Part 6
Ein heiterer Sonntagsmorgen leitete mich aus dem versteckten Villach, dessen Thürme mir noch bedeutend auf St. _Leonhards_ Anhöhe nachschimmerten, dem Seebache entgegen, durch ein breites wohl kultivirtes Thal in zwei Stunden nach Treffen. Hier überboth die bescheidenen Häuschen stolz des Herrn Grafen von _Goes_ Lustschloß -- Neutreffen, vom Parke sanft umwunden. Schuß auf Schuß donnerte aus dem Dörfchen ins Freie, ich glaubte eine belagerte Festung zu passiren. Es war Uebung zum nahen Festschüssen, dessen mehrere in jedem Orte alljährlich Statt finden, wobei man sich besonders müht, den Ruhm seines Hauses mit einer Bestscheibe zu heben. Diese bemerkt man von hier aus durch Salzburg und Tirol ununterbrochen die Häuser schmücken. Die Scheiben, auf welchen Vater oder Urgroßältern das Beste errungen, hängen auswendig an den Hauswänden, und kein Nachkomme wird es wagen, eine dieser Zierden, wenn sie auch verwittert ist, herabzunehmen, sondern läßt, wie ich öfter gesehen, vielmehr ein Dach darüber machen. Das seltenste Quodlibet bilden solche mit Ebern, Bäumen, Gemsen, feindlichen Soldaten, Stieren etc. bemalte Scheiben, an den ganz bedeckten Wänden.
Bald engt sich außer Winklern das Thal, kärglich durchblicken es kaum im hohen Sommer der goldenen Königin glühende Strahlen; finster wird der Tag um die Mittagszeit; der Welten-Baumeister hat zwei Felsenwände aufgestellt, so steil, daß man zittert, an ihren Schatten-wahrenden Fuß einige Häuschen mit dem passenden Namen _Einöd_, angeklebt zu sehen; aber sie stürzen nicht die senkrecht gestellten Massen, ruhig stehen sie in ihren Grundfesten, denn die Hand der Barmherzigkeit hat sie gemessen!
Der _Ariabach_, sein Daseyn zwei Seen verdankend, murmelt schnell hindurch, eine lustigere Gegend zu erreichen.
Dieser Bezirk bis _Liseregg_ aufwärts, ist der unglückseligste an Hervorbringung von Fexen (Drotteln oder _Cretins_); selten daß man einige Häuser vorbei wandert, ohne diesen Stiefkindern der Natur zu begegnen, die Herz und Augen zum Mitleid stimmen. Ich sah Kinder sich neckend mit Kothe beschmieren, und Erwachsene, welche lachend große Steine auf Vorübergehende warfen. Eine gleichfalls blöde Weibsperson keuchte mir geraume Strecke mühsam nach, und als ich ihren Willen erfragen wollte, stürzte sie auf den zum Glücke von mir besänftigten Hund, und riß ihm einen Knäul seiner langen weissen Haare aus, sich damit den Kopf zu bestreuen. Diese Unglücklichen, welche gemeiniglich zwergartig, mit dicken Köpfen, kleinen Augen und großen herabhängenden Kröpfen gebaut sind, besitzen nicht selten die froheste Laune und Muthwillen.
In einer Stunde kommt man in das 34 Haus zählende Dorf _Afriß_; gemildert, ohne eben freundlich zu seyn, winkt das Thal, bis man in einer Stunde _Erlach_ und Feld, zwei Oertchen an zwei Seen gelagert, erreicht; ein Thalkessel mit aufsteigenden Ackergründen zieht sich ringsherum zur Höhe, auf ihnen schweben bis zu Hochgebirgen hölzerne Bauernhäuschen, und unansehnliches Horn- und Rindvieh klettert dazwischen von Busche zu Busche. Radentheim liegt ebenfalls in einem breiten Thale mit steilen Bergabhängen. Viele Obstbäume, in der Umgebung eine Seltenheit, beschatten allenthalben die Häuser. Hier durchaus muß der Winter bei vielen Schnee gräßlich wüthen. Von Einöd angefangen, möge mässiger Wind schon Lavinen über die Berge herabsenden, ein Sturm aber Häuser und Bäume zudecken; der gedämmte Bergbach und die überfüllten Seen ihre Ufer überschreitend, dann vollends vernichten, was Winde und Schneelehne verschonten. Dasselbe gilt von den in noch wilderer Gegend sich bergenden Dörfchen Döllach und Döbriach an dem rauschenden Radenbache, welcher rechts vom Berge in die Thalschlucht einen schönen Wasserfall bildet. Einzelne Bäume haben rechts auf den Höhen, wohlthätig dem Wanderer, abstürzende Felsentrümmer mit ihren rüstigen Körpern aufgehalten; gleich großmüthig zerstäuben sie zur Winterszeit die andringenden Schneemassen, oder zwingen sie weniger zu schaden; man sollte den Arm strafen, der einen dieser Stämme fällte.
Von Döbriach über Hochdöllach, eine Strecke von zwei Stunden, ist eine der pittoreskesten Strecken. Rechts riesige Granitfelsen, theils bewaldet, theils aus losen Trümmern bestehend, die erst vor Kurzem sich einer Erdrevolution entschlagen zu haben scheinen, und aufs Neue nur eines Lüftchens warten, um abermals weiter zu rollen. Links breiten sich die mannigfaltigen Ufer des drei Stunden langen, und sehr tiefen Mühlstädter-Sees aus. Schön umwaldet sind seine jenseitigen Begränzungen; ohne Dorf, ohne Haus, sondert nur hie und da ein schmaler Wiesenstreif das hochstämmige Grün der Berge, welche sich weit hinein in den Seespiegel schattiren, ohne daß ein schaukelnder Kahn die Flächen zu wirbeln oft pflegt. Ich erfuhr, daß dieser See schon bei mässigem Winde wüthender tobe, als andere bei heftigem Sturme, daher nur selten und bisweilen gar nicht befahren werde.
Nun kommt man zu einigen Hütten von Oberdöllach (oder auch Matzelsdorf), ein Wasserfall, schön wie ihn nur die Natur bilden kann, stürzt über thurmhohe Felsenwand stufenartig herab, bald darauf braust ein zweiter nieder. Diesen in seinem ganzen Werthe zu sehen, muß man 200 Schritte emporsteigen, und -- man dankt sich die Mühe! An diesem Bache besitzen einige Bauern kleine Handmühlen, die ihrem Hausbedarf genügen und sie empfindlicher Ausgaben überheben.
Markt _Mühlstadt_ entschädigt nicht in seinen schlechten Häusern für die verlorne Pracht, die wie manches Glück nur einen Augenblick gedauert! weniger aber vergißt man die dumme Art und Weise, fremder Reisenden Geschäfte und Pässe hier zu erforschen. Ich hatte im Wirthshause die tollen Fragen des mir gegenüber sitzenden Gerichtsdieners satt; er darüber erboßt, frug pathetisch nach Herkunft, Namen, Lebensweise etc., welche ich, mich gar nicht dazu verpflichtet fühlend, nach Gutbefinden scherzhaft beantwortete. Etwas gestärkt will ich nun meine Wanderung fortsetzen; wie ich den näheren Weg durch das alte Verwalteramtsgebäude hinab gehe, tritt der unvernünftige Mensch in Begleitung eines wirklichen Herrn Amtsschreibers! hervor, und bringen mich durch ihre grobe Neugierde um frohe Laune und Zeit, die ich leider auf unangenehme Art zubrachte, bis Beide für die Zukunft eines Besseren belehrt wurden.
Eine Stunde schleuderte ich noch an dem fischreichen See durch die elenden Dörfer _Gritschach_, und _Lerchendorf_ fort, bis er bei _Wirlsdorf_ endete. Sumpfige Wiesen, die hölzernen Hütten der Schmutz liebenden Einwohner kaum ertragend, sind der beständige Anblick des abwechselnd auf Gangsteigen versinkenden Wanderers.
Es wurde Abend, Nebel senkte sich in schwarzen Wolken von Gebirgen herab, und verbarg die Zeichen, die den Pilger sicherer zu leiten pflegen; doch war die Wanderung darum nicht unangenehm, da der werthlose Bezirk, sich nur bisweilen enthüllend, den Beobachter mit verborgenen Reizen zu täuschen schien, gleich einem Frauenzimmergesichte, welches die unangenehme Form durch einen Schleier interessanter zu machen sucht.
Ueber der sich früher verkündenden _Liser_, die ihre Geburt mehreren Alpenseen verdankt, und Scheiter tragend den Uferbewohnern eben so furchtbar als nützlich ist, erreicht man das mit Waldbäumen durchflochtene
Liseregg.
Das Dörfchen ist ziemlich ausgebreitet, es war bereits Nacht, ich mußte also in irgend einer Wohnung das Wirthshaus erfragen. Mühlen-Geklapper lockte mich links über Felder hinüber, einige Hütten waren bereits geschlossen, doch hörte ich nebenan Stimmen, -- die Thüre zu öffnen und wieder zu schliessen war Eins; Rauch, Dampf und Brand qualmten im Häuschen empor, ein Mann rief mir zu, ich nahm einen Rand und ging noch einmal in diesen Höllenpfuhl. In Mitte der schwarzen Stube um einen mit Geschirren bepflanzten Lehmherd, worauf das Feuer emporloderte, standen sieben Personen, die Männer Taback schmauchend, die Weiber Reisig nachschürend, und ein Schweinchen in der Ecke grunzte ihnen Beifall zu. Der Rauch, welchem beim kleinen Dachloch sein Ausgang angewiesen war, sich nicht damit begnügend, wirbelte etwa drei Fuß hoch vom Boden im Gemache umher. Die zahlreichen Luftlöcher aber in der zerrissenen Breterwand, und die nur schlecht mit Papier und Glasscherben verwahrten Fensteröffnungen, dienten als eben so viele Rauchfänge, denen die um einige Zoll gegen ihre Oeffnung zu kleine Thür, gehörigen Luftzug gab. Auf dem holperig lehmigen Fußboden standen einige Verschläge mit Stroh, die muthmaßlichen Bettstellen des Pallastes.
Solche Wohnungen, die der Bauer seinem Hausgesinde anweiset, oder ärmere Familien gemeiniglich besitzen, sind in Kärnthen keine Seltenheit. Was Wunder! wenn sie auf den phisischen Charakter der minderen Klassen oft traurigen Einfluß haben! Diese Hütten, die für den Sommer nichts taugen, was mögen sie im Winter seyn?
Mühsam konnte ich nun das über dem Flusse liegende einsame Wirthshaus erfragen; wenn Jedermann seiner Anstrengung gemäß auch Lohn erwarten wollte, so müßte er hier sich höchst bestraft fühlen. Allein ich war schon allzu gewohnt, auf Nebenstrassen Hungerthürme von Wirthshäusern, und Strohbindel statt Federbetten anzutreffen. Wenigstens läuft man nie Gefahr, sich zu überessen, oder am weichen Nachtlager den Sonnenaufgang zu verschlafen. Dießmal hätte man immerhin den halben Tag verschlummern können, ohne sich deßhalb Vorwürfe zu machen.
Der lästige Regen, mir Nachts schon durch das alte Schindeldach seine entzückende Ankunft mittheilend, tumelte sich Morgens mit dem fürchterlichsten Sturmwinde; Wolken flohen in schrecklichen Gestalten wie zu einer wilden Schlacht brausend herbei, und der entfesselte Orkan lieferte den Donner des Geschützes; nur die Ueberzeugung, hier nichts zu gewinnen, trieb mich fort. Durch die Dörfchen Karlsdorf, Rauten, Feichtendorf, welche eng beisammen vom geringen Ertrage der Wiesen und Heidekornfelder leben, und nebenbei um sich besser zu befinden, die Wälder barbarisch vertilgen, gelangt man über _Feicht_ und _Lehndorf_ auf die Fahrstrasse. Alle diese, und noch mehrere folgende Oertchen, sind auf _Lichtensterns_ topographischer Karte nicht angemerkt; Beweis genug von der bisherigen Unkenntniß dieser Gegend, die aber zum Glücke durch die nun allenthalben stattgehabte Landesvermessung hinlänglich aufgeklärt werden wird.
Möllthal.
In einer halben Stunde erreicht man auf der Fahrstrasse _Möllbrucken_ -- nur einige Häuser, wo etwas unterhalb die _Möll_ in die _Drau_ sich ergießt. Ueber die Brücke durch Altenmarkt, führt die Strasse nach Tirol, dießseits am linken Ufer der brausenden _Möll_, nach _Salzburg_.
An der Brücke zeigen Denktafeln einige Unglücksfälle, welche diese unbändige Nymphe im Zorne oft auszuüben pflegt. Da wurden Häuser weggeschwemmt, Lastwägen sammt Kutscher in den Fluthen begraben etc., man soll wider Willen dieser gewaltigen Alpentochter Feind werden, und doch ist man froh, in ihrer Beschauung derer immer pittoreskeres Granitthal hinauf zu wandern. Das aus 39 Haus bestehende _Mühldorf_ könnte in der That die Wohnung _Neptuns_ und der _Tritonen_ vorstellen. So viele Mühlen und Wasserfälle habe ich sobald nicht in einem Dorfe beisammen gefunden; der Wind peitschte die abstürzenden Gewässer vollends zu einem Gußregen über die Häuser.
Das Dörfchen Kollinz, überschattet von dem schwarzen Danielsberge mit seiner Wallfahrtskapelle und römischen Denkmälern, kann dem Wanderer, nachdem er von der mühsamen Bergersteigung zurückgekehrt ist, im Wirthshause einige Erholung verschaffen.
Zu Napplach, einem Dorfe, findet man viele Hammerwerke, Hammerschmieden und Köhlereien; einem schlechten Gangsteige folgend, erreicht man dann abermal bei einer Brücke über die _Möll_, das Dörfchen _Beng_. Rechts übersieht es von der Berghöhe ein alter viereckiger Thurm, der Rest des ehemaligen Ritterschlosses, dessen Besitzer und Geschichte ebenfalls Ruinen bilden. Dieses Dörfchen scheint einigen Wohlstand an Viehzucht zu besitzen, wenigstens sah ich nirgends mehr Schweine als hier auf Höfen und Gassen umherlaufen. Schon ausser Grätz wunderte ich mich, meistens schwarzes Borstenvieh mit etwas längerer Schnauze und dünneren Beinen zu erblicken, im Drau- und Möllthale war gar kein anderes mehr zu sehen. Ich frug um die Ursache, und es hieß, die schwarzen Schweine seyen weit leichter mit schlechterer Nahrung zu erhalten, als die weissen, und Wolf und Bär müssen sich noch überdies vor ihnen fürchten. Ersteres möge freilich nur Vorurtheil seyn, doch von ihrem Muthe überzeugten mich bald die verläßlichsten Beweise. Einige Schweine hatten meinen Wolfshund im Dorfe angeschnurrt; ich war kaum hinausgetreten, so folgte ihm ein kleiner Trupp nach; mein Hund, der zum Fang dressirt und muthig ist, wollte sie zurücktreiben; es gelang ihm Anfangs, doch nun kamen ungefähr dreissig, groß und klein, mit Gebrumm und Lärm herbei, und stürzten wüthend mit ihren Hauern auf _Duna_ los; er bekam eine Wunde, aber wehrte sich dennoch tapfer; vergebens! sie würden ihn zerrissen haben, hätte ich nicht mit Stock und Steinen darein schlagend, dem geängstigten Thiere Luft gemacht, auf die steile Anhöhe zu entrinnen; mir riß einer dieser mordsüchtigen Vierfüßler das Beinkleid entzwei, ich war froh, um keinen höheren Preis meinem treuen Reisegefährten das Leben gerettet zu wissen.
So sonderbar mir dieses Scharmützel vorkam, und so lästige Wiederholung es vermuthen ließ, tröstete mich dennoch die Ueberzeugung: daß es erfreulicher in dem Lande zu wandern sey, wo Thiere ihre Feinde und Wegelauerer haben, als wo solche den friedfertigen Wanderer einer Börse wegen überfallen.
Ober dem Dorfe Gratschach erhebt sich rechts auf waldiger Anhöhe die
Ruine Falkenstein.
Sein grosser Thurm gibt ihm von weiten die Miene eines Gebiethers, welche sich aber nur allzubald in die eines Erbarmen flehenden Krüppels auflöst. Früher noch, als die würgende Zeit, scheint die ober ihm wankende Felsenwand, Schloß und Berg zu begraben, wenn die lockeren Granitflötze heftiger durch den abstürzenden Zweenbergerbach erschüttert werden.
Ich stieg hinauf, weniger, um die bunt durcheinander geworfenen Steintrümmer, derer ehemalige Gebiether und Schicksale längst der Zeiten Strom unlesbar gemacht, als das wohl angelegte Bienenhaus darin, das erste, welches ich in Kärnthen sah, zu prüfen. Wer das Kirchlein mit dem hölzernen Thurme dabei erbaute, konnte ich nicht erfahren, sicher aber war es ein Mann, der Wunsch und Herz genug besaß, diesen Ort auch für die Zukunft der Aufmerksamkeit anzuempfehlen.
Wenn Aussichten auf sanfte Empfindungen und süsse Schwärmereien meistens Bezug haben, so erzeugt gerade diese, einen ernsten kriegerischen Humor; Kraft und Trotz für ermüdende Anstrengung erwirbt sie dem Manne; Muth wenn auch die Welt in Trümmern zerfallen sollte, haucht die Umgebung. Einzelne an 1000 Klafter hohe Felsen hingelehnte Hütten, die um Schonung zu den riesigen Beherrschern flehen; sparsam sich hin und wieder hinaufziehende Streife von Wiesen, die eine Handvoll Gras für Lebensgefahr verkaufen; schwarze, bemooste Tannen und Fichten, an denen schon manche Blitze die Festigkeit erprobt, und deren Wurzeln sich zum Hohn der Elemente über Felsen winden, um nur mit einer Erdrevolution zugleich zu zerstäuben; zahlreiche Wasserfälle, die in bezaubernden Catarakten von Klippe auf Klippe stürzend, einen ewigen Staubregen gebären, und die abgelösten Granitsteinchen zur Erhöhung des Thales versenden; Felsen, welche die Leitern des Himmels zu seyn scheinen, während doch Niemand vermag, das riesige Haupt zu betreten; Toben des erzürnten Möllflusses, der kühner es wagt, die geheiligte Stille zu stören, und doch ohnmächtig sich müht, die beharrlichen Felsen aus tiefer Schlucht zu verdrängen; dieß sind die getreuen Bilder des ruhmwürdigen Möllthales. So mußte das Land aussehen, auf deren Bergen der stolze Römer und deutsche Kampfheld sich gefielen, und zur Verewigung darauf Tempel oder Heldenschlösser erbauten; so ist das Land, welches nach Jahrhunderten noch den Wanderer ergreift, ihm Achtung für die Vorwelt und Wünsche für die Zeitgenossen abzwingt, und so wird sein Anblick auch künftiger _Generationen_ Blut und Adern durchwirbeln.
Nachdem man sich von dieser merkwürdigen Stelle beurlaubt, erreicht man bald das minder wichtige Dorf _Stollhof_, welches nichts, als des Wanderers Wunsch erzeugt, bald davon entfernt, das zuwinkende
Oberwellach
zu erreichen. Dieser 61 Häuser zählende Markt, obgleich gegen seinen einstigen Werth bedeutend verringert, ist das Asyl der Reisenden und Stolz der Umgebung. Hier trifft man nicht nur Häuser mit Stockwerken, sondern auch Keller, die genußbaren Wein, und Wirthe, die wohlzubereitete Speisen liefern. Die Einwohner sind gutmüthig, und was in einem solchen Eiswinkel am meisten auffällt -- nicht neugierig! Ihr mässiger Feldbau, Bearbeitung des dasigen Kuferbergwerkes, so wie die Viehzucht, welche auf den zahlreichen Alpen den besten Gewinn biethet, fesseln sie zu sehr, um nicht Anderer Thun und Lassen zu bekritteln. Rechts, auf frischer Wiesenhöhe, steht ein alter Wartthurm, gleich dem hinfälligen Greise auf geschmücktem Tanzboden -- der sich grell unterscheidet, und belächelt wird.
Meinem Wunsche gemäß weckte mich der grauende Morgen zur Tauernreise. Ich eilte von frostelnder Morgenluft gestählt, durch Dürenwellach, einer etwas höher liegenden quasi Vorstadt, zum Kalvarienberge hinauf. Einzelne Baumgruppen scheinen daselbst durch Kunst ihr Daseyn bekommen zu haben. Der Rückblick von hier genießt zuletzt das wilde _Möllthal_. Bald wird die Gegend verworrener; der abstürzende Malnitzerbach, noch frei und unabhängig, will seine Kraft der ihn verstossenden Heimath fühlbar machen; tief gräbt er seine Beete, reißt die Felsen auseinander, und wirft zentnerschwere Steine wie Saaten der Zerstörung spielend um sich. Ein hochstämmiger Nadelwald strebt milde, unter seinem Schatten diese Bosheiten dem spähenden Tage zu verhüllen; einzelne Hüttchen und Mühlen, furchtsam aufblickend, suchen von diesem Gewaltigen Nutzen zu ziehen. Nachdem man so dritthalb Stunden geklettert, stürzt plötzlich ein dünner Wasserstrahl -- der Stäudenbach, von mehr als 200 klafteriger Höhe über schwarze Felsenwand, gegen die der weisse Schaum des Falles wunderlich absticht, auf gerundete Klippen herab, sein Daseyn in felsiger Kluft zu begraben. Kaum daß man sich dieser angenehmen Ueberraschung entzieht, erwartet den Fremdling die zweite. Der Wald hörte bereits auf, nun öffnet sich eine weite Ebene, von schneeumschürzten Alpen schroff und steil, gleich Himmelsmauern umschlossen; Roggen und Weizen reift auf den Aeckern; abgelöste Felsenstücke wie mit den Saaten gebaut, heben sich hie und dort aus dem Grünen; im Hintergrunde scheint ein Kirchlein und wenige Hütten aus der ebenen Flur den Reigen zu tanzen -- man ist im
Dorfe Malnitz.
Klee hing zur Dörre auf Harfen geschlichtet, Roggen und Weizen war mit Ende August noch unreif am Felde! Mais bildete kleine Einfassungen an diesen; doch von Heidekorn, Bohnen oder Erdäpfeln hatte ich nichts bemerkt. -- Wie viele Schicksale mußte der Mensch erleben, wie so manches versuchen, bis ihn die Noth zwang, aus lachenden Fluren in die riesigen Winkel der Alpen zu ziehen, und Samen, in Asiens Zonen nur heimisch, zu seinem Unterhalt in _Sibirien’s_ Klima zu bauen! Hier ist sieben Monate Winter, und die anderen fünf theilen sich in Thauwetter und drückende Hitze. Man zeigte mir drei Klafter hoch am Kirchthurme einen Strich, so hoch war vor einigen Jahren der Schnee; es mußte dann nothwendigerweise das ganze Oertchen unsichtbar, und die Bewohner dem Ersticken, Erfrieren oder Erhungern nahe seyn.
Die Kinder liefen, wie ich mich den Häuschen näherte, scharenweise vor mir, andere krochen auf Händen und Füssen hinter Bindeln von Reisig, und schrien erbärmlich, statt das dargebothene Geschenk anzunehmen. Diese Anachoretenfamilie bildet unter sich eine Art Republik, abgesondert und unbekümmert um die fröhlichere Welt, säen, ernten und verzehren sie untereinander, was Boden oder Viehzucht spendet. Fremde Müller, Fleischer und Handwerker entbehren sie leicht bei eigenem Besitze, nur etwa Wein muß mühsam heraufgeschleppt werden; er dient zu ihrer Aufheiterung in den Tagen des Schreckens, und zur Labung der Reisenden, die über den Tauern wandernd hier gerne verweilen. Der Wirth, so wie die anderen Bewohner, sind gutmüthig; Luxus, Heuchelei und Eigennutz, diese Pestbeulen verderbter Menschen, sind noch nicht über die Berge hier zugereiset; leider hat aber auch Erziehung, Gelehrigkeit und Bildung den Weg hierher verfehlt.
Mehrere Stunden von jedem Dörfchen, und Tagreisen von kleineren Städten geschieden, leben sie zwischen ihren bekannten Felsen und leuchtenden Schneefeldern. Den Genossen entsprechend ist ihre Lebensweise hart, ihre Habe dürftig wie der Alpenbach, ihr Vergnügen und Hoffnung -- bessere Zukunft! Und so gräbt sich unverdrossen alljährlich der Bauer die Wege zum Leben durch Schnee; bewohnt die Hütte, dessen schneebeschwertes Dach die Mutter einstens erdrückte; stürzt mit dem Spaten den Acker, worauf der Vater erfror; oder holet das Holz von der Klippe, wo lockere Steine den Bruder erschlugen. »Warum nicht einen Freund in der Natur suchen? warum sich mit feindlichen Elementen um Bissen Brot, um Handvoll Gras herumbalgen?« könnte mancher Prasser im Prunkgemache sich wundern!
Der hierortige Pfarrer ist meines Erachtens am meisten zu bedauern. Er hat Niemanden, von dem er erheitert werden könnte; an seinen Bezirk gebunden, muß ihm nur Lektüre, die zu oft gesehene Wildniß versüssen; unglücklich, wenn er auch diese entbehrt!
Im Wirthshause genoß ich etwas von dem Bocksfleische, das zwar nicht wohlschmeckend, jedoch durch die Alpenkräuter besser, als in flachen Ländern ist. Der Wanderer wird in Gebirgsgegenden zur Sommerszeit durchgehends damit geplagt; weil man es später des stärkeren Geruches wegen nicht gerne benützt, und Geisse und Böcke weit leichter auf Alpen sich vermehren, als Schafe, die dann für den Winter aufbewahrt werden; Rindfleisch ist übrigens eine höchst seltene Speise. Der Wein hätte in diesem Dörfchen viel sauerer seyn können, ohne verschmäht zu werden. Indeß ich mir auch meine Reiseflasche damit anfüllte, kamen einige Bauern, mir gutmüthig ihre Dienste als Wegweiser anzubiethen. Um angenehmer, und nicht im Sturmmarsche den Tauern zu überspringen, glaubte ich keinen zu bedürfen, weil der Weg, wo auch bisweilen geübte Saumrosse empor klettern, ohnedieß zu ersehen sei; und so hatten auch ihre Schilderungen von mancherlei Gefahren keinen Erfolg.
Lederne, mit Stroh gefüllte Pölster, welche auf den Bänken herum lagen, sollen nach meiner Anfrage zu Ruhebetten dienen, worauf die Bauern, welche zu gewissen Zeiten über den Tauern nach Salzburg reisen, ihre Gefährten erwarten, um mitsammen die Reise zu vollführen; gewöhnlich nehmen sie dann kleine Bretchen mit, auf selben über die Schneefelder streckenweis hinabzurutschen. Einige der Kühnsten wagten schon zur Winterszeit diese lebensgefährliche Reise; Mehrere wurden dadurch ein Opfer ihres unüberlegten Unternehmens, ein plötzlicher Wind, Nebel, Schneegestöber, oder erschlaffende Kraft in den nassen Gliedern -- und das hohe Grab umschloß sie mit frostigen Armen: dennoch schreckt andere Wagehälse weder Beispiel noch Gefahr, sie spielen mit ihr, weil sie nicht des möglichen Verlustes gedenken.
Malnitzer-Tauern.
»Glück zu übern Tauern!« riefen mir die ehrlichen Wirthsleute nach, als ich das Dörfchen verließ; Sumpf umgab es hier, der eben so, wie bald darauf die, aus lockeren Steinen gebildete Fläche, von dem oft gräßlich wüthenden Malnitzer-Bache unterhalten wird. Ruhig spielte sich nun das niederstrebende Schneegewässer mit den durcheinander geworfenen Zeugen seiner Rache. Durch Gässen grosser Granitblöcke und entwurzelter Lärchenstämme, muß man entweder springend oder durchwatend, den Bach eine Strecke aufwärts verfolgen. Hie und da hatte sich zwischen diesen Verschanzungen etwas Erdreich gesammelt, magere Pferde schnell diese Plätzchen findend, verzehren den üppigen Graswuchs darauf.
Ueber Sandbänke von Gneis und Glimmerschiefer, durch die Sonne erglüht, gelangt man sonach in hohen Wald, man muß aber desto steiler klettern, und also erleichtert sich nichts. Rechts und links sind die Bäume, dem Wanderer den Pfad zu zeigen, etwas angepicht, man steigt eine halbe Stunde über ihre hohltönenden Wurzeln, dann werden die Stämme niedriger, durch Moose bartiger, und hören plötzlich auf. Nun betritt man eine grosse Alpenwiese (Mahde genannt), so steil und glatt wie Eisdach; einige Burschen auf Steigeisen sind eben mit Abmähen des kurzen Grummets beschäftiget, muntere Dirnen, Triller wirbelnd, welche nur die Natur sie lehrte, sammeln die getrockneten Kräuter mit Rechen, und häufen sie zu Ballen, gleich der ersten Heuernte, die ebenfalls zum Wintergebrauche, mit Steinen und Holz vor Absturz gesichert, herumsteht.
Ein duftendes Aroma sind diese abgemähten Herbarien, man kann sich nicht trennen von der Kraft hauchenden Ernte, die in einer Scheune den Menschen leicht tödten könnte. Die gutmüthigen Aelpler wollten mir rathen, mich von dem Heuschober, der auch zugleich Schatten both, zu entfernen, widrigenfalls Kopfweh und Schwindel bevorstehe; zugleich erzählten sie von der Gefahr, bei einem Winde zu mähen, und von der weit grösseren, den Besitz im Winter nach Hause zu fördern. Da müssen die rüstigen Nachbarn sich versammeln, Schneereife auf den Füssen, und lange Stangen in der Hand, schleppen sie kleine Schlitten nach. Bis sie zu dem Heuballe, der meistens verschneit ist, gelangen; bis sie einen Theil davon mit Stricken fest auf den Schlitten gebunden, ist schon manche Gefahr zu bestehen; nun erst müssen sie über Abgründe und Lavinen herab die Last sichern. Oft stürzt der Schlitten, und rollt für ewige Zeit begraben, in die Kluft, glücklich, wenn er nur Keinen mit sich riß; oft versinken Last und Menschen in tiefen Schnee, die Rüstigsten retten sich, die Uebrigen leider befreit das Frühjahr aus gräßlicher Behausung. Hat aber kein Unglück einen Genossen getroffen, hat nicht tobender Sturm den dürftigen Reichthum geplündert, oder eine Lavine die Habe und Schlitten verschlungen: so drücken die Hände sich bieder, freudige Tropfen füllen die Augen, und der Hüttler bedauert nur des Dankes zu fühlbare Schwäche!
Ich verließ diese wohlschmeckende Gegend, die so vielerlei Unglück nach sich zieht, und verglich sie mit der freundlichen Miene manch schadenfrohen Städters, die weniger erkannt noch weit listiger täuscht, ohne dabei etwas Gutes zu bringen!
Eine Stunde lang stieg ich empor, mehrere morsche Baumwurzeln, die über den Boden hinliefen, bestätigten meine anfängliche Muthmassung, daß diese üppigen Mahden einem ehemaligen Walde, der vielleicht vor 100 Jahren durch unbegreiflichen Vandalismus ganz ausgehauen wurde, den guten Boden zu danken haben. So konnten die Vorfahren bei all ihrem Holzüberflusse handeln, so Verwüstungen anrichten, ohne zu bedenken, daß sie dadurch den Gießbächen, Schneelavinen etc. die vertilgenden Wege zu ihren Wohnungen herab erleichterten.