Chapter 6 of 19 · 3954 words · ~20 min read

Part 6

Auch Güldenfey stand in der Türöffnung wie gelähmt. Ein riesiger Schatten füllte fast den Raum, und plötzlich erkannte sie hinten am Fenster, durch das es feuchtkalt hereinwehte, stand ein Mensch, breitschultrig, die Schirmmütze in die Stirn gezogen, die Faust um etwas gekrallt. Seine wölfische Wildheit war erstarrt unter dem Entsetzensblick der erwachenden Frau, die das Licht entzündete, um das Furchtbare zu entdecken.

Wie der Regen murmelte!

Von Güldenfey wich die Starre zuerst. Ihr Fuß stieß an einen Sack, in dem Werkzeug klirrte. Der Ton löste alles auf. Der Mann warf sich blitzschnell herum. Nun er nicht mehr die Lampe verdeckte, war alles hell.

Güldenfey fühlte einen Stoß, sie sank gegen die Wand, und es hastete an ihr vorüber. Sie eilte auf Marfa zu und umschlang die Regungslose mit barmherzigen Armen: »Liebste, Liebste, welch ein Traum!«

Erst nach langem Zureden fand Marfa die Sprache. »Ein Traum? -- Ich glaubte -- der Henker -- sei -- eingetreten -- mich -- zu holen.«

Vom Hof herauf drang wilder Lärm; der Flüchtling war den Erwachenden in die Arme gelaufen. Telge schlug furchtbar auf ihn ein. Das Blut auf der Schwelle wusch der Regen nicht fort.

Was half das? Der Räuber war ohne Schlag zum Mörder geworden.

Als das Morgenlicht einfiel, brachte Marfa einen toten Knaben zur Welt. --

Wie hieß die Hand, die Macht, die alle Begierden aufpeitschte und jede Bändigung lähmte? Malte stand am Fenster und sah auf den Markt, als es anhob. Es war ein geringfügiger Anlaß.

Die feilgebotenen Fische waren klein. Sie fingen doch auch große! Wo blieben die? Schob man sie dahin, wo der aufgemästete Wucher märchenhafte Preise zahlte? Sind Gräten und Schuppen und Schwänze für uns gut genug?

Die beißenden Reden fielen wie Funken in Zunder.

Plötzlich eine grelle Stimme: »Nehmt sie ihnen doch fort!«

Eine rauhe antwortete: »Tretet sie in den Dreck!«

Vier, sechs, acht Hände griffen zu, stießen, schlugen. Tische stürzten, Wagschalen klirrten. Ein Gelächter flog wie eine Lästerung in die helle Luft, als grobe Stiefel die toten Fische zerstampften.

Die Händler waren geflüchtet. War nicht im Rathaus die Wache? Es rasselte kein Säbel.

Aber die Zerstörer hatten Zulauf an Frauen und Unbärtigen. Man erzählte von der Heldentat mit großen Gesten. Eigentlich war ja jetzt alles getan, aber sollte die kochende Wut schon verdampfen? Nein.

Jetzt ein Wort, das wie ein Schüreisen in die Glut stieß. »So betrügen sie uns alle, die Schufte!« Wer rief das? Die Vorderen sahen sich um: überall heiße Augen, verzerrte Münder. Einen Augenblick Stille!

»Schlagt ihnen doch die Fenster ein!«

Das war das Wort, auf das alle Triebe lauerten; nun sprangen sie an. Ein vielstimmiges Gebrüll antwortete. Es bedurfte keiner weiteren Weisung. Dort lag der nächste Kaufladen, Mehl und Teigwaren in der Auslage; dahin wälzte sich die Masse.

Eine Hand warf hart die Tür zu und drehte den Schlüssel. Im Haufen lachte es roh auf. Eine Stange stieß gegen die Scheibe, ein Stein flog: splitternd barst das Glas, die vorragenden Zacken brach man nieder. Hände, besudelt von Blut und Schmutz, griffen hinein, zerrten heraus, warfen den andern zu, die schreiend auffingen. Das meiste geriet unter die Füße.

»Herr Häberle,« sagte Malte, »wir müssen sofort schließen. Sie fangen an, regelrecht zu plündern.«

Als Herr Häberle, nachdem er selbst die Tür verriegelt und Wache gestellt hatte, an das Fenster trat, war schon der zweite Laden erbrochen.

Aber nein, nach Geld gelüstete es sie nicht. »Nach den Warenhäusern!« rief es. Die Masse flutete ab. Es war ein Ziel gesteckt, die Lust auf Beute war wie ein fressendes Feuer, das gierig um sich leckte.

Gerade als die ersten des abziehenden Zuges die Bogenhalle des Rathauses erreichten, erschienen zwischen den Säulen zwei bewaffnete Polizisten. Drohworte flogen ihnen entgegen. Der eine hob Halt gebietend den Arm. Glaubten sie wirklich, durch ihren bloßen Anblick den rasenden, leidenschaftlichen Strom zu hemmen? Sie wurden lachend zur Seite gedrängt.

Die Straßen boten bald ein seltsames Bild. Geifernde Zerstörungswut war bald in lachendes Berauschtsein gewandelt. Man hatte plötzlich, was man lange entbehrt und ebenso lange verlangend in den Läden betrachtet hatte. Über die Glassplitter zerstörter Fenster fort eilten vergnügt ausschauende Männer und Frauen, die Beutel, Kisten, Tücher und Bekleidungsstücke im Arm trugen. Sie wollten den Raub in Sicherheit bringen, doch keiner hielt es für nötig, ihn zu verbergen.

»Hast du auch was erwischt, Gevaddersche?«

Die Alte öffnete ihre Schürze und ließ hineinsehen. »Geht zum Apollonienmarkt, dort gibt es Schuhe!«

Leute, die sich nie einen Faden unrechtmäßig angeeignet hatten, prahlten mit den geraubten Dingen wie mit vorteilhaften Jahrmarktseinkäufen. Woher kam diese Verwirrung des Sinnes für Gerechtigkeit? Oder war dieser Sinn nie in Schichten gedrungen, deren Gesittung nur in der Furcht vor Strafe bestand?

In der Tat, als um Mittag die bewaffnete Gewalt anrückte, wurde es auf den Trümmerstätten ruhig.

Frauke und Güldenfey konnten den Besuch bei einer alten Verwandten am Nachmittag ausführen. Sie saßen eine Stunde lang unter altfränkischem Hausrat und bewunderten die feinsten Spitzen, die unter den kleinen, mit zahllosen dünnen Ringen geschmückten Händen des ergrauten Fräuleins hervorwuchsen.

»O, ich bin so furchtsam!« sagte sie zum drittenmal in das Gespräch hinein und sah besorgt auf das leere Bauer, in dem der letzte Kanarienvogel während des dritten Kriegssommers trotz ihrer Fürsorge verendet war.

Güldenfey trat an das Fenster und sah hinab; die breite Straße war völlig menschenleer, nur aus der Ferne drang das Geräusch tobender Kinder. »Du kannst beruhigt sein, Tantchen«, sagte sie. »Die Gefahr ist vorbei. Oder soll ich dich zu uns mitnehmen?«

Frauke und Güldenfey gingen. Die Straße war freilich ruhiger denn je, doch nach wenigen Schritten erkannten sie die Ursache dieser Stille: an beiden Enden war die Straße durch Postenketten abgesperrt. In ihrer Mitte standen auf dem Damm Maschinengewehre, die nach links und rechts drohten.

Ein Hauptmann im Stahlhelm trat auf sie zu: Ob die Damen nicht lieber in das Haus zurückkehren wollten; die Straße mußte gesperrt werden, hinter den Posten staue sich die Menge.

»Aber wir müssen nach Hause«, sagte Güldenfey.

»Wir gehen!« fügte Frauke schroff hinzu.

Der Hauptmann zuckte die Schultern. Diese wohlgekleideten Damen sollten ungefährdet durch die tobenden Menschen kommen? dachte er. Sein Befehl schrieb ihm nichts vor. Sie würden schon umkehren!

Je näher sie der Sperrkette kamen, um so mehr vernahmen sie den wüsten Lärm. Das also waren die tobenden Kinder! Die Soldaten standen unbeweglich, die Waffe mit aufgepflanztem Bajonett im Arm. Die auf sie niederströmenden Beschimpfungen, denen sie wehrlos ausgesetzt waren, trieben ihnen das Blut ins Gesicht. Besser war feindliches Trommelfeuer als diese Schmähung der Volksgenossen.

»Henkersknechte seid ihr. Schießt doch, ihr feigen Hunde!«

Das waren die Plünderer, die so schalten.

Zaghaft blieben die Frauen stehen. »Können wir wohl hier weitergehen?«

Ein Soldat trat ein wenig vor. Die Menge wich nicht.

»Bitte, dürfen wir durch?« fragte Güldenfey. »Wir waren hier auf Besuch und wollen nach Hause.«

Schweigen, Trotz. Ein unflätiges Wort drang aus der Menge, eine Lache schlug auf. Güldenfey erbleichte.

»Pöbel!« sägte Frauke mit zusammengebissenen Zähnen.

»O bitte!« Güldenfey hob die Hände. Bat sie um den Durchlaß oder um Verzeihung wegen des bitteren Wortes?

Allein die Männer fletschten grinsend die Zähne. Die Verlegenheit der feinen Damen befriedigte sie aufs höchste.

Plötzlich rief eine helle Kinderstimme: »Vater, laß sie doch gehen. Das ist ja Güldenfey.« Ein blasses Mädchen schob und zwängte sich durch die Menschenwand. »Sie hat uns doch Brot geschenkt!«

»Kennst du mich, Kind?« Güldenfey kniete nieder und legte einen Arm um das Mädchen. In ihrer Stimme jauchzte etwas, nicht befreite Angst, sondern Freude. Sie streichelte das verwirrte Haar. »Wie heiß du bist. Bist du nicht das Lieschen vom Katerberg?«

Wie waren sie alle so still! Soldaten, rauflustige Männer und zeternde Frauen blickten jetzt betroffen, entspannt auf das zärtliche Bild.

»Kommen Sie!« sagte die Kleine und ergriff Güldenfeys Hand.

Die Wand spaltete sich. Kein Wort fiel auf sie. Das Kind leitete sie sicher durch die Menge, die ihnen stumm Platz machte.

»So wären wir also durch den Mob vom Mob gerettet«, sagte Frauke, als sie durch das Tor schritten.

Güldenfey antwortete nicht. Frauke hätte sie doch nicht verstanden. Auf dem Markt nahm sie eiligen Abschied.

Sie eilte wie auf Flügeln nach Hause. Ein Sieg, ein Sieg! Die Menschen, die an ihr vorübergingen und mit einem Blick ihr Gesicht streiften, wunderten sich über den strahlenden Glanz dieser Augen. Sie konnten freilich nicht wissen, daß es der verklärende Schimmer war, den ein feierliches Gelöbnis um den Gelobenden breitet.

Das Tier

»Nein!« sagte Güldenfey. »Nein, Klaus.«

Klaus zupfte an seinen Handschuhen und sah verlegen zu Boden. »Warum nein? Weißt du denn, was ich will?«

»Ich weiß es. Bitte, sprich nicht mehr.«

Sie saßen in Güldenfeys Zimmer, das voll warmen herbstlichen Sonnenscheins war. Des Mädchens Augen wanderten über die glänzend gebohnerten Möbel aus hellen Hölzern, die schon in der Mutter Mädchenstube gestanden. Was sagten diese lieben Biedermeierdinge zu dem, was hier gesprochen wurde, diese Säulenuhr unter dem Glassturz, deren Pendel emsig die Sekunden zählte, der Rundtisch mit dem vierfachen Fuß, dieser kleine Spiegelschrank, der die Sammlung alter Seltsamkeiten barg, und das mit Fadeneinlagen gezierte Sofa? Alles, alles hatte für sie Laut und Stimme, wenn sie allein hier war. Warum schwieg denn jeder Gegenstand heute?

Als Güldenfey noch hängende Zöpfe trug, hatte sie sich zuweilen die bunte Stunde ausgemalt, die ihr den ersten Antrag brachte. Jetzt war sie da. Was sollte sie sagen? Keiner half, und sie wollte doch nicht weh tun.

»Nun denn: ja, ich kam, dich um deine Hand zu bitten, Güldenfey. Warum soll es nicht gesagt werden?«

»Ich hätt' es dir gern erspart«, entgegnete sie. Ihre Hände strichen zart über die Lehnen ihres Stuhls.

»Was? Die Abfuhr? Nun, man hat ja schon allerlei erlebt«, fuhr er fort. »Aber vielleicht hast du die Güte, deine Ablehnung zu begründen. Ich habe fast fünfzehn Jahre vor dir voraus, denkst du. Das ist richtig. Ich glaube kaum, daß mir die Rolle des jugendlichen Liebhabers sehr liegt.« Er schwieg und machte eine bedauernde Gebärde. Sein vollwangiges Gesicht war noch tiefer gerötet als gewöhnlich.

Güldenfey wehrte ab. Nein, das war es nicht. Er durfte sie nicht erst daran mahnen, daß sein Haar an den Schläfen ergraute und das Wohlleben seinem Körper die Beweglichkeit vorzeitig genommen hatte. Sie wollte im Mann das Väterlich-Behütende finden, nicht das Stürmisch-Begehrende. Wie hatte Jörg jüngst an sie geschrieben? »Wenn man einen Menschen liebt, findet man nur Liebenswertes an ihm.« Sie mußte plötzlich an die Worte denken, die Jörg auf Heilisoe gesprochen. Sie stellte ihn sich vor, wie er mit aufzehrendem Eifer arbeitete. Und der dort ...?

»Gründe, sagst du?« sagte sie leise. »Es ist nur einer, Klaus. Willst du wirklich, daß ich ihn nenne?«

»Ich bitte, Güldenfey.«

»Ich kenne nur zwei Arten des Menschen«, fuhr sie fort. »Die einen wollen, daß das Leben ihnen diene; die andern dienen dem Leben, nicht nur mit Hingabe, sondern auch mit Opfern.«

Er sah sie betroffen an. »Und du?«

»Ich gehöre zu den letzten.«

»Aber das ist ja jugendlicher Überschwang!« fuhr er erregt auf. »Das verliert sich mit den Jahren.«

»Nein, das ist Wesen«, sagte sie fest. »Meine liebe Mutter ... Doch warum davon reden! Es sollen Menschen, die im Innersten so verschieden geartet sind, nicht an gleichem Strang ziehen.«

In diesen Worten lag etwas, das wie eine Schranke Halt gebot. Sollte er jetzt noch versuchen, Malte zu Überredungskünsten anzueifern? Es wäre doch vergeblich gewesen. An Klaus' Augen zog das Bild einer wohlhabenden, dunkelhaarigen Witwe vorüber, deren Blicke schon lange lockten. Etwas ganz andres als dieses süße lichte Blond. Und dennoch ...

Er stand auf. Der Rückzug ist für den Soldaten in jedem Falle peinlich, der Rückzug vor einem Mädchen ist doppelt unangenehm. Er bewahrte Haltung, doch die gekränkte Miene war nicht zu verleugnen.

»Vergib mir, Klaus!«

Er beugte sich über ihre Hand, und in diesem Augenblick ward ihm klar, was sie meinte. Ja, es war besser so. --

Güldenfey ging mit ausgebreiteten Armen durch das Zimmer, als sie allein war. Wie glänzten die Dinge um sie her! Sie tauchte ihr Gesicht in den bunten Herbstlaubstrauß auf der Kommode und ging wieder von einem zum andern.

Du hast recht getan! wiederholte fortwährend die kleine Säulenuhr. Wir bleiben bei dir, und ich zeige dir neue, versteckte Heimlichkeiten, sagte der Schrank mit dem verborgenen Fächerwerk; und der Spiegel schien ihr freundlich zuzunicken. Da lachte sie fast übermütig und strich die Delle auf dem Sofa, die Klaus hinterlassen hatte, glatt.

Sie hätte gern einem Menschen erzählt, daß sie frei bleiben dürfe, aber Harro hatte Marfa abgeholt und war zu ihrer Aufmunterung mit ihr in den Harz gefahren. Und Frauke? Nein, was hätte Frauke davon verstanden! So ging Güldenfey zu Engelke.

Die Alte war krank gewesen, befand sich jetzt aber in der Besserung. Ihre Schwester, die Schusterswitwe Friedchen Waterström, die auf dem Räucherboden von St. Johannes eine Altersstube bewohnte, war bei ihr.

»Was hat dir nur gefehlt?« fragte Güldenfey erschrocken.

Das mundfertige Friedchen, das man nie ohne ihre mit Siegellack geflickte Brille sah, nahm sofort das Wort. »Was wird's gewesen sein, gnä' Fräulein! Rheuma. Als Singen und Beten nicht halfen, haben wir ein Pechpflaster aufgelegt, das hat gezogen. Pechpflaster ist das Beste! sagte mein seliger Waterström.«

»Aber Sie hätten mich rufen sollen«, sagte Güldenfey.

»Ach, gnä' Fräulein,« rief das Friedchen, »hier im Heiligen Geist wohnt sie ja so gut, da ist ja das Kranksein schon eine Lust. Wenn ich dagegen an den Räucherboden denke! An den Geruch gewöhnt man sich und auch an die schwarze Rußfarbe, aber die Enge --«

Es war nicht leicht, wenn die Waterström diesen Vergleich zog, durch ihren Wortschwall bis zu Engelke vorzudringen, die matt und ein wenig lächelnd im Ohrenlehnstuhl saß. Sie war noch geduldiger und freundlicher als vorher und wartete, bis die Schwester gegangen war.

»Ich wollte nicht, daß sie dich beunruhigte«, sagte sie. »Ich nahm die Schmerzen als Gottes Strafe für meinen Undank. Ich hab' es doch wirklich hier so gut und murre, weil ich nicht den Treßhof vergessen kann.«

»Du hast dich noch nicht eingelebt, Engelke?«

»Nie, nie!« sagte sie und wischte hastig ein paar Tränen fort.

Güldenfey hatte viel zu streicheln und zu trösten. »Ich möchte dir etwas ganz Besonderes schenken, Engelke. Hast du einen Wunsch?«

»N--ein.«

Aber auf längeres Zureden gestand sie, wie leid es ihr sei, daß die dumme Krankheit sie verhindert habe, in den herbstlichen Wald zu kommen. Ein Ausgang in den mailichen Wald, einer, wenn die Blätter fielen, das waren seit ihrer Jugend die freien Tage des Jahres, die die alte Magd für sich begehrt hatte.

»Es ist aber nicht zu spät«, sagte Güldenfey. »Das Laub färbt sich erst. Ich hole dich im Wagen ab. Sage nur, wann.«

Wie fein war der Tag, da die beiden ausfuhren! Sämtliche Bewohnerinnen des Heiligen Geist bildeten Spalier, als Engelke von Güldenfey zum Wagen geführt wurde, der vor dem Portal wartete. Güldenfey nickte strahlend nach rechts und links, und die welken, zahnlosen Mäulchen dankten ein wenig säuerlich. Engelke war verschämt.

Allerseelen war vorüber. Wo der Schatten den Weg deckte, knisterte um den Mittag noch die silberne Reifspur der Nacht, aber die Sonnengarbe stand leuchtend über leeren Feldern und smaragdgrüner Wintersaat.

»Sieh, Engelke, wie braun noch das Laub ist!«

Die Alte nickte stumm über gefalteten Händen. Ach Gott, daß ihr das noch wurde! Im Wagen durch diese Pracht. Sie hätte immerfort danke, danke sagen mögen, aber das litt Güldenfey nicht. Dann ein Kaffeestündchen in der Waldschenke, ein kurzer Spaziergang unter dunklen Tannen, und schon verschwelte die Sonnenglut des kurzen Tages.

»Ist es schon zu Ende?« fragte Engelke.

»Denk' an dein Rheuma.«

»Ach, nun kann ich wieder viel ertragen«, seufzte die Alte.

Güldenfey ließ den Wagen einen Weg einschlagen, den sie liebte und der durch jungen Wuchs führte. Der westliche Himmel war gänzlich mit Purpurflöckchen bestreut, der östliche aber, an dem die nahezu volle, grünlich-blasse Mondscheibe hing, war glatt und funkelnd wie polierter Stahl. In dieser kurzen Frist, da Tag und Nacht zu seltsamem Zwielicht ineinanderflossen, erschien der junge Trieb wie ein Märchen. Die wenigen starken Eichen trugen ihr rostiges, gekräuseltes Laub wie eine dunkle Wolke. Das Braun der Buchenheister hob sich fein von dem ernsten Grün der Jungtannen und Wacholder ab, und die Lärchen streuten ihre gelblichen Nadeln über bemooste Baumstümpfe am Wegrand.

Güldenfey ließ den Wagen halten. Engelke murmelte aus ihren Tüchern:

»Wie ist die Welt so stille Und in der Dämmrung Hülle So traulich und so hold Als eine stille Kammer, Wo ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen sollt.«

»Verschlafen? Ja; aber vergessen? Ach, Engelke!«

Mitten in der Schönheit der flammenden Wälder fiel auf Güldenfeys liebendes Herz die schwere Not der Zeit, die alle Häuser des Landes bewohnte. Gab es denn nicht einen Ort, dahin man vor ihr fliehen konnte?

Die Schönheit der Natur bot auch keine Zuflucht. Wie sollen die Menschen, die beständig gegen das große Gesetz der Liebe fehlen, in ihr Frieden finden, deren Wesen auf strengste Gesetzmäßigkeit gegründet ist!

Die Pferde trabten der Stadt entgegen, der Wald versank im bläulichen Atem der Nacht.

»Engelke, du bist fromm«, sagte Güldenfey. »Weißt du, was der Grund unsrer herzbeklemmenden Not ist?«

»Das wißt ihr wohl besser als ich einfältige Magd, die Gott auf ihre Weise dient«, wehrte die Alte ab.

»Ich habe viele gefragt; doch weiß es keiner«, sagte Güldenfey.

Engelke schwieg eine Weile, dann begann sie: »Ich find' es auch nicht. Aber wenn du es fertigbrächtest, einmal unsre Versammlung zu besuchen ...! In einigen Wochen kommt ein erleuchteter Mann zum Vortrag.«

»Ich komme, Engelke.«

»Ach, Fräulein Fink wird es dir noch ausreden. Sie hält mehr vom Spuk- und Teufelskram als vom Glauben.«

Als Güldenfey der Alten am Tor des Heiligen Geist vom Wagen half, sagte sie: »Nun vergiß nicht diesen schönen Tag. Ich komme bald, um die Ankunft eures Redners zu erfragen. Dann begleite ich dich.«

* * * * *

An dem Abend im späten November lag schwer und feucht der Seenebel über der Stadt. Das Leckwasser tropfte träge in den Gossen, die Straßenlaternen bildeten gelbe Lichtflecke in dem trüben Dunst. Güldenfey tat einen alten Mantel um, setzte ein verschrobenes Hütchen auf und ging zu Ose hinauf.

»Jetzt geh' ich, Ose, und du leistest also Frau Doktor Gesellschaft. Aber, bitte, erzähle ihr keine gruseligen Geschichten.«

Ose stand schon bereit. »Frau Doktor will immer solche Geschichten hören«, sagte sie.

»Aber nicht wieder von Mariakron, wo sie im Klostergrund die Kinderskelette fanden«, bat Güldenfey.

»Gut, gut!« sagte Ose. »Du gehst also wirklich?«

»Natürlich, Ose.«

Die Alte schüttelte den Kopf. »Diese Winkelfrommen! Nimm doch einen Schleier, daß dich nicht jeder erkennt.«

Aber Güldenfey winkte ihr nur zu, öffnete eine Tür, um Marfa noch einen Gruß zuzurufen, und ging.

Das Pflaster der Straßen war feucht und von einer dünnen Schicht klebrigen Schmutzes bedeckt. Einzelne Menschen liefen hastig durch das Dunkel der kaum erhellten Häuserzeilen, als strebten sie, so bald als möglich unter Dach zu kommen. Der Nebel dämpfte jeden Laut. Die Sirene, die im Hafen zuweilen aufschrie wie ein hungerndes Wüstentier, schien ihren Ruf aus entlegenen Weiten zu senden. Die Glockenschläge der Kirchen klangen gedämpft.

Zuweilen wurde die Tür eines Hauses geöffnet, die Steinstufen herab huschte eine Gestalt, die über die Straße lief, um jenseits im Schatten einer Beiwacht, eines Hauswinkels wieder zu verschwinden. Es lag etwas Gespenstisches in diesem lautlosen Eilen schweigsamer Menschen, deren Geschlecht, Alter und Art unkenntlich war, und Güldenfey mußte an Oses Erzählung von den Schatten vergangener Geschlechter denken, die durch die lichtlosen Straßen der Stadt irren, weil sie die Tür von St. Niklas zur Mitternachtmesse nicht geöffnet finden.

Vom Binnenhafen drang der Geruch im Wasser faulenden Unrats. Die Fenster der Schenken, hinter denen das Lärmen der Zecher und die Klänge einer Harmonika durcheinanderbrausten, waren vom Niederschlag menschlicher Dünste getrübt. Eine heisere Stimme rief hinter Güldenfey drein.

Endlich hatte sie den Heiligen Geist erreicht. Engelke stand schon bereit.

»Mein altes Herz hat in Angst um dich geschlagen. Dieses Wetter! Ich hätte dir den Gang doch nicht vorschlagen sollen.«

Güldenfey beruhigte sie, und sie gingen, gingen durch Winkel und Gäßchen, von deren Vorhandensein Güldenfey nichts wußte.

»Wo sind wir eigentlich, Engelke?«

Die Alte murmelte etwas, was Güldenfey nicht verstand. Es gab hier Mörderstraße und Diebsteig; warum das Kind erschrecken!

Endlich standen sie vor einem schmalen Vorstadthäuschen, aus dessen Pforte ein Mann trat. Engelke begrüßte ihn, und er geleitete sie die Stiege empor auf einen Flur, wo er ihnen beflissen eine Tür öffnete.

»Es wird gleich beginnen«, sagte er leise. »Hier rechter Hand ist noch Platz.«

Sie betraten einen länglichen, mäßig großen Raum, der schwach beleuchtet war. An der einen Schmalseite standen ein Rednerpult und ein Harmonium; die hell getünchten Wände waren kahl. Auf hölzernen Bänken und Stühlen saßen die Angehörigen dieser Gemeinschaft, Männer mit harten Arbeiterhänden, Frauen mit welken Gesichtern, Mädchen, die mit der Nadel oder im Hausdienst erwarben, ein paar Burschen; aber alle waren mit sauberer Schlichtheit gekleidet, ernst und gesammelt.

Es kamen noch einige. Die Art, wie sie die schon Anwesenden begrüßten, hatte etwas Eigenes. Es lag im Blick, den sie tauschten, im Neigen des Kopfes nichts Steifes, Hergebrachtes, sondern der Ausdruck gegenseitigen Verstehens und Gelobens. Diese Menschen, die aus ihrer Tagesnot hier Entlastung suchten, erschienen Güldenfey wie die Glieder der ersten römischen Gemeinden in den Katakomben, wie die Gottsucher, die vor dem Zorn der Kirche flüchten mußten.

Seltsam! Keiner musterte sie mißtrauisch oder neugierig. Jeder schien ohne weiteres ihre Zugehörigkeit anzuerkennen.

Und da waren ja auch Bekannte. Unter den schlichten Leuten saß schlicht und unscheinbar Oberst Helf, der Kriegsverstümmelte, und etwas schamhaft im Winkel Frau von Ebel, die ihre drei Söhne verloren hatte und deren Augenlicht durch Tränenströme fast erloschen war.

Güldenfey sah sich freier um. Sie wurde sogar gegrüßt und dankte mit einem gewissen Stolz. Kannte dieser junge Beamte von einem der zahllosen neuen Ämter sie wirklich wieder? Sie hatte seine freundliche Art einmal in der Amtsstube laut gerühmt, um die aufgeblasenen Unehrerbietigen zu strafen, die grob mit den verängsteten Rat- und Hilflosen verfuhren.

Die Tür war wieder geöffnet und ein Mann eingetreten, der sich durch nichts auszeichnete. Er trat hinter das Pult auf eine Erhöhung, legte ein Buch auf den Pultdeckel und neigte für kurze Zeit den Kopf.

»Das ist er!« flüsterte Engelke.

Also das war er! Vielleicht ein einstiger Beamter, vielleicht auch ein Geistlicher, den es im Schatten der Kirche nicht gelitten hatte.

Er hob das Gesicht, seine Blicke wanderten über die Harrenden dahin. Jeden schien er zu prüfen; jeden schien er zu fragen: Was gebe ich dir? Was verlangst du von mir? Dieser Mann bot den Eindruck unbegrenzter Freiheit, die sich durch nichts, was Menschen schreckt, beirren läßt.

Er nannte ein Lied, das gesungen werden sollte. Eine junge Lehrerin saß am Harmonium. Eine Weise, feierlich-getragen und doch seltsam rhythmisch bewegt, ward angestimmt. Alle sangen mit. Dem Oberst reichte eine Hand das geöffnete Buch. Güldenfey lauschte. Sangen so nicht die verfolgten Gläubigen auf den russischen Strömen, wenn sie am Abend auf verankerten Flößen saßen?

Das Lied war verklungen.

»Was jeder dem Vater an Not der Sorge oder der Schuld zu sagen hat, das tue er jetzt und entlaste sein Herz.«

Stirnen senkten sich, Hände suchten sich; zuweilen klang eines halb erstickten Seufzers Laut durch den Raum.

Und wieder ging das Fragen der Augen da vorn von Gesicht zu Gesicht. Sie waren bereit, und er begann zu reden.

Vor sechseinhalb Jahren, sagte er, sei er das letzte Mal an einem warmen Juniabend durch diese Stadt gegangen, die voll fröhlicher Reisenden war. Gesang, Gelächter, Musik, auf dem Balkon des Artushofes bunte Lampen und Gläserklirren. Aber hinter diesem glänzenden Vorhang habe eine dämonische Macht unheimlich gelauert: sechs Wochen später hätten wir die Kriegserklärung gehabt.

Der Oberst hob witternd den Kopf. Ja, damals!

Heute sei er wieder durch die Stadt gegangen. Winterliches Dunkel, Schweigen, Nebel auf den Dächern wie ein Deckel auf dem Sarg, eilige stumme Menschen. Und wieder habe er hinter dünner grauer Wand eine dämonische, menschenfeindliche Macht lauernd stehen sehen: die bange Sorge.

Güldenfey spürte einen kühlen Hauch im Nacken, als sie an die Schauer ihres Weges dachte. Ja, so war es! Die Sorge.