesunkenen anstimmten. Nun kommt der Bräutigam am Arme seiner Auserwählten. Ein ausgelassenes Zurufen tönte aus allen Kehlen dem Brautpaare entgegen, wofür sich beide durch zwei geleerte volle Gläser bedankten. Alle die nicht zur Hochzeit geladen waren, mußten nun den Saal räumen, jedoch gönnte man mir als Fremden freundlich mein einsames Plätzchen, was mich einigermassen die Trunkenheit dieser Leute wieder vergessen machte.
Nach dem Mahle, wo wirklich Ueberfluß herrschte, und ich so ziemlich die ungezwungenen Naturmenschen zu erkennen Gelegenheit hatte, gab Jeder seiner Dirne, welche während des Essens schon hinlänglich abgeküßt wurde, seinen Arm, und man tanzte, daß der Boden durchzusinken schien; mir wurde des Klatschens und Singens wegen für mein Gehör bange, und schwerlich hätte man einen Büchsenschuß wahrgenommen; ich fand aber an der Behendigkeit einiger nicht mißgestalteter Dirnen, sich um den Finger ihres Tänzers etliche zehnmal zu drehen, Behagen, und duldete dieses Allarmgeschrei ein paar Stunden; nun wurden mir aber diese Zeremonien lästig, und ich eilte von dannen.
Was den unmässigen, ja ausserordentlichen Hang zur Schwelgerei im Essen und Trinken bei ähnlichen Feierlichkeiten anbelangt, muß ich freilich nur die Vergebung des nüchternen Beurtheilers ansprechen, und zwar um so mehr, als diese ohnedieß sehr dürftigen Bewohner nicht selten einige ihrer Möbeln oder Werkzeuge veräussern, um einen Tag (wie sie sagen,) recht aufhauen zu können. Doch auch hier wage ich, zwar nicht um sie ganz zu entschuldigen, anzuführen: daß gerade darin der Grund ihrer sonstigen Nüchternheit und steten Fleisses beruht.
Als minder gebildete Menschen kennen sie die Wohlthat der Enthaltsamkeit nicht; würden sie aber täglich, wie anderwärts wohlhabendere Männer, nur etwas schwelgen, so wäre ihr Verdienst und Arbeitslust verschwunden, und Berchtesgaden hätte eben so viele Bettler, als es Bewohner zählt; so aber fand ich nicht Einen! Man zecht einmal, denkt jahrelang an das Gute und Nachtheilige dieses seltenen Tages, arbeitet, um das Verschwendete hereinzubringen, und sich vor ähnlichen Ausschweifungen möglichst zu hüthen. Wer wenig hat, und sich auf Weniges beschränkt, spart meines Erachtens mehr, als der viel hat, und sich im Mehreren beschränkt.
Nachmittags benutzte ich die erhaltene Erlaubniß, sowohl den
Salzberg zu Bischofswiesen,
als auch das zu selben gehörige Pfannhaus in Fronreit zu besehen.
Wenn man einen Salzberg bereits befahren, und _ein_ Pfannhaus gesehen, so wird man, ohne Halurge zu seyn, im Allgemeinen wenig Unterschied finden; es müßte denn nur, wie hier der ungemein reichere Salzstock, welcher sogar in grossen Stücken mit Pulver entsprengt wird, und das neue schön gebaut und eingerichtete Pfannhaus, dessen Aussenseite gegen jene zu Hallein schon so empfehlend sich darstellt, etwas mehr Interesse erregen.
Der Abend kleidete sich trübe und wolkicht, schwühl hauchte die Luft, welche zeitweis ein Windstoß, aus den nahen Eisgebirgen entsprossen, etwas kühlte; es war auf angenehmes Weiterwandern nicht zu denken; ich begnügte mich demnach, auf etwas längerem Wege um den romantischen Markt, obigem Gasthause wieder zuzuschreiten. Da führt mich der Zufall zum
Friedhofe Berchtesgaden’s.
Ich gestehe, weder unter die empfindsame Klasse der Melancholiker, noch unter jene der gewöhnlichen Besucher von Kirchhöfen zu gehören, welche allsogleich bei jeder Grabstätte zu Betrachtungen hingerissen werden; doch über diesem Ruheorte scheint ein besonderer Genius zu schweben. Schönere, kostbarere Monumente mag man wohl auf tausend Gottesäckern finden, schwerlich aber einfach zierlichere, und ein schöneres Plätzchen! Wie im Blumengarten ruhen die Sorge-befreiten Hüllen, gleich im Leben und Tode mit einander verwandt; keine Gruftmauer, kein Alabaster mit Golde sich paarend, will da Ausnahmen machen, bewundernde Blicke des Fremdlings sich zuziehen; man sieht hier, wie nach dem Tode die Körper sich gleichen, wie Haß und Stolz zerstäuben, und die Luft der Ewigkeit sie verzehrt. Kreuze schmücken die Hügel, zwar nur von Holz, aber zierlich gearbeitet und bemalt sind sie alle; man sieht hier nicht, wie Verwandte, aus Freude wegen der übergrossen Erbschaft, dem Verblichenen ein prächtiges Denkmal setzen, und so wie der Nachlaß bei den schwelgerisch Traurenden sich schmälert, auch das Andenken an den großmüthigen Sparer und sein Monument schwindet; bis endlich der Spender ganz vergessen, dem beschädigten, überflüssig gewordenen Denksteine aber vom Grabwärter ein Plätzchen zur Ausfüllung einer Lücke in der Kirchhofmauer angewiesen wird. Hier sucht Jeder, Andenken und Dankbarkeit an seinem lieben Verblichenen so neu als möglich zu erhalten, bis einst das Plätzchen einen Anderen aufnehmend, die Reste des Vorigen zurückgibt, oder ihr Achter selbst entschwunden, und die gleiche Liebe von seinen Nachkommen erwartet.
Hie und da hat natürliches Talent seinen gesicherten Theuren eine Grabschrift gespendet; kein Schwulst verübter Großthaten, ausgezeichneter Geisteskraft -- hier unbekannt! ruhmkrönen des Verblichenen Leben. Einfach, dem Wirken gleich, lautet ihr Lob. Hier folgen zwei der Epitaphien, welche ich wegen ihrer Nationalität der Notirung werth fand, zur Beurtheilung:
Ruhe lieber Vater, ruhe sanft, Du hast im Leben dich viel geplagt; Dafür danken bei dir knieend, deine dir schuldenden Kinder.
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Ein treues Weib, so wie sie war, Gibt mir die Welt nun nimmerdar, Ich wart, bis mir der liebe Gott Sie wieder bringt nach meinem Tod.
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Er schläft; höherer Beruf rief ihn zu sich von der launigen Welt, er findet dort die Blume der Ewigkeit, die hier nur Minuten uns blüht, und für die er sein junges Leben gebüßt.
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Diese letzte Aufschrift hatte mich besonders ergriffen, sie war höher gegeben, und ließ auf ungewöhnliches Ende des Ruhenden folgern. Ich fragte den Schliesser, welcher eben aus der Kirche trat, und erhielt mit der Antwort Befriedigung: Diese Grabstätte verwahre einen jungen Pharmaceuten aus Salzburg, der des Botanisirens wegen schon mehrere Alpen bestiegen, und ohnlängst sich am Königsberge erfallen habe; dessen Freunde hätten sonach diese Zeilen seiner Erinnerung geweiht.
Blumen und gute Nachrede! was kann man Schöneres über dem Grabhügel des braven Mannes säen?
In Reflexionen über das gewürfelte Loos, dem der Mensch von der Wiege an schon zueilt, umstieg ich noch mehrere Grabhügel; es wurde finsterer, tief neigten sich im Friedhofe die Aeste der Trauerweiden, indeß die frische Birke und kräftige Linde mehr Männlichkeit vor dem hochtrabenden Winde behaupteten. »Wieder ein Bild des menschlichen Lebens,« dachte ich; und es sprach der Luft klagender Ton so sonderbar durch die Gewölber der Kirche herauf, und durch die Risse der Mauer und dichte Verzweigung der Bäume pfiff sein wildes Gespotte herüber.
Schwärzer kleideten sich die Gürtel der Alpen, nebelschwangere Wolken umtanzten deren rothgeschmückte Schneegipfel, und entzogen der Gestirne wohlthuenden Schimmer -- das Willkommene der Nacht. So schließt sich die Sanduhr, so Titan’s willkommenes Reich wohl Manchen noch heute, der Schimmer des Lebens sinkt unter der Krankheit erschöpfenden Qual; itzt schlug neun Uhr der nahen Glocke dumpfer Ton, unwillkührlich zitterte durch mein Inneres der Gedanke -- »bis auch dich die Stunde ruft zum Abzuge. Möge sie immerhin nur von Wolken des Firmaments beschattet werden, welche der kommende Morgen wieder zerstreut!«
Zunehmender Regen jagte mich schneller als gewöhnlich ins Wirthshaus; die noch immer lustige Gesellschaft darin, schien dessen nicht zu achten; ich ließ sie toben, und wünschte lieber einen schönen kommenden Tag, verzehrte den wohlschmeckenden Imbiß, und pflog im entlegenen Stübchen der Ruhe.
Kein grösseres Mißgeschick foltert den Reisenden, das mag die Erfahrung versichern, als in einer schönen Gegend, im Kreise noch zu durchwandelnder Paradiese, durch Ungewitter an das Wirthshaus gefesselt zu werden, wie hier durch zwei Tage! Ich ging mitunter in die Werkstätten der Tischler, Drechsler etc., kaufte einige Kleinigkeiten, konnte aber die lange Weile nicht verscheuchen. Endlich am Morgen des dritten Tages schien das Gewitter versöhnt, doch nur oben versiegte die Fluth; der Gebirge Klüfte öffneten ihre Schleussen, und es stürzten allenthalben Bäche und Ströme hervor; die Fluren waren überschwemmt, die Ache schwoll zum riesigen Fluß, und ihre Wellen schlugen an die zagenden Füsse des Wanderers; von jedem Baume fielen schwere Tropfen, wie aus Becken herab, die Luftbewohner drängten sich ängstlich in ihr Nest, und der hungernde Adler krächzte vergebens in der neblichten Höhe, durch Raub seine Gierde zu stillen.
Wie lieblich möge der romantische Pfad durch Schönau und Hofreit an schönen Sommertagen zurückzulegen seyn! wie beglückt die gutmüthigen Bewohner in ihren an Felsen und Waldbergen gelehnten Hüttchen scheinen! So aber zittert man für die zu viel Wagenden, wenn der Winter seine Schrecken vermehrt, Lavinen oder Gießbäche herabsendet von den Himmelszinnen, und vertilgt, ehe man noch Vernichtung geahndet. Den Bach aufwärts verfolgend, kommt man bald zum steinernen Holzrechen, und somit auch zum Hafen des
St. Bartholomäus oder Königssees.
Viele niedliche Kähne ruhten unter hölzernen, auf Pfählen in See hineingebauten Scheunen; freundliche Fischerhütten lagerten sich in frischgrüner Fläche, und ausgespannte Netze zeigten von der Thätigkeit der hiesigen Bewohner; einige grasende Kühe und muntere Geissen, welche die bewaldeten Wiesenstreife hinauf wanderten, dann der wellenlose Spiegel des finsteren Sees, worin sich die bunten Konturen der Gebirgsmassen malten, vollendeten das seltsame Landschaftsbild der einzigen Schweiz.
Durch die Gewalt von drei Rudern flog der kleine Kahn aus der Bucht; zuerst steuerten wir der nahgelegenen Insel _St. Johannes_, der Berchtesgadner Bürgerschaft gehörig, vorbei, welche mit allem Schmucke des Schönen nur zu klein ist, um einen zauberischen Wohnort zu biethen. Tiefer und grüner wird der See, sobald man dem gebüschreichen Inselchen entschwunden. Jetzt erst sieht man des riesigen Watzmanns drohendes Antlitz enthüllt, nun lassen sich des Königsberges-Felsenwände prüfen, und man glaubt in die Geheimnisse des Mittelpunktes der Erde zu dringen. Aufgethürmte Felsen bis über den Gesichtskreis, umgürten in perpentikulärer Linie den tief eindringenden See; kein handbreites Ufer gönnt dem Fusse ein Plätzchen, weder vermag eine Insel vor Stürmen und Gefahren zu retten. Dennoch, so glatt die Wände sich zeigen, besitzen sie hoch oben einen kleinen Gangsteig, auf welchem das Horn- und Klauenvieh im Frühjahre auf die Alpenweide, und im Herbste von da zurück nach Berchtesgaden getrieben wird; Gewohnheit mag diesen halsbrecherischen Weg mildern, und ihn der Wasserüberfahrt vorziehen, um so mehr, als man vom mühsam zu überfahrenden See aus, mit den Herden nicht viel besser bepfadete Bergwände zu ersteigen hat.
Die beiden Schiffer ersuchten mich, nun nicht zu rudern, und ein paar Schüsse zu versuchen. Ich habe an verschiedenen Oertern und vielmal das Echo schon erprobt, konnte mich dessen grösserer oder minderer Wirkung überzeugen, aber ich versichere: daß Jeder, der diesen See ohne ein paar Probeschüsse überfährt, den seltensten und interessantesten Genuß versäumt. Es ist hier kein gewöhnlicher, öfter sich wiederholender Nachhall, sondern ein Rollen des Donners, Knarren, ja ein harmonisches Kanonen- und Musketen-Konzert, die Felsenwände drohen sich zu lösen, und der See aus den Ufern zu steigen!
Bald dehnt, bald engt sich die Breite des zwei Stunden langen Sees; dahin gleitet der leichtfertige Kahn über täuschende Ruinen der Welt, welche aus dem See heraufsteigen, eigentlich aber nur der Abdruck der sich darin spiegelnden Alpenwände sind. Oben, unten, ringsherum Felsen und Klüfte! zwischen diesen und dem geengten Streife der herabblickenden Himmelsdecke und der hundert klaftrigen Seetiefe, schwebet der gebrechliche Mensch sorglos dahin, auf einige Breter sein Leben und Vergnügen bauend! Nicht weiß Jeder, daß einstens 40 Personen vergebens diesen Bürgen getraut, und bei den Wänden des Falkensteins ihr nasses Grab gefunden, als sie durch fromme Wallfahrt Glück und langes Leben zu erbitten hofften. Immerhin! dunkel sind die Pfade durchs Leben, welche nur der Bildner zu ergründen und lenken vermag; Ihm unterliegen Ströme und Blitze, und die Menge der Wellen!
Nun glaubt man, die Felsenwände stürzen über einander zusammen, -- es rauschet, welch herrlicher Anblick! Zur Linken fliegt der mächtige Königsbach eine Höhe von dritthalbtausend Schuh über schroffe Felsen in die Spiegelfläche herab; weit hinaus macht sich der Tiefgefallene die Bahn, tumelt die Wellen im See und rastet nicht, bis ihn der Mächtigere verschlinget! Hier wird bisweilen Holz getriftet, diesen Genuß kann jedoch nur der Zufall dem Fremden spenden.
Gegenwärtig wurde oben Stammholz aufgeschlichtet, welches beim Vorüberfahren Wailand Sr. Majestät des seligen Königs _Max Joseph_ zur Gemsenjagd nach St. Bartholomä, hinabgelassen werden sollte, das Imposante solch einer seltenen Holzschwemme dem hohen Gaste darzustellen. Ueberdieß häufte man rings umher auf den Alpen und Felsspitzen, Scheiter, dürres Laub und Nadeläste, zu mächtigen Freudenfeuern während der Anwesenheit der höchsten Herrschaften im Schlößchen der vorbenannten Halbinsel.
Unvergeßlich möge der Anblick dieser pitoresken Nachtillumination wirken: wo die zahlreichen Brandfunken, sich im hundertfältigen Wiederschein auf der Seefläche und den Felswänden reflecktiren, Echo der heiteren Jagdmusik, mehrend den Jubel des Alpenlandes, von der hohen Gäste Wohnung auf St. Bartholomä herüber tönt, und das Lob verkündet von Diana’s Verehrern in dieser Göttin stattlich Revier.
Noch mehrere Wasserfälle an beiden Seiten fesseln die Aufmerksamkeit, doch hat man den schönsten zuerst gesehen, und würdiget selbe nur minder.
Auch für ein Gärtchen hat sich hier der erfinderische Geist ein Plätzchen gefunden. Links auf einem kleinen Ufersaume zwischen grotesken Felsentrümmern, bewillkommt diese niedliche mit einem Lusthäuschen versehene Anlage den Zufahrenden, um allenfalls auch vor Ungewitter zu schützen. Weder groß noch reich ausgestattet, wäre hier eine zeitweilige Wohnung doch der herrlichste Lohn kühnster Wünsche. Ein unermeßliches Bauwerk von Felsenmassen auf Felsen, wie sie nur die schwärmerische Phantasie bilden kann, stehet realisirt im gedrängten Kreise; _Cascaden_, denen man auf Bretelwegen nahen kann, brausen gegenüber und stürzen zur Seite im Gärtchen herab; sie geben das Bild der Jugend, welche nichts achtet, von nichts sich aufhalten läßt, und mit Gewalt die klippenvolle Bahn durchbricht, schneller das Ziel zu erreichen. Zürnt der Himmel, so sieht man ihn hier in seiner furchtbarsten Macht und Wirkung, und kann eigenen Muth und Standhaftigkeit erproben; ist das Firmament rein, rein wie die durchsichtigen Gletscher des Watzmann, o so ist man auch alles Trüben entledigt, fühlt die Seligkeit des reinen Naturgenusses, durchschneidet die Wellen, weidet sich an der wundervoll geschaffenen Welt, und lebet den Musen und stillem Glücke, welches wenig bedarf, und das Wenige sich redlich zu verschaffen weiß! Heil dem glücklichen _Wallner_, der im zauberischen Berchtesgaden noch diesem Plätzchen gehuldigt!
In der Entfernung blickt rechts unter Ruinen-ähnlichen Felsen, das St. Bartholomä-Schlößchen zwischen Bäumen hervor, dem Geräusche der Welt und der Begierde zu glänzen ewig sich lossagend; und doch beherrscht es diese Tiefe mit einer Anmuth und Hoheit, welche der Ruhe und Einsamkeit suchende Stifter schwerlich bezwecken wollte. Freilich darf die Bescheidenheit anführen, daß, wenn dieses Gebäude in Salzburg stände, es kaum bemerkt würde, doch in einer Wüste wird auch die Hütte ein Pallast!
Eh wir noch diesem lockenden Asyle zufuhren, zeigten mir meine gesprächigen Berchtesgadner-Matrosen links den neu entdeckten Abflußkanal zum jüngst gesehenen Gulinger-Wasserfall. Ich beschloß, diese Kluft genauer zu würdigen, und fuhr nahe an die kalksteinige Felsenwand, in der eine Grotte sich zeigt, worin Lärmen, Schäumen und Wasserwirbel ihr tobendes Spiel treiben. Wenn man den Nachen seiner Willkühr überläßt, so fühlt man das Nahen desselben zur Höhle. Ein Stück weggeworfenes Holz, welches durch Zufall im Schiffe lag, wurde augenblicklich von der Strömung hinabgezogen.
An der paradisischen, mit Wiesen und Ahornbäumen üppigst geschmückten Halbinsel, erwarteten uns schon freundlich einige Fischer und ihre Weiber; mein Schiessen möge sie herbeigerufen haben; das zweimal überthürmte Wallfahrtskirchlein, die Schloßzimmer in einem langen Gange beiderseits auslaufend, von denen mehrere bereits zum Empfange für die höchsten Jagdgäste eingerichtet waren, der kleine Garten und sonstige Seltenheiten wurden besehen, welche, obgleich unbedeutend, doch bei dem Glücke hier zu wohnen, für einen Sultan allzu hinreichend wären. Der Fischer selbst, gezwungen durch seinen Erwerb an diesen Ort, versicherte zu meiner innigsten Freude, daß er sich nirgends anderswo zu leben wünsche; ein seltenes Beispiel mit dem ganz zufrieden zu seyn, was das Schicksal beschert; doch würde ich selbst als Gefangener mich hier noch nicht unglücklich klagen!
Gleichsam zum Dank für dieses Gefühl, klärte sich itzt gänzlich der Himmel, die Sonnenstrahlen glühten an den frostigen Alpenspitzen, der Vorhang melancholischer Trauer fiel, und lächelnd enthüllte sich der Güte willkommenes Bild. Die Schneemassen, einsaugend das sie erweichende Feuer, wechselten hie und da mit anmuthigen Grün, und sandten wohlriechende Zephire von den unbesuchten Höhen.
Leider durfte ich aber die schädlichen Spuren der vergangenen Tage nicht vermissen, denn die merkwürdigste Naturschönheit vielleicht in der ganzen Welt -- die Eiskapelle, konnte nicht betreten werden. Wo man sonst über einzelne vorragende Steine im kaum rieselnden Bache mit Fackeln hinschreiten konnte, unter der über dem Haupte schwebenden Eisdecke, welche sich einst aus einer, vermuthlich dem Watzmann ablösenden ungeheueren Lavine bildete, und bei dem ewigen Nachstürzen von Schnee, in dieser sonnlosen Kluft nie oben, nur unten durch das niederziehende Flüßchen sich auflöset: zogen nun die aufgeschwollenen stromgleichen Fluthen, Felsenstücke mitführend, herbei, den Raum ausfüllend der Eiswölbung, und verbothen dem Forscher sogar die Näherung.
Von diesen Gefahren der menschlichen Neugierde schienen die leichtfüssigen Gemsen wohl unterrichtet zu seyn, weil sie ringsherum an der Eisdecke und den Felsenabsätzen ihre behenden Sprünge übten. Ich freute mich, diese seltenen Gäste so tief unter ihrem gewöhnlichen Bereiche den menschlichen Wohnungen genähert zu sehen, erfuhr aber: die Ursache liege in dem ihnen an diesem Orte gestreuten Salze, welches zu lecken sie in grosser Anzahl herbeilocke, bis die baldige Jagd ihre Näscherei und Besuche beende. Einen wehmüthigen Blick sandte ich diesen munteren Luftspringern, deren gefahrvolles Leben um ein Bischen Salz, welches die Schöpfung zur Würze aller Geschöpfe diesem Ländchen so reichhaltig gespendet, erwuchert wird. Die übergrosse Anzahl von 100 Stück Gemsen, welche wie alljährig, auch dießmal abgeschossen werden sollte, liefert bei all dem, daß sie die frostigen Wohnspitzen der Umgebung mit der Zeit aller ihrer Bewohner entvölkern würde, dennoch nichts weniger als eine schöne, Kraft erfordernde Alpenjagd. Denn die Gemsen, welche früher von Jägern in Schluchten gejagt, und daselbst bewacht werden, treibt man abwärts gegen St. Bartholomä, wo die Schußstände für die höchsten Herrschaften bestehen, bei welchen sie vorbeistreifend gleich Schöpsen oder Schweinen niedergeschossen werden. Ein eben so unrühmliches Ende nehmen einige Hirsche, welche von der Halbinsel-Fläche in den weiten See gejagt, und da, beraubt ihrer beflügelten Schnelle, meistens von Damen erlegt werden.
Mehrere Fremde und eine Anzahl der königl. baier. Hofjäger, warteten bereits im Schlößchen auf die Ankunft Sr. Majestät, wo sodann die Jagd beginnen sollte, welche ich nimmer zu sehen wünschte.
Nach der mässigen Stärkung verfolgte ich meine Fahrt über die kleinere Hälfte des Königssees, an dessen flacherem Ufersaume hier einige leere Sennhütten herumstehen, um die von Ungewitter und Schnee im Herbste von Hochalpen verjagten Flüchtlinge, auf einige Zeit noch zu beherbergen, so lange die kargen Wiesenstreife zur Sättigung der Kräuter-suchenden Herde hinreichen.
Durch grosse Krümmungen abgestürzter Felsen und Bäume, muß man sich von da nächst dem, zwei Seen verbindenden Flüßchen, eine halbe Stunde lang durchwinden, dann erreicht man die Bucht des nicht minder interessanten, aber fünfmal kleineren
Obersee’s.