Part 8
_St. Johann_ ist ein schöner Markt, die 200 meistentheils hölzernen Häuser, haben Thürmchen am Dache, in dessen jedem eine Glocke (natürlich von verschiedener Grösse und Erzbestandtheilen) sich befindet. Diese Ohren-quälenden und disharmonischen Glocken, welche ein uralter Hausbedarf im Salzburgischen sind, werden Morgens und Abends zu gewissen Stunden geläutet, dann aber von jedem Hausbesitzer zur Eß- und Gebethzeit etc. noch einige Male unter Tags einzeln angestimmt. Da die Wohnungen weniger beisammen, sondern zerstreut im Gebirge herumstehen, so ereignet es sich bisweilen, daß man einen ganzen Tag fortwandert, und diese unwillkommenen Töne beständig anhören muß.
In drei Viertel Stunden erreicht man das, aus 50 größtentheils gemauerten Häuschen bestehende Dörfchen Bischofshofen, welches sich auf mässiger Steinhöhe von weiten als etwas Besonderes darbiethet; hier wird das Thal gegen Werfen hinab breiter, aber nicht langweiliger. Schießscheiben sind wieder zunehmend grössere Zierde der Häuser, die Männer müssen entweder Jagdfreiheit geniessen, oder sich hier herum mehr als anderswo erlauben; dieß bewiesen mir mehrere Burschen, welche stolz mit ihrem Rohre dem Forste zueilten.
Die Stunde, welche ich von hier nach Werfen benöthigte, schien mir kaum halb so lang. Von der hohen Strasse sieht man hinab auf die kristallene Fläche der gekrümmten Salza. Hunderte von grünenden Inseln steigen aus ihr, wie Felder eines Schachbrets hervor, auf denen die Laune und Anmuth im Wettkampfe spielen; weiter dehnen sich an den Ufern frische Wiesen, zwischen denen der knarrende Pflug schwarze Streife zur Saat fürs kommende Jahr in die geachteten Aecker zieht; dort stehen Hütten am Saume der Bergabhänge, wo die wollige Herde und haarigen Ziegen den lästigen Winter vertrauern, reichliche Nahrung häufen dazu lustig die alles betrillernden Melker. Nördlich erheben sich höher und höher die eisigen Alpen des würzigen Landes, stolzer als irgendwo droht das hohe Tänengebirge auf das gesegnete Thal; Nebelwolken sammeln sich auf ihren ewigen Schneefeldern und bringen dem Tage die Nacht, dumpfer Glockenschlag scheint dieß zu bestätigen. Ich biege um eine Ecke -- da entbreitet sich das ansehnliche
Werfen
mit seinem Bergschlosse, welches der Erzbischof _Gebhard_ 1076 erbaute. Markt und Festung, in Jahrhunderten ergraut, fesseln das Herz. Wohlgefällig betrachtet man die Häuser, welche so manche biedere Familie beherbergt zu haben verbürgen. Rastlos bemühte sich der Vater, seines Fleisses errungene Habe seinen wackeren Söhnen zu überlassen. Andere Schatten gaukeln dagegen um der Festung finsteres Haupt. Es sind die Geister der daselbst Gemißhandelten, Verschmachteten! --
Der Felsenberg des Schlosses, meistens vom Salzaflusse umwunden, schien ausgeschlossen zu seyn von den anderen Genossen, allein sollte er sich behaupten, wenn nicht durch Grösse, (80 Klafter über dem Markte) doch durch Merkwürdigkeiten seiner Existenz. Er entsprach diesem Ansinnen durch Jahrhunderte. Die Zeit hat nun seine Schloßmauern gemürbet, seine Kerker unbrauchbar gemacht; es naht die Zeit, wo sein Skelet zerfallen würde, wie alle einstige Herrlichkeit -- in unbedeutendes Nichts; man ist daher bedacht -- Dank der besseren Empfindung! das Schloß als merkwürdiges Alterthum noch für einige Jahre zu erhalten. Alles soll und kann nicht renovirt werden, es bleibt daher immer mangelhaft gegen sein früheres Aussehen, besonders als Festung, die es bei itziger Taktik ohnehin nur spottweise vorstellen könnte.
Zwei Invaliden und ein Schliesser empfingen mich freundlich beim wohlverschlossenen Thorzwinger; letzterer both sich mir sogleich zum Führer; sein ungeheuerer Bund Schlüsseln rasselte mit allen Schreck der Vergangenheit durch meine Adern; die Menge eisener Thüren zu ebener Erde und in den Geschossen möge ebenfalls einst keine Besucher der Neugierde erlebt haben. Einige Zimmer des ersten Stockwerkes werden gegenwärtig zu Magazinen verwendet; die erzbischöflichen Gemächer, denen sogar das Fußgetäfel fehlt, sollen wieder schön und zum Bewohnen eingerichtet werden, welche Ehre sie hauptsächlich der schönen Aussicht wegen verdienen. Hat man die langen Gänge hin und her durchgewandert, die Kapelle und düsteren Zimmer betrachtet, welche mehr durch die Phantasie, als durch Ansehen interessiren, so steigt man endlich zu dem höheren der zwei Thürme über breite Leitern, auf das Verdeck der runden Schindel-Kuppel. Nur bei Windstille darf es der Besucher wagen, hierher zu treten, wo man über die drei Stockwerke hinein sieht, in jeden Winkel des Schlosses, und hinaus über die dunklen Waldbäume des Berges, in die freundliche Umgebung.
Ich äusserte, daß dieser schöne Platz doch ein Geländer verdiene, um minder Schwindellosen erfreulich zu seyn, und frug ob noch nie Unglück hier zutraf? »Meines Wissens keines« antwortete der Mann, »vor zwei Jahren aber fiel einem Herrn, der die Umgebung mit dem Fernrohr betrachtete, sein Stock herab; flux springt sein Pudel nach in den Abgrund, kein Bein möge ganz geblieben seyn!«
Unwillkührlich drang sich mir der Gedanke auf, daß im Mittelalter so mancher Gemißhandelte, seiner Marterkammer los zu werden, den treuen Pudel um seine schreckliche Befreiung beneidet haben würde.
Eine der vier Glocken wiegt 75 Zentner, und soll vor Zeiten zum Allarmgeläute gebraucht worden seyn; o wäre sie doch lieber verstummt! Die unterirdischen Gewölber wollte ich nicht besehen, weil die wegen ihres schrecklichen Aussehens vorzüglich merkwürdigen, als für die Menschheit unpassende Kerker, 1790 verschüttet, oder zugemauert wurden.
Auch hier ist gebräuchlich, daß jeder Fremde, bevor er das Schloß verläßt, seinen Namen und Charakter in ein dazu bestimmtes Buch eigenhändig einschreibt, und dadurch die Anzahl der Besucher, oder allenfällig Bekannte, welche durch Länder geschieden werden, auf _einem_ Blatt Papier sich darstellen.
Ich schritt vom bewaldeten Schloßberge dem Passe
Lueg
zu. Auf der breiten Fahrstrasse sollen viele Unglückstafeln, welche mehr das Unglück des Malers als des zu entwerfenden Ereignisses bezeigen, den Wanderer warnen.
Bald verlor sich das herrliche Werfenthal aus meinem Gesichtskreise; enger rückten die Felsenwände des Göllinger- und Tänengebirges zusammen, himmelhoch, kahl und schroff; ich sah die _Clam_, welche mich jüngstens so ergriff, erneuert, hörte das donnernde Getöse des zehnfach vermehrten Gewässers, und maß den engen Raum des blauen Streifes, der von Oben durch die finstere Kluft herabblickte. Auch hier an der wildesten Stelle stand ehedem ein Blockhaus für einen Wachposten, welches aber die Salza und abstürzenden Felsentrümmer nicht länger dulden wollten, und vor einigen Jahren bis auf die kleinste Spur wegspühlten. Eine Marmortafel im Felsen, verkündet, daß Erzbischof Hanns Jakob _Kuen_ 1560 diesen Paß fahrbar machte. Wenn man sich so ziemlich der Schlucht herausgewunden hat, ersteigt man eine kleine Anhöhe, und wendet sich zur Linken, neben einem Felsenstück. Eine Säule mit hölzerner Hand, worauf die Worte stehen: »Zu den Oefen der Salza,« ziehet den Reisenden von der Fahrstrasse, und heisset ihn dem angewiesenen Gangpfade folgen. Geländer und hie und da Treppen (welche Ernest Fürst von _Schwarzenberg_ hochherzig anlegen ließ,) leiten ihn Anfangs zur Höhe und dann wieder abwärts in eine Felsenschlucht, die noch alles bisher Gesehene überwiegt. Man hört Donnern und Brausen unter seinen Füssen, fühlt das Beben der Felsen, und getraut sich nicht zu errathen, was Wirklichkeit ist; links gähnt eine enge Felsenkluft, man übersetzt sie, und sprang -- über den mächtigen Salzafluß, welcher sich ober- und unterhalb viertelstundenweit ausbreitet! Wer sich diesen gefahrlosen Schwung nicht erlauben will, der kann etwas weiter rechts auf einem Brügelweg, mit zwei Schritten die Salza übergehen, welche im tiefen Abgrunde sich zwischen Felsen durchdrängt, und hie und da durch beständiges Andringen, Höhlen (Oefen) im Kalkfelsen ausgegraben hat. In solche Abgründe haben sich vor Zeiten fromme Gläubige mit Lebensgefahr auf Stricken herabgelassen, um daselbst Kruzifixe oder Opfer für die Mutter Gottes und andere Heilige aufzuhängen. Dieser sonderbare Gebrauch, den Hochwasser, Holzschwemme oder lockere Steine feindselig verfolgten, hat sich seit Jahren aufgelöst, und beschränkt sich nur mehr auf die armen Holzknechte, welche, wenn sich die Bäume in der engen Kluft unten häufen, mit Hacken hinablassen müssen, den Lauf des Schwemmholzes nach Hallein zu lüften. Eben war man beschäftigt mit Abstockung des gegenüber stehenden Föhrenwaldes; die Stämme wurden zum leichteren Fortgleiten der Rinde entlöset, welche dann gesammelt und zum Gebrauch der Gärber in Mühlen gepulvert wird. Wenn so einige Stämme hinab holperten gegen die Steine mit fürchterlicher Gewalt, so brausten die Wände wie vom Kanonendonner; die Knechte aber Eisen an den Füssen, kletterten umher, mit einer Kaltblütigkeit, welche sie alle Gefahr verhöhnen hieß.
Einer von ihnen führte mich in Wald hinauf zu einer Felsengrotte, in der man jeden Schlag der Bäume, und das schäumende Anprellen der tief hinwogenden Salza, wie in der Höhle kämpfend, vernimmt. Er versicherte mich auch, daß die Salza sich durch die einzige besehbare Kluft nicht durchzwängen könne, sondern Seitenadern durch die Felsen entlang habe, welche das Wasser weiter unten dem Hauptarme wieder zuführen. Ich mußte ihm dieses glauben, weil er, und nicht ich, die unteren Labyrinthe dieses _Chaos_ bereits gesehen.
Man verläßt ungern diesen ewig merkwürdigen Punkt; besonders, da bald ein weites Thal, für Ackerbau und Viehzucht sehr ergibig, den Wanderer umfängt, aber im Salzburgischen ist nichts langweilig!
Die Lammer, ein Gebirgsflüßchen, welches nach etwas Regen auch Flösse trägt, und sein Gewässer unter _Lueg_ der Salza zuführt, ist sehr fischreich. Ferne winkt der angenehme Markt
Gölling;
sein Schloß hat sich den schönsten Platz -- die Mitte gewählt, wie der Familienvater unter seinen Enkeln. Der viele Marmor, welcher dazu verwendet wurde, möge weniger von Prachtliebe der ersten unbekannten Erbauer, als Nothwendigkeit zeigen, diese Gattung edlerer Bausteine vor anderen, in der Umgebung seltener vorkommenden, zu benützen.
Die ohngefähr 90 Häuser zeigen von Wohlstand und Nettigkeit. Das muntere Wesen der Einwohner, die Artigkeit, und das lobenswerthe Gefühl von ihrem schönen Lande, mit dem sie Fremden mehrere seiner Herrlichkeiten aufzählen, sind von Reisenden schon angerühmt worden. Ich beeilte mich, den lang gepriesenen
Gulinger-Fall
zu besehen. Auf einem sehr langen Stege überschreitet man das breite Beet der Salza. Duftende Wiesen, auf welchen einige Häuschen, von Obstbäumen umrankt, geräuschlos ruhen, hölzerne Scheunen, und die einen Felsen mit der Miene eines Schlosses beherrschende Kirche, präsentiren sich mannigfaltig dem Fremden als Gemeinde Hofer.
Man verfolgt den Bach aufwärts, passirt zwei halb verfallene Mühlen, die unter Bäumen sich gerne dem prüfenden Auge entziehen, und kommt endlich in ein Gewirre von losen Steinen, Gebüsch und verwundeten Bäumen. Ein schmaler Pfad führt zu dem heftiger sich anmeldenden Wassersturz. Ein Obelisk, von dem Naturfreunde Ernest Fürst von _Schwarzenberg_ errichtet, lobt die edle Begierde zureisender Fremden, der Schöpfung Meisterstücke zu erspähen. Mehr als jener Denkstein preisen diesen großherzigen Chevalier die Pfade, welche er anlegen ließ, die _Cascaden_ in allen reitzenden Situationen zu studieren.
Man kommt zuerst in eine Felsenschlucht, in welche sich der _Gulinger-_ oder _Schwarzabach_ zum letzten Male über grosse Felsentrümmer, die der Zahn der Zeit glatt geschliffen, und mit grünen Schlamme oder Moose ganz überzogen hat, herabstürzt. Kühle Luft und Staubregen kräuselt dem Bewunderer das Haar, welcher der Nässe nicht achtend, staunend verharrt. Bäume und Felsen haben ein Bollwerk errichtet, welches weiter zu dringen verbiethet. Man muß zurück, und eine steile bewaldete Höhe, mit Geländern versehen, erklimmen, bald biegt sich der Pfad zur Rechten, eine Brücke überspannt die gräßliche Felsschlucht, auf ihr erblickt man die zweite höhere _Cascade_, einem breiten Schleier ähnlich, wie er zwischen den Felsen in gerader Richtung und durchsichtig, donnernd herabschießt. Geweidet an diesem herrlichen Naturschauspiel strebt man nun abermal höher zu kommen. Einige Bänke und Tische biethen Erholung unter Fichtenstämmen und prächtige Uebersichtspunkte, endlich gelangt man zu der Wohnung Neptuns; es ist die dritte und höchste _Cascade_. Aus einer Felsenhöhle, wie mit einem Thorbogen überwölbt, stürzt sich die Fluth hinab über holperig Gestein, ohne sonderlich Brausen, nur mit dumpfen Getön. Eisig streichet die Luft heraus, frostig wirbeln die Wellen darin; man kann einige Klafter weit hinein klettern, über vorragende Steine und seichtere Wasserplätzchen; doch sorge man, sich vorher wohl abzukühlen, Mancher möchte sonst nicht ganz glücklich nur mit einem Husten davon kommen! Zur Rechten hin, dehnt sich die Höhle, immer niedriger wird der Raum, bis es unmöglich ist, weiter zu dringen. An dem Kalkgestein sieht man das öftere Steigen und Fallen des Wassers, die Felsen sind glatter gegen unten zu. Man hat viel gegen und für den Ursprung dieses Gewässers behauptet, bis vor wenig Jahren erst einige verdienstvolle Naturforscher die wahre Quelle des Falles ausmittelten. Nach heftigen Winden und Sonnenhitze wird die Wassermasse stets zunehmender, dagegen bei Schnee oder Regenwetter merklich kleiner, es mußte also diese _Cascade_ von einem hohen See ihr Daseyn entlehnen, dem die Winde einen schnelleren Abfluß oder die Sonne mehr geschmolzene Schneemassen von Alpenhöhen brachten. Nach mehreren Versuchen ward man auf eine Wasserhöhle links in der Felsenwand des Königssees, dem Schlößchen St. _Bartholomä_ gegenüber, aufmerksam. Gestein und Lage entsprach dem Vermuthen, einige Säcke Sägespäne, welche man dort hineinließ, kamen als bewährte Dokumente der gelungenen Wassererforschung, nach Stunden mit den _Gulinger-Cascaden_ zu Tage. Man mußte sich mit dieser Gewißheit begnügen, und die frühere Idee von einem grossen unterirdischen See im Göllengebirge aufgeben. Ob eine Erdrevolution, oder der Drang des Wassers, seit Jahrtausenden sich diese Kanäle gegraben, mag der entscheiden, welcher es wagt, vom einstigen _Chaos_ bestimmte Nachrichten zu schildern.
Ich verließ diese herrlichen _Cataracten_, ungewiß, ob ich diesen, oder den zuvor bewunderten Oefen der Salza den Preis der Merkwürdigkeit zusprechen sollte?
Angenehme Wiesenpfade, neben denen sich einige Leinwandbleichen befinden, leiten nun gegen Hallein hinab. Ausser dem Markte Kuchel empfängt noch ein Wäldchen den Wanderer in seinem kühlenden Dunkel; muntere Pferde und Hornvieh tumeln darin die gesunden Glieder, und freuen den Oekonomen, obgleich sie der obersalzburgischen Race an Grösse und Kraft nachstehen.
Hallein.
Nun verkündet sich des schwarzen Halleins Existenz; das Pfleghaus und die Rotunde scheinen die 350 Häuser des Städtchens aus der Tiefe erheben zu wollen, nach welcher Ehrenbezeugung aber die 5000 Einwohner nicht stolz zu streben suchen; wenigstens zeigt der Schmutz ihrer Häuser und Strassen (wovon nur wenige auszunehmen sind), keine sonderliche Glanzsucht.
Einige Tausend Klafter Holzes drückten eben den ungeheueren Rechen Halleins, hunderte derselben waren bereits auf dem weiten Anger zur Abfuhr geschlichtet. Hände und Karren mühten sich, ihr nöthiges Daseyn zu beweisen. In Dampf und Gluth lösen sich über den Dächern der Pfannhäuser die abgestockten Wälder. Westlich überblickt diese schwarzen Opfersäulen mit wohlgefälliger Miene der zerklüftete Dürenberg, gern gegen diesen Tribut seinen Reichthum ausspendend.
Auch das alte Hallein wollte man hie und da einigermassen verjüngen; ein unglückliches Unternehmen, wie wenn Jemand durch neuen Hut und Stiefel, die übrige hundertjährige Kleidung modernisiren wollte. An dem Gasthause zum Freischützen mag immerhin der gutgemalte Schild das Einladendste seyn.
Uebrigens hat man Hallein in einem halben Tage genug, und begreift nur nicht, wie die Einwohner so geduldig ihre Lebenszeit den holperigen Strassen, und engen, übel riechenden Gäßchen widmen mögen.
Wer kein Schwelger ist, wozu die vielen Wirthshäuser Gelegenheit genug biethen, wird sich mühen, nach erhaltener Erlaubniß den Dürenberg sobald als möglich zu befahren.
Man steiget links neben der Rotunde den Bergpfad empor; weniger beschwerlich als langwährend wäre die Höhe des Dörfchens
Dürenberg
zu gewinnen, entschädigten nicht die prächtigen Prospekte auf das Salzathal und dessen Umgebungen, besonders aber die Strassen und Höfe Halleins, in die man, ihre Geheimnisse erspähend, wie von einem Thurme hinabblickt. Einzelne Baumgruppen ernähret hier und da ein Fleckchen Erdreich auf dem mageren Kalk- und Marmorgrund des Dürenberges, desto schöner wuchern dagegen _Subalpinen_ für den Botaniker. Dem Kothbache, welcher durch die Kluft dem Wanderer in kleinen Fällen entgegen eilt, aufwärts folgend, erreicht man endlich nach drei Viertel Stunden die steilste Höhe, wo auf grünender Fläche das 1060′ über Hallein messende Dörfchen Dürenberg mit seiner aus rothen Marmor gebauten Kirche sanft ruhet. Die Bewohner der 32 Häuschen werden zum Salzbergbau verwendet, sie sind gutmüthig und besonders gegen Fremde zuvorkommend.
In das Gasthaus brachte mir ein Bergknappe den gewöhnlichen weissen Oberrock, eine Kappe, Rutschleder, Handschuhe und weichen viereckig gehobelten Stab, eine halbe Berglachter lang, worauf die Stürfe und Punkte eingebrannt waren.
Nachdem ich mich mit diesen Insignien eines Bergmannes weidlich ausgestattet hatte, kletterten wir, weil im Freudenberger-Hauptstollen[17] eben wesentliche Verbesserungen in der Auszimmerung[18] Statt fanden, dem höher liegenden Leonhartsberger-Stollen zu.
[17] Haben meistentheils gleichen Raum, nemlich 6′ Höhe, am Boden 4′ Breite, 2′ an der Mitte, und 1½′ am Himmel; die Zimmerung macht natürlich den Stollen verschiedentlich kleiner.
[18] Ist von dreierlei Art, denn je lockerer die Lehm- oder Erdmasse ist, desto stärker muß die Auszimmerung seyn. Die erste Gattung derselben, wo nur wenig Senkung von festerer Gebirgsart oder Einwirkung der Tagesluft (Wetter) zu besorgen ist, besteht aus neben einander gereihten Thürstock-ähnlichen Schwartlingen von 3¼″ Dicke; wo diese einfache Zimmerung nicht zureicht, wird die zweite Gattung -- fünfzollige Baumstämme, oder die einfache Zimmerung mit sie unterstützenden Pfosten, am Firste und denen Seitenwänden als stärkste Schützerin angewendet. Sind diese Pfosten nach Monaten oder Jahren gebrochen, so werden sie durch neue ersetzt, nachdem vom vorstrebenden Berge so viel abgegraben wurde, daß das Ebenmaß wieder hergestellt worden ist.
Solche Reparaturen gehen periodisch vor sich, weil man sonst Gefahr läuft, daß entweder das Werk ausgetränkt werde, oder die weichere Erdmasse sich senke, und so der Stollen zusammenwachse.
Mit einem Grubenlichte in der Hand, dem ebenfalls leuchtenden Knappen folgend, muß man dennoch sehr behuthsam seyn, wegen Ungeschicklichkeit nicht ausgelacht zu werden; denn sich an den Ulmen (so heissen die Seitenwände), und am Firste (Himmel oder Decke, kaum 5½′ hoch), anstossen, oder die drei an der Sohle (Boden) neben einander liegenden Gestänge (Pfosten), zum Gehen und Fahrkleise für die zweirädrigen Truhen, (oder Hunde wie man diese Karren hier nennt), verfehlen, und darneben hinab in das sich sammelnde süsse Wasser oder in die sumpfige Lehmerde treten u. d. gl., werden als Hauptfehler angesehen und bescherzt; eben so unpassend ist es, eine der Sulzströhne (Röhren) zu berühren, worin die Salzsohle aus den Wehren in die Sulzstuben, und von da aus die entlegenen Pfannhäuser geleitet wird, so wie die, welche das in den Bergwerken sich sammelnde und entweder als überflüssig, oder für die Sinkwerke nicht anwendbare süsse Wasser aus dem Stollen schaffen.
Ich hatte das Unglück, mich immer tief bücken zu müssen, und willigte daher gerne in den Vorschlag, im Karren die Wanderung zu versuchen. Ein Knappe leuchtend, schritt vor, ein Anderer schob nach, und so ging die Fahrt durch den engen Stollen im Galoppe von Statten. Kommen Andere mit ähnlichen Karren, worin der Schlamm oder Unberg herausbefördert und in den Kothbach zum Fortschlemmen geworfen wird, entgegen gefahren, so sind abwechselnd entweder in der Thonerde ausgegrabene und vertäfelte, oder nachdem der Bergstoff ist[19], in Marmor gemeisselte Vertiefungen wie Nischen, in die der Eine mit seiner Equipage sich bequemen muß, bis die Anderen vorbei passirten. Einige hundert Klafter mag man so beinahe horizontal hinein gedrungen seyn, als es nun aussteigen und dem Huthmanne folgen heißt. Nunmehr werden die Schachte[20], Schüttpütten[21], Probieröfen[22], Ankehrschürfe[23], Wehrkästen und Sinkwerke erklärt und gewiesen, welche Priester und Laien der Bergkunde höchst interessiren.
[19] Die wesentlichsten Stein- und Erdarten des Salzberges bestehen in Marmor, gelb und graulich-weissen Kalkstein, Gips, grau und lettenartigen -- bisweilen Schieferthon u. d. gl.
[20] Schachte sind kleinere ausgezimmerte Stollen im salzreichen Berge, worin man von einem Sinkwerke zum anderen gelangt.
[21] Schüttpütten sind den vorigen an Grösse und Zimmerung gleich, jedoch mit einer perpendikulären Richtung, befinden sich im tauben Gebirge, und gehören nur zur Beseitigung des im Berge vorfindigen Lettens, welcher im Stollen nicht füglich hinausgeschafft werden kann.
[22] Probieröfen sind eingetriebene schachtförmige Erweiterungen im Berge, Salzlagen zu erforschen, aus deren salzreicheren in der Folge Sinkwerke entstehen.
[23] Sind die künstlichen Vorrichtungen, womit die Probieröfen und Sinkwerke mit Letten und Zimmerung verschlagen, die Salzsohle gesichert und sodann abgelassen wird.
Die Anlassung der Sinkwerke, entweder durch Selbstwasser (welches sich im Berge sammelt), oder durch äussere Bächelchen (Tagwässer) mittels Tagschürfen, (schiefe Stollen, welche ausgedielt mit Bretern bewändet, an der Sohle zu beiden Seiten Röhren, um Wasser zuzuführen, und Leitern zum Auf- und Abklettern der Knappen besitzen), hat man weniger Gelegenheit selbst zu sehen, sondern muß sich mit gründlicher Erklärung begnügen; desto sicherer wird man von dem seltsamen Eindrucke überwiesen, den solch ein aufgelassenes Sinkwerk bei gehöriger Beleuchtung auf den Fremdling macht. Sollte eine 50° lange, 30° breite und kaum 6′ hohe Höhle, welche mit den herabhängenden und am Boden liegenden schon niedergestürzten Bergklumpen, wie der zahnreiche Rachen eines wunderbaren Ungeheuers mit feurigem Hauche den Fremdling umfaßt und zu zermalmen droht, der dumpfe Ton der ferne befliessenen Häuer, welcher den Berg zu werfen scheint, die verhallenden Worte der Sprecher, wie hohle Stimmen erstandener Geister, endlich die schlechte, jeden Ungeweihten ängstigende Luft, nicht auf den Fremden ausserordentlich wirken? Diese Sinkwerke sind die unmittelbaren Fundgruben der Salzausbeute, wenn sie mit süssem Wasser angefüllt, nach 30 oder 40 Tagen (nachdem der Salzstoff reicher und leichter zum Auflösen ist), eine 25½ Grad wiegende Sohle abgeben; 325 Eimer Sohle liefern dann bei gutem Sude 100 Zentner Kochsalz. Daß diese Sinkwerke eine ungleiche Quantität Sulz erzeugen, versteht sich von selbst; die kleinsten welche 14,000 bis 60,000 Eimer fassen, können jährlich zwei bis dreimal angelassen werden; die größten von 208,000 bis 500,000 Eimer, höchstens alle drei Jahre einmal.
Nach jedesmaligem Ablassen der Sohle erweitert sich das Sinkwerk, theils durch das aufgelöste Salz, theils durch den sich mitauswaschenden Lehm oder Unberg, der als Schlamm den Boden bedeckend, mit den Truhen (Hunden) zu Tage befördert werden muß. Sind die Sinkwerke endlich zu groß, daß entweder die Ausräumung (Säuberung) zu viel kostet, oder der Salzstock hie und da zu erschöpft ist, so wird es aufgelassen (nimmer betrieben), und anderswo Probieröfen und Sinkwerke angelegt.
Vom Sinkwerke wieder umzukehren, oder weiter die Wanderung in des _Plutus_ labyrinthisches Reich fortzusetzen, überläßt man dem Gaste, der gerne letzteres wählt. Nun heißt es Klettern oder Rutschen, wozu die Rollen (ausgezimmerte 3′ breite Schächte, mit einer ungefähr 40 gradigen Neigung) Gelegenheit biethen. Strebt man abwärts, so muß man sich bequemen, darin auf zwei, schuhweit neben einander hinablaufenden glatten Bäumen, rechts mit einem Stricke versehen, der mit Hand und Fuß zu umfassen ist, nieder zu rutschen, aufwärts aber, die zwischen diesen Bäumen fortlaufenden steilen Stufen, mühsam zu ersteigen. Beides scheint den Fremdling beim ersten Anblick ängstigend und gefahrvoll, die Probe erst zernichtet den Wahn. Mich ergetzte diese Flugfahrt wie jedes Besondere, zündete das verloschene Grubenlicht immer geduldig wieder an, besah noch mehrere Wehren, Sinkwerke, Probieröfen etc., und kam so mit Vogels Schnelle in den untersten Wolf-Dietrich-Stollen, welcher gegen den zuerst besuchten Leonhartsberger-Stollen, eine Senkung von 1000′ haben mag. Hier wird man aufmerksam gemacht auf die ungemeine Dauer der Stollenauszimmerung im salzreichen Berge, die vor zehn Jahren verfertigt, besser erhalten ist, als jene, welche im tauben Gebirge kaum so viel Monate zählt. Am vortheilhaftesten rentirt sich der Stollenbau, wenn er durch festes Gebirge, wie öfter im Dürenberge, auf weite Strecken durch Marmor leitet; denn obgleich die erste Ausgabe des Durchbruches ungemein mehr beträgt, so währt sie dagegen, ohne Zimmerung und Reparaturen, für die Ewigkeit.
Ein Karren nahm mich sodann wieder auf, und rollte, durch die Behendigkeit zweier Knappen beflügelt, dem Mundloche (Eingangsstollen) zu. Das Tageslicht blitzte entgegen, grösser und weiter wurde die Lücke, reinere Luft wirbelte die Locken der Eilenden, ich tauschte den Tag um die Nacht!
Meine wohlbenützte Maske abgelegt, betrachtete ich noch einmal mit Ehrfurcht den Salzberg, der so viel Grosses, Wohlthätiges in seinem Innern verschließt, und in dem die sinnenden Männer so manche Preisdenkmähler ihrer Wissenschaft und Geschicklichkeit sich bauten, und wanderte befriedigt hinab.
Ein Wettreiten
seltener Art hielt mich ab, vom schnelleren Besuche Berchtesgadens. Ich hatte zwar mehreren in Ungarn und Oesterreich schon beigewohnt, wo mit entsprechenden leichtfüssigen Rennern dieses Spiel ausgeführt wurde; hier aber war vorzüglich eine Schwere der riesigen Gaule von wenigstens neun Zentnern erforderlich, um zum Wettkampfe zugelassen zu werden; auf das Alter der Pferde und deren Lenker nahm man weniger Rücksicht. Die Rennbahn war unter Hallein eine Fläche gegen Salzburg; weder Schranken noch Wache gab dem Spiele grösseres Ansehen, man bedurfte ihrer nicht, weil kein Andrang der Volksmenge Beirrungen entspann.
Drei seidene Tüchel, mit ungleicher Anzahl Thalern beschwert, waren der Preis für eben so viele Bestrenner. Diese Elephantengaule, keineswegs zum Schnelllaufen, vortrefflich aber zum schweren oder Schiffzuge dienlich, standen ohne Sattel und Zaum, nur mit strickenen Halftern versehen, in Reihe aufgestellt. Muthig massen auf diesen Kolossen die winzig scheinenden Reiter ihrer Gefährten sprechendes Antlitz.
Der Knall einer Halderpeitsche gab das Signal zum Aufbruch; mit langen Gerten ergeisselten die rocklosen Lenker die Schnelle der schwerfüssigen Thiere; einige sich immer umdrehend, gingen gar nicht vom Fleck, andere sprangen und bäumten sich, und warfen entweder des Reiters Hut oder ihn selbst mit zu Boden; schallendes Gelächter der Menge frohlockte dann über des Unbehülflichen Mißgeschick. Nur Wenige sprengten im schweren Galoppe von dannen, daß der Boden erbebte, und die Staubwolken wie durch Besen gewirbelt, sich hoben. Reiter und Pferde verschwanden, bis Stillstand beim Ziele sie wieder erschuf.