Part 11
Doch Heilisoe bot ihr nicht die Ruhe wie einst. Nein, gewiß nicht, sie schaute nicht nach den gewaltigen Türmen aus, die an sonnenhellen Tagen im Süden aus dem Dunst der Ferne auftauchten; sie bemühte sich, nicht an ihre Armen dort zu denken, und war um Marfa eifrig bemüht. Doch alles, was sie einst so erfreut und was ihr Jörg gedeutet hatte, weckte in ihr die Sehnsucht nach dem Bruder, der seit drei Jahren nicht heimgekommen war.
Was hatte er an dieser Stelle gesagt, wo sich die blauen Glockenblumen über den Rand der narbigen Dünenwand neigten und die silbergrünen Ölweidenbüsche sich fest an den Abhang klemmten? Und hatte er nicht die Insel mit einer Brücke, aus der Zeit in die Ewigkeit führend, verglichen, als sie am Abend droben auf den Königsgräbern standen und das unruhige Zucken des Blinkfeuers über das Land huschte? Und die Käuzchen schrien um die Dämmerungzeit wie damals, und der Wind griff wieder mit lichtfrohen Händen in das Gewölk und zerrte den grauen Flaus, den er zerrissen, auseinander.
Ja, es war alles wie einst, aber es fehlte Güldenfey der Mund, der diese Sprache gedeutet hätte. Es wäre so gut gewesen, wenn sie das, was sie empfand, hätte ausdrücken können, schon um Marfas willen, die so schweigsam wurde.
Marfa liebte nicht den nördlichen Strand, wo sich die hohen zerrissenen Dünenwände gegen die brausende Flut stemmten, von wo aus man in die ungemessene Ferne blickte, aus der vor vielen Jahrhunderten auf hochgeschnäbelten Schiffen die Väter gekommen waren. Marfa suchte viel lieber das südlich gelegene Flachland auf, um das der Gesang des Meeres gedämpfter klang.
Da war die Heide, deren Färbung, blaßviolett wie in der Sonne verblichener Samt, dem Lande ein kränkliches und doch ehrwürdiges Aussehen verlieh. Wo die Narbe des dürren Pflanzenwuchses fehlte, schimmerte grell der weiße Sand, von harten silbernen Gräsern gesäumt. Oder es blinkten wie verschlossene Augen tintenschwarze Wassertümpel aus dem Binsenkranz. Ganz vereinzelt drückten sich in Sandmulden zwerghafte verbogene Föhrenbüsche oder winzige Weiden, die wie silberne Myrten erschienen, und denen der immer hastige Wind kein Wachstum gestattet, sondern nur ein bescheidenes Vegetieren.
Hier fühlte Marfa sich wohl, hier konnte sie tatenlos liegen und in die Ferne schauen. Iphigenie! dachte Güldenfey.
Und an dem Ufer steh' ich lange Tage, Das Land der Griechen mit der Seele suchend.
War das immer noch ungestillte Sehnsucht nach dem Manne, den sie in dieser Fremde gewonnen hatte und doch nicht besaß? Güldenfey erschien es zuweilen, als sei dies Verlangen nach Harro nur der Name für Tieferes, Unausgesprochenes, was die Seele dieser Frau in sich barg.
Es war gut, daß Hanna Wilkens da war. Ja, das hatte sich Güldenfey ausbedungen: dieses kleine verblichene Nähmädchen sollte zu seiner Erholung einige Wochen in Sonnenschein und Seewind gebadet werden. Malte hatte Bedenken geäußert, aber Frauke hatte in ihrer Art die Schultern gehoben und gesagt: »Warum nicht?« Damit war es entschieden gewesen.
Hanna Wilkens blühte auf, daß es eine Freude war. Sie wollte durchaus etwas arbeiten, doch das litt Güldenfey nicht; sie sollte stilliegen und höchstens Güldenfey Rat erteilen, was man tun könne, um den Armen in der Stadt zu helfen.
»Die Armen!« sagte sie. »Ach, die wohnen nicht allein in den Häusern der Sachsenvorstadt, die Sie aufsuchen, Fräulein Treß. Aber die alten Stiftsdamen in den Klöstern und die Weiblein und Männlein in ihren verräucherten Stuben leiden bittere Not. Sie leiden vor allem darunter, daß niemand sich um sie kümmert.«
Güldenfey hob beide Hände: »Ich wollte ihnen allen helfen, aber ...«
»Sie, Fräulein Treß?« sagte Hanna und sah Güldenfey gläubig an. »Sie dürfen nur lächelnd und mit einer Blume zu ihnen ins Zimmer treten, und alles ist gut.«
Ein wenig Freude! dachte Güldenfey. Und sie dachte an den Garten hinter der Mauer. Hatte sie nicht schon früher die Blumen in ihm für arme sonnenlose Zimmer gepflückt? Sie konnte es kaum erwarten, bis die Stunde schlug, in der Telge mit dem Boot kam, um sie abzuholen.
* * * * *
Sie nannten ihn den vergessenen Garten, weil er, von wenigen gekannt, in einem abseitigen Winkel der alten Stadt lag. Gegen das Meer zu deckte ihn der Rest der wehrhaften Stadtmauer, und der Chor der alten Klosterkirche St. Johannes Evangelist sah von der andern Seite aus altersdunklen hohen Fenstern auf ihn herab. Dann war noch eine Hauswand da, aber von Süden her hatte die Sonne ungehindert Zugang zu ihm.
Wer ihn aufsuchen wollte, mußte die Winkelgänge des alten Klostergebäudes kennen und sich in dem Gewirr der Stiegen und Häuschen zurechtfinden, die willkürlich und nach jeweiligem Bedarf hier errichtet waren. Der Großvater Treß hatte ihn von der Stadt übernommen; keiner hatte sich um ihn gesorgt, bis Güldenfey ihn entdeckt und als Ziergarten mit Mellins Hilfe hergerichtet hatte.
Mellin, der etwas von der Gärtnerei verstand, wirkte hier unermüdlich. Zwar war er in den mageren Jahren wiederholt an Güldenfey mit dem Vorschlag herangetreten, man müsse Gemüse bauen. Doch dann hatte sie ihn nur angeblickt.
»O, Mellin, meine Blumen, meine Freude!«
Im Frühling, wenn die Sonne die Höhe ihrer Bahn noch nicht beschritten, war das Blühen in dem vergessenen Garten spärlich. Aber welche Zier begrüßte Güldenfey, als sie von Heilisoe zurückkehrte! Das wilde, inbrünstige Blühen des Sommers war zu ihrem Empfang bereit: Löwenmäuler schwefelgelb, purpurn und elfenweiß; Strohblumen von tiefem Blutrot; Rudbeckien, Astern und Georginen schufen ganze Wolken von Bunt um den violenfarbenen Phlox; Stiefmütterchen, späte Rosen und besondere Veilchen blühten, und die zarten Lackfarben der Gladiolen schimmerten wie fließendes Wachs.
In der tauigen Frühe des Sonntagmorgens war Güldenfey schon dort. Sie hatte sich Hanna Wilkens und eine ihrer Schwestern bestellt, die die Sträuße binden sollten, die man später austragen wollte. Sie selbst schritt wählerisch unter ihrem Reichtum umher und schnitt Verbenen, Zinnien und Studentenblumen, dunkelblauen Eisenhut und Honiggold. Und jede Blume, die sie schnitt, empfing einen Wunsch, den sie weitertragen sollte.
»Hanna, hier müßten Sie noch eine brennend rote Salvie dazutun, damit es leuchtender wirkt. Und dieser Levkoienstrauß sollte noch ein paar Kosmeen oder Geißblumen tragen.«
Kresse, Astilben und die Wicken am Zaun, deren bunte Blüten wie Schmetterlinge in der Luft schwebten, gaben unerschöpfliche Reichtümer her.
Dann gingen die Mädchen, und Güldenfey blieb allein, während das Geläut der Glocken wie Bienensummen über die Stadt zog. Nur die Klänge von St. Johannes sanken hallend auf die Blumen des vergessenen Gartens und überließen sich hier erst dem Wind, der von der See kam.
Der vergessene Garten! Güldenfey setzte sich auf die Bank und sann. Dort oben hinter den Fenstern der Häuschen und der Klosterräume wohnten die alten Männer, deren Leben lautlos verrann. Einige von ihnen erhoben sich noch am Morgen von ihrem schlaflosen Lager, rückten den binsengeflochtenen Stuhl zurecht und strickten Strümpfe und Netze. Andre aber zogen die Ärmelweste an und saßen, ihre Arme auf die Knie gestützt, den Tag über auf dem Bettrand, und während sie das bärtige Gesicht in den Falten ihrer schwieligen Hände verbargen, warteten sie auf den Tod. Zuweilen erhoben sie sich und schauten mit unbewegten Mienen in den blühenden Garten hinunter, der ihnen seine Düfte und Farben entgegenhob. Was an Gedanken mochte durch diese altersweißen Köpfe gehen? Oder ob sie mehr nicht dachten als das eine, daß der Tod sie vergessen habe, wie das Leben diesen blühenden Gartenfleck?
Und ergraute Damen waren dort drüben mit Löckchen vor den Ohren, dünnen Ringen, die verschlissene Türkisen faßten, auf den welken Fingern und mit erloschenen Augen. Das Alter hatte ihren Gestalten die Zierlichkeit jugendlicher Jahre wiedergegeben, aber die Not der Zeit hatte ihre schwarzen Abendmahlsgewänder fadenscheinig und grau gemacht. Und auch sie saßen, wenn der Wind vom Meer nicht durch die morschen Rahmen blies, auf ihrem Fensterplatz, und an warmen Sommerabenden öffneten sie einen Flügel und lehnten sich ein wenig hinaus, um in ihr welkendes Dasein etwas von dem Nelkenduft ihrer blumigen Mädchenzeit fließen zu lassen. Aber sie waren wie die rostigen Schlüssel der weihnachtlichen Bescherungstuben, die man von außen verschließt: sie sehen, wenn sie in das Schlüsselloch gesteckt werden, alle Herrlichkeiten dort innen und kommen doch selbst nicht hinein. Wenn die Sonne sank, schlossen sie das Fenster wieder, wanden die Gewichte ihrer Uhren auf und lauschten auf die blechernen Schläge bis Mitternacht. Und vielleicht kam dann zögernd der Schlaf und schenkte ihnen einen Traum.
Es ist alles nur ein Warten, dachte Güldenfey, bei diesen und jenen, bei Marfa und den hungernden Menschen. Auch bei mir? Nur ein Warten?
Güldenfey horchte auf. Kamen da nicht Schritte, und hatte die Pforte nicht geknarrt? Als sie den Kopf wandte, erkannte sie Thomasius, der hell und grüßend auf sie zukam.
»Störe ich auch nicht Ihre Sonntagsfeier?« fragte er.
»Aber Sie?« fragte Güldenfey. »Es ist doch die Zeit des Gottesdienstes!«
Er erklärte, daß er heute frei sei und die Alten besucht habe, denen der Gang zur Kirche beschwerlich war.
»O das ist schön!« rief sie. »Gerade habe ich an die Altersschwachen gedacht und was ihnen das kümmerliche Lebensrestchen noch bedeutet. Wir haben für sie die Blumen dieses vergessenen Gartens gebunden.« Sie deutete auf die Sträuße, die im beschatteten Gras lagen.
Thomasius sah nicht die Blumen, er blickte Güldenfey an, und in seinem bewundernden Blick war etwas, das sie verwirrte. Was er nicht aussprach, das sagten seine Augen: Du selbst bist der vergessene Garten, aus dem vielen eine reiche Labe fließt. »Ich besitze etwas, das ich Ihnen bringen wollte«, sagte er. »Nun sah ich Sie hier vom Fenster aus und dachte, es Ihnen gleich zu geben. Es ist mir eine Genugtuung, der Freudespenderin einmal auch Freude machen zu können.« Er entfaltete ein Zeitungsblatt und reichte es ihr. »Von Jörg Treß wird über sein letztes Konzert berichtet. Lesen Sie, wie warm und anerkennend!«
Er beobachtete heimlich ihr Gesicht, während sie las. Die rote Welle der Freude stieg in ihre Wangen und höher, bis an die Wurzeln ihres lichten Haares. Es war, als teile sich ihm ihre Empfindung mit und ziehe seine Seele an die ihre. Du Feine, du Güldene! dachte der Mann.
Als sie am Ende war und tief atmend aufblickte, nahm er das Blatt und wandte es um. »Noch etwas«, sagte er.
Ein Artikel: Vom ungelebten Leben! Und Jörg Treß zeichnete als Verfasser.
Ja, sie wußte darum, wie Jörg seine Kunst ausübte; aber hier sprach er es klar und schön aus und stellte es allen als sein hohes Ziel vor: Keine Folge blendender Musikvorträge in den Konzerten, bei deren Anhören sich einige etwas, die meisten nichts dachten, sondern die Perlen großer Meister ausgereiht auf das vermittelnde und bindende Wort des Vortragenden in gewählter Form. Erst wenn die Kunst wieder gottesdienstliche Handlung wird, erst dann werden wir ihr Wesen erleben.
»Wie wahr ist alles, was er sagt!« rief Güldenfey. »Er hat große Gedanken und ein reines Herz. O, ich liebe ihn!«
Sie sagt es inbrünstig wie eine Braut, dachte Thomasius, und eine kleine eifersüchtige Regung schwoll in ihm auf. »Sagen Sie das nicht«, bemerkte er lächelnd.
Sie blickte ihn verwundert an.
»Es könnte eines Tages jemand des Weges kommen,« fuhr er ohne scherzenden Beiklang fort, »der stillsteht, wenn er Sie sieht, und anklopft. Ich glaube, er wäre traurig, wenn er die Tür verschlossen fände, in die er einzutreten wünscht.«
Güldenfey sah in ihren Schoß. An ihrem Kleid haftete noch ein Stiefmütterchen; sie nahm es und drehte den Stengel zwischen ihren schlanken Fingern. Dann schaute sie auf und erkannte, daß seine Worte bedeutsam waren. »Wer glaubt, hier anpochen zu müssen,« sagte sie ruhig, »wird wissen, daß er alle, die schon darinnen sind, nicht ausweisen darf.«
»Nicht ausweisen!« entgegnete er zögernd. »Aber --«
Sie wiegte langsam den Kopf. »Es hieße an dem Reichtum der Liebe zweifeln.«
»Sie haben völlig recht!« sagte er überzeugt. »Wollen Sie mir das Stiefmütterchen wohl schenken?«
Güldenfey reichte ihm die Blume und erhob sich. Sie ging den Gartensteig entlang und bückte sich nach den Sträußchen. Dann kam sie wieder zurück. Seine Blicke umfingen zärtlich diese schlanke, lichte Mädchengestalt, die voll reifen Frauentums war.
»Ich muß jetzt gehen«, sagte sie, und er erhob sich, um sie zu begleiten.
Advent
So voll Sorge und Bangigkeit war noch kein Winter gewesen wie dieser, der jetzt anhob, auch jener nicht, da deutsche Heere in bitterem Streiten vor dem vielköpfigen Feind lagen und die in der Heimat Darbenden von Rüben lebten. Es war jetzt alles unsicher, und keiner konnte von heute auf morgen sehen, weil ein Dunkel, ärger als der dickste Nebel, die nächste Zukunft verbarg.
Und trotzdem nahte Weihnacht, und ein zaghaftes Gefühl der Hoffnung schlich sich schüchtern in die trostlose Welt; ein ferner Glanz aus alten Weihnachtstagen kam und hängte sich an die Ketten aus Silberschaum in den Schaufenstern, und der deutsche Wald sandte seine jungen Bäume, daß sie am Lichterfest in den Stuben dufteten, und die Glocken ließen ihr Klingen über die Stadt gehen, arm und einstimmig, aber doch in der alten Weise.
Der vergessene Garten lag unter Frosthauch und Schnee und gab nichts mehr her, was Güldenfey hätte in die Stübchen der Alten tragen können, in denen sie nun dicht vermummt neben dem kalten Ofen saßen, und wo der Hauch am Mund gefror. Wärme und Licht, ja, das schuf sie ihnen, soweit ihre schmalen Mittel reichten. Aber ein wenig festliche Freude!
»Was könnten wir ihnen bringen?« fragte sie Hanna Wilkens.
Doch die kleine Näherin wußte keinen Rat. Es ging alles nur auf die Geldmittel, die schon für den nötigsten Bedarf nicht zureichten.
Plötzlich kam Güldenfey ein glücklicher Gedanke, der sie mitten in der Nacht vom Lager auftrieb. Sie hatte wach gelegen und auf das Heulen des Windes gelauscht, der in dem Speicher rumorte. Wie wäre es, wenn wir ihnen etwas singen könnten? Es hatte sich um Hanna Wilkens ein Kreis Jugendlicher gebildet, der die alten Weihnachtlieder übte, um sie bei der Bescherung vorzutragen. Sollten sie nur einmal gesungen werden?
In der Frühe der beiden letzten Adventsonntage zog durch die Straßen der Stadt ein seltsamer Zug: sechs verhüllte Gestalten, von denen eine die buntfarbene Laterne trug; die andern hielten Tannenzweige wie Palmenwedel in den Händen. Der Zug ging trotz der Schneewehen, die der Wind aufgehäuft, durch Düsternis und heimliches Grauen durch die Stadttorbogen dahin, wo die verbogenen Häuschen der Armen standen, und machte an einer Ecke halt. Plötzlich klang es von jungen Stimmen gesungen:
=In dulci jubilo=, Nun singet und seid froh!
Zwischen den hohen Häusergiebeln kreischte und stöhnte der Wind, der Kreuzgang von St. Johannes war erfüllt vom Rauschen des Meeres. Aber die Stimmen, die den alten Christgesang trugen, waren stärker und füllten die Straße.
Es war ein staunendes Horchen hinter den Fenstern; dann tastete eine Hand nach dem Zündholz, eine schwache Kerze flammte auf, und während vorsichtig der Vorhang des Fensters zurückgeschoben wurde, erschien ein greiser Kopf zwischen den Spalten, spähte in das Dunkel, wo ein bunter Laternenschein zwischen dunklen Wesen glomm, und verschwand wieder. Die Kerze erlosch, der Ruhende kroch wieder in das wärmende Bett. Hände falteten sich, Augen flossen über.
=Ubi sunt gaudia?=
Dann zogen sie weiter, zum Heiligen Geist, zum Kronswinkel, zum Kurhof, und überall, wo sie standen, sangen sie von Marienweh und dem Trost, den der bringe, der in der Weihnacht als unscheinbares Reis einer großen Gnade entsproß. Es kamen Prasser, die die Nacht an den Zechtischen zugebracht hatten, des Weges; aber das trunkene Wort wollte nicht von ihren Lippen; sie gingen im Bogen um die singende Schar. Es kamen Schichtarbeiter, die die Arbeit schon zeitig in ihr Gewerk trieb: sie blieben stehen und holten die Versäumnis in schnellerem Gehen ein und nahmen ein wenig Blankes in der Seele mit.
In den Mauervorsprüngen der Gassen kauerte noch die Nacht, die Strebepfeiler von St. Niklas griffen wie erstarrte Arme in die Luft und stemmten sich gegen das Gewände des Mittelschiffes. Im Osten stieg der späte Wintermorgen in einem fahlen Lichtstreifen herauf. Er brachte nur die Dämmerung der nordischen Sonnenwendzeit. Jene aber, die jetzt mit leisen, vom Schnee gedämpften Tritten heimwärts gingen, das Licht in der farbigen Laterne ausbliesen und ihre Zweige an die Türklinken der Häuser steckten, hatten Kerzen entzündet, die noch lange flammten.
* * * * *
Es war der vierte Advent. Thomasius redete mit besonderem Eifer heute: Tröstet, tröstet mein Volk! Güldenfey, die etwas fröstelnd in dem goldenen Präsentierteller saß, blickte verstehend zu ihm auf. Es erschien ihr zuweilen, als rede er nur zu ihr. Doch das empfand sie nicht als etwas Besonderes, denn er pflegte seit einiger Zeit sich beim Sprechen dem goldenen Präsentierteller zuzuwenden.
Als sie die Kirche verließ, schritt sie über den Markt, wo wenige Verkaufsstände das Überbleibsel eines Weihnachtmarktes andeuteten. Einige große Schirme über Kramtischen glichen riesigen weißen Pilzen. Der Wind hatte nachgelassen, der eindringende Nebel war gefroren, Häuser und Türme erschienen wie wunderbares Zuckergebäck.
Sie müßten doch einen Pfefferkuchen haben, dachte Güldenfey, als sie die Kinder bemerkte, die um die Buden strichen. Im Treßhof duftete es schon seit acht Tagen nach dem würzigen Backwerk, und wenn auch Ose an Mandeln, Rosinen und Honig sparte, es wurde zur Weihnacht doch gebacken, und der Duft war da, der von dem Harzgeruch der Tannen unzertrennlich ist. Aber diese --!
Sie griff schon in die Tasche; ja, sie hatte etwas Geld bei sich, zu wenig, um alle lüsterne Mäulchen zu stillen, aber genug, um den guten Willen zu zeigen. Und siehe, sie bekamen alle und wurden satt und zufrieden, wenn auch keine Brocken übrigblieben.
Also hatte Güldenfey ihre Adventfreude. Und wenn sie auch am liebsten die Schar mit sich genommen und ihnen die Vorräte des Treßhofs vorgesetzt hätte, sie hatte das Tröpflein auf dem heißen Stein doch zischen gehört. Leise summte sie das Lied, das sie in der dunklen Frühe des Tages mitgesungen, als sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinanstieg: =Ubi sunt gaudia?= Mellin kam hernieder, staunte sie an und grüßte.
»Sind Sie nicht auch ein wenig froh, Mellin?« fragte sie. »Ich hörte, Ihr Mariechen kommt mit den Kindern. Und denken Sie doch: Weihnachten!«
Mellin strich gedankenlos durch seinen Bart. »Ach, gnädiges Fräulein, Weihnachten und diese Zeit, wie paßt das zusammen!«
»Doch, doch, es paßt schon, Mellin. Wissen Sie, am dritten Feiertag muß Mariechen mit den Kindern bei uns Kaffee trinken.«
Mellin lächelte geschmeichelt und bedankte sich.
Ich werde ihn schon dahin bringen, daß er sich freut, dachte Güldenfey.
Das blasse Licht des Mittags wurde von Graugewölk verdunkelt, hinter dem die lange Nacht, die kaum gegangen, schon wieder harrte. Marfa hatte sich nach dem Mahl zurückgezogen, und Güldenfey, die früher als alle aufgestanden, wollte es sich in ihrem Zimmer für ein Stündchen behaglich machen. Plötzlich horchte sie auf.
War das ein Geräusch? Nein, kein Geräusch, vielmehr ein Seufzen. Doch wer sollte geseufzt haben, den sie nicht hätte sehen können? Sie blieb stehen und lauschte. Es war nichts. Und doch, da hörte sie es wieder. Kam der Laut aus ihrem Inneren?
Leise öffnete sie die Tür, die die Treppe zum Beratungzimmer vom Flur abschloß, und stieg hinab. Als sie sich über die Brüstung lehnte, sah sie einen Mann am Tisch sitzen. Die Dämmerung in dem Raum war schon so vorherrschend, daß sie ihn, der ihr den Rücken zuwandte, nicht erkannte. Er hatte den Kopf in die linke Hand gestützt, die andre hielt ein Blatt aus der geöffneten Mappe, die auf dem Tisch lag, zur Betrachtung vor das Gesicht. Es war die Zeichnung, die Jörg am Abend der Testamentsverlesung entworfen: das Tier, vor dem sich alle Stände neigten. Sie blieb lautlos stehen.
Da stieg wieder jenes schmerzliche Seufzen auf, und nun wußte sie, wer es war. Sie eilte hinab. »Malte, wie kommst du um diese Stunde hierher?«
Er fuhr erschreckt empor und wollte sich erheben, sie setzte sich schnell an seine Seite. Wirr und etwas verlegen blickte er sie an. »Ich?« fragte er. »Ich bin spazierengegangen, ich mußte an die Luft. Und da ging ich hier vorüber und trat ein. Es ist zuweilen so sonderbar; die alten Erinnerungen ...«
»Ja, jetzt in der weihnachtlichen Zeit«, sagte Güldenfey.
Er machte einen Versuch, zu lächeln, doch der mißlang. Und in diesem Augenblick erkannte Güldenfey, wie anders Malte geworden war. Das schöne Gesicht mit den edlen Zügen hatte sich gänzlich verändert, der Ernst war zur Schärfe geworden, und um die Augen, die so gütig blicken konnten, lag die Düsternis langer Winternächte. Nur seine Blässe war ihm verblieben und leuchtete wie Marmor in dem verschatteten Raume. Sie legte ihre Hand auf seinen Arm. »Malte, sag' doch, was fehlt dir?«
»Nichts! Ich habe ja alles, was ich brauche.« Wieder brach sein Versuch, zu scherzen, zusammen. »Nur, ich sagte schon, die Erinnerungen.«
Er wollte sich verschließen. Nein, auf diese Weise konnte sie ihm nicht helfen. »Ich weiß, du denkst an die Kinderzeit«, sagte sie sanft. »Ja, damals, als der Vater vor uns so geheimnisvoll tat und es ein Verstecken und Tuscheln und bei jeder Gelegenheit bedeutungvolle Blicke gab. Aber, weißt du noch, hier durften wir ein paar Tage vor dem heiligen Abend stets sitzen und die Fäden an Kringel und Zuckersterne für den Baum befestigen. O welch ein Berg süßer Herrlichkeit da vor uns aufgeschüttet lag! Und Jörg verstand es so gut, die Netze aus Goldpapier zu schneiden. Er war schon damals ein Künstler.«
»Es kam anders, ganz anders«, sagte Malte.
»Und wir wurden andre, Malte.«
»Das weiß Gott, Güldenfey. Das heißt: du nicht! Du bist das unbesorgte Kind geblieben. Du könntest noch heut Zuckersterne auf Fäden ziehen.«
»Du nicht?« fragte sie gläubig. »Wenn hier der große Berg vor dir aufgeschüttet läge, du nicht?«
»Ich glaube nein«, sagte er. Seine Stimme bekam einen weichen Klang. »Der Kinderglaube und die Freude jener Jahre ... Ach, Kind, zuweilen möchte ich das alles aussprechen dürfen, was über einen dahingeht; ich wünschte nicht mehr als dies, vor einem sitzen zu können, der mich anhörte, oder wenn das nicht möglich ist, nur mich an irgendwen lehnen zu können und vor ihm zu schweigen. Bewußt sich vor jemandem ausschweigen, das ist auch eine Wohltat. Das hat mich in unser altes Haus getrieben.«
Und Frauke? dachte Güldenfey. Doch sie sprach es nicht aus. Sie legte ihre Hand auf seine und ließ sie da liegen.
»Es gibt etwas Merkwürdiges,« fuhr er fort, »eine Kühle, eine Leere, oder wie soll ich es nennen; es ist nur ein winziger Punkt, aber er wächst sehr schnell, und was man anfangs die Regung eines Stolzes nannte, ist plötzlich eine weite Wüste, und man ist so allein.«
»Warum kommst du nicht zu mir, Malte?«
»Ach, du liebe kleine Güldenfey!« sagte er. »Ich wäre wohl dazu da, dich vor allem Rauhen zu beschirmen, nachdem Vater dich mir so an das Herz gelegt hat. Und nun soll ich gar zu dir kommen. Aber es ist zuviel, es ist zuviel, und zuweilen mein' ich, es sei gar nicht zu schaffen.«
Wie ein großer Junge, den seine Schulaufgaben quälen, dachte Güldenfey, und tröstend strich sie über seine Hände. »Mußt dir nicht so viele Sorgen machen, Malte. Wir haben doch genug, und wenn wir wenig haben, so schadet's auch nicht. Wir sind ja alle zufrieden, wenn unser großer Bruder nur froh ist.« Sie strich an ihm auf und nieder, und er, Malte, saß still da und ließ es sich gefallen.
Wie gern hätte Güldenfey ihn bewogen, sich alles von der Seele zu sprechen, doch sie wußte, daß behutsames Abwarten das beste Mittel sei. Vielleicht wollte Malte ...
Doch die weiche Regung war schon vorüber. Sein Blick fiel auf das Blatt, das auf dem Tische lag, und er richtete sich auf. »Verzeih, Güldenfey!« sagte er. »Da komm' ich nun und mache dir das Herz schwer mit dem, was ich da schwatze, nicht wahr? Was für sentimentale Anwandlungen es doch gibt!«
»O Malte, es war ja so gut!«
Doch er war schon weit fort, und dieser Ton berührte ihn nicht mehr. »Laß es gut sein, Kind,« sagte er, »du darfst dich nicht sorgen, denn es ist alles vortrefflich.«
Sie geleitete ihn bis zur Tür und sah ihn davongehen, aufrecht, stolz in dem Gefühl, der ersten einer in dieser alten Stadt zu sein und der argen Zeit die Stirn bieten zu dürfen. Langsam ging sie auf ihr Zimmer.