Chapter 2 of 19 · 3977 words · ~20 min read

Part 2

Und die Alte erzählte aufs neue, was sie wohl tausendmal schon berichtet hatte. »Als du geboren warst, sah ich, daß ihre Kraft zerging, und sie wußte es auch und war ganz still und gefaßt. Dein Vater lag an ihrem Bett auf den Knien, und ihre Hand strich über sein Haar. Dann wandte sie plötzlich den Kopf: ›Bringt mir das Kind!‹ Da nahm ich dich, weiß gebündelt wie du warst, legte dich in ihren Arm, und sie sah dich lange an. Dann sagte sie mit ganz hoher Stimme, so wie du immer sprichst: ›Güldenfey, liebe, kleine Güldenfey, lebe!‹ Ich wußte nicht, was sie meinte, und sah sie verwundert an. ›Ist sie nicht wie eine kleine goldene Fee?‹ Und sie sagte zu deinem Vater: ›Otto, ich weiß, daß die erste Tochter in jeder Generation der Treß Myrrha genannt wird, und wenn du willst, mögt ihr sie mit dem Namen ins Kirchenbuch eintragen lassen, aber ihr Name ist Güldenfey, und so soll sie genannt werden!‹ -- Siehst du, Kind, und dann hing sie dir das Kettlein mit dem Stein um, etwas mühsam, denn Gottes Engel winkten schon, aber ich half ihr. Und als ich dich in die Wiege gelegt hatte und mich wieder umwandte, da winkten sie wieder, und sie ging mit ihnen.«

»O du Liebe, Süße!« sagte Güldenfey. Sie hatte den Stein an ihrem Mund und küßte ihn andächtig.

»Du hast ihr Wesen geerbt und Jörg ihre Musik. Beide habt ihr das Beste von ihr. Ich sage dir, sie konnte singen! Nicht so laut und mit verzerrtem Gesicht wie die Frauen, die sich am Flügel aufstellen und tun, als wollten sie auf der Stelle sterben, sondern leise und lächelnd. Und immer ganz seltsame Melodien. Als sie Jörg trug, hab' ich nebenan beim Wäscheordnen oft lange stillgestanden und ihr zugehört. Mir wurde dann ganz sehnsüchtig um das Herz.«

»Und Harro und Malte? Haben die nichts von ihr?«

»Die sind Tresse, Kind! Harro ist Soldat, Seefahrer wie der Oberst bei den Gyllenstiernaschen Söldnern.«

»Und Malte?«

»Ja, Malte!« Ose zuckte die Schultern.

In diesem Augenblick fiel es Güldenfey ein, wie sie ihn unter dem alten Bild von Balzer Treß gesehen, wie sein schönes blasses Gesicht Zug um Zug dem des Ahnen geglichen hatte. »Malte ist Balzer, dessen Bild unten hängt!« rief sie.

»Der fliegende Holländer? Gott bewahr' uns, Kind!«

Güldenfey richtete sich auf. »Der fliegende Holländer? Heißt er so? Was ist's mit ihm?«

Der Alten Lippen wurden schmal und herbe, als müßten sie etwas verschließen. »Nichts ist mit ihm. Ich weiß nichts!«

Sie erhob sich und trat an das Fenster. Die Teiche, die die Stadt umgürteten, lagen im Mondlicht. Der Duft der lenzenden Erde floß um die alten Weiden.

»Es ist hell draußen, und unter den Bäumen nebelt es. Du sollst jetzt schlafen, Kind.«

»Ach, Ose, erzähle, bitte!«

»Was? Die Unglücksgeschichte? Die bringt müden Menschen den Schlaf nicht.«

»Ich finde vorher doch nicht Ruhe.«

Wer konnte widerstehen, wenn Güldenfey bat! Die Alte schüttelte den Kopf, setzte sich am Bette wieder nieder und begann.

»Die Treß sind von Heilisoe als Fischer in die Stadt gekommen und haben den Handel angefangen. Es ging recht und schlecht mit ihnen, und ihr Wohlstand wuchs, und sie bauten die Kornspeicher. Aber dem Balzer, der nach hundert Jahren aufkam, ging das In-die-Höhe-Kommen nicht schnell genug. Damals war schon der Neid auf die Olrogges und deren Mißgunst gegen uns. Der Balzer fing also den Handel mit Holland an. Das alte Abenteurerblut brauste in ihm, er rüstete eine Kogge aus und fuhr selbst nach Amsterdam. Er hatte, ich weiß nicht wie viele, Söhne und Töchter zu Hause, aber das Goldfieber gewann solche Macht über ihn, daß er nur selten heimkam. Der Reichtum floß ihm zu, und er leitete ihn her, aber er verfiel der Gier mit Leib und Seele. Immer neue Besitztümer raffte er an sich. Aber als er nun so viel besaß, daß er es kaum noch übersah, da packte ihn das Heimweh in der fremden Stadt. Er belud eine neue schöne Kogge und segelte heimwärts. Er fuhr und fuhr und kam doch nicht an sein Ziel. Es war nicht stürmisch, doch er konnte die Einfahrt in den Sund bei Heilisoe nicht finden. In Häfen und auf der Fahrt fragte er stets aufs neue: ›Wo geht der Weg nach Heilisoe?‹ Sie beschrieben ihn dem Frager, doch er fand ihn nicht. Sein Kompaß wies ihn in die Irre. Seitdem fährt er rastlos durch die Meere bei Tag, bei Nacht, in Wintern und Sommern, immerfort. Sie nennen ihn den fliegenden Holländer. Viele haben seine Kogge mit der Glücksfee, die ein goldenes Füllhorn ausschüttet, als Gallion gesehen; auch mein Vater, der als Kapitän oft bis ans Nordkap fuhr. In stillen Nächten hört man auch den Anruf: ›Wo geht der Weg nach Heilisoe?‹ Dann werfen sie das Schiff nach Steuerbord herum, denn von Backbord gleitet es immer auf sie zu. Können ihm ja den Weg doch nicht weisen, und wenn schon -- den Kurs findet der fliegende Holländer nicht.« --

Güldenfey lag ganz still. Ose glaubte, sie sei eingeschlafen. »Kind, schläfst du?«

»Ach nein, Ose. Wie sagtest du, das Gallion der Kogge sei eine Fee mit goldenem Füllhorn?«

»Ja, so erzählt man.«

»Ob das Mutter wußte, da sie mich Güldenfey nannte?«

Die Alte stand auf und strich über die gefalteten Hände. »Nein, nein, was hat sie mit dem alten Spuk zu schaffen! Du heißt so ... Ja, es ist seltsam, vielleicht kannst du ihn erlösen.«

»Und fährt noch heute ruhelos durch die Meere?«

»Ist ja nur eine Sage, Kind. Gott weiß alles, und bei ihm ist Vergebung. Schlaf jetzt!«

Güldenfey lag noch lange wach und sah das Mondlicht in das Zimmer gleiten. Sie hörte Jörg heimkehren und später Harro, aber ihre Gedanken waren bei dem Ahn draußen auf der See, der den Weg nach Heilisoe suchte und nicht fand.

An der Wegscheide

Seitwärts führte in die Kirche des St. Niklas eine kleine Tür, durch die die Treß zum Gottesdienst gingen. Sie war von eigenartiger Schönheit. Als der Vogt sie aufschloß, um die Herrschaften einzulassen, blieb Frauke Treß stehen und bewunderte das feine Maßwerk, das ein Spitzbogen in erhabener Arbeit krönte. Auch Malte sah flüchtig hin. Er hatte wenig Zeit und war nur gekommen, um vor den andern als gerechtfertigt dazustehen. Von der Musik verstand er nichts, und er betrachtete die Stunde, die er darangab, als ein Opfer.

»Was ist das?« fragte er und deutete flüchtig auf die Figuren in den beiden oberen Winkelfeldern, die gegeneinander die Posaunen hoben.

»Irgendwelche Wesen, die Musik machen«, erwiderte Frauke leichthin.

Er glaubte die Geringschätzung zu hören, die die Poppelmanns für alles empfanden, was nicht zu den führenden Handelshäusern zählte. Schmuck des Lebens, o ja! Aber wer ihn darbot, stand auf andrer Stufe. Und sein leiblicher Bruder! Wohlan, er mochte spielen! Wie Malte urteilen würde, stand bei ihm.

Pastor Thomasius war da, der feine Redner und gewinnende Mensch, der anläßlich des Todesfalls allen nahegetreten war. Als er die Geschwister begrüßt hatte, bat er um die Erlaubnis, dem Spiel lauschen zu dürfen. Er sagte nicht, daß Jörg am vergangenen Abend bei ihm gewesen war; er gab sich, als wäre er zufällig gekommen.

Seine Anwesenheit war Malte nicht willkommen. Er fürchtete, man möchte voreilig von Jörgs Plänen sprechen. Doch Thomasius' Worte verrieten nicht, daß er darum wußte, und schließlich war man hier bei ihm zu Gast.

Sie betraten den Treßschen Kirchenstuhl am Lettner, der im Volksmund der goldene Präsentierteller hieß. Er lag der Kanzel gegenüber. Der silberne Präsentierteller an der andern Seite des Altars war der Sitz der Olrogges.

Das hohe Mittelschiff war vom Sonnenlicht durchgossen. Die Säulenbündel, der buntbemalte Umgang, das hohe Chor mit dem funkelnden Altarschnitzwerk, die Barockfiguren, die in gezierter Haltung den Laienaltar umstanden, die Ambone, alles war von den fröhlichen Strahlengarben belichtet und beglänzt, die der Frühling einer blut- und tränengesättigten Erde schenkte.

Inmitten dieses heiteren Lichtspiels erschien die dunkle Menschengruppe in Trauerflor und schwarzem Tuch wie eine düstere Mahnung des Unvergeßlichen. Wären nur die strahlenden Augen Güldenfeys nicht gewesen! Thomasius, der im Hintergrunde saß, beachtete, mit welchem Entzücken diese Augen die reiche Fülle in sich tranken.

Auf dem Chor, wo die ihrer blanken Pfeifen beraubte Orgel türmte, regte sich nichts.

Malte wurde ungeduldig. »Ich hoffe, er wartet nicht auf Onkel Rolf. Ob er überhaupt hier ist?« wandte er sich an Harro.

Dieser antwortete mit einer Gebärde und blickte zur Orgel auf. In diesem Augenblick setzte das Spiel ein. Ein Schrei, vor dem die Wolken barsten, und noch einmal und noch einmal, hallend wie Gottes Stimme. Und darauf die Antwort der Gründe, aufbrausend, sich überschlagend, ein Donner in Tiefen, wo entfesselte Brände heulend die Felsenbande sprengten.

Pastor Thomasius beugte sich vor und raunte den Namen des Tonstückes. Niemand verstand ihn. Harro zog die Brauen in die Höhe. In Fraukes Gesicht, das in seiner kühlen Gelassenheit gleichgültig dreingeschaut, trat ein gespannter Zug. Güldenfeys Augen weiteten sich und wurden ganz von ihrer Seele ausgefüllt. Sie sahen hilflos drein, als das ungeheuerliche Widerspiel der Stimmen begann: das Auf und Nieder, die Empörung und ihre Bewältigung, das brausende Halleluja des Sieges.

Malte stand auf, sprach einige Worte zu Frauke. Ihm war eingefallen, daß er den Prokuristen, Herrn Häberle, mit den dringendsten Unterschriften bestellt hatte. Er hatte in bezug auf Jörg seinen Entschluß gefaßt.

Als seine Schritte verhallten, begann droben das Spiel aufs neue. Jetzt war es etwas durchaus andres. Eine schmerzliche Klage ohne heldenhaften Schwung. Die wehreiche wunde Zeit öffnete ihren Mund, das deutsche Leid tat sich kund. Güldenfey preßte die Hand gegen die Brust: alles, was sie während des verflossenen Winters empfunden, sprachen die Töne aus. Die schmerzhafte Spannung bedrängte sie. Da quoll es von andern Stimmen dagegen: O Lamm Gottes unschuldig, tröstlich beschwichtigend. Sie weinte. Plötzlich fragte sich Güldenfey: Ist das wirklich Jörg, der dort oben spielt? Ja, sie hatte ihn gehört, wenn er am Flügel saß und stundenlang phantasierte, doch dies war mehr als Spiel. Sie reckte den Kopf, doch der Spieler war von hier aus nicht sichtbar. Kurz entschlossen verließ sie das Gestühl, ging leise im Seitenschiff bis zum Orgelchor, die Treppe empor, tastete sich über Stufen bis an die Ecke des Gehäuses und spähte.

Da saß Jörg, die Arme zu den Tasten erhoben, die Augen in eine Ferne gerichtet. Er spielte, ohne auf die Noten zu sehen, und unter seinen Fingern schwoll jetzt lauter der Bittgesang an, das =Agnus Dei=. Eine süße Freude erfüllte sie. Sie war nie hier oben gewesen und blickte nun scheu in die Fülle der Säulen, Bogen und Wölbungen. War es nicht, als erwache unter den Klängen alles da unten, was in steinernem Schlaf ruhte, die starren Heiligenbilder, die Kapitelle und Schmuckstücke, die Grüfte in den Seitenkapellen und die gezierten Altäre? Wer so hoch, dem Licht und dem Klang so viel näher, weilte, dem mußte das Leben anders erscheinen.

Erbarme dich unser! Gib uns deinen Frieden!

Kränzten nicht die Strahlen den mißhandelten Leib des Herrn, der am Triumphkreuz über dem Lettner schwebte? Hob nicht alles, was Menschenhand drunten geformt, die Hände zu ihm empor? O ja, Güldenfey verstand jetzt ganz. Sie hatte sehen wollen, ob Jörg diese Tonfülle wirklich hervorrufen konnte, aber sie hatte mehr empfunden: sie hatte einen Blick in seine Seele getan. Langsam kehrte sie zu den andern zurück.

»Malte bittet euch, daß ihr zu uns kommt«, sagte Frauke, als Jörg die Treppe verließ und zu ihnen trat.

»War Malte auch hier?«

»Er saß bei uns. Sahst du uns nicht?«

»Nein. Ich habe niemand gesehen. Ich habe eigentlich nur für mich gespielt, Frauke.«

Sie entgegnete nichts. Harro äußerte seine Anerkennung in lauten Worten, aber Jörgs Gesicht drückte Abwehr aus. Da schwieg auch Thomasius.

Güldenfey hielt ihres Bruders Hand: »Du Lieber! -- Soll ich mit euch gehen? Ich hätte wohl für Engelke noch etwas zu besorgen, aber wenn sie dich nun bestürmen ...«

»Warum solltest du?«

»Du sagtest gestern, ich sollte zu dir stehen.«

»Bin ich dessen sicher?«

Sie nickte ihm zweimal bedeutsam zu.

»Dann geh ruhig deinen Weg, kleine Güldenfey. Mit alledem werde ich schon allein fertig«, sagte er herzlich.

Pastor Thomasius schickte sich an, Güldenfey zu begleiten, und die drei traten in das Haus am Markt.

In dem unteren Stockwerk, wo die Schreibstuben lagen, war ein gedämpftes lebhaftes Treiben. Der alte Chef war begraben, es wehte frischer Wind. Zwar bot die Zeit des Geschäftlichen nicht allzuviel. Man stand abwartend, mit geneigten Köpfen da: Gesetze wurden über Nacht aus der Erde gestampft, und hinter besetzten Grenzen plante feindlicher Sinn das Verderbliche. Dennoch zitterte die Erregung in jedem Wort und Tritt.

Malte entließ Herrn Häberle, als die Brüder eintraten. Er war sehr freundlich und führte sie hinauf. Die Zimmer lagen im Sonnenlicht, das sich durch die Spalten der resedenfarbenen Vorhänge schob. Malte zeigte sich als der liebenswürdigste Wirt.

»Nein, setz' dich hierher, Jörg, dieser Stuhl ist bequemer! Und du, Harro? So, du hast schon gewählt. Wollt ihr etwas genießen?«

Harro, der ewig Durstige, schien nicht abgeneigt, aber Jörg sagte so bestimmt nein, daß er keinen Wunsch äußerte.

»Also reden wir zuerst!« fuhr Malte fort. »Dein Spiel! Es war einfach packend, mein Junge. Ich versteh' nicht viel davon, aber das erste Stück, das ich leider nur hörte, überzeugte mich, daß du etwas kannst. Was war es denn?«

»Die =D-Moll-Tokkata=«, sagte Jörg.

»Wir wußten es ja, daß er etwas darin leistet!« bemerkte Harro.

»Doch das erwartete ich nicht. Woher hast du das nur?«

Harro strich mit den flachen Händen über die Armlehnen seines Stuhls. »Mutters Erbteil!«

»Angenommen, ja! Aber dennoch ...« Malte erging sich weiter in lobenden Worten.

Jörg saß still und hörte ohne ein Zeichen befriedigten Stolzes zu. Ein Abglanz von der Ergriffenheit, die ihn während des Spiels durchschüttert, war noch auf seiner Stirn. Er wartete auf das, was kommen würde. So leicht gab Malte seinen Vorsatz nicht auf. Und es kam.

»Wir geben zu, lieber Junge, daß du in dir trägst, was dich zum Künstler befähigt. Ich nehme auch den Zweifel zurück, daß es dir an technischer Fertigkeit mangle. Ja, ich glaube, du besitzt beides. Aber das wird jetzt nicht gefordert. Die bedrängte Zeit fordert Arbeit, rechtschaffene Arbeit, die man in Verruf getan. Von Menschen deiner Art aber, die sich in glücklicheren Tagen zu ihrer und andrer Freude ausleben durften, fordert sie Opfer. Jeder, auch ich soll es bringen. Von dir fordere ich es ebenfalls.«

Jörg hatte auf das Spiel der Stäubchen im Sonnenstrahl geachtet, solange Malte sprach. Es waren gute Worte, die an ihn gerichtet waren; sie machten ihm die Antwort schwer.

Jetzt richtete er sich auf und sah den älteren Bruder gerade an. Es war, als wolle er sein Innerstes vor ihm aufschlagen. »Danke, Malte. Du versuchst mich zu verstehen, das freut mich. Das Opfer, das ~du~ forderst, kann ich nicht bringen. Morgen kehre ich nach Schlesien zurück, aber nicht zum Jus. Ich studiere Musik.«

»Ist das deine ganze Erklärung?« fragte Malte.

»Nein, Malte! Ich werde dir erklären, warum ich so handle. Versuch' auch das zu verstehen. Auch ich will Deutschland helfen. Ich will aber nicht, daß, wie du prophezeitest, das Geld der kommende Herrscher wird. Dagegen werde ich wirken mit aller Kraft, denn das machte unsern Untergang gewiß.« Er richtete sich herrisch auf. »Deutscher Geist unter der verknöchernden Faust des Mammons! Wer beide kennt, sagt: Das ist undenkbar! Jedoch ... Ich will dem deutschen Menschen zu seiner Seele verhelfen. Weil er sie verlor, darum ist das alles über ihn gekommen, diese Hetze, diese Verlassenheit, dieses Elend.«

»Hör' einmal!« rief Harro. »Warum wirst du nicht Theologe?«

Malte machte eine Bewegung, die ihm Einhalt gebot.

»Ich tu' es auf die Art, die mir gemäß ist«, fuhr Jörg fort. »Wahrhaftigkeit, Einfachheit lehrt die alte Musik, sie wird von den Leuten auch so verstanden. Mit meinen Mitteln will ich ihnen predigen.«

Malte stand auf, ging einige Schritte und setzte sich wieder. »Wie kamst du eigentlich auf diese Idee?« fragte er.

»Darauf muß ich dir die Antwort schuldig bleiben. Das ist ein Erlebnis, das mir sehr teuer ist.«

Etwas erschütterte Malte, etwas, über das er sich nicht Aufschluß geben konnte. Es war nicht der Widerstand. Ein Treß ohne den eisernen Willen wäre ihm undenkbar gewesen. Aber dieser Gegensatz! Diese bis in die äußersten Wurzelfasern andre Art! Seit vierhundert Jahren sann man im Treßhof auf Erwerb und Mehrung des Besitzes, und jetzt kam einer, der von der deutschen Seele sprach. Kaufleute waren sie und als Nebenreiser waren Seefahrer, Soldaten, Juristen dagewesen, aber nie Bücherhocker und Phantasten.

»Deine Zeichnung bezog sich wohl auch auf meine Worte von Deutschlands Zukunft?« fragte er.

Jörg nickte.

»Und du meinst, wir sollten arm bleiben?«

»Wir sollen mit Stolz tragen, was uns das Schicksal gab. Aber lieber arm als unfrei.«

Wieder spürte Malte die Kluft vor seinen Füßen. Wie geriet der fremde Geist in dieses Haus! Ob der Vater das geahnt hatte? Gewisse Anzeichen deuteten darauf hin.

In diesem Augenblick trat Frauke ein. Sie blieb auf der Schwelle stehen und sah kühl über die Brüder hin. Es war etwas in ihrer Erscheinung, was Jörg reizte. Ihr seidig umrauschter Gang? Ihr nicht schönes, aber in seiner Unbeweglichkeit sphinxhaftes Gesicht? Die unbeirrbare Sicherheit ihres Auftretens? Er wußte nicht, was es war, er fühlte nur bei ihrem Anblick, daß etwas in ihm sich angrifffreudig erhob.

»Ich glaubte, ihr wäret fertig«, sagte Frauke.

Malte ging ihr entgegen. »Noch nicht ganz. Aber, bitte, bleib hier!« Er rückte ihr ritterlich den Stuhl. »Wir geraten in einen Streit über die soziale Frage«, fuhr er fort. »Bleiben wir bei der Sache! Deinen Standpunkt in Ehren, Jörg, doch ich sage dir, ein Treß kann nicht Künstler sein. Ich bitte dich: gib es auf.«

Wie kommt ihm jetzt, da Frauke hier ist, dieser andre Ton? dachte Jörg. Deckt er erst sein Innerstes auf, oder erstickt der Respekt vor seiner Frau das brüderliche Verstehen?

»Nachdem ich dir Grund und Ziel meines Entschlusses dargelegt, ist es unrecht, das geringzuachten, was ich sein will«, sagte er. »Du willst mich bereden, daß ich mir untreu werde.«

»Du kannst deinen Idealen in jedem Berufe leben«, entgegnete Malte knapp.

»Nein!« Jörg stand auf und reckte sich unwillkürlich. »Sag' es doch getrost, Malte, es ist der ›Künstler‹, der dich ärgert.«

»Nun also, ja!«

»Danke! Du bist eben von den Ansichten deines Standes beengt. Wärst du das nicht, würdest du wissen, daß der Name Treß vielleicht gerade dadurch in eine höhere Rangklasse aufrückt.«

Harro lachte auf, auch um Maltes ernsten Mund glitt der Schein eines Lächelns.

»Verzeiht, das soll kein Dünkel sein,« sagte Jörg, »doch ihr rubriziert nun einmal, und darum sag' ich euch dies: Wir Künstler, die wir unserm Beruf folgen und das Göttliche offenbaren, sind doch die Könige auf Erden. Lacht bei euren fetten Suppen über unsre Wunderlichkeiten! Schreit uns mit euren Autohupen an: Platz für uns! Laßt uns in Lumpen hinter den Hecken verkommen! Wir sind doch die Träger dessen, was ihr Kultur nennt. Keiner von euch kann uns unsre Würde entreißen, solange wir dem Heiligen in uns treu bleiben.«

Er war wieder in den Sonnenstreifen getreten, sein Gesicht war von außen und von innen durchleuchtet. Er trug in Wahrheit eine Krone. Fraukes Augen staunten, Malte schien bewegt.

»Morgen in der Frühe fahre ich. Werden wir uns noch sehen?« Jörg war zu ihm getreten und streckte ihm die Hand hin: »Ich weiß, du hast wenig Zeit.«

Malte wußte jetzt: hier sind Worte übrig. Man sprach noch von gleichgiltigen Dingen, etwas, das den Abgang vermittelte und Unwiderrufliches abseits ließ. Dann gingen die Brüder. --

Malte stand am Fenster und blickte auf den mittaglich hellen Platz. Drüben in der Reihe der Staffelgiebel die schwarzrötlichen Zacken des Wülflamhauses. Hatte er nicht schon als Knabe geträumt, das Erbe dieses trotzigen Geschlechts antreten zu wollen? Nicht einmal den störrigen Knaben von zweiundzwanzig Jahren konnte er zur Vernunft bringen.

Er fühlte sich unterlegen wie noch nie. Die Kluft im Blut? Die neue Zeit? Nein, da war noch etwas andres, ein Geist, den er bisher nicht gekannt, der plötzlich Gestalt angenommen hatte. Wir sind doch die Könige! Wir tragen allein das, was ihr Kultur nennt.

»Es ist ja Unsinn!« sagte er laut.

Ein Lachen kam aus dem Zimmer hinter ihm. Er wandte sich überrascht um. Da saß Frauke, die Hand an die Wange gelehnt. Er hatte sie vergessen. »Ich dachte, ich sei allein. Verzeih!«

»Es ist Unsinn,« sagte sie, »aber recht hat er doch!«

»Du meinst Jörg?«

»Ja, an ihn dachtest du doch.«

Malte erstaunte. »Du sagst, er habe recht?«

»Was er werden wird, ist nebensächlich. Eigentlich mag ich diese Leute nicht. Ich kannte einige, die wuschen sich nicht genug. Aber daß Jörg für das eintritt, wofür er die Fähigkeit besitzt, ist ehrenhaft. Du wirst ihn auf seiner Bahn nicht aufhalten.«

Malte erstaunte noch mehr. War das nicht gegen sie gesprochen, was Jörg da vorgebracht? Und sie achtete dessen großmütig nicht. Er empfand diese Gerechtigkeit als ein Eintreten für seine Familie, auf die sie immer ein wenig herabsah.

»Frauke!« sagte er dankbar und streckte die Hand nach ihr aus.

»Was ist?« fragte sie kühl. Nun, sie war jedem Gefühlsüberschwang abhold. Augenblicke wie diese kamen, aber sie gingen schnell vorüber. Immer hielt sie ihn auf Armeslänge von sich fern. Es ernüchterte ihn nicht einmal mehr. Ihre Art war eben so frostig.

Er ließ die Hand, die sie nicht ergriffen, wieder sinken, aber er begann zu ihr zu sprechen. »Ach, Frauke, es dringt jetzt zu viel auf mich ein. Unser Vermögen stark verringert, die Brüder beide andrer Arbeit zugewandt. Wir müssen wieder hochkommen, und ich bin allein!«

Das geringe Zeichen von Fraukes Anteilnahme öffnete ihm den Mund. Sie, die eigentlich in einer andern Zone lebte und immer mehr betrachtend als teilhabend auf das Treiben um sie blickte, ermunterte ihn nie. Jetzt aber schien es Malte, als müsse er ihr als Dank geben, was jede Frau als ihr Recht gefordert hätte.

Der Kornhandel, die Erwerbsquelle der Treß, war nicht mehr förderlich. Die Zwangswirtschaft knebelte ihn, und das konnte noch lange andauern. Man mußte andres versuchen. Eine Bank. Herr Häberle kannte die Art der Geschäfte, und Onkel Rolf riet dazu. Man mußte Kenntnis haben von dem Rinnsal des Geldes, das aus geheimen Gründen floß. Diese waren wie Trichter, die zuzeiten alles in sich sogen und dann wieder eine unersättliche Fülle von sich spien. Ein paar Dutzend Köpfe, vielleicht nur drei oder einer, leiteten Flut und Ebbe, in der Völker ertranken oder verschmachteten, die das Steigen oder Fallen der Verhängnisse hervorriefen.

»Usadel! Julius Usadel! Hast du von ihm gehört?« Er sprach den Namen leise und wie etwas Ehrwürdiges aus.

»Ich kenne ihn«, sagte Frauke. »Der Vater ...«

Sie vollendete nicht. Wer war er? Woher kam er? Keiner wußte es. Er war da und herrschte. Herrschte lautlos, aber jeder sprach mit Scheu von ihm, in Kalifornien wie an der chinesischen Mauer. Wenn es gelänge, mit ihm anzuknüpfen! Es mußte gelingen. Freilich mußte das Haus, das er würdigen sollte, auf breiterer Unterlage stehen.

Frauke sah verwundert auf ihren Mann, der, von seinem Gedanken durchglüht, im Zimmer auf und ab schritt. Wie kamen ihm diese weitreichenden Pläne? Er sah stattlich aus wie damals, als er in Harvestehude um sie warb, seine Schönheit trug etwas Gebieterisches. So mußten die Männer ausschauen, die die Töchter der Hanse freiten.

»Wir sprachen doch von Jörg«, sagte sie.

»Die Linie läuft hierauf aus«, entgegnete er. Er blieb vor ihr stehen, sah sie an, und sie verstand sofort.

»Das heißt, du gebrauchst Geld für das Unternehmen?«

Er bejahte nicht, doch seine Haltung sagte alles.

»Ich werde mit meinem Vater reden!«

»Und du glaubst ...« fragte er zaghaft. Der genau bedingte Ehevertrag fiel ihm wieder ein.

»Über mein Mütterliches habe ich freie Verfügung«, sagte sie.

»Frauke!« rief er überwallend und ergriff ihre Hand.

»Wie?« fragte sie. Sie sah ihn wieder kühl an und zog ruhig ihre Hand zurück. Ein Schwärmer? fragten ihre Blicke. Sie neigte den Kopf ein wenig und ging. Auf der Schwelle wandte sie sich noch um: »Du weißt, Torheit in Geschäftswagnissen würden Vater und ich nie verzeihen.«

»Sei unbesorgt«, erwiderte er und lauschte beglückt auf das Klingen der feinen Ringe, als sie den Arm hob, um die Perlfäden des japanischen Türvorhangs zu spalten.