Part 2
Gleich beim Eingange über eine 22 Schuh hohe ehemalige Zug- jetzt Pfostenbrücke über den breiten Burggraben, welcher nun zum Garten dient und vom herrlichsten Winterobste strotzet, fiel mir der seltsame Kontrast von Erhaltung und Verwesung, den ich an der Burg engverbunden wahrnahm, besonders auf. Einige Fenster prangten noch mit vielfältig gezierten Scheiben, indeß nebenan auch nichts mehr von Fenstersteinen übrig war. Den Eingang verschloß ein mit Eisenblech beschlagenes Thor, ohne daß man deßhalb verhindert würde, durch die Risse ausgebrochener Quadersteine bequem in den Vorhof und in sämmtliche Gemächer zu gelangen. Theile von Rittersätteln, Rüstungen, Pferdedecken und Geschirren, lagen in einer Ecke rechts unterm Thorbogen aufgehäuft. Als ich in den Schloßhof eintrat, staunte ich über die Grösse und ehemalige Pracht der Behausung von den einst so berühmten, später durch ihr Unwesen und Räubereien berüchtigten und im 11ten Jahrhunderte ausgestorbenen Herrn von Kapfenberg; deren Stammschloß dann an die Grafen von _Stubenberg_ überging, deren Familie es bis heut zu Tage im Besitze erhielt.
Menschenhand, die Vertilgerin früh entwickelter Manneskraft, suchte hier die nachsichtsvollere Natur zu überwiegen, und zerstörte, was grauer Zeiten edle Sprossen erbauten. Die größtentheils erzwungene Ruine des Schlosses folgte aus der vor sieben Jahren freiwillig vom Herrn Grafen anbefohlenen Abdachung, und Verwendung der brauchbaren Materialien und besseren Quadersteine zum Baue des Brucker-Theaters. -- Es ist doch sonderbar, wie dazumal die nah gelegenen Steinbrüche so hartherzig scheinen konnten, Materialien zu einem Musentempel zu versagen: daß die Großmuth sich entschließen mußte, einen Wohnsitz und Schutzmauer ruhmgekrönter Ahnen jenem _nothwendigen_ Baue zu opfern. Die Veste welche noch lange, und mit geringen Kosten noch Jahrhunderte hätte trotzen können, wurde um den beiläufigen Werth von 350 fl. W. W. an zu benützenden Steinen etc. zertrümmert und vernichtet!
_Kapfenberg_ ist eine herrliche Ruine, doch wünschte ich, sie einst im kräftigen Stande gesehen zu haben. Den ungeheueren Burghof, welcher noch jetzt zu militärischen Uebungen geeignet seyn dürfte, umgibt eine Reihe gothisch gestalteter Gänge im ersten und zweiten Stockwerke auf 4 Schuh hoch festenden steinernen Säulen, von denen einige beschädigte in neueren Zeiten durch eichene ersetzt, und grau angestrichen wurden. Ein schöner nach unten zu erweiterter ganz von Quadern und oben mit einem zierlich gemeisselten Kranze gemauerter Brunnen, an dem sich noch ein ungeheueres eisernes Rad nebst gleicher Spindel zum Wasser heraufziehen befindet, prangt in der Mitte des Hofes, und übertrifft alle ähnlichen an Zierde und Brauchbarkeit. Die Stallungen, Küchen, Gewölber und mehrere Zimmer schienen noch gut, und vor wenigen Jahren gebraucht. Mehrere Wappen, Malereien an Wänden eines größeren Gemaches, bezeigten den ehemaligen Prunksaal; das eichene Bodengetäfel lag mit Schütt und Stroh in bester Harmonie durcheinander. Der ehemahlige Schloßgarten (nicht Burgzwinger) welcher sich an südöstlicher Seite befindet, war reichlich mit Erdäpfeln befruchtet; in einem Winkel desselben sah ich zu meiner Verwunderung ein ziemlich großes Buchsbäumchen, welches nach seinem Alter zu schliessen, noch ein Denkmal entwichener Vorwelt seyn könnte, und dessen Ahnenzweige gewiß manchem holden Fräulein zum bescheidenen Fensterschmuck mögen gedienet haben. Schade, daß diesem alten Schloßbewohner nicht auch die Sprache gespendet ward, er könnte der Neugier mehr und verläßlichere Aufklärung in Hinsicht der Veste verschaffen, als das gesammte hierüber bestehende Archiv zu Bruck.
Von einem Burg- oder Wartthurme fand ich keine, von der Kapelle aber nur kleine Spur. Am meisten lockte es mich, die höchste Ringmauer an nördlicher Seite der schönen Aussicht wegen zu besteigen. Ich kletterte 42 Stufen theils über die gothischen Gänge, theils unter Trümmern des entstürzten Daches, das bis auf einen kleinen Theil durchaus zerrüttet war, zur erfreulichen Höhe. Hohes Gras und Gestripp bedeckte den länger verödeten Fußboden; mit Mühe kroch ich auf einem vermoderten Balken zur entlegenen Wand, als auf einmal mit fürchterlichem Gekrache sich ein von mir überschrittener Theil in die gräßlichste Tiefe hinabsenkte. Schauder ergriff mich bei dem Gedanken ähnlicher Fahrt, und ich setzte mit kühnem Sprunge auf die mich besser erhaltende Wand. Das Steingerölle erweckte die bereits der Ruhe befliessenen lüftigen Schloßbewohner, und mit schrecklichem Zorngekreische des verscheuchten Schlafes wegen, zogen einige dieser Unholden über mein staunendes Haupt, während andere in tiefer Kluft ihr dumpfes Todtenlied anstimmten.
Froh, die Gefahr überstanden zu haben, überließ ich mich nun dem Genusse des schwelgenden Auges, welchem jede Parthie, jeder Winkel des Thales neue unerwartete Schönheiten für Blicke und Herz freigebig darboth. Dieser Punkt ist vom Schlosse unbezweifelt der schönste, und wird nur von der weiter oben sich befindenden Wallfahrtskapelle St. _Loretto_, wo ich in der Folge sprechen werde, übertroffen; doch warne ich Jeden meiner allenfälligen Nachfolger, seine Neugierde hier zu unterdrücken, und diese Stelle zu vermeiden. Leicht dürfte Jemand ähnlichem Unglücke nicht entrinnen, oder sich vom hohen Grase getäuscht, durch eigene Unvorsichtigkeit in die Tiefe hinabstürzen. Ich bezeichnete diese merkwürdige Wand, an der ich mich nun fest anklebte, groß mit schwarzer Jahreszahl. Denselben Rückweg zu nehmen wagte ich selbst nimmer, sondern wählte lieber eine dem Ansehen nach gefahrvollere, doch in jeder Hinsicht verläßlichere Rückkehr; nemlich über den zwei Schuh breiten festen Rücken der Mauer, welche ich mit Händ und Füssen drei Klafter lang überkletterte, und mich endlich auf haltbaren Steinen nach der obersten Gallerie herabließ. Wohl und gestärkt empfand ich mich sogleich, da ich kaum nur den verläßlichen Boden betrat, und mit fröhlichem Gemüthe untersuchte ich zuerst die oberen wüsten Gemächer des zweiten, dann ein besser erhaltenes des ersten Stockwerkes. Die Thüre war nur angelehnt, ich trat hinein; am Boden im Winkel bewies ein Haufe dürrer Blätter mit etwas Stroh vermengt, und eine allzusehr gebrauchte Kotzendecke das genügsame Nachtlager; mehrere hölzerne Schuhe, wahrscheinlich eigene Fabrikation, ein alter Mantel, durchbrannter eisener Ofen, eine Bank, etwas Holz und Küchengeschirr, jedoch ohne Teller und Trinkglas, war der ganze Besitz dieses bedauerungswerthen Ritterburgbewohners; überdieß war Gesimse und Zimmerdecke zersprungen, ausgebrochen, und drohte jeden Augenblick den nothgedrungen hier Schutz Suchenden auf immer der Armuth zu entheben. Das Unglück muß tiefe Wurzel geschlagen haben, wenn man täglich seine theuerste Habe -- das Leben, dem Tode sorglos unterzieht; entweder liegt hier Blödsinn zum Grunde, oder der Wunsch, jenen letzten Freund baldigst zu umarmen. Vom größten Elende dieses Erbarmungswürdigen überzeugt, wird gewiß jeder Fremdling zum Mitleid hingerissen.
Zu ebener Erde nächst dem Schloßthore werden ebenfalls zwei, aber gewölbte Zimmer bewohnt; die Thüre und Fenster waren verschlossen. Hier möge mehr Sicherheit und weniger Verzweiflung herrschen; denn wenn auch eine arme Tagwerker-Familie von fünf Personen daselbst ihr trauriges Asyl aufschlagen mußte: so zeigten doch Spate, Beil und Tragkörbe noch Willen und Kraft der Bewohner zur Arbeit, und ein lautes Schweinchen und Ziege darin wenigstens einen kleinen Besitz, und natürliche Sorge fürs Leben. In Reflexionen, wie Fleiß und Muth noch manches Gute erzwingt, schritt ich vergnügt zur weiteren Schloßuntersuchung.
Eine gähnende Oeffnung gegen Süden lud mich zur Reise in die Unterwelt. Ich band meinen weissen _Cerberus_ bei dem Eingange fest, zündete zwei Windlichter an, und stieg 18 ausgebrochene Stufen hinab; nun ebnete sich der Boden und bildete rechts ein weites Kellergewölbe, mit guten Luftzuge; links leitete ein Gang zwei Fuß abwärts; eine feste Thüre aber zur Hälfte mit Eisengitter überflochten, verboth alles weitere Vordringen; ich ehrte das feste Schloß, und ging, unzufrieden über die behuthsame Verwahrung vielleicht eines heimlichen Ganges oder ehemaligen Kerkers, zum Burghof zurück. Die übrigen Gewölber waren meistens unbedeutend, und mit Schutt und Baumblättern angefüllt. Ich wollte eine menschliche Seele herbeilocken, um Aufklärung über das versperrte Behältniß zu erlangen; ein paar Schüsse donnerten demnach durch die zerrissenen Mauern, und brachten ein herrliches Echo aber keinen Bewohner zurück. Ich verließ also die finsteren Hallen, um von der Wallfahrtskapelle
St. Maria Loretto,
auch _Rehkogl_ genannt, die untergehende Sonne zu schauen. Eine kurze aber steile Höhe muß man noch erklettern, um dieses romantisch gelegene Kirchlein zu erreichen.
Bescheiden zwischen einer riesigen ungeheueren Linde und zwei ähnlichen Wunder-Eichen, die wahrscheinlich einst den stolzen Marsch römischer Krieger -- sicher aber die veraltete Veste Kapfenberg entstehen und erwachsen sahen, und welche nun durch feindselige Blitze und eingetretene Schwäche sammt den nachgekommenen Greisenschlosse dem Grabe zueilen: verbirgt sich das nette Thürmchen mit seiner Kirche unter die Arme der bemoosten kollossalischen Gestalten, um dadurch nimmer seiner Schönheit und Zierde für jeden Fremdling zu entsagen.
Der Küster, welcher hier in einem anstossenden Häuschen wohnt, zeigte mir gutmüthig alle Schätze und Merkwürdigkeiten der Kapelle, die ich eben die entzückendste Aussicht vom Thurme genießend, schön fand.
Sämmtliche Gebirge, Dörfer, Flächen, Schlösser und Flüsse liegen wie in einem Panorama vor dem Auge des staunenden Fremdlings. Die rauchenden Sühnopfer des Wälder vertilgenden Brandes, ein im Nordost aufsteigendes Hochgewitter, welches sich durch schwarz und gelbe Wolken und feuchteren Wind mit Gewißheit anmeldete, das Schnalzen der Kutscher, und Rasseln zahlreicher Wägen, welche die tief liegende Heerstraße auf manigfaltige Weise belebten, das Brüllen der munteren Herden, die der verspätete Hirte zur Heimkehr zwingt, und das Rauschen mächtiger Mühlen, deren plätscherndes Getöse in reiner Höhe verhallet, bezaubern auf hundertfache Art das göttlich sich fühlende Auge, und versteinern den Fuß, um den Körper zur unbeweglich freudigen Büste zu machen.
Glückliche Menschen, die ihr dieses _Eden_ bewohnt! möge euch ein bleibender Aufenthalt nicht jene Wonne verringern, die jeden ankommenden Fremden hier ergötzet, fühlet das Süße irrdischer Seligkeit!
Gerne glaubte ich dem Küster, daß alljährig viele Andächtige herauf reisen, und sich hier getröstet und gestärkt fühlen.
Unmuthig über den geschäftigen Abend, der sich mit besonderem Fleisse heute zu beflügeln strebte, stieg ich dem drohenden Wetter zu entgehen, dem Markte Kapfenberg zu. Ich fand ihn reichlich und groß, die Wirthshäuser von zahlreichen Fuhrleuten mit Güterwägen und Fremden belebt, die Einwohner selbst aber alle beschäftigt und arbeitsam.
Bruck.
Die kristallene Mirza welche im unerbittlichen Laufe alles zu verschlingen droht, was ihre gedrängten Wogen bespühlen, wird hier durch eine mächtige mit Ketten umschlungene Brücke bedeckt; eiligst überschritt ich des rollenden Donners wegen dieselbe, um noch im Trockenen nach Bruck zu gelangen. Doch es war vergebens; Blitze rötheten die Wälder, Wirbelwinde hoben Staubwolken in die Luft, und große Tropfen fielen, durchnäßten die Strasse, und endlich auch mich; so zwar daß ich halb in Schweiß und Regen gebadet, nächst dem Vermählungspunkte der Mirza und Mur, die ihr Fest durch tobendes Lärmen weit verkünden, zu Bruck ankam.
Mein erster Gang war natürlich -- ins Wirthshaus, wo ich beim Adler gute Bewirthung fand. Bruck ist eine kleine niedliche Stadt mit einigen schön gebauten Häusern, Kirchen etc. demohngeachtet wenn man von Kapfenberg kommt, so sieht man selbe nicht eher, als bis, so zu sagen, die Nase an das Thor stößt. Selbst die Ringmauern der alten Veste _Landskron_, welche sich eng der Stadt anreihen, werden kaum etwas früher bemerkt; doch soll das Schloß, bevor es der Brand im Jahre 1809 sammt dem größten Theile der Stadt in Asche legte, eine gebietherische Miene gezeigt haben. Gegenwärtig füllen den weiten Schloßraum einige Gartenfleckchen und lockeres Gemäuer, nicht der Besichtigung werth. Die Stadt ist übrigens (das meistens _geschloßene_ Theater ausgenommen) immer lebhaft; die drei hier zusammenstossenden Hauptpoststrassen ziehen die Reisenden aus ganz Innerösterreich, Küstenland, Tirol etc. herbei; von Bruck werden noch überdieß Gips, Holzwaren und Eisen nach Grätz, Ungarn und der Türkei zu Wasser versendet, wodurch sich die Stadt gleichfalls in finanzieller Hinsicht hebt.
Das Wetter verstummte, Wohlgerüche dampften aus dem verschwägerten Mirza- und Murthale empor, und durchdufteten mein Gemach; der versöhnte Mond kleidete sich in das silberne Gewand des Friedens, und half den Millionen Sternen Diamantenglanz verbreiten. Ich betrat mit frohem Gemüthe mein Lager, und wandte den dankbaren Blick dem freundlichen Gesichte zu, das so milde seinen Zorn vergaß.
Kaum daß sich der junge Tag dem neidischen Nebel entwunden, der vergebens in dem wässrigen Thale einen Sieg zu erringen bemüht war, ging ich an den mir gewiesenen Platz, um mit Neptuns Einwilligung noch Vormittags Grätz zu erreichen.
Murfahrt.
Zahlreiche Passagiers sah ich bereits in gleicher Absicht, ungeduldig des trüberen Morgens, welcher die Wasserfahrt für heute vielleicht verhindern könnte, die Ufer gemessenen Trittes überschreiten. Das Floß (Fahrzeug aus zusammengefügten Baumstämmen) war mit Bretern und einigen Gipsfässern geladen, und zum Abgange bereit; endlich verschwand auch der letzte Nebel, und der Schiffmeister geboth Aufbruch. Wie zum fröhlichen Tanze sprangen zwanzig Fremde auf den schaukelnden Boden; einige wie ich, hatten noch nie die Mur befahren, und dachten sich ebenso sicher als zu Lande; während die Schiffleute ihre Andacht mit ungekünstelter Ehrfurcht begingen.
Der gestrige Regen hatte die sonst dunklen Wogen noch mehr getrübt, und beflügelte den eilenden Lauf der ungezügelten Mur; dennoch waren wir ohne besondere Fata geschwommen, und nur die interessanten Ufer fesselten das immer geschäftige Auge.
Das von wohlthuender Nässe erfrischte Kolorit buntbeblumter Wiesen, glänzte wie Sammet mit reichster Stickerei durchkünstelt; Dörfer sah man, welche die willkommene Last aller Gattungen niedergebeugter Obstwälder mit ihren Dächern stützten; Hügeln wo reiche Gaben der Ceres in haushohen Garben sich reihten; und wieder Waldberge, die mit nakten Felsenspitzen um den Hoheitsrang stritten, und von entkräfteten Greisenschlössern dieser Eitelkeit wegen gewarnet wurden; endlich die reine Himmelsdecke, deren sanftes Blau alle diese Lieben überspannte, und zur sanftmüthigen Einigkeit bewog, während goldene Sonnenstrahlen einen Schützling nach dem andern in dem geengten Thale belohnten. Dieß schien den gewöhnlichen Schmuck der Natur zu überwiegen, und entweder ein Traumbild oder wirklichen Himmel zu zeigen.
Froh, auf der staublosen Eilfahrt allen diesen Zauber einzusaugen, bedauerte ich zugleich, nicht hineilen zu können auf die ehrwürdigen Reste des Schlosses _Pernek_, welches wie aus dem Schlummer geweckt, seine wenigen bemoosten Quadermauern von der riesigen Waldspitze links herabzeigte und bald wieder unmuthig verbarg. Mehr noch reitzte mich das Dorf _Mixnitz_ am linken Murufer, dessen groteske Felsenhöhle im Drachentauern Dr. _Sartori_ so Neugier erregend beschrieb, und die überthürmt von der mächtigen Thiernauer- und Theichalpe eine vielwerthe Lage versichert!
Außer dem Dorfe Röthelstein war man beschäftiget die Straße zu erweitern, die lästigen Gruben hie und da auszufüllen, und eichene Schranken zu ziehen. -- Dank dem gnadenreichen[5] Besuche unseres allgeliebten Monarchen, der alle Hände in Bewegung setzt Gutes zu wirken! Der Weg war früher an einigen Orten so enge, daß zwei geladene Frachtwägen einander nicht ausweichen konnten; anderwärts fanden scheu gewordene Pferde kein Hinderniß, sich und die unglücklichen Passagiers in den Abgrund der gefrässigen Mur zu begraben. Unbefürchtet kann sich nun Jeder den Schönheiten des bewunderungswürdigen Thales hingeben!
[5] Auf der Rückreise Seiner Majestät von Mayland, Venedig etc. über Grätz nach Wien den 21. August 1825
Die malerischen Schlösser Pfannberg, Rabenstein, Peckau, Gösting, alle so herrlich! doch ich durchkletterte sie vor zwei Jahren, und erlaube mir deren nähere Schilderung.
Unter dem Markte Frohnleiten, den am linken Ufer eine fränkische Allee aus Lärchen- und Kastanienbäumen, erstere in Pyramiden, letztere in Quadrate zugeschnitten, schmücken soll, windet sich ein enger Fußpfad neben einigen Häusern des Ortes Weiher zur wüsten Waldhöhe der Ruine
Pfannberg
hinan; wildes Dorngestrippe rechts eine Wiese verwahrend, und ein sumpfiger Wassergraben links den Bergen ablaufend, sind die Gegner des ungeweihten Fremdlings. Diesen nach Möglichkeit Trotz biethend, lohnt ein trockener Fußsteig die weitere Wanderung. Des Hornviehes weit verhallend Gebrüll, und Springen munterer Geissen überraschen hier den Pilger, der gerne in den entlegendsten Winkeln Leben entdeckt. Einer Meierei lockeres Gemäuer, das vierfüssige Volk mehr bedrohend als verwahrend, wanket auf der Grundfläche des Schloßzwingers, welches jeder der Ruine entstürzende Stein noch mehr zu erschüttern strebt. Häufiger Schutt rings herum schon grüne Hügeln bildend, läßt kaum die ehemalige Ringmauer ahnden. Ungehindert durchwandert man sonach die hinfälligen Schloßgemäuer, welche allzusehr zerrüttet nichts Deutliches mehr darbiethen. Nur ein siebeneckiger Thurm hoch und mächtig wie ein Fels, scheint sich für die Nachwelt erhalten zu haben, den Ruhm seiner Urbewohner der Herrn _von Pfannberg_, welche im dreizehnten Jahrhunderte als Steiermarks edle Sprossen sich zeugten, zu verkünden. Seinen Werth würdigend hat der gegenwärtige Besitzer Fürst _von_ _Esterhazy_ 82 Pfosten-Stufen hinauf zimmern lassen. Die Aussicht in die Umgebungen des Murthales lohnt hinlänglich die Ausgaben so wie jede Mühe des Hinansteigens. Nebst diesem besteht noch ein zweiter viereckiger aber größtentheils zertrümmerter Thurm. Merkwürdig ist jedoch in diesem das Burgverließ, dessen Eingang zwar etwas verschüttet, aber tiefer unten geräumig und ziemlich erhalten ist; ein unterirdischer Gang, der von diesem zum siebeneckigen Thurme hinleitete, ist vor einigen Jahren mit Gewalt zugestampft worden; übrigens sind die Unken und Eulen auch mit dem übriggebliebenen Raume zufrieden, und freuen sich ihres Asyls. Einen besseren Rückweg zu erfragen, ging ich in die für den Meier und seine Genossen bestimmte Wohnung; kein Schloß versagte mir den Eingang in drei dürftige Zimmer, alles schien ausgestorben! endlich sprangen zwei Hunde herbei, und mühten sich, ihren kleinen Figürchen das gehörige Ansehen zu verschaffen. Mindestens bezweckten sie doch das Erwachen der einzigen anwesenden Bewohnerin, eines alten harthörigen Bauernweibes, welches hinter einem Tische auf einer Bank schlafend von mir übersehen wurde. Nachdem ich mich mühsam ihr verständlich machte, und Auskunft erhielt, fragte ich um den Namen des Gutsherrn: »Fürst Hassi« antwortete sie, und wunderte sich, daß ich ihn nicht ebenso gut kenne.
Der gewiesene Weg führte mich nun nördlich um den Berg zur Strasse hinab, und ich war trotz der langweiligen Erklärung darüber, mit ihm zufrieden.
Dieser Ruine gegenüber am rechten Murufer liegt auf einem schroffen beflutheten Felsen das Schloß
Rabenstein;
halb Ruine, halb bewohnbar, verbindet das Schloß Gegenwart und Vergangenheit in herrlicher Eintracht. Ein Jäger -- Bewohner von neun zum Theile sehr grossen Zimmern, hat Muße genug, bei schlechter Witterung in seiner Behausung Jagd auf unwillkommenes Wild anzustellen, das ihm jedoch bald den Sieg streitig machen wird, wenn die lockeren Fenster und mürbe mit Backsteinen geschwerte Bedachung nicht verbessert werden. Malerei und Fußgetäfel der Zimmer zeigen von einstiger Pracht und Vernachlässigung des Alters.
Einen schönen Anblick gewährt auch der senkrechte Fels rechts vor dem Postorte Peckau, Jungfernsprung genannt; die Mur bricht sich an demselben mit wüthender Gewalt und spielt mit dem in Schaum getauchten Fahrzeuge gleich einem Ei; mit Stangen und Hacken müssen die gewandten Schiffleute dem gähen Anprellen desselben zuvorkommem. Eng rücken die Felsen zusamm, brausend erkämpft sich der Fluß seine weitere Bahn! Ein zweispänniger Separat-Eilwagen jagte vor uns links auf der Strasse nach Grätz; bald war er eingeholt und zurückgedrängt. Ich hätte eine solche Schnelligkeit der Mur nie geahndet, und kaum der oberen Traun[6] die noch reissender ist, zugetraut.
[6] Begreift die Strecke aus dem Hallstädter-See bis nach Stadl; von Stadl bis zum Einflusse der Traun in die Donau bei Zizlau versiegt ihr ungemeiner Schnelllauf; demohngeachtet machen die Untiefen und Inseln auf der unteren Traun die Fahrt gefährlicher.
Doch nach Peckau zurück; östlich vom Markte in einer beflurten Thalbucht ruht auf einem karg begrünten Steinhügel, die Schloßruine
Peckau;
ein Wald auf höheren Bergrücken im Norden und Osten scheint das dürre Skelet vor den es bedrohenden Gewitterstürmen zu schützen, weil nun ausser diesen ihm keine bewaffnete Faust noch feindlich das Banner schwingt. Der Weg hinauf über angenehme Wiesen ist ganz unbeschwerlich und unverfehlbar. Auf der Anhöhe vor dem Schlosse steht ein Bauernhäuschen, deren fleissige Bewohner den alten Schloßgarten verjüngen und künstlich benützen. Ober dem Thorbogen befindet sich noch das gemalte Wappen der ehemaligen Besitzer Ritter von Pfannberg, so wie im Burghofe eine grosse Sonnenuhr. Das Schloß selbst bildet ein Labyrinth von Ruinen, dorischen Säulen (aus neuerer Zeit herstammend), und Gewölbern, welche unter einander geworfen der Phantasie noch bedeutenden Spielraum zu Betrachtungen liefern. Weniges ist mehr deutlich zu entziffern, ausser das leider überall abschreckende Burgverließ links beim Eingange in den Säulenhof; dann noch die Küche, deren mit starken Eisenstangen durchzogene Wände noch 100 Jahren allen Flammen Trotz biethen könnten. Die einstigen Bewohner müssen geradezu wahre Schwelger gewesen seyn, denn so viele Keller und eine so grosse Küche wären auch zur Verpflegung eines Regiments Soldaten hinlänglich! -- Den Thurm kann man nicht mehr besteigen, die Stufen sind ausgebrochen, und das verwitterte Mauerwerk stürzt bei der leisesten Berührung herab.
Die Aussicht ist weniger befriedigend als zu Pfannberg. Peckau gegenüber liegt der seiner silberhältigen Bleibergwerke wegen hinlänglich bekannte Markt Feistritz.
Eine Höhle links an der Strasse Gratwein gegenüber, dürfte noch die Aufmerksamkeit der Reisenden fesseln. Sie scheint obgleich bei 80 Fuß lang, 70 breit und 65 hoch, doch größtentheils mit dem Meissel gegraben worden zu seyn; eine Mühe deren Nutzen nicht einleuchtend ist. In dieser einer Kirche ähnlichen Halle befindet sich ein halb zerfallener Backofen, und neben diesem links ein massives, aus Baumstämmen gezimmertes Geländer; Schwarzdorn- und Holunder-Gebüsche drängt sich an die kalte Felsenwand beim Eingang, den einige Erlen bewachen. Still und ernst wie das Grab schlummert die Höhle, dumpf verhallet der Tritt und kein Lüftchen sanft lispelnd verweilt, die Töne des Lebens zu wecken. Das Abenddunkel ruft dann dem Wanderer die Zeiten der Druiden zurück, und zaubert ihm magische Bilder: So mögen die haidnischen Hallen ausgesehen haben, wo die blutgierigen Priester ihre entehrenden Menschenopfer begingen; dort in der Mitte drohte der Herd, dessen Rauch die verblendete Menschheit entzückte; hier herum die Umzäunung, welche nur geweihte Barbaren überschreiten durften, sich im Morden zu unterstützen; alles dieses dem Auge des ewigen Forschers zu entziehen, spannten greisige Stämme ihre weit reichenden Fittige aus.
Bald lag der Wallfahrtsort _Maria Straßengel_ mit seinem gothischen Kirchthurme rechts im Hintergrund, und Göstings ernsthaftes Antlitz prüfte uns Fremdlinge, als die Schiffleute ermahnten, achtsam zu seyn, und nicht in Angst zu gerathen -- die gefürchtete Weinzettelbrücke mit seinem Kreuze lag vor uns. Alle Männer entblößten das Haupt sich kreuzigend; ich wußte noch nicht was da kommen würde, doch mußte ich auf Ermahnen des Floßdirektors meine Jagdtasche um- und den Hund anhängen, beide nicht zu verlieren. Einige Mädchen zitterten und schrieen erbärmlich; umsonst, der Lauf war unerbittlich! und donnernd stürzten wir ohngefähr fünf Schuh über eine Wehre herab; durch und über das Floß drängten sich die Wogen fußhoch auf sämmtliche Passagiers. Es war wirklich kein Spaß, nicht erholt von erster Taufe, gleich darauf der zweiten ganz ähnlichen sich zu unterziehen. Diese zwei Abfälle sind geflissentlich zur Ableitung zweier Mühlbäche nach Grätz ganz widersinnig hier beisammen angebracht, um die ohnedieß gefährliche Schifffahrt noch zu erschweren. Eine besondere Kenntniß und Geistesgegenwart wird bei Schiffleuten daselbst erfordert, glücklich durchzukommen; zwei Stangen sind die Gränzzeichen dieses Passes, der aber leider schon Viele vernichtete.
Somit war auch die einzige Gefahr auf dieser sechsmeiligen Bahn überstanden; pfeilschnell flohen wir nun durch eine liebliche Aue, die nur der erhabene Schloßberg durchspähte, der versteckten Stadt zu. Nun hob sich der Vorhang, Leben und Frohsinn spielten die Rollen, Grätz war erreicht! -- Unter der gedeckten Brücke durch, am rechten Ufer (_Länd_) betraten wir das Land. Die Mädchen, welche sich von ihrer Taufe noch nicht getrocknet und im possierlichen Aufzuge sahen, schämten sich nicht wenig bei dem Anblicke der in Anzahl herbeigekommenen wie überall neugierigen Städter.
Grätz.
Ich wählte, von dieser fünfstündigen Fahrt mich zu restauriren, den angerühmten wilden Mann in der Schmidtgasse. Wenn ein Gasthaus einer Provinzialstadt den meisten in der Residenz als Muster belobt zu werden verdient, so ists der wilde Mann zu Grätz. Lange Jahre glänzt dem braven Gastgeber und Hausbesitzer dieses Lob, und es wird fortwähren, solange diese Reinlichkeit, wohlzugerichtete Speisen, unverfälschte Getränke, muntere Bedienung und herrliche Tischgesellschaft, Magen und Gemüth des Gastes würzen; für welche auserwählte Erquickung noch überdies eine billige Zeche abverlangt wird.
Grätz zu beschreiben wäre von mir Uebermuth, da ich in sechs Tagen gewiß nicht dasjenige auffassen, noch weniger aber überbiethen kann, was vor mir würdige Schilderer durch mehrjährigen Aufenthalt dahier entdeckt und dargestellt haben. Nur was sich seit jenen wohlverfaßten Beschreibungen in einem Zeitraume von sechzehn Jahren wesentlich hier verändert, erlaube man mir anzuführen.