Part 7
»Aber Krieg und Sorge sind die Namen des Dämons nicht, der jetzt die Welt beherrscht, es sind nur Geißeln, mit denen er zuschlägt. Die Menschen haben Gott verlassen, aber da sie ohne einen Herrscher nicht sein wollen und nicht leben können, haben sie sich einen Beherrscher des Abgrunds gewählt, der viel verspricht, aber dafür seine Untergebenen peinigt und quält.«
Er sah wieder über die Reihen hin.
»Schon vor fast zweitausend Jahren ist von diesem Dämon geweissagt worden. Hört, was das Wort von ihm sagt!«
Er schlug das Buch, das auf dem Pult lag, auf. Es war eine Stelle, die auf den letzten Blättern verzeichnet war.
»Ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, und der ganze Erdboden verwunderte sich des Tieres und betete es an und sprach: Wer ist dem Tier gleich, und wer kann mit ihm kriegen? Und es tat seinen Mund auf zur Lästerung gegen Gott. Und ihm ward Macht gegeben, zu streiten mit den Heiligen und sie zu überwinden. Und es macht, daß die Kleinen und Großen, die Reichen und Armen, die Freien und Knechte sich ein Mal geben an ihre rechte Hand oder Stirn, daß niemand kaufen oder verkaufen kann ohne dieses Mal des Tieres oder die Zahl seines Namens.«
Er hielt bedeutsam inne und fuhr dann lauter fort: »Hier ist Weisheit not! Wer Verstand hat, der überlege des Tieres Zahl, denn es ist eines Menschen Zahl.«
Der Mann schloß das Buch. Die Augen, die sich auf ihn richteten, waren heiß und voll Begehren.
»Freunde, soll ich euch jetzt noch den Namen nennen, vor dem die Welt im Staube liegt? Kennt ihr die dämonische Macht, die allen, die Liebe und Glauben fortwerfen, Glück verheißt, die der Inbegriff des Unpersönlichen und Niedrigen ist? Es ist das Geld! Ihr alle kennt den Namen des Tieres.«
Es ging ein Aufatmen durch die Versammlung: Ja, so ist's! Geld hat den Krieg entfesselt, Geldsucht der Erpresser schafft diese Not. Güldenfey horchte angespannt. Würde der Mann ihrem Herzen Antwort geben?
Er sagte: »Das ist das Erniedrigende, Vertierende dieser unheimlichen Gewalt, daß sie mit einem gemeinen Betrug wirkt: Ich mache dich zum Herrn. Jawohl, Herr der Dinge, aber ihr unentronnener Knecht. Das Geld besitzt den, der sich ihm unterwirft, eher, als er das Geld besitzt. Die Gier, zu besitzen, ist das Knechtmal.«
Wie füllte sich die Stimme des Sprechenden mit Glut und Gewalt, die seine Hörer aus diesem Haus entrückten! Er war in dem großen Erdteil jenseits des Ozeans gewesen, wo das Tier aus dem Wasser stieg. Vor 425 Jahren hatte Europa seine Schiffe ausgesandt, einen Seeweg, ein Land zu entdecken. Da fanden sie das Tier, den Fluch Gottes, und unterwarfen sich ihm.
Wie ein Magnet zog es die Menschen an und vertierte sie. Die eingesessenen Völker mit Schwert und Branntwein ausgerottet! Das von Blut und Frevel dampfende Land an sich gerissen! Dann die Hetzjagd nach Besitz! Man betete das Tier an, das seinen Mund gegen Gott auftat und sein Werk lästerte.
Dann kam es über das Meer nach Europa. Man wollte es hier denen da drüben gleichtun. Ein Volk entriß dem andern den Vorrang: Holland den Spaniern, England den Holländern. Dann fiel die Gier Deutschland an; das Volk mit der Kindesseele warb um das Mal des Tieres an der Stirn, kaufen und verkaufen zu können. Da stand Gott auf und gebot Halt. Und wir verloren den Krieg.
Mein Gott! dachte Güldenfey. Mein Gott! War es so? Hatte die glitzernde Bahn des Verderbens diesen Verlauf genommen? Sahen das nur wenige, waren die andern mit Blindheit geschlagen?
Wo hatte sie schon Ähnliches gehört, gesehen? Balzer Treß, der fliegende Holländer, der die Heimat verspielte. Und dann Jörgs Bild von dem ungeheuerlichen Menschen auf den Geldsäcken. Ja, die wußten darum.
Sie zwang sich, der Rede weiter zu folgen. Was war das, was er soeben sagte? Wir sind noch nicht am Ende, wir haben die letzten, bittersten Hefen noch nicht getrunken? Was käme uns noch?
Der Sprecher war völlig hingenommen von dem, was er aus seiner Seele schleuderte. Er glich einer steil steigenden Flamme.
»Wir sind so der Starre verfallen, daß wir Wahrheit und Notwendigkeit nicht mehr kennen«, rief er. »Wir haben das, was wir gewannen, mit dem Verlust unsrer Seele bezahlt. Erst wenn uns das Grauen anwandelt über das, was wir verloren, werden wir erkennen, werden wir umkehren.«
Ein Seufzer stieg irgendwo wie eine wortlose Klage auf. Ein Mütterchen fuhr mit dem Handrücken über nasse Augen. Ach, sie erkannten; sie wollten nur ihre stillen abseitigen Wege gehen. Wann endeten sie nur?
Es war, als hätte sie die Gründe der Seufzenden erschaut. Diese alle waren doch gekommen, Trost zu hören. Und dann die Irrenden, die wie der fliegende Holländer durch die Wildnis der Wasser fuhren. Es waren so viele, von denen sie wußte, daß sie Deutschland den Geist, der dort drüben regierte, einblasen wollten. Malte hatte erst jüngst davon gesprochen. Malte! Sie sah ihn vor sich, sein ernstes, blasses Gesicht. War seine Schöpfung, diese neuen Räume am Markt, diese vielen Tische mit den Lichtkreisen, das Bild der Fieber, die ihn verzehrten?
Eine plötzliche Angst überfiel sie und jagte eine heiße Blutwelle in ihre Stirn. Wußte der Mann dort um das Tier, so mußte er auch um die Rettung vor ihm wissen. Warum schwieg er davon?
Sie wußte nicht, was sie tat, aber sie stand plötzlich.
Engelke sah seitwärts an ihr hinauf und zupfte sie verlegen.
Der Redner dachte wohl, sie wolle den Saal verlassen; er sprach weiter. Doch die Dringlichkeit, mit der sie ihn ansah, beirrte ihn. Er zögerte, fuhr wieder fort und brach plötzlich ab.
»Wünschen Sie etwas zu bemerken?« fragte er.
Alle Gesichter wandten sich ihr zu, sie fühlte sich unwillig angesehen. Das Blut in ihren Ohren brauste, vor ihren Augen drehte sich ein Kaleidoskop, und die Kniee lähmte eine seltsame Schwäche.
»Wo ist der Weg nach Heilisoe?« fragte ihre flackernde Stimme.
War der Nebel vor ihren Augen, oder floß er um den Mann? Aber sie sah doch, daß er sie freundlich anblickte.
»Ich verstehe nicht ganz«, sagte er.
»Ich meine die Hilfe«, sagte sie. »Was sollen wir tun?« Ihre Stimme war jetzt hell.
Der Sprecher lächelte. »Ich danke Ihnen, liebes Fräulein«, sagte er. »Ich wollte darüber eigentlich erst morgen sprechen, aber vielleicht sind Sie dann nicht hier. Sie haben recht. Ich werde sogleich auf Ihren Wunsch eingehen.«
Er sprach einige überleitende Worte und öffnete dann sein Buch.
»Ich las in dem gegebenen Text ein Wort nicht, das auf die ängstliche Frage Antwort gibt. Hört es jetzt: So jemand ins Gefängnis führt, der wird in das Gefängnis wandern; so jemand mit dem Schwert tötet, der muß mit dem Schwert getötet werden. Hier ist Geduld und Glaube der Heiligen not.«
Güldenfey saß wieder und lauschte.
»Alle ihr, die ihr die tägliche Notdurft höher schätzt als die Anhäufung des Reichtums, die ihr eure Hand von Wucher rein hieltet und unrecht Gut nicht nehmt, ihr seid frei vom Mal des unsauberen Tieres. Aber ihr müßt Not und Schuld eures Volkes mittragen in Glauben und Geduld. Keine Gewalt! Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert fallen. Glaube und Geduld!«
Und die Erlösung? dachte Güldenfey. Es muß doch eine Erlösung sein.
Seine Worte schlugen wie Hammerschläge. Die Hörenden packte es wie ein Schauer, in dem sie fröstelten.
»Gelobt ihr, euch frei zu halten von der Befleckung des Ungerechten und das Gebot eures Königtums zu erfüllen?«
Er blickte sich fragend um. Die Menschen hatten die Köpfe gesenkt.
»Sagt, daß ihr es wollt!«
Plötzlich rief Frau von Ebel: »Ja, wir wollen es!«
»Ja, ja! Amen!« sagten die andern.
Sie waren in heiliger Verzückung, sie hätten sich wie die Geißlerscharen der großen Pestzeiten inbrünstig mit knotigen Stricken blutiggeschlagen, um ihr Volk zu erlösen. Einige warfen sich auf die Knie, andre vergruben ihr Gesicht in gefaltete Hände. Schluchzen, Stöhnen füllte den Raum.
War dies die Erlösung? Güldenfey dachte an Jörgs Erzählung von der Versuchung. Er mußte erst nahen, der Stille, Wartende, der unter den Bäumen harrte, bis seine Stunde reifte. Bis dahin durfte man nur auf das Winken seiner Augen achten. --
Leise, wie sie gekommen, entfernten sich die Versammelten. Beim Hinausgehen nickte mancher Güldenfey freundlich zu.
»Wie liebenswürdig sie sind, Engelke!« flüsterte Güldenfey.
Die Alte, die mit jemand gesprochen, wandte sich Güldenfey wieder zu. »Hast du nun erfahren, was du wissen wolltest?« fragte sie.
»Das Tier! Ja, nun kenn' ich es.«
Engelke ergriff die Hand eines blassen Mädchens, das neben ihr stand. »Das ist Hanna Wilkens, unsre fleißige Näherin«, sagte sie. »Sie geht den gleichen Weg wie du und wird dich begleiten.«
»Und du, Engelke?«
»Ach, mich alte Person läßt schon jemand einhaken, und bis zum Heiligen Geist ist's nur eine kleine Strecke.«
So ging Güldenfey an der Seite des kleinen Nähmädchens durch die Straßen. Der Nebel war noch schwerer geworden, er hüllte die dürftigen Straßenlampen wie mit abblendenden Händen ein. Vor den Fenstern der Häuser lagen die Läden fest verklammert. Nur selten klangen ferne Schritte durch die Nacht.
Es lauert etwas dahinter, dachte Güldenfey. Ich kenne es: das Tier, das aus dem Meer stieg, bedroht uns.
Sie versuchte mit ihrer Begleiterin ein Gespräch anzuknüpfen; die antwortete leise und bescheiden. Sie arbeitete in dem Anfertigungraum eines Geschäftshauses, einer großen Stube, deren Fenster auf einen tiefen Hof sahen und zwischen dunkelnden Wänden standen. Ihre Mutter war Witwe; sie hatte zwei unversorgte Geschwister und versuchte, noch außer ihrer Arbeitszeit zu verdienen.
»Und obgleich Sie so müde vom Tage sind, besuchen Sie noch abends die Versammlungen?« rief Güldenfey erstaunt.
»Es ist fast die einzige Freude, die ich mir gönne«, sagte das Mädchen.
»O!« Güldenfey fühlte sich sofort beschämt, und ihr Herz wallte auf. »Besuchen Sie mich doch Sonntags. Sie wissen, der Treßhof.«
»Ich habe sehr wenig Zeit, auch am Sonntag«, erwiderte die kleine Näherin. »Ich bin aber schon für die gütige Einladung dankbar.«
»Nein wirklich, Sie müssen kommen«, sagte Güldenfey herzlich. »Wir wollen nachdenken, wie wir Ihre Lage verbessern.«
Die andre lächelte. Nach einer Weile fragte sie: »Sie werden in unsre Gemeinschaft nicht mehr kommen?«
»Ich glaube nicht!« sagte Güldenfey leise. Es war, als hüte sie sich, mit ihrer Antwort dem Mädchen weh zu tun.
Mellin in seinem Wettermantel stand vor der Torfahrt und schaute nach Güldenfey aus.
»Wir sehen uns gewißlich wieder«, sagte Güldenfey und drückte dankbar die Hand der Freundlichen.
Mellin steckte die Schlüssel in das Türschloß. Sie aber stand noch und sah der Fortgehenden nach, bis ihre Schritte im Nebel der dunklen Straße verhallten.
Usadel
Um den Tag der heiligen drei Könige setzte ein scharfer Frost ein, der in Kürze über alle Wasser gläserne Brücken schlug. Nach wenigen Nächten war das Eis auf den Teichen für tragfähig befunden, und auf Schlitten und Stahlschuhen glitt die Jugend hinüber und herüber, während die befransten Enden buntfarbener Wollschals um die vor Eifer geröteten Köpfe wie Puttenflügel flatterten.
Eine Woche nach der Ankunft des Frostes war die Brücke über den Sund bis zur großen Insel fertig. Schlitten und Lastwagen fuhren hinüber, und die Koithans, jene alten schmalen Personenschlitten mit den zu beiden Seiten weit hervorragenden, quergelegten Sitzbrettern, läuteten auf der abgesteckten Fahrtlinie hin und her. Vor den Dampffähren aber sägten die Eisbrecher die Schollen, die Wasserrinne offen zu halten.
Der Sonntag war der Tag, an dem auch die Werkenden sich das Besondere leisten konnten, die Insel zu Fuß zu erreichen. Ein dunkler Strom Wandernder schob sich über die bläulich-graue Eisdecke. Stellenweise beulte sich diese, denn der Ostwind hatte in den Frostnächten mit vollen Backen geblasen. Die Pfähle der Badebrücken hatte das Eis schief gerückt. Es war ein Geruch nach Schnee in der Luft. Am Himmel lagen zottige Wolkensäcke, rötlich gegen Westen, von unsichtbar verglimmendem Sonnenbrand gesprenkelt.
In der Kette der von der Insel Heimkehrenden schritten der Justizrat Glöden und sein Sohn. Onkel Rolf ohne Aktentasche! Es war ein Ereignis. Aber Klaus hatte es für nötig gefunden, den Vater, der sich in Geschäften aufrieb, in frische Luft zu bringen. Also zur Insel, wenn sich Klaus in diesem Massenbetrieb auch nicht am rechten Platz dünkte.
Der Alte glaubte, Klaus wolle eine leidige Geldangelegenheit besprechen, aber Klaus redete von ganz andern Dingen.
»Wie steht es eigentlich um dein Verhältnis zu Güldenfey?« fragte der Vater nach einer Gesprächspause.
Klaus winkte bedeutsam ab und schwieg.
»Stillstand?«
»Erledigt. Endgiltig aus.«
»Aber --« Der Justizrat blieb überrascht stehen.
»Verzeih, Vater; ich habe nicht davon gesprochen. Schon im Oktober hab' ich mich ihr erklärt. Es kam, wie ich es voraussah.«
»Ich warnte dich, Klaus --«
»Ja, ja, mein onkelhafter Ton! Nun, den hatte ich schon abgelegt. Es ist eben eine Verschiedenheit da.«
Er gab etwas von dem wieder, was Güldenfey damals gesagt hatte.
»Unsere Verhältnisse erzogen uns doch zu der Aufgabe: Verdiene gut, daß du dich anständig kleiden und geschmackvoll essen kannst. Das ist die Hauptsache. Sie aber spricht von den Opfern.«
Der Justizrat rieb mit dem Zeigefinger das Kinn. Hatte er das den Sohn gelehrt? Essen und Kleidung der Sinn des Lebens? Alle diese Menschen hier auf ein paar Zoll dünner Eisrinde über Meerestiefen -- wenn sie plötzlich versinken würden! Ja, man redete das so hin, doch im Grunde ...
»Ist dir kalt, Vater?«
»Ja, die Eisfläche. Laß uns schneller gehen.«
»Es gibt zwei Arten von Menschen, sagt sie. Nun denn, ich bin hüben, und sie ist vielleicht drüben. Trotzdem --«
»Doch! Es ist schade!«
Es lag ein besonderer Ton auf dem Wort. Klaus sah den Vater an. Aber in dem hatte der Wirklichkeitssinn schon wieder jede andre Regung verdrängt.
»Deine Stellung zu Malte wird das nicht beeinflussen?« fragte er. »Die Heirat und dein Eintritt in die Firma bedingten einander.«
»Das ist das Angenehme in Güldenfeys Korb,« sagte Klaus, »ich kann jetzt mit gutem Grund das Geschäft aufgeben.«
»Was fällt dir ein!«
Onkel Rolf war außer sich, er vergaß, den Grüßen zu danken, die ihm dargeboten wurden. Malte ein Streber? Nun ja, der wußte, was er seinem Namen schuldig war. Es gab in dieser Zeit keinen andern Weg als den, etwas kühn zu wagen.
»Etwas sagst du«, fiel Klaus ein. »Gut, meinethalben soll er etwas wagen. Aber darf er alles aufs Spiel setzen?«
»Was heißt das?«
»Den Besitz, den Ruf, seinen Namen?«
»Er ist zu klug, um das zu tun.«
Klaus zuckte die Schulter. »Vielleicht bin ich als abgedankter Offizier mit zu engen Begriffen ausgestattet. Aber diesen erstrebten Anschluß an den internationalen Ring der Geldleute halte ich für verderblich.«
»Warum soll Deutschland außen stehen?«
Klaus schwieg eine Weile, dann sagte er: »Mein mütterliches Erbteil stecke ich nicht in dies Geschäft. Du weißt, Malte hat dies gewünscht.«
»Du bist der Mann stiller Beschaulichkeit«, knurrte Onkel Rolf.
»Was bliebe einem Menschen, der seinen Beruf verfehlt, sonst noch übrig, Vater? Aber verlaß dich darauf: von dem, was mir dieses klägliche Leben schuldig blieb, erliste ich mir dennoch soviel als möglich.«
Und seine Gedanken spielten wieder um das behagliche Haus, in dem die dunkelgescheitelte Witwe lebte. Noch einen Monat oder zwei! Es war gut in diesem Fall, sich ein wenig rar zu machen.
Onkel Rolf ging schweigsam. Es bedurfte nicht umstürzender Ereignisse, um das trübe Flämmlein seines Mutes dem Erlöschen nahe zu bringen. Wieder ging ein Plan in Trümmer. War Klausens Urteil über Malte berechtigt? Ach was! Er kannte des Sohnes Abneigung gegen geschäftliche Dinge zur Genüge. Und doch, man sollte aufmerken. Man war schließlich beteiligt.
* * * * *
Malte Treß saß einige Tage später in seinem Arbeitzimmer und vollzog einige Unterschriften. Ein Buchhalter stand neben seinem Stuhl, legte die Briefe vor und trocknete die Schriftzüge, die der Chef mit kurzem, kräftigem Strich unter den Schriftsatz zog. Ein Schreiben erregte Maltes Aufmerksamkeit.
»Sagen Sie, wann wollte Herr Häberle in Berlin sein?«
»Heute, Herr Konsul.«
Malte rechnete nach. Die Besprechung auf dem Wirtschaftamt mußte an einem Tag erledigt werden. »Also wird er morgen abend spätestens hier sein. Legen Sie bis zu seiner Rückkehr den Brief zurück.«
Es war ein viertes Werbeschreiben an ein Glied des heimlichen Ringes. Die Angelegenheit gedieh nicht weiter. Maltes Tatendrang zerrte an den Widerständen wie ein stallmutiges Pferd an der Halfterkette. Dennoch -- den Inhalt dieses Schreibens mußte er mit Häberle noch einmal erwägen.
Der Buchhalter trat zurück.
»Sobald die amtlichen Berichte einlaufen, bitte.«
»In einer halben Stunde, Herr Konsul.«
Die Tür schloß sich. Malte lehnte sich in den Sessel zurück. Was nun? Den Aktenstapel über eine Fabrikgründung? Die Bilanz einer Genossenschaft? Die neue Gesetzsammlung? Immer Neues wälzte jeder Morgen herbei. Er sah gelangweilt über die Papierstöße auf seinem Schreibtisch hin. Oder war das Müdigkeit? Nein, nur Langeweile. Er straffte sich. Nur ein seltsames ziehendes Schmerzen über der Braue.
Malte stand auf und zog den Fenstervorhang zu. Die Wintersonne gleißte wie blankes Messing. Also die Bilanz!
Plötzlich hörte er den singenden Schlag der Standuhr auf seinem Schreibtisch. Als der letzte Schlag erklang, ließ die Figur des Todes den Arm mit der Hippe fallen. Wieder eine Stunde fortgemäht! Es war ein altes Stück, das der Großvater aus England mitgebracht hatte. In der Linken trug der Todesbote eine Sanduhr. Auf einem Spruchband stand: =Carpe diem!=
Malte griff nach dem Stundenglas und kehrte es um. Wenn der Sand abgelaufen war, sollte die Arbeit beendet sein.
Sie war fertig, als es klopfte. Die Berichte wurden überreicht.
Mit diesen fertig zu werden, war nicht die leichteste Aufgabe des Tages. Jede neue Verfügung war ein Zeugnis für die Hilflosigkeit und Unentschlossenheit der Spitzenmänner, die das Gedeihen lähmte. Pflanzt, reißt aus! Pflanzt neu, reißt wieder ab! Kaum war der letzte Stein in die Mauer gefügt, sah man, daß sie unzweckmäßig war. Also fort mit ihr! Ein Spiel der Kinder am Sandhaufen. Aber die Drossel an der Kehle des Volkslebens waren ein gewagtes Spielzeug. Eines Tags ... Nun, dann würde eben jemand den Erstickungtod feststellen.
Die Uhr klang; der Arm mit der Hippe erhob sich gleich darauf wieder für den nächsten Schlag.
Malte stand auf. Er wollte auf das Gericht gehen, wo er Onkel Rolf zu treffen hoffte. Als er den Pelz überzog, pochte es wieder.
Eine endlose Drahtnachricht. Von Häberle? Sie war unterzeichnet von Usadel. Malte traute seinen Augen nicht. »Wie ist dies gekommen?« fragte er.
Der Bote wandte sich auf der Schwelle um: »Mit der Post, Herr Konsul!«
Malte winkte. Natürlich! Seine Frage war töricht. Und doch! Als Aufgabeort zeichnete ein schwedischer Hafen. Wie das? Die letzten Berichte ließen Usadel in Amerika weilen.
Er las: »Treffe mit dem Schwedenzug heute nachmittag auf dem Stadtbahnhof ein. Verspätung infolge des Eisganges wahrscheinlich. Unterbreche die Fahrt dort auf kurze Zeit, um mit Ihnen Rücksprache wegen der von Ihnen gewünschten Geschäftsverbindung zu nehmen. Da ich wenig Zeit habe, ersuche um Bereitstellung alles Nötigen. Bitte, Aufsehen zu vermeiden. Usadel.«
Malte las aufs neue und ein drittes Mal.
Er setzte sich im Pelz an seinen Schreibtisch, ein tiefes Aufatmen hob seine Brust. War es die Entlastung von einer Sorge? Gewiß. Aber auch das Auflehnen gegen eine neue beängstigende Spannung. Usadel kam. Die Entscheidung war ganz nahe gerückt.
Die Entscheidung! Er fühlte sich plötzlich hilflos, entleert, aufgesogen. Wie ärgerlich, daß Häberle nicht da war! Malte vergaß ganz, wie oft ihn die besorgliche Vorsicht seines Prokuristen verdrossen hatte. Jetzt empfand er den leeren Platz draußen als einen Mangel. Die ruhige Sicherheit, die von dem Manne ausging, fehlte ihm.
Was bedeutete das: Bereitstellung alles Nötigen? Wollte Usadel Einblick in die Bücher nehmen? Natürlich, er mußte sicher gehen.
Malte trat an die Tür: »Herr Braun, bitte!«
Der älteste Buchhalter trat ein.
»Die Geschäftsbücher mit einem vorläufigen Abschluß müssen bis vier Uhr vorliegen. Dringende Angelegenheit.«
»Es soll geschafft werden.«
»Gut! Haben Sie alles zur Hand?«
»Gewiß, Herr Konsul. Wo sollen die Bücher ausliegen?«
Malte überlegte. Sein erster Gedanke war: hier! Es schmeichelte ihm, den Beherrscher des Geldwesens durch die neuen Räume und den eindrucksvollen Betrieb zu führen. Doch sie waren hier nicht vor Störung sicher. Aufsehen vermeiden! Der Treßhof erzwang schon wegen seines Alters Ehrfurcht.
»Im Beratungzimmer des Treßhofes«, bestimmte er.
Das Telegramm in der Hand haltend, stieg Malte in die Wohnräume hinauf. Frauke saß am Schreibtisch und schrieb in ihrer spitzen Perlschrift einen Brief. Er legte das Blatt vor sie hin.
»Entschuldige Frauke! Ich denke, es wird dich freuen.«
Sie las und sah dann ruhig auf. »So, Usadel! Nun, ich wünsche dir Glück!«
Der Panzer ihrer kühlen Gelassenheit war doch undurchdringlich. Malte schritt im Zimmer auf und nieder. »Es handelt sich um den Beitritt, Frauke. Ich muß mich entscheiden. Was rätst du, das ich tun soll?«
Sie legte die Feder nieder und wandte sich ihm zu. In ihrem Blick war Erstaunen, das ihn beschämte: Soll ich sagen, was deine Sache ist? »Das mußt du selbst wissen, Malte. Oder frage Onkel Rolf.«
»Gewiß«, murmelte er. »Du solltest nur sehen, daß ich Wert darauf lege, deine Meinung zu hören.«
Ob man einen Imbiß vorsetze? Frauke stimmte zu, sie werde dafür Sorge tragen. Und der Wagen? Natürlich, der Kraftwagen stand bereit.
Malte verließ das Haus ein wenig bekümmert. Etwas in seinem Innern lag brach, ein umhegter Fleck inmitten bestellter Felder, der ohne Blühen war, der immer den Anblick winterlicher Starre bot.
Auf der Straße grüßte man ihn ehrerbietig, der Aldermann Hofmeister redete ihn zutraulich an. Die Achtung, die man ihm erwies, belebte sein Selbstbewußtsein wieder. Wenn sie wüßten, welche Pläne er auszuspinnen im Begriff war! Die Alten würden Augen machen.
Onkel Rolf war noch auf dem Gericht. Malte fragte, ob jener sich ihm als Beisitzer zur Verfügung stellen wolle.
»Als Beisitzer, mein Lieber?«
Da der Name Usadel fiel, zeigte er ein erstauntes Gesicht.
»Der kommt hierher? Das ist unmöglich. Er schickt einen seiner Direktoren.«
Malte legte die Drahtnachricht vor.
»Hast du mit Klaus schon gesprochen?«
»Mit Klaus? Du siehst, die Sache ist vertraulich. Übrigens setzt dein Sohn seine Mittagszeit schon recht frühzeitig an.«
Rolf wurde bedenklich. Der Zeigefinger mit dem Siegelring rieb das Kinn. »Ja, eigentlich, da es eine rein geschäftliche Sache ist ... Wird denn ein Vertrag zu schließen sein?«
»Du begreifst, lieber Onkel, daß ich darüber nichts sagen kann. Ein Vertrag? Nein, es handelt sich zunächst um eine Rücksprache.«
Malte, der eine lebhafte Zustimmung erwartet hatte, wurde etwas ungeduldig. Schließlich war sein Vorschlag doch ein Vertrauensbeweis.
»Du magst es nicht gern tun, Onkel?« sagte er knapp.
»Offen gesagt: nein, Malte. Ich würde vielleicht als zudringlich empfunden werden. Man wünscht mit dir allein zu verhandeln.«
»Gut! Du kannst recht haben.«
Er verabschiedete sich, ohne Empfindlichkeit zu zeigen. Eigentlich war es ihm lieb, daß der Onkel sich ihm versagte. Nun er sich auf sich selbst gestellt sah, fand er seine alte Zuversicht wieder.
Also zum Treßhof, wo er Mellin und Telge die Herrichtung und Heizung des Beratungzimmers anempfahl. Dann nach Haus.
Nach dem Essen ging er wieder in sein Arbeitzimmer. Er wollte sich sammeln, alle Möglichkeiten erwägen, denn er sollte in entscheidender Stunde allein seinen Mann stellen. Malte wußte, wieviel vom ersten Eindruck abhing, zumal bei den Gewaltigen des Geldwesens.
Die Zeitungen! Sie konnten warten. Aber da war eine mit Rotstift aufdringlich bezeichnete Stelle. Er las und erschrak.
Es war ein aufreizender Artikel gegen das Treiben der Treuhandgesellschaften, den Harro geschrieben. Andeutungen, die auch den Uneingeweihten nicht in Zweifel ließen, wer gemeint sei, waren reichlich vorhanden. Die Absicht, den Vorstoß einer Partei damit anzukündigen, war offenbar.
Wie peinlich! Wenn Usadel dies gelesen, konnte es übel auslaufen, denn Maltes Zusammenhang mit dem Politiker Doktor Treß war ihm sicherlich bekannt. Man mußte Harro verständigen.
Auf eine Anfrage war vom Bahnhof mitgeteilt worden, der Schwedenzug habe eine halbe Stunde Verspätung. Als Malte eintraf, ward eben eine volle Stunde Versäumnis gemeldet. Malte betrat den Bahnsteig.
Der Wintertag ließ sich sanft in den weiten Mantel der kommenden Nacht hüllen. Den westlichen Himmel deckte eine brandige Glut, deren Widerschein der Schnee der Dächer auffing. Der Rauch der Schlote stieg kerzengerade in die flimmernde Luft.
Die Geräusche des Fahrtbetriebes klangen in das leise Summen unruhig schreitender Menschen vor den Schranken: der Pfiff einer Maschine, das Kreischen der Räder am Bremsklotz. Ein Personenzug fuhr ein und entleerte sich; Frauen mit Lastkörben schoben sich an Malte vorüber. Dann schleppte eine Maschine die leeren Wagen aus der Halle.