Chapter 12 of 19 · 3945 words · ~20 min read

Part 12

Was hatte diese beiden Menschen zusammengehen heißen? Er, der die Überlieferung eines alten Hauses trug, ob sie schon nichts mehr galt, und sie, die Frau dieser Zeit mit dem heimlichen Rauschen und Klirren der Seide und edler Metalle; er, gehalten und in Wort und Handlung das Wesen des königlichen Kaufherrn ausprägend und doch dabei immer ein wenig unsicher auf seine Frau schauend, ob seine Haltung ihr gefalle. Was hatte diese verschiedenen Menschen verbunden?

Der Vater hatte diese Verbindung einst willkommen geheißen. Der Name Poppelmann klang wie Gold. Und doch -- Güldenfey glaubte nicht, daß Malte aus rein rechnerischer Erwägung um Frauke angehalten habe. Es war etwas in dieser Frau mit den hochmütigen Augen, die grau wie Seewasser im Wind waren, das ihn immer aufs neue anzog und fesselte. Vielleicht dies, daß sie nicht wie ein aufgeschlagenes Buch vor ihm lag, sondern sich verschloß und Rätsel aufgab.

Und Frauke? Sie hatte keine gute Meinung bei den Brüdern genossen. Warum galten ihr die Treß nichts? Warum war ihr drittes Wort Harvestehude? Nicht laut ausgesprochen. O nein, dazu war sie zu vornehm; aber doch mit jeder Gebärde unterstrichen. Eigentlich machte sie nur vor Güldenfeys natürlicher Sicherheit halt, und Güldenfey wußte, daß sie anders war als das, was sie zu sein vorgab: weit mehr Verstehen, weit mehr Güte.

War das ein Verhängnis der neuzeitlichen Frau, verkannt zu werden, weil sie ihr Wesen verleugnete und ihre natürliche Tonart mit der Melodie des Überlegenen vertauschte? Ach, dieses Scheinenwollen dessen, was gar nicht war! Wieviel Falsches kam doch damit in die Welt! Gewiß, das war die große Leere, die frostige Kühle, in der die Menschen einsam litten und verdarben. Was nützte es Malte, wenn er diese Leere sah und sie doch nicht überbrücken konnte!

Güldenfey hatte nicht gehört, daß an die Tür gepocht war. Sie wandte sich um, als sie das Mädchen auf der Schwelle sprechen hörte. Das Zimmer war ganz in das Dämmergrau des Abends getaucht, und nur durch die Fenster drang die Schneehelle. Güldenfey wollte fragen, da sie das Mädchen nicht verstanden hatte, da hörte sie die Stimme Thomasius'. Er stand schon in der Tür, und sie erhob sich, um das Licht einzuschalten.

»O nein!« bat er. »Wollen Sie mir, wenn ich recht sehr bitte, das Geschenk einer Dämmerstunde machen? Ich kann nicht sagen, wie lange ich sie habe entbehren müssen, und heute ...«

Thomasius fand seinen Platz in dem Ohrenlehnstuhl, Güldenfey saß auf dem hochlehnigen Sofa. Sie sahen einander kaum, nur die Umrisse ihrer Gestalten hoben sich aus dem Dunkel. Aber ihre Stimmen, die gedämpft klangen, trugen hin und her, was das unsichtbare Fluidum zwischen ihnen vermittelte. Wie eigen das war!

»Sie fahren schlecht bei diesem Zwiegespräch im Dämmerlicht«, sagte Güldenfey. »Hätten Sie mir erlaubt, Licht zu machen, so würde ich Ihnen wahrscheinlich Äpfel und Nüsse angeboten haben.«

»Das ist bedauerlich«, erwiderte Thomasius heiter. »Ich bin gerade gekommen, um Nüsse zu knacken, doch ist es so besser. Vielleicht erlauben Sie trotzdem, daß ich mir einen Paradiesapfel mitnehme.«

»Wenn Sie die Dämmerstunden so lieben, warum verschaffen Sie sich solche nicht in Ihrem Pfarrhause?« fragte Güldenfey. »Es ist so alt wie der Treßhof und voll spukhafter Winkel.«

»O Fräulein Güldenfey,« sagte er und nannte sie damit das erstemal mit ihrem Rufnamen, »es liegt das nicht am Gebäu, in dem man sich aufhält, es ist eine innere Angelegenheit des Träumenden. Sie freilich sind wohl von guten Geistern besonders gern heimgesucht. Wissen Sie, ich fand Sie schon einmal so in dem vergessenen Garten, und heut wieder im Dämmerlicht dieses Stübchens. Aber allein in dem großen Pfarrhause? Nein, mich würde dort kein Traum besuchen. Ich muß Zwiesprache halten dürfen mit guten, lieben Genossen. Früher ...«

Plötzlich war er in seiner Jugend und sprach von seinem Elternhause. Der Vater war ein namhafter Gelehrter gewesen und früh verstorben, die Mutter war mit sieben Kindern in Dürftigkeit zurückgeblieben. Die vier Jungen besaßen einen Wintermantel und zwei Sonntagsanzüge. Sie mußten sich abwechselnd je nach Bedürfnis darin teilen. Und die Mahlzeiten? Oft genug nur Kartoffeln in Salz getunkt. Aber alle waren in diesem kärglichen Leben rotwangig und frisch und vor allem heiter. Das lag an der Mutter. Ja, welche Mutter war das, die sich für das Wohl der sieben Raben verzehrte und aus einem schier unerschöpflichen Lebensquell immer noch darzureichen fand! Seine Stimme war voll verhaltener Zärtlichkeit.

Wie glücklich muß er sein! dachte Güldenfey. Er hatte eine Mutter lieb.

»Glauben Sie mir,« fuhr er fort, »das Darben in unserer Zeit fällt dem nicht schwer, der durch diese Schule schon so früh schritt. Und wenn mich zuweilen die Verzagtheit packen will, dann denke ich nur an die Dämmerstunden daheim. Die ließ sich die Mutter nie nehmen. Wir saßen um den grünen Kachelofen, und sie sagte uns unvergeßliche Worte. Keiner durfte sich schämen, denn das barmherzige Dunkel war da und bedeckte unsere Gesichter, und der gütige Liebestrom der mütterlichen Rede umfing alle. Nicht wahr, nun begreifen Sie, warum mir diese Zwielichtstunden so wert sind?«

Ja, Güldenfey begriff es.

Thomasius sprach weiter, von seinen Plänen und seiner Arbeit und wie ihn das Alleinsein hindere, sein Bestes zu geben. Mit wem konnte er sprechen? Die Freunde waren weit. Und wer half ihm hier nicht nur mit Rat, sondern mit der Tat! Es gab so vieles, dem er nicht näher kam, weil nur weibliches Empfinden das durchdringen konnte, was männlicher Tatkraft sich versagte.

Güldenfey fühlte es auf sich zuschreiten, bittend, werbend, mit ausgestreckten Händen. Sie wußte, daß alle Worte ihr galten und hinter ihnen die große Bitte des Lebens stand: Sei mein! Es erregte sie nicht, sie blieb ganz ruhig, und nur die warme Freude an neuen blühenden Feldern war stärker in ihr.

Er hat der Armut zu Füßen gesessen, dachte sie, er wird mich verstehen.

Thomasius blickte auf die Stelle im Raum, wo im Kranz des hellen Haares das Gesicht schimmerte, dessen Züge er nicht erkannte. Aber er fühlte es, wie man die in den Gewändern haftende Wärme spürt, daß sie sich ihm zuneigte. Er war glücklich. Dieser Feinen nahte sich keiner damit, daß er die roten Wellen ihres Blutes beschwor. Man mußte den silbernen Nachen der Seele besteigen, der auf der warmen Flut ihres Lebens schwamm, um bei ihr landen zu können.

Langsam glitten ihre Seelen zueinander, näher, näher; es war nur noch eines Wortes schmaler Raum, der ihre Hände trennte.

Doch, noch eins! dachte er.

»In der Frühe der Sonntagmorgen haben junge Menschen die alten Lieder gesungen; ist es wahr, daß Sie auch unter ihnen waren?« fragte er. Und als sie fröhlich bejahte, fuhr er fort: »Ich wollte Sie doch warnen, zu vertrauend zu sein. Es gibt da so viel Häßliches, das fern von Ihnen bleiben muß.«

Sie sah überrascht aufhorchend in die Richtung, wo er saß.

»Man kann sich auch in der Liebe verschwenden«, setzte er ratsam hinzu.

»Wäre das nicht zu loben?« fragte sie.

»Vielleicht nicht, wenn diese Verschwendung dem Nächsten nähme, was seines ist«, sagte er.

Seine Worte waren gut und zärtlich, doch Güldenfeys feines Ohr vernahm den leisen eifersüchtigen Beiklang, der ihnen anhaftete. Hatte sie den nicht schon einmal aus seinem Munde vernommen? »Meinen Sie wirklich, daß einer dadurch entbehren müsse, weil dem andern reichlich gegeben wird?« fragte sie heiter.

Thomasius erkannte nicht, daß Güldenfey stutzte. Er war von denen, die die Stärke einer Liebe darum schätzen, weil sie hoffen, sie ausschließlich, uneingeschränkt besitzen zu können. »Es gibt vieles, was Sie unbedenklich tun können«, sagte er. »Doch da Sie nun einmal das Fräulein Treß sind, ist auch vieles da, von dem Sie sich fernhalten müssen, zum Beispiel dieses Ziehen von Haus zu Haus. Auch unser Name kann uns verpflichten!«

Güldenfey schwieg, denn was er da sagte, verstand sie nicht. Sie würde Malte ohne Scheu bekannt haben, was sie getan, und sich durch seinen Einwurf nicht haben hemmen lassen. Was sollte ihr nun das Wort von Thomasius bedeuten? Wollte er ihr sagen, was er von ihr erwarte? Liebe, wie er sie maß?

Und während sie dem nachdachte, erschien es ihr, als kämen seine Worte aus größerer, immer größerer Ferne. Sie sah ihn vor dem Altar stehen, wie er das Buch gleich einer Waffe hob; sie sah sein freundliches Schaffen, das ihn in die armseligen Stübchen der Armen trieb. Und doch, und doch ...! Rücksicht auf den Namen, Beschränkung auf eine unanstößige Art der Hilfeleistung? Nein, wer das tat, das war keiner von den geistlich Armen, die das Himmelreich ihr nennen!

Der schmale Raum von eines Wortes Breite hatte sich erweitert. Ihre Seelen glitten voneinander, weiter und weiter. Etwas Fremdes hatte sich in diese Stunde einer Gnade gemischt und sie verdorben.

Auch Thomasius spürte es jetzt. Er sprach noch mit Menschen- und Engelzungen und wußte doch, daß er der Liebe nicht mehr mächtig war. Plötzlich verstummte er. Das Schweigen in dem Zimmer, das soeben noch voll von gedämpfter Zärtlichkeit war, wirkte wie der Luftzug, der von einem geöffneten Fenster in die Wärme bläst: erkältend. Eins blickte dahin, wo das andre saß, und erkannte es nicht mehr.

»Wie völlig dunkel es doch geworden ist!« sagte Güldenfey. Sie rührte den Knopf der Lampe an, der elektrische Strom kreiste, und das Zimmer war voll Helle. Sie schauten einander an, geblendet von dem grellen Licht, ein wenig verlegen lächelnd, und wußten, daß die soeben zerronnene Stunde nie wiederkehren würde. Güldenfey trat an das Fenster und zog die Vorhänge zu. Die Glocken, die zur Adventandacht riefen, begannen zu tönen.

Thomasius straffte sich. Das Amt forderte ihn. »Haben Sie herzlichst Dank für die Dämmerstunde, Fräulein Treß«, sagte er und bot ihr die Hand. War er wirklich so bleich, oder erschien er ihr in der Helle so?

Sie wollte ihm etwas sagen, was in das Gewohnte eine Brücke schlug, und fand das Wort nicht. Suchend ging ihr Blick durch das Zimmer und traf die Schale, die mit rotwangigen Äpfeln gefüllt war. Sie reichte sie ihm dar.

»Der Paradiesapfel«, sagte er. »Sie aßen ihn und mußten den Garten Eden darum verlassen! Es trifft zwar nicht ganz zu, doch in etwas. Danke; heute abend werde ich ihn allein verspeisen.« --

Die Tür schloß sich hinter ihm, Güldenfey war allein. Nein, nicht jetzt allein sein! Marfa würde sie erwarten. Sie schickte sich an, das Zimmer zu verlassen, als das Mädchen wieder eintrat und ihr eine Depesche übergab. Es war die Nachricht, daß Jörg morgen eintreffen werde.

* * * * *

War die Luft erregt vom Rufen der Kinder, die Weihnachtsschäfchen feilboten, vom Schnarren der Knarren und vom Summen der Waldteufel? Nein, dies alles war es nicht, und war doch so viel Musik in ihr. So erschien es jedenfalls Güldenfey, als sie zum Bahnhof ging, um Jörg abzuholen. Malte hatte ihr den Wagen zur Verfügung gestellt, aber nein, das wollte sie nicht. Sie allein mußte den Heimkehrenden ohne Prunk empfangen.

Der Marienturm ragte wie der Arm eines Riesen in den grünen Abendhimmel, der Tritt klang hell auf dem frostharten Boden der Fußsteige in den Anlagen, die Luft war gesättigt von Freude und Erwartung. Es war eine Lust, durch die stahlscharfe Kälte zu wandern.

Der Bahnhof war gefüllt von erregten Menschen. Kommende und Fortstrebende drängten aneinander vorbei. Was sich sonst scheu verborgen hielt, das zeigte sich in diesen Tagen: ein Lachen, ein freudiger Zuruf, wenn Harrende den Erwarteten trafen. Güldenfey preßte die Hand mit dem Pelzmuff gegen die Brust, als der Zug einfuhr. Wie ihr Herz klopfte! Der Menschenstrom floß an ihr vorüber. Grüße hin und her; etwas erkältete in ihr: Jörg war nicht gekommen!

Ein Beamter tröstete sie, es werde bald ein zweiter Zug eintreffen. Wirklich? In dieser Zeit der Verkehrsnot? Güldenfey wartete. Der zweite Zug kam, ein Arm winkte, eine Stimme rief hörbar durch das Brausen: »Güldenfey!« Ihr zaghaftes Herz strömte in Jubel über.

Er sprang aus dem Wagen und hielt sie mit beiden Armen umfaßt, und sie preßte sich an ihn. Verwunderte Blicke Vorüberhastender fragten: Habt ihr Liebenden euch so lange nicht gesehen?

»Also wirklich, wirklich hier, Jörg?«

»Wahr- und leibhaftig.«

»O welche Freude! Nun erst ist Weihnacht.«

Arm in Arm schritten sie dem Ausgang zu. Da stand Telge, der das Gepäck besorgen wollte, und verzog im vergnügten Lachen das bärtige Gesicht.

»Wolltest du fahren, Jörg?«

Er wehrte lächelnd ab, und nun schritten sie die Straße zwischen den Teichen entlang, lachten, schwatzten und schwiegen. Es war so seltsam, nach so langer Zeit wieder heimzukommen. Güldenfey sah einige Male, Gewißheit suchend, ihn an. War er es denn wirklich? Er erschien ihr so anders. Nein, gewachsen war er nicht mehr, aber soviel sicherer und selbstgewisser geworden.

Plötzlich fragte er sie: »Verzeih, Güldenfey, bist du noch immer nicht versprochen?«

»Nein«, sagte sie und fühlte jetzt, daß sie weniger befangen geantwortet haben würde, wenn jene Dämmerstunde vor ein paar Tagen anders geendet hätte.

»Die Männer hierzulande haben keinen Geschmack«, sagte er, und sein Arm drückte den ihren. »Ah, unser alter Treßhof!« Er blieb vor der Torfahrt stehen und hob seine Arme in grüßender Gebärde, und dann stiegen sie hinauf. Ose stand oben auf der Treppe. Und wer war das? Wahrhaftig, Engelke war aus dem Heiligen Geist herübergekommen, um die Kartoffelkuchen auf ihre Art zu backen. Und auch Marfa war da, und ihr verschlossenes Gesicht war hell, denn morgen würde sie ja Harro abholen! --

Am Morgen des nächsten Tages führte Malte den Bruder durch die neuen Räume des Hauses am Markt. Er tat es mit einer Beflissenheit, daß Güldenfey staunte. Aber Malte hatte nicht nur den Verdruß vergessen, den ihm des Bruders Berufswahl bereitet, er empfand Respekt vor der sicheren Art, die Jörg zeigte.

»Nun, wie gefällt es dir hier?« fragte Malte zuletzt und deutete auf die Räume, in denen es wie in einem Bienenstock zur Lindenblüte summte.

Jörg lobte mit einigen Worten, die aber nicht bedingunglos klangen.

»Du machst einen Vorbehalt, Jörg!«

Jörg zögerte. »Wenn du es wissen willst, Malte, ich glaube, du bist kein -- wie soll ich es nennen? -- kein Wirklichkeitgewahrer.«

Maltes Lippe kräuselte sich. »Ich? Du meinst, ich verstehe nicht, was um uns vorgeht?«

»Das Gegenteil«, erwiderte Jörg. »Du siehst nur das, was um dich ist, darum weißt du nichts von dem, was in dir ist. Ein Wirklichkeitgewahrer setzt seine innere Neigung mit der Außenwelt in das geziemende Gleichgewicht. Sage, fühlst du dich wahrhaft glücklich hierbei?«

Malte zuckte die Schultern. »Du verlangst zuviel. Glücklich, wer ist das? Ihr alle werdet mir hoffentlich Dank zollen, daß ich in dieser schwankenden Zeit euer Vermögen und unsers Namens Bestand gerettet habe.«

Malte dachte über das Wort nach, während Jörg droben bei Frauke war. Ein seltsamer Mensch, dieser jüngste Treß! Doch vermochte er darum nicht wie einst gering von ihm zu denken. --

Die Festtage waren voll Glanz und Freude, wie sie das Treßhaus lange nicht gesehen. Nicht nur, weil Lichter brannten und der Tisch wohlversorgt war. Mit Jörg war eine andere Luftschicht eingezogen. Er beherrschte das Gespräch und schuf Stimmung, und alle ordneten sich ihm willig unter. Harro war weniger laut und Frauke weniger schweigsam. Überhaupt Frauke! Wer hatte diese kühle Frau so angeregt und warm über die Kunst reden gehört? Wer hätte von ihr erwartet, daß sie so lange zuhören konnte? Immer aufs neue regte sie Jörg an, von seinen Lehr- und Wanderjahren zu erzählen, und er, der sich gegen Frauke bisher ablehnend gezeigt, willfahrte ihr gern; nur in einem nicht: er war nicht zu bewegen, vor ihnen allen zu spielen.

Auch Marfa, die gewöhnlich nur für Harro da war, gab sich jetzt ganz dem Zauber hin, den Jörgs Wesen ausübte, und ließ wieder seit langem ihr schüchternes Lachen hören. Es war eitel Freude im Treßhof.

Nur einmal ... Während sie alle beisammensaßen, erschien Ose im Zimmer. Sie zeigte ein verstörtes Gesicht, doch das bemerkte außer Jörg keiner, da sie sich, nachdem sie den Kreis der Versammelten überblickt, schnell etwas zu schaffen machte und das Zimmer gleich wieder verließ. Als Jörg darauf unter einem Vorwand sich erhob und ihr folgte, fand er sie verstört auf dem oberen Flur.

»Ist etwas geschehen, Ose?«

Sie blickte ihn einen Augenblick zögernd an, dann sagte sie: »Hörst du, Jörg? Sie knarrt wieder.«

Die Diele unter ihrem Fuß gab einen seltsam klagenden Laut von sich.

»Und was bedeutet das, Ose?«

Sie wollte nicht sprechen, und er mußte seine Frage wiederholen.

»Kind, laß dir vor ihnen nichts merken, aber denk' an mich! Es ist wieder einer zuviel hier im Hause.«

»Narretei!« sagte er und kehrte zu den andern zurück. Doch es war gut, daß die Geschwister so eifrig sprachen und seine Bestürzung nicht merkten. Scheu sah er auf sie. Wer sollte der Gehende sein? Einer der Brüder? Plötzlich fiel sein Blick auf Marfa, die seltsam verloren vor sich hinschaute. Er setzte sich an ihre Seite, und während er freundlich wie ein Bruder mit ihr sprach, vergaß er Ose und ihr Sibyllenwort.

Das Schönste für Güldenfey kam, als alle gegangen waren. Da saß sie mit Jörg in dem oberen Saal. Die niedergebrannten Kerzen des Christbaums verbreiteten ihren Duft, und knisternd rührte sich im Wipfel der Tanne das Rauschgold. Die Lampe im Winkelplatz schuf ein sanftes Licht, einen kleinen Kreis, dahinter lag unbegrenzt das Halbdunkel, aus dem von einem Tisch her ein silbernes Gerät aufblitzte.

»Nun will ich spielen«, sagte Jörg.

»O Jörg, für mich?«

»Ja, Güldenfey, für dich allein.« Er trat vor sie hin und legte seine Hände zärtlich um ihren Kopf. »Für dich ganz allein«, wiederholte er. »Wirst du mich verstehen? Wenn du es nicht kannst, kann es niemand.«

»Ich bin so einfältig«, sagte sie zu ihm aufblickend.

Er beugte sich nieder und küßte andächtig ihre Stirn. »Du weißt nicht, ein wie hohes Lob du dir damit erteilst, du Einfältige unter Zwiefältigen«, sagte er. »Es hat einst der Schuster Jakob Böhme, der doch ein großer Mann war, das Wesen des Göttlichen gefunden, als er die Sonnenspiegelung in einem Zinngefäß beobachtete. So hab' ich es entdeckt, als ich es in deiner liebevollen Art sich spiegeln sah.«

Güldenfey traten plötzlich die Tränen in die Augen. Wie kam es, daß sie jetzt an die Frau denken mußte, die sie noch immer suchte und nicht fand. Sie erzählte Jörg, was sie wußte und wollte.

Als sie geendet hatte, trat er still an den Flügel und spielte. O ja, Güldenfey verstand ihn. Es war eitel Trost, was die Töne ihr sagten. Sie wußte, daß sie finden würde.

Die Töne verklangen leise wie ferne Glocken. Dann erhob er sich und empfing ihre beiden Hände, die sie ihm entgegenstreckte. »Weißt du es nun, Güldenfey?« fragte er.

»Ja, ich weiß.«

»Ich glaube, wir Treß tragen schwer an alter Schuld ...«

»Ja, Jörg.«

»Aber mir ist nicht bange, solange ich weiß, daß das Gallion am Schiff des Fliegenden Holländers unsere Güldenfey ist. Und nun will ich dir noch eins verraten: Im Frühjahr gebe ich hier in unsrer Stadt mein erstes Konzert, und was ich dann spielen werde, das hast du soeben gehört.«

Das letzte Warten

Schlaf, du Arzt aller Belasteten, wo bleibst du?

Malte Treß konnte nicht mehr schlafen. Er lag auf seinem Lager; bis ihm die Augen vor Müdigkeit zufielen, las er, aber er fürchtete sich, die Hand nach der Lampe auszustrecken und das Licht zu löschen. Sobald das Dunkel ihn umgab, stürzten sich die Gedanken feindlich auf ihn und nagten mit scharfen Zähnen: Kurse, Wechseltermine, Verbindlichkeiten, der Ring -- Usadel.

Seine Seele wurde im Dunkel zu einem weiten Hohlraum, in dem alle Geräusche des Tages schrecklich widerhallten, vor dessen gläsernen Wänden fratzenhafte Gesichter drohend auf und nieder tanzten. Es half nicht, sie zu beschwören: Was wollt ihr? Alles ist geregelt, und was noch nicht im Gleichmaß ist, wird es morgen sein. Sie kamen und quälten und mürbten.

Also wieder Licht machen, wieder die Gedanken in die Fährte eines spannenden Buches hetzen, wieder der dumpfen Erschöpfung verfallen! Und wieder begann im Finstern das boshafte Spiel. Es mußte die horizontale Lage schuld sein; das Blut bedrängte das Gehirn. Er erhob sich, kleidete sich an und ging in sein Arbeitzimmer hinab.

Wie ein in langer Verfolgung Gehetzter sank er in seinen Stuhl. Doch die auf dem Tisch gehäuften Schriftstücke widerten ihn an. Ja, Arbeit in froher morgendlicher Frische! Doch dieses Schleppen von Seite zu Seite, dieses verdrossene Blätterwenden schaffte nichts. Der Schlag der Uhr ging durch das Gemach, der Arm mit der Hippe sank herab. =Carpe diem.= Ach, der nur konnte den Tag wahrnehmen, dem die Nacht den sänftigenden Mohntrank gereicht hatte.

Was war das? Schritte in der Nacht. Nicht Schritte derer, die nach Hause eilen, oder tappende Schritte später Zecher; es waren zögernde Schritte, hin und her, hin und her, Schritte eines Wartenden. Der Wächter? Nein, der ging durch Hof und Flur. Malte wußte, welche Schritte das waren.

Er zog den Mantel an und trat hinaus: es war niemand zu sehen. Malte ging auf den Markt, ging durch die Straßen, war auf der Flucht vor sich selbst.

Eine kleine Wolke hatte eine feine Schneeschicht auf die Dächer und das Pflaster ausgebreitet, zwischen weißen Wölkchen und Sternensplittern stand der volle Mond. Wie schlafende Ungetüme lagen die zackigen Schatten der Giebel auf dem weißen Straßendamm, und das Dunkel barg sich in die Pfeilernischen der Mauern. Über dem stumpfen Turm St. Jürgens spannte sich wie ein funkelnder Kronenzirkel der gelbe Lichtrand, der die Mondschale umgab, und ein bläuliches Licht spielte um die Särge im Schaufenster des Tischlers.

In der friedlichen Helle der Straßen wurde Malte ruhiger. Das Leben selbst war nicht so arg wie sein Spuk. Aber er mußte auch wieder durch dunkle Nächte wandern, Nächte, in denen die Wolkensäume über die Häuserfirste schleppten, in denen das einsame Licht auf dem Molenkopf des Hafens fast von der Finsternis verschluckt wurde und die Stimmen des Dunkels schaurig vom Meer herüberdrangen.

Kam Malte nach diesen nächtlichen Gängen heim, fühlte er seine Glieder, als seien sie zerbrochen. Er zerrte seine Kleider vom Leib und warf sich nieder. Doch der herbeigezwungene Schlaf lähmte ihn mehr, als daß er erfrischt hätte, und bleicher noch als gewöhnlich, mit schmerzhaft brennenden Augen erschien er am nächsten Morgen in der Schreibstube.

* * * * *

Auch im Treßhof lag eine, die der Schlaf floh. Harro war verstimmt abgereist und hatte sie in Unfrieden zurückgelassen. Zerpflückter als je war er zum Weihnachtfest gekommen, und Marfas Zärtlichkeit hatte nichts von Wärme in ihm geweckt. Warum mußte sie, da sie ihn in diesem Zustand sah, auch mit ihrem Wünschen nahen!

»Harro, eine Bitte; die erste! Nimm mich mit dir, laß mich bei dir sein. Ich ertrag' das Leben hier nicht mehr. Dieses alte furchtbare Haus, und immer fern von dir. Ich lebe ja nur scheinbar von einer Rückkehr zur andern. Eigentlich bin ich abwesend, und nur, wenn du kommst, erwache ich.«

»Sind sie unfreundlich zu dir?«

»Alle sind sehr, sehr gut. Aber ist das Ersatz?«

»Du lebst hier angenehm. In der Hauptstadt müßtest du sehr vorliebnehmen.«

»Was bedeutet das mir?«

»Ich bin oft auf Reisen.«

»Ich werde dich begleiten.«

Marfa hatte ihn daran erinnert, wie wenig sie verlange. Seine schon lange pochende Ungeduld hatte die Fesseln abgeworfen, er war heftig geworden. Was half es, daß sie sich ergab und demütig um Verzeihung bat! Es blieb ein bitterer Rest: Unwille über unmögliche Ansprüche bei dem einen; Trauer darüber, daß sie nicht verstanden werde, bei Marfa.

Nun lag sie Nacht um Nacht wach und sann und sann. Sollte sie ihn auch verlieren, den Einzigen, den sie noch auf der weiten Welt besaß? Oder hatte sie ihn schon eingebüßt? Der Bruch ihres Lebens, der sich nie ganz geschlossen, klaffte in ihr auf, ihre Seele blutete.

Ihre ganze Vergangenheit wurde in harter Deutlichkeit lebendig, vor allem das Entsetzliche, das sie wie eine offene Wunde mit sich trug. Dagegen half kein Vergessen.

Und dieses Haus mit seinen schreckhaften Geräuschen störte alles in ihr wieder auf: das von den Speichern rieselnde Tauwasser, die Klagelaute des Katers Murr, das Ächzen und Pfeifen der Winde, der ganze von Alter und Spuk gesättigte Dunstkreis dieses Gemäuers mit seinen düsteren Böden und Gängen und Winkeln. --