Chapter 10 of 13 · 3731 words · ~19 min read

Part 10

Ein schöner Wasserfall, der Schreibach, sich hoch über die Felsen herab die Bahn wählend, und noch ein anderer südlich, der Retten- oder Fischlbach, beleben hier ebenfalls die todte Stille; ein Paar unbewohnte Hütten scheinen sich dessen nicht zu kümmern, und harren mit zweien halbvermoderten Kähnen der baldigen Auflösung. Felsumgürtet, aber bewaldeter wie beim Königssee, sind hier die Begränzungen; schauerlich spricht das Echo aus den Klüften und vom Himmel herab, kalte Melancholie zeigt ihren heimischen Wohnort, und die Klumpen geborstener Alpen im schwarzgrünen See, und an die Ufer geschleudert, grinsen verworren, als Bilder für die sorglose Zukunft. Fürchterlich wild ist diese Ansicht, und doch so schön, daß man sich kaum zu trennen vermag. Ich mußte wieder zurück, zu den vorbenannten Sennhütten des Königssees, um meine Wanderung auf ungewöhnlichen Gangsteigen über die romantischen Schneehöhen des Alpenlandes, die ich so ganz und genau zu prüfen gesonnen war, nach Salzburg und Tirol auszuführen. Auf den meisten Karten, so wie in Berchtesgaden, erfährt man nichts weniger als eine Weg-Angabe, um neben Fundersee nach Saalfelden zu kommen: »übern Hirschbühl« heißt es »nach Reichenhall auf der Fahrstrasse,« wer um einige Tagreisen und minder pitoreske Gegend nichts frägt. Die Karte des General-Quartier-Meister-Stabs, Holzknechte und Gemsenjäger wissen bessere Auskunft. Steil führt Anfangs der vom häufigen Viehtrieb ausgetretene Pfad zwischen dicht verwachsenem Laubholze empor; Schweiß und Athem können nur in voller Wirkung dem holperigen Feinde etwas abgewinnen; aber zusehends wächst der Gewinn für seiner Füsse Bemühung. Schon übersieht das forschende Auge die Wasserfälle des Königs- und Obersees, die es jüngst aus der Tiefe bewunderte, mehr und mehr entkleiden sich die finsteren Winkel der sonderbaren Runde, und die Nachen im sich verkleinernden See, scheinen nur Bretchen nunmehr. Jetzt umfängt eine Bergschlucht den Kletterer und raubt ihm die vorigen Bilder. Eine Alpenhütte erwartet hier mit allen Nöthigen zur Bewohnung, und Geschirren zur Butter- und Käse-Erzeugung reichlich versehen, die baldigen Ankömmlinge.

Seltener wird schon das Laubholz, Lärchen und Föhren treten an seine Stelle; Bäche, im Frühjahre vielleicht zur Holzschwemme dienlich, zwängen sich links und rechts aus den Klüften hervor; ihr schäumender Lauf tränkt fortwährend der Ufer begraseten Saum, welcher höher und üppiger der anderen Pflanzenwelt spottet. Oft sind Bretelwege, den schlüpfrigen Tritt zu sichern, neben der Berglehne angebracht, bisweilen Bäume gelegt, die abgespühlten Erd- und Sandtheilchen zu dämmen; mürbe und alt drohen sie gewisseren Bruch mit schädlichen Folgen, je grösseren Widerstand sie biethen. Nun, nachdem anderthalb stündiges Klettern bereits das Felsenlabyrinth, welches mir in Berchtesgaden angerühmt wurde, errang, suchte ich den Eingang zu der neu entdeckten

Windhöhle.

Ich fand zwar die ungeheuere überhängende Kalkwand, unter welcher fromme Alpler das Bild des Heilands aus Holz geschnitzt aufhingen, sah die Bollwerke von Zuckerhüten, Predigtstühlen und Bethenden, die sich rege Phantasie aus den durch einander geworfenen Steinen leicht formen kann: aber sonst auch nichts, was mich auf die Spur der unterirdischen Merkwürdigkeit leiten konnte. Die mich vorher begleitenden zwei Militärjäger, waren als Wächter wider Raubschützen, welche sich derlei Hofjagden zu ihrem Vortheile immer zu Nutzen machen wollen, in der letzten Sennhütte zurückgeblieben. Umzukehren und sie um Rath zu fragen, wäre unnütz gewesen, weil sie schwerlich in der Umgebung bewandert schienen; ich wartete also auf die Alpler, welche Butter und Käse von den Sennhütten heute herabbringen sollten, wie mir zu _St. Bartholomä_ versichert wurde.

Eher als diese behenden Schmalzträger, kamen fünf Burschen mit ungeheuren Ballen Pippenholzes, welches sie in einem Leinentuch eingewickelt am Kopfe trugen[24], während sie mit langer eisenbeschlagener Stange ihre Schritte sicherten.

[24] Man müßte staunen, in dem waldreichsten Lande Holz zu gemeinen Arbeiten mit äusserster Anstrengung von solchen Höhen herabschleppen zu sehen; wüßte man nicht, daß die Pippen nur vom Zirben-Holze (Pinus cembra), welches auf den höchsten Punkten der Nadelholz-_Vegetation_ nächst den ewigen Schneeregionen gedeiht, brauchbar seyn können. Zu dem Ende wird das gefällte Holz in Grössen der zu drechselnden Pippen zugehackt, ausgetrocknet, und dann erst nach Hause befördert. Ehemals, als noch häufiger diese edlere Baumgattung bestand, verwendete man dieß unzerstörbare Holz zu Bauten, wie bei den alten Ritterschlössern die Dippelbäume und Dachstühle beweisen; nunmehr aber hat sie der Eigennutz ausgerottet, und man muß höhere Plätze erklimmen, um noch einzelne Sprößlinge jener gewaltigen Vorältern, seiner Gewinnsucht zu fällen. Ihre Frucht, die Zirbelnuß, besteht in einem genau den Fichtenzapfen ähnlichem Kerngewächs, welches in heisser Asche gebraten, ein besonderer Leckerbissen der Alpler wird.

Auf meine Frage, ob ihnen der Weg zur Windhöhle bekannt sei? erboth sich der Letztere mich dahin zu führen; er habe, sagte er, vor zwei Jahren einige Stämme daselbst gefällt, und sein Gefährte, ein Schafhirte, hätte ihm dieselbe gewiesen. Die Last den Kameraden zur Theilung unter einander überlassend, nahm er nun seinen Stock, und schwang sich mit einer Schnelligkeit von einem Felsenstück zum andern, daß ich kaum zu folgen vermochte. Die Wanderung ging rechts von dem vorbenannten Kreuzsteine über pfadlose Klippen hinüber; endlich nach einer halben Stunde, betraten wir eine Felsenrinne, auf deren Kalksteingerölle das ermüdende Springen aufhörte; seitwärts zur Rechten hörte man einen Schneebach hinabbrausen, ohne ihn zu sehen. Felsen trugen hier wieder erfreuliche Spuren des wechselnden Grüns; Lärchenbäume, ja selbst Buchen und Ahorn, die als Zwerge auf diesen dürren Höhen sich gefielen, wollten als Seltlinge Bewunderung erzielen. Itzt hieß es steil hinan und zwar mit Händ und Füssen sich anstrengen, um nicht wieder hinabzurollen in die spitzigen Felsenzacken, welche wie Zähne heraufgrinsten.

Mein Führer bog sich nun zwischen zwei Felsen und verschwand in einem Loche; ich wollte nach, er rief mir aber zu, Licht und Gewehr mitzunehmen. Dieß befolgend gingen wir nun mit brennenden Wachskerzen tiefer in die sich erweiternde Höhle, welche bei den 40 Schritten Länge, einen Fall von sechs Fuß haben mag. Haltet euren Hund an! rief er sich besinnend, und ich erschrack zu gleicher Zeit über ein ungemeines Zischen und Brausen der Höhle. Jedes Wort tönte dumpf aus allen Winkeln zurück, und die Luft war so beängstigend und übelriechend, daß ich zu ersticken glaubte. »Schießt los!« sprach er; ich unterließ es. »Schießt los, ich bitte euch, es ist nichts zu fürchten!« --

Es knallte, und ich taumelte an die nasse Felsenwand. Dieser Schuß hatte mir den kalten Schweiß über Stirne und Rücken gejagt; die Lichter verloschen, alle Elemente glaubte ich, müßten insgesammt zugleich niederstürzen. Ich vernahm kaum das Winseln meines sich losreissenden Hundes, der pfeilschnell hinausjagte, sah nur die ganze Weite wie durch Blitze durchzucket, in Flammen, fühlte mehr als Kanonengekrach der gerüttelten Felsen, und dann mein verschlagenes Gehör!

Meinem gefaßten Führer mochte selbst nicht wohl geschehen seyn, denn der muthlose Ausdruck -- »das war zu stark!« bewieß mir eben nicht sein gestilltes Vergnügen; später gestand er auch, nur von der herrlichen Wirkung eines Schusses hier gehört zu haben, ohne sich je wieder eine ähnliche Explosion zu wünschen.

Wir ermunterten uns allmählich, aber welche Vorsicht! ich hatte zwei Lichter mitgenommen, und -- kein Feuerzeug! Finsternis umspannte uns so schwarz, so dicht, daß jeder Schritt ein Wagestück war, zumal die Felsenkluft, welche zum Ausgang der Höhle führt, eine mondförmige Krümmung macht, und dadurch vollends das sonst einbrechende Tageslicht entzieht. Endlich entschlossen wir uns, einander mit den entlösten und zusammengeknüpften Hals- und Sacktücheln zu leiten. Mein Führer, um nicht mit Kopf und Nase Unfälle zu erleben, warf sich auf den holperigen Felsengrund, und suchte am Bauche fortkriechend den Ausgang. Um den einen Fuß hatte er ein Tuch gebunden, dessen angeknüpft letzteres, ich fest in der Hand hielt, ihn bei Absturz fest zu erhalten, oder ihm zum Ausgange zu folgen. Abgerechnet, das er zuerst unbedeutend ins Wasser gerieth, kamen wir glücklich zu Tage. Nun wurden Feuerzeug und Strick aus der Jagdtasche genommen, die Wachskerzen zum fackelartigen Gebrauch mit Werg (Hanf-Gespunst) umwunden, und die Höhle noch einmal bei ausgibiger Erleuchtung besehen. Sie ist (die ungleich niedrigere und kaum zwei Schuh breite Eingangskluft ausgenommen) sieben bis zwölf Schuh hoch, und im Durchmesser wohl zehnmal weiter. Diese Ausdehnung läßt sich um so weniger mit Bestimmtheit angeben, als die größere Hälfte der Höhle, deren Grundfläche gegen ihre jenseitige Felsenwand, bei vierzig gradiger Senkung, mit Wasser geebnet ist, weder ganz übersehen, noch durchwatet werden kann. Auf die zunehmende Wassertiefe konnte ich aber dadurch schliessen, weil der hineingeworfene Endtheil meiner mit einem Steine beschwerten sechs Klafter langen Schnur, bis auf zwanzig Fuß Nähe bodenlos zurückkam.

Uebrigens ist das Wasser sehr rein, so, daß man ohne es zu bemerken, in selbes tritt. Beständiges Geplätscher deutet zwar auf Zu- und Abfluß, der sich vielleicht durch den Fundersee oder geschmolzene Schneefelder, mittelst Felsenrissen im Gange erhält; woher aber das Klagetönen-ähnliche Sumsen sich herschreibe, welches bisweilen mit wirklichen Windstössen die Höhle durchstreift, ohne daß sie darum an frischer Luft gewinnt, ist mir unbegreiflich. Die Steinart, so viel ich sie prüfen konnte, schien Kalk; die noch rings herum zerklüfteten Wände waren mit Mergeltuff bekrustet, der angekratzt wie Mehl zu Boden stäubte.

Diese Höhle soll erst 1818 von einem Bauer entdeckt worden seyn, der auf den Gedanken gerieth, hier Gold zu suchen, statt dessen (unbegreiflich wie) einen Fisch fing, und von mondenlanger Gelbsucht genas.

Zufrieden verließ ich diesen Höllenschlund, der an passenderen Oertern eben so gut ein sicherer Räuberschlupfwinkel seyn könnte, als er hier in Verborgenheit vielleicht wieder entschlummert. Denselben mit weniger erfahrenen Führern leichter zu erkennen, glaubte ich allenfällig Nachkommenden damit einen Dienst zu erweisen, daß ich sowohl die zwei, den Eingang der Höhle umfassenden Felsensteine, als, auch im Zurückwege einen besonders kegelförmig vorragenden Steinklumpen, mit grossen schwarzen Pfeilen markirte, deren Spitze die Richtung der Höhle andeutet.

Steingerölle drohet Gefahr.

Wir beschleunigten nun, so viel man auf diesem barbarischen Unpfade sich beeilen kann, unsere Rückkehr. Mein Führer wanderte ohne Bürde zur Tiefe; ich aber stieg von dem vorbenannten Kreuzsteine, durch eine ungeheuere, vom Erdbeben entstandene Felsenscharte, (weil die überhängenden Steinklumpen genau in die eingebogene Wand gegenüber zu passen schienen,) den ungemein steilen Weg empor. Bei jedem Tritte rollten unter meinen Füssen die lockeren Kalksteine hinab, welche wieder mehrere auf ihrem Fluge mitnahmen, und somit einen beständigen Steinregen-Accord zu meiner Wanderung lieferten. Oben ist diese Felsenkluft mit grossen Steinen und Holzwerk zwei Klafter hoch verschlagen, so, daß nur ein kleines Pförtchen den Durchgang erlaubt. Diese Verwahrung ist gegen Entrinnen des beim Fundersee weidenden Alpenviehes, und wider die ungalanten Besuche der in den Wäldern umher ansässigen Raubthiere errichtet worden. Wie man sich dieser drohenden Scharte entwunden, grüssen zwei Sennhütten -- die Beherrscher des mit Alpenkräutern hochumflorten Grün, in mässiger Hügelfläche den Fremdling. Buntfärbige Kühe, denen die trillernde Dirne den reichlichen Segen des Hochlandes abnimmt, während die lustige Gefährtin Käse und Butter bereitet, und mit froher Miene den hungrigen Gast zum Mitessen einladet, locken den Wanderer zum Dableiben. Aber ein Blick auf die ringsum gigantischen Mauern, welche als der Schöpfung älteste Gränzsteine, drei Länder[25] ewig trennen, spornt ihn aufwärts, hin auf ihr Eishaupt, dort zu ruhen! An der Möglichkeit zweifelnd, mit gebrechlicher Kraft dieß zu bezwecken, weilet der Schritt; doch das Auge hatte sie schon erstiegen, hatte schon den Lohn der himmlischen Mühe empfunden, und straft den schwächeren Fuß, der dieß zu bezwecken verzagt. Feierlich und rein wie der Gott, der sie schuf, stehen diese Himmelspiramiden in vielfach sie schmückenden Formen, als Muster erhabener Bilder, ohne nach Würde zu geitzen. Ihrer Größe bewußt, verschmähen sie den Einfluß auf kleinliche Welt, heben das Haupt zu den Sternen, den Willen des Schöpfers zu lesen, und glorreich den jüngeren Brüdern zu spenden.

[25] Salzburg, Berchtesgaden und Baiern.

Die schönsten _Subalpinen_ schmückten mir nun allenthalben jede neue Höhe, über die ich in nördlicher Richtung dem Fundertauern zusteigen mußte. Schon bargen sich die jüngst erreichten Kasern (wie man sie gemeiniglich hier statt Sennhütten nennt) abermal ins tiefe Thal, als mir die heute Morgens vorher verkündigten Käseträger begegneten. Grosse Steine, welche sich oben unter ihren belasteten Füssen lösten, polterten als Vorläufer auf mich herab. Ich suchte diesem gefährlichen Steinregen auszuweichen, und trat voreilig auf eine seitwärts begraste Felsenkante, welche allzuglatt, mich einige Klafter zurückschleuderte. Bei diesem Fall entlud sich mein Gewehr, pfeiffend flogen die Kugeln übers Haupt; Geschrei der niederkletternden Alpler ließ mich mehr für ihr Unglück, als für die fühlbaren Contusionen meines Rücken- und Gehwerks befürchten. Doch wollte die Vorsehung hieher keine blutigen Trauerspuren ziehen, mitleidsvoll eilten die Burschen, wäre mir allenfalls bedeutenderer Unfall begegnet, beizustehen.

Sie erzählten, wie es unter ihnen auf so Steingeröll-Pfaden üblich sey, einander zuzurufen, und bedauerten, es dießmal unterlassen zu haben, weil sie wegen vorragenden Felsensteinen keinen Ankömmling vermutheten. Es geschehe nicht selten, bemerkten sie weiter, daß beim Auf- oder Abtriebe, wenn das Vieh nicht eng bei einander bleibe, ein tiefer unten schreitendes Stück, von den abkollernden Steinen entweder erschreckt oder beschädigt, fortspringe, und sich erfalle; die armen Dienstleute, Knecht oder Sennerin, müßten dann ihrer Unvorsichtigkeit wegen den großen Schaden büssen.

Ich erkundigte mich, ob sie den zu solchem fühlbaren Ersatze einen grossen Lohn bezögen? »Der Lohn 8 fl. oder 10 fl. R. W. wäre eben nicht hinreichend, aber der Entgang desselben für jährliche Bemühung immer allzufühlbar, vorausgesetzt, daß man nicht selbst einiges Vieh eigenthümlich besitze, von selben das verlorene Fremde zu ersetzen.«

Die Butter und Käse, welche auf diesen halsbrecherischen Wegen den einzelnen Rücken drückten, sollten 120 Pfunde betragen; ich erstaunte über den dazu erforderlichen Kraftaufwand, welchen sie ohne Steigeisen, nur mit einer 10 Schuh langen, unten mit breitem eisernen Ring und Spitze beschlagenen Stange stützen, mehr aber noch über den unbedeutenden Werth dieser vortrefflichen Ausbeute, welche sie auf ohngefähr 10 fl. R. W. angaben. Beim Hinaufsteigen alle 14 oder 20 Tage, müssen sie immer vom Bauern (ihrem Herrn) Brot, schwarzes Mehl und Aepfel (zu dem beliebten Rahm-Aepfelkoch) für die Hirtenbuben und Sennerinnen mitnehmen, wenn anders nicht Regen oder Wind ihnen das Emporklettern verbiethet, wo dann die Alpler bloß auf ihre Erzeugnisse in der Nahrung sich unterdessen beschrenken müssen.

Fröhlich zogen sie hinab, und fühlten vermuthlich den Lohn eines besseren Abendmahles, nach der heutigen Anstrengung; ihr Reichthum und froher Muth war mit ihnen, Hoffnung beseelte sie, was braucht man noch mehr, um auch auf Eisbergen zu jubeln?

Ich raffte ebenfalls meine zerschundene Wenigkeit zusammen, und kroch, so beschwerlich mir es auch vorkam, über die letzte steile Höhe zum

Fundersee.

Schön und erhaben kleidet sich hier ein Thalkessel zwischen höchsten Gebirgen, die zum ersten Male ihre beschneiten Felsenwände als die nächsten Gränzpuncte herumstellen. Aromatische Teppiche breiten daselbst zwischen bleichen Gestein ihr vielfaches Grün auf dem sparsamen Erdfleckchen zur Schau; ein Kranz von seltenen Blumen flechtet sich darüber zum Danke für die allgütige Schöpfung, die keinen Winkel der Welt ohne besondere Zierde gebaut. Dort und da hat noch die strenge Axt einen stolzen Zirbelnußbaum verschont, er schmückt, dieser verfolgte Seltling, mit seinen breiten Nadelästen, eine nackte Felseninsel, die aus dem frostigen Schnee oder durchweideten Gras höher herausstrebt, indeß um seine Früchte, welche menschliche Begierde übersah, der näschige Schildhahn und dessen verwandtes Alpengeflügel sich streiten.

Ruhig das Gute zu preisen, was in dieser ätherischen Höhe zum Nutzen der Dürftigen sich entwickelt, und geduldig der Elemente Geiselhiebe hier muthvoller zu ertragen, biethen da sechs Kasern dem abgeschiedenen Alpenvolke hinlängliche Gelegenheit. Schlechte, von rohen Steinen bloß zusammengesetzte Hütten, wodurch Wind und Regen überall seine Kanäle findet, mürbe steinbeschwerte Dächer, in welchen die breiten Fugen Fensterstelle vertreten, und eine um den Vorsprung des Daches errichtete Umzäunung aus dünnen Bäumchen, sind die erfreuliche Residenz dieser Alpenbeherrscher, und der Zufluchtsort ihrer vierfüssigen Unterthanen in den Tagen der Noth.

Herab stürzt ein silberner Gießbach von den Kalkwänden des Fundertauern, und nährt fortwährend die Wasserhöhe des blauen Fundersees, der eben groß genug ist, zwischen den Kasern bemerkt[26] zu werden; übrigens möge er, obgleich man vom flachen Ufer auf einige Klafter weit hineinwaten kann, gegen die Mitte zu sehr tief seyn, was ohne Kahn, zu erproben unmöglich ist; eben so konnte ich nicht beurtheilen, ob Fischerei dem Fleisse entspreche, da man ihn noch nie anzuwenden schien. Da dieser See keinen sichtbaren Abfluß hat, so möge er seinen durch geschmolzenen Schnee u. dgl. bisweilen reichlicheren Wasservorrath, mittelst unterirdischen Kanälen absetzen. Das merkwürdigste deuchte mir jedoch, an ihm einen der höchst gelegenen Seen in Europa zu betrachten, wenn auch sein Wasser sogar als ungesund, für das Vieh verschmäht, und selbes aus dem Funderbache getränkt wird.

[26] Desto größer, oder bisweilen gar nicht angegeben ist er auf den Landkarten.

Alpenwirthschaft.

Wohlgenährt, von des Stieres kräftigen Gebrülle begleitet, durchziehen die Kühe das Thal, kein Platz ist ihnen unbekannt, der bessere Leckerbissen bringt, hie und da wagt eine zuviel; schnell siehts der sorgsame Hirte, und sein warnender Ruf bringt die Kühne zurück.

Vier Kasern waren bereits unbewohnt, die Nachtfroste, nicht Mangel an Futter hieß auch die übrigen zwei, morgen (den 16. Sept.) verlassen. Ich war froh, für heute wenigstens noch Unterkunft und Nahrung zu finden, da mich der nahe Abend und die erlittenen Quetschungen zur Ruhe zwangen.

Man war eben mit Zusammenpacken beschäftigt, als ich zu jenem Endzwecke eine der Kasern betrat. Ohne Umstände bekam ich einige Schalen Milch, Butter, Käse und steinhartes Brot. Zum Nachtessen versprach die Brentlerin (Sennerin) etwas Uebergutes zu bereiten; jedoch müßten Alle (ich mitgerechnet) brav zusammenhelfen, die Kasern und hier bleibenden Geräthe für zukünftigen Sommer wohl zu versorgen. Nun wurden Troge und Becken, Brennholz und Bänke in die leeren Hütten geschleppt, die trockenen, im Sommer hindurch gesammelten Futterkräuter, zur Hälfte unterm Dache für kommenden Frühling verwahrt, zur Hälfte in kleine Bündel zum Mitnehmen fest zusammengebunden; endlich nachdem die Thüren und Fensterchen geschlossen, wurden sie überdies noch mit Holzwerk und Steinen umlegt. Dieß sey nöthig, sagte der Hirt, um die Kasern von den fürchterlichsten Winterstürmen und abstürzenden Schneelavinen nicht wegrücken zu lassen. Nachdem auf diese Weise gesammter Wille diese Aufgabe beendigt hatte, traten wir zum Pallaste unserer Regentin, die während dessen ihre anvertrauten Kühe in die Einfriedung um die Hütte versammelte, und eine Rede zu halten schien, eigentlich aber sie einzeln untersuchend, ihnen Danksprüche über das gute Aussehen ertheilte. Darauf bekam jede der Belobten eine Handvoll Kleefutter und wurde gemolken.

Mich wunderte die geringe Ausbeute solch schöner vielversprechender Kühe: »Ja sonst,« erhielt ich zur Antwort »lieferte freilich eine acht bis zehn Maß guter Milch, nun aber muß man froh seyn, drei bis vier Maß täglich zu bekommen, die Kälte raubt ihnen die Milchsäfte!«

Nun lagerten wir uns in die Hütte, die, wenn sie auch hier Kasern genannt wird, doch mit allen Sennhütten, Schwaigen etc. in Form und Einrichtung genau übereinstimmt, nur daß sie anderswo meistens aus Holz, statt, wie die hiesigen, zur Hälfte aus Steinen bestehen. Vielleicht interessirt deren nachfolgende Beschreibung.

Man denke sich eine vier Klafter lange, 2° breite 1° hohe, durch Breterwand in zwei Hälften getheilte Barake, wovon jene mit der Eingangsthür, ohne Fenster und Dachboden, nur mit Sitzbänken und einem kleinen, im Winkel errichteten sechs Zoll hohen Feuerherd versehen ist, über dem auf fester Kette oder Baumaste der höchst wichtige Eisenkessel hängt; ein lückenähnliches Pförtchen führt durch vorbenannte Breterwand in die andere Hälfte, welche ebenfalls den Fußboden von gestampften Tigel oder Erde, zwei Fensterchen hat, zum besseren Luftzuge für die daselbst auf Breter-Gestellen herumgereihten Käse, angefüllten Milchbecken und irdenen Geschirre mit Butter; nebstdem ist hier die Vorrathskammer für etwas Mehl, Brot, Obst und sonstigen Besitz der Sennerin und ihrer Gehülfinnen. Dieses Proviantmagazin ist durch eine Breterdecke vom Dache geschieden, auf welcher das sparsam gewonnene Futter bereits getrocknet aufbewahret wird, und nebst einigen Kotzen die Lagerstätte für die Dirnen ausmacht. Die Hirten schlafen entweder in einer besondern Hütte, oder in der ersten Abtheilung auf einer Bank.

Innerhalb der Umzäunung, rings um die Hütte, wird das Vieh nur gegen die Abtriebszeit bei Nacht eingeschlossen, weil es auf solche Art zusammengedrängt, und einigermassen vom Dache beschützt, die schon kälteren Nächte leichter erträgt; zu anderer Zeit können die Kühe ruhen oder nächtlich herumwandeln, wie es ihnen beliebt.

Die Sennerin, welcher als Haupt der Kasern, Hirte und mindere Dirnen untergeordnet sind, hat (für den Sommerlohn pr. 5 fl. R. W. und einige Kleidungsstücke) nebst der Obliegenheit für das Vieh, Butter- und Käse-Bereitung, auch noch die Kochkunst auszuüben. Obgleich nun diese sehr einfach ist, so weiß doch Eine vor den Uebrigen bisweilen ihren Lieblingsspeisen besondere Würze zu geben.

Ich, zwei Dirnen und ein Hirtenjunge saßen, manches besprechend, auf Bänken um den Herd, letztere lösten einander zeitweis ab beim Butterrühren, während die thätige Sennerin zuerst in den grossen Kessel Stücke Butter warf, darauf Mehl, und dieses röstend, immer etwas Milch nachgoß, bis das Ganze eine braune brockenartige Masse bildete; nun wurden geschälte Aepfel stückweise hineingeschnitten, etwas zerrührt, dann dieses Quodlibet in eine hölzerne Schüssel entleert, mit tüchtiger Portion Rahm übergossen und insgesammt verzehrt; einige Maß Milch vertraten dabei den Tafelwein, und das dürre Brot konnte somit leichter hinunter gewürgt werden.

Das lästigste bei diesem -- schwelgerischen Preismahle! war der unselige Rauch, welcher die Hütte dermassen anfüllte, daß ich kein Auge öffnen konnte. Den einzigen Ausgang gewährten ihm die Lücken zwischen den Steinen und Dachbretern, weil die niedrige Thür, der zunehmenden Kälte wegen, geschlossen wurde, und die Alpler sich lieber mit gewohnten Rauch, als mit frostelnder Nachtluft herumbalgen.

Nachdem wir gesättiget, wurden die vierfüssigen Zöglinge betreut; der 20 Maß fassende Kessel, mit abgegossener Käsemilch etliche Male angefüllt, gab den Kühen, besonders aber den Kalbinen einen warmen Abendtrank. Nun wurde abermal Holz aufgeschürt, Wasser im Kessel erhitzt, und damit alle Eisen- und Holzgefässe, das Butterfaß mitbegriffen, auf das blankeste gesäubert. Manch großthuende Gasthausköchin in Städten müßte vor solcher Reinlichkeitsliebe auf Alpen, in ihrer Küche erröthen; wenn nur damit derer Besserung bezweckt würde!

Die Nacht schien mir ewig zu dauern. Auf der ebenen Bank hingestreckt, nur meine Jagdtasche unterm Kopf und zerrissene Kotzendecke über den Anzug, lag ich Anfangs durch Rauch und Flamme beinahe geselcht, und doppelt schmerzlich wegen der jüngst erhaltenen Contusionen. Später als die Flamme erlosch, tumelte sich Schneekälte in der Hütte herum. Das Schnarchen des neben mir liegenden Hirten, und beständige Geläute der um die Hütte herum eingeschlossenen Herde, war in beständiger Bewegung! Endlich brachte mir die Ermattung doch den willkommenen Schlummer.

Der erste Lichtstrahl mußte Wecker zum Aufbruche seyn; denn noch herrschte Dunkel in der Hütte, als schon die Sennerinnen auf kleiner Leiter herabstiegen vom Dachboden, die Kienspähne statt den Kerzen wieder anzündeten, Feuer machten, Kühe melkten, und die gewöhnlichen Arbeiten verrichteten, welche ich nimmer wieder anzusehen begierig war.

Wunsch und Bestimmung trieb mich weiter, obgleich die gutmüthigen Anachoreten mir durchaus erst ein Frühstück von warmer Milch und geröstetem Brot machen wollten.

Der Hirtenbursche begleitete mich eine geraume Strecke, und zeigte mir dann einige Merkstellen, über welche der halsbrecherische Gangsteig zum

Fundertauern

empor führt. Durch den heftigen Morgenfrost wurde das mühsame Klettern erträglicher, obgleich ich öfter die kalte Lehmerde oder Kalksteine mit Händen anfassen mußte, um nicht herabzusinken auf den glatten Stiefelsohlen, die ich zuvor überflüssig mit Eisen erst zu beriemen gedacht hatte. Auf diesem Wege könnte schwerlich Hornvieh hinauf, noch weniger herab gelangen, wenn auch oben gute Weideplätze wären.