Part 1
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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt; Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
Wörter in Antiqua sind +so gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~
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Der Weg nach Heilisoe
Der Weg nach Heilisoe
Roman
von
Paul Steinmüller
~Vierte Auflage~
[Illustration]
Verlagsanstalt Greiner & Pfeiffer
Stuttgart 1926
Druck von Greiner & Pfeiffer in Stuttgart
[Illustration]
Das neue Geschlecht
Vom St.-Niklas-Turm fielen drei helle Glockenschläge. Gleich darauf antworteten aus der Ferne Maria zum Rosenhag und der Heilige Geist. Dann war es wieder still. Das Abendgeläut, das um diese Zeit über Märkte und krumme Gassen wogte, setzte nicht mehr ein. Der Lobgesang, in den St. Jakob, St. Jürgen am Strande, die Katharin und der Evangelist Johannes einzustimmen pflegten, schwieg, seit der Krieg den Türmen die erzenen Zungen ausgerissen hatte.
Jörg stieß den Fensterflügel weit auf und lehnte sich hinaus. Der Abendhimmel war von hellstem Grün und wie von Silber durchflossen; hinter den Giebeln im Osten stand wohl schon der wachsende Mond. Vom Meer herüber drang ein Geruch, wie er dem März eigentümlich ist, wenn das angeschwemmte Seegras zu sprießen beginnt. Der ganze Treßhof, den fast zu einem Viertel die alte Kastanie mit dunklem kahlem Geäst überbreitete, war von diesem herben Ruch erfüllt.
Der alte Treßhof! Ein zärtlicher Blick des jungen Mannes umfing dies alte backsteinerne Vätererbe. Von den abgewetzten Prellsteinen war die kleine Güldenfey in seine geöffneten Arme gesprungen. Rechts der Kellervorbau, der zu Mellins Wohnung führte und der einer kleinen Kapelle glich; links die überdachte Treppe. In der Tiefe aber, aus der er ausschaute, das alte Wohnhaus, das die stolze Inschrift trug: Treßhof. 1525. Balzer Treß hatte es zwar erst etwa hundert Jahre später gebaut, aber der Handelshof selbst war damals gegründet, als die Hanse schon von ihrem guten Ruf und nicht mehr von Taten zehrte. Was tat das! Er hatte vier Jahrhunderte und eine Wallensteinsche Belagerung überdauert und würde auch durch diese Elendszeit kommen.
Die Sperlinge lärmten noch in dem dürren Rankelgewächs, das bis in die vermoosten Dachpfannen hinaufwuchs. Aus dem verblassenden Grün der Himmelswiese wuchsen die ersten Sterne. Jörg schloß das Fenster.
Gleichzeitig wurde die Tür geöffnet, und die alte Schaffnerin trat mit Harro ein. Der Raum war plötzlich in grelles Licht getaucht, der lange Beratungtisch, die tiefen braunen Stühle an seinen Seiten, der Schreibtisch, auf dem seit des Vaters Tod nichts verändert war, alles schimmerte blank und gepflegt.
»Sieh, du bist hier, Jörg!« Und Harro begann in seiner etwas lauten Art sofort auf ihn einzureden. Ob Malte und Frauke noch nicht hier seien. Und Onkel Rolf. Es sei gleich sechs Uhr. Onkel Rolf lasse sich immer Zeit, wenn er gerade einen Klienten bei sich habe.
Man spürte ihm die Unruhe an. Warum nur? dachte Jörg. Eine Testamentsverlesung ist doch ein feierlicher Vorgang. Aber Harro redete immer, als ob er seine Mannschaft zum Sturmangriff riefe und das Knattern des Feuers überschreien müsse. Vielleicht war ihm dies in seiner Tätigkeit als Rufer im Parteienstreit von Nutzen.
Er wartete eine Antwort Jörgs nicht erst ab, sondern ließ sich gleich von etwas anderm fesseln. Die Alte war um den Tisch gegangen und hatte Papier und Bleifedern ausgelegt. Jetzt trat sie an die Fenster, um die Vorhänge zu schließen, und spähte eine Weile angestrengt hinaus.
»Was ist, Ose? Kommen sie?« fragte Harro.
Sie schüttelte den Kopf, schwieg und blickte wieder aus.
Da trat er neben sie. »Was geschieht denn dort?«
»Sie ist wieder da«, sagte sie und wies auf die Torfahrt, wo Harro am Prellstein etwas Schattenhaftes zu erkennen glaubte.
»Wen meinst du nur?«
»Nun, sie, die Frau! Sie ist wieder in der Stadt, Kind.«
Harro starrte hinaus. »Wirklich, Ose? War sie schon hier? Wie denkst du ...?«
Aber Ose antwortete ihm nicht, legte den Finger an den Mund, trat zurück und griff die Schnur der Gardine.
Güldenfey kam die Treppe herab, die von den Wohnräumen in das untere Stockwerk führte. »Guten Abend, Jörg, guten Abend!« sagte ihre helle, klingende Stimme. Dann erblickte sie erst die andern. Sie blieb stehen und lehnte sich grüßend über die Brüstung. Das schwarze Kleid der Trauer hob ihre blonde überschlanke Schönheit, die strahlenden Blauaugen hatten durch die Tränen der letzten schmerzreichen Wochen nichts von ihrem Glanz verloren. Wie sie da stand auf der alten Wendelstiege aus nachgedunkeltem Holz, deren Wandung eine kunstfertige Schnitzerhand vor zweihundert Jahren mit Bildern aus Christi Leiden geziert, erschien sie Jörg wie das Licht jungen Tages, das spät in verschattete Gründe steigt.
Er sagte nichts, er hob nur die Hand und ging ihr einige Schritte entgegen. Sein linker Fuß schleifte nach. Er empfand die Behinderung, die ihm die Verwundung hinterlassen, jetzt angesichts des lieblichen Bildes als einen Mangel.
»Ach, Güldenfey,« sagte er, »ich wartete auf dich hier am Fenster. Es war so schön draußen, und ich mußte, als ich die Prellsteine sah, an unsre Jugend denken.«
Sie errötete wie eine Braut. »Du erwartetest mich? Doch das wußte ich nicht.« Sie legte ihre Hand in seine und sah ihn zaghaft an. Jörg war der Gespiele ihrer ersten Jahre, aber er war ihr soviel ferner gerückt als die andern Brüder. Sie sann nach, wie es doch kam, daß sie in diesen Tagen, da er zum Begräbnis des Vaters gekommen, immer etwas wie Scheu in seiner Nähe empfand. Er war ernster als selbst Malte und stiller als Harro. Hatte er viel erlebt, was er verborgen trug? Von der Schule auf die Universität und nach dem ersten Semester in den Krieg. Während der leidvollen Jahre war er selten daheim gewesen, und danach hatte er wieder sein Studium aufgenommen.
»Liebe Schwester, liebe Güldenfey!« sagte Jörg.
Seine Zärtlichkeit verwirrte sie noch mehr, und sie blickte ihn befangen an.
»Wir werden uns schon verstehen, denn du und ich, wir gehören zusammen«, sagte er. »Hilf mir, wenn es not tut, Güldenfey.«
Sie wollte etwas entgegnen, um eine Erklärung bitten, aber da kamen die andern, und nun war es plötzlich ein andres Zimmer. Onkel Rolf trug unter dem Arm die schwere Aktentasche, ohne die man den Justizrat und Ratsherrn Glöden nie sah; sein Gesicht drückte den Kummer aus, unter dem er seit dem Kriegsausgang litt. Seine trübselige Stimmung umgab ihn wie ein Gewölk und verfinsterte jeden Raum, den er betrat.
Malte, vollendet gekleidet, schien ernst und bleich. Keine Linie seines Gesichts veränderte sich, als Harro ihn mit einem derben Wort begrüßte. Er wußte genau, was er dem Ernst der Stunde schuldig war. Und Frauke! Während sie ein paar Worte mit Güldenfey wechselte, musterten ihre Augen, die grau wie Seewasser im Wind waren und immer ein wenig spöttisch blickten, die andern. Nun, sie war eine Poppelmann, Tochter des Josias Poppelmann, der Aus- und Einfuhr des amerikanischen Warenverkehrs regelte. In Harvestehude war sie daheim und fühlte sich in dieser kleinen Stadt, die wie eine ärmliche Stiftsdame vom Glanz der Vergangenheit lebte, in der Fremde.
Gewiß, gewiß, die Treß waren ein ehrwürdiges Geschlecht, aber was bedeutete das für eine Zeit, die sausende Räder an den Schuhen trug. Das leise Rauschen ihrer seidenen Kleider, das feine Klirren der goldenen Ringe an ihrem Handgelenk war ihr wie eine ferne Musik aus dem verlassenen Königreich ihrer frühen Jugend.
Sie reihten sich um den langen Tisch, Onkel Rolf saß an der Stirnseite, ihm zur Rechten Malte. Sie hatten die Schriftstücke vor sich ausgebreitet. Auf was warten sie noch? dachte Jörg und blickte fragend auf Frauke. Aber die saß königlich in einem hochlehnigen Sessel, hatte den Kopf gegen die Hand gelehnt und sah abwartend vor sich hin.
Die Tür tat sich auf, und Ose trat mit zwei Mädchen ein, die auf silbernen Platten Weinflaschen und Gläser trugen und sie vor den Versammelten aufstellten. Malte erhob sich und füllte die Kelche mit dem alten duftenden Traubenblut. »Liebe Geschwister,« sagte er, »unser teurer seliger Vater hat mir aufgegeben, Sorge zu tragen, daß wir in dieser Stunde seiner freundlich und liebevoll bei den letzten Flaschen seines Hochzeitweins gedenken. Ich erfülle seinen Willen. Dem Gedächtnis unsers Vaters und unsrer lieben Mutter!«
Sie hoben die Kelche und tranken andächtig. In Güldenfeys Glas fiel eine Träne. O du Gute, Ungekannte, die sterben mußte, damit ich lebe! dachte sie. Das Heimwehgefühl überkam sie. Sie beschloß, mit Ose einmal wieder von der Seligen zu sprechen.
Sie hatte die Hände in ihrem Schoß gefaltet und bemühte sich, achtzugeben auf das, was Onkel Rolf vorlas. Ihres Vaters Stimme! Ja, war denn das seine freundliche, tiefe Stimme, die so zärtlich klang, wenn er ihr Gesicht zu sich niederbog: Liebe, kleine Güldenfey! Das waren trockene Formeln, Zahlen, die Onkel Rolf sehr ausdrucksvoll betonte, und wenn er etwas Besonderes hervorhob, strich er mit dem Zeigefinger über sein Kinn. Sie verlor, während sie auf die Wiederholung dieser Eigentümlichkeit wartete, den Faden. Ach, warum auf langweilige Dinge achten, die sie nichts angingen!
Harro gingen sie an und Malte, der jetzt an Vaters Stelle stand. Sie blickte auf ihn. Er saß kerzengerade da, mit festgeschlossenen Lippen und sehr bleich. Erregte ihn das Lesen dieses väterlichen Vermächtnisses? Zuweilen glitten seine Blicke zu Frauke, suchend, fragend. Aber die saß kühl und abgekehrt da, und in ihren Augen war das Lächeln, dies seltsame fremde Lächeln.
Es fiel Güldenfey auf, wie edel das strenge, marmorweiße Gesicht ihres ältesten Bruders war. Irgend etwas war in ihm, das sie früher und an anderm Ort gesehen. Wo nur und wann? Sie sann nach und fand es nicht.
Aber plötzlich blieben ihre Augen an dem Bilde haften, das gerade über Malte an der Wand hing, dem Bild des Ahnen, jenes rätselhaften Balzer Treß, durch den der Reichtum einmal in das Geschlecht gekommen war und der auf seltsame Weise verschollen sein sollte. Das Bild war sehr alt, aber jetzt im scharfen Licht der Deckenkrone deutete Güldenfey in ihm Zug um Zug aus. Sie verglich und wußte es plötzlich: in Malte war Balzer Treß wiedergebildet.
Sie seufzte auf, als die gleichförmige Rede Onkel Rolfs jäh abbrach. Also nun waren sie am Ende!
Maltes Hand griff hastig schlichtend in die Papiere. Er war erregt und bemüht, es zu verbergen. Er hob das Glas an die Lippe und setzte es, ohne daß er getrunken hatte, wieder nieder. Dann stand er auf.
»Wenn ich als Ältester zu dem Vermögensstand unsers Hauses, wie er eben dargelegt ist, mich äußere, so spreche ich kein Urteil über unsern Vater aus. Er trägt nicht Schuld, daß wir viel verloren. Mehr als vier Jahre Krieg! Schlimmeres wartet unser. Aber ich verspreche euch: ich werde unser Geschlecht wieder heben, daß es angesehen dastehen wird. Und mit ihm unser Vaterland. Deutschlands Throne sind leergefegt. Wer wird sie wieder besteigen?« Er machte eine Pause und hob die Hand: »Deutschlands, Europas, der Welt Herr wird das Geld sein!«
Er wurde durch ein Geräusch unterbrochen. Jörg hatte seinen Stuhl zurückgeschoben und bückte sich, als wolle er Herabgefallenes aufheben.
»Sagtest du etwas?« fragte Malte.
»Ich sagte nichts. Obgleich ... Aber, bitte, sprich nur weiter.«
Malte sah ihn erstaunt an, dann fuhr er fort. Die feierliche Stunde, die Erregung, das Bewußtsein, der verantwortliche Erste dieses Hauses zu sein, das alles ließ ihn große Worte finden.
Jörg zog ein Blatt Papier heran, nahm den Stift und begann zu zeichnen. Er zog einige Striche hinauf und hinab, dann gestaltete sich das Bild. In die Nacht wuchs ein schmaler Warenpalast, wie ihn die Neuzeit aus Stein, Stahl und Glas baute. Die Vorderseite bestand nur aus Fenstern. Rechts und links erhoben sich zwei gleich aussehende, aber höhere Häuser. Diese drei bildeten einen ungeheuren Thron, zu dem eine breite Treppe führte. Auf diesem Thron, der mit straffen Geldsäcken ausgepolstert war, saß breit und prahlend ein Mann mit feisten Gliedern. Seine Weste straffte sich um den gerundeten Leib. Er hatte die Augen wie ein Blinder geschlossen, aber von jedem seiner krallenartigen Finger liefen Fäden in das Dunkel. Vor der Treppe auf dem Pflaster lag die Menge. Der Stift zeichnete Könige, die sich bückten, Richter und Krieger, die sich neigten; Minister, Künstler und Bürger, die niederknieten; Frauen, die sich entblößten. Es war eine schamlose Anbetung des frech sich flegelnden Menschen auf dem Häuserthron, der die Huldigung annahm, ohne die Huldigenden zu beachten.
»Es ist aber nicht genug, daß eure Vermögensanteile in der Handlung mitarbeiten«, fuhr Malte fort. »Du, Harro, freilich stehst im Dienst einer Partei, deren Aufkommen die neue Blüte unsers Handels verbürgt. Doch wirst du darauf denken müssen, dich mit einer Erbin zu vermählen, damit unser Haus bald entlastet wird.«
Harro lächelte vielsagend und nickte.
»Du, Jörg ... hörst du mich denn?«
»Ich höre«, sagte Jörg, schob das Blatt zurück und sah den Bruder an.
»Du wirst bald deine Prüfung bestehen und hierher kommen. Von einem tüchtigen Anwalt werden wir Nutzen haben. Onkel Rolf wird dich zunächst in seine Praxis aufnehmen und will sie dir später überlassen.«
Onkel Rolf strich mit dem Finger über sein Kinn. Malte sah Güldenfey an und wollte fortfahren. Da geschah es.
Jörg legte den Stift hart auf den Tisch und sagte: »Auf mich rechnet nicht!« Es war etwas in dem Ton, der alle aufsehen hieß.
Maltes Stirn verschattete sich. »Was heißt das, Jörg: Auf mich rechnet nicht?«
Doch bevor er antworten konnte, hatte Frauke die Zeichnung an sich gezogen. »Sieh, sieh!« sagte sie lächelnd. »Ich wußte gar nicht, daß du so geschickt zeichnest. Was stellt das denn dar?«
»Den Götzen der Welt, den Malte soeben als den kommenden König ausrief.«
Frauke begriff, sie lächelte geheimnisvoll. Die andern erhoben sich und betrachteten das seltsame Bild. Harro lobte es: »Ganz richtig, Jörg!«
Aber Malte fand die Unterbrechung unschicklich, und sein Knöchel pochte auf. »Erlaubt, wir sind nicht hier, um Bilder zu betrachten. Jörg, du schuldest mir noch eine Erklärung.«
Jörg strich sich mit der flachen Hand über das Haar. »Ich habe mein Studium bereits aufgegeben«, sagte er.
Malte sah ihn fest an: »Davon weiß ich nichts.«
»Ich wollte es dem Vater ersparen, Malte. Es ist ja auch gut, daß ihn mein Entschluß nicht mehr beunruhigt hat. Er ist unabänderlich.«
»Du willst Kaufmann werden?«
»Nein. Ich will nichts werden, sondern nur sein, was ich bin: ein Musiker oder, wenn das besser klingt, ein Künstler in der =musica sacra=.«
Er sagte es völlig ruhig. Von seiner Linken, wo Güldenfey saß, spürte er eine tastende Hand. Er nahm sie und drückte sie im Dank.
»Wenn ich dich recht verstehe,« sagte Malte, »so willst du Organist werden. Nun, du bist musikalisch, aber ungeachtet, daß dazu doch vermutlich etwas mehr gehört -- ein Treß sitzt nicht auf der Orgelpritsche und spielt Choräle.«
Es ballte sich irgend etwas zusammen, etwas, das quälend und ängstigend war. Güldenfey zog den Amethyst, den sie wie ein Amulett an feinem Kettlein immer bei sich trug, hervor und drückte den Stein an die Lippen. Harro musterte starr die beiden Bildnisse, die ihm gegenüber an der Wand hingen: Behrend Treß, Oberst im schwedischen Gyllenstiernaschen Regiment, und Karl Heinrich, den Major bei den Bohuslehnschen Schützen. Nein, wirklich, das ging nicht! Jörg war im Felde Offizier geworden, und jetzt Tastenschläger?
Jörg schien das, was sich um sein Haupt zusammenzog, nicht zu berühren. Er stand auf, war Malte gerade gegenüber, fast so groß wie der, und völlig gesammelt. »Malte,« sagte er, »ein Treß tut das ganz, was er einmal vor seinem Gewissen verantworten muß. Wenn du aber meinst, ich hätte nicht das Zeug dazu, so kann ich ja den Beweis erbringen. Ich lade euch auf morgen vormittag zehn Uhr, in St. Niklas mir zuzuhören.«
Onkel Rolf legte seine Hand breit auf den Tisch. »Ihr Treß seid allesamt Hartköpfe. Ihr wollt euch die Schädel aneinander einrennen. Muß das just in dieser schlimmen Zeit geschehen?«
Aber Malte legte die Hand auf seinen Arm. »Es ist jetzt nicht die Stunde, davon zu handeln. Gut, Jörg, wir kommen! Und danach reden wir davon in meiner Wohnung.«
Der Zwischenfall war erledigt. Malte fuhr fort, Vorschläge zu machen. Man müsse daran denken, Einschränkungen sich aufzuerlegen. Vaters Motorboot könne verkauft werden. Schließlich könne man das Fährschiff benutzen, wenn man nach Heilisoe fahren wolle. Damit wäre auch Telge, der Bootsmann, erübrigt.
Er sah plötzlich zu Frauke hinüber. Hatte sie nicht eine Bewegung gemacht? Aber Frauke saß still und unbewegt da, die Hand an der Wange.
Und dann der Garten hinter der Mauer! Er trug nichts, es war in ihm nur ein kurzes sommerliches Blühen. Hans Olrogge hatte jüngst anfragen lassen, ob er feil sei.
»O meine Armen!« sagte Güldenfey und hob beide Arme, als müsse sie diesen lieben Fleck Erde verteidigen. Wieviel Freude wuchs in ihm! Wenn Güldenfey mit ihrer Gartenschere durch seine Beete und Büsche ging, um aus seinem Blütenreichtum Sträuße für die alten Frauen des »Räucherbodens« zu binden, war ihre Seele ganz sommerlich hell. Ihr Taschengeld reichte nie für die Bedürfnisse der Darbenden aus, und in ihren Sträußen trug sie stets einen feinen Duft in die engen Gelasse.
»Wir wollen es erwägen, Güldenfey«, sagte Malte und nickte ihr beruhigend zu.
»Aber Engelke bekommt doch ihren Stiftsplatz im Heiligen Geist!« rief sie. »O, sie kann nicht mehr. Vierzig Jahre hat sie auf dem kalten Estrich unsrer Küche gestanden und für uns alle gekocht. Der Vater hatte es ihr versprochen. Ist Engelke im Testament nicht genannt?«
Harro sprach ein paar Worte leise zu Malte. Dieser nickte. »Sei unbesorgt, Güldenfey. Wenn auch wir uns manches versagen müssen, für unsre treuen Dienerinnen wird gesorgt. Engelke soll ihre wohlverdiente Ruhe haben und später auch unsre alte Ose.«
Güldenfeys Augen glänzten. Nun ging sie alles andre nichts mehr an. Sie hörte kaum noch auf das, was Malte sagte, sie war gewiß, daß sie auch ihren Garten behalten dürfe. Auch bei dem gemeinsamen Essen, das man nach der langweiligen geschäftlichen Aussprache oben einnahm, merkte sie nichts von der gehaltenen Art, in der die Geschwister untereinander redeten. Ein Stuhl stand leer am Tisch; aber es war nicht die Rücksicht auf den, der auf ihm gesessen, die alle veranlaßte, die Worte vorsichtig zu wählen. Einmal fiel ihr ein: Jörg! Doch als sie zu ihm hinübersah, fand sie ihn, wie er unbekümmert mit Frauke sprach. Was war nur mit ihm? Ob er wirklich etwas Besonderes leistete? Ob Malte nachgeben würde?
Nach dem Essen verabschiedeten sich, die nicht im Treßhof wohnten. Malte und Frauke gingen in ihr Haus am Markt, Onkel Rolf hatte noch in seiner Schreibstube zu tun; Harro wollte ihn begleiten.
Güldenfey lief, noch früher, als die Tür sich hinter den Fortgehenden geschlossen hatte, zu der alten Köchin, die in ihrer Bibel las. Sie setzte sich neben sie und faßte die beiden arbeitrauhen Hände, ehe diese die Hornbrille von den Augen heben konnten.
»Engelke, es ist ganz gewiß, die Stelle im Heiligen Geist ist frei, und du kannst hinein, wann du willst.«
Engelke nahm die Brille ab, legte das Lesezeichen in das Bibelbuch und klappte dieses zu. Sie sah Güldenfey an, schüttelte langsam den grauen Kopf und fing an zu weinen.
»Du, du!« Güldenfey strich an ihr auf und nieder. »Ich freue mich so darauf, es dir zu sagen, und du weinst.«
Nun, da das ersehnte Ziel erreicht war, ängstete die Alte der Abschied. Was sollte im Treßhof ohne sie werden? Man wußte ja, wie die Mädchen der neuen Zeit waren: frech und üppig traten sie einher, von Treue wußten sie wenig.
»Laß nur, Engelke, wir werden schon fertig werden, und geht es nicht, so kommst du und siehst ein. Denk' jetzt an die niedlichen warmen Stübchen, deren Fenster auf den Säulenhof sehen. Wenn ich dich dort besuche und wir Kaffee trinken, während der Regen fällt! Und der Weg zu deinen Gemeinschaftabenden ist von dort so kurz!«
Ja, das war ein Trost. Die Stunden in der Winkelgemeinschaft waren Engelkes heimliche Freude, sie glaubte an die nahe Wiederkehr des Herrn: alle Zeichen dieser bösen Zeit deuteten darauf hin. Aber daneben war doch der Gedanke an Güldenfey und Jörg. Wenn der in die Ferien kam, wer würde ihm die Kartoffelkuchen recht backen!
Jörg! Güldenfey fiel es plötzlich schwer auf das Herz. Sie wollte doch noch mit ihm reden. Über ihrer Freude hatte sie ihn vergessen. Sie drückte der Alten die Hand und lief durch die Zimmer.
Aber Jörg war nicht mehr da. Er hatte hinterlassen, er gehe zum Kirchenvogt, um mit ihm alles wegen morgen zu besprechen. Nun, da kam er bald wieder, und Güldenfey konnte schnell noch einmal zu Mellins hinuntersteigen.
Der alte Packmeister des Treßhofes -- er erschien Güldenfey alt, weil er einen langen Bart hatte, der ihm über die Brust bis zum zweiten Rockknopf herabhing -- gehörte zum Hof wie Ose zur Familie. Es wird erzählt, daß er dem Freier der einzigen Tochter, einem übrigens erwünschten Beamten in ansehnlicher Stellung, in fast einstündiger Sitzung erklärt habe, welche Ehre ihm widerfahre, daß er gewissermaßen in das Haus Treß einheirate.
Es war da unten so viel Geheimnisvolles zu sehen: ein Glasschrank mit gläsernen Hirschen und Schweizerhäuschen, Klingelschnüre aus silbernen Perlen, Tassen mit verblichenem Goldrand und gefühlvollen Widmungen und uralte Ostereier voll wunderlicher Schnörkel. Und über allem ein leiser Duft nach Holländer Knaster und Anis.
Mellins hatten einen Brief von Marie bekommen und besprachen umständlich die Vorgänge im Tageslauf der Tochter, als Güldenfey eintrat. Sie mußte ihren Ehrenplatz einnehmen im geblümten Lehnstuhl mit den vielen Kissen, vor dem der silbergraue Kater Murr schlief; sie mußte die Nachrichten von Mariechen und ihren Kindern hören. Mellin wollte seine Pfeife ausgehen lassen, wie er immer tat, wenn Güldenfey auf Besuch kam, aber sie duldete es nicht. Nein, sie mußte nach oben und Jörg erwarten. Der Gedanke an ihn ließ sie heute nirgendwo seßhaft werden. Sie sagte, sie sei müde, und wünschte gute Nacht. --
Ose war im Eßzimmer und zählte das Silber ab. Güldenfey stellte sich an das Fenster und sah in den Hof, wo in den Lichtschein des Mondes die gezackten Schatten der Speicher glitten. Der Kastanienbaum füllte sich mit jungem Saft, leise trat hinter die Nächte, denen der Reif noch das glitzernde Kleid schenkte, der fröhliche Lenz.
Jörg kam noch immer nicht.
»Kind, du bist blaß vor Müdigkeit«, sagte Ose. »Komm, ich helfe dir beim Auskleiden.«
»Ach, Ose, wenn ich ihn heute nicht mehr sehe! Und ich sollt' ihm doch helfen und weiß nicht wie!« Ihre Stimme lallte schwer wie die eines schlaftrunkenen Kindes.
Ose faßte mütterlich ihre Hand. »Siehst ihn ja morgen, ich sag's ihm, wenn er heimkommt.«
Aber als Güldenfey die Decke ihres Lagers über sich zog, war alle Müdigkeit verflogen. »Ose, ich muß es dir sagen von Jörg, ich habe sonst keine Ruhe. Er will Künstler werden. Morgen in der Kirche spielt er. Malte ist dagegen.«
Die Alte saß auf dem Stuhl am Bett und faltete die Hände. »Wird Malte nichts nützen. Wenn Jörg sagt: Ich will!, so wird es. Er hat es von deiner Mutter, Kind. In ihr war lauter Klingen. Es ist seltsam um die Erbschaft des Blutes. Wem sie zufällt, muß sie antreten.«
»Wie wenig fiel mir von ihr zu!« Güldenfey seufzte und fühlte den Stein, den sie am Halse trug.
»Dir? Kind, du hast doch ihre Art geerbt: wie sie mußt auch du jedermann Liebes tun. Als sie dir den Namen gab ...«
»Ose, bitte, erzähl' es mir.«