Chapter 17 of 19 · 3994 words · ~20 min read

Part 17

Das Tier, dachte Güldenfey. Die Starre, die Lebensleere! Sie empfand plötzlich Furcht. Nicht vor den Menschen, deren Blicke sie musterten oder übersahen, nein, vor dem unaussprechlichen Ahnungsschweren, das sich wie ein Wüstenbrand durch die Welt wälzte, vor dessen Flammen die Menschen flüchteten, und denen sie doch nicht entrannen. War Malte, waren sie alle diesem fressenden Feuer auch verfallen?

Für den Morgen des nächsten Tages war eine Ratssitzung angesetzt, an der Malte teilnehmen mußte. Güldenfey blieb ungern allein, aber seinem Vorschlag, in dem nahen Tiergarten frische Luft zu genießen, konnte sie nicht folgen. Um Mittag wollte Malte zurück sein. Sie beschloß, ihn auf ihrem Gastzimmer zu erwarten.

Ihr Fenster ließ sie auf den weiten Platz blicken, über den vom Morgen bis in den Abend der hastige Fluß der Fußgänger und Wagen rann. Der gegenüberliegende Bahnhof, auf dem die Vorortzüge mündeten, füllte zu gewissen Zeiten den Platz für Minuten mit zuströmenden Menschen, die außerhalb der engen Mauern ihren Wohnsitz hatten.

Hastig und erregt kamen sie an, aufgepeitscht von der Hetze, den nächsten Wagen, ihre Wirkungstätte zu erreichen. Der Ruch frischer Luft, den sie noch in ihren Kleidern mit sich trugen, verrann schnell im Dunst lärmender Straßen, und die Unruhe ihrer Fahrten verdrängte die Stille, die eine Nacht in ihnen aufgespeichert hatte.

Ach, wie schwer und schlecht lebten sie alle in dieser versteinten Welt! Diese Betten in den dunklen Zimmern! Diese Tische voll Hast ohne festliches Genüge, von denen man aß, um nur satt zu werden.

Und draußen ging der Frühling, und seine Winde spielten im Gezweig der weißen Birken und trugen den Weihrauch der Föhren und die Würze junger Beete jedem, der kam, entgegen.

Güldenfey erschrak, als eindringlich an die Tür gepocht wurde: ein Bediensteter rief sie heraus. Als sie in den Gang trat, sah sie, wie Malte bleich und verstört die Treppe emporgeleitet wurde.

Er lächelte, da sie ihn in ihre Arme schloß. Es war nichts, gewiß nichts. Die Dumpfheit des Beratungzimmers. Er hatte es verlassen müssen. Auf der Straße waren ihm die Sinne geschwunden, ein Wagen hatte ihn hergebracht. Er war bemüht, ihren Schreck zu mildern, und ließ sich auf das Ruhebett strecken.

Er werde sich gehörig ausruhen, mit Güldenfey am Nachmittag unter die grünenden Bäume des Tiergartens gehen. Morgen müsse er ohnehin auf einen Tag verreisen. Nein, Güldenfey solle sich nicht sorgen: keine geschäftliche Reise! Er wolle einen Bekannten zu treffen suchen, der unweit wohnte; die Abwechslung komme ihm eben recht nach diesen verzehrenden Tagen.

Güldenfey hörte ihm zu, während sie neben dem Ruhebett saß und kühlende Umschläge auf seiner Stirn wechselte. Das Erschrecken über Maltes Aussehen war ihr bis ins Innerste gedrungen. Wie er verändert war, als er die Treppe emporwankte! Sie haßte diese Stadt, die alles aus Maß und Gleichgewicht warf und an den Wurzeln der Starken zerrte.

»Ob wohl Harro zu erreichen wäre?«

»Laß es uns erwägen, Malte.«

Und während sie berieten, kam Güldenfey eine Gewißheit. Warum tauchte diese Frage nach Harro immer wieder auf? Was wollte Malte von ihm, der ihn doch nicht verstand? Sie begriff, daß es Malte nicht um Harro zu tun sei, er wollte eine starke Kraft an seiner Seite haben. Sie selbst? Ach, die gute Erziehung steckte ihm zu tief im Blut, als daß er nur einmal vergessen hätte, Rücksicht auf sie zu nehmen.

Scheinbar ging sie auf seinen Vorschlag ein: morgen, wenn sie allein war, wollte sie die Verbindung mit Harro herzustellen suchen. Sie war entschlossen, es nicht zu tun. Harro aus dem Ferienaufenthalt herbeirufen, ihn unwirsch oder laut mit Besserungvorschlägen auf Malte eindringen sehen? Das hätte keinem genützt und allen weh getan.

Als sie am Abend allein war, überzählte sie die Barschaft, die sie für alle Fälle zu sich gesteckt hatte. Es würde reichen. Ihr Plan war gefaßt. --

Malte war abgereist; scheinbar erfrischt. Doch den Zug, der sich um seinen Mund eingeschliffen, diesen drohenden unheimlichen Zug der Starre, den trug er mit sich. Güldenfeys Herz klopfte hörbar, als er sich grüßend nach ihr umwandte. Dann kehrte sie hastig in ihr Zimmer zurück, raffte ein paar Dinge zusammen und verließ das Haus.

Nach dem Bahnhof! Sie wollte zu Jörg, ihn herbeirufen. In Ungewißheit harren, ober käme, einen Tag allein in dieser gärenden Stadt zubringen, das hätte sie nicht vermocht. Sie mußte handeln.

Wie war der Tag zum Verschmachten heiß, wie unruhig ging das Gespräch der Reisenden! Liefen die Räder nicht schneller? Zuweilen war es, als sogen sie sich an den Schienen fest.

Wälder, in denen Stürme gewütet, Flüsse, auf denen sich müde Deutschlands Schiffahrt wieder regte, Städte von ehrwürdigem Klang. Endlich Jörgs neue Heimat. Es war Abend geworden.

Güldenfey eilte durch die unbekannten Straßen, ging an dem alten Rathause vorüber, vor dem das Standbild des Großen Friedrich stand, den gezückten Degen in der Hand, gebieterisch in das Feld der Tat weisend. Ja, du!! ... Endlich war die Wohnung erreicht.

Jörg war nicht daheim. Eine freundliche Wirtsfrau, die in Güldenfey sofort die Schwester erkannte, tröstete sie: der Herr Treß werde bald kommen, er befinde sich noch in einer Probe. Ob sie etwa Tee ...

Güldenfey dankte. Nein, nur nicht warten! In drei Stunden fuhr ihr Zug. Sie ließ sich das Haus beschreiben, in dem er sein mußte, und ging. Es war bald gefunden, sie vernahm schon von weitem das Spiel eines Klaviers und wußte, das konnte nur er sein.

Sie öffnete leise eine Tür und trat auf die Schwelle eines mittelgroßen Raumes. Im Hintergrund am Flügel saß Jörg, um ihn eine Schar Junger, etwa zehn. Er brach nach einigen Takten das Spiel ab und trat vor seine Schüler. »So etwa also sollte es klingen. Doch ich sage euch: die glänzendste Passage ist nicht halb soviel wert wie der gute Gedanke während des Spiels. Glaubt's oder glaubt's nicht: das Edle wirkt ansteckend wie das Böse. Darum, treibt ihr Kunst um der Menge willen, seid ihr tönendes Erz, und treibt ihr Kunst um der Kunst willen, seid ihr klingende Schelle. Euch selbst muß sie im tiefsten veredelt haben, bevor ihr wagt, vor andre zu treten ...«

Er hielt plötzlich inne und beugte den Kopf vor, seine Blicke bohrten sich in das Halbdunkel, das um die Tür war. Güldenfey trat einen Schritt vor, und jetzt war er bei ihr.

»Jörg,« sagte sie, als er ihre Hände hielt, »kannst du in einigen Stunden mit mir fahren?«

»Gewiß, Güldenfey,« murmelte er zögernd, und dann sicher: »Natürlich, Güldenfey!« Er sprach einige Worte zu seinen Leuten, gab einem Älteren eine Weisung, dann nahm er ihren Arm.

»Nach Berlin, Jörg«, sagte sie. »Ich bin mit Malte dort.« --

Sie fuhren durch eine warme Nacht, die von Düften des blühenden Faulbaumes getränkt war, nordwärts. Am Morgen waren sie am Ziel.

* * * * *

Was war über Nacht aus Jörg geworden? Malte staunte. Wie schnell erfaßte Jörg, um was es gehe, wie findsam sah er neue Wege, wie unermüdlich stand er dem Bruder zur Seite! Das verwirrende Treiben auf den Banken beirrte ihn nicht, die vorsichtig ablehnenden Ausflüchte der kühlen Geschäftsleute, die stets einen luftleeren Raum zwischen sich und den andern legen, schreckten ihn nicht. Er ging unbeirrt mit zupackenden Worten auf sein Ziel los. Es war, als hätte er seit langem die Taktik der Krebsgänger studiert.

»Sie sind Kaufmann?«

»Nein, Musikbeflissener.«

Der feiste Direktor mit den Bartflecken auf der Oberlippe staunte.

Jörg winkte beruhigend: »Trotzdem altes Kaufherrenblut. Vielleicht geht mir auch die Befangenheit Ihrer Zünftigen ab. Jawohl, Befangenheit sagte ich. Denn trotz Ihrer künstlichen Ruhe fiebert doch in Ihnen allen die Beflissenheit vor dem, der auf einer höheren Steuerstufe steht.«

Malte machte eine unruhige Bewegung. »Verzeihen Sie die Abschweifung, Herr Direktor. Ich glaube, wir kommen nicht zum Ziel. Mein Bruder bittet, Herrn Usadel sprechen zu dürfen.«

»Herr Usadel ist nicht zu sprechen«, sagte der Feiste streng.

»Man könnte es versuchen. Haben Sie die Güte, uns seine Wohnung zu nennen?«

»In seiner Wohnung empfängt Herr Usadel nicht. Mir ist verboten, die Adresse aufzugeben.«

»Doch er ist in Berlin?«

Der Feiste hob die Schultern und geleitete die Herren höflich, aber spöttisch lächelnd zur Tür.

»Es ist doch vergeblich, Jörg«, sagte Malte. »Morgen noch ein Versuch, dann fahre ich nach Hause.«

Ja, es war vergeblich, das erkannte Jörg. Er konnte nicht helfen, und diese erfolglose Hetze in der Zone des Geldwesens, in der sich alle Gifte der Zeit ausschwärten, erschöpfte Maltes Kraft bis zur Neige. Dennoch -- diesen Usadel hätte er gern aufgesucht, nicht um etwas zu erreichen -- das war Maltes kranke Idee --, nur um ihn zu studieren.

Am Abend dieses Tages schon wußte er, wo Usadel wohnte. Das Haus lag in nächster Nähe, in einer jener ehemals stillen Straßen, die zum Tiergarten führen, in die aber jetzt der sich stauende Verkehr der Hauptstraße seine Überfülle abwälzt.

Jörg ging mit Güldenfey am folgenden Morgen vorüber: es war ein kleiner Palast, dessen blankpolierte Tür und verhüllte Fenster wie die Häuser der Gewalthaber in der Renaissancezeit eine sehr entschiedene Ablehnung gegen das Öffentliche der Straße bekundeten.

»Hier wohnt er, der Maltes Unstern ist«, sagte Jörg.

»Usadel?« fragte Güldenfey. »Aber Malte sucht ihn doch seit Tagen!«

»Vielleicht ist es gut, er findet ihn nicht. Wir aber wollen versuchen, ob wir zu ihm dringen können.«

»O Jörg!« sagte Güldenfey erschreckt, da er stehen blieb.

»Du darfst dich nicht vor diesem Menschen fürchten«, sagte Jörg und zog den Glockenknopf. »Ich will reden, aber deine Nähe sänftigt.«

Er mußte noch häufig das Glockenzeichen geben, bis von innen sich Schritte näherten. Eine Stimme fragte, wer da sei.

»Öffnen Sie!« entgegnete Jörg.

Wer da und was das Begehr sei.

»Machen Sie auf und Sie werden es hören.«

Eine Pause unschlüssigen Wartens, dann wurde umständlich ein dreifaches Schloß geöffnet, und eine schmale Spalte klaffte, in der das glattrasierte Gesicht eines Bedienten erschien.

»Wir wollen zu Herrn Usadel.«

»Herr Usadel ist nicht zu sprechen.«

»Er wird zu sprechen sein.« Jörgs Arm preßte die Tür, die sich schon wieder schließen wollte, zurück. »Erlauben Sie,« sagte er, »man darf eine Dame nicht auf der Straße warten lassen. Güldenfey, bitte!«

Sie betraten den Hausflur, der wohl als Warteraum gedacht war. Man blickte durch hohe Fenster auf den Hof und auf alte Bäume eines dahinterliegenden Gartens. Jörg überhörte geflissentlich die Lüge des hochmütig, gekränkt Dreinblickenden, Herr Usadel sei gar nicht anwesend.

»Wollen Sie melden: Herr Treß. Fräulein Treß wird mich erwarten. Oder ...« Er bot Güldenfey den Arm und schritt an dem Bedienten vorüber den Stufen zu, die zu den Gemächern führten.

Geschmeidig wie ein Panther glitt jener voraus und verschwand hinter einer halbgeöffneten Tür. Man hörte ihn in dem zweiten Zimmer, in das man blicken konnte, leise, doch erregt sprechen. Eine Stimme antwortete ihm, dann erschien er in der Tür und machte eine Handbewegung. Jörg trat ein; Güldenfey blieb in dem ersten Zimmer zurück.

Hinter einem breiten Tisch saß ein Mann in einem Anzug aus ungefärbter Seide, Morgenschuhe an den Füßen; die massigen Hände lagen ineinandergelegt auf einem ausgebreiteten Briefe. Er sah nicht überrascht, sondern völlig gleichmütig auf den Eintretenden.

Jörg nannte seinen Namen und fragte, ob er Herrn Usadel sprechen dürfe. Eine kaum merkliche Bewegung, die nicht verneinend, nicht zustimmend gedeutet werden konnte, antwortete. Jörg bat um die Erlaubnis, sich setzen zu dürfen. Wieder die unbestimmbare Bewegung.

»Ich bin im Namen meines Bruders Malte hier, er hat Sie nicht erreichen können. Er ist durch die Kündigung des Vertragsverhältnisses in Verlegenheit gekommen und bittet, diese rückgängig zu machen.«

Während Jörg sprach, betrachtete er Usadel. Das also war der Allmächtige, der die Geschicke der Welt mit einigen andern gemeinsam lenkte. Welche Gedanken mochten hinter den verdeckten Augen sich kreuzen? Unbeweglich wie eine Amphibie lauschte er. Oder hörte er gar nicht? Doch, er hatte verstanden!

»Sie sind nicht an die richtige Stelle gegangen«, erwiderte er, als Jörg innehielt. »Ich habe mit der Sache nichts zu schaffen.«

»Aber mit meinem Bruder schlossen Sie doch den Vertrag.«

Usadel bewegte bedauernd die Hand. »Unser Ring ist sehr umfassend.«

Jörg machte eine Bewegung, die Augenlider schnellten hoch. Trug der Mensch dort eine Waffe bei sich?

»Sie haben aber Einfluß, den Sie ausüben könnten.«

»Bedaure, nein.«

»Sie ~wollen~ ihn nicht wahrnehmen.«

Die fleischigen Hände machten wieder die nichtssagende Bewegung; dabei erblickte Jörg die abgestumpften Daumen des Mannes, diese kurzen kralligen Glieder, die Kennzeichen versklavter Abstammung oder Reste tierischen Herkommens sind. Plötzlich erhellte sich ihm die Erscheinung dieses in träger, abwehrender Ruhe verharrenden Menschen: sein brutales Kinn, die Unbeweglichkeit dieses verdeckten faltigen Gesichts. Usadel, was besagte dieser unwirkliche Name? Welches Stammes Siegel trug diese Stirn? Der Mann war auf keine Formel zu bringen; wie alle großen Menschheitverderber war er eine fleischgewordene Idee des Bösen, ein vermenschlichter Fluch.

»Sind Sie fertig, Herr Treß?« fragte er. »Ich habe wenig Zeit.«

»Ich bin allerdings am Ende«, erwiderte Jörg. »Könnte ich Ihnen menschliche Empfindungen zutrauen, so würde ich Sie daran erinnern, daß Ihr fluchwürdiges Gewerbe, das Menschen wie die Blätter eines Kartenspiels benützt und sie nach dem Gebrauch auf den Kehricht wirft, Ihnen den wohlverdienten Lohn einmal heimzahlen wird. Aber Sie stehen unter unserm Maß, Sie gehören nicht zu uns.«

Er sah, wie eine seltsame Bewegung den Mund Usadels verzog. Dann wandte er sich grußlos und ging.

Im Vorzimmer stand lauernd, wie ein Raubtier zum Sprung bereit, der Diener.

»Komm, Güldenfey!« sagte Jörg.

Auf der Straße klammerte sich Güldenfey an seinen Arm. »Jörg, ich habe ihn unausgesetzt betrachtet, er schien mir so bekannt. Sahst du ihn schon einmal? Der Mann deiner Zeichnung, der auf dem Häuserturm sitzt und angebetet wird, das ist er!«

»Du hast ihn erkannt«, sagte Jörg. »Ja, ich habe ihn schon erblickt, damals als ich verwundet im Felde lag. Der mir den furchtbaren Tausch anbot, das war er!«

Der fliegende Holländer

Prasselnd fuhr der Sturm durch die Gassen und Märkte der alten Stadt. Sie hatten manchen Sturmtag erlebt, die alten wehrhaften Türme, die als Wahrzeichen gegen Land und See blickten. Aber wenn er wie an diesem späten Novembertag schneidend kalt aus Nordost blies, die Dohlen von den Schalluken verjagte und die Möwen zu Land trieb, dann fingen sie an zu klagen.

Ssssiii -- jüh! Die Sturmflut kommt. In den fünffachen Böden der alten Giebelhäuser polterte, knackte und stöhnte es, als seien die Geister aller derer, die während sechshundert Jahren hier gehaust, erwacht und träten einen Rundgang an. Fenster bogen sich unter dem Anprall des Sturmes; was in morschem Rahmen saß, ward herausgepreßt und klirrend hinabgeschleudert. Die Läden vor!

Ssssiii -- jüh! Die Böen schlugen wie Fäuste gegen die Schlote und knickten sie, als sei es dürres Rohr. Dachziegel, Gossen und Rinnen flogen polternd hinter ihnen drein auf die Straße unter schreckhaft flüchtende Menschen, denen das höllische Hohngelächter des wilden Gejaids nachklang.

Wo der Sturmesruf nicht so nachdrücklich vorherrschte, vernahm man das ferne dumpfe Brausen, das grollende Zornesgeschrei der aufgewühlten See, die zwischen Insel und Festland herandonnerte, ihre Pranken gegen die Bollwerke schlug und in die Kaimauern Loch neben Loch brach.

Wie verdunkelt der Himmel herabhing, und war doch Mittagszeit! Das gelblichgraue Gewölk war wie Rauchschwaden eines giftigen Brandes, der irgendwo in der Ferne schwelte. Darunter hasteten Wolkenflocken als eine unheimliche Flucht sich lösender und wieder ballender Schatten. Der Sturm trug Schaumfetzen und den herben Geruch des Meeres über Dächer und Türme.

Malte verließ am frühen Nachmittag das Haus am Markt. Auf der Schwelle der Geschäftsräume blieb er stehen und schaute zurück. Über den Pulten und Tischen flammten die Glühkörper, die heute vom Morgen an Licht gespendet hatten. Die Arbeitenden hoben zuweilen die Köpfe, als lauschten sie dem Brausen, das jeden Raum erfüllte. Hatte sich jetzt schon die straffe Zucht gelockert? Ach, es war ja alles gleichgiltig!

Auf dem Flur zögerte er. Frauke? Nein, sie hatte so bestimmt geäußert, sie wolle allein kommen; es war besser, er ging.

Aber die Stunde, in der man über ihn zu Gericht sitzen sollte, schlug noch nicht; er hatte noch Zeit. Er wollte, er mußte in die freie Luft, sich durchwehen lassen, im Trotz der Elemente die Fassung gewinnen, die ihnen die Stirn zu zeigen wagte. Er wandte sich dem Hafen zu.

Keiner beachtete heute den andern. Die Menschen gingen, mit der Hand den Hut fassend, in den seltsamsten Haltungen, teils vom Sturm getrieben mit eingedrückten Rücken, teils mit vorgeneigtem Kopf gegen ihn ankämpfend; sie glichen gekräuselten Spänen, die ein wildes Feuer ausgestoßen hat.

Das Getöse wuchs, je näher er der See kam. Das Sprühwasser wurde in das Land geworfen: auf den Dämmen wogten breite Lachen, die man umgehen mußte. Die Keller der nächsten Häuser füllten sich.

Die Menschen verständigten sich durch Zeichen. Zuweilen versuchte es einer, die Stimme der See zu überschreien; doch der rasende Sturm riß den Hall fort, bevor er das Ohr erreichte. Man klammerte sich aneinander, um nicht fortgeschleudert zu werden.

War dieser kochende Riesentiegel das Meer? Wogende Abgründe, stürzende Hügel, schäumende, langmähnige Wasserrosse, die schnaubend an das Ufer sprangen und zerschellten. Ungesehen und lautlos konnte in diesem Tumult verschwinden, wem das Leben leid war.

Das Gebrüll der Wasser war ohrbetäubend, der eisige Wind dämpfte den Atem. Malte wandte sich der Stadt zu, wo Möwen schreiend durch die Straßen flogen.

Der Treßhof lag dunkel und zusammengekauert wie ein Fossil der Urzeit, das sich um die Erregungen zahmer Zeiten nicht mehr kümmert. Im Beratungzimmer zeigte sich ein Licht. Aber in den Speichern trieb der Sturm sein Unwesen, zerrte an den Lukenläden und stieß gegen die Mansarden. Ssssiii -- jüh!

Als Malte eintrat, unterbrach sein Erscheinen ein Gespräch zwischen Harro und Ose. Die Brüder begrüßten einander kühl. Malte blickte Ose fragend an: sie hielt in bebenden Händen das Bild des Balzer Treß, dessen Rahmen zerborsten war.

»Der Sturm«, sagte sie tonlos. »Er hat es von der Wand geworfen.«

»Erzähle doch!« drängte Harro.

»Wolle Gott allen Seelen heute gnädig sein, vor allem ihm, dem fliegenden Holländer«, entgegnete sie scheu.

»Und du sagst, er fahre heut noch draußen umher?« begann Harro wieder.

Ose blickte zu Malte hinüber, der sich am Wandschrank in der Tiefe des Raumes zu schaffen machte. »Gott allein weiß, ob nun, da das Bild fiel, seine Prüfung beendet ist«, sagte sie halblaut. »Wenn nicht -- ja, dann fährt er noch. Und immer steuert er in den wildesten Sturm hinein, weil er seinen Untergang sucht. Aber er soll erst Erlösung finden, wenn die goldene Fee an dem Galion der Kogge ihren Platz verläßt und sich zu ihm kehrt.«

Malte horchte auf. Was sagte sie? Aber es blieb keine Zeit zu fragen: die andern kamen, und Ose ging, das beschädigte Bild in der Hand, nach oben.

* * * * *

Es war wie vor vier Jahren. Onkel Rolf legte seine gefüllte Aktentasche vor sich auf den Tisch. Frauke saß in der gleichen Haltung im Lehnstuhl. Güldenfey, Harro ... nur Jörg fehlte. Nein, es war nur scheinbar so. Er, Malte, der sich damals vermaß, den geschädigten Vermögensstand zu bessern, den alten Glanz des Treßhauses wieder zu erneuern, er saß hier als ein Geschlagener. Man trank keinen Festwein auf frohes Gelingen, man klagte ihn des Leichtsinns an. Es war nicht mehr Frühling, sondern die Welt ging in spätherbstlicher Sündflut unter. Der Sturm regierte: Ssssiii -- -- jüh!

Was bedeutete das? Güldenfey setzte sich an seine Seite, nickte ihm ermutigend zu und berührte ihn tröstend. Sah man es ihm an, wie er litt? O, er wollte diesen Gang allein gehen. Onkel Rolf sah ihn an; er erhob sich.

Als er stand, Auge in Auge vor den Geschwistern, die schwere Last der Selbstverantwortung auf der Seele, da überkam ihn die grauenvolle Öde des Alleinseins. Seine Stimme splitterte und brach, er mußte noch einmal beginnen. Er wußte nicht, was er sagte. Seine Verteidigung war eine Anklage gegen die Zeit. Hatte er nicht klüglich hin und her erwogen? -- Doch die Zeitläufte hatten jeder Berechnung gespottet. Hatte er nicht um Rat gefragt? -- Die Klugen waren selbst zuschanden geworden. Hatte er sich nicht in Arbeit verzehrt? -- Was bedeutete heute ehrliche Arbeit! Hatte er nicht gelitten -- --?

»Ja, du hast gelitten«, sagte Güldenfey leise.

Malte setzte sich. Onkel Rolf rieb sein Kinn: jetzt hatte er das Wort. Seine Aufgabe war wahrlich nicht beneidenswert, den Treßkindern mitzuteilen, daß sie so gut wie nichts mehr besaßen. Fast täglich hatte er den bei ihm Rat Suchenden ihren Ruin zu bestätigen, gestern erst seinem Klaus!

Mit trockener Gründlichkeit entledigte er sich des Auftrags. Jetzt horchten sie auf. Was Malte gesagt, war Spiel mit Gefühlen, ja doch, ja doch! Aber man wollte doch die Tatsächlichkeit kennen.

Malte blickte nur auf Frauke, ob sich in ihren Mienen etwas zeige, was ihrer Seele Regung offenbare. Er gewahrte nichts. Wie ein Bild aus Stein saß sie da, die Hand an der Wange. Er hatte, als der Abschluß geschehen, mit ihr zu sprechen versucht, hatte ihr klargemacht, daß ihm der Ring die Gelder ausgezahlt, ja, mehr als er gegeben, zurückerstattet habe, und daß trotzdem dieser Berg von Papier nichts wert sei. Sie hatte ihn starr angesehen und geschwiegen. Geschwiegen, immer nur geschwiegen! Jetzt ...

Onkel Rolf hatte geendet, eine peinvolle Pause dehnte aller Not ins ungemessene. Warum reden sie nicht, warum entrüsten sie sich nicht? dachte Malte. Ihre Blicke, die mich fliehen, sind furchtbarer als ihre Anklagen. Warum ist Frauke noch immer so erstarrt?

Harro war der erste, der die Qual endete. »Habe ich recht verstanden? Unser Barvermögen ist also völlig dahin, und das Grundvermögen ...?«

Onkel Rolf entgegnete umständlich, daß Verbindlichkeiten da seien, die getilgt werden müßten; vielleicht sei der Treßhof zu retten, vielleicht!

Es ging wie ein Schlag durch alle. Vielleicht? War das Leben denkbar ohne den Hof? Ihn einbüßen -- hieß das nicht, die Lebenswurzel ausreißen?

»Also, das wäre das Ende!« sagte Harro heiser. »Wir arm, der Treßhof in fremder Hand. Es ist herrlich weit gebracht.« Er lachte plötzlich wild und ungezügelt auf, aber das war das Schreckliche nicht. Schrecklich war der flammende Blick, der wie ein Schwert auf Malte zufuhr, der Blick und das Wort, das wie ein Auswurf war: »Erbärmlich!«

Malte saß starr da. Nur schweigen, sonst reißt etwas, dachte er.

Aber Güldenfey fing wie eine Schildjungfrau das Verwundende auf. »Harro, wie magst du ihm so weh tun!«

»Ist es nicht wahr?« schrie Harro, der sich jetzt entschränkt fühlte. »Alles ...«

Doch er sprach nicht weiter. Güldenfey hatte sich erhoben und schützend ihre Hände ausgebreitet. »Sprich nicht weiter, Harro. Erst höre uns an.« Sie zog ein Papier heraus und entfaltete es. »Von Jörg,« sagte sie feierlich, »und ich bin befugt, es hier auszusprechen: er verzichtet auf seinen Vermögensanteil. Hier, Onkel Rolf! Und ich, Malte, schließ mich ihm an. Du kannst unsertwegen unbesorgt sein, Malte. Willst du es von mir auch schriftlich haben?«

Alle blickten Güldenfey an, auch Frauke.

»Ja, Jörg!« rief Harro unmutig. »Der verdient sein Brot und ich schließlich auch. Aber du, Güldenfey!«

»Auch das darf euch nicht Sorge machen«, sagte sie. »Jörg und ich haben beschlossen, daß ich zu ihm gehe.« -- --

* * * * *

Ssssiii -- -- -- jüh! rast der Wind. Zwei Menschen kämpfen sich durch die Straßen, zwei Menschen, die nichts mehr miteinander gemein haben, die sich unter dem zerfegenden Druck des Sturms nicht die Hände reichen, sondern die voneinander streben. Ein Dachziegel wird vor ihre Füße geschmettert. Malte ergreift unbewußt Fraukes Arm, um sie zurückzuziehen, fühlt ein deutliches Widerstreben und zieht schnell die Hand wieder an sich.

Eine Tür tut sich vor ihnen auf und schließt sich hinter ihnen, sie sind in ihrer Wohnung. Frauke legt ab und tritt zu Malte. Jetzt wird es kommen, denkt er, will ihren Namen nennen und verstummt, da er sie ansieht.

»Es ist das beste, ich verabschiede mich jetzt von dir«, sagt sie. »In zwei Stunden fährt mein Zug.«

»Du willst nach Hamburg reisen?« fragt er, und als sie nickt, fährt er fort: »Ich dachte es mir, es gibt hier allerlei Bitteres zu kosten. Natürlich, es ist besser für dich.«

»Lebewohl!« sagt sie. »Wir haben uns wohl jetzt weiteres nicht zu sagen.«

»Nein«, erwidert Malte. Er erfaßt den Sinn ihrer Worte nicht.

»Was zwischen uns zu erledigen ist, kann schriftlich geschehen.«

»Gewiß.«

Frauke merkt, daß er noch immer nicht versteht, um was es geht. »Meines Vaters Anwalt ...« Sie hält inne, denn der Blick, der sie trifft, ist entsetzlich. Jetzt hat er begriffen. Sie sieht, wie die Erkenntnis in ihm wühlt.