Part 3
Grätz ist ebenfalls eine von den Damen die sich im Alter zu schmücken anfangen, um noch neue Anbether zuzulocken. Ich beginne vom Fusse, weil das Pflaster eine Hauptbeziehung auf den gehenden Beobachter hat, der seine Beine auch noch für andere Exkursionen ganz behalten will. Dieses ist nun nach Versicherung der Einwohner gegen frühere Jahre merklich verbessert; und zum Theile zeigen auch die am Haupt- und Jakomini-Platze, so wie in der Herrn-, Rauber- und einigen anderen Gässen angebrachten Trottoire vor den Häusern, die Möglichkeit, wenn auch nicht guten Willen der übrigen Hauseigenthümer, geeignete Steine herbeizuschaffen. Man gewinnt bei dieser weisen Nachlässigkeit den Vortheil, daß man von einer Wohnung weg die Stadt in allen Gäßchen durchschreitend, sich ebenso ermüdet auf den Stuhl hinwirft, als nach einer Wanderung vom entlegenen Scheckel[7]; wo Sturm und Regen den Pilger leicht überfallen und seiner Gesundheit schaden können; was für herrlicher Vortheil! -- Will man aber durchaus (besonders bei Regenwetter) ohne sich die Füsse auszutreten Besuche machen, oder in Geschäften herumgelangen: so sind zur Bequemlichkeit des Publikums wohlbespannte Fiakreswägen bereit, dem Befehle zu willfahren. Es sind deren 20, und wenn die Wege nicht so schlecht wären, so könnten sich (nach der Fußkraft der Grätzer zu urtheilen) bei 38,000 Einwohnern kaum diese erhalten.
[7] Berg, 4800 Fuß über der Meeresfläche erhaben, wird von Grätzern häufig der schönen Aussicht wegen bestiegen.
Nun zum Körper: Die Stadt mit ihren schönen Kirchen, Rath- und ehrwürdigen Landhause, Burg, herrschaftlichen Palais, Säulen auf den Plätzen etc. ist noch, einige moderne Ziegeldächer ausgenommen, genau wie sie Dr. _Sartori_ treffend beschrieb; nur _Taliens_ Tempel (in der Hofgasse) hat sich verschönert dem vertilgenden Brande entwunden, er prangt im angenehmen Style, das Herz durch die Form schon einladend. Der Raum zur Zu- und Abfahrt ist ziemlich geengt, doch ist zu wünschen, daß er nie breit genug scheinen möge. Gegenwärtig war das Dach noch nicht vollendet; Seine Majestät beehrten aber dennoch den Musentempel mit höchst Dero Besichtigung. Ein höherer, ja unvergeßlicher Genuß, wird jedoch jedem gebildeten Reisenden die Prüfung und Durchwanderung des weit berühmten _Johanneums_ seyn; welches Sonntags von 12 bis 3 Uhr für Jedermann, in Wochentagen aber Naturkundigen auf Ansuchen geöffnet wird. Groß ist die Erwartung, grösser wird sie bey Besichtigung des prächtigen, alle heimischen Merkwürdigkeiten einschliessenden Pallastes, (in der Raubergasse) doch übertroffen wird sie beim Eintritt. Ich fühlte an meinem Pulse das zehnfache Entzücken, welches einen Kenner beim Durchwandern dieser Heiligthümer ergreifen und fesseln muß, maß diese Wonne mit jener der Stifter -- und meine Feder verstummt! Jedes Kunst- und Naturprodukt, jedes aufbewahrte Kleinod, sind eben so viele Trophäen zur Verewigung der Stände, und ihres würdigen Oberhauptes Erzherzogs _Johann_. Tage, Wochen, ja Monate könnte man verweilen, und Bruchstücke würde man nur vom Unermeßlichen bewundert haben. Mein zagender Fuß stritt mit dem hundertfach gefesselten Auge; vielfach wollte sich der Blick verschärfen, um Neues zu sehen, und doch nimmer das Gesehene verlassen.
Vier Zimmer sind für das Thierreich; als: Fische, Vögel, vierfüssige Thiere und Insekten bestimmt; dann andere vier Zimmer, worin die seltsamsten Mineralien, Versteinerungen, Kristallisationen, dann alle Holzgattungen in Bücherform, woran die Rinde den Ueberzug, das gehobelte Holz die Schatulle, und die Blätter, Blüthe, Samen und Wurzeltheile das Eingeweide ausmachen, aufbewahret werden. Das Herbarium, welches sämmtlichen kostbaren Schätzen würdig sich anreiht, läßt nichts zu wünschen übrig. Alle diese Naturerzeugnisse und eine ungeheuere Menge von aus Wachs kunstreich nachgemachten Obstgattungen jeder Art, sind innländischen Ursprungs. Das neunte Zimmer endlich oder vielmehr der Saal, enthält physikalische Instrumente und Apparate, nebst verschiedenen Modellen von Maschinen, u. d. gl.
Ich durchschritt zaudernd die herrlichen Gemächer, als ginge ich zum gezwungenen Grabe, und kam doch zu neuen und bezaubernden Schönheiten! Die Eisenblüthe, deren groteskeste Gebilde ich bewunderte, verdrängte der Anblick eines prächtigen Königsadlers, diesen ein sonderbarer Bergkristall aus dem Paltenthale, jenen ein ungeheuerer Bär u. s. w. man sieht umher, wohl überzeugt, zuviel für den Augenblick, zu wenig für die Zukunft gesehen zu haben; doch wird sich der Zoologe schwerlich eines lauten Ausrufs des Erstaunens entziehen können. Das Antiken- und Münzkabinet verdient nicht minder die Aufmerksamkeit des Besuchers, wenn er auch jenes zu Wien schon gesehen hätte. Der Garten, welcher in botanischer Hinsicht erst im Aufkeimen ist, läßt viel erwarten; die Bildergallerie aber, welche sich in der Neugasse befindet, wird gewiß Niemand unbefriediget verlassen. Neben dem _Johanneum_ wird gegenwärtig ein neues großes Gebäude für die schöne Bibliothek eingerichtet.
Jeder wißbegierige Reisende wird sich überdieß durch die Gefälligkeit, Unterweisung, Humanität und tiefgewurzelte Kenntniß der dortigen Herrn _Custoden_ auf das Angenehmste überrascht finden. -- Wohl dem Schiffe, das mit solchen Leitern und Rudern ausgerüstet ist! was mangelt ihm noch, das Ziel zu erreichen? und es hat solches errungen, und zwar eher, als selbes erreicht zu seyn schien! -- Doch wohin treibt mich meine Phantasie? ich will eine Reise, und keine _psychologische_ Abhandlung entwerfen.
Das Haupt von Grätz, ich meine den Schloßberg, hat durch die bitteren Wunden des Jahres 1809 sein früheres Antlitz ganz verloren; doch gewinnt die Stadt durch dessen gemilderte Miene an Freundlichkeit ungemein.
Wenn ich auch annehme, daß es jammerschade ist, den Zeugen der Tapferkeit und Vaterlandsliebe treuer Unterthanen von übermüthigen Feinden rachlustig zerstören zu lassen; so wird mir doch Jeder beistimmen: daß es gewiß zur Seelenerheiterung dient, statt denen mit Unglücksmenschen, welche Erziehung und Schicksal zu Verbrechen geleitet, angefüllten Bastionen, nunmehr zierliche Gärten zu sehen, auf deren Höhe Grätz ihr Gutes und Angenehmes dem Besucher so gerne enthüllt. Kein Stöhnen und Kettengerassel der Arrestanten[8], bannet den sanfteren Menschen; Musik und muntere Ansprache bei erquickendem Getränke ladet auf der Höhe zum Frohsinn. Statt Palisaden reihen sich Obstbäume, statt Bajonetten -- Blumenkohl. Schattige Rebengewölbe laden zur Kühle, wo einstens Batterien erhitzten. Kanonen sind zwar noch vorhanden, von der Bürgermilitz bewacht, zu besonderen Feierlichkeiten oder Anzeige eines Feuerausbruchs in der Umgebung bestimmt; aber keine Kugeln drohen über der friedliebenden Stadt, außer welche geübte Spieler mit kräftiger Faust dem Kegelbahn-Ziele hinsenden. Die Festung der Grätzer ist also dahin, aber die Einwohner haben sich jeder einzeln im Herzen eine Schanze erbaut, die kein Feind der Welt zu besiegen vermag. Der runde Glockenthurm, dessen Verschonung die Bürgerschaft denen Franzosen abkaufen mußte, und nun wie der Wiener Stephansthurm zur Feuerwache bestimmt ist, nebst einer geräumigen Zisterne, dem Häuschen für den Schanzwachmeister, und dem tiefer unten befindlichen viereckigen Uhrthurme, sind die einzigen Mauerwerke auf der breiten Berghöhe.
[8] Zucht- und Strafhaus befindet sich gegenwärtig in der Karlau, südlich von Grätz.
Gerne verweilt der Fuß, um dem Auge seinen schönen Tribut hier zu gönnen: Ringsherum an den Schloßberg Stadt und Vorstädte in holder Eintracht gedrängt; das frischgrüne Glacis durch gesunde Kastanienalleen in kleinere Felder zierlich getheilt, und westlich die dunkel hinströmende Mur, sind die Punkte, auf denen der Blick, von den bunten Ziegeldächern ermüdet, angenehm ausruht. Diesen nahen in paradiesischer Runde gutmüthige Dörfchen, bewinzerte Hügel und Meiereien mit Küchen und Obstgärten, dann schwere Kornfelder auf gedehnter Fläche bis zum Schloß _Wildon_ im lachenden Süden, um ihren Reichthum der älter gebornen Freundin anzubiethen. Ueber alle diese Braven spricht die erhabene Wallfahrtskirche _Maria Trost_ den Segen aus freundlichem Osten. Diesen zu sichern, Kraft und Würde zu verkünden, steht östlicher die kampflustige Heldin, Veste _Riegersburg_[9]. Vom Fuß bis zum hohen Scheitel wohl gepanzert, trägt sie die Waffen aus entwichenen Jahrhunderten, um noch die Feinde der Nachwelt zu erschüttern! -- Weiterhin drängen sich bergige Wälder zusamm, frisch und mächtig, unwillkommenen Besuchern die Wege zu hemmen. Alles in der Ferne schon zu erspähen, erhebt nördlich sein Haupt zur Sonne der hochgeachtete Scheckel. Die Ruine _Gösting_ hingegen, da Kraft und Jugend entschwand, will nun nimmer um irdische Reitze sich kümmern; wild über den Undank der Menschen, welche die alte Gränzhütherin nicht mehr benöthigen und zu vergessen scheinen, erhebt sie die Reste ihres zerstümmelten Körpers bleich aus waldigem Dunkel auf felsiger Spitze im Westen.
[9] Eine der festesten Bergschlösser des Alterthums und gewesene Schutzfestung gegen Ungarn, zwischen Feldbach und Fürstenfeld befindlich; wurde durch Katharina _Galler_ Wittwe, geborne _Wechsler_ und Freifrau zu Riegersburg 1597 im Baue angefangen, und in sechzehn Jahren vollendet. Sieben Thore, deren jedes einzelne eine Festung vorstellt, machte dieses Schloß in damaligen Zeiten unüberwindlich -- Milde denken die Frauen, doch in männlicher Entschlossenheit gebähren sie Riesen!
Ich bin zu schwach, die Eindrücke alle zu entwerfen, welche auf dieser unbedeutenden Höhe so hochbegeisternd sich entwickeln, und überlasse es jedem Gefühlvollen, sich selbst eine Zaubergruppe davon auszuschmücken. Nur dem Kapuzinerberge bei Salzburg, der noch einen besonderen Vortheil besitzt, muß ich den Vorzug über diesen, und den ersten Platz unter Oesterreichs preiswürdigsten Hügeln einräumen; doch davon später.
Besonders erfreute mich zu Grätz der in Hauptstädten jetzt beinahe ganz vernachlässigte Unterschied der Trachten; wovon aber auch hier die Phrynen, welche auf das Allgemeine ohnedieß keinen Bezug haben, auszunehmen sind. Bescheiden hüllt sich das Bürgermädchen in die lieblich sie formende einfache Korsette, weißen Rock mit schwarz seidenem Vortuche, und eine sammtene Kappe oder gothische Haube deckt das geflochtene üppig sich hervordrängende Haar, ohne bei dieser einfachen Kleidung dem Anspruche auf den Rang einer Grazie gleich denen schimmernden Damen zu entsagen. Lieblich schweben sie daher die munteren frischwangigen blonden oder brünneten Mädchen, ohne von einer Städterin eine andere Spur, als die ihrer Bildung zu zeigen. Die Männer sind bei all ihrer Knochenstärke artig im Benehmen; bescheiden, Neuigkeiten zu erfahren, quälen sie Niemanden mit Fragen zu Tode, sondern überlassen es der Fremden Willkühr, zu sprechen, und dagegen -- zu erfahren. Die feine und gebildete Welt mag sich wohl überall ziemlich gleich bleiben, nur fand ich hier weniger lächerliche Modesucht, und einen seltsamen Wunsch sich lästigen Höflichkeiten zu entziehen. Ein Beweis von letzteren mag der Befehl seyn, welchen eine Tafel auf der ständischen Allee (Glacis nächst dem eisernen Thore, von dem nun die Werke abgetragen und der Stadtgraben zugeschüttet wird), enthält, alles Hutabnehmen daselbst zu unterlassen. Ein anderer Promenadeort ist der Merscheingarten, ein flacher Platz mit großen Lindenalleen durchflochten, der mir jedoch keinen Beifall abgewinnen konnte. Besser gefiel mir der Rosenhain, dessen zunehmendes Alter ihn nun schöner kleidet, als da er zwanzig Jahre jünger gewesen, wo er von Reisebeschreibern sehr getadelt wurde.
Ungemein angenehm, besonders für Fremde, ist ein Spaziergang auf der gedeckten Murbrücke[10], welche auf drei hölzernen und einem steinernen Pfeiler (Joche) ruht. Bei Tage, und Abends mit guter Beleuchtung, passieren hier immer Menschen; viele kaufen etwas von den in eng angereihten Hüttchen hier feilgebothenen Waaren, andere gehen in Geschäften nach Stadt oder Vorstadt. Ich glaube, man könnte hier in einem Tage die Hälfte aller Einwohner von Grätz ersehen, was besonders bei regnerischem Wetter, wo der Fremde bloß auf Kaffeh- oder Wirthshäuser gebunden wäre, nicht unwillkommen ist. Mitten auf der Brücke sind zwei Altanen zum Ueberblick der reissenden Mur, an deren Ufern sich die thätigen Hände der Gärber, Färber und Schiffsleute, welche ein- und auspacken, recht lebhaft darstellen. Weiter unten befindet sich die ungedeckte oder sogenannte Neuebrücke, welche die Jakomini-Vorstadt mit dem Gries verbindet. Die Murvorstadt ist zwar die belebteste, aber gewiß nicht die solideste.
[10] Leider ist jene durch die im Frühjahre 1827 stattgehabte furchtbare Wasserfluth sammt den aus festen Quadern sie stützenden Ufersaume abgerissen, und nur einstweilen durch eine schlichte Nothbrücke ersetzt worden. Noch ist ungewiß, ob und was für eine andere Brücke für die Zukunft das Lob der vorigen erringen wird.
Nun wandere ich zum Kalvarienberg, westlich von Grätz auf einem pyramidenförmig isolirten Fels knapp an der Mur befindlich. Der Weg sowohl als der 125 Fuß hohe Berg sind herrlich, und geschaffen, das Gemüth des Wanderers zu sanften Gesinnungen zu stimmen.
Einstens soll dieser Fels einen Wartthurm getragen haben, 1606 aber errichtete Bernhard _Walter_, Oberststallmeister des Erzherzogs _Maximilian_ _Ernest_, zuerst ein Kreuz darauf; 1764 warf es der Blitz herab; darauf bekam das wiedererrichtete, gegenwärtiges _Cronographicum_:
fVLMen DeIeCIt CongregatIo reparaVIt.
Sonntags den 21. August war Feuerwerk im Pumperwaldel, (Prater, der aber mit jenem zu Wien gar keine Aehnlichkeit hat, außer daß einige Bierschenken und Kegelbahnen vorhanden sind); ich besah es, konnte mich aber nicht wie Tags vorher im Grätzer-Aushülfstheater (in der landständischen Reitschule) der aufgeopferten Zeit erfreuen.
Die Tage flohen wie herrliche Stunden; Freunde und Gefilde täuschten mich herzlich; deren Wonnegaben verkostend hätte ich bald jeder ferneren Reise entsagt: hätte nicht ein Blick auf die mitgenommene topographische Karte meinen schlummernden Willen erweckt, und schnell mich zur Abreise gerüstet. Ein herrlicher Morgen vergoldete mir die Hoffnung einer lieblichen Wanderung; Grätz schlummerte noch, schlummerte wie das edle unschuldige Mädchen -- schmucklos in höchster Pracht, ohne Arglist von Feinden zu besorgen. Ausgebreitet lag es harmonisch auf herrlicher Flur, von den spähenden Thürmen und grünenden Bergen begrüßt; kein neidischer Nebel entzog etwas der reitzenden Gestalt, noch suchte schwelgerischer Rauch zu verbergen, was es so liebenswürdig macht. Gesunde Luft spielte sanft mit den Blättern der Bäume, als wären sie Locken der Schönen, damit dieser anmuthige Wirbeltanz höheren Schmuck noch verleihe. Die immer wachsame Mur durchlief die Stadt mit zunehmender Schnelligkeit, als wollte sie Versäumtes ereilen, oder den Weg verkürzen. Geschäftige Schwalben umzogen sie neugierig, um eigene Schönheit im wässrigen Morgenspiegel zu schauen; erfreut ob schmeichelnder Empfindung, zollten sie singend dem Schöpfer freudigen Dank. Es war ein Bild zum Entzücken, welches nur die Erinnerung von wahrer Seligkeit trennte: daß nicht alles Beglückende ewig dauere, und nur öfter so ein ähnlicher Augenblick mondenlange Schwermuth versüße, um bald wieder neues Mißgeschick erträglich zu machen. »Lebe wohl, geliebte Freistadt des Vergnügens und der Anmuth! lebe wohl, du neueres _Eden_! lebet wohl, ihr selbes bewohnenden Seelen!« sprach ich innigst gerührt dem stummen verlassenen Städtchen, und zwang den unwilligen Fuß,
Gösting’s
Höh zu erreichen; denn es war mir unmöglich von Grätz zu scheiden, bevor ich nicht abermal die liebgewonnene Ruine gesehen. Schon stärkte sich hie und da in genügender Hütte der thätige Landmann zur erwartenden Arbeit; der Hahn vom Morgenrufe ermüdet, suchte ein Frühstück am Felde, der Karren polternd Getöse neckte den wachsamen Haushund; ein Tag war wieder geboren! Minder unbekannt mit dem Bergpfade schien dießmal die Höhe sich gemindert oder der Freundesbesuch die Mühe erleichtert zu haben; der Thau träufelte sein erquickend Naß, Blumen und Kräuter dufteten _Aroma_ -- frisch stand ich neben dem zerfallenen viereckigen Thurme, dessen Näherung so Manchen einst Tod bringend war. Traurig verbürgen die verstümmelten Gemäuer jedem Feinde zu unterliegen: doch kein Wurfspieß fliegt nach der Stürmer Brust, kein Steinkorb zerknackt die jugendlichen Glieder; aber ein Schuß rauschte durch die Mooswände, ein zweiter donnerte nach. Lustig sprang der Jäger herbei, weil es ihm gelungen, das Leben harmloser Thierchen, zweier Wildtauben! die kosend sich ihr Glück mittheilten, mit einem Rucke zu rauben. Ich sah diese liebegierigen Luftbewohner unten auf einer Fichte sich küssen, ohne deren Mörder zu ahnden. So in Liebe und Lust sind auf dieser Veste schwerlich Mehrere gestorben! Der Bursche kam mit seiner Beute zurück und erzählte mit vieler Geschwätzigkeit, wie der Besitzer Graf von _Attems_ und seine geladenen Gäste sich hier zu restauriren pflegen, wenn sie rückkehren von der Jagd, die im Umkreise auf Federvieh und Hochwild sehr ergiebig seyn soll. In der That möge hier ganz im Geiste der Vorzeit, wenn der forstkluge Ritter heimkehrte von ermüdender Jagd, eine Bouteille Marwein und ein Stück Rehkeule nicht übel behagen. Erschöpft in der rüstigen Unterhaltung der Alten, geschützt vor Sonne und Wind durch deren Schloßtrümmer, muß man nothwendig auch ihrer Manen gedenken, und dann für die Edlen, welche nach 800 Jahren ihren Nachkommen noch den Nutzen beharrlicher Baukunst bewiesen, ein volles Gläschen anstossen. Leider konnte ich dem freudigen Wunsche nicht willfahren, ebenso wenig den blutgierigen Jagdgesellen zu längeren Waffenstillstand bewegen, der mit der Versicherung »seinem Gebiether noch eine erfreuliche Ausbeute zu verschaffen« im dichteren Walde verschwand. Ich war sonach allein und unterhielt mich mit den Besuchern, deren einstiges Daseyn hie und da die glatteren Wände verkündeten. In der That eine ganz artige Besatzung; Bekannte darunter, wovon einige schon seit Jahren Europas Gränzen überschritten, standen hier nun als Fremdlinge in der Heimath. Mein Gruß folgte denen Rastlosen, die in entfernten Zonen oft vergebens zu erstreben suchen, was sanftmüthiger der vaterländische Boden gewährt. Aber auch die berühmten Insassen wurden nicht vergessen, welche von _Leuthard_ den ersten Ritter von _Gösting_ im eilften, bis zu deren Aussterben mit _Wülfing_ im vierzehnten Jahrhunderte, in ihren Familien so denkwürdige Männer aufzuweisen hatten. Da hauste _Swiker_ von _Gösting_, welcher mit _Ottokar_ den V. Steiermarks Waffenruhm hob; _Arnold_, dessen Blitze schleuderndem Schwerte der Hunnen tollkühne Raubsucht entfloh; _Mogay_, der das ritterliche Ansehen im wildesten Gaue zu höhen wußte; _Ranald_, _Herwad_, _Erich_ und Andere die ihrer Ahnen würdig sich zeugten! -- Kein Winkel des Schlosses blieb unberührt von ihren Eisenfüssen, deren fester Tritt mit der Festigkeit ihrer Gesinnungen sich einte. Kein flehender Widerspruch konnte den Mann erweichen, der Scharen von Feinden zu weichen verlernte. Dieses gleich stolze und heldige Gefühl hatte aber auch dem letzten Göstinger sein einzig Kind getödtet: Zornentglüht, daß die Tochter es wagte, einen Anderen, als den vom Vater ihr Bestimmten zu wählen, erlegt _Wülfings_ schwerer Arm den unglücklich Geliebten im Zweikampf; Anna, über des Vaters gräßlichen Sieg rasend, springt in die Tiefe der Felsschlucht; dennoch war _Wülfing_ nicht hart genug, den Tod der Tochter zu überleben -- beide sanken, Anna durch die Grausamkeit des Vaters, dieser durch die Verzweiflung der Tochter ermordet, in die Grube.
Diese Tragödie hatte ganz natürlich zu damaliger Zeit die wunderlichsten Spuckgeschichten zur Folge, die sich noch bis zum vorigen Jahrhunderte fortpflanzten, und eine Menge Geisterbeschwörer und Schatzgräber herbeilockten, welche dann mit Fackeln Nachts die Ruinen durchwandernd, von den nahen Dorfbewohnern jedesmal wieder für Unholde erkannt wurden. Nun durchzieht die lockeren Hallen nur noch der zudringliche Wind, dessen wunderliche Töne bald einen muthigen Schlachtmarsch, bald einen düsteren Trauergesang anzustimmen scheinen: während einige Fichten und Birkenstämme dazu das Zeugniß gebend, bereitwillig das Haupt neigen.
Der südliche Theil der Veste, welcher mehr erhalten als der nördliche ist, besitzt noch einen unterirdischen Gang; verborgen in einem Thürmchen zwischen zwei Bogenwänden, gähnt der dunkle Schlund, den früher vermuthlich eine Fallthür bedeckte. Ich stieg hinab, mußte aber um weiter zu kommen eine Menge Steine wegräumen; der Gang ist im Felsen gehauen, und führt einige Klafter unter dem Schlosse hinweg, dann ist jede Spur seiner ferneren Richtung verschüttet; doch soll er einst das eine Stunde entlegene Schloß _Thal_ mit diesem verbunden haben. Von dem wenigen Gemäuer des Schlosses läßt sich nichts sagen, weil es ohne alle Vorzüge anderen verfallenen Burgen gleichet: desto mehr dürfte die Aussicht eine Lobrede verdienen, wenn nicht der Grätzer-Schloßberg schon den Preiß davon getragen hätte, und Wiederholungen wenig geänderter Gegenstände ermüdeten. Etwas Besonderes gewährt jedoch der Hinabblick auf den doppelten Abfall der Mur unter der Weinzettelbrücke, welcher die Flösse unwiederbringlich zu verschlingen droht; ebenso die finstere Bergschlucht mit der Ruine
Thal oder St. Jakob,
wie die Landleute sie zum Gegenstück des mit St. _Anna_ betitelten Schlosses _Gösting_ gemeiniglich zu nennen pflegen.
Begierig diese versteckte Ruine auch zu besehen, wanderte ich den Schloßberg waldeinwärts hinab. Die Thalfläche welche mich nun fortleitete, trug so ganz den Stempel der Melancholie. Von hohen Waldbergen eingeengt, zwischen denen nur ein elender Holzweg und rieselndes Bächelchen sich öfters durchkreuzend ihre Bahn verfolgen, kommt man endlich zu einer einschichtigen Mühle, deren düsterer Besitzer den Bach dürftig benützt. Tiefer Morast das Gebäude umzäunend, erschwert den Eingang in selbes, und bannt dem Müller noch vollends jeden erfreulichen Gruß und Willkomm; er scheint dieses zu wünschen, und verpestet darum sich Luft und Gesundheit. -- Endlich lichtet sich die Schlucht, aber nur um das Wilde einer regen Phantasie zu erhöhen. Die Berge treten etwas zurück, aber keine lachenden Fluren -- ein stinkender Sumpf vom Schilfe strotzend, in dessen Eingeweide sich Kröten und Ottern tumeln, breitet sich aus, ober ihm ein Teich, ersterem fast ähnlich, aber doch wenigstens von Wasserhühnern und Wildänten etwas belebt; einige Buchen umgürten seine Ufer, und rechts im Hintergrunde grinset aus waldigem Dunkel wie ein Todtengerippe, die Ruine St. _Jakob_ oder _Thalburg_. Ehe man seinem Hügel naht, muß man den Erddamm überschreiten, der sich gleichfalls keines allzuguten Zustandes erfreut. Endlich gelangt man zu dieser von Menschen und Zeit gleich zernagten Veste; eine Ringmauer und wenige Steintrümmer, ohne Spuren von Gewölbern oder unterirdischem Gange, sind die ganzen Dokumente eines ehemaligen Rittersitzes, welchen überdieß noch zahlreiche Birken bald gänzlich unter ihren Schatten zu begraben versprechen: und dennoch wird ein einzelner halb verfallener runder Thurm an den noch eine eigennützige Hand etliche Breter opferte, von einer armen Familie bewohnt. Ich erstaunte über die Möglichkeit eines sicheren Obdaches; da wies mir das bleiche Weib auf einen nahen Mauerklumpen: »Freilich ists hier nicht gut wohnen, erst gestern während des Sturmes hat mir dieses herabgefallene Stück meine einzige Ziege erschlagen, ich bin nur froh, daß Nan’l (auf eines der fünf Kinder zeigend) nicht auch getödtet wurde, welche nahe dabei schlief.« Rührende Mutterliebe! welche gerne die letzte Habe verliert, wenn nur das Glück erübrigt, mit der ganzen Anzahl ihrer Theuren darben zu können. Ob durch Unglück oder Schuld diese Kummerfamilie hierher verbannt wurde, gleichviel! sie erregt Mitleid und macht den Besuch edelmüthiger Grätzer hierher wünschenswerth. Freundlicher ist nordwestlich die Aussicht in ein kleines Thal mit mehreren Häusern und einer Kirche, welche zusammen die Gemeinde St. _Jakob_ ausmachen; die überblickenden Schneegipfel der Stub-, Rack- und Polsteralpen geben ihm etwas ungewöhnlich Erhabenes. Das schöne Försterhaus ist gegenwärtig unbewohnt, und ich glaube, der Weidmann wird sich im lieblichen Eggenberg dafür hinlänglich entschädigt fühlen.
Die ersten Erbauer dieses über ein Jahrtausend alten Schlosses sind gleich ihren Thaten der Geschichte entschwunden; doch -- darf man einigen Klosterurkunden von späterer Zeit trauen, so starben schon um Karl des Grossen Zeiten einige Ritter von _Thal_ den Heldentod. Ausdrücklich benannt werden im dreizehnten Jahrhunderte Friedrich Erich und Otto von _Thal_, von denen Letzterer entweder durch besondere Krieg- oder Jagdlust den Beinamen der Rauhe sich erwarb. Freundschaft und Blutsverwandschaft verband fortwährend die Ritter von Thal mit denen von Gösting. Im sechzehnten Jahrhunderte besaßen es die Ritter von Windischgrätz, dann Freiherrn von Waldstein, im siebenzehnten die Freiherrn von Eckenberg, und gegenwärtig Herr Graf von Herberstein. Tapfer widerstand diese Veste 1602 Kaiser Ferdinand des II. muthigen Kriegern, als die verwittwete Hipolita Freiin von Windischgrätz und Waldstein den lutherisch reformirten Prediger Paulus _Odontius_ daselbst nicht ausliefern wollte. Die Veste sank, aber einem solchen Sieger zu unterliegen, hieß nicht unrühmlich kämpfen und fallen! -- Seine Zerstörung soll es 1683 durch die Türken erlitten haben, die raublustig vertilgten, was hochherzige Sieger verschonten.
Ich wanderte den mir erklärten Fußsteig nach
Eggenberg;
anfänglich ebenfalls neben einem Sumpfteiche, dann führte mich bald der Pfad aufwärts in den jungen Wald. Fürchterliches Gekrache erschütterte den festen Boden, schwarzer Dampf zog in dichten Wolkengestalten über die Wipfel der Bäume -- ich nahte dem Steinbruche, welchem durch Pulver die Grätzer-Pflastersteine abgezwungen werden; unwillkührlich dachte ich an das Sprichwort »viel Geschrei um geringe Wolle.«
Zu Eggenberg durchschritt ich den oft beschriebenen Graf Herbersteinischen Park; möge hier immerhin die Grätzer lebensfrohe Welt an Sonn- und Feiertagen Erholung finden; desto weniger scheint ein Wochentag dieselbe verschaffen zu können; Menschenmangel, und die Ueberzahl von jämmerlich zugeschnittenen Bäumen, welche kaum sich, vielweniger den Besucher vor drückender Sonnenhitze verwahren, bannen den Einzelnen nur zu schnell von dannen. Zweckmäßiger ist jedoch das Schloß gebaut und eingerichtet.
Eine schöne Kastanienallee führt nach Grätz zurück; doch nicht dieser sanften Einladung folgend, sandte ich nur noch dankbare Rückblicke dieser unvergeßlichen Stadt, und wanderte dann frohen Muthes auf ebener Fläche nach _Straßgang_, wo ein kleiner Hügel zur Rechten die Gnadenkirche St. _Florian_ trägt. Früher sieht jedoch von der höchsten Waldspitze rechts die Wallfahrtskapelle St. _Peter_ und _Paul_ auf den Wanderer majestätisch herab. Auf diese Art von den heiligen Hallen sattsam besehen, darf man sich schon getrost in den dunklen Wald wagen, durch welchen eine gute Fahrtstrasse den Pilger in einer Stunde nach
Doppelbad
leitet. Dieses aus neun Häusern bestehende Dörfchen, dem eine Badquelle Ursprung und Namen erwarb, so unansehnlich und verborgen es in einem Waldkessel liegt, soll doch eine besondere Einwirkung auf Kranke besitzen; ich konnte aber nicht erfahren, ob diese in wunderbarer Hebung des Krankheitsstoffes oder baldigem Tode bestehe? erstere möge wenigstens dem Gebrechlichen so lange Trost seyn, bis Schwermuth als natürliche Folge dieses quälenden Wohnortes, letzteren herbeizieht. Indessen soll den Frauen, welche sich der Unfruchtbarkeit beklagen, dieses Bad als Remedium dienen.