Chapter 4 of 19 · 3974 words · ~20 min read

Part 4

Er hatte das Bild der hinter ihnen versinkenden Stadt betrachtet, dieser trutzenden Stadt mit den gewaltigen Massen der Backsteingotik, die Bürgerfleiß in wenig Jahren aufgetürmt hatte.

»Vor uns?« fragte er.

Ja, das Gewölk, das Güldenfey immer wieder betrachtete! Am westlichen Teil des Sehkreises dieser ernste bläuliche Streifen wie eine drohende Not und darüber als tröstliche Verheißung der helle Wolkenfächer, über den die Sonne blitzende Speere schleuderte. Links tauchte schon Heilisoe auf. Die Insel ruhte weit gestreckt wie eine Badende auf der schimmernden Flut.

Die weißen Hütten der Fischer von Neudorf, ängstlich gegen die Winde an den kargen Boden gepreßt und umduftet vom Würzhauch der Heide, ohne Busch und Baum. Weiter die roten Dächer des zweiten Dorfes, und hinter diesem das Kloster und das hoch aufschwellende Dünenland, das die Gräber vergessener Hünen mit ihrem sagenhaften Goldschmuck barg.

Güldenfey stand vorn im Boot. Stets aufs neue empfand sie den Zauber des Eilands, immer löste der Anblick das gleiche Entzücken in ihr aus. »Ach, Jörg, sieh doch nur! Engelke hat recht, und du hast recht: Heilisoe darf uns nicht genommen werden.«

Telge lachte, als er das Wort hörte, das der Wind ihm zutrug. Man hatte im Hof schon davon gesprochen, daß der Konsul das schöne Landhaus auf der Insel verkaufen wolle. Dann wäre er übrig gewesen. Doch wenn die beiden jungen Herrschaften dagegen waren, war seine Stellung gesichert. Zufrieden nickte er und ließ das Boot in kühnem Bogen an das Bollwerk laufen.

Es war alles wohlhergerichtet im Inselhaus, das zwischen Erdwällen im Schutz des Nadelwaldes lag. Von seinen Fenstern sah man nach drei Richtungen die blauen Augen des Meeres leuchten, und gegen Mitternacht harfte der Wind in den Föhren.

Aber Jörg und Güldenfey waren nicht oft im Haus, denn der Himmel war voller Gnaden und segnete mit Sonnenschein des Eilands kurze Blütezeit, aus deren Nächten selbst das Dunkel floh.

Wie war jetzt die Zier dieses nordisch-armseligen Pflanzenlebens so reich! Von der Ginsterblüte ganz zu schweigen, deren Gold an allen Hängen, in jeder Sandmulde prahlte. Aber da blühten heimlich zwischen kriechendem Wacholder und stachligem Ölweidenstrupp die winzigen Erdbeeren und unendlich zarte blasse Federnelken. Da, wo die silbernen Möwen rasteten, stand starr die glänzende Strahlenkrone der Stranddistel, und Gräser neigten ihre Rispen unter dem Flug des Windes. Die Fetthenne lag wie ausgestreutes Gold auf dem Sand; um Hundszunge und Natterkopf flogen winzige Schmetterlinge, blau wie Lapislazuli, und die Schaumflöckchen der Zikaden schimmerten wie Schnee.

Vor allem aber die Rosenbüsche! Güldenfey kniete ehrfürchtig bei einem jeden nieder, den sie in den Tälern des welligen Geländes traf. Diese seltsamen Rosen der Steppe, die von der herben Feuchtigkeit der Seeluft lebten und deren Duft nicht aus dem blaßroten Kelch, sondern aus den Flächen der grünen Laubblätter stieg, sobald man an sie rührte.

»Sind sie nicht wie ein Wunder, Jörg?«

»Das Wunder der heiligen Armut«, sagte er.

Sie sah verwundert zu ihm auf. »Jörg, du sagst oft so seltsame Worte. Hinter ihnen ahnt man immer etwas Feines oder Tiefes. Ist dies das Geheimnis der Kunst?«

Er schwieg einen Augenblick, dann reichte er ihr die Hand zum Aufrichten.

Sie stand vor ihm und sah ihn erwartend an, und seine Augen glitten über das lichte Blond ihres Haares, über das schmalfließende weiße Mädchenkleid. Du Rose! dachte er.

»Komm mit!« sagte er. »Du sollst das Geheimnis meiner Kunst wissen, du ganz allein. Ich strebe, das zu werden, was du bist.«

»Jörg!« rief sie erschreckt.

»Höre mich an, Güldenfey! Meinst du, die Technik des Handgelenks macht es oder der kühne Gedanke? Das kommt ganz von selbst. Aber ich muß ein von Liebe zur Menschheit glühendes Herz haben, sonst klingt unrein wieder, was Gott in mich hineinsprach. Eitelkeit, Ehrgeiz ersticken; darum ist so viel Papier und Lärm in der Welt. Verstehst du das?«

Sie schüttelte ängstlich den Kopf.

»Du bist ein höherer Mensch, du bist ganz Liebe«, sagt er. »Dein Wesen ist wunderschöne Musik. Wenn ich meine Kunst nicht mehr üben, sondern sie wie du leben kann, dann ist sie echt.«

Güldenfey sah mit abgewandtem Gesicht über das Meer. »Und das ...?« fragte sie.

»Das ist das Wunder der Armut«, antwortete er. »Losgelöst vom Schein und Scheinhaften, fern von dem, was diesen kläglichen Reichtum des Erfolgs verspricht; nur der Liebe dienen, weil sie verpflichtet.«

Sie legte beide Hände auf ihr klopfendes Herz. Sprechen konnte sie nicht. Wie weiß er das alles? dachte sie. Wie kommt das alles in ihn? Uns Menschen des werkenden Blutes liegt das doch fern. --

Diese Abende auf Heilisoe waren unbeschreiblich. Der Himmel war das Spiegelbild der Zeit: eine große klaffende Wunde, und unter ihm lagerte tiefblaues Gewölk wie eine steinerne Schale, deren Rand in gehämmertes funkelndes Silber gefaßt ist, die feierlich das tropfende Blut empfängt. Der Wind wellte die Wasser wie ein zartes Frauenkleid und schrieb auf die Fläche krause Zeichen, die bald zerrannen. Dann spaltete sich das Licht des Abends in flammendes Orangengelb und dunkles Veilchenblau, und die Schatten verdichteten sich um die Segel der Fischerboote, die in der Ferne wie große Vögel schwammen.

So sahen sie es von den Hünenhügeln aus, wo um die Stelle, da der Opferstein gestanden, am Fuße eines uralten verkrüppelten Weißdorns die Sternmiere blühte.

»Weißt du es auch, Jörg?« fragte Güldenfey leise.

»Was soll ich wissen, Kind?«

»Das von Balzer Treß, dem Fliegenden Holländer?«

»Ich habe einmal flüchtig davon gehört«, sagte er zerstreut. »Es ist lange her. Erzähle!«

Aber Güldenfey verschloß sich. »Morgen gehen wir an das Grab der goldenen Heiligen, dort will ich sagen, was ich von Ose darüber hörte. Man muß gesammelte Sinne dafür haben.«

Der Hügel, den sie das Grab der goldenen Heiligen nennen, lag mitten im bestellten Acker. Wildbirne, Ahorn und Eiche boten den Vögeln Nistzuflucht, und gelbe Wicken wuchsen am Fuß der Erdhöhung, unter der die besonders Erwählten der Zisterzienserbrüderschaft ruhten.

Im Schatten dieses in Stille gebetteten Gehölzes lagen sie, und dort erzählte Güldenfey. Jörg hatte den Kopf in die Hand gestützt. Der rote Ampfer auf dem fernen Hügel, der blaue Saum der See erregte sein Auge, aber seine Seele fuhr mit dem Ruhelosen durch die Wüste der Meere ... Irgend etwas gestaltete sich in ihm. Er atmete tief. Wo geht der Weg nach Heilisoe?

»Es ist wunderbar, Güldenfey«, murmelte er.

Sie schob sich näher an ihn. »Das Wunderbare ist dies, Jörg: Malte sieht ihm ähnlich. An dem Abend hab' ich es gefunden. Er hat auch soviel Unruhe in sich, er will erwerben, immer erwerben. Du kennst seine neuen Pläne. Glaubst du, daß Vorgänge in einem Geschlecht sich wiederholen können?«

»Alles wiederholt sich.«

»O Jörg, wie furchtbar! Möchtest du nicht mit ihm einmal reden?«

Er richtete sich auf. »Ich, Güldenfey? Nein. Wir verstehen einander nicht, besonders würde er mich nicht begreifen. Äußerlich ist ja zwischen uns alles geschlichtet. Wir Treß halten zusammen. Doch in seinen Augen bin ich ein Narr.«

Seit diesem Morgen war etwas über Jörg gekommen, das Güldenfey endlich auffiel. Warum sah er sie so fragend an, als sie ihm am Strand, wo zwischen den großen Blöcken das Wasser quirlte, den honiggelben Blasentang wies, der sich an einen winzigen Kiesel klammerte, um diesen als Lot und Ballast für seine Fahrt zu benutzen?

Sie fragte, was er denke.

»Ich dachte an dich, Güldenfey«, sagte er. Und als sie ihn erstaunt betrachtete: »Ich fürchte, es könnte sich einer so an dich klammern. Malte mag seinen Weg gehen und Harro auch. Du aber hast deine eigene Richtung. Sie sollen dich nicht um irgendwelcher Pläne willen herausdrängen.«

Er faßte zärtlich bittend ihre Hand. Sie verstand ihn nicht und zuckte hilflos die Schultern.

Da sagte er ihr, daß Onkel Rolf nach dem Hochzeitsmahl in erwärmter Stimmung Malte den Vorschlag gemacht habe, seinen Sohn Klaus, der als abgedankter Hauptmann neue Tätigkeit suche, in die Firma aufzunehmen. »Er sprach unumwunden aus, Klaus wolle dich heiraten.«

»Und was sagte Malte?« fragte sie.

»Malte äußerte sich vorsichtig wie bei jedem neuen Geschäft.«

Plötzlich begann Güldenfey zu lachen. Sie stellte sich Klaus vor, wie er in seinem tadellosen Zivil durch die Straßen ging, mit verdüstertem Gesicht sorgfältig um jede Wasserlache herumstieg. Seine schlaffen roten Wangen, seine niedergezogenen Mundwinkel! Sah er nicht aus wie ein Schauspieler, der in seiner Glanzrolle ausgepfiffen war und der nun die Welt ob ihres Undanks verklagte?

»Was meinst du?« fragte er.

Sie lachte noch immer. »Laß doch das, du großer Junge! Verlohnt es sich denn, davon zu reden?«

Er war beruhigt. »Aber ruf mich, wenn sie dich bedrängen«, sagte er. »Die eines Geistes sind, sollen beieinanderstehen.«

Jörg ging, etwas zu holen, was er im Hause vergessen hatte. Güldenfey sah ihm nach, wie er auf dem schmalen Steig in der Svantevitbucht die Dünen emporklomm.

Wir, die eines Geistes sind! Ja, waren denn Jörg und sie wirklich andre als die älteren Brüder? Hatte alle nicht ein Schoß getragen? Waren sie vier nicht unter dem gleichen Herzschlag dem Leben zugewachsen?

Das glasgrüne Wasser spülte über die Kuppen der Blöcke und fuhr gurgelnd um die kantigen Flächen. Wie von Riesenfäusten geschöpft, floß der Gischt über sie hin. Die sich wider ihn stemmten, schliff er in geduldiger Arbeit glatt, die abgewandten blieben rauh. Es war hier wie im Menschenreich.

Sie sah auf, ob der Bruder bald wiederkehre. Das Gefühl einer zärtlichen Verbundenheit erwärmte sie. Ja, sie und er gehörten zusammen, sie spürte es ganz deutlich. Sie mußte ihn fragen, wie es möglich war, daß er dieses Unterschieds sich bewußt geworden.

Doch als er kam und von andern Dingen sprach, hielt sie die Frage zaghaft zurück. --

Und an einem Nachmittag trafen Harro und Marfa ein. Telge hatte die große Flagge gehißt und sah bewußt auf die junge Herrschaft, die das Boot am Bollwerk erwartete, als erwarte er besonderes Lob.

Wie hatte ihr junges Frauentum Marfa verändert! Ihre Hingabe an den Mann prägte jedes Wort und jeden Blick, und sie ging nicht von seiner Seite. Sie sollten im Treßhof wohnen, aber Harros Wirkungsfeld war die Hauptstadt. Er sprach davon, daß er bald abreisen müsse. Die Angst, sie solle ohne ihn sein, stand wie ein Gespenst hinter jeder ihrer blumigen Stunden.

»Nicht wahr, Güldenfey, du wirst sie trösten?« fragte Harro.

»Aber ja!« sagte Güldenfey und liebkoste Marfas Hand. »Denk nur, Marfa, er kommt oft herüber. Und jedesmal die Freude des Wiedersehens!«

»Und jedesmal ein Abschied!« sagte Marfa.

Harro war in fröhlichster Laune. Es gefiel ihm, daß er die Seele seiner Frau ganz erfüllte, und seine Worte wurden wieder von dem lauten Ton getragen, den während der Brautzeit ein bittendes Werben gesänftigt hatte.

»Marfa kann jetzt richtig lachen, ich hab' es sie gelehrt«, rühmte er. »Paßt auf, ich will es euch beweisen.«

Sie standen auf der überdachten Terrasse, Harro ging und kam bald darauf mit Telge zurück.

»Telge wird uns den Panitzenschuhtanz vorführen«, erklärte er. »Nun, Telge, zeigen Sie, daß Sie noch mehr können als steuern.«

Und Telge hockte nieder, sprang und sang in seiner Mundart, wobei er fortwährend seine Schenkel schlug: »Juchhe, Panitzenschauh! Juchhe, Panitzenschauh!«

Er war sehr komisch, und Marfas Lachen erscholl wirklich herzhaft, aber sie blickte dabei Harro an, ob er nun zufrieden sei. --

Ein selbstverständliches Gefühl ließ Jörg und Güldenfey am nächsten Tage weiter ihre stillen Wege suchen. Auf dem Vogeleiland, einer Heilisoe vorgelagerten flachen Erdwelle, waren sie noch nicht gewesen, dorthin wollten sie, bevor Jörg abreiste. Der dürre Sand war mit bleichen Kieselbrocken durchmengt, der Wind bog das harte Strandgras und schrieb mit den Spitzen wie mit Griffeln seltsame Zeichen in den Sand. Strandläufer und Kiebitze schrien kläglich, und emsige Spinnen, winzig klein, hasteten über Vogelspur und um die Reste braungesprenkelter Eierschalen.

Soll ich ihn fragen? dachte Güldenfey. Aber auch in dieser weltfernen Abgeschiedenheit schloß etwas, das warnte, ihren Mund.

»Ob Telge morgen zeitig genug hier sein wird?« fragte Jörg, als sie am Strand zurückgingen. Malte hatte das Boot durch Fernspruch zur Stadt befohlen.

»Also wirklich morgen?« sagte Güldenfey. »Jörg, ich muß ... glaub' mir, ich ~muß~ dich etwas fragen.«

»So frag' doch, kleine Güldenfey.«

»Es ist etwas, das nur dich angeht, aber nach diesen herrlichen Tagen der Gemeinsamkeit ... Und glaub' mir, ich hüte es heilig.«

Sie waren bei den verlorenen Steinen angelangt, zwischen denen farbige Algen schwammen.

»Ich habe kein Geheimnis vor dir«, sagte Jörg. »Laß uns niedersitzen. Was willst du wissen?«

Güldenfey faltete die Hände um ihre Knie. »Du bist für die Musik bestimmt, Jörg. Doch da ist noch etwas andres in dir, das, was du die große Liebe nanntest, das, was den meisten, auch in unsrer Familie, fremd ist. Mutter hat es gehabt. Wie aber hast du es in dir gefunden?«

Er sah lange auf das Meer, als suchten seine Augen ein Bild, das in weiter Ferne lag.

»Es ist mein größtes Erlebnis«, sagte er endlich innig und ungewöhnlich zart. »Es war, als es mich draußen haschte. Die andern waren zurückgeflutet oder tot. Ich war in eine Sandmulde gekrochen. Seltene purpurrote Blumen standen in der Dürre, große Steine lagen umher. Wie hier. Mein zerrissenes Bein brannte wie im Feuer, die Sonne stach. Meine Sinne vergingen und wachten wieder zur Klarheit auf. Dann spürte ich Hunger und den fürchterlichsten Durst. Ich versuchte, mich fortzubewegen -- es war unmöglich. Die Nacht mit ihren Kälteschauern brachte keine Erfrischung. Als die Sonne wieder aufging, wußte ich, daß ich, von allen verlassen, sterben sollte. Noch deckte mich der Schatten einer fernstehenden Baumgruppe. Aber ich glaubte, daß die Sonnenstrahlen, wenn sie mich erreichten, den letzten Rest von Kraft aus mir saugen würden.«

Güldenfey rührte ihn an. »Jörg, Jörg! Und hier tranken wir und aßen wir und haben das nicht gewußt.«

»Plötzlich bäumte sich alles in mir gegen den Tod auf. Leben, um jeden Preis leben! Ich hatte ja noch viel zu tun, ich wollte den ungesungenen Liedern nachgehen! Da sah ich unter den Bäumen einen Mann stehen; hinter ihm hing die Sonne ihren Strahlenmantel auf. Ich weiß nicht mehr, wie er gekleidet war: anders, als wir uns kleiden, war er und doch nicht fremdartig. Ich wollte ihm winken und konnte nicht, und kein Ruf kam mir vom Mund. Ich bemerkte, daß er mich nicht sah. Er blickte über mich hin. Als ich den Kopf in die Richtung wandte, sah ich auf dem Stein neben mir einen andern sitzen, den schaute der Mann an. Der andre sah aus ... hast du meine Zeichnung von dem Götzen des Geldes gesehen? Das war er! Als ich den andern betrachtete, redete er mich an: ›Du willst leben? Wohlan, sage zum Stein, daß er Wasser gebe. Er wird es tun, sobald du mir deinen Hunger und Durst verpfändet hast.‹ -- Nimm hin! wollte ich rufen; aber in der Fülle meiner leiblichen Qual empfand ich doch die Warnung: Du gibst Unwiederbringliches hin. Was sollte ich tun? Ich blickte mich nach dem Mann unter dem Baum um, als müsse mir Rat von ihm kommen, und mir war, als sage sein Blick: Was wärest du ohne Hunger und Durst! Ich schüttelte den Kopf.

›Du willst nicht‹, sagte der andre. ›Aber Ehre für deine Tapferkeit willst du ernten. Ich verspreche dir Unsterblichkeit, wenn du mir erlaubst, dein Gewissen umzubringen. Es ist eine Kleinigkeit!‹ -- Ich fühlte es heiß in mir ringen. Da blickte ich auf den stillen Mann, der wiegte langsam das Haupt. -- ›Geh!‹ rief ich den andern an, aber er ging nicht, er stand nur auf.

›Ich sehe, dir ist es um Glück zu tun‹, sagte er und machte eine herrische Gebärde. ›Alles Glück verschaffe ich dir -- nur erlaube, daß ich dort, wohin du Tag und Nacht vergebens geschaut hast, einen winzig kleinen leeren Raum schaffe. Nur so groß wie ein Stecknadelkopf, aber völlig leer.‹ -- Als ich sein starres Lächeln sah, da ... ich weiß nicht, was ich tat. Ich glaube, ich habe mich aufgerichtet und nach dem Mann unter den Bäumen meine Arme weit ausgebreitet. Der kam ruhevoll auf mich zu. Als ich im Feldlazarett erwachte, sah ich meinen Weg vor mir liegen und wußte, daß ich ihn gehen würde.«

Die Wellen spülten an den Strand. Sie saßen beide am Saum der Unendlichkeit und schwiegen.

Endlich seufzte Güldenfey tief auf. »Ja, du sollst ihn gehen, Jörg, und ich halte zu dir. Aber erkläre mir ...«

»Heute nicht mehr, Kind.«

Er deutete den Strand hinunter: da kamen Marfa und Harro, und der neben ihnen ging, war das nicht Malte? Er war es, sein Gesicht war bleich und völlig verschlossen. Harro schien sehr erregt und hieb einige Male heftig durch die Luft.

»Habt ihr es gehört, das Schändlichste, was je die Hölle ausgeheckt?« rief er schon von weitem. »Wir sind verurteilt ohne Verteidigung, vergewaltigt, hingerichtet, für alle Zeit geschändet.«

Was war geschehen? Was sollten sie gehört haben? Seine Erregung schlug wie ein Lavaausbruch in die Stille.

»Malte hat die Nachricht gebracht. Sie haben unserm Volk die Bedingungen diktiert, unter denen wir leben, was sage ich! verrecken dürfen. Mit gebundenen Händen mußten wir es anhören. Maul zu, oder wir schlagen! Gekreuzigt und verlästert, um endlich erstochen zu werden.«

So hatte Harro noch keiner gesehen. Aber in der Glut dieses flammenden Zorns erschien er schön und von allem Schlackenhaften seiner Art gereinigt. Marfas Hände umschlossen seinen Arm. Wie sie ihn anblickte, schien es, als fürchte und liebe sie ihn zugleich.

»Malte, sag' es ihnen. Ich will es wieder und wieder hören. Mein Haß ist gefräßig und soll satt werden.«

Malte war sachlich, er zählte das Schandregister auf: Entmannung, Überwachung, Aussaugung, diese zerquälende Folge der den Menschheitgesetzen hohnsprechenden Gewalttaten, dieses Saatbeet der Angeberei, des Verrats, der niedersten menschlichen Triebe.

Der Wind war aufgekommen, der die Wellen heftig gegen den Strand warf. Es war ein wildes Schäumen um die Blöcke. Tat die Natur ihren Mund auf, um wider die sich zerfleischende Menschheit zu zeugen?

»Man weiß nicht, was das Ärgste darin ist!« stöhnte Harro, als Malte geendet hatte.

»Das weiß man wohl«, sagte Jörg. »Daß wir die Lüge, die wider uns ersonnen ist, als Wahrheit ausgeben sollen.«

Güldenfey trat plötzlich mit erhobener Hand vor: »Jörg, das ist es, was du erzählt hast: der Mord des Gewissens.«

»Halt, Güldenfey, sag' das noch einmal!« rief Harro. »Mord des Gewissens. Das will ich mir merken. Ich hab' es mir zuweilen gewünscht, daß es hier innen still sei. Es gibt Dinge ... Einmal lag ich morgens draußen in einem Loch. Da kam einer von drüben, der sich im Nebel beim Essenholen verlaufen hatte. Er sang laut vor sich hin. Ich ließ ihn, Gewehr im Anschlag, näher kommen; dann fiel der Schuß. Er hatte einen leichten Tod. Wie viele in meinem Feuer lagen, das weiß ich nicht, will es auch nicht wissen. Aber dieser eine Mann macht mir oft Unruhe. Es ist unbequem, aber es ist doch wohl gut.«

»Quält dich die Erinnerung auch jetzt noch?« fragte Marfa.

»Seit ich dich habe, nicht mehr«, sagte er. »Malte, was können wir jetzt tun?«

»Tätig sein«, erwiderte Malte knapp.

Er war während der Erzählung des Bruders zur Seite getreten. Jetzt zog er die Uhr. »Ich bin nur gekommen, weil ich dachte, die Nachricht sei sehr wichtig für dich. In einer Stunde fahre ich.«

»Natürlich«, sagte Harro. »Man wird mich in Berlin erwarten.«

Er war so erregt, daß er nicht daran dachte, mit Marfa sich zu besprechen. Es war ja alles aufs beste geregelt: sie blieb im Treßhof, ihn forderte das Leben.

»Ich fahre mit ihnen«, sagte Jörg zu Güldenfey.

»O Jörg! So enden unsre schönen Tage!«

Aber sie erkannte, daß, nachdem dieser Schlag gefallen war, auch auf den Dünen von Heilisoe kein Platz für die Freude mehr sei.

Die überstürzte Abreise der Brüder glich fast einer Flucht. Die beiden Frauen standen am Bollwerk und winkten dem Boot mit matten, hoffnunglosen Händen nach.

In der Ferne tauchte die siebentürmige Stadt auf. Jörg stand vorn am Steven und nahm das Bild in sich auf. So blickten einst die heimkehrenden Hanseaten stolz der Heimat entgegen, wenn sie von reichen Fahrten zurückkamen. Was sie heimbrachten, sollte der Stadt Zierde sein, der Heimat Ruhm. Heute? Die Jetzigen dachten nur an Selbstbereicherung. Das war der Weg zur wahren Freiheit nicht. Aber wo war der zu suchen, der Rückweg nach Heilisoe?

Das Volk in Not

Was für ein Treiben begann jetzt im Haus am Markt? Die Herren vom Rat staunten, man sprach bei den sonntägigen Zusammenkünften im alten verräucherten Weinkeller davon; die Olrogges machten runde Augen. Der alte Aldermann des Schneidergewerks wartete nach einer erregten Sitzung im Vorsaal auf Onkel Rolf, um ihn zu begleiten.

»Herr Justizrat, ist es wahr, was ich hörte? Ihr Neffe wird eine Bank eröffnen?«

»Sie sind recht berichtet, Herr Hofmeister.«

Der weißbärtige Herr schüttelte den Kopf: »Sehr schön, Herr Justizrat, ich bewundere Malte Treß. In dieser Zeit, da keiner weiß, was uns widerfahren kann, wie sich alles auswirkt ...«

»Ich bewundere ihn auch. Ich habe immer etwas übrig für Leute, die den Kopf in Zeiten der Not hoch tragen. Jetzt erst recht! Wir Alten sind mürbe geworden und verstehen das nicht mehr.«

Als er seinen Weg allein fortsetzte, verdüsterte sich sein Gesicht wieder. Er würde es keinem sagen, daß er Malte doch ernstlich abgeraten hatte.

Maltes Mund war fester geschlossen als bisher, die Züge seines Gesichts waren gestrafft, seine Blicke gingen immer, wenn er sprach, über den Angeredeten fort. Herr Häberle hatte den Eindruck, als sähe sein Chef auf einen Punkt, den er unter keinen Umständen aus dem Auge verlieren dürfe. Nur wenn jemand etwas sagte, das entfernt einer Warnung vor allzu kühnen Wagnissen glich, konnte er den Sprecher so erstaunt anblicken, daß dieser jeden Einwand aufgab.

Die Schreibstuben waren in den Treßhof verlegt. Im unteren Stockwerk des Hauses am Markt klopften und hämmerten Maurer und Zimmerleute. Das Vorderhaus war neuzeitlich, aber von dem einstigen Giebelhaus ragte in den Hof noch der alte Flügel mit den Kemladen, jenen Gemächern im Halbdunkel, zu denen man über unzählbare Stufen, hinauf und wieder hinab, gelangte. Alles wurde jetzt nutzbar gemacht.

Malte trieb die Arbeitenden an, da der Umbau mit dem Ausgang des Winters beendet sein mußte, doch bei ihnen stieß sein fieberndes Eilen auf eine starre Wand. Er mußte verdrossene Worte hören, und die verwundert-gebieterischen Blicke prallten wirkunglos ab.

»Herr Häberle, die Leute arbeiten zu langsam!«

Häberle rückte seine Brille gerade. Verstand denn der Chef die Zeit so wenig? »Herr Konsul, die Menschen können sich nicht an den Gedanken gewöhnen, daß wir arm sind und Arbeit unser einziges Kapital bleibt. Sie glauben an den großen Wechsel in ihrer Tasche.«

Malte zuckte die Schultern. Sein Beispiel mußte sie anstecken, er würde sie schon mit sich reißen. Er selbst arbeitete unermüdlich. Ausruhen? Wozu? Nach wenigen Stunden Schlaf lag er doch wach, und im Dunkel und in der horizontalen Lage arbeiteten die Gedanken ungestümer denn je. Erholung? Bah, er war aus altem Holz geschnitzt! Der Weg vom Markt zum Treßhof, vier-, sechsmal am Tage, genügte ihm vollauf.

Die in den Schreibstuben saßen, mußten mit. Sie stöhnten, sie schalten, aber sie fügten sich. Wer nicht mitlaufen konnte, wurde abgelohnt. Es waren genug brotlose Leute da. Zehn für einen.

Auch Herr Häberle stutzte. Arbeit wurde ihm so leicht nicht zuviel, aber er vermißte den Ausblick auf die Weite des Weges, den der junge Chef eingeschlagen. Warum tat der so geheimnisvoll? Er versuchte zu erkennen.

Malte besprach einmal mit ihm ein Vorhaben. Häberle riet ab.

»Warum fehlt Ihnen seit einiger Zeit das Vertrauen?«

»Herr Konsul, diese ungeheuren Wertmassen, die auf dem Papier stehen, deren Verzinsung allein den Geldvorrat der Welt übersteigt, werden uns in eine Sackgasse jagen, aus der keiner herausfindet.«

»Wollen Sie gegen den Strom schwimmen?«

»Nein, aber ich denke an unsern Namen. Die Valuta beruht auf dem Glauben, daß der Schuldner einlösen kann. Das muß mehr als eine Annahme sein, es wird aber allmählich zum Begriff.«

Er machte sich an seiner Brille zu schaffen. Malte überlegte und stand plötzlich auf.

»Sie haben recht, Herr Häberle. Aber wir tragen keine Verantwortung, denn wir müssen mitmachen. Gedulden Sie sich noch ein wenig, und Sie werden sehen, daß ich in dieser Wirrnis erkannte, was zu tun nötig war.« --

Endlich waren die Werker im Haus am Markt fertig, und die Schreiber und Rechnungführer hielten in die Räume, in denen es nach Kalk, Farbe und frischem Holz roch, ihren Einzug.