Chapter 8 of 19 · 3943 words · ~20 min read

Part 8

Endlich erging die Meldung, der erwartete Zug werde einlaufen. Die Post- und Gepäckkarren wurden vorgefahren, und Reisende strömten herzu; die ganze Unrast des Verkehrs, die durch das Warten gesteigert war, flutete um Malte. Dann schob sich mit glühenden Augen, unter stoßenden Atemzügen der rollende Zyklop herein, der die lange Kette vereister Wagen schleppte.

Malte hatte sich so aufgestellt, daß er die Aussteigenden überschauen konnte. Es waren nicht viele, die meisten fuhren weiter. Keiner von denen, die an ihm vorübereilten, konnte der Erwartete sein. Der Bahnsteig wurde leer. Sollte eine Versäumnis eingetreten sein? Lag auf seinem Schreibtisch zu Hause schon die Nachricht? Zögernd ging er am Zug entlang.

An dem Fenster eines hell erleuchteten Abteils zeigte sich ein kahler Kopf. Die Lippen bewegten sich mechanisch, nicht wie im Gespräch, sondern als sagten sie etwas her. Über die Platte des Klapptisches beugte sich schreibend oder lesend ein gekräuselter Mädchenkopf. In der Nähe stand auf dem Bahnsteig eine Gruppe schwatzender Menschen: vier oder fünf Männer und ein Mädchen, dessen Gesicht in dem umgelegten Pelz verschwand.

Aus dieser Gruppe löste sich ein Herr und trat, als Malte sich näherte, auf ihn zu: »Herr Konsul Treß vielleicht? Sie erwarten --«

Malte bejahte: »Herrn Usadel.«

Der Herr hob den Hut und nannte einen Namen. »Bitte, einen Augenblick Geduld. Herr Usa--del -- der Name betont sich auf der letzten Silbe -- diktiert noch.«

»Im Zug? Doch der wird sofort abfahren.«

»O, der Schaffner weiß Bescheid.«

Malte erfuhr, daß die Wartenden das Gefolge waren: ein Kanzlist, ein Geheimpolizist, ein paar Berichterstatter und die zweite Schreiberin.

»Dort kommt Herr Usadel schon!«

Dem Wagen entstieg jener Mann, den Malte am Fenster beobachtet hatte. Das also war der vielgenannte Große! Einfach gekleidet, ein wenig unbehilflich und scheu. »Freut mich, Herr Konsul. Ich habe warten lassen. Bedaure. Haben Sie einen Raum für eine einstündige Besprechung bereit?«

Die Worte kamen kurz, in etwas heiserem Ton. Er streckte ein paar Finger zur Begrüßung von sich. Der weitkrempige Hut verschattete das Gesicht. Er wandte sich zu seinen Leuten.

»Haben wir heut' noch Verbindung nach Berlin?«

Der Kanzlist meldete, daß nach dem Fahrplan keine Verbindung möglich sei.

»Also einen Extrazug, Herr Direktor!«

Er schickte sich an, zu gehen; Malte und der Herr, der sich ihm vorgestellt hatte, traten an seine Seite, die andern blieben zurück. Einen Extrazug! dachte Malte. Wenn er so viel draufgibt, was mag er dann fordern! Als sie auf die Straße traten, ließ Telge den Motor anlaufen, und sie stiegen ein.

Malte war ein wenig beunruhigt. Es war ihm peinlich, daß Usadel einen Zeugen bei sich hatte, während er den beiden allein gegenüberstand. Also galt es, aufs höchste gesammelt sein, jedes Wort zweimal wägen. Er fragte nach dem Ergehen seines Gastes, nach dem Befinden während der Reise. Doch Usadel schien ermüdet zu sein, er antwortete einsilbig, und Malte erfuhr nur, daß jener tatsächlich aus Amerika über Schweden komme. Als sie auf dem schmalen Damm zwischen den Teichen fuhren, lehnte sich Usadel vor und schaute einen Augenblick auf die dunklen Gestalten der Schlittschuhläufer, die sich noch auf dem Eis bewegten.

»Das sind die Teiche, denen die Stadt zu Wallensteins Zeit ihre Rettung dankt, Herr Usadel«, sagte Malte beflissen.

Er sah im Licht einer Laterne, wie sich Usadels Lippen ein wenig verzogen. War es Spott? Oder Verlegenheit?

»Der hat auch seinen Vorteil nicht verstanden«, sagte er. »Um diese Jahreszeit wär' es ihm besser geglückt.«

Gleich darauf wandte er sich an Malte: »Der Politiker Treß ist Ihr Bruder?«

Jetzt kommt es! dachte Malte, als er bejahte.

Aber Usadel nickte und sagte nur: »Sie haben den Artikel gelesen? Er kam just zur Zeit und hat das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte.«

Malte atmete erleichtert auf. Da glitt schon der Wagen in die Torfahrt des Treßhofes und hielt gleich darauf vor der Tür. Mellin stand bereit und öffnete den Schlag.

Was würde Usadel sagen, wenn er den alten Beratungraum betrat, diesen Raum mit den historischen Bildern, der geschnitzten Treppe, dem schönen Gestühl? Es schimmerte alles blank und vornehm. Usadel sagte nichts, er legte den Mantel und den Hut ab, rieb die Handflächen aneinander und sah sich nach einem Sitz um. Was für ein Mensch war das! Seine Gestalt gedrungen und doch nicht feist, seine Farbe von einem eigentümlichen blassen Gelb, seine Gebärden nicht auffallend und doch durchaus bestimmt. Die hohe Stirn, die in den kahlen Schädel hineinwuchs, gab ihm etwas Überragendes, die Augen waren nicht zu bestimmen; sie waren von den Lidern halb verdeckt. Er trug keinen besonderen Zug des Rassefremden. Das war der Mann, der wie ein Schweifstern, von dem keiner wußte, plötzlich aufgetaucht war und in seltsamem Licht über der Menschheit funkelte, von einigen gepriesen, von andern als böses Zeichen gedeutet.

»Die Herren sind erschöpft«, sagte Malte, auf den Tisch deutend, der seitwärts hergerichtet stand. »Darf ich einige Erfrischungen anbieten lassen?«

»Unsre Zeit ist sehr beschränkt, Herr Konsul.«

Es klang drängend. Des Begleiters Augen fuhren begehrlich über die Kristallflaschen, in denen dunkles und goldenes Rebenblut glänzte, aber er setzte sich an Usadels Seite. Malte nahm den beiden gegenüber Platz.

»Sie haben um Anschluß an uns nachgesucht«, begann Usadel. »Es ist nicht unsre Gepflogenheit, kleine Häuser in der Provinz heranzuziehen. Doch in diesem besonderen Fall wäre eine Vereinigung zu erwägen, wenn Sie auf unsre Bedingungen eingehen. Herr Direktor, entwickeln Sie unsern Plan.«

Der Angeredete begann zu sprechen. Jetzt erst betrachtete ihn Malte genau. Sein wulstiges, fahles Gesicht mit den winzigen Bartflecken auf der Oberlippe war das Muster für die Gesichter aller Geldmenschen, die von jagender Arbeit zerrissen sind und deren Unstete den Geist zerpflückt. Malte mußte an die Worte denken, die ihm der blühende Hans Olrogge jüngst über sein Aussehen verwundert zugerufen hatte. War der Mann dort sein Zukunftbild?

Er hatte nicht Zeit, darüber zu grübeln. Sammlung, Sammlung! Nach den ersten Worten begriff er, um was es sich handelte: man wollte den Getreidehandel eines weitreichenden norddeutschen Bezirks in die Hand bekommen; Mittelpunkte sollten geschaffen werden; hier sollte eins dieser Zentren, vielleicht das vornehmste, entstehen. Ob er Sicherheiten dafür biete.

Malte griff nach den Geschäftsbüchern, die ihm zur Hand lagen.

Der Direktor winkte etwas geringschätzig ab. »Darüber sind wir völlig unterrichtet. Sagen Sie uns, ob Sie es sich zutrauen.«

»Wir haben hierzulande viele Genossenschaften«, wandte Malte ein.

Wieder die geringschätzige Geste. »Die bekommen wir alle. Mut, Entschlossenheit, Herr Konsul! Zu haben ist jeder. Nie fragen: Ob?, sondern nur: Wieviel?«

Er machte die Gebärde des Geldzählens und lachte ein trockenes Lachen. Malte blickte auf Usadel. Der saß mit halbverdeckten Augen da und schien gänzlich unbeteiligt wie eine regunglose Amphibie im Sonnenschein. Und doch mußte er Obacht geben. Denn als Malte ihn ansah, verzog sich wieder seine Lippe, nicht zum Lächeln, sondern zu einer eigentümlichen Verzerrung.

»Sie haben sich unlängst neue Geschäftsräume eingerichtet,« fuhr der Dritte fort; »das wäre ja für die Vereinigung recht zweckmäßig.«

Das war ihnen auch bekannt? Malte erkannte, daß sie bis ins Kleinste vorbereitet kamen. Aber wie sollte er sich zu dem vorgelegten Plan stellen? Gewinnbringend war er, zu befürchten war nichts, wenn Usadel dahinterstand. Aber schließlich war mancherlei zu bedenken. Er bat um Bedenkzeit.

Plötzlich erwachte Usadel aus seiner Unbeteiligtheit: »Wie lange, Herr Treß? Zehn Minuten, fünfzehn? Ich habe meine Reise nur unterbrochen, um Ihre Entscheidung zu hören. Die Sache ist eilig.«

»Ich erkenne noch nicht klar meinen Vorteil,« sagte Malte etwas bedrückt.

»Das ist mir verständlich«, erwiderte Usadel. »Sprechen Sie weiter, Herr Direktor.«

»Ihr Geschäftsvermögen wird dadurch sichergestellt für die nächste Zeit, daß wir es in unsern Ring mit aufnehmen«, sagte dieser.

»Wäre es nicht ebenso sicher bei mir?«

»Keinesfalls. Geben Sie acht!« Er blickte sich um, ob kein Lauscher da sei. »Man will wieder geregelte Verhältnisse in der Welt schaffen. Deshalb müssen wir Deutschland von den ärgsten Schulden befreien. Man tut das, indem man Geld macht, ganze Wellen von Geld. Wie, fragen Sie? Man wird Papier machen, das nicht da ist, und Gold und Silber nehmen, das noch da ist.«

»Das ist gegen das Gesetz«, warf Malte ein.

Der Direktor zuckte mitleidig die Schulter: »Gesetze!« sagte er. Es klang, als bedaure er einen Verstorbenen.

»Das läßt sich doch niemand gefallen!«

»Meinen Sie! Die Revolution hat gelehrt, daß die Menschheit auf alles Neue geht wie der Fisch auf den Köder. Zahlen verblüffen. Sagen Sie jemandem, er verdiene das Dreifache, keiner fragt, ob Sie ihm Metall oder Papier geben.«

Malte fühlte eine seltsame Beklemmung auf seiner Brust. War das alles ernst gemeint oder ein wirres Spiel?

»Ich kann mir nicht denken --« murmelte er.

»Ja, die Luftzone, in die wir treten, ist sehr ungewöhnlich«, sagte der andere. »Ich verstehe, daß es Sie schwindeln macht. Doch verlassen Sie sich darauf, sie kommt.«

Ja, es war alles klar, was dieser Mensch da vortrug. Wenn es gelang, der Menschheit das Fieber der Gewinnsucht in diesem Maße einzuimpfen, sie mit der Geldmasse über den Geldwert fortzutäuschen, dann war sie blind für alles. Malte gestand sich, daß es der einzige Weg zur Rettung und ein genial erdachter Plan sei, und doch -- es war ein höllischer Plan, der ihn, den Kaufmann alten Blutes, erschauern machte.

Er sah Usadel an; der saß da, als sei er unbeteiligt. Seine Hand lag auf dem Tischrand. Plötzlich fiel es Malte auf, wie brutal diese Hand war, wie ungeformt, zum Zupacken geschickt; die kurzen fleischigen Finger wie Krallen. Sah Usadel Maltes Blick? Die Hand fuhr zurück und zog die Uhr. Das war ein nicht mißzuverstehendes Zeichen.

»Ich verstehe alles«, sagte Malte. »Die Sache ist gut erdacht. Aber, vergeben Sie, Herr Usadel, sie ist doch ein großartig angelegter Betrug!«

Der Direktor fiel ein: »Vielleicht! Was geht das uns an? Wir sind keine Beichtväter für das Gewissen.«

Usadel verzog die Lippe: »Wenn in dieser Zeit das Gewissen wirklich noch da wäre, müßte man es totschlagen.«

Mord des Gewissens! Wo hatte Malte das doch gehört? Der Strand mit den schäumenden Wellen trat ihm in die Erinnerung. Irgendwo dort hatte es jemand gesagt. Sein Blick haftete mit einem Male an dem Schnitzwerk der Treppenbrüstung, haftete an einem Bild. Was war das doch? Der Judaskuß im nächtigen Garten. Was sollte das hier? Er riß sich gewaltsam los. Mit dem allen hatte er ja nichts zu tun. »Man« machte das, und ihm konnte es gleich sein, wer der rätselhafte »Man« war, ihm war verheißen, daß in der hereinbrechenden Sintflut sein Vermögen gerettet werden sollte, alles andre konnte ihm gleichgültig sein. Der Ehrenschild der Treß blieb unbefleckt.

»Es wird Zeit für uns«, sagte Usadel und schob den Stuhl ein wenig zurück. »Herr Konsul, wie ist Ihre Meinung?«

Ein Aufbäumen war in Malte, ein Zurückweichen. Aber zwang er es nicht nieder, so lag all sein stolzes Planen zerstört da. Die Ehre! Und Frauke! Und die Poppelmanns! Er hätte sich für alle Zeit lächerlich gemacht, und das verzieh Frauke am wenigsten. »Ich gehe auf Ihre Vorschläge ein, ich danke Ihnen«, sagte er.

Usadel nickte gleichmütig. »In weniger als einer Woche trifft ein Herr bei Ihnen ein, der die nötige Vollmacht hat. Er wird Sie über die nächsten Maßnahmen unterrichten. Verträge schließen wir nicht. Es bleibt Ihnen wie uns überlassen, mit dreimonatlicher Aufsage unsre Verbindung zu lösen. Wenn Ihnen dafür die Geltung des Ringes nicht genügt, so kann es schriftlich festgelegt werden.«

Ja, Malte wünschte das Schriftstück. Der Direktor lächelte.

Die Herren erhoben sich, ein paar Reden wurden noch getauscht. Der Direktor sandte noch einen sehnsüchtigen Blick nach den Flaschen, Malte lud nochmals ein, aber Usadel lehnte ab. Dieser Mensch schien keiner Nahrung zu bedürfen.

Der Wagen fuhr vor, man stieg ein, und der Treßhof blieb zurück.

Auf dem Bahnhof erwartete das Gefolge die Ankommenden: die Berichterstatter schrieben eifrig auf einen Bogen irgendeine Mitteilung, die noch in der Nacht einer Zeitung zugehen sollte. Die beiden Schreibmädchen blickten aus ihren Pelzen neugierig auf Malte, der Kanzlist meldete, daß der Zug bereitstehe.

Sie hatten auf dem Weg nur wenige Worte gewechselt. Usadel hielt die Angelegenheit für erledigt. Hinter seinen verdeckten Augen zuckten wahrscheinlich schon wieder neue Pläne, denen er nachsann. Malte suchte höflich eine Unterhaltung zu pflegen, aber auch der Direktor, der so geschwätzig gewesen war, verhielt sich schweigsam.

Usadel schob wieder einige Finger vor und faßte dann an den Rand seines Hutes. Wozu noch viele Worte, da der Zweck erreicht war!

»Nun?« fragte er seinen Begleiter, als er sich in das Polster des Wagens fallen ließ.

Der machte eine Gebärde des Zweifels. »Der Mann wurzelt in alten Anschauungen«, sagte er.

»Taugt also nicht für uns.«

»Wenn er sich nicht mausert, nein, Herr Usadel. In Deutschland jedoch gibt es viele von der Art; man muß mit ihnen rechnen, und dieser scheint mir versprechender als mancher andere -- er ist ehrgeizig.«

Malte stand draußen am Wagen und wartete, daß der Zug abfahre. Er grüßte, als sich die Räder in Bewegung setzten; von innen kam kein Dank. Sie arbeiteten wohl schon wieder.

Er ließ sich von Telge nach dem Treßhof fahren, Mellin mußte im Beratungzimmer das Licht andrehen. Dort saß er lange und erwog. Aber seltsam! Immer wieder fand er seinen Blick auf jenem Bild der Treppenbrüstung: wie der bärtige Mann, dessen Hand den gefüllten Geldbeutel umspannt, dem Meister den verräterischen Kuß darbietet. Was hatte das alte Bild zu schaffen mit den Vorgängen dieser wilden Zeit? Er wußte es nicht, er wollte dem nicht nachdenken, und doch trat es ihm aufdringlich nahe.

Und noch eins. Er sah Jörg vor sich, wie er nach dem Spiel in St. Niklas in jenem Zimmer des Hauses am Markt stand, innerlich in Begeisterung erglühend, sein Gesicht besonnt: Wir sind doch die Könige!

Er hatte bei sich gedacht: Welchen unbändigen Stolz trägt doch der arme Wicht! Wir königlichen Kaufleute und dieser Tastenschläger! Jetzt beneidete er ihn. Ihm war, als dürfe er das Recht des königlichen Menschen heute nicht für sich in Anspruch nehmen. Seufzend erhob er sich und verließ das Haus. --

In Fraukes Zimmer fand er Klaus, der eine Mappe mit Stichen mitgebracht hatte, die Blätter ausbreitete und einige Feinheiten erläuterte. Malte stellte sich hinter ihn und hörte zu. Er wußte, daß Frauke, die den Vetter wegen seiner Sucht, sich etwas stutzerhaft zu kleiden, verspottete und ihn leicht als einen gutmütigen Hausnarren behandelte, in Kunstfragen sein Urteil gelten ließ.

Plötzlich sah Frauke zu Malte auf. »Weißt du schon, daß Klaus uns verlassen will?« fragte sie.

Klaus legte die Stiche zusammen. Es war ihm sichtlich peinlich, daß Malte ihn so verwundert betrachtete.

»Er will heiraten«, fügte Frauke hinzu.

Güldenfey? dachte Malte. Hat er mit ihr gesprochen? Hat sie sich vielleicht in Rücksicht auf mich bereit erklärt? Er fühlte ein lebhaftes Bedauern.

»Er hat eine kleine Witwe gefunden, die ihn bezaubert«, fuhr Frauke fort.

Klaus lachte verlegen. Was würde Malte jetzt sagen? Doch Malte sagte nichts, er ging zur Wand und drückte auf den Klingelknopf. Als das Mädchen erschien, bestellte er Schaumwein. Ein plötzlicher Rausch war über ihn gekommen, seine Augen glänzten. Frauke blickte ihn erstaunt an: er war leuchtend wie damals in Harvestehude.

»Wir wollen dem Glück Willkomm bieten«, sagte er, als er die Gläser füllte. »Dir, Klaus, und uns! Ich habe heute mit Usadel abgeschlossen!«

Das Skelett im Hause

Harro kam nicht. Marfa saß am Fenster ihres Zimmers, das neben Güldenfeys Zimmer lag, sah über die Teiche hin und wartete. Ihr Leben war nur ein Warten. Die alten Weiden dort drüben begrünten sich, standen in vollem Laub, wurden fahl, starben ab. War es die Zeit, da die Primeln ihre Augen aufschlugen? Flossen die schweren Ströme des Lichts über die dürftigen Erdwellen von Heilisoe? Ging der Herbst in knisterndem Brokat oder standen die Bäume in winterlichem Rauhfrost wie arme bettelnde Waisenkinder? Sie wußte es nicht, sie achtete dessen nicht. Sie zählte nicht mehr nach Jahreszeiten, sie zählte nur noch Harros Besuche.

Seit ihr das Leben ihres Kindes entglitten, hing sie sich mit einem Verlangen, das sie verzehrte, an ihn, den Einzigen, den sie noch besaß. Haushaltssorgen hatte sie nicht, andre Beschäftigungen befriedigten sie nicht. Alles, was die Frau in dieser nothaften Zeit die Hände regen ließ, um den Schwestern zu helfen, schien Marfas Seele in jenem Kasernensaal in Riga verloren zu haben, wo täglich der Tod in die Schar der gefangenen Frauen griff und die auf ihn harrenden mehr quälte als die fortgeführten.

Harro! Warum mußte er fern von ihr sein? Während einer Zeit schrieb sie endlos lange Briefe an ihn. Sie gab es auf, als sie merkte, daß er nur die ersten Seiten las. Stieg er aus dem Bahnwagen, den sie, seit einer Stunde auf dem windigen Bahnsteig stehend, erwartet hatte, so überströmte sie ihn mit einer kindlich-stürmischen Freude. Doch am Abend schon begann sie die Stunden zu zählen, die sie noch von seiner Abfahrt trennten.

Er wurde warm, aber seine Zerstreutheit fand kein Ausruhen bei ihr, solange er den heftigen Puls ihrer Unruhe empfand. Von seinen politischen Dingen mochte er nicht zu ihr reden: sie duldete es, aber er wußte, daß sie alles haßte, was ihn von ihr trennte. Tröster ihres Leides konnte er nicht sein; vielleicht verstand er es nicht, jedenfalls konnte er nicht trösten, wo er selbst getröstet sein wollte.

»Marfa ist eine von denen, die suchen und sich darüber selbst verlieren«, sagte einmal Frauke.

Güldenfey sah sie überrascht an. Zuweilen tat Frauke einen Ausspruch, der wie ein Spalt in ihrer kühlen, verhaltenen Art erschien und Tiefen ahnen ließ. Aber man konnte nie hinabblicken, weil immer gleich wieder eine hochmütige Gebärde, ein frostiges Wort sich wie eine kalte Schicht darüberbreitete. Güldenfey allein ahnte, daß dieses hastige Zudecken nur Scham sei.

Frauke kam zuweilen, um Marfa zu besuchen. Es zog sie etwas in dieser Frau, die der Zukunft nicht froh ward, weil sie nicht vergessen konnte, an. Sie saß Marfa gegenüber, und wenn nach den ersten Worten das Gespräch stockte, betrachtete sie das schöne Gesicht in dem dunklen Flechtenrahmen grübelnd. Dann stand sie plötzlich auf und ging unter einem nichtssagenden Vorwand wieder fort.

Ja, wäre Güldenfey nicht gewesen! In die Tage eines aufreibenden Wartens trug sie Leben.

»Marfa, heut stäubt's um die Haseln im Teichwald, und der Haubentaucher schwimmt im gelben Rohr. Du mußt mitkommen und es sehen.« -- »Marfa, gestern ist einer armen Frau im Sachsenviertel ein Kind geschenkt; komm mit mir, es wird dich freuen.«

Und Marfa, die nur ungern das Haus verließ, ging mit, stand wortlos daneben, wo Güldenfey bewunderte und lobte, und in ihre Wangen stieg ein leises Rot. Wie konnte Güldenfey an den langen Winterabenden erzählen! Nicht wie Ose, die in der Vergangenheit Bescheid wußte, sondern aus der Gegenwart: sie streute immer Blumen in die grauen Stunden, und ihre tröstenden Worte waren die goldenen Schlüssel, die die verschwiegensten Kammern erschlossen.

Sie war es, die auf den Postboten wartete und dann leuchtenden Auges ins Zimmer trat: »Marfa, hier ist ein Brief von Harro!« Und so kam sie auch an dem Morgen, da man die Osterpalmen aufgestellt hatte und alle Räume vom Duft jungen Wuchses voll waren.

Marfa las mit flimmernden Augen, das Papier zitterte in ihrer Hand. »Harro kommt,« sagte sie, »er kommt heute gegen Mittag.«

Und sie begann sich für den Gang zum Bahnhof zu rüsten, obgleich noch Stunden sie von dem Augenblick des Wiedersehens trennten.

Harro kam. Er sah angegriffener aus als sonst und war zerstreut. Sie merkte, wie ihre Zärtlichkeit an ihm abglitt und sah ihn besorgt an.

»Verzeih, ich bin achtlos«, sagte er und blickte dabei starr auf eine Menschengruppe, die sich mühte, einen Handwagen mit vielem Gepäck zu beladen. »Ich muß dich bitten, allein nach Hause zu gehen. Ich will Malte aufsuchen.«

Ihr ahnte nichts Gutes, sie wollte fragen, aber sein verschlossenes Gesicht drängte jedes Wort zurück. Sie ging allein nach Hause und sah mit zuckenden Lippen auf die Schneeglöckchensträuße, die sie zu seinem Empfang hingestellt hatte. --

Malte sah den Bruder verwundert an, als der eintrat. Es war die Stunde, da keiner vorgelassen wurde.

»Ja, ja, Häberle hat mich beschworen, zu warten,« sagte Harro, »aber es duldet keinen Aufschub. Ich komme deshalb schon früher, als ich darf.«

Er nahm erschöpft Platz und begann zu berichten. Er hatte für einen Parteifreund gutgesagt, die Forderung war ihm jetzt zugestellt, es mußte in kürzester Frist für Deckung gesorgt werden.

»Wieviel?« fragte Malte.

Als Harro eine namhafte Summe nannte, legte er entschieden den Bleistift auf die Tischplatte. »Ich bedauere, ich kann dir jetzt nicht helfen.«

Harro blickte erstaunt auf: »Du, der Mann, durch dessen Hände täglich ungeheure Summen laufen? Der Verbindungen hat wie keiner in unserer Stadt?«

»Das verstehst du nicht, Harro.«

»Gut, so schaffe Rat!«

Malte hob die Schultern. Er sagte, daß es leichter sei, eine Torheit zu begehen als sie gutzumachen.

Da wurde Harro erregt. »Du vergißt, daß es mein Geld ist, was ich fordere, und nicht das deine.«

Es war kein freudiges Wiedersehen. Malte warf dem Bruder Leichtfertigkeit vor, dieser berief sich auf sein Recht der freien Verfügung. Sie standen einander mit zornigen Augen gegenüber wie Kämpfer. Es war bei Malte beschlossen, daß er dem Bruder helfen müsse, doch daß dieser seine törichte Handlung nicht reuig ansah, das versteifte seinen Trotz. Mochte er doch die bitteren Folgen seines Leichtsinns schmecken! Er war auch in täglicher Bedrängnis. Unerhörte Forderungen drängten auf ihn ein.

Plötzlich griff Harro nach seinem Hut. »Du willst also nicht?«

Es war etwas in des Bruders Gesicht, das Malte erschreckte, eine Entschlossenheit, die vor dem Letzten nicht haltmachte. War er denn so benommen gewesen, daß er über die Ängste fortsehen konnte, die in Harros Seele ihre Zähne gruben? Er sah den kleinen Jungen vor sich, mit dem er den Ball geworfen hatte. Er hob die Hand. »Ich will dich nicht in Unehre kommen lassen, Harro«, sagte er. »Aber versprich mir: Nie wieder! Setz' dich hin! Wir wollen überlegen, was sich tun läßt.«

Als Harro gegangen war, trat Häberle ein und berichtete. Die Tretmühle drehte sich, aber Malte mußte sich heute anstrengen, die Gedanken bei der Sache festzuhalten. Nein, Harros Angelegenheit ließ sie nicht mehr unruhig flattern. Aber immer aufs neue verloren sie sich in dem Grübeln darüber, wie es möglich sei, daß er über diesem Täglichen die Empfindungen für den Bruder verloren hatte. Er sah sich im Spiegel, und sein Wesen erschien ihm sonderbar verändert.

»Noch etwas, Herr Häberle?« fragte er, als dieser seine Schriftstücke in die Mappe tat und zögernd stehenblieb.

»Ja, Herr Konsul, sie war wieder hier.«

Malte sann nach.

»Die Frau Jobst. Sie hat abermals gefragt, wann sie vorgelassen werden könnte.«

»Ich bin für die Frau nicht zu sprechen. Auf keinen Fall!«

»Sie will wiederkommen.«

»Verbieten Sie ihr das Haus. Entfernen Sie sie, drohen Sie ihr mit der Polizei!«

Häberle versprach es, doch seine Miene verhieß keinen Erfolg.

Malte stand auf und ging durch das Zimmer, sobald er allein war. Was bedeutete dies wieder? Schon einmal hatte Häberle ihm diese Frau gemeldet, und er hatte sie abweisen lassen; nun war sie wiedergekommen! Was mochte sie wollen? Sicherlich betteln. Er war erschrocken gewesen wie selten, als er erfahren, daß sie in der Stadt wieder aufgetaucht war. Der Schreck hatte sich wiederholt, als Klaus ihm erzählt, wie sie sich an Güldenfey gedrängt. Er hatte sich erkundigt, ob es keine Möglichkeit gebe, sie aus der Stadt unter irgendeinem Vorwand zu entfernen. Onkel Rolf hatte sich vergeblich bemüht. Nein, es war unmöglich. Sie lebte unbescholten, ihr Mann -- irgendein Arbeiter -- war krank, und sie ernährte ihn und ein fünfjähriges Kind. Am besten war es, man übersah ihr Dasein, ließ sie gewähren, solange sie die andern in Ruhe ließ.

Darüber war eine längere Zeit vergangen. Vielleicht wußten Leute in der Stadt darum und munkelten von alten Zusammenhängen. Man mußte es stillschweigend dulden, man hatte eben wie viele andre auch ein Skelett im Hause. Nur es nicht berufen! Nur nicht daran denken!

Aber nun war sie von selbst gekommen, ging um und störte die Ruhe des Hauses. Er hätte in ihr mehr Stolz vermutet. Aber solche Geschöpfe -- wer wußte, wie tief die gesunken war! Klaus hatte gesagt, sie sei damals betrunken gewesen.