Chapter 15 of 19 · 3978 words · ~20 min read

Part 15

Güldenfey trat einen kleinen Schritt vor. Sie streckte bittend eine Hand aus. »Ich weiß, mein Bruder Malte ... Er war ungerecht und hat Sie sehr verletzt. Ich konnte nicht dafür, es tat mir so leid. Ich wollte wieder gutmachen und suchte Sie. In der Sachsenvorstadt bin ich durch fast alle Häuser gegangen ... Es war so traurig, dieses vergebliche Suchen.«

»Es war gut«, sagte die Frau hart. »Ich wollte nicht gefunden sein. Ich beging eine Torheit, als ich zu Malte Treß ging ... Die Not ... Das ist nun vorbei.«

»Ach, das freut mich, daß Sie nicht mehr Not leiden«, sagte Güldenfey.

Die Frau strich mit einer undeutbaren Gebärde über ihre Stirn.

Güldenfey sah, sie war sauber gekleidet, doch die Dürftigkeit hatte ihren Rock gezeichnet. »Ich komme Ihnen heut nicht gelegen,« sagte sie, »und ich habe es auch eilig. Wie ich sagte, ich trat nur ein, um eine Frage zu tun. Doch nun, da ich weiß, wo Sie zu finden sind, darf ich --«

Die Hand, die schon einmal ins Leere gestreckt war, hob sich wieder, doch die Frau ließ sie wieder unbeachtet.

»Nein, Sie dürfen nicht«, sagte sie. »Kommen Sie nicht wieder, ich will es nicht. Ich will, daß das Vergangene vergessen wird. Würden Sie wiederkommen, so wäre das ein Grund, mich aus dieser Behausung ebenso zu verdrängen, wie es schon einmal geschah.«

Güldenfey war trostlos. Was wäre darauf noch zu sagen? »Begreifen Sie denn nicht, daß ich den Wunsch habe, Ihnen ein wenig zu helfen? Und daß dies Wiederfinden eine Fügung ist --?« Ihre Stimme zitterte und brach.

Die Frau schüttelte den Kopf. »Ja, daß Sie Ihr Gewissen entlasten wollen, das versteh' ich. Nicht Sie, aber ...« Sie deutete nach der Stadt. »Doch ich will nichts annehmen, nichts, auch keine Freundlichkeit. Ich bin arm, und zufrieden, wenn man mich in Ruhe läßt. Sie sind reich. Wir passen nicht zueinander. Und nun ...« Sie machte eine Gebärde, die das Gespräch beenden sollte, und ergriff die Klinke.

»Ich will Sie gewiß nicht quälen«, sagte Güldenfey zart und voll verhaltener Traurigkeit. »Nein, wenn ich Ihnen weh tue ... Aber es könnte sein, daß auch ich einmal arm bin; nicht wahr, dann darf ich wiederkommen?«

Die Frau blickte sie starr und entwaffnet an. Güldenfey neigte den Kopf zum Gruß und ging. Die kleine Glocke läutete ungestüm hinter ihr drein.

Ihr Herz lag schwer wie Erz in ihrer Brust; sie wußte nicht, was sie vorhatte, und blieb einen Augenblick überlegend auf der Straße stehen. Ach ja, die Schwedenschanze!

Als sie dort ankam, stand die Sonne schon tief. Sie schritt in die Schluchten und Gänge, suchte mit den Augen und fühlte doch, daß ihre Seele weit von ihr fort war. Schälten sich dort nicht die Bäume unter dem Druck des brausenden Saftes? Hing es nicht im Birkengeäst wie eine Verheißung, und zogen nicht reihende Enten durch die Luft? Von fern kam der heisere Ruf der Reiher. Sie nahm das alles wie im Traum wahr. --

Dort! Güldenfey schrak zusammen. Dort unter dem Geäst niedriger Tannen, dicht an den Boden gedrückt, lag es dunkel und geballt. Ein Mensch? Nein, ein Bündel von irgend etwas Menschlichem, das ausgeworfen, verloren, vergessen sich hier verkrochen hatte. Sie blieb stehen, von Grauen geschüttelt. War er das? Sein langer Bart, seine Kleidung? Sie konnte nichts erkennen, denn vor ihren Augen bewegte sich ein Flimmerspiel.

Das Etwas rührte sich nicht. Der Reiherruf kam wieder vom Wasser her. Da erwachte Güldenfey, das Erbarmen war mächtiger als die Starre der Furcht. Sie trat näher. Ja, er war es. Leise rief sie: »Mellin!« Dann lauter, zuletzt wie in Angst: »Mellin!« Da rührte er sich.

Gottlob, er lebte. Und schon kniete sie neben ihm. Er hob den Kopf. O, dieses Gesicht! Der Tod hatte ihn nicht genommen, doch er mußte durch alle Grade des Sterbens gegangen sein und furchtbar gelitten haben.

»Mellin, was für Sorgen haben Sie uns bereitet!« sagte Güldenfey.

Er blickte sie abwesend an; nichts verriet, daß er sie erkannte.

»Aber jetzt ist alles gut, und wir gehen heim. Denken Sie doch an Ihre arme Frau! Können Sie sich aufrichten?«

»Nein!« Er schüttelte den Kopf, mühsam, wie heraufgestoßen klang seine Rede. »Ich will nicht mehr, ich mag nicht mehr. Lassen Sie mich doch umkommen.«

»Aber, Mellin!« Güldenfey wußte nicht, was sie sagte, sie dachte: nur auf ihn einreden, nur den Faden zerreißen, der ihn an das andre Ufer band. Und sie sprach von Mariechen und ihren Kindern; von der sorgenden Frau; sie sprach von ihm und dem Leben im Treßhof. Ach, was redete sie nur!

Sie wußte nicht, ob die Worte in den dunklen Grund seiner Seele fielen. Er hatte das Kinn auf die Brust gestützt, in Bart- und Haupthaar hafteten dürres Gezweig und grüne Baumnadeln, die Augen lagen blicklos wie versunken in ihren Gruben; aufgerissen klaffte der Rock.

»Mellin!« Ach, es war ganz gleichgiltig, was sie sagte. Aber das, was ihr die Worte eingab, war stärker als der Tod, dem er nachlief, das fand die irrende Seele und rief sie aus den Gefilden der Verzweiflung zurück. Sie sah es, er merkte auf, und dann kamen ihm die Tränen.

Durch die Dämmerung des zeitigen Frühlingsabends führte Güldenfey Mellin in den Treßhof zurück.

Das Konzert der Armen

Jörg also wollte kommen und spielen.

Alle, zu denen Güldenfey davon sprach, hatten abgeraten. Wie viele Künstler irrten von einer Stadt zur andern, zogen den schäbig gewordenen Frack an, lächelten, verneigten sich dankend, gaben ihr Bestes und zählten aus dem Ertrag nur so viel heraus, daß sie die Unterkunft und vielleicht noch die Weiterfahrt bezahlen konnten. Ihr Lächeln und Verneigen war nur die stumme Bitte: Laßt mich nicht verhungern! Doch satt wurden sie selten.

»Aber es ist ihm ja nicht um den Verdienst zu tun«, sagte Güldenfey zu Onkel Rolf, dem sie den Plan vorgetragen hatte, denn mit Malte, der mehr denn je in der Siedehitze der Geschäfte steckte, war davon nicht zu reden. »Bedenke doch, er will die Menschen erfreuen und beschenken!«

Onkel Rolfs Finger strich bedächtig das Kinn. Ein Künstler, der nicht verdienen wollte, war ein Unding. »Es hat jetzt keiner die Zeit, sich zerstreuen zu lassen«, entschied er. »Was macht ihr, wenn niemand erscheint?«

Ja, das war freilich zu erwägen. Am liebsten hätte Güldenfey allein gelauscht. Doch Jörg ...

Sie ging zu Klaus, der jetzt mit der Witwe verehelicht war und in der kleinen Villa an den Teichen nach flüchtigen Honigwochen und längeren Reisen das übliche Rentnerdasein dieser Zeit führte. Sein etwas mürrischer Rat war noch weniger tröstlich. Sie teilte ihre Besorgnisse Jörg mit.

Nach wenigen Tagen erhielt sie seine Antwort: er werde trotzdem kommen und das Cembalo mitbringen. Genaue Anweisungen waren beigefügt, und er bat Güldenfey, alles vorzubereiten. Güldenfeys Herz erglühte. Ja, das war Jörg! Und wie er es vorgeschlagen, so sollte es werden.

An einem Morgen trugen viele Straßenecken der Stadt eine gedruckte Bekanntmachung, zu der die Leute die Hälse aufreckten.

»Alle Armen und alle, die diese Zeit müde und traurig gemacht, ladet Jörg Treß zu einer ruhigen Feierstunde ein.« Zeit und Ort waren darunter bezeichnet.

Es ging ein Raunen durch die Stadt. Die Einladung lockte, begrenzte und schloß aus. »Schade!« sagte Frauke. »Ich hätte gern mitgemacht. Nun aber ...«

Malte verließ sein Haus, schritt über den Markt und las. Etwas in ihm empörte sich, aber er verschloß sich. Das da war keine ausgeklügelte Anpreisung, sondern ehrlich gemeint. --

Der große Saal lag im Dunkel spärlichen Kerzenlichts, nur auf dem Chor vor der Orgel und auf der Erhöhung am andern Ende des Raumes war es hell. Hier stand ein Pult neben dem Cembalo. Es duftete nach Veilchen und frischem Grün. Lange vor dem Beginn stand Güldenfey, schlicht gekleidet, aber im Schmuck ihrer lichten Schönheit, an der Tür, die Gäste zu empfangen.

Sie kamen leise die weite Treppe herauf und traten scheu spähend an die Tür. Es war ziemlich dunkel darinnen, sah gar nicht nach den funkelnd prahlenden Sälen aus, in denen man festete und feierte; aber so war es gerade recht: eins sah nicht das andre. Man war keinen neugierigen Gafferblicken ausgesetzt, man fühlte sich allein mit den schweren Gedanken, die man am liebsten aus einem Dunkel in das andre trug, und konnte doch des Kommenden harren, dem man alle Sorgen preiszugeben entschlossen war.

»Ist hier das Konzert?«

Wie wußten sie nur, daß sie zu einem Konzert geladen waren? Davon hatte die Verkündigung doch nichts gesagt.

»Gewiß, gewiß; kommen Sie!«

Und Güldenfey führte sie ein und wies ihnen die Plätze an. In Scharen kamen sie! Wenn Onkel Rolf das gesehen hätte! Alte Mütterchen und gebückte Greise; Frauen im Schulterschal, die Schürze vorgebunden; Männer, die das Tuch um den mageren Hals geknotet trugen und denen ein wenig Armeleuteduft aus den Kleidern stieg; magere Gesichter, die in dem Dunkel sorgenvoller Nächte gebleicht waren, und gefaltete Stirnen, die den narbigen Mauern lange belagerter Städte glichen. Doch nicht die offen Gezeichneten kamen nur. Da waren auch die Rentner aus den kleinen Landhäusern, die ihre Öfen mit dem Sammelreisig heizten, das sie im Stadtwald schamhaft auflasen, und die auf den kleinen Blumenbeeten ihrer Gärten mühsam eine geringe Kartoffelernte hüteten. Da waren auch die Frauen, die das verjährte Festkleid, das ihnen kein Händler mehr abkaufte und das sie doch einst in Glanz und Schimmer getragen, aus dem Schrank genommen hatten, um sich für diesen Abend zu schmücken. Ihre Armut war nicht augenfällig; man mußte auf die Falten um die Augen, auf den eigentümlichen Zug ihres Lächelns achten, um die Wunde zu entdecken, die die zerknitterte Seide verbarg.

»O Herr Oberst, Sie auch!« rief Güldenfey.

Er führte seine Frau am Arm, der Kavalier einer vergangenen Zeit, dessen Gruß immer eine Huldigung war.

»Die Feierstunden sind rar«, antwortete Helf. »Man darf sich keine entgehen lassen.«

Zaghaft wie jemand, der heimlich unterschlüpfen will, erschien auch Frau von Ebel. Ihre Augen irrten an den andern vorüber: O, so viele Fremde! Aber Güldenfey empfing sie und leitete sie behütend an einen verborgenen Platz.

»Wieviel kostet es?« fragte eine dürftige Frau. Ihre Hand suchte emsig in der Tasche.

Güldenfey brauchte einen kleinen Aufwand an Worten, um sie zu überzeugen, daß wirklich nichts gefordert würde.

Der Saal war gefüllt, sie standen an den Wänden und in den Gängen und warteten geduldig. In dem schwachen Kerzenlicht fühlten sie sich schon in ausruhender Geborgenheit, und der Atem der Erwartung durchdrang den hohen Raum. Dann kam Jörg. Er trat nicht auf, sondern ging schlicht zum Pult und grüßte die Lauscher mit natürlicher Bewegung.

»Es freut mich, in meiner Vaterstadt zum erstenmal meine Kunst ausüben zu dürfen«, sagte er. »Aber diese Freude wäre nicht völlig, wenn ich Ihnen damit nicht ein Geschenk machen dürfte: ich möchte Sie ein wenig aus dem sorgenvollen Dasein führen.

Es gibt in Flandern alte Städte, um deren Dome und prächtige Gildehäuser immer eine leise Angst und Bangnis ist. So ist auch die große Stadt, die wir Zeit nennen, voll von Ängsten um unser Bestehen, und die meisten sagen, das ist die Wirklichkeit. Die Fieber unsers Blutes erregen uns so, daß wir den großen Pulsschlag des Ewigen nicht mehr vernehmen. Aber glauben Sie mir: das Wirken des Geistes ist allein die Wirklichkeit, und unsre Ängste, Bekümmernisse und Sorgen, das ist nur spukhafter Schein. Folgen Sie mir aus dem Scheinhaften in das wirkliche Leben, und Sie werden glücklich sein.«

Das Cembalo sang in leisen silbernen Tönen, freundlich und heiter wie eine fröhliche Kinderstimme. Ist es wirklich nicht wahr, daß die Sorgen unsrer Tage und Nächte, denen alle diese willenlos überliefert sind, das Wirkliche darstellen? dachte Güldenfey. Liegt das wahre Leben doch jenseits des Täglichen, das mit seinen Geräuschen unser Blut beunruhigend füllt?

Sie blickte in die Gesichter der ihr zunächst Sitzenden; ihr schien es, als glätte sich alles, was ihre Züge verhärtet hatte. Sie hörten freilich nur eine feine Musik, aber in ihnen klang das gesprochene Wort nach, das die Töne zur Brücke gestaltet hatte.

Eine Frauenstimme sang ein Lied, das Jörg geschrieben und vertont hatte. Die Sängerin war mit ihm gekommen, und Wort und Ton gingen wie Sterne über die Stadt der Zeit.

Ein Paar blasse Hände lagen in einem Schoß. Sie hatten unruhig gezuckt und wurden nun sanft und gelassen. Ein Mund war hart verschlossen gewesen, als Jörg gesprochen, er war jetzt halb geöffnet wie bei einem Marmorbild, dem der Bildner die Gebärde andächtigen Lauschens verlieh. Stand der Mann vor einem Feuer und schaute im Spiel der Flammen etwas Unsagbares, Fernes? Etwas, das in der Brust dieses Menschen seit vielen Jahren das Lachen verkrampft gehalten, löste sich.

Als die Orgel zu spielen begann, blickte Güldenfey nach der Tür. Eine Frau in glatt gescheiteltem Haar -- war das nicht Frau Jobst? So war auch sie gekommen, spät, um nicht bemerkt zu werden. Sie preßte sich in den Schatten des Pfostens, sie wollte verborgen bleiben. In Güldenfey jubelte etwas, doch sie schaute zur Seite, um die Scheue nicht zu vergrämen.

Der erste Teil war beendet. Jörg trat wieder an das Pult. Er sprach davon, daß das Reich, in das er seine Freunde führe, allen unverlierbar bleiben müsse; sie hätten auch ohne die Musik täglich freien Zutritt zu ihm, denn sie trügen es in sich. »Jeder Mensch trägt das wirkliche Reich des Ewigen in sich wie ein Bild in der Mauernische, doch wir sitzen wie gewinnhungrige Bettler auf den Schwellen fremder Häuser, sorgen uns um Schmutz und Staub der großen Straße und vergessen, daß ein Wind die Düfte unsrer Blütenbüsche verstreut. Von der Heimkehr zu uns und dem Reich, das in uns ist, sollen jetzt die Töne zu euch reden, meine lieben Freunde.«

Ach, wie sie redeten! Da und dort hob sich scheu eine Hand zu den Augen, um die nassen Lider zu trocknen. Nun das Erstaunen vor dem Neugearteten in ihnen verwunden war, ruhten sie aus, und verdorrte Brunnen begannen zu fließen. Türen gingen leise auf, und sie wunderten sich, was alles so lange verborgen war. Träume sprachen, und sie sahen in der Ferne das Gesicht Gottes, das nicht die Härte trug, von der die Menschen immer fabelten.

Wie war es möglich, daß Jörgs Hände den großen Frieden über diese Mühseligen und Beladenen strömen lassen konnten, diesen Frieden, der schwere Lasten in einem Seufzer löste!

Ja, Jörg spielte mit einer Hingabe, wie er sie noch nie in seinem Leben verspürt. Als ob seine Seele in seine Hände floß, so war es. Es war ihm seltsam ergangen. Während er gesprochen, war es in der dämmerigen Tiefe des Saales plötzlich wie eine Erscheinung vor ihm aufgetaucht: unter der Orgelempore ein Gesicht, das sich aus der Menge weißleuchtend hervorhob. Er hatte immer auf dieses Gesicht blicken müssen.

Malte! Er konnte ihn nicht erkennen, doch er wußte, daß er es war. Der erste Kaufherr der Stadt im Konzert der Armen. Regte sich etwas in ihm, was trotz seiner überragenden Stellung von der großen Armut in seinem Inneren zeugte? Eine Rührung hatte Jörg gepackt, ja, das war die größte Armut: einsam im Glanz frieren. Er spielte nur für ihn. Und ob Malte vorgab, die Sprache der Töne nicht zu verstehen -- was diese beseelten Klänge sagten, würde er begreifen.

Ehe Jörg das vorletzte Stück begann, sah er noch einmal auf: das bleiche Angesicht war noch da, aber er sah es nicht mehr, wie es ihm zugewendet war, sondern von der Seite, als neige es sich einem zu. Dann war es verschwunden, und Jörg entdeckte es auch nicht, als er zur Empore schritt, um zum Schluß die Orgel klingen zu lassen. Genug, Malte war gekommen.

Der letzte Ton verhallte. Die Zuhörer blieben auf ihren Plätzen. Jörg trat noch einmal vor und sprach einige abschiednehmende Worte. Dann erhoben sich zögernd einige und schickten sich an, den Saal zu verlassen. Aber sie schritten durch den Mittelgang bis zur Standbühne vor, blieben vor Jörg stehen und sagten ein Dankwort. Und die andern folgten. Es begann ein Zug an ihm vorüber, und alle schenkten ihm einen freundlichen Blick. Das war der Dank der Armen: kein rauschender Beifall, kein lärmender Zuruf, aber ein stilles Grüßen und Neigen. Jörg hätte sich keinen besseren Dank gewünscht.

Als er neben Güldenfey heimschritt, legte er seinen Arm in den ihren. Sie traten in das Haus am Markt, daß er sich von Malte und Frauke verabschiede, denn er wollte in der Frühe des nächsten Tages reisen.

Aber Malte war nicht da, obgleich Jörg sich angesagt hatte, und Frauke war seltsam kühl und zerstreut. Ja, Malte war fortgegangen, war wiedergekehrt und aufs neue gegangen; vielleicht war er im Treßhof, sie wußte es nicht.

Verargt sie es uns, daß wir sie ausschlossen? dachte Güldenfey. Doch sie hing dem Gedanken nicht nach; sie fand es auch nicht auffallend, daß Malte im Treßhof nicht mehr erschien. Sie hatte so viel Grund zur Freude und wollte das Zusammensein mit Jörg auskosten.

* * * * *

Malte hatte im Schatten des Orgelüberbaues gestanden und gelauscht. Unerklärliches hatte ihn hergetrieben. Nun kam die feierliche Ruhe auch über ihn, und dies Ausruhen war schöner als die schweigsame Stille, die er auf seinen nächtlichen Gängen genoß.

Nein, er verstand nichts von der Musik und hatte diesen Mangel nie bedauert. Doch dieses Ausruhen in Tönen war etwas Besonderes. Hier war keine neuerunglüsterne Menge: diese alle waren gekommen, um wie Flüchtlinge die Verborgenheit zu suchen. Im Grunde trug er die gleiche Wunde wie sie, etwas verband ihn mit diesen geladenen Armen, ihn, den ungeladenen Reichen.

Er fühlte sich von einem seltsamen Staunen befangen, als er Jörg hörte: das war kein Werben um die Gunst der Menge, das war Mitteilen eines königlichen Guts, zu dem er sich verpflichtet fühlte. Wie überragend hoch war dieser jüngste Treß gewachsen, den vor vier Jahren er, Malte, noch so gering bewertete!

Plötzlich fühlte er es kühl auf sich zudrängen wie einen frostigen Luftzug. Eine Bewegung neben ihm entstand. Malte sah unwillig zur Seite. Wer schob sich da heran? Häberle!

»Herr Konsul,« sagte Häberle leise, »ich glaubte, Sie aufsuchen zu müssen. Ein dringendes Telegramm. Usadel.«

Der Name schnitt wie ein Messer in die Stille. Etwas zerriß.

»Ich komme.«

Vorsichtig schob sich Malte durch die enge Zeile, die ihm Häberle bahnte, dem Ausgang zu. An der Tür blickte er noch einmal zurück wie einer, der von einer großen Stunde Abschied nimmt. Wie zärtlich das Cembalo tönte! Wie andachterfüllt diese Menschen in das ferne Reich hineinlauschten! In uns sollte es sein? Nein, es war sehr weit, und in uns war der Unfriede.

Wem gehörten die Augen, die ihn feindlich musterten? Ach, diese Frau Jobst! Ihre Blicke irrten zur Seite, da sie sich begegnet sahen. Er hätte sie ansprechen mögen, ihr irgend etwas sagen können, doch sie wandte sich von ihm ab. Wie hatte Jörg zu ihm gesagt? Du bist kein Wirklichkeitahner. Das Wort brannte plötzlich in ihm.

Doch, doch! Die Wirklichkeit rief ihn. Usadel. Es strömte etwas von diesem Namen auf ihn über, das ihn frösteln machte. Hastig schritt er durch die Straßen seinem Hause zu.

»Sie kommen wohl mit mir, Herr Häberle. Es wäre möglich, daß wir noch eine Bestimmung treffen.«

Das Licht in Maltes Stube brannte. Da lag die Depesche. Malte streifte den Mantel ab, ergriff das Papier und öffnete es nicht; er wog es in der Hand. Dann fühlte er Häberles Blick, und er riß den Heftstreifen auf.

Er las, setzte sich und las wieder.

»Die Interessen unsers Ringes fordern, daß das Gesetz, das die Partei Ihres Herrn Bruders zu fördern sucht und für das sie im Volke Stimmung macht, nicht getätigt wird. Wir erwarten von Ihnen, daß alles aufgeboten wird, ein Zustandekommen zu verhindern. Sie werden wissen, was Sie zu tun haben. Ich bitte um schnellsten Bericht, daß Sie Ihren ganzen Einfluß aufgewendet haben.«

Der Name Usadel stand wie ein drohendes Handzeichen unter diesen Worten. Malte wandte das kleine Blatt, las noch einmal, dann wurde ihm Häberles Anwesenheit wieder fühlbar.

»Nichts, was augenblickliche Entscheidung verlangt«, sagte er. »Wir sprechen noch darüber. Morgen früh verreise ich auf zwei Tage.«

* * * * *

Er war in Berlin und suchte Harros Behausung, in der er noch nie gewesen war. Sie lag irgendwo im westlichen Stadtteil, der eine Welt für sich bildete und mit dem alten Berlin eigentlich nichts zu tun hatte. Endlose Straßenzüge von der Gleichförmigkeit des triebhaft Gewachsenen, hastende Menschen, Tropfen eines namenlosen Stromes.

Endlich hatte er das Haus an der Grenze eines andern Gemeindewesens gefunden. Er klomm in das dritte Stockwerk empor und fand Harros Karte an eine Tür geheftet. Er läutete.

»Ich möchte Herrn Doktor Treß sprechen.«

Er erhielt den Bescheid, daß Harro nicht daheim sei; es sei unbestimmt, wann er zurückkehre.

»Kann ich ihn nicht erwarten?«

Die Stimme, die ihm aus dem Dunkel eines mit Schränken vollgestopften Flurs antwortete, belehrte ihn, daß Herr Doktor nicht wünsche, daß jemand während seiner Abwesenheit sich in seinem Zimmer aufhalte.

»Ich bin der Bruder, Konsul Treß.«

Ein kurzes Zögern, dann wurde er eingelassen.

Das also war Harros Hausung! Malte empfand eine mitleidige Regung. Konnte jemand sich wohlfühlen in diesen beiden Räumen, mit dem Blick auf die Straßenzeile, durch die in kurzen Abständen lärmend die elektrischen Wagen brausten? Zwischen diesen abgenutzten unpersönlichen Mietmöbeln, die mit den Resten eines schäbigen Putzes bestanden waren, wo alles die Anzeichen des Ungepflegten, Unbedachtsamen trug?

Es war nur denkbar, wenn man erwog, daß der Bewohner dieser Räume ganz seiner Arbeit hingegeben war und den Blick für die Dinge seiner Umgebung eingebüßt hatte. Druckhefte, Zeitungen aller Bekenntnisse waren auf Tischen und Ständern gehäuft; daneben waren Papiere und Stifte zerstreut, um in jedem Augenblick zur Hand zu sein; eine Schreibmaschine stand gebrauchsfertig da, eine begonnene Schreibarbeit lag auf der Tischplatte.

Es war allerdings nicht ratsam, die spähenden Augen Unberufener in diesem Zimmer schweifen zu lassen.

Malte war unruhig umhergegangen, jetzt sah er ein, daß er vielleicht lange werde warten müssen. Er räumte von einem Stuhl Mappen und Bücher fort und setzte sich. Er mußte überlegen, wie er Harro sein Ansuchen nahebringen konnte. Als er in der Bahn das Telegramm zum wer weiß wievielten Male gelesen, war er sich erst der gebieterischen Form der Forderung bewußt geworden: es wurde befohlen, und er hatte zu gehorchen. Gleichzeitig hatte er erkannt, daß Unerhörtes gefordert wurde. Sein Rechtsempfinden empörte sich für kurze Zeit, dann hatte er sich gesagt, daß Befehle nicht nur im Heeresverband ausgeführt werden müßten, sondern in jeder Berufsart. Aber die Schwere seines Auftrags erschien ihm doch drückend. Es war das beste, Harro unumwunden die Sachlage zu erklären.

Er hatte längst seinen Rundgang auf dem Muster des verschlissenen Teppichs wieder aufgenommen, als er des Bruders Stimme draußen vernahm. Man bereitete ihn auf den Besuch vor; ein ärgerliches Wort Harros fiel, dann beschwichtigende Gegenrede, und die Tür wurde geöffnet.

»Malte, ist es möglich!«

Die Gegenwart des Bruders hatte plötzlich seine Empfindlichkeit für das Unzulängliche dieser Umgebung geweckt; er begann mit einigen Griffen aufzuräumen, gab es aber sofort wieder auf.

»Wir hätten uns wie bisher am dritten Ort treffen sollen«, sagte er. »Diese Bude ...«

Malte bedeutete ihm, daß es sich um dringende Angelegenheiten handle. Er bat den erregt umherlaufenden Harro, sich zu setzen, zog seine Mappe zu sich und erklärte, um was es gehe.

Harro hatte erst zerstreut gelauscht, allmählich wurde er aufmerksam. Als Malte endete, bat er sich das Telegramm aus.

»Unverschämt«, murmelte er. »Und darauf gehst du überhaupt ein? Kommst deshalb nach Berlin?«

Malte legte ihm die Bedeutung des Ringes dar, erschöpfte sich in Ausführungen. Er war erleichtert, als er Harro nachdenklich sah.

Dieser sprang auf und lief im Zimmer umher, hob Gegenstände auf und legte sie wieder aus der Hand. Endlich blieb er vor Malte stehen. »Kurz, lieber Malte, ich kann nichts in der Angelegenheit tun, gar nichts. Und könnte ich es, so würde ich es nicht tun. Es geht gegen meine Überzeugung. Das Schutzgesetz ist nötig.«

Diese Tonart kannte Malte. Er raffte sich zusammen. »Du weißt, wir sind mit unserm Vermögen dem Ring angeschlossen«, sagte er. »Vergiß dies nicht: wenn man die Machthaber reizt, könnten sie uns preisgeben. Was das in dieser Zeit bedeutet, weißt du.«

Harros Hand strich aufgeregt über seine Stirn. »Malte, was ist mächtiger, das Gesetz oder das Geld?« fragte er.

»Das Geld«, antwortete Malte, ohne sich zu besinnen.