Chapter 11 of 13 · 3541 words · ~18 min read

Part 11

Ueberdieß finde ich an dieser Alpe vorzüglich bemerkenswerth, daß hier nicht, wie anderwärts, auf solcher Höhe die Holzvegetation sich mit dem gewöhnlichen Krummholze schließe. Nicht nur, daß von diesen Mißgeburten des Nadelholzes ringsherum gar keine Spur ist, sondern die letzten Holzspuren sind acht riesige, mit Moos und Flechten umkleidete Zirbelnußbäume: so endet sich des Waldes Daseyn, wie der endliche Wunsch des Stolzen -- mit den größten Zeugen seines Ruhmes! -- Freudigste Ueberraschung brachte mir auf dem nun erklommenen Wellenmeere beschneiter Felsklumpen, der Gruß eines schlanken Mannes; nicht widerlich wird der Mensch durch die Kleidung, wo er so willkommen erscheint; ich fürchtete vorher für meine Unkunde des Weges: Ein Mann konnte mich darüber beruhigen, mit breiten Krempenhute, woraus sich das lange struppige Haar mit dem des Messers mondenlang entwöhnten Barte ungeregelt verflocht, über die dürftige Kleidung eine abgenützte Kotzendecke geworfen, die Stiefel mit Filz umwunden, die Hand mit langer eisenbeschlagener Knotenstange bewaffnet -- und so kam er entgegen, ohne von mir etwas anderes, als biederen Handschlag zu erwarten. Zufrieden, das Herz dieses Mannes nicht wie seine Aussenseite verwildert zu sehen, folgte ich ihm über einige Schneewölbungen, welche das vorgestrige Gewitter hierher gebettet, zu seiner höchst dürftigen Alpenhütte. Zwei Ziegen und mehrere Duzend Schafe flohen von diesem Asyl bei Anblick meines Hundes mit gemsengleicher Schnelle über die schroffen Felsenspitzen, zwischen denen man nur selten ein Grashälmchen hie und da zittern sah. »Den[27] verdammten Wolf von voriger Woche können die Schafe noch nicht vergessen, er hat mir zwei schöne Stücke erwürgt!« sprach er, und pfiff ihnen nach um Stillstand. Ich wunderte mich, auf dieser Höhe Schafe halten zu sehen, wo nebst solchen Gefahren, auch noch der Hungertod ihnen drohe.

[27] Ich will der Deutlichkeit wegen seine unkorrecte Mundart nicht nachschreiben.

»Itzt -- mögt ihr Recht haben,« erwiederte er, »aber bis Anfangs September gibt es zwischen den Felsklüften Nahrung genug für die Schafe; wenn auch bisweilen gäher Schnee dieselbe für einen Tag raubt, so bringt doch die Sonne im nächsten weit reichlicheres Grün zum Vorschein; den größten Schaden aber machen, da, Luchsen ausgenommen, nur selten Raubthiere vorkommen, die Steinklüfte, in welche die Schafe, ihre Beute herauszulangen, häufig stürzen, und ein Raub der sie unten einzwängenden Falle sind. Bisweilen geschieht es freilich, daß ich zufällig einige durch Herausziehen errette; öfters find ich sie aber erst dann, wenn sie bereits verhungert, mir die traurige Gelegenheit biethen, für deren fühlbaren Ersatz ein Stück Fleisch zu geniessen; oft aber verzehren sie von mir unentdeckt, die Steinadler und Geier, die sich um ihre Verwesung nicht kümmern. Mit 8. Sept. kommen die Bauern aus Saalfelden herauf, um mir beim Abtriebe ihrer Herden beizustehen. Allein da treffen nicht alle Schafe zusammen, die in den weiten Gebirgsklüften sich zerstreuten, deßhalb muß ich hier verweilen, sie einzeln sammeln, und an meine Hütte gewöhnen, bis in etlichen Tagen wieder Bauern heraufkommen, und sie hinabfördern. Dieß geschieht so lange, bis ich nichts mehr finde, und die Paar, die alljährig fehlen, in den entlegendsten Schluchten sich verirrten und daselbst endlich erfrieren, oder erhungern. Die zwei Ziegen sind mein Eigenthum, von deren Milch ich mich größtentheils nähre, da mir nur einige Male im Sommer etwas Brot heraufgebracht wird, welches nebst 12 fl. R. W. den ganzen Lohn für die fünfthalbmonatliche Schafobsorge beträgt.«

Ich fragte ihn um Namen, Geburtsort, Alter und Gegenmittel sich hier in dieser ewigen Schneewüste vor Verzweiflung zu bewahren? Nachlässig, ohne das Bedauern in meinem Antlitze zu lesen, gab er darüber Aufklärung. »Ich heisse Ignaz Romoser, bin vor 26 Jahren zu Saalfelden geboren, war lange Zeit Knecht daselbst, nun aber seit einigen Jahren Sommer-Schafhirte am Fundertauern; langweilig wäre es freilich, wenn ich nicht alle Tage den Schafen nachklettern müßte, sie vor Unglück zu wahren. Einer meiner Vorgänger starb vorlängst in dieser Hütte, kein Mensch kam herauf, kein Mensch wußte davon, bis endlich die Bauern ihr Vieh abzuholen hier eintrafen, und den noch kennbaren Leichnam begruben, er war alt und schwach, mir möchte solch Unglück wohl so bald nicht zutreffen!« -- Armer Mann, der du dich mit dem Troste des Verzweifelten begnügst, ohne zu erwägen, daß dir so gleiche Ansprüche auf milderes Geschick gleich Hunderttausenden zustehen? Armuth zwingt dich vom geselligen Leben hinweg in eine Wildniß zu bannen, worin man Missethäter allzuhart bestraft dächte, und doch wiesest du, abgesehen von Kunst und Wissenschaften, an Edelsinn und Herzensgüte vorzüglichen Rang unter günstig Erzogenen.

Romoser machte Feuer, und wollte gutmüthig den Vorrath seiner dürftigen Nahrung -- eine Maß Ziegenmilch wärmen, selbe mit mir zu theilen; ich hätte keinen Tropfen hinunter gebracht, wünschte aber in meinem Leben nie sehnlicher ein wohlschmeckendes Mahl, um seine werthvolle Aufopferung zu lohnen. Leider entstiegen die Gnomen nicht ihren Höhlen, und selbst die blecherne Liqueurflasche sprang bei meinem gestrigen Falle. Später bat er mich um etwas Tabak, aber auch diesen mußt ich ihm, da nie diese Pflanze mir Werth hatte, äusserst ungern versagen. Die Kasern bestand ganz aus Holz; statt der gewöhnlichen Vorrathskammer war ein kleiner Schafstall für das junge Vieh, ober dem Romoser seine Lagerstätte hatte. Zwei etwas abwärts gelegene Hütten, die noch mehr verödet und zerfallen aussahen, waren ebenfalls zur Unterbringung zarterer Wollträger bestimmt. »Wenn einmal« meinte er, »diese Wohnungen ganz zusammengestürzt wären,« so hätte sich wohl dadurch die fernere Schafhalde hier geendet, indem die acht Zirbelnußbäume zur Feuerung bestimmt, nimmermehr zu Erbauung einer neuen Kasern hinreichen würden, noch weniger aber Holz zu solcher Bauung heraufgebracht werden könnte.

Man mußte fürchterlich wirthschaften, bis man, wie die Wurzelstöcke zeigen, diese weite Alpengegend ihrer ungeheuren Baumstämme berauben konnte; doch die Holzvertilgungskriege dieses Ländchens sind zu geschichtlich bekannt, um als neu betrauert zu werden. Itzt wäre es vergebens, selbst mit größter Anstrengung hier wieder Wälder bezwecken zu wollen, weil der herabdringende Schnee und Windsturm jedes Fleckchen Erdreich zum Samenempfang längst wegspühlte.

Etwas ausgeruht, dachte ich nun den Weg nach Saalfelden anzutreten, aber es war mir unmöglich! Der Morgennebel hatte sich hinausgeschwungen von den zackigen Alpenschanzen, um tiefer sein Blendwerk zu treiben. Aus dem Schneekessel der höchsten Alpen schweift die Phantasie ins Unendliche, und will den Raum der Zeit und Möglichkeit ergründen. Groß deucht südlich die Stuhl- oder Tauernwand mit der Weisbachalpe, und der wie ein Obelisk über’n Fundersee emporstrebende Schoppmoll. Die Gamskarlhöhe und der Viehkogel weichen nicht minder den Gefährten. Aber nördlich überhöhen sie des hohen Hundskopftods dreifache Spitzen, so wie des Watzmanns zweipyramidiges Haupt. Der Schindelkopf, die hohe Schneiter- und Hechelwand erheben zum Sieg unnütz die schneeigen Körper. Höher noch, als alle diese Riesen, will sich das stolze Verlangen hinaufzaubern, selbst diese Massen zu gering achtend, den kühnen Geist demüthigen zu können.

Beseelt von Empfindungen, die sich nicht beschreiben, noch von Jenen, welche in solcher Lage nie gewesen, jemals fühlen lassen, frug ich Romosern, ob er wohl mit diesen Höhen bewandert und mich auf eine derselben zu leiten bereitwillig sey?

Bejahend war seine Antwort, doch müsse er vorerst auf einige Plätze um die Hütte etwas Salz ausstreuen, sowohl die Schafe herbeizulocken als auch sie in der Nähe zu erhalten. Ich wollte mir unterdessen die Eisen anlegen, er widerrieth’s, indem man hier am sichersten mit langer Stange durch Sprünge von Stein zu Stein gelange, wobei die Eisen unbehülflich und schwer den Kletterer eher ermüden; eben so sollte ich mein Gepäcke verstecken, da für dessen Verlust nichts zu besorgen wäre.

Seine Geschwindigkeit bald abzulernen, sah ich ihm nach, wie er, ein Virtuose im Klettern, von Stein zu Stein, gleich einer Gemse, mittels der zehnschuhigen Stange sich fortschwang; obgleich nur mit einem Auge beglückt, machte er doch nie Fehlsprünge, und rief aus der Entfernung die Zöglinge, welche ich nur mit dem Sehrohr erkannte. Nach seiner Zurückkunft gab er mir ebenfalls ein ähnliches Zepter, stärkte sich mit hinlänglicher Portion Schneewasser, welchem Beispiele ich folgte, und dann ging die komische Passage an.

Itzt erst konnte ich begreifen, wie die Schafe in den Klüften des sogenannten

steinernen Meeres

umkommen. Die ganze ungeheuere Ausdehnung, besonders im flächeren Grunde, besteht aus einzelnen wie Meereswellen aufsteigenden Kalkfelsen, die von einander an ihrer Oberfläche schuh- oder klafterweit geschieden, unten in einen scharfen oft aber spitzigen Winkel zusammenlaufen. Obgleich nun diese kaum Klafter hohen, meistens noch seichteren Klüfte die hinabrutschenden Schafe keineswegs zerschmettern, so zwängen sie doch deren Füsse so zusammen, daß sie nicht mehr heraus können, sondern erhungern müssen. Hie und da hat Schnee die Klüfte mit den Steinen geebnet, man betritt ihn sorglos, aber es ist eine Fallbrücke, welche einstürzend selbst dem einzelnen Menschen Tod bringen könnte. Wir passirten das Felsenthal Schönbüchl um den

hohen Hundskopftod[28]

zu ersteigen; so unästhetisch dessen Name, so wild droht er herab auf das verödete Thal, als hätte sein Blick es verwüstet. Botaniker und Mineraloge würden hier vergebens Ruhepunkte für ihre Wißbegierde suchen; nur ein behender Nimrod hätte vollauf zu thun, von den Fährten der Luchsen, Dachsen und Murmelthiere Nutzen zu ziehen, die Gemsen vorzüglich gerechnet, welche ihre kleinen Gestalten durch grössere Anzahl auf den Hochspitzen bemerkbar machen.

[28] Namensberüchtigt, weil daselbst kein Hund zum Jagen soll verwendet werden können.

Mein Führer machte mich besonders auf wiederholten, dem gewöhnlichen Halder-Fingerpfiffe ähnlichen Ton aufmerksam: »Es melden sich Gefahr witternd die ausgestellten Wachen der häufig hier vorfindigen Mankl, sie nähren sich wohl, diese katzenähnlichen Thierchen, und lassen sich selten überraschen, daß man sonach mit ihrem Fett Wunderkuren machen könnte.«

_Buffon_ bezeichnet keine Thiere mit dieser Benennung, sie möge ein provinzieller Ausdruck, nach den Eigenheiten und Schneefährten zu schließen, den Murmelthieren gelten.

Wir hatten nun die zerklüftete Fläche ohne anderen Unfall zurückgelegt, als daß ich dem durch Hunger und Strapatzen ermatteten _Duna_ zweimal heraushelfen mußte.

Sicherer ging sonach die Wanderung auf die schroffe Alpe hinan, welche mit ihren vorragenden Felszacken beinahe Stufen zum Hinanklettern bildet. Wer vom Schwindel -- diesem eingebildeten Uebel, nichts weiß, der wird den hohen Hundskopftod gefahrlos besteigbar nennen; am leichtesten erklimmt man selben in schiefer Richtung von Osten nach Westen.

In einer Stunde war, von der Hirtenhütte gerechnet, die mittere höchste Spitze dieser Alpe erklommen; mißvergnügt sieht man erst itzt, daß der gegenüber trotzende Watzmann weit höher seinen Scheitel erhebe, was vorhero kaum geglaubt wurde[29]. Leicht überzeugt man sich, daß es thöricht wäre, auf dieser Alpe, wo die drei Spitzen kaum eben so viele □ Klafter Fläche biethen, und bloß durch gedehnte Felsrücken mit einander zusammenhängen, Hunde den gewandten Gemsen, deren vier bei unserer Ankunft ihre geübten Sätze hinabproduzirten, nachzujagen.

[29] Die Aussicht, obgleich hier von einem höheren Punkte, wird doch von der auf der hohen Tauerwand folgenden Tags übertroffen. Ich verspare deren Schilderung demnach bis dahin.

Noch war ich erstaunt über jener Alpenwächter beflügelten Fuß, als mein Führer mit lautem: »Ich habs, ich habs!« mir freudig die Hand drückte, und bat zu gedulden, bis er wieder zurück komme. Ich glaubte er sey plötzlich verrückt, und wolle eine Gemse erhaschen; denn wirklich eilte er die nemlichen Pfade ins Watzmannthal mit halsbrecherischer Schnelle herab. Ich strebte so viel wie möglich ihm nach; vergebens, er hatte zu viele Vortheile! Unwillig über den komischen Menschen, und mich, der so planlos eine mit Schweiß errungene Höhe verließ, stand ich zögernd und sah in die tiefe Schlucht, worin Romoser sich bereits verlor. Da gewahrte ich etwas schwarz und weißes undeutlich, das Leben verrieth; mein Fernrohr ließ mich fünf Schafe zählen, denen bereits der arme Hirte auf Händ und Füssen zukletterte, und sie langsam auf besseren Weg brachte.

Gerne verzieh ich nun dem Guten seine Treue für das ihm anvertraute Vieh, war aber eben so wenig entschlossen, wieder umzukehren auf die Hundskopf-Spitze, als mich vielmehr der Entschluß beseelte, den Watzmann zu ersteigen.

Dieses strebte ich Romosern zu eröffnen, damit er mich durch Anweisungen dazu erfreue. Mein Wille scheiterte, eine Schlucht entzog mir ihn, oder er mußte anderweitigen Pfad eingeschlagen haben; ich tröstete mich darüber, und wollte seine mir versprochene Rückkehr auf einem Steine ruhend erwarten: da vergingen mir plötzlich die Augen; der Watzmann schien seine Schneedecke über mich zu breiten -- ich war einer Ohnmacht nahe. An Kraft erstorben, fiel ich der Länge nach auf den frostelnden Stein; mein letztes Stündchen drohte zu nahen. Die Nerven waren überspannt, das beinahe zweitagige Fasten, die schädlichen Folgen des gestrigen Falles und der schlaflosen Nacht, das viele Wassertrinken, und endlich beständiges Waten im Schnee, welches meine Füsse bis über die Knie in fortwährender Kaltnässe erhielt, mußte schädliche Folgen herbeiführen. Alles dieses hätte ich eher bedenken sollen, bevor sich mein Wunsch auf den Watzmann hinpflanzte. Ich bekenne diese Unvorsichtigkeit, um allenfällig Fußreisenden eine Warnung zu liefern, ihren Körpern nicht allzuviel aufzubürden, besonders wenn man nicht Gelegenheit hat, mit guter hinlänglicher Nahrung den Entgang der Kräfte zu ersetzen. Ich erholte mich endlich aus der Betäubung, die mehr Kolik war, und bemerkte, wie mein vierfüssiger Freund ängstlich und zugleich liebvoll mir Wangen und schneeige Hände küßte. Nichts hatte ich dem Treuen zu erwidern, und doch umsprang mich _Duna_ freudig, als er nur mein Aufstehen sah. Ich fühlte die Mattigkeit zu sehr, um noch auf mögliche Ersteigung des Watzmanns zu denken, betrachtete mit wahrer Wehmuth das von der kleinen Spitze niederblickende Kreuz, und wünschte zum erstenmale meines Lebens, recht tief von den Eisfelsen entfernt zu seyn.

Glücklich fand ich die Spuren des Herwanderns, sie waren höchst nothwendig! da sich nach meinem öfteren Rasten bereits Abendnebel um die Alpengipfel schlugen, und tiefer und dichter sich lagerten auf das zerklüftete Bett. Itzt sollte ich den Bergrücken erklimmen, welcher sondert vom grossen den kleineren Hundskopftod. Ich mußte, obgleich es schon dunkel zu werden begann, abermal ruhen: da hör ich poltern und Steine rollen; _Duna_ wird von mir zurückgehalten. Sechs Gemsen, ein alter Bock an ihrer Spitze, wollen vermuthlich im Abendwechsel ihrer Lagerstätte zueilen, sie muß irgendwo auf dieser Spitze bestehen. Klug wittert der Bock die Gefahr, ein Pfiff von ihm, dem eines Menschen ähnlich, warnet die Nachfolgenden, welche stillstehend ihren Weiser allein vorschreiten lassen. Hoch streckt er den Hals und späht, bis er mich ersieht, wornach dann ein zweiter stärkerer Pfiff seine Gefährten augenblicklich in Sicherheit jagt, er aber ebenfalls doch langsamer ihnen folgt.

Wer möge diesen Thierchen, in den Regionen zu Hause, wo nie des Frühlings-Blüthenzeit wärmt, wo kein Sommer die Hände mit Ernten füllt, wo ewig der Winter und frostelnde Herbst die stürmischen Wohnsitze bestreichen, diese Behutsamkeit vor Feinden, dieses Selbsterhaltungsgefühl eingeimpft haben? Menschen? O die lehren nicht immer das Gute! Aber du herrliche Natur, du bist es! welche die Gesammtzahl des lebenden Quodlibets mit gleich milden Blicke bewachst, jedem deiner natürlichen Unterthanen Kraft oder List genug schenkest, sich der Feinde zu erwehren und dankbar deiner zu freun!

»Wer so hold für Alle gesorgt, wird auch mich nicht sobald umkommen lassen.« Muth und Kraft durchfloß nach diesem Schlusse, meine Adern; rüstig sprang ich auf, als bekäm ich abermal Lust den Watzmann zu besiegen! Nicht achtete ich der Gedärme, die zu verschrumpfen oder aus dem Leibe zu fallen drohten; mich selbst tröstend versprach ich ihnen alle mögliche Pflege für die Zukunft und kletterte fort. Schon sah ich von der Höhe Romosers Hütte im Thale, es ward mir freudiger ums Herz; aber ich mochte noch eine Stunde hinbrauchen, und zwar über die fatalen Steinklüfte! Den widerlichen Tanz verwünschend, hörte ich plötzlich hinter mir rufen und schrein. »Etwa gar verzauberte Gemsen mit Menschenstimmen?« krittelte ich, und sah auf der Höhe den wackeren Romoser, der voll Freuden mich gefunden zu haben, mit »Gottlob endlich!« seine Worte begann. Werther noch als heute Morgens war mir dessen Erscheinen; ich bat ihn seine Lunge zu sparen, und lieber soviel möglich den besten Weg zur Hütte einzuschlagen. Das nützte aber nichts! Mit gutmüthiger Geschwätzigkeit versicherte er, mich auch dann noch aufgefunden zu haben, wenn ich in den Mittelpunkt der Erde gefallen wäre. Ich dankte für das nicht erwünschte Glück und lobte sein Talent; aber er war unermüdet im freudigen Geschwätz! Die gefundenen Schafe oder meine Wenigkeit mußten seinen ernsten Humor so lustig umstimmen; kurz er sang und trillerte, und brachte es am Ende so weit, daß ich selbst meine Plagen vergaß und wie betrunken einstimmte.

Nun erzählte er im konfusen Gemisch, wie er bald zwei Monate jene fünf Schafe vermißt, wie er meine Fußtritte erkannt, auf die Spuren von noch einigen Flüchtlingen, welche er morgen zu finden hoffe, gerathen, endlich wie gefährlich es für mich Abends auf den Gemsenwechseln hätte werden können, sowohl der unsicheren Tritte daselbst, als auch der um diese Zeit sich einfindenden Raubschützen wegen, welche verzweiflungsvoll jede Gelegenheit ergreifen, unerkannt zu bleiben oder Rache zu üben.

Wir hatten unterdeß die Hütte erreicht, ich mußte vorher, ihm Freude zu machen, zu den wohl verwahrten fünf _Deserteurs_ mich begeben, wo er mir ihre konservirten Körper mit zufriedenen Lächeln anfühlen ließ. Darauf trugen wir Jeder einige Stücke der morschen Schafstallhütten zur Feuerung in unsere Behausung. Das Mahl war und blieb auch dießmal äusserst frugal: schwarzes durch Kleie und Schimmel beinahe ungenießbares Brot in einer Maß Ziegenmilch aufgesotten. So weh es mir that, von seinem kleinen Besitz noch zu rauben, so konnte ich doch unmöglich widerstehen. Ich hatte durch die Strapatzen etwas an Appetit verloren, er schien aus Gutherzigkeit dasselbe mir vorzulügen, um -- auch meinem Hunde etwas abzugeben; erst bis er sich überzeugte, daß diese Wolfsrace trotz mehrtagigen Hungern nichts von _Vegetabilien_ annehme, glaubte er mir: daß _Duna_ bei sonstig roher Fleischnahrung, auch mitunter, gleich den wilden Thieren, vier Tage fasten könne, und verzehrte dann wohlgemuth den Rest seiner Milchsuppe.

Alpengewitter.

Manche Eigenschaft, Romosers Schafe betreffend, mußte ich noch anhören, um sie in nächster Minute zu vergessen, bis wir uns zur Ruhe begaben; doch nein, es war keine Ruhe! Fürchterlicher Nordost rollte aus des _Aeolus_ geöffneten Schlünden; die Brandfunken flohen in der Hütte um den Herd, und suchten vergebens sich ruhigere Plätze. Mächtig wehrte sich die kleine Thüre gegen den ungeheuern sie bestürmenden Feind; Knarren und Tönen machte ihre Noth uns kund; Romoser, der unterm Dache mit mir sein Kotzenlager theilte, stand auf, sie fester zu binden. »O weh, ein gewaltiger Schnee! werde heuer nicht glücklich mit der Herde hinüber nach Saalfelden kommen,« prophezeihete er, und kroch zurück, unter der Decke sich Wärme zu suchen. Ich war ganz kleinlaut; »schläft ihr?« begann er weiter. Ich verneinte es. »Nun, so müßt ihr wohl auch das Winseln vom Hundskopftod hören?« Schauder, mehr wegen der morgigen Wanderung, als des wirklich tollen Gebrülles, überlief mir den Rücken; ich hatte noch nie solch Wetter erlebt! Gewaltiger rüttelten die paar Zermbäume ihre riesigen Gestalten, sie kreischten und tobten! Jetzt mußte einer gesunken seyn dieser alten Streiter, denn das Echo dröhnte wundersam klagend nach dem gesunkenen Helden. Mehrere Steine warf der Sturm rasselnd vom beschwerten Hüttendache, sie erbebte, daß ich in ihr mich davon getragen wähnte; _Duna_ bellte, die Geissen unter uns mekten, und donnernd überlärmten sie Felsenstücke, welche sich ablösend, die Bahn brachen über zackige Wände herab, und durch ihre Schwere den gräßlichen Musikton der Alpen erzwangen. Selbst der abgehärtete Nomade konnte nicht schlafen, er frug mich immer um etwas, und ich war froh, daß er fragte, weil somit die Idee vom jüngsten Tage, der alle Menschen ihrer Bestimmung zuführt, noch nicht realisirt schien. Endlich begann er mich mit seinem Wissen zu quälen. Er erzählte nemlich, wie alljährig übern Winter die Hütte ganz verschneit werde, so zwar, daß man bisweilen im Frühlinge noch den Schnee ringsherum wegschaufeln müsse, und dieses sich auch schon einige Male während ihrer Bewohnung im Herbste ereignete; jedoch kämen die Bauern nach einigen Tagen um so gewisser auf Schneereifen zu Hülfe, als sie die zunehmende Gefahr ahnden. Ich versicherte geradezu, dieß könne gegenwärtig durchaus nicht eintreffen; er glaubte mir und schien beruhigt. Hundertmal hätte ich ihn noch angesprochen, aber ich fürchtete wieder sein Todten-Lamento; und so vermied ich jeden Laut und stellte mich schlafend. Endlich aber hatte ich genug; der Schnee drang, vom Winde gejagt, durch die zahlreichen Fugen der Dachbreter auf Decken und Haupt. Dieß zu ertragen, schien mir bei dieser elenden Lagerstätte nicht nothwendig; ich stieg herab und machte wieder Feuer.

Mich halb bratend an demselben, brachte ich bei Kerzen und Kienspähnen, die Ereignisse der letzteren Tage zu Papier, bis der Morgen erschien. Es war weniger Schnee als ich fürchtete, aber immer noch der gräßliche Sturm, welcher bald hier bald dort aus selben Schanzen baute, und sie abbrechend wieder auf andere Bergwände hinpflanzte.

Interessant müßte hier, bei gehöriger Nahrung und sicherem Obdache, das Studium über Entstehung und Wachsen der Lavinen seyn; wenn ja solche Momente Kaltblütigkeit genug zu faßlichen Bemerkungen biethen.

Der größte Zermbaum und nächste an der Hütte, hatte sich wirklich in dieser Nacht zur ewigen Ruhe begeben, bleiern lag der herrliche Stamm, während in seine abgesprungenen Aeste die Winde sich theilten; es fiel der Hohe, nicht durch Schwäche, sondern durch die Zeugen seiner Macht, welche ihn zu Boden drückten und dann werthlos entflohen. Mehrere Stunden hatte ich keine Hoffnung, meinen Fortmarsch zu beginnen; endlich legte sich der Sturm, und Romoser, mich eine Strecke begleitend, wies mir mitten im Felsenthale den schwarz markirten, zwischen Kalkgerölle eingesenkten Gränzstein, der kaum einen Schuh vorragend, doch so wesentliche Rolle spielt. Ich war nun auf salzburgischen Boden. Der gutmüthige Hirte bat mich, ihm zur Beruhigung, daß ich glücklich die

hohe Weisbach oder Tauernwand

erstiegen, oben einige Schüsse als Signal zu opfern; geschähe dieses innerhalb längeren Zeitraumes von ohngefähr zwei Stunden nicht: so würde er, für mich Unglück befürchtend, soviel es die kritischen Umstände erlauben, bald nachzukommen trachten, wenn auch darüber seine Schafe Schaden litten! Wer sollte diesem Menschen, wenn er wie er hier aussieht, einer Stadt sich nahete, so viel inneren Werth, so viel Seelengrösse zutrauen? Mit Rührung nahm ich Abschied von Romoser, wie von einem Freunde, den mich jahrelanger Umgang schätzen lehrte.